Kr. 46 Zweites Blatt
Gtetzenel Anzeiger (Generalanzeiger für Gderyegen,
Freitag, 23. Februar 1934
WirWastsoptlMSmus in Südamerika, pause im Gran-Chaco-Streit.—Roosevelt vermittelt zwischen Ecuador und Peru. Brasilien gegen das Versailler Siktat.
Don unserem <Sch.-Korrespondenten
Rio de Janeiro, Januar 1934.
Mit Ausnahme lokaler Putsche in Argentinien und Chile, die aber von den betreffenden Regierungen mit starker Hand im Keime erstickt werden konnten, ist Süd-Amerika ruhig und friedlich ins neue Jahr eingetreten. Selbst im Chaco schwiegen die Kanonen. Allerdings nicht für allzulange Zeit. Am 6. Januar lief der zwischen Paraguay und Bolivien abgeschlossene Waffenstillstand ab und wurde bisher trotz des von allen Seiten äusgeübten Druckes nicht erneuert Zu größeren Unternehmungen ist es im Kampfgebiete selbst allerdings bisher nicht gekommen, da erstens einmal die Bolivianer während der Waffenruhe die Truppen in strategisch günstiger gelegene Stellungen zurückgenom- m e n hatten und daher die Paraguayer eine gewisse Zeit benötigten, um mit den feindlichen Truppen wieder Fühlung nehmen zu können, und weil zweitens die inzwischen mit voller Wucht einsetzende Regenzeit größere militärische Operationen von selbst verbot. Der Wiederausbruch der Feindseligkeiten hat sich zunächst in einer regen Patouillen- tätigteit beider Seiten geäußert, bei der sich die Bolivianer mit Vorliebe, und, wie man feststellen muß, auch mit relativ großem Erfolge ihrer Lu ft- flotte bedienen. Außerdem ist die rund drei Monate dauernde Regenzeit der natürliche Verbündete der Bolivianer, da die Versorgung der auf dem Vormarsch sich befindenden Paraguayer, die sich von ihrer Nachschubbasis immer mehr entfernen, bedeutend schwieriger ist als die der Bolivianer, die sich in vorbereitete und wohlproviantierte Stellungen zurückgezogen haben..
Weder der Völkerbundskommission, noch den ABCP.-Staaten, noch Amerika (USA) ist es trotz aller Verhandlungen gelungen, Paraguay dazu zu bewegen, den Waffenstillstand zu verlängern und sich einem Schiedsgerichtsspruche zu unterwerfen. Beharrt Paraguay auf diesem Standpunkte, so ist ein Ende des Krieges noch nicht ab- z u s e h e n , da sich, so paradox es auch klingt, die Lage der Bolivianer mit jedem Kilometer, den sie zurückgehen, bessert, eben weil sich dann für sie der Nachschub verkürzt und erleichtert, während dagegen bei den Paraguayanern die Schwierigkeiten im gleichen Verhältnis zunehmen. Hinzu kommt noch, daß Bolivien erst jetzt seine ersten Reserven an die Front schickt, während Paraguay auf Reserven wohl nicht mehr zurückgreifen kann. Wenn sich Paraguay nicht doch zu Verhandlungen bereit erklären sollte, sondern die Entscheidung mit Waffengewalt herbeiführen will, so steht es heute absolut noch nicht fest, daß es ihm gelingen wird, das Schlachtenglück an seine Fahnen zu heften da Bolivien über ein rund dreimal größeres Menschenrefervoir verfügt. Führen die zwischen den Kriegführenden, auf Druck von Argen- tinien und Nordamerika, immer noch gepflogenen Verhandlungen nicht bald zum Ziele, so ist an eine Befriedung im Chaco vorderhand nicht zu denken, es sei denn, was durchaus nicht außerhalb des Bereiches der Möglichkeiten liegt, daß eine Revolution in einem der beiden Länder dem Kriege ein jähes und für den revolutionierenden Teil verlustreiches Ende bereitet.
