Nr. 169 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Montag, 2Z.)uli 1934
Menschheitsgeschichte!
Kür Jünger der Kamera
Losyns rüstet zum Stratosphärenaufstieg
einen
;emen
Oer erste Tag: 23. Juli.
6 Uhr abends: Ueberreichung des 48stündigen Ultimatums der österreichischunga- rlschen Regierung an Serbien.
Randbemerkung Kaiser Wilhelms II. zu Sir Edward Greys Erwartung, die deutsche Regierung werde mäßigend auf die österreichische einwirken: „Das ist eine ungeheuerliche britische Unverschämtheit, ich bin nicht berufen, ä la Grey S.2IL dem Kaiser Vorschriften über die Wahrung seiner Ehre zu machen."
9JO Uhr: Der französische Ministerpräsident polncarL und Außenminister Viviani ver-
Am 28. Juni 1914 fiel Oesterreichs Thronfolgerpaar von Mörderhand. Roch 25 Tage genoß das sommerliche Europa die Stille seines letzten Ferien- sommers. Am 23. Juli übergab Baron Giesl in Belgrad das Ultimatum Oesterreichs. Das „Drama der 13 Tage" begann. 13 Tage lang kämpften die Kabinette mit Roten und Depeschen. Dann hatten für 4 Jahre die Kanonen das Wort. Als sie schwiegen, war Europa mit Blut überschwemmt, lagen 10 Millionen Tote auf den Schlachtfeldern, waren Reiche versunken, Herrscher gestürzt, ganze Völker in Elend und Knechtschaft gezwungen. Wie geschah es? Wie „schlitterte" die Welt in diesen Abgrund hinein? hier ist der tragische Ablauf in einen kurzen Vogen gespannt: 13 Tage — ein Drama für sich und doch
Die Gondel des Stratosphärenballons, mit dem der Belgier Max Cofyns — einst Professor Piccards Mitarbeiter — in allernächster Zeit aufsteigen will, am Startort bei Cour havenne.
Gestellte Bewegungsbilder.
Das scheint zunächst ein Widerspruch in sich selbst. Aber es ist dennoch keiner. Wir können nicht nur ruhende Motive „stellen", d. h. aufbauen und zurechtrücken. Wir können nicht nur leblose Dinge und vorübergehend gleichsam leblos gemachte Personen in die unleidlichen Photo-Posen bringen, die nachher unsere Bilder so steif und tot wirken lassen. Sondern wir können auch bewegte Motive „fiel- l e n". Meist ist «das Tragikomische hierbei, daß der Verfertiger einer solchen Aufnahme das Beste gewollt hat, oder doch schon etwas Besseres als der Knipser von Onkels und Tanten, die einsam auf einem Stuhl im weiten Raume sitzen und traumverloren, d. h. mehr oder weniger blöd in die Linse des Photo-Apparates starren. (Oder, wenn der Knipser einmal etwas gehört und nicht richtig verstanden hat, mit ebenso krampfhaftem Bemühen scharf daran vorbei.) Mancher von diesen, die sich für aufgeklärt und fortgeschritten halten, lehnt es strikt ab, seine Spazierbegleiterin zum Knipsen vor einen Baum zu stellen, der ihr dann auf dem Bilde scheinbar zum Kopfe herauswachsen würde. Nein, er macht eine Bewegungsaufnahme, — und er sagt der Begleiterin vorher, daß er ein ganz natürliches, vollkommen ungezwungenes Bild von ihr machen werde. Denn er sei doch selbstverständlich keiner von jenen knipsenden Anfängern usw. Die Bewegungsaufnahme spielt sich dann so ab, daß er erst einmal eine Stelle markiert, wo er die holde knipsen will, hat er einen Plattenapparat, muß sie auf dieser Stelle stehen bleiben, bis er das Einstellen vorgenommen hat. Dann wird sie drei Schritte zurückgeschickt und gebeten, nunmehr-ganz leicht und zwanglos auf den Apparat zugelaufen zu kommen. Und wenn er die vorher markierte Stelle nicht
Vor 20 Jahren.
