Ht. 274 Zweiter Blatt Metzen« Anzeiger (Aennal-Anzelgn für Vberhetzen)Keltag, 25. November 1954
Münchener Tagung des Lutherischen Weltkonvenls.
Wz.
W
IM
W W ■ te M M
WM
MM
SI MH
?
-'chM -
tz
W )
-
-V:>
D>
WM
K? § ^ggfc
Don links nach rechts: Landesbischof Dr. Meis er (München), Professor Dr. Morehead (Neuyork), Landesbischof Dr. Mahrahrens (Hannover), Propst Dr. P e h r s s o n (Göteborg), Prof. Dr. Boe (Minnesota), Pfarrer Dr. Jürgensen (Kopenhagen).
Brandschaden ist Landschaden!
Ein Mahnruf der Nassauischen Brandversichemngs-Gesellschast.
Bon der Nassauischen Brandversicherungsanstalt Wiesbaden geht uns eine Abhandlung zu, die als Dienst an der Volksgemeinschaft zu werten ist und es daher verdient, nachstehend zur allgemeinen Kenntnis gebracht zu werden:
Der Winter naht, und damit müssen die Feuerungsanlagen wieder in Betrieb genommen werden. Die Erfahrung lehrt, daß dies eine Zeit bedeutend erhöhter Gefahren für die Feuersicherheit ist.
Als Ausfluß unserer Verpflichtungen der Allgemeinheit und der Familie gegenüber müssen wir ständig und eifrig darum besorgt und bemüht sein, diese Anlagen in peinlicher Ordnung zu halten und dadurch Gefahren für Leben und Eigentum unserer Volksgenossen fernzuhalten.
Leider wird diesen Dingen noch immer nicht überall d i e Bedeutung beigemessen und d i e Aufmerksamkeit zugewandt, die ihnen bei ihrer Wichtigkeit für das Volksganze und das Nationalvermögen zukommt. Wer in diesen Dingen nachlässig ist, versündigt sich an der Allgemeinheit. Bedauerlicherweise muß festgestellt werden, daß gerade auf dem Lande die Feuerungsanlagen vielfach nicht sorgfältig unterhalten werden, und so mehren sich die Brände während der Heizungszeit in erschreckender Weise. Obwohl man weiß, daß die Ofentür entzwei, das Rauchrohr undicht, der Schornstein verbesserungsbedürftig ist, stellt man oft aus Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit den kleinen Mangel nicht ab, weil der Schaden schon lange besteht und es bis jetzt immer gut gegangen ist. Vielfach ist man auch durch den Bezirksfchörnfteinfeger, oder die Brandschaukommission an die Abstellung des
Mangels vergeblich erinnert worden. Wer auf solche Mängel aufmerksam gemacht worden ist, kann sich beim Ausbrechen eines hierauf zurückzuführenden Brandes nicht mehr auf Schuldlosigkeit berufen. Er ist dem Verdachte ausgesetzt, den Brand gewollt zu haben und ist daher in Gefahr, als Brandstifter in Untersuchungshaft zu kommen.
Wer die Austandsverbesserung ablehnt, also der günstigen Einflußnahme auf die Umstände der Gefahr widerstrebt, hat einen erheblichen Anteil an der Verantwortung für daraus entstehende Brände und kann sich nicht auf eine widrige Verkettung unglücklicher Umstände herausreden. Grobe Fahrlässigkeit in den eignen Handlungen, oder wesentliche Mängel in der hausväterlichen Beaufsichtigung der Angehörigen müssen in jedem Falle den Einzelnen treffen und belasten.
In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, daß die Strafbestimmungen für vorsätzliche und fahrlässige Brandstiftungen erheblich verschärft worden sind. Nichts ist falscher, als der so oft gehörte Satz: „Der Schaden ist durch Versicherung gedeckt". Fragt diejenigen, die es selbst haben erfahren müssen. Wenn auch alle Anstrengungen gemacht werden, um die Schäden auf das kleinste unvermeidbare Maß herabzudrücken, geschädigt ist neben allem andern immer die Allgemeinheit, die Volksgemeinschaft. „Brandschaden ist Landschade n". An alle Volksgenossen ergeht der dringende Mahnruf:
Bedenkt, daß jeder Brand wertvolles Volksvermögen unwiederbringlich zerstört und uns noch ärmer macht.
