marschierten, löste allgemeine Freude aus. Der Traditionskompanie folgte eine Reitergruppe, insbesondere hessische Leibdragoner, der, wie auch der später folgenden Reitergruppe des Kavallerie-Vereins, besonderes Interesse entgegengebracht wurde. Hell leuchteten die vielen bunten Farben der Uniformen und gaben dem Auge ein großes festliches Gepräge. Sicherlich ist dabei den älteren Volksgenossen die Erinnerung an die Zeit wieder lebendig geworden, in der das deutsche Heer, ungehemmt durch Diktate, nicht nur eine Wehr erster Ordnung, sondern auch eine eindrucksvolle Repräsentation deutscher Gröhe und Kraft war.
Unter der Führung des Standartenadjutanten, Sturmbannführers M ü n k e r, folgte der Ehrensturm der SA. - Standarte 116, der durch seine disziplinierte Geschlossenheit und die schneidige Marschordnung ebenfalls den besten Eindruck machte. Vor dem am 116er-Denkmal stehenden Standartenführer Lutter marschierte der Sturm in strammem Exerzierschritt vorbei, der die ausgezeichnete Manneszucht und die straffe Ausbildung offenbarte, durch die unsere Giehener SA. von ihren Befehlshabern zu einem guten und vortrefflichen Instrument des Führers und Volkskanzlers gemacht wurde.
In den Gruppen der Reiter sah man die alten Uniformen der Husaren, der Ulanen, der Gardekürassiere, der Leibdragoner usw. Die Leibdragoner trugen ihre langen Lanzen und die Wimpel flatterten lustig im Winde. Die vielfarbigen Uniformröcke, die Tschakos, die blanken Helme und die schönen Schabracken boten einen prächtigen Anblick. Gut gepflegtes Pferdematerial trug weiter dazu bei, dieser Gruppe des Festzuges den guten Eindruck zu sichern.
In Kraftwagen fuhren der Führer des Verbandes ehemaliger 116er, Oberst a. D. K ö tt sch au, und Generalmajor a. D. M o h r im Auge mit.
Mit Freude wurde der Musikzug des NSDFB. (Stahlhelm) begrüßt, der in der alten Uniform der 116er, in weißer Hose, blauem Rock und mit der PickeN)aube auftrat und ausgezeichnete Musik machte.
In Sechserreihen folgten dann die ehemaligen Angehörigen des Infanterie-Regiments 116, und zwar hatten sich alle Kameraden in ihren Kompanien zusammengefunden, so daß sich eine recht übersichtliche Gliederung ergab. In starken Formationen waren die Kompanien vertreten, und aus der Stimmung, die in den Reihen herrschte, konnte man erfühlen, daß sie sich im Geiste der Einigkeit und herzlichster Kameradschaft gefunden hatten, nachdem sie sich jahrelang, manche vielleicht über ein 'Jahrzehnt lang, nicht gesehen hatten. Diele
alte Soldatenlieder, die man heute kaum mehr zu hören bekommt, wurden gesungen. Und wenn diese Lieder auch nicht mehr wie aus einem Guß klangen, so fühlte man doch aus diesem schlichten Gesang, daß ein einiger Geist in diesen Reihen herrschte.
In der weiteren Folge des Festzuges sah man eine schöne Fahnengruppe von Vereinen aus der näheren und weiteren Umgebung (Offenbach, Frankfurt a. M., Mainz, Düsseldorf usw.), der ein prächtig geschmückter Wagen folgte, durch den daran erinnert wurde, wie vor 1914 die angehenden Rekruten, blumen- und bändergeschmückt, mit Musik zur Musterung fuhren. Eine ernstere Saite war von der Vereinigung ehemaliger Kriegsgefangener angeschlagen, die auf einem Wagen ein Krieas- gefangenenlager symbolisierte, in dem den Insassen das berüchtigte „PG" auf Uniformrock oder Mantel gemalt war.