Interessant ist, daß sich Ecuador an den Präsidenten Roosevelt gewandt hat und ihn um seine Vermittlung in der zwischen Ecuador und Peru schwebenden Grenzfrage gebeten hat, unter gleichzeitiger Mitteilung dieser Tatsache an den Völkerbund. Genf versucht nun nach den letzten Mißerfolgen, die es in Südamerika zu verzeichnen hatte, durch seine ihm ergebenen Zeitungstrabanten feststellen zu lassen, daß der Schritt Ecuadors einen
neuerlichen Beweis für das Ansehen darstelle, das der Völkerbund in Südamerika genieße, denn Ecuador g e h ö re gar nicht dem Völkerbunde a n und habe deshalb an und für sich gar keinen Grund gehabt, den Völkerbund offiziell von feinem Vorgehen in Kenntnis zu fetzen. In Wirklichkeit liegen die Dinge wohl so, daß Ecuador dadurch, daß es in Genf offiziell Mitteilung von der Vermittler- Rolle Roosevelts machte, Quertreibereien von dieser Seite aus vermeiden wollte, da man nach den letzten Ereignissen zu der Annahme neigte, daß der Völkerbund den Versuch machen würde, sich auch in diese Angelegenheit einzumischen.
In wirtschaftlicher Beziehung scheint sich, wenigstens was Brasilien anbetrifft, das neue Jahr recht gut anzulaffen. Der Kaffee, Brasiliens Hauptausfuhrprodukt, ist unter lebhafter Nachfrage international im Preise gestiegen. Die Folge davon ist eine Welle von Optimismus und Unternehmungsgeist, der das Land überflutet Der bei den Fabriken aller Gattungen verstärkt einsetzende Auftragseingang dürfte der sicherste Gradmesser dafür sein. Es ist eine alte Wahrheit: Hat der Bauer Geld, so geht es allen im Lande gut. Dasselbe gilt in noch verstärktem Maße für den brasilianischen Kaffeepflanzer. Wenn diese Entwicklung auch nur einigermaßen anhält, so dürfte Brasilien einem neuerlichen wirtschaftlichen Aufschwung zusteuern, dessen Auswirkungen auch in Deutschland fühlbar fein werden
Gustav Nachtigal war einer der bedeutendsten Kolonialpioniere Deutschlands in Afrika, ein Charakter von beispielhafter Größe und Lauterkeit. Nachdem ihn als jungen Militärarzt ein Lungenleiden nach Tunis geführt hatte, unternahm er es, dem Sultan von Bornu Geschenke des preußischen Königs zu überbringen. Die zu diesem Zweck unternommene Reise führte ihn in das noch von keinem Europäer betretene Land der Tibbu, Tibesti. Später wurde er kaiserlicher Kommissar in Oberguinea. 1884 stellte er das Togogebiet unter deutschen Schutz. Im selben Jahr hißte er die deutsche Flagge in Kamerun. Auf der Rückfahrt starb er am Fieder. 1888 wurden seine Gebeine nach Kamerun überführt. — Das Charakterbild des heldenhaften Mannes, das wir heute veröffentlichen, stammt aus der Feder einer in Danzig lebenden Großnichte Nachtigals. Von den männlichen Nachkommen ist nur noch der Bruder der Verfasserin am Leben, der auch den Drang in die weite Welt als Erbschaft im Blut hat: im fernsten Südamerika, in Patagonien, ist feine Wirkungsstätte
Der „afrikanische Onkel".
All die großen Erfolge Dr. Gustav Nachtigals waren nur möglich durch seinen festen, deutschen Charakter, dem er nie, nicht in der größten Not und nicht auf der Höhe seines Ruhmes, auch nur im geringsten untreu wurde. Herzensgüte, Freimut,
Die Bemühungen der nationalsozialistischen Regierung in ihrem unermüdlichen Kampf gegen das Versailler Diktat und die in diesem Zusammenhang betriebene Aufklärungsarbeit im Aus- lande haben in Brasilien einen schönen Erfolg gezeitigt. Junge brasilianische Studenten der Bundeshauptstadt Rio de Janeiro haben ein Uni» versit ätskomitee gegen den Vertrag von Versailles gegründet, das einen Aufruf erlassen hat, der von solch tiefem Verständnis für den wahren Frieden der Welt und für unser deutsches Volk zeugt, daß er in seinen Hauptteilen wiedergegeben werden muß: Wieder einmal ertönt aus den Reihen der brasilianischen Jugend ein Schrei des Protestes, eine Kampfansage aus tiefster, innerster Ueberzeugung... Wir erklären den Vertrag von Versailles für einen Krebsschaden und arbeiten an seiner Ausrottung! Alle Intellektuellen verweisen wir auf die unglückselige Verirrung, die unter der heuchlerischen Bezeichnung „Internationale Moral und geheiligte Autorität der Verträge" noch immer ihr Leben fristet! Wir fordern das gesamte Amerika auf, alles aufzubieten, um zu vermeiden, daß die „Moral", welche den Versailler Vertrag inspirierte, nicht etwa morgen zu einer mächtigen Waffe werde, die die natürliche Entwicklung der kleinen Volker und deren Individualität im Leben der Volker erdrücken würde... Der Aufruf schließt mit den Worten: „Deutsche Jugend! In Brasilien erwacht das Verständnis für unsere eiaene Individualität! Wir wollen mit euch kämpfen um das Ziel des Weltfriedens, um die Befreiung eures Vaterlandes? Deutsche und amerikanische Jugend! Jugend der ganzen Welt! Verbündet euch gegen d i e gemeinsame Gefahr, welche das Leben des Okzidents und somit unsere eigene Kultur bedroht! Durch uns entbietet euch Brasilien seinen Gruß!"