Alle Brandschäden müssen von den Beiträgen der Versicherten bezahlt werden. Große Brandschäden machen also eine Erhöhung der Beiträge erforderlich. Es ist daher jedermanns Pflicht, darauf zu achten, daß Kraftwagen nur in vorschriftsmäßigen Garagen untergebracht werden, Fachwerke an Gebäuden zugemauert sind, Rauchen in Scheunen und Ställen unterbleibt, alle Feuerungsanlagen, Schornsteine und Räucherkammern in Ordnung sind und gehalten werden, Asche nur in festen Behältern, die mit einem eisernen Deckel versehen sind, aufbewahrt wird, beim Dreschen alle elektrischen Leitungen (Kabel) in Ordnung sind und gehalten werden, der Raum um die Lokomobile, den Motor und unter diesen frei von Strohresten ist, ein Kübel mit Löschwasser und Eimer stets bereit stehen. Auch Holzbearbeitungswerke bedürfen als erhöhte Gefahren
quelle besonderer Aufmerksamkeit. Hier ist peinlichste Ordnung oberster Grundsatz für alles. In den Lokomobilhallen und Kesselhäusern dürfen keine größeren Brennstoffvorräte lagern und keine Bretter zum Trocknen aufgestellt werden. Abfälle, Sägespäne und dergleichen müssen täglich sorgfältig und gewissenhaft weggeräumt werden. Die Derbindungs- türen zwischen Kesselhaus und Sägehalle müssen feuerbeständig sein.
helft Brände verhüten! Jeder muh mithelfent Jeder muß sich immer und überall feiner Pflichten der Volksgemeinschaft gegenüber bewußt sein und danach handeln.
Meldet alle feuergefährlichen Mängel, die ihr bei anderen entdeckt und für deren Beseitigung der Volksgenosse trotz Mahnung nicht sorgt, der Ortspolizeibehörde. Diese wird für Abhilfe Sorge tragen. Das ist keine Angeberei, sondern Pflicht im Dienst- an der Volksgemeinschaft.
Oer Stand der Arbeitöschlacht im Bezirk des Landesarbeitsamts Hessen.
Der Präsident des Landesarbeitsamtes Hessen in Frankfurt a. M., Kretschmann, macht in der neuesten Nummer der „Rhein - Mainischen Wirt- schastszeitung" interessante Angaben über den Stand der Arbeitsschlacht im Bezirk des Landesarbeitsamts Hessen.
Danach hat die freie Wirtschaft ohne Unterbrechung ständig Arbeitskräfte, und zwar zumeist in Dauerstellungen ausgenommen. Fast 40 000 Menschen (67 v. H.) sind in der Eisen- und Metallerzeugung und -Verarbeitung wieder untergekommen.
In den übrigen maßgebenden Konjunkturgruppen stellte sich die Abnahme wie folgt: Holz- und Schnitzstoffgewerbe rund 11 000 (62 v. H.), Bekleidungsgewerbe rund 9000 (60 v. H.), Ledererzeugung und -Verarbeitung rund 5300 (55 v. H.), Nahrungs- und Genußmittelgewerbe rund 4500 (53 v. H.), Spinnstoffgewerbe rund 2200 (74 v. H.), Chemische Industrie rund 1600 (60 v. H.). Die Gruppe der häuslichen Dienste hat seit Januar 1933 von rund 13 800 um rund 10 000 abgenommen. Der Arbeitsmarkt der Angestellten, der im Landesarbeitsamtsbezirk Hessen besonders ungünstig liegt, hat eine ständige, wenn auch langsame Besserung erfahren. In den letzten 1% Jahren sind über 15 000 (rund 45 v. H.) Angestellte wieder in Arbeit und Brot gebracht worden.
In maßgebenden Saisongruppen betrug die Entlastung bis zum 31. Oktober 1934: Baugewerbe rund 25 000 (60 v. H.), Industrie der Steine und Erden rund 10 000 (65 v. H.), Landwirtschaft rund 6300 (65 v. H.). Von den ungelernten Arbeitern konnten rund 24 000 (41 v. H.) wieder Beschäftigung finden.