In stattlichen Formationen marschierten dann RIR. 116 und LIR. 116 auf, der Kavallerieverein zeigte sich mit seiner interessanten Reitergruppe, schließlich folgte nach der Reservekapelle der Reichs- treubund ehemaliger Berufssoldaten, Ortsgruppe Gießen. Mehr oder weniger stark nahmen die ehemaligen Regimenter Res.-JR. 222, JR. 186, 254, 390 und 418 am Festzuge teil. Die Ortsgruppe Gießen des Nationalsozialistischen deutschen Frontkämpferbundes (Stahlhelm) war mit starkem Aufgebot in der feldgrauen Uniform beteiligt und marschierte im Verbände der Arbeitsgemeinschaft der Militär- und Regimentsvereine. Die Mitglieder der Arbeits- gemeinfckaft der Militär- und Regimentsvereine in Gießen schloffen sich, soweit sie nicht innerhalb der Kompanien der verschiedenen Regimenter marschierten, ihrer stattlichen Fahnengruppe an. Die Technische Nothilfe, der Arbeitsdienst marschierten schneidig auf. Man sah ferner als weiteren Festwagen eine Symbolisierung der Artillerie unter dem Wahlspruch „Pro Gloria et Patria”.
Eine stattliche Anzahl Gießener Vereine (Turnvereine, Schützenvereine, Sportvereine, die Feuerwehr usw.) gaben durch ihre Teilnahme ihre Verbundenheit mit den alten Soldaten kund. Diese Gruppe bildete den Schluß des imposanten Festzuges, an dem sich, soweit sich die Teilnehmerzahl überhaupt schätzen läßt, etwa 6000 Volksgenossen im Geiste der Kameradschaft beteiligten.
Die zahlreichen Zuschauer, die in großen Scharen auch von den Ortschaften der Umgebung herbei- qeeilt waren, verfolgten den Marsch mit größter Aufmerksamkeit. Die meisten Zuschauer folgten dem Festzuge nach, und auf dem Platz an der Volkshalle, wie in der Volkshalle selbst und in den Gastwirtschaften am Festplatz entwickelte sich reges Leben und Treiben.
Oie Abschlußkundgebung.
Auf dem Trieb zwischen der Volkshalle und den Sportplätzen marschierten die Kolonnen des Festzuges in breiter Front und tiefer Gliederung auf, um hier den abschließenden Worten des Verbandsführers der ehemaligen 116er Oberst a. D. Köttschau zu lauschen.
Oberst a. N. Köttschau
gab zunächst Kenntnis von dem Telegramm des früheren Großherzogs, dann begrüßte er die Vertreter unseres Bataillons und der Traditionskompanie, weiter die SA., SS., den NSDFB^ die Militärvereine, die Kriegsbeschädigten und die alten 116er. Weiter wies er auf den hohen und heiligen Inhalt der Kameradschaft hin, er erinnerte an die gute Schule der alten Armee und feierte die in den Schlachten des Weltkrieges an den Fronten geborene echte Frontkameradschaft.
Aus dieser Frontkameradschaft erwuchsen unserem ohne eigene Schuld niedergebeugten Vaterlande die Retter in dem Gefreiten des Weltkrieges Adolf Hiller und feinen braunen Streitern, wie in den grauen Kolonnen des
Stahlhelms, die den Kamps gegen Marxismus und Kommunismus mil Tapferkeit und Zähigkeit zum siegreichen Ende führten.
In dieser Frontkameradschaft sei der echte Nationalsozialismus geboren worden, der im Januar vorigen Jahres das rote System zertrümmerte, Deutschland wieder aufrichtete und ihm neue Richtung und Ziel gab.
Nachdem der Redner einen kurzen Rückblick auf die neueste Entwicklung innerhalb des Verbandes gegeben, weiter (Erinnerungen an die Militärdienstzeit und an die Kriegsdienste der 116er und der Kriegsformationen wachgerufen hatte, betonte er die Größe der Heldentaten unserer alten Armee im Weltkriege, die auch durch den unverschuldeten Zusammenbruch des deutschen Vaterlandes nicht verdunkelt werden konnten. Er erinnerte dann an die nationale Wiedergeburt durch den siegreichen Befreiungskampf Adolf Hitlers und feiner Mitkämpfer, sowie des Stahlhelms.