Anpassungsfähigkeit, Humor und Bescheidenheit zeichneten ihn aus. Einige Beispiele weiß ich, die mein Vater gern erzählte, der sich als Junge für nichts mehr interessierte als für den „afrikanischen Onkel". Einiges habe ich auch den Aufzeichnungen eines feiner Freunde entnommen.
Ausdauer, Zähigkeit und Energie waren ihm beinahe angeboren. Als kleiner Junge fetzte er es durch, nur auf Grund einer Wette mit feiner Kusine, 24 Stunden lang weder Speise noch Trank zu sich zu nehmen, obwohl er vor Hunger und Durst nicht schlafen konnte. Schon in Algier, als er dort noch ausschließlich zum Zwecke feiner Heilung weilte, hat er mit großer Ausdauer feine Studien fortgeführt, die er nur zum Zeitvertreib unternommen hatte. Er las jedes Buch über Nordafrika, das er sich verschaffen konnte, in den verschiedensten Sprachen. Er lernte Arabisch, diese unglaublich reichhaltige Sprache. Es war kein Leichtes, es darin zu einer gewissen Vollkommenheit zu bringen, gibt es doch zum Beispiel für das Kamel je nach Alter, Benutzung, Stamm, Herkunft usw. mehr als 100 Wörter. Außerdem erlernte er so gut Italienisch, daß er noch 14 Jahre später den Internationalen Geographischen Kongreß in Venedig als Präsident in italienischer Sprache leiten konnte. Gleichzeitig kam bei ihm trotz allem auch noch Tier- und Klimakunde zu ihrem Recht.
Mein Großonkel hat später bei Mursuk, in der schlimmsten Zeit, als er fünf Tage ohne jede Nahrung war und dabei noch täglich 10 bis 12 Stunden zu Fuß zurücklegen mußte, doch nachts noch die Energie gehabt, das Wichtigste aufzuzeichnen. Und
Mein Großonkel Gustav Nachtigal
Iannlienerinnerungen an den großen deutschen Forscher und Kolonialpionier. Zu seinem 100. Geburtstage am 23. Februar.
von Irmgard Hansen<7!achtigai.
in öiefer Zeit hat er auch Tag für Tag drei- bis viermal seine meteorologischen Beobachtungen und Messungen gemacht. Die dürftige Kleidung während dieses Marsches beschreibt er selbst: „Mein Diener, mit kranken Füßen sich mühsam dahinschleppend, und den Mangel des notwendigsten Kleidungsstückes in unvollständiger Weise durch ein Paar Wasserstiefel ersetzend,' die vergeblich sich einem kurzen Flanellhemd zu nähern bemüht schienen; ich selbst, barfuß, die Beine mit einigen Fetzen umwickelt, doch die obere Körperhälfte in einen Pariser Sommerpaletot gehüllt..."
Durst und Krankheit.
Bei den stärksten körperlichen Leiden bewahrte er die ungetrübte Klarheit des Geistes. Er gab eine vollständige objektive, detaillierte Beschreibung der Symptome des nahenden Derdurstungstodes und sandte diese an sich selbst gemachten Beobach
Gustav Nachtigal.
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tungen zur wissenschaftlichen Verwertung an seinen früheren Professor, weil wohl ein ähnlicher, von einem Mediziner konstatierter Fall in der Literatur nicht oorläge.
Seine Güte, die schon seine strahlenden blauen Augen stets verrieten, war unwiderstehlich bei Menschen und Tieren. In Tunis ritt er regelmäßig vor dem Essen spazieren. Doch oft kam er zu spät zu Tisch, weil er auch noch feinen Hund, der einen Widerwillen gegen Pferde hatte, spazieren führen wollte. Seine Liebenswürdigkeit blieb auch nicht ohne Eindruck auf die algerischen grauen. Sein ärztlicher Beruf brachte ihn oft mit ihnen in Berührung. Je vornehmer die Frau war, die er behandelte, desto weniger sah er von ihr. Die meisten Konsultationen wurden so ausgeführt, daß ein Vorhang ihn von feiner Patientin trennte, durch den diese höchstens ihre Hand zum Pulsfühlen oder ihre Zunge hindurchstreckte. Das Gesicht bekam er jedoch niemals zu sehen. Um so besser schienen die Frauen sich ihren Arzt zu betrachten, und der Eindruck muß häufig sehr befriedigend gewesen fein, denn nach dem Besuch fand er nicht feiten die Taschen feines Mantels mit den verschiedensten kleinen Geschenken gefüllt.
Auch in Deutschland wurde er nach feiner Rückkehr schnell der erklärte Liebling der Frauen. Geheiratet hat er jedoch nicht. Ein ganz gesunder Mensch wurde er nie wieder; die Malaria hatte ihn zu stark mitgenommen. Schon deshalb hätte er eine Ehe nicht mit seinem Gewissen vereinbaren können. Aber noch ein anderes: er wußte auch, daß er jedem Rus, den Vaterland oder Wissenschaft an ihn zu stellen hätten, sofort folgen würde. Und in diesem Falle hätte ihn die Rücksichtnahme auf eigene Familie nicht zur vollen Entfaltung feiner Fähigkeit kommen lassen. Sein Wesen hatte er aber schon in seinen Grundzügen vom Vater ererbt, so daß es unserer Familie erhalten blieb. Auch
Stürmische Abreise.
0N Dera Craener.
Der blaue Pyjama muß gewaschen werden und die helle Bluse, und an dem schwarzen Kleid ist eine Oese ausgerissen. Schon seit mehr als drei Wochen, aber jetzt muh sie endlich gemacht werden. Denn man kann doch nicht mit kaputten Sachen wegfahren, nicht? Und der Kofferschlüssel? Wo ist der Schlüssel zu dem kleinen, braunen Handkoffer? Er ist ordnungsgemäß am Jnnendeckel festgebunden, aber da sucht ihn niemand, und so reift er inkognito mit. Man wird sich dort — dort ist der Bestimmungsort — einen neuen kaufen. Hier hat man keine Zeit mehr dazu.
Der Zug geht um 18.44 Uhr, und vorher muß man noch die Mittebringe besorgen. Unter anderem das Buch für den Hausherrn. Er bevorzugt Reifebücher, und das, was er sich diesmal wünscht, kostet !9,50 Mark. Außerdem ist es furchtbar schwer und geht nicht mehr in den Koffer rem. Sonst noch .etwas zu besorgen? Ja, Seife und Zahnpasta und -eine neue Dose Creme. Das wird für nötig befunden, wie stets vor Antritt einer Reise, und es scheint -fast, als gäbe es nirgendwo anders etwas Derartiges zu kaufen. Ebenso wie Wäschebuchstaben, die in aller Eile noch in die neuen Strümpfe eingenäht werden, und eigentlich gar keinen Zweck haben, weil man nämlich. V St braucht und nur W S bekommen hat. Aber jedenfalls hat man damit die Beruhigung, Ordnung in feinen Sachen zu haben. Ordnung? Wie, bitte, steht es denn mit dem Griff an der kleinen, schwarzen Tasche? War der -nicht abgegangen, und ist es nicht nötig, ihn schnell noch steppen zu lassen? Der Sattler, zu dem man stürzt, verspricht, es in einer kleinen halben Stunde 3u machen, und ist dann doch erst am nächsten Tage damit fertig. Als es keiner mehr eilig hat damit Und dann wird der Pyjama natürlich nicht rechtzeitig trocken, und auch die Bluse nicht, und was mit der Oese am schwarzen Kleid ist, mag der Himmel wissen. Sie wird anstatt kleiner immer größer, und es hat gar keinen Zweck, daran herumzunähen. Es geschieht ohnehin mit glühender Nadel unb ohne Fingerhut. Der ist nämlich schon eingepackt und ruht auf dem Boden des Koffers. Zusammen mit der Schreibmappe, in der merkwürdigerweise die Fahrkarte steckt. Warum? Niemand weiß es. Und niemand weiß auch, wo der Paß ift. Der Paß für In- und Ausland, und den man selbst zu einer so kleinen Reise braucht. Den zu brauchen man sich wenigstens heftig einredet, und der sich demzufolge suchen läßt. Gehörig. Von drei Personen und in zweieinhalb Zimmern. Das ist kein suchen mehr — das ist ein Kampf. Ein erbar
mungsloser Kampf. Und natürlich bleibt der Pah Sieger. Er läßt sich nicht finden. Nicht um die Welt. „Wir schicken ihn dir dann nach", sagen die andern, und man selbst gibt sich schwarzen Gedanken hin. Man ist ja nicht abergläubisch — aber .. ?
