Hr. M Drittes Blatt Giehener Anzeiger (Genrral-Anzriger für Gberheffen) Aeiiag, 22. Zum
Sonnenwendfeier -er NSDAP, auf dem Schiffenberg
am Samstag, 23. Juni.
Dir laben Hiermil alle Volksgenossen zu der Sonnenroeubfeier auf dem Schisfenberg ein. Beginn um 22 Uhr pünktlich. Es spricht der Oberbürgermeister der Stabt Gießen pg. Ritter. Abmarsch aller Teilnehmer um 20 Uhr vom Lubwigsplah mit ber SAR.-Kapelle. Rach ber eigentlichen Feier findet noch ein Konzert ber SAR.-Kapelle statt.
Da nach einer Vereinbarung mit ber SA.-Füh- rung bie SA. an biefem Abenb bienfffrei hat. wirb die SA. gebeten, fich recht zahlreich an biefer Son- ncnroenbfeier zu beteiligen. Wir überlassen es bcn einzelnen Sturmführern, ihre Stürme um 20 Uhr am Lubwigsplah antreten zu lassen, um mit ber Kapelle auf ben Schiffenberg zu marschieren.
Fahnen werben zu ber Sonnenwendfeier nicht mitgenommen.
Für diejenigen, bie ben Weg nicht zu Fuß zurücklegen können ober wollen, ist ab 20 Uhr ein verstärkter Kraftomnibusverkehr auf ben Schiffenberg ab Lubwigsplah eingerichtet.
Kreisleitung Gießen ber NSDAP.
Das Programm ber Feier.
20 Uhr: Abmarsch vom Lubwigsplah.
Ab 20 Uhr: verstärkter Autoverkehr auf ben Schiffenberg.
22 Uhr: Sonnenroeubfeier auf bem Hof bes Schisfenbergs unter Mitwirkung bes SAR.-Mufik- ZUgs.
1. Musikstück ber SA.-Kapelle.
2. Lieb, gesungen vom Sängerkreis Gießen.
3. Rebe bes Oberbürgermeisters pg. Ritter.
4. Abbrennen ber Sonnenroenbfeuer mit Feuer- fpruch.
5. Gemeinfames Lieb „Flamme empor".
6. Lied, gesungen vom Sängerkreis Gießen.
7. Deutschland-Lieb, Horst-Wessel-Lieb.
Nach Abschluß bex eigentlichen Feier Konzertstücke bes SAR.-Musikzuges unb beutscher Tanz. Eintritt frei.
Kreisleitung Gießen ber NSDAP.
„Flamme empor!"
Gemeinsames Lieb der Sonnenroenbfeier auf dem Schiffenberg.
1. Flamme empor, flamme empor! Steige mit loderndem Scheine von den Gebirgen am Nheine glühend empor, glühend empor.
2. Auf allen Hoh'n leuchte du flammendes Zeichen, daß alle Feinde erweichen, wenn sie dich seh'n.
3. heilige Glut! Ruse die Jugend zusammen, daß bei den lodernden Flammen wachse der Mut.
4. Leuchtender Schein! Siehe wir singenden Paare schwören am Flammenaltare Deutsche zu sein!
5. höre das Wort! Vetter, auf Leben und Sterben, hilf uns die Freiheit erwerben, sei unser hort! (Ausschneiden und für Sonnwendfeier mitnehmen.)
Aus ber Provmzialhcmptsta-t.
Das Lied.
Es wandert sich noch einmal so leicht und frei und fröhlich, wenn ein Lied als lustiger oder auch als nachdenklicher Weggenosse in den Reihen mitmarschiert. Mit einem Lied auf den Lippen weitet Gottes Odem erfrischend die Brust und läßt das Auge Heller leuchten, damit es allen Glanz und alle Wunder als köstliche Wegzehr und Labe in dem großen Gottesgarten in sich hineintrinken, kann, um drinnen Wärme und Sanne zu spenden. Mit dieser Sonne im Herzen, die aus Lied und Landschaft entfacht wurde, wird jede Wanderstunde eine Feierstunde in dem Weltendom, die die Gedanken beschwingt, die sie loshebt aus den Bezirken alltäglicher Sicht, um sie sich auf den Flügeln des Gesanges in jene höheren Weiten verschweben zu lassen, von wo das Lied kommt, wo seine ewige Heimat ist, in der unsere Seele irrt, bis alles Wähnen feine letzte Ruhe findet.