Mit der immer stärker steigenden Aufnahmefähigkeit der freien Wirtschaft wurde die Zahl der N o t - standsarbeiten im Sommer 1934 bewußt verringert, um sie im Winter wieder zu verstärken und die Saisonschwankungen zu mildern. Der verstärkte Einsatz im Winter wird dadurch erleichtert, daß einmal der Kreis der zu fördernden Maßnahmen, insbesondere durch Einbeziehung von Forstarbeiten, erheblich erweitert, zum anderen die obere Grenze des Förderungssatzes inzwischen wieder auf 3 Mark heraufgesetzt ist. Ferner können zum ersten Male zusätzliche Maßnahmen privater Unternehmungen gefördert werden, wenn sie den Ersatz ausländischer Erzeugnisse durch inländische bezwecken. Der augenblickliche Stand von über 17 000 Notstandsarbeitern wird damit wesentlich erhöht werden. Durch die mit diesen Kräften durchgeführten Meliorationsarbeiten — die größten werden im hessischen Ried durchgeführt —, Feldbereinigungs- und Umlegungsarbeiten,
Wegebauten und ähnliche Maßnahmen wurden außerdem für die deutsche Volkswirtschaft neue produktive Werte geschaffen.
Die Durchführung der Verordnung über die Verteilung von Arbeitsplätzen stellt an dis Beteiligten nicht geringe Anforderungen. Es ist ein erfreuliches Zeichen für den guten Willen und dis verständnisvolle Zusammenarbeit der Beteiligten, daß bisher im Bezirk des Landesarbeitsamts Hessen von dem Beschwerderecht noch kein Gebrauch gemacht worden ist, obwohl die Durchprüfung der Betriebe ziemlich weit fortgeschritten ist. Die Ergebnisse der Prüfung können sich naturgemäß im Spätherbst und Winter, wo Wirtschaft, Arbeitsdienst und Landhilfe wenig aufnahmefähig sind, nur in verhältnismäßig geringem Umfang auswirken. Die vollen Auswirkungen werden sich erst im nächsten Frühjahr zeigen, wenn die freie Wirtschaft wieder einen erhöhten Bedarf an Kräften haben wird und außerdem Arbeitsdienst und Landhilfe stärkere Unterbringungsmöglichkeiten bieten.
So werden im Winter die bisherigen großen Erfolge derArbeitsschlacht behauptet werden. Darüber hinaus werden alle Vorbereitungen getroffen, um im Frühjahr den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit so entscheidend zu führen, wies dem Willen des Führers entspricht.
Verbesserung der Straße Gießen — Watzenborn-Steinberg.
Die Landstraße Gießen—Watzenborn-Steinberg, auf der sich ein reger Fährverkehr — fast der ganze Fuhrverkehr aus der Wetterau — abspielt, ist im Laufe der Jahre in einen wenig erfreulichen Zustand geraten. Infolge der starken Beanspruchung durch Lastkraftfahrzeuge, wie auch durch schwerbeladene Fuhrwerke haben sich auf der Straße Schlaglöcher gebildet, die angrenzenden Bankette haben sich fast aufgelöst, so daß im Sommör die Staubplage sehr groß ist und im Winter, bei nassem Wetter, viel Schlamm das Befahren der Straße erschwert. Zwar wurde im vergangenen Sommer eine Fahrbahn für Radfahrer yergerich- tet, die jedoch in ihrer bisherigen Verfassung noch nicht den Bedürfnissen entspricht. Die Provinzial- Verwaltung hat nun die Absicht, die Straße im kommenden Frühjahr neu walzen zu lassen. Der Schotter für diese Arbeit soll im Winter geschlagen werden. Bisher war die Inangriffnahme dieser Arbeit nicht möglich, da der Provinzialverwaltung die notwendigen Mittel nicht zur Verfügung standen.
Helene Böhlau.
Ium 75. Geburtstage der Dichterin.
Von Johann Luzian.