Oie Tragödie der 13Tage. — Ein Zeitkalender der Tage des Kriegsausbruchs vom 23. 7. - 4. 8.1914.
Den Grünrock freute es, daß fein Pflegling ein schnelles Ende durch die Kugel fand und nicht durch lumpigen Schrotschuß.
Es war wieder Mai geworden. Vössing durchbummelte eine lückige Fichtenschonung, die dicht mit hohem Heidekraut durchwachsen war. Da trug ihm der Wind eine Witterung zu, wie er sie noch nie kennengelernt hatte, lieblich und stark zugleich, von feinstöm Wildbret. Er verhoffte, fasziniert, sog wieder genießerisch die verführerische Witterung ein, schlich lautlos näher, äugte scharf durch das Kräutig, sah etwas Braunes mit langen, spießförmigen Federn geduckt unter einer Kleinfichte sitzen — ein Sprung — eine stiebende Federwolke — Reinecke trollt triumphierend mit seiner Beute von bannen, der nächsten Dickung zu.
Tags drauf findet der Förster die Federn und das verwaiste Fasanengelege. „Das geht denn doch nicht", knurrt der Grünrock, „daß mir die Füchse die brütenden Fasanenhennen reißen: Mühe genug hat es gekostet, hier die Fasanen hochzubekommen." Noch am selben Abend setzte er sich auf der großen Waldwiese an. hier hat er fast allabendlich einen Fuchs mausen sehen, und dieser Fuchs lahmte hinten rechts . . . Deshalb hatte er ihn bisher laufen lassen.
Die Sonne war im Sinken. Karnickel hoppelten geschäftig auf den Wegen, die durch Schonungen führten, herum, später Kuckucksruf verhallte im Walde. Ein Nachtschwalbenpaar jagte sich über den niedrigen Kronen der jungen Schonungen, der Waldkauz begann zögernd sein Heulflötenlied zu üben, von weither klang melancholisch der klagende Ruf des Brachvogels herüber.
Der Grünrock saß in guter Deckung hinter einem Wachholderbusch und beobachtete mit dem Glase einen starken Bock, der mit dem Schmalreh auf die Wiese eben ausgetreten war. Da warf das Schmalreh vom Aesen hoch und äugte rückwärts nach dem Waldrande zu. Dort erschien gerade ein langer, gelbroter Strich. Der Förster hatte das Fern- rohr auf dem Drilling, eine Vollmantelpatrone stak im Büchsenlauf. Noch war es hell genug, aber der Fuchs wollte nicht näher kommen. Er mauste drüben am Wiesenrand, fing feine Beute im Sprunge, wie eine Katze. Der Grünrock spitzte die Lippen zum Mäuseln, lockend klang das leise Ge- quietsch nach drüben. Reinecke wurde aufmerksam, lauschte mit schiefem Kopfe, kam ein paar Meter näher, verhoffte; wieder der dünne Ton, wieder ein paar Meter näher und noch ein paar. Jetzt stellte er sich auf achtzig Schritte breit zu dem Wachholderbusch, hinter dem der Förster saß. Da blitzte es von drüben auf, im Knall sackte der Rotrock zusammen.
Ser Förster trat heran, sein Blick fiel auf das Halsband, das er selbst Vössing umgelegt hatte.