Ein Stecken und Stab und Schrittmacher ist bas Lied, bas der Müdigkeit keinen Raum gibt, bas bie wirklichen Maße bes Raumes verwischt, um dann als Schelm ober Spaßmacher beim Lagern bie Zeit unb bie Kilometerzahl vergessen zu machen. Dann wirb in alten Lanbknechtsweisen bie Vergangenheit wach, Geist von bem Geiste ber Da- maltoen oerbinbet im Fühlen bie Jahrhunberte, ber Boben atmet bie Schwere aus, bie uns ihm verpflichtet, weil aus ihm Geschlechter würben unb in ihm heimkehren, beren Erbe zu verwalten unser Teil ist. Mittler unb Mahner ist so bas Lieb, besten Worte unb Melobie oft eine anbere Sprache zu reden scheinen, als sie unserer Zunge geläufig ist. Trotzbem ist es Muttersprache, trotzbem finb es Mutterlaute, in benen sich bie große Liebe zu unser aller Mutter unvergängliche Denkmale setzte, bie zu allen Kommenben noch reben werben, solange unb fo weit bie beutsche Zunge klingt.
Andere Lieber roieber, wenn wir sie am Brunnen vor bem Tore ober in einem kühlen Grunbe fingen, bringen Saiten zum Klingen, bie von eigener Sehnsucht fünben, voll finb von Liebe unb Leib, wie sie jebem von uns bann unb wann begegnen. Es sinb häufig nur kleine Lieber. Anspruchslos, beinahe schüchtern unb bescheiben, gleich Mauerblümchen machen sie nicht viel Wesen von sich. Unb doch ist bas wenige von unermeßlicher Tiefe, auf deren Grunde bie kostbare Perle ber deutschen Volksseele, wie eine Märchenprinzestin im Glasschrein, verborgen liegt. Sie singen unb sagen von Wald unb Wiese, von Vögeln unb Blumen unb meinen in allem nur bie Menschen, wie sie bie Lanbschaften mit ihren heimischen Eigenarten formten, biefe zu schwerblütiger Versonnenheit, jene zu leichterem Anpacken ber Lebensprobleme. In allen Tonarten, vom schmerzbüsteren Moll bis zum himmelhochjauchzenden Dur, spielt bas Volkslieb auf ben Saiten ber Seele unb weckt in jebem einzelnen ben Wiberhall bes eigenen Fühlens, wie er in seinem Blute aus langer Ahnenreihe schlummert. Dann teilt sich ihm das Glück des Verbun- benfetns mit Sippe unb Stamm mit, in bie bie festen Wurzeln seiner Kraft unb seines Wesens eingesenkt finb.
Ein Wanberlieb ist Bekenntnis unb Hingabe an ein Ganzes, an jene unwägbare Werte unb nur zu erfühlenben ungeschriebenen Gesetze, die in bem einen Wort: Volk, gipfeln. Denn bas Volkstum ist bas Geheimnis, bas in bem einzelnen unb in bem Liebe lebt, bas von seinen Lippen zu Preis unb Ehre ber Heimat kommt.
K. I. h.
Die Auszahlung der Dienstdezüge der Beamten
Der hessische Staatsmini st er (Perso- nalamt) gibt unter bem 11. Juni 1934 an sämtliche unterstellten Behörben folgendes bekannt:
Schon wiederholt wurde aus Beamtenkreisen bei mir angeregt, bie Hauptstaatskasse anzuweisen, ben Beamten usw. bei Auszahlung ihrer monatlichen
Dienstbezüge einen Gehaltszettel auszuhändigen, aus dem Bruttogehalt, Abzüge und Nettogehalt zu ersehen finb.
Soweit ber Beamte Barempfänger ist, ist es ihm beim Quittieren seiner Bezüge ohne weiteres möglich, sich bie Abzüge herauszuschreiben. Bezüglich der Kontoinhaber geht ben vorgesetzten Dienststellen seitens ber Hauptstaatskaste von jeber Überweisung in Form eines Verzeichnisses Mitteilung zu, woraus Bruttobetrag, Abzüge und Nettobetrag zu ersehen sind. Da die Dienststelle selbst kein Interesse an diesem Verzeichnis hat, ist dieses in Streifen zu zerlegen und jedem Kontoinhaber der Streifen, der seine Bