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Das Rätsel einer Frühlingsnacht Vornan von Gert Rothberg.

Urheberrechtsschutz: Fünf Türme-Derlag, Halle, Saale

6 Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Es war kein Geist. Es war Leben in ihr. Heißes, herrliches, pulsierendes Leben!"

Das blieb das Endergebnis seiner sich jagenden Gedanken.

Leise, liebkosend strich seine Hand über die seide­nen Kissen.

Lelia?"

Hier hatte doch ihr blondes Köpfchen geruht? Hier hatte er sie geküßt!

Der Schloßherr von Härtlingen verließ das Zim­mer. Sorgfältig verschloß er die Tür. Das kleine Teehaus sollte von jetzt an sein Heiligtum sein. Er wollte jeden Abend hierher gehen. Vielleicht erschien ihm Lelia noch einmal?

Die Morgensonne schien golden auf den Mann herab, der wie ein Träumender die gewundenen Wege entlang schritt.

Auf der Veranda stand Gormann mit dem Tablett.

Zwei Tassen?

Rudolf Härtlingen lachte laut auf. Aber dieses Lachen zerriß dem alten Gormann das Herz. Rat­los blickte er auf die zwei Tassen und das lecker zu­bereitete Frühstück.

Mit wem hatte er nur drüben frühstücken wollen?

Und so jungenhaft froh hatte er gelacht. Genau so, als sei er wieder der sorglose fröhliche Mann von einst. Als liege nicht ein erschauerliches Erlebnis zwischen einst und jetzt!

Und nun? Was war das nun wieder?

Graf Härtlingen stand an der Tür und sagte: Trage das Frühstück wieder weg, Alter!" Schweigend tat Gormann, wie ihm geheißen worden war. Aber in der Küche sank er auf den harten Stuhl, schlug die Hände vor das Gesicht und weinte.

Erschrocken beugte sich seine gute Frau über ihn.

Wilhelm! Aber Wilhelm! Nun sage doch bloß, was du hast?"

Er wischte sich die Tränen ab.

Mutter! Das Drama von Schloß Härtlingen ist noch nicht zu Ende. Ich glaube jetzt selbst, daß er wahnsinnla geworden ist."

Weiter sagte der alte Gormann nichts. Er stand auf und ging still hinaus.

Lieber Gott! Laß unserem armen Herrn nicht noch das Schwerste beschieden sein! Er hat es nicht verdient, daß ihn so viel Unglück trifft!" betete die alte Frau.

Graf Rudolf Härtlingen aber ging in fein Ar­

beitszimmer. Hier entnahm er einem Fach verschie­dene Schlüssel.

Die Schlüssel zu Lelias Gemächern!

Zum ersten Male lenkte er seine Schritte seit ihrem Tode wieder dorthin.

Dann stand er in dem kleinen, schönen Wohn­zimmer.

Dieses Zimmer, das noch immer Lelias bisweilen recht bizarren Geschmack zeigte. Aber das Geniale, das ihr eigen gewesen, durchwehte das Ganze, daß man sich nicht veranlaßt sah, irgend etwas tadeln zu wollen.

Das Körbchen mit den Handarbeiten!

Wie viele Male, wenn Lelia sich langweilte, oder besser gesagt, es sich einbildete, sich zu langweilen, hatte sie solch eine feine Handarbeit angefangen, um sie doch schon nach einigen Stichen beiseite zu werfen. Er hatte dann gelacht, hatte sich diese Arbeiten er­bettelt.

Dort ihr Sessel, in dem sie am liebsten saß!

Die mit weißer, geblümter Seide bezogene Chaise­longue, auf der sie so gern ruhte, wie ein Kätzchen zusammengekauert ober sich schlafend stellend, wenn er ins Zimmer trat.

Gras Hertlingen ging weiter, betrat das Schlaf­zimmer. Alles war in Ordnung. Die Gormanns schafften mit nimmermüden Händen. Legten still die Schlüssel wieder an ihren Platz. Es war alles so wie einst.

Dieses Zimmer, das allein ein Vermögen ver­schlungen er hatte es selbst gezeichnet und zu­sammengestellt.

Das edle Holz der Möbel gab diesen feinen Ge­ruch von sich, der durch das Zimmer wehte und den Lelia so gern gemocht. Dort auf dem Nacht­tisch lagen noch die Bücher, in denen sie vor dem Einschlafen gern las. Alles war wie einst.

Und doch wie seltsam!

Der Mann, der geglaubt hatte, er müsse zusam­menbrechen, wenn er dieses Zimmer je wieder be­trat, er blickte mit fremden, fragenden Augen auf all die vertrauten Gegenstände. Es war, als be­sichtige Graf Härtlingen etwas, was man ihm zur Besichtigung empfohlen hatte.

Seine braune Hand strich über die seidene Bett­decke des großen Doppelbettes. Dann verließ er mit großen Schritten das Zimmer.

Er arbeitete bann in feinem Zimmer brüben an bem wissenschaftlichen Werk.

Aber biesmal fanb er nicht bie nötige innerliche Ruhe, um schreiben zu können. Untätig hatte er nach einiger Zeit schon mieber bagesessen. Er schloß bie Arbeit mieber fort. Hastig durchmaß er bas Zimmer.

Sein Traum!

Dieser Mürchentraum, der ihn nicht mehr los ließ!

Und wie vor einem Wunder ftanb er vor ber Tatsache, baß gerabe biefer Traum es war, ber in ihm bas furchtbare Leib um Lelia mittler werben ließ.

Wie seltsam das mar?

Rubolf Härtlingen ging mieber hinüber. Noch einmal durchquerte er Lelias Zimmer.

Weshalb ging er mieber hierher?

Eine Weile später saß er vor bem kleinen, zier­lichen Schreibtisch. Der silberne Schlüssel lag in bem kleinen Behälter.

Mechanisch nahm er ben kleinen silbernen Schlüs­sel an sich. Betrachtete ihn genau. Hielt ihn lange, lange in ber Hanb. Dabei übte ber kleine Schlüssel eine ganz besondere Anziehungskraft auf ihn aus.

Gras Härtlingen schloß ben Schreibtisch auf.

Nichtigkeiten, roie Lelia sie geliebt unb bann acht­los beiseite gemorfen.

Briese!

Seine Briese, bie er mährend ber kurzen Braut­zeit an sie geschrieben.

Ein Zettel, einzeln, achtlos meggelegt.

Rubolf ist furchtbar eifersüchtig! Ich fürchte mich vor ihm! Sei vorsichtig!"

Wohl eine Stunbe mochte vergangen sein. Aber noch immer saß Härtlingen an Lelias Schreibtisch, starrte auf ben Zettel mit bem unverständlichen Inhalt.

Plötzlich flog polternd der Stuhl zurück.

Hoch aufgerichtet ftanb Härtlingen ba, ben Zettel hielt er in ber Faust. Den Zettel, ber mie Feuer brannte.

Hatte man nicht seinerzeit alles hier burchsucht? Von biefem Zettel mar niemals bie Rebe gemefen. Aber roenn man ihn auch gefunben, märe er nicht vielmehr ein Dokument zu ber Schulb bes Gatten gemefen, anstatt ihn zu entlasten?

Wer mar biefer Mann, ben Lelia gemarnt hatte burch biefe Zeilen?

Lelia hatte mit einem Manne in Verbinbung geftanben?!

Lelia hatte ihn betrogen? Lelia? Das? Sollte bas nun noch bas Enbe von allem Schmerz, aller Verzmeiflung fein, baß er ihre Untreue erfuhr?

Lelia?

Sie hätte einem anberen Manne genau so liebe Worte gesagt wie ihm? Lelia hätte einen anberen Mann geküßt?