Aber nun kann man nicht mehr absagen. Man ist eingeladen worden, sehr freundlich eingeladen, und muß hin. Obwohl es im Sommer sehr viel schöner dort ist und die Reise billiger. Außerdem regnet es bereits seit zwei Tagen. Aber die Einladung lautet präzise auf Dienstag, den 21., und deshalb fährt man nun also los. Mit dem Eilzug um 18.44 Uhr.
Um 16.03 Uhr — an Tagen, an denen man reift, rechnet man immer mit Bahnzeit. — ist der Pyjama immer noch nicht geplättet und von der Bluse erst ein Aermel fertig. Warum? Das elektrische Bügeleisen ist durchgebrannt. Zwei Jahre lang hat es tapfer mitgemacht, und nun streikt es mit einem Male. Ohne vorherige Warnung und mitten in der Arbeit. Auch Verwünschungen machen es nicht wieder ganz. Man muß gehen und sich ein anderes leihen Von der Nachbarin, die nur mal auf einen Sprung fortgegangen ist und im Augenblick zurück sein muß. Der Augenblick dauert dreiviertel Stunden
Aber dann geht sonderbarerweise alles wie am Schnürchen. Die Wäsche wird fertig, und auch die ausgeriffene Oefe nimmt plötzlich Vernunft an. Und was gar den Paß angeht, so erlebt man mit dem die freudigste Ueberrafchung. Er wird nämlich gefunden. Gefunden? Wo? In der Brieftasche. Akkurat da, wo er hingehört
„Na siehst du", sagen alle und behandeln einen wie ein unmündiges Kind. Und dann geben sie einem Verhaltungsmaßregeln für die Reife, sagen, daß es ja doch keinen Zweck hätte, mit auf die Bahn zu kommen, und daß der Autobus punkt viertel unten an der Ecke hielte. Dann fehen sie auf die Uhr, meinen, man hätte noch etwas Zeit und sprechen darüber, was sie yeute abend machen werden. Aber das geht einen schon nichts mehr an, und man bemüht sich indes lieber noch einmal, ben Kofferschlüssel zu finden. Weil es doch hübsch wäre, wenn man alles in Ordnung hätte
Fünf Minuten vor viertel klingelt es, und es ist nicht etwa der Autobus, sondern ein Telegraphenbote. Mit einem Telegramm. Und darin steht, daß man die Abreise doch freundlichst verschieben möchte. Brief folgt.
„Danke", sagt man zu dem Telegraphenboten, ist mäßig bestürzt, und dann geht man am Abend mit den anderen ins Kino
Und außer drei Paar Strümpfen, die scheinbar grundlos W S gezeichnet sind, hat man nun auch
noch eine Reisebeschreibung von Abessinien im Hause. Einem Lande, das einen auch nicht im geringsten interessiert.
Aber dafür ist die Wäsche in Ordnung und auch das schwarze Kleid. Und mit Seife und Zahnpasta wird man wohl in den nächsten paar Wochen nicht in Verlegenheit kommen.
„Konjunktur-Ritter."
Im Mittelpunkt dieses NDLS.-Films steht Weiß F e r d 1 in der Rolle eines biederen Bürovorstandes, der sich aus dem sicheren Port einer gut gehenden Anwaltspraxis in die windigen Geschäfte zweier gerissener Grundstücksspekulanten verirrt und als „Generaldirektor" einer Gaunerfirma erstaunliche Überraschungen erlebt. Sampers, der diesmal nicht selber mitspielt, sondern Regie führt, gibt dem Münchener Kollegen reichlich Gelegenheit, in den unterschiedlichsten Situationen alle Register seiner populären und drastischen Komik zu ziehen: beim Diktat in der Praxis, bei den Verhandlungen mit seinen beiden tüchtigen Partnern, als Stimmungssänger auf einem Fest des Siedlervereins „Blumfelde", beim Schäferstündchen mit einer jungen Witwe und im Hühnerstall auf der Flucht vor feiner grimmig getäuschten Kundschaft. Otto Wall- bürg und Theo Lingen sind die beiden ausgekochten Spekulanten mit dem einträglichen Lust- geschäft: ein edles Brüderpaar. Käthe Haack, Sabine Peters, Vespermann und Stein- b e ck sind ferner in lohnenden Aufgaben beschäftigt. — Der Film, der seit gestern im Lichtspielhaus läuft, weckte verständnisvolle Heiterkeit. Im Beiprogramm findet man u. a. einen Vorspann zu dem neuen Ufa-Lustspiel „Viktor und Viktoria" mit Renate Müller und Hermann T h i m i g.