Für die Soldaten fei es das größte gewesen, daß der Führer und Kanzler Adolf Hitler den
alten Soldaten die Ehre wiedergegeben habe. Der alte Frontkämpfer habe wieder die gebührende Ehrenstellung im deutschen Vaterland erhalten, für die auch die neue Stiftung des Ehrenkreuzes für die Kriegsteilnehmer Zeugnis ablege.
An der Spitze des Reiches ständen jetzt Frontkämpfer unter der Führung des Reichspräsidenten, Feldmarschalls von Hindenburg und des Führers und Kanzlers Adolf Hitler.
Unser Kanzler und Führer Adolf Hitler habe sich gerade in neuester Zeit erneut als Retter des Vaterlandes bewährt, als er mit beispielloser Tatkraft und rücksichtslosem Einsatz der eigenen perfon die Revolte vom 30. Juni niederschlug und die schuldigen Verräter vernichtete. Dadurch habe er von neuem das ganze deutsche Volk in Bewunderung und Verehrung um sich geschart. Für die alten Soldaten sei es ein neuer Ansporn, dem Führer bis zum letzten Atemzuge treue Gefolgschaft zu leisten. Gerade weil die Verräter dem Führer die Treue gebrochen hätten, sei es heiligste Pflicht aller Deutschen, ihm zu zeigen, daß heiße Liebe zum Vaterlande sowie die unerschütterliche Treue zum Feldmarschall von Hindenburg und zum Führer Adolf Hitler tief im deutschen Herzen wurzeln.
Nachdem der Redner noch die hehren Symbole
der Fahne gefeiert hatte, schloß er seine mit großer Begeisterung aufgenommene Rede mit dreimaligem, von der Menge freudig bekräftigtem Hurra auf das deutsche Vaterland, den Reichspräsidenten von Hindenburg und unseren Führer und Kanzler Adolf Hitler. Anschließend sang die Menge gemeinsam die ersten Verse des Deutschland- und des Horst-Wessel-Liedes. Damit fand die Kund- gebung vor der Dolkshalle ihren Abschluß.
Den Abschluß der offiziellen Veranstaltungen des 116er Tages bildete ein
großes Militärkonzert
in der Volkshalle, zu dem sich etwa 3000 Zuhörer eingefunden hatten. Die Bataillonskapelle unter der Leitung von Obermusikmeister Krauße mar- tete wieder mit guter Musik auf. Der Marsch der 116er (C. Krauße) eröffnete die Folge der Darbietungen. Die „Ouvertüre 1813" brachte eine Reihe historischer Märsche und Freiheitslieder und schloß mit dem markigen „Der Gott der Eisen wachsen ließ". Der Katzbach-Marsch und die vorzüglich wiedergegebene, originelle Ouvertüre „Frideriziana" (im Stile Friedrichs des Großen) fanden dankbaren Beifall.
Weitere Märsche, dann die populären Lieder vom „Argonnerwald" und der „Annemarie", wurden von der Kapelle gespielt und lösten besondere Freude aus. Stürmischen Beifall fanden wieder die Fanfarenmärsche mit Kesselpauken, die mit großer Exaktheit zum Vortrag gelangten. Ein Marschpotpourri beschloß das Konzert.
Großfeuer in Dorf-Gill.
Rund 1OOOOO M. Brandschaden.
Infolge Blitzschlags bei dem schweren Gewitter, das am letzten Sonntag gegen 16 Uhr über dem südlichen Kreise Gießen niederging, entstand in dem Orte Dorf-Gill ein umfangreiches Großfeuer. Der Blitz schlug in die Scheune des Landwirts' Heinrich Martin Sarnes ein und zündete. Da das Wohnhaus direkt an die Scheune angebaut war, breiteten f i ch die Flammen schnell aus, so daß auch der stark mit den Brandherden zusammenhängende ganze Gebäudekomplex des Landwirts Ernst Sarnes auf der linken Seite und Martin Sarnes I. auf der rechten Seite in kürzester Zeit in Flammen standen.
Das Feuer halle infolge der unglücklichen Bauart an dieser Stelle zwei Wohnhäuser und drei Scheunen und zwei Stallungen ergriffen, von denen die beiden Wohnhäuser und zwei Scheunen vollständig eingeäschert wurden, während eine Scheune zur hälfte noch gerettet werden konnte. Da die Stallungen massiv gebaut waren, brannten sie im Innern aus, jedoch blieben die Umfassungsmauern erhalten. Das Vieh konnte zum Teil gerettet werden, während einige Schweine notgeschlachtet werden muhten, da sie durch die Flammen gelaufen waren. Von den Hühnerbeständen ist ebenfalls ein Teil den Flammen zum Opfer gefallen. Ferner wurde die bis jetzt in den Scheunen geborgene Ernte vernichtet.
Zu den Löscharbeiten wurde die Kreismotorspritze in Gießen von einem Motorradfahrer — Der Blitz hatte auch die Telefonleitung z e r st ö r t — alarmiert, der auf der Fahrt nach Gießen noch „plattmachte" und infolgedessen von einer Nebenstelle aus anrufen mußte. Ferner waren die Feuerwehren von Eberstadt, Holzheim, Garbenteich und Grüningen erschienen. Die Oberleitung der Feuerwehren hatte Kreisfeuer- wehrinspektor Bouffier, dem der Gießener Stadtbranddirektor Braubach in kameradschaft
licher Weise bei der Leitung der Wehren zur Seite stand. Der neben dem Grundstück von Heinrich Martin Sarnes gelegene Brandweiher war innerhalb einer guten Stunde völlig leer gepumpt. Nunmehr mußte die Kreismotorspritze an einem von einer guten Quelle gespeisten Bachlauf anlegen, der gestaut wurde. Hier hatte die Motorspritze während ihrer ununterbrochenen fünf» stündigen Arbeit, bei der sie ihr gesamtes Schlauchmaterial in Länge von etwa 475 Meter einsetzen mußte, völlig ausreichend Wasser.
Die Hilfeleistung aller Feuerwehren war außerordentlich gut, so daß es gelang, eine noch weitere Ausdehnung des Brandes zu verhüten und einen großen Teil der weiteren, in dec Rahe der Brandstelle zusammenhängend errichteten Gebäude zu retten. Der Brandschaden dürfte sich auf etwa 100 000 TNark belaufen. Die zerstörten Gebäude waren zum großen Teil versichert. Ob die Versicherung aber ausreichend für die höhe des Schadens ist, bleibt dahin-» gestellt.
Veranlaßt durch dieses Großfeuer sei der gesamten Landbevölkerung dringend empfohlen, dem Brandplatz f e r n z u b l e i b e n, soweit sie nicht unmittelbar an den Löscharbeiten beteiligt ist. Die Arbeit der Feuerwehren wird nämlich durch herumstehende Zuschauer nur erschwert, niemals aber gefördert.
Frankfurter' Scttlachtviehmarkl.
Frankfurt a. M., 23. Juli. Dorbericht. Um 10 Uhr war folgende Marktlage: Vorauftrieb: 1300 Rinder (470 Ochsen, 100 Bullen, 340 Kühe, 403 Färsen), 595 Kälber, 32 Schafe (16 Hämmel), 3745 Schweine. Es kosteten: Rinder: Ochsen 22 bis 34 Mark, Bullen 20 bis 30, Kühe 11 bis 30, Färsen (Kalbinnen) 22 bis 34, Kälber 18 bis 44, Schweine al) fette Speckfchwoine über 350 Pfund Lebendgewicht 50 bis 51, a2) Fettschweine über 300 Pfund Lebendgewicht usw. 35 bis 50 Mark.