In einem kleinen oberbayrischen Dörfchen, in Widdersberg am Pilsensee, beging die Dichterin Helene Bühlau am 22. November ihren 75. Geburtstag. Sie wohnt dort in einem freundlichen Häuschen, das von Hecken und Buschwerk umrankt und von hohen Nußbäumen überragt ist, und mit ihr wohnen dort die Stille und der Segen eines von Arbeit erfüllten Lebens.
Wer das Glück hat, Helene Böhlau näher zu kennen und sie in diesem Waldhaus, das sie jedes Jahr vom ersten Frühlingstag bis zum letzten Herbsttag seit zwei Jahrzehnten bewohnt, zu erleben, der wird ergriffen sein von der stillen, fraulichen Güte, von dem bereitwilligen Aufgeschlossensein fremden Schicksalen gegenüber, der Freude, zu helfen, sich für andere den Kopf zu zerbrechen, zu raten und Anteil zu nehmen. Ihre „Ratsmädelgeschichten" schließen mit dem Satz: „Gut sein miteinander!" Und dieses Gutsein spürt man bei ihr als letzte Weisheit eines Lebens, das ungewöhnlichen Erschütterungen und Einflüssen ausgesetzt war. Neben ihrer reichen Phantasie sind es die verschiedenartigsten wirklichen Erlebnisse gewesen, die ihrem Schaffen eine solche Mannigfaltigkeit der Stoffe gegeben haben.
Dor allem die „A l t w e i m a r i s ch e n Geschichten" und die „Ratsmädelgeschichten" der Helene Böhlau werden noch in hundert Jahren genau so lebendig sein wie sie es vor vierzig Jahren waren, als sie erschienen und den Ruhm der jungen Dichterin mit einem Schlage begründeten. Denn sie sind gewachsenes Leben. Sie sind empfangen worden aus lebendigem Munde und sind weitergegeben worden mit liebender Hand Und welch eine Zeit des Geistes und der Kunst, welche Hochzeit deutschen Lebens haben sie zum Stoff! Gestalten wie Goethe, Schiller, Herder, Schopenhauer, Wieland, Herzog Karl August, Frau von Stein, Herzogin Amalie wandeln in ihrer Menschlichkeit mit all ihren Vorzügen und mit dem, was uns verehrungswürdig scheint aber auch mit ihren menschlichen Schwächen und Schnurrigkeiten über die Gassen des alten Weimar. Und wie lebendig sind sie gezeichnet, wie klug abwägend und wie humorvoll. Die Böhlau hat einen herzlichen Humor und ihre Gestalten sind wirkliche Menschen, sie sind keine blassen Schein- figuren, wie sie weniger begabte Schriftstellerinnen gezeichnet haben würden. Gerade bei diesem Stoff, der einer empfindungsreichen, warmerzählenden Frauenseele entgegenkommt, hätte leicht ein Wachsfigurenkabinett statt einer lebensfrischen Gesellschaft
entstehen können. Und so darf man Helene Böhlau wohl allein dieser beiden Bücher wegen, die zu unserer besten deutschen Frauendichtung gehören, den größten Erzählerinnen unseres Volkes zugesellen, einer Marie von Ebner-Eschenbach, einer Luise von Francois, einer Isolde Kurz, und auch an manche Erzählungen der Lagerlöf mag man denken, wenn man Geschichte von der Böhlau liest wie etwa „D i e Kummerfelden" oder „Das G o m e l ch e n" oder „P e l z ch e n" oder „3 m alten Rädchen z u W e i m a r".
Helene Böhlau hat kaum einmal etwas Autobiographisches geschrieben, ihr Leben ging ein in ihre Dichtungen, und auch in dem Roman „I s e - bi es", der von einem jungen Mädchen erzählt, das aus der ruhigen Weimarer Patrizierluft in ein bewegtes Dasein hinaustritt, und dem viele Kämpfe auferlegt werden, zuletzt an der Seite eines geliebten Mannes, hinter dem das Bild des Philosophen Omar Al Raschid Bey auftaucht, des Gatten der Dichterin, der als Deutschrusse zum Islam übergetreten war, — auch in diesem persönlichstem Werk der Böhlau ist das eigene Erlebnis nicht nur berichtend niedergeschrieben, sondern in freier Form dichterisch gestaltet. Es heißt dort am Schluß: „So bietet Jsebies eine Hand voll Wasser aus dem unerschöpflichen Meer ihres Lebens und aus dem Meere ihres Leides und aus dem Meere ihrer Liebe und ihrer Seligkeiten, das bis hinauf in die Ewigkeit rauscht."
In diesem Satz liegt etwas Bezeichnendes, denn wenn wir vorhin von der Lebensfrische und dem Humor der Böhlauschen Gestalten sprachen, so sei hier sowohl der psychologische als auch die übersinnliche Tiefenschau erwähnt, die man in vielen Büchern gewinnt. Wer die Böhlau nur für eine volkstümliche Erzählerin hält, tut ihr nicht Genüge, sie ist oft viel zu sehr Philosophin, in manchen Romanen stört sogar hie und da etwas Ueberstei- gertes, das durch metaphysische Konstruktionen in ihre Lebenswelt geriet.
Aber oft hört man dann auch wieder wahre geistige Leidenschaft und einen inneren Flügelschlag „bis hinauf in die Ewigkeit raüschen."
Neben den Altweimargeschichten muß man unbedingt ihren ernsten Roman „Der Rangier- b a h n h o f", eine in München um die Jahrhundertwende spielende Künstlergeschichte, noch zu den hervorragenden Leistungen der deutschen Frauendichtung rechnen. Er erzählt von einer jungen Malerin, die das Höchste in der Kunst erstrebt und sich dabei in kurzer Zeit selbst verzehrt. Olly, die junge Malerin, ist.eine ergreifende Gestalt, es heißt einmal von ihr: „Wenn ein Weib sich einer Sache hingibt., so gibt sie sich grenzenlos hin. Das liegt in der Natur des Weibes: sie gibt sich der Kunst hin, wie sie sich btr Liebe hingibt, auf Tod und Leben." Auch in -dem Roman „Das Haus zur
Flamm" und in manchen Erzählungen zeigt sich, daß Helene Böhlau sich zu dem, was ihr als geistiges Erbe in den Weimargeschichten zugefallen war, eine völlig neue Welt hinzuerobert hat, in der für die Freiheit der Frau gegen erstarrte Begriffe und Vorurteile der Vorkiegsgesellschaftsmoral gekämpft wird, ohne daß die Böhlau aber damit „Frauenrechtlerin" geworden wäre. Nein, sie bringt von Hause aus eine sehr gesunde, konservative aber nicht starre Anschauung mit von dem, was Frauen ziemt, und sie hat als Gattin und Mutter die Höhen und Grenzen einer Frau mit viel zu klaren Augen gesehen, um übertriebenen Theorieren uyd Schlagworten nun vergangener Jahrzehnte zu huldigen. Aber auch dort, wo sie für dieses und jenes kämpfte, was in der Richtung der Zeit lag, bleibt sie immer Dichterin, und sie weiß, daß manche Zeittendenzen leeres Stroh waren und wie sie es in ihrem Roman „Im Garten der Maria Strom" eingangs einmal erwähnt, daß „eine Zeit, die leer mahlt, zu fürchten ist."
Im letzten Jahrzehnt schrieb Helene Böhlau noch mehrere Romane, darunter „Föhn", der in der Inflationszeit in einem bayerischen Dorfe spielt, wo die aus der Bahn geworfenen Bauern sich mit Millionenscheinen die Pfeife anzünden, und „Die leichtsinnige Ehe liebste", einen Roman aus der Zeit des jungen Goethe in Weimar, der viel Schönes enthält.
Was Helene Böhlau in den „Ratsmädelgeschichten" schrieb: „Solange man ein Herz im Leibe hat, solange bleibt alles neu, als geschähe es zum ersten Male", das mag auch für viele ihrer Erzählungen und Romane gelten. Solange deutsche Menschen auf nichts anderes in der Dichtung lauschen, als was sich wesenhaft deutsch zeigt, was zum seelischen und geistigen Besitz unseres Volkes gehört, solange wird man auch die Böhlau lesen und lieben, und sie wird lebendig fortleben, weil alles, was von solchem Leben genommen ist, dem Leben auf eine tiefe Weise gehört.
Mexikos größter Bandit.
Als ein Mann, „der sich Cäsar in der Herrschaft über die Menschen und Dschingis Khan in seiner wilden Grausamkeit nähert", wird der mexikanische Bandit Emiliano Zapata von seinem Biographen, dem amerikanischen Journalisten H. Dünn, in einem Buche geschildert, dem er den auffälligen Titel „Der scharlachrote Narr" gegeben hat. Zapata war ein indianischer Krieger mit einem leichten Einschlag spanischen Blutes. Er „heiratete" 20 Frauen, darunter wenigstens eine rechtmäßig, soll 250 Personen mit eigener Hand ermordet haben und beging mit seiner Bande Räubereien und Untaten, wie sie Europa seit Attila nicht mehr erlebt
hat. Er arbeitete sich schnell zu einem mächtigen Banditen empor. Im Jahre 1900 war er ein unbekannter Strauchdieb, der auf frischer Tatt ertappt und vor die Wahl gestellt wurde, erschossen zu werden oder in das Heer des Diktators Porfiric» Diaz einzutreten. Er wählte natürlich den Soldaten- dienst. Bald brachte er es zum Sergeanten, obwohl er weder lesen noch schreiben konnte. Er wandte seine Zeit gut an, denn als er im Jahre 1911 auf die Hacienda seiner Familie zurückkehrte, hatte er einen Geldbetrag im Wert von 250 000 Mark, 1000 Gewehre, 1000 Machetes oder große Messer und 2 Millionen Patronengürtel mit Munition zusammengebracht. Mit dieser stattlichen Sammlung glaubte er, schon etwa anfangen zu können. Da kam ihm der großartige Gedanke, sich an die Spitze der unterdrückten Indianer gegen Diaz zu stellen. In kurzer Zeit hatte er tausend Anhänger, nahm selbst den Beinamen des „Patrioten" an und nannte seine Räuberbande ebenso grundlos die „Todes-Legion". Acht Jahre lang gab er einem Drittel von Mexiko mit einer Bevölkerung von 2 bis 4 Millionen Gesetze, und die Schäden, die er durch seine Räubereien anrichtete, hat man amtlich auf 700 Millionen Mark geschätzt, die Summen noch nicht eingerechnet, die ihm verschiedene Präsidenten zahlten, um sich seine Hilfe zu sichern. Die schauerlichen Schilderungen, die Dünn von den Ab- fchlachtungen und Folterungen gibt, enthalten die grausigsten Einzelheiten, so wenn Gefangene mit Oel getränkt und verbrannt oder in Ameisenhaufen eingegraben wurden. Das Ende des großen Räuberhauptmanns wird in der Erzählung feiner letzten Frau, einer Indianerin vom Otomi-Stamme, mit- geteilt. Zapata wurde von dem Oberst Guajardo, einem Anhänger Carranzas, getötet. Er focht mit feinem großen Messer gegen das Schwert des Obersten, der ihm feine Waffe schließlich mitten durchs Herz stieß. „Guajardo stützte sich einen Augenblick auf fein Schwert, nachdem er es aus dem Körper herausgezogen hatte", berichtet die Indianerin. „Dann schlug er meinem Manne den Kopf ab und hob ihn an den Haaren hoch empor, damit feine Leute ihn sehen konnten. Mein Vater und ich flüchteten mit den anderen Leuten des Otomi-Stammes, die noch nicht zu alt zum Laufen waren, in den Urwald, denn wir wußten, daß die Carranzisten uns sonst alle töten würden. Sie Derbrannten alle Häuser, töteten einige alte Männer und Frauen. Andere starben in den Flammen. Unser Dorf wurde dem Erdboden gleich gemacht." Zapatas Kopf wurde an einer Mauer aufqehänqt Sein Besieger erhielt 100 000 Pesos und' wurde General. Aber dann begann er einen Aufstand unb wurde dabei erschossen. Carranza, der zwei Jahre spater mit feinen Schätzen floh, wurde ermordet. Das war das Ende des „Patrioten" von Mexiko