Wie bas Stöhnen eines cermunbeten Tieres klang ber Laut, ber aus ber Brust bes Mannes stieg.

Wer war ber anbere?

Niemanb gab ihm Antwort.

Lelia lächelte auf bem Silbe, bas drüben auf bem Ziertlsch ftanb. Süß unb betörenb lächelte sie. Es war eine anbere Aufnahme als bie, bie auf feinem Schreibtisch ftanb. Aber auch hier lächelte Lelia ihr süßes, berückenbes Lächeln.

Voll Haß unb Grauen ruhten bie Augen bes Mannes auf bem schönen hellen Gesicht.

Wer war Lelia?

Hatte er sie je richtig gekannt? War er nicht vielmehr blinb unb toll vor Liebe in biefe Ehe hineingetaumelt?

War Lelia nein! Er durfte diesen Gedanken nicht zu Ende denken.

Er stürzte hinüber zum kleinen Tisch, riß bas Bitt) Lelias empor.

Was bist bu für ein Rätsel, Lelia? Wenn bu es nicht wert wärst, baß ich an bir zugrunde ginge, Lelia?"

Süß unb berürfenb lächelte die schöne Frau aus bem Rahmen heraus.

Der Zettel?!

Wem hatte ber Zettel gegolten?

Kein Frember war in Härtlingen gewesen. Wenn ber furchtbare Gebaute sich bewahrheiten sollte, mußte es ein Mensch fein, ben Lelia von früher her gekannt hatte.

Dann hatte sie sich mit irgenbeinem Manne ge­troffen, ber ihrer Vergangenheit entstammte. Ober hatte sie ihrem Vater boch mieber heimlich Gelb gegeben? War er ber Mann? Unb Lelia schrieb bem Vater ben kleinen Zettel, meil es boch immer­hin leicht möglich mar, baß er, ber Gatte, einen Liebhaber vermutete unb sich voll eifersüchtigen Jähzorns auf ihn stürzte?

Die Hänbe bes Grasen krampften sich um bas Bitt). Das Glas zerbrach, unb bie Scherben schnit­ten in feine Hänbe, baß bicke Blutstropfen herab- rannen.

Er spürte es nicht. Der körperliche Schmerz mar nichts im Vergleich zu ber seelischen Qual, bie in ihm roütete.

Hatte Lelia ihn mit irgenbeinem Menschen be­trogen?

Das Bilb fiel zu Baben.

Rubolf Härtlingen ging schweren Schrittes noch einmal an ben zierlichen Schreibtisch zurück. Seine blutenben Finger mühlten zwischen all ben Pa­pieren unb zierlichen Nichtigkeiten.

Eine Gewißheit! Um Gottes willen jetzt irgenbeine Gewißheit!

Es fanb sich nichts.

Nichts als biefer mysteriöse Zettelnder Höllen­qual verursachte und doch wiederum nichts bewies!

Völlig erschöpft, in sich zusammengesunken, saß ber junge Schloßherr von Härtlingen auf einem Stuhl unb starrte vor sich hin, ben Zettel mit Lelias feiner, ein bißchen schnörkeliger Schrift zwi­schen ben blutenben Fingern.

Gewißheit! Gewißheit will ich haben! Was ist bas für eine geheime Korrefponbenz? Wer ftanb mit Lelia in irgenbeiner Verbinbung, von ber ich abseits ftanb? Fürchtete Lelia meinen Zorn, weil sie bem Vater boch mehr zukommen ließ als bie Rente, bie ich ihm ausgesetzt? Ober...?

Dieses Oder roar entsetzlich.

Dieses Oder war das Ende?

Denn wenn diese Möglichkeit bestand, bann zer­brach bas Letzte, bann war sein Heiligtum zerstört, bann war Lelias Anbeuten für immer in feinem Herzen gefchänbet.

(Fortsetzung folgt.)

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Wir erfüllen hiermit die traurige Pflicht, Sie von dem Heimgange unseres lieben Alterskollegen

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