Zeitschriften.
— „Berliner Monatshefte", herausgegeben von Dr. Alfred von Wegerer, 12. Jahrgang 1934, Februarheft. (Quaderverlag, Berlin W 15, Preis des Heftes RM. 1,50.). Frankreichs Bestrebungen auf eine Revision des Frankfurter Friedens in der Zeit von 1871 bis 1914 schildert der Frankfurter Historiker Professor Platzhoff in dem vorliegenden Heft. Platzhoff zeigt, daß immer nur ganz vorübergehend der Gedanke einer Revision auf friedlichem Wege Raum gewinnen konnte, während jede außenpolitische Stärkung Frankreichs sofort den Wunsch nach einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Deutschland — und sei es um den Preis eines europäischen Krieaes — aufleben ließ. Ferner enthält das Februarheft u. a. einen Nachruf vom Direktor des Wiener Kriegsarchios von Glaise- •
Horstenau für den verstorbenen k. u. k. Feldzeugmeister Potiorek, Gouverneur von Bosnien. Der Monatsbericht beginnt mit Auszügen aus der Rede des Reichskanzlers vom 30. Januar 1934.
Öod)fd)ulnod)rid)ten.
Im Alter von 71 Jahren verstarb in Marburg einer der bekanntesten deutschen Dialekt- forscher, Professor Dr. Ferdinand W r e d e. Bereits im Jahre 1887 arbeitete der Gelehrte an G. Wenkers Sprachatlas des Deutschen Reiches, 1912 wurde er Leiter des Sprachatlasses des Deutschen Reiches, der im Jahre 1920 zu einer Zentralstelle für deutsche Mundartenforschung ausgestaltet worden ist. Als besonders beliebter akademischer Lehrer hat Wrede, der aus Spandau stammt, sich 1890 in Marburg habilitierte und 1920 dort zum Ordinarius ernannt wurde, viele Studentengenerationen in die historische Grammatik und deutsche Dialektforschung eingeführt. Er verhalf dabei der neuen dialekt- geographischen Betrachtungsweise zum Durchbruch. Das Hessenland verdankt ihm besonders die Sammlungen zu dem Hessen-Nassauischen Volkswörterbuch, das feit dem Jahre 1927 fortlaufend erscheint.
Der derzeitige Rektor der Universität Frankfurt am Main, Professor Dr. K r i e ck, hat den vor einiger Zeit an ihn ergangenen Ruf an die Universität Heidelberg als Nachfolger des Philosophen Professor Dr. sickert abgelehnt.
Der außerplanmäßige ao. Professor für deutsche Philologie an der Universität Rostock, Dr. Willy Flemming, wurde als Nachfolger des Germanisten und Wagnerforschers Geh. Rat Professor Dr. Wolfgang Go Ith er auf den ordentlichen Lehrstuhl für deutsche Philologie in Rostock berufen.
Der Privatdozent Dr. Kürten in der Medizinischen Fakultät der Universität Halle wurde zum Ordinarius für innere Medizin in 5)aUe ernannt.
Die Bayerische Akademie der Wissenschaften in München hat zu auswärtigen Mitgliedern gewählt: den klassischen Philologen Professor Rudolf Pfeiffer (München), den Kirchenhistoriker Professor Georg Pfeilschifter (München), den Ju- riften Professor Bernhard Kübler (Erlangen), den Chemiker Professor Jakob Meisenheimer (Tübingen) und den Mediziner Professor Walter Vogt (Zürich).
Professor Dr. James Frank, Ordinarius für Physik an der Universität Göttingen, ist auf feinen Antrag aus dem preußischen Staatsdienst ausgeschieden.
Professor Dr. H. D o l d , Ordinarius für Hygiene an der Universität Kiel, scheidet auf seinen Antrag aus dem preußischen Staatsdienst aus.