Zwei Männer und Hilda
Roman von Hermann W. Walder.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.) 10 {Sortierung Nachdruck verboten!
Heinz Woltersdorfs überwand seinen Abscheu. Er griff nach der Flasche und nahm einen kräftigen Zug.
In plumper Vertraulichkeit schlug der Wächter seinem Gefangenen auf die Schulter, als wollte er ihm Anerkennung zollen. Dann faßte er seinerseits die Flasche und trank in einem Zuge den Rest.
Der Bulgare war damit vollkommen betrunken. Er lallte noch ein paar unzusammenhängende Worte und drohte umzusinken.
Wolterstorff peckte den Riesen und schleppte ihn nach der Ecke, wo sein Nachtlager stand.
Der schwere Wein hatte des Mannes Sinne völlig umnebelt.
Wolterstorff bettete ihn behaglich und wartete ein paar Augenblicke. Es dauerte nicht lange, bis der, der als fein Wächter bestellt war, sich in tiefem Schlafe befand, wovon die lauten, harten Schnarchtöne Kunde gaben.
„Gut, daß du auf diese Weise erledigt bist. Es hätte mir leid getan, wenn ich dich fester anzufassen gezwungen worden wäre", sagte er vor sich hin. „Aber ein armer Kerl bist du doch, denn es wird dir sicher nicht rosig ergehen, wenn dein Herr erfährt, wie du deine Wachterpflicht erfüllt hast."
Wolterstorff griff nach einem Paket, das schon seit Tagen fertig lag. Er füllte daraus feine Taschen mit Brot und Käse. Diese Lebensrnittel hatte er sich von seinen Mahlzeiten abgespart und inzwischen sorgfältig versteckt gehalten. Er mußte ja damit rechnen, auf seiner Flucht in Gott weiß welchen Einöden herumzustreifen. Da war es dann auf alle Fälle gut, wenn er so viel bei sich hatte, daß er wenigstens den dringendsten Hunger stillen konnte.
Er schloß die Tür von außen zu, nachdem er sich vergewissert, daß auf Flur und Treppe sich niemand befand.
Jetzt waren also die Rollen vertauscht: der Gefangene frei und der Wächter gefangen.
Der Gefangene frei?
Wolterstorff wurde mit einem Male ganz ruhig, ganz lleberlegung, so, wie er es immer gewesen, wenn es eine grundlegende Entscheidung von Be- beutung zu treffen galt.
Frei? Nein!
Nunmehr kam erst das Schwierigste — die Suche nach dem Weg aus dem Felskastell, und daß hinterher neue Schwierigkeiten zu überwinden fein würden, darüber war er sich vollkommen klar.
Leise schlich er über die schweren Bohlen des Flurs und dann die Treppe hinunter, immer ge- roärtig, sofort, wenn Gefahr nahe, den Rückzug anzutreten.
Einmal drang durch eine Tür am hinteren Ende eines Flurs hartes Männerlachen und gröhlendes Singen.
Dort also fand allem Anschein nach das Gelage statt, dessen Opfer der Zerberus geworden war.
Der Blick durch ein schmales Fenster zeigte ihm einen kleinen, stillen, menschenleeren Hof, den eine in der Mitte mit einem schweren Tor versehene, mäßig hohe Mauer abgrenzte. Dies war also wahrscheinlich der offizielle Zugang zur Burg.
Es schien fast so, als habe das Haus überhaupt keine weiblichen Insassen, und als seien sämtliche männlichen Bewohner zu der Geburtstagsfeier vereinigt. Von seitwärts oben kam immer noch das Gegröhle der Trinkenden. Sonst aber zeigte sich keines einzigen Menschen Spur.
Immerhin hielt es Wolterstorff doch für gewagt, über den Hof zu schreiten. Er konnte zufällig von einem der Fenster aus gesehen werden.
Zudem mußte er auch damit rechnen, daß das Tor gesichert sein würde. Wenigstens vorerst wollte er deshalb der Gefahr, vorzeitig entdeckt zu werden, aus dem Wege gehen.
Der Treppengang hörte noch immer nicht auf.
Jetzt war er in der Höhe des Hofes, und nun mußte er sich schon weit unterhalb befinden.
Die Fenster wurden kleiner und waren schließlich nur schmale Spalten. Spärlich fiel das Licht auf den Weg des Flüchtigen.
Doch was war denn das?
Er verhielt feine Schritte.
Rechts neben sich sah er einen Mauerausschnitt von einer Größe, daß ein Mensch bequem durchschlüpfen konnte.
Das Tageslicht drang durch einen schmalen Spalt einer Holzverschalung, die er vorsichtig aufstieß, nachdem er einen kleinen Riegel zurückgeschoben hatte.
Ebenso vorsichtig beugte er nun den Kopf ins Freie hinaus.
Im ersten Augenblick packte ihn ein Schaudern. Sein Blick fiel in einen tiefen Abgrund. Steil senkte sich der Fels.
Wolterstorff war schwer enttäuscht. Hier schien sich ihm keine Aussicht zur Flucht zu bieten.
(Er blickte, mutlos geworden, schräg auswärts, und... Herz, was schlägst du plötzlich so heftig...?
Da war ja wahrhaftig.ein Eifensteig!
Die Eisenzacken, die aus der Mauer herausragten, führten zunächst seitwärts und bann senkrecht.
Offenbar so eine Art Notausgang für bie Burg- mfaffen war hier angelegt, bestimmt für Zeiten ber Bebrangms, unb ein glücklicher Zufall hatte ihn zu ihm hingebracht.
Wolterstorff zwängte sich burch bie Maueröffnung.
Vorsichtig schob er sich vorwärts.
Er wollte auch ben kleinsten Steinschlag ver- meiben.
(Er war ein alter Hochgebirgler» Jetzt tarn ihm feine Bergsteigekunst zustatten.
Prall klebte er an ber Mauer. Die Tiefe bebeutete keine Gefahr mehr für ihn.
Ein kleiner Schwung, ein sicherer Weitgriff, unb bann hatte er leichtes Hanbeln.
Der Steig führte von ber künstlichen Mauer zum Naturfelsen, tiefer, immer tiefer.
In kaum einer Viertelstunbe ereichte er ben Boben.
Dunkle, riesenhafte Tannen schufen hier einen büfteren Hintergrund
Es gab kein langes Besinnen.
Fort, fort! — bevor man oben auf ber Burg sein Entweichen bemerkte.
Hastenb brängte er in ben Walb hinein.
Eintönig war bieser Walb, so kalt, fremb.
Hier unb ba kam ein Stückchen bes grauen Wolkenhimmels zum Vorschein.
Nur vorwärts, vorwärts!
Ein Weg war nicht vorhanben. Fast unhörbar waren seine Schritte auf bem weichen Walbboben.
Unheimliche Ruhe ringsumher, bie nur bann gestört würbe, wenn ber Fuß auf einen trockenen Zweig trat.
Weiter, weiter!
Der Walb nahm kein Enbe. Je mehr er sich ausbehnte, um so unwirtlicher schien er zu werben.
Ob bie Zechkumpane wohl inzwischen nach ihrem Genossen, bem Zerberus, gesucht hatten? Hoffentlich waren sie mit bem Trinken so stark beschäftigt, baß sie ben Kameraben nicht so schnell vermißten. Es wäre nicht angenehm gewesen, wenn man sich schon jetzt, womöglich mit Hunben, auf seine Spur setzte. Dafür war er noch nicht weit genug weg von ber Burg.
Der Drang nach Freiheit zwang ihn zu schnellerer Gangart.
Wie mochte es in Berlin stehen?
Ob man auf ihn wartete?
Der Gebanke, halb roieber in ben Geyerling- Werken wirken zu können, gab seinen ©liebem febernben Schwung unb Kraft.
So merkte er kaum, baß bas Oelänbe immer schwieriger würbe.
Es ging halb bergauf, halb bergab.
An Die' Stelle ber hochstämmigen Tannen trat zeitweise nieberes Buschwerk, bas nur mühsam zu burchbringen unb beim Gehen äußerst hinberlich war.
Hilba Geyerling? Ach Gott ja! Ob wohl nun schon offizielles Verlobungsfest gewesen war?
Unb überhaupt — was für ein Datum würbe geschrieben?
Aber gleichgültig — wenn er nur halb roieber in eine zivilisierte Gegenb kam!
Er beschloß, bis zum Abenb burchzuhalten. Dann wollte er eine Ruhepause einlegen. In ber Nacht plante er ben Berg zu ersteigen, ben er eben von einer Lichtung aus vor sich liegen sah. In ber Morgenfrühe wollte er sich von besten Spitze aus, 1° gut es ging, orientieren. Es kamen auf alle Fälle
nur Nachtwanberungen in Frage. Am Tage zu fliehen, schien ihm zu gefährlich. Nachts war ein Entbecktwerben weniger zu befürchten. Außerbem mußte er schon beswegen tagsüber ber Ruhe pflegen, weil es ihm an Mantel unb Decke fehlte, unb bie Nächte waren kühl.
Walter Knauer wachte am Nachmittag aus feinem Schlaf auf. Die Spritze i« ber Nacht war von guter Wirkung gewesen.
An seinem Bett saß neben ber Schwester seine Frau, ein junges, hübsches, sauberes Geschöpf, das überglücklich schien, w?il es sah, daß ihr Mann gerettet war.
Man hatte der Frau von Anfang an reinen Wein eingefchenkt. Sie war in all der Zeit seit ber Unfallftunbe auf bas Schlimmste gefaßt gewesen. Als man ihr bann bie Botschaft brachte, bie Gefahr fei vorüber, ba hatte sie vor freubigem Schreck beinah bie Sprache verloren, aber halb barauf trat bie Freubenreaktion auf ben Kummer ber letzten Zeit ein, bie sich in einem lange anhaltenben Tränenstrom äußerte.
Dann aber eilte sie ins Krankenhaus, unb sie saß feitbem zitternb vor Freube mit erwartungs- bangem Herzen am Bett ihres Mannes unb harrte bes Augenblicks, ba er bie Augen aufschlagen unb sie zum ersten Male roieber ansehen würbe.
Knauer atmete tief unb sah sich bann um.
Träumte er, ober wachte er?
Das war ... ja... seine...
„Liesbeth!" flüfternb noch, vor Schwäche, kam es über seine Lippen. Die gefunbe Hanb strich leise über bie Decke unb hob sich bann zu ber erglüpenben Frau hin. Zitternb unb zärtlich streichelte er bereu rotleuchtenbe Wangen.
„Liesbeth!" Noch einmal klang es leise, aber im Ton unendlicher Seligkeit von bes Mannes Lippen, auf bie sich jetzt ein anberes Lippenpaar brückte. Die Tränen ber Freude aus den Augen der jungen Frau netzten das Antlitz des Kranken.
Dann aber ...
Ein Schrei preßte sich aus dem Munde Knauers.
Sein Gesicht verzerrte sich, so, als verspürte er tiefen Schmerz.
Seine Hand, fein ganzer Körper zitterten.
Da stand wieder das Bild vor seiner Seele, bas grauenhafte: wie er sich vergeblich wehrte gegen eine starke Umklammerung, unb wie er bann vom Maschinengetriebe erfaßt würbe.
Die Schwester sah bie plötzliche Veränberung bei bem Kranken unb bebauerte schon, bie Frau an bas Krankenbett geholt zu haben. Sie konnte ja nicht ahnen, baß nicht bas Wiebersehen, fonbern ganz anbere Umftänbe — (Erinnerungen — Knauer in biefe (Erregung versetzten.
Wie geistesabwesend sah ber Kranke zur Decke bes Zimmers.
(Fortsetzung folgt)