nur dann der Fall, wenn entweder das Motiv ganz klug gewählt oder wenn es durch geschickte Handhabung der Einstellmöglichkeiten (bei Plattenkameras) gut erfaßt wurde. Gewiß haben die beliebten Fernsichten, zu deren guter Wiedergabe freilich oft noch Weitwinkellinse oder andere Hilfsmittel gehören, nur im Zusammenhang mit etwas Vordergrund den rechten Wert. Aber als Vordergrund für ein Gebirgspanorama muß nicht unbedingt halb Oberammergau oder ganz Krurnrn- hübel mit auf dem Bilde fein. Oft wird eine hauskante oder ein Straßendurchblick genügen. Und der künstlerisch Empfindende wird sich einen Standpunkt suchen, wo vielleicht nur ein Kruzifix, das zugleich den Begriff christlicher Weihespiele einschließt, dem Gebirgszug die nötige Ferne vom Standpunkt des Photographierenden und von den Augen des Betrachtenden gibt. So großlinige Dinge wie ein Kreuz, ein Marterl oder im Notfall nur ein Wegweiser können auch leicht unscharf eingestellt sein, ohne daß der gesamte Bildeindruck leidet: Die ganze Scharfeinstellung kommt dann dem eigentlichen Motiv zugute. Bei Bäumen oder Sträuchern im Vordergründe ist dies schon schwieriger. In Frage kommen aber auch Menschen als Staffage. Wanderer, die aus dem Tale heraufsteigen und, sich umwendend, nach den gegenüberliegenden Bergen schauen — oder Rastende, entweder das Panorama Betrachtende oder vielleicht eine Landkarte Studierende. Doch sollen hier keine künstlichen Szenen gestellt werden, wie überhaupt nie und nigrends. Auf Porträtähnlichkeit jedes einzelnen ist ebenso wenig Wert zu legen wie daraus, daß alle oder auch nur einer recht eitel in die Linse schaut und damit recht gleichgültig und verachtungsvoll der schönen Fernsicht den Rücken kehrt. So geht das also nicht. Die innere Beziehung zwischen der menschlichen Staffage und dem Hauptmotiv muß stets vorhanden sein. Niemals macht der ernsthaft Photographierende „Porträtaufnahmen mit Hintergrund".
Schwierig ist die Frage der Belichtung. Fernsichten brauchen an klaren Tagen meist ganz wenig Licht, am allerwenigsten im Gebirge. Auch wenn wir mittleres Gelbfilter wählen.
was sich meist empfiehlt, um noch die zartesten Kuppen und auch schwächere Wolken aufs Bild zu bekommen, sind Belichtungszeiten von solcher Kürze nötig, daß der Vordergrund eben jneift allzu kurz kommen muh. VerlaufsilteB bessert schon etwas, aber oft werden wir ohne nachträgliches Bearbeiten der Negative nicht auskommen. Eine Belichtungszeit von V200 Sekunde kann trotz Gelbfilter für einen sonnenklaren Fernblick schon zuviel sein. Für die vielleicht im Schatten liegende Vor- dergrundstraße (wenn wir etwa unsere Aufnahme aus dem Fenster machen) ist es um mehr als 100 Prozent zu wenig. Wir belichten also in solchem Falle lieber V100 und beseitigen die Ueberbelichtung in den oberen Partien hinterher. Wenn auch die Angaben der Industrie hinsichtlich Belichtungs- fpielraum meist richtig sind, soll sich dennoch keines darauf verlassen. So diffizile Dinge wie Fernblicke, seien sie nun im Gebirge, an der See oder im flachen Lande photographiert, vertragen manches nicht, was anderen Motiven wenig Schaden macht.
Kopiert und vergrößert wird auf weich arbeitendem Papier, da schon das normal arbeitende deswegen nicht in Betracht kommen kann, weil ebert keine normalen Negative vorhanden sein können» Teilweise Abschwächung empfiehlt sich nur für ben Geübten. Der Ungeübte könnte an feinen unersetzlichen Ferienbildern Schaden anrichten. Aber roenfll die Trennungslinien zwischen Vorder- und hinter» gründ klar und ohne viel feine Einzelheiten sind, laßt sich für den unterbelichteten Teil eine Masks aus möglichst kornfeinem Seidenpapier schneiden, die beim Kopieren zwischen Schicht und Schicht kommt (denn er darf nicht so lange Licht bekommen wie der andere Teil, dessen Bild überdeckt ist.) Auch für das Vergrößern kommt etwas Aehnliches in Frage, wenn die absolute Sicherheit vorhanden ist, daß das Papier genau an die gleiche Stelle 311 liegen kommt wie vorher die Einstellung erfolgte.
Erfahrungen und Winke.
Feuerwerk
ist ein beliebtes Motiv des Sommers. Doch soll sich der eifrige Photo-Sportler vor lieb ereifer hüten.
Vössing.
Don Hermann ©Collenberg.
Im Mai war es — da fuhr Sturmwehen in : die beschauliche Ruhe der Familie Reinecke. Am Rand der felsigen Schlucht, vom Schwarzgrünhoch- ! gewachsener Schlankfichten umschattet, im meilenweiten Tann, klaffte der uralte Bau, seit Jahrzehnten von Rotröcken bewohnt. Vier Junge zahlte Heuer das Geheck: noch niemals waren sie gestört worden, spielten sie draußen in der Mittagssonne vor der Hauptröhre. Einmal nur hatte die Fähe, voller mütterlichen Behagens neben ihren Jungen liegend, von eifriger Flohjagd aufgehorcht. Doch ließ sich Verdächtiges nicht vernehmen.
Aber am nächsten Morgen erschraken die Jungen, als nicht, wie sonst die Mutter, mit einem Junghasen, einem Bündel von Mäusen oder auch dem gestohlenen Haushuhn zu Bau fuhr, sondern em krummbeiniger kleiner Hund mit gefährlich struppigem Bart sie wütend ankläffte, in die Keulen biß und einen nach dem andern ans Tageslich Zwang, wo ein rascher Griff, hastdunichtgesehen, jeden m eine alte Milchkanne beförderte, gegen deren Metallwand kein noch so verzweifeltes Beißen und Kratzen half. Drei der kleinen Strauchritter bekam ein Tierpark zum Geschenk, einer blieb in der Försterei, hier wanderte er in einen Zwinger, wo in der Ecke eine große Hundehütte stand: in diese flüchtete er.
In den ersten Tagen kam er nicht aus der Hütte heraus, hatte Heimweh nach der Mutter, nach dem Bau, nach der Freiheit. Im Stroh verkroch er sich, wenn man draußen „Vössing" rief, und die Försterskinder ihm Leckerbissen, Fleisch oder ein Schälchen Milch reichen wollten. Erst nach geraumer Zeit, aber nur während der Nacht, stillte er seinen hunger. Allmählich aber wurde er zutraulicher, man durfte ihn streicheln, und er begann, auf feinen Namen zu Horen.
Stattlich war Vössing herangewachsen, als er im Herbst sein Sommerkleid mit dem prächtigen Win- terbald vertauschte. Brennrot leuchtete fein Rücken, und schwärzlich getönt war die buschige Standarte. Er hatte jegliche Scheu vor dem Menschen verloren, ließ sich zum Spazierengehen an eine leichte Kette nehmen und das Halsband bedeutete ihm mchts Ungewohntes mehr. Aber völlig trauen durfte man ihm doch nicht: paßte ihm etwas nicht, so kam es ihm nicht darauf an, nach der Hand zu beißen, die ihn eben geliebkost hatte, und gar zu gern blinzelte er nach den Hühnern auf dem Dunghaufen hin.
Ein hessischer Dichter.
Valentin Traudt IvIahre
Wer sein Licht unter den Scheffel stellt, dem Mann kann — und soll und nun gerade — geholfen werden. Wenn beispielsweise ein Schriftsteller, der in mehreren Bereichen Werthaltiges geschaffen hat, seine eigene Arbeit mit dem Wort „Schreiberei" abtun will, so muß er sich's gefallen lassen, daß er fröhlichen Widerspruch erfährt. 23alei>tin Traudt nämlich, am 23. Juli 1864 in Fulda geboren, hat sich nicht bloß als Lyriker in dem Münch- ner Kreis um Greif und henckell dichterische Sporen verdient, sondern vor allem als Erzähler boden- ständigen Erlebens, und zwar «als einer der ersten Gestalter der neuzeitlichen Bauerngeschichte, diejenige Wirkung getan, in der fein vollmenschlicher Charakter erst den wesenhaften Ausdruck gefunden hat.
Ein Mensch, der als Pädagoge mit Büchern wie „Fröhliches Lernen" und „Schafft frohe Jugend" reformatorisch aufgetreten ist, konnte auch wohl so wenig als ein sauertöpferischer Literat erscheinen, wie er den Zeitgenossen je als ein „auch" schreibender Schulmeister hat Vorkommen können. In seinen oberhessischen Romanen „Die Steinfeldbauern" und „Die Leute vom Burgwald" wuchs er rasch über eine herkömmliche Schreibweise hinweg und zu einer von heimatfestem Geblüt erfüllten, Natur und Volkstum des hessischen Landes lebensvoll darstellenden Epik hinauf, die seinen Namen alsbald und nachdrücklich in das Ehrenbuch neuer deutscher Erzählkunst einzutragen vermocht hat.
Die ihm eigene mit einem beweglichen Temperament verbundene Lebensweisheit hat in ihm überdies einen Humor gedeihen lassen, der überall in seinen Werken, besonders aber in den Sammlungen „Stille Winkel", „Aber he?", „Leichtes Volk" in köstlichen Blüten zu finden ist. So gehört Valentin Traudts dichterisches Schaffen zu den reizvollsten Erscheinungen deutscher Dorf- und Kleinstadtpoesie, dieses Wort im schönsten Sinne geommen. Noch vor wenigen Jahren ist Traudt mit dem „Lustigen Bab- benheimer" ein vollgültiger, wetterharter Bauernroman gelungen, ein Beweis, daß seine schöpferische Entwicklung vor dem äußeren Alter nicht Halt gemacht hat und vielleicht noch manches in die Scheuern zu sammeln vermag.
Will Scheller.
Diele Liebhaber-Photographen bringen von ihren Wanderungen und Reisen mangelhafte Bilder mit, denen der Erfahrene sofort ansieht, daß sie mißlingen mußten. Sie unterschätzen die Schwierigkeit, Nahes und Fernes, grell und spärlich Beleuchtetes zusammen einwandfrei auf die gleiche Platte zu bekommen. Beseitigt der Rollfilmapparat die Schwierigkeiten der sonst fehlenden einheitlichen Tiefenschärfe, so schafft er dagegen eine Gleichmacherei, die dem Bild unserer Netzhaut gar nicht entspricht. Ein Bild soll mit einem einzigen Blick in seinen wesentlichen Bestand- nassen sein. Das ist für ein Photogramm
ich mir eine Blume durch den Gartenzaun gepflückt habe? Da werden mir die Haare schön in die Stirn geweht fein, wo doch gerade solcher Wind ging... Dasselbe ging für Aufnahmen von Kindern und überhaupt für Menschen jeden Alters. Ehe alle Photo- Sportler tüchtige Portätphotographen geworden sind, wird die Vier-Mark-Box einen Compurverschluß haben. Für den Photo-Sportler kommen, wenn es sich um Personenaufnahmen handelt, in erster Linie die Zufallstreffer in Frage, die lebendige, wenn auch nicht alle Gesetze der Bi Id kom Position restlos erfüllende Bilder schaffen. Dazu wird es freilich nötig sein, daß er mehr oder weniger ständig auf der Lauer liegt, den Apparat immer schußbereit bei sich hat. Spielende Kinder sich selbst überlassend und scheinbar wegen ganz anderer Motive mit dem Apparat hantierend, bekommt er mit der rechten Geduld, die besten Kinder-Aufnahmen. Und auch für „Große", die ja nicht immer nur des Weges gegangen kommen müssen, gilt Aehnliches, zumal im Sommer mit seinem Spiel und Sport, mit feinem Babeleben im Wasser und am Strande. Daß auch dabei oft Bilder gestellt werden, ist allerdings bekannt. Doch tun wir gut, in solchen Fällen immer eine Gruppe, mindestens zwei Personen zu irgendeiner gemeinsamen Tätigkeit zu vereinen. Dabei kann es sich um das Allereinfachste handeln, etwa gar bloß des Weges daherzukommen. Aber der Photograph muß es verstehen, die beiden so frei über die Landschaft ober sonstwas plaudern zu lassen, daß sie ben Augenblick seines Knipsens weder erwarten noch wissen, ehe alles vorbei ist.
Alles Erwähnte sind nur Beispiele. Aber es steckt vieles Grundsätzliche in ihnen, das jeder mit einiger Ueberlegung auf jedes andere, vergleichbare Motiv übertragen kann.
Kernsichten.
Es kam, wie es zu kommen pflegt: eines Tages hatten die Kinder die Zwingertür schlecht geschlos- en, und Vössing war verschwunden. Alles Weinen nutzte nichts. Er kam nicht wieder. „Das hatte ich längst erwartet", sagte der Forster. „Als ich jung war, habe ich wohl ein Dutzend Füchse im Zwinger gehabt; ausgebüxt sind sie mir alle, der Drang nach der Freiheit stirbt nie, und einmal findet der Gefangene doch ein Loch Hum Durchschlupfen. Vössing ließ bald von sich Horen. Nicht lange, da vermißte man den Haushahn, seine Federn fanden ich dicht bei der Försterei. Der große Bronceput- hahn, der Stolz des Hofes, erschien eines Tages böse zerzaust. Sein Rad wies klägliche Lucken auf, am Halse zeigte er große Kahlflecken und Bisse am Brustansatz, und er hatte lange keine Lust mehr, im Walde zu bummeln. . v .
Ab und zu sah man den Fuchs m der Nahe des Hofes. Dann lieh er die Kinder auf dreißig Schritt herankommen und hielt den Kopf schief wie ein Hund, wenn sie seinen Namen riefen. Aber für allzu große Zärtlichkeit war er nicht zu haben, sondern empfahl sich eiligst beim Naherkommen. Noch einige Hühner verschwanden, die Hausfrau jammerte, aber der Forster brummte: „Was soll er denn machen? Die Menschen haben ihn eingesperrt, den Mäusefang konnte ihn seine Mutter nicht Uhren, Gras zu fressen hat ihm die Natur nicht bestimmt, und leben will er doch, wie mir alle
Aber als Vössing wieder einmal ein Huhn W len wollte, brannte der Förster ihm eins auf. Doch es waren nur feine Schrote gewesen
Immerhin: Seitdem mied Vössing die Öörfteret. Dafür machte er den Bauern am Rande des Reviers jetzt eine Besuche und zehntete deren Huhnerbestände Aber er war vorsichtig geworden seitdem es eines Nachts oben aus einer Baumkrone heraus5 geblitzt und gedonnert hatte, wahrend er sich an Fleischresten, die dicht an dem Baum lagen, Sich tat; ein paar grobe Schrote hatten semen rechten Hinterlauf gefaßt, so ^aß er fortan lahmte nnd nachdem er auf einer Treibjagd arg angebleit und nur mit knapper Not au- dem K-M sich hatte retten können, wechselte er wieder nach den großen Wäldern hinüber. Der strenge Win er lieh ihn nicht Not leiden, denn immer gab es allerhand Fallwild, am S-eus-r sand er em paar Klein- nlöti-n oder Barsch-, die von der Eisfischerei liegen- M-b-n malen, und als das Frühjahr herankam lernte er mit Leidenschaft, Mause zu fangen und fnnnte sogar ab und zu eine Schnepfe, die hier : auf der Rückreise aus dem Süden zur Rast einge- t fallen war, übertölpeln.
Dann lernte er noch etwas Herrliches kennen:
vor Aufregung verpaßt, dann bekommt der Kavalier unter Umständen wirklich ein Bild, auf dem eine lausende junge Dame zu sehen ist. Aber — jeder, der das Bild sieht, muß Angst haben, daß sie im nächsten Augenblick über ihre eigenen Beine stolpern wird, weil sie nicht auf den Weg auf paßt, sondern so seltsam den Bildbetrachter anstarrt, mit anderen Worten, weil sie während des befohlenen, also gestellten Lausens unablässig in die Linse ftar te
Ist es denn so schwer, Aufnahmen au machen, die der Photographierte wirklich im Augenblick des Knipsens nicht erwartete? Auch auf die Gefahr hin, daß eine junge Dame vielleicht böse sein will und sagt: Du hast mich doch nicht etwa geknipst, wie teilen zu er!
lassen nach viertägigem Besuch am Zarenhof kron- nur der erste A k t der größten Tragödie der I stadt.
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