'Rosemarie, Rosemarie...
Roman von Käthe Metzner.
23. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Wie an jenem Abend, so stand er auch jetzt wieder in seiner kleinen Mauerecke in der Nähe des Portals und wartete, aber heute in Begleitung des Justizrats.
Sie hatten Glück! Der Schließer kam heute.
Ein Geldstück wirkte Wunder.
Bei Cojazzi aßen Fürst Lueberg und die Bergmann. Schon oft hatte er in der gediegenen Weinstube das Souper bestellen oder bestimmte Plätze reservieren lassen müssen.
Für heute war es zu spät geworden. Aber morgen!, morgen!
Am nächsten Abend war Wangenheim nicht im Theater. Schon von zehn Uhr an sah er mit dem Justizrat bei Cojazzi.
Die Weinstube war heute fast unbesucht. Erst nach Schluß des Theaters kamen noch einige Gäste. Für Fürst Lueberg und Fräulein Bergmann waren bestimmte Plätze reserviert.
Sie würden sich in den kleinen Nebenraum setzen, schlug Wangenheim vor. Da würde man sie kommen sehen, ohne daß man selbst bemerkt werden konnte. r., .
Der bedienende Ober hatte bereits vorsichtig angedeutet, daß Fürst Luebergs und Fräulein Bergmanns Verhältnis zu einander freundschaftlich, kameradschaftlich sei. Mehr habe er beim besten Willen bisher nicht feststellen können.
Die Uhr schlug nun elf mal. Silberhell zitterten die Schläge durch den dämmerigen Raum.
Die Zeit verrann. Jeden Augenblick muhte sie eintreten. _ „
Ein Viertel nach elf Uhr. Ein Boy riß die Tur ganz weit auf.
Frau Bergmann, Rosemarie und Fürst Lueberg traten in das Lokal.
Wangenheim, der soeben sein Weinglas zum Munde führte, mußte es schnell wieder auf den Tisch stellen. So sehr zitterte seine Hand.
Ab und zu hatte er Gelegenheit, an den Tisch hinüberzublicken, an dem Rosemarie saß. Ihr Gesicht war im hellen Lichtkreis der Lampe, und so
konnte Wolfgang Wangeheim es ganz deutlich erkennen.
Am liebsten wäre er aufgesprungen und zu ihr geeilt, aber das war nicht möglich — nichts war möglich. Andere waren da; andere, die er nicht kannte, nahmen, ohne zu fragen, von ihr Besitz, von ihr, die ihm gehörte, jetzt und immer. Es war ja nur Schein, was dort geschah. Zu ihm gehörte sie. Zu ihm allein!
War Rosemarie nicht freudig erregt? Stand nicht ein heller Schein der Freude in ihren Augen? Und wie herzlich und lebhaft plauderte ihre Tante Berta, die ihn damals so kalt abgewiesen hatte.
„Ich konnte mir denken", härte er den Fürsten sagen, „daß er Sie zur Erbin einsetzen würde. Das Testament war selbstverständlich schon lange vorher fertig. Oft hat er mir gesagt, daß er Sie lieb hatte wie ein eigenes Kind. Und andere Erben besaß er doch nicht."
„Ja, aber er hat schon so viel an mir getan...", wehrte Rosemarie. „Doch es ist ja so lieb und gut von ihm, daß uns nicht aus seinem Hause weist, sondern daß wir in aller Liebe sein Vermächtnis verwalten dürfen. Wie trostlos sah mich vor wenigen Tagen die Zukunft noch an, und wie licht ist sie jetzt geworden! Der gute Onkel Brunner!
Wolfgang Wangenheims Augen hingen an Rosemaries Gesicht, rasch ging sein Puls.
Ein paarmal hob Rosemarie wie lauschend den Kopf, in ihre Augen trat eine selige Versonnenheit, und wie so oft, gingen ihre Blicke scheinbar durch Wände und Türen hindurch in eine unergründliche Ferne.
Fast lähmend wirkte auf Wolfgang die Stille in diesen Räumen, die nur ab und zu durch leises Murmeln unterbrochen wurde. Er drückte die Hände an die schmerzhaft pochenden Schläfen.
Sollte er hinübergehen? Sollte er vor sie hintreten?
Schon stand er auf. Da gewahrte er in einer Ecke des Raumes ein Klavier. Wie mit magnetischer Kraft zog ihn das Instrument in seinen Bann.
Da trat er entschlossen heran, schlug den Deckel leise zurück.
Kühl, beruhigend hoben sich die Tasten aus der Dämmerung.
Wie im Traum begann Doktor Wangenheim zu spielen. Melodien klangen auf, versanken ...
So still war es in den Weinzimmern, daß man eine Nadel hätte fallen hören können.
Selbst das Murmeln der wenigen Gäste war jetzt verstummt. Alle lauschten Wangenheims Spiel, fühlten, daß Ungewöhnliches verging.
Plötzlich löste sich aus den Variationen ganz klar eine schlichte bekannte Weise. Mit unsagbarer Inbrunst spielte Wangenheim das Lonssche „Abendlied". Er wußte selber nicht, daß seine Lippen sich öffneten, und daß er qualdurchbebt die Worte sang, die sein Schicksal geworden waren:
Jedwede Nacht, jedwede Nacht hat mir im Traume dein Bild zugelacht, kam dann der Tag, kam dann der Tag wieder alleine ich lag.
Rosemarie fühlte, wie alles Blut ihr zu Herzen strömte. Das Lied! Ihr Lied!
Wie ein Messer durchbohrte jeder Ton ihr Herz ...
Wer? Wer wagte das? Wer riß mit grausamer Hand die Wunden wieder auf, daß sie bluteten, bluteten?
„Wir werden immer beisammen sein, hörst du, Rosemarie, immer!" hörte sie eine Stimme neben sich.
Da stand sie wie eine Schlafwandelnde auf. Sie mußte sehen, wer das Lied spielte.
Jetzt bin ich alt, jetzt bin ich alt, aber mein Herz noch immer nicht kalt, schläft wohl schon bald, schläft wohl schon bald, doch bis zuletzt noch es hallt:
Rosemarie, Rosemarie,
sieben Jahre mein Herz nach dir schrie, Rosemarie, Rosemarie,
aber du hörtest es nie...
Die Töne verhallten. Bleich wie der Tod lehnte Rosemarie an einer Säule. Sie konnte den Sänger nicht sehen, dessen Gesicht ganz im Schatten war.
Wangenheim hatte geendet. Nun wandte er langsam den Kopf und erhob sich schwer.
Da trafen sich ihre Augen.
Wie flüssiges Feuer raste das Blut durch des Mannes Adern. Er preßte die Zähne aufeinander. Sie liebte ihn also, liebte ihn noch immer — nicht den anderen. Sie hatte das Lied nicht vergessen — ihr Lied!
„Rosemarie!"
Das Wort brannte in ihrem Herzen. Ein heftiger Kampf tobte in ihr. Sie schlug die Augen nieder und wandte den Kopf zur Seite. Ihr Herz gehörte ihm — nur ihm. Aber hatte er sie nicht verraten? Hatte er sie nicht allein gelassen in der schwersten Stunde ihres Leben? Alles, was er ihr gesagt, all seine heißen leidenschaftlichen Worte, all seine Liebe — war Lüge gewesen.
Jeder Nerv an ihr bebte. Warum ließ sie es nur geschehen, daß er wieder ihre Hände nahm, die wie im Fieber zuckten? Eiskalt ruhten sie in den seinen.
Rosemarie wußte, daß sie sich nicht wehren konnte gegen die Macht, die von ihm ausging. Ihr Herz hatte ihn freigesprochen in all den Jahren und — in aufsteigendem Jubel fühlte sie es — sprach ihn auch jetzt frei.
Sie hob die Augen zu ihm auf, aber vor dem heißen Strahl der Liebe, die ihr aus seinen Augen entgegenflammte, schloß sie sie wieder, als ob chr vor dem großen Glück schwindelte.
Da nahm er sie an sein Herz.
Stand das Rad der Zeit still?
Auf leisen Sohlen war der Justizrat hinaus- gegangen. Die Liebenden waren ganz allein in dem kleinen dämmerigen Raum.
Behutsam zärtlich glitten seine Hände über ihre goldblonden Locken. Doch dann suchte sein Mund ihre Lippen, und er küßte sie wie ein Verdurstender.
*
In dieser Nacht fand Rosemarie keinen Schlaf. „Wolfgang! Wolfgang!" flüsterte sie immer wieder. Wie lange hatten sie noch bei Cojazzi gesessen, und wie sehr hatte sich der Fürst als wahrhafter Freund erwiesen, als Doktor Wangenheim ihm vorgestellt wurde. Mit herzlichem Handschlag hatte er ihn begrüßt, und eine rasche Sympathie hatte die beiden Männer zusammengeführt.
Rosemarie ahnte nichts von der Aussprache, die Fürst Lueberg und Wolfgang Wangenheim gehabt hatten in dieser Nacht.
„Ich weiß nicht, ob es wirklich die große Liebe war, die mich zu Rosemarie Bergmann hinzog. Das eine aber weiß ich gewiß, es war der Wunsch, dieses holde, reine Geschöpf zu schützen vor Bosheit und Neid, und ihr nach Kampf und Not endlich die Ruhe zu geben, die sie bitter notwendig braucht."
Doktor Wangenheim hatte verständnisvoll genickt, und der Fürst fuhr fort:
„Es war mir nicht möglich, Rosemarie für mich zu gewinnen. Das schmerzte tief. Nun aber weiß ich, daß ich sie bitter unglücklich gemacht, wenn ich versucht hätte, sie gewaltsam an mich zu ketten. Ich bin jetzt ganz ruhig. Frauen spielen in meinem Leben keine große Rolle. Schon immer hatte ich mir ausgedacht, einmal unvermählt zu bleiben. Nun wird es auch so kommen, und das ist vielleicht das Beste für mich.
(Schluß folgt.)
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Nach Gottes unerforschlichem'Ratschluß starb heute morgen 3 Uhr nach kurzer schwerer, mit großer Geduld ertragener Krankheit, mein herzensguter Mann, der treusorgende Vater seines Kindes, unser braver Sohn, Bruder, Schwager, Onkel und Pate
Ludwig Heinrich Schlapp
im 38. Lebensjahre.
Die trauernden Hinterbliebenen:
Elisabethe Schlapp, geb. Böcking und Kind
Wilhelm Ph. Schlapp und Frau Katharine, geb. Klingelhöfer Lina Schlapp
Konrad Möller und Familie
Heinrich Pflüger und Familie Ernst Schlapp und Familie.
Mainzlar, den 22. März 1934.
Die Beerdigung findet statt: Samstag, den 24. März, nachmittags 4 Uhr.
__________1779D
Gießen, den 23. März 1934.
0157
Danksagung.
Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme beim Heimgänge unseres lieben Entschlafenen, für die vielen herrlichen Kranzspenden, sowie für die lieben Worte, die Herr Mader vom Verein Wandervogel-Höhenflug am Grabe sprach, sagen wir allen auf diesem Wege unseren herzlichsten und innigsten Dank.
Im Namen der Hinterbliebenen:
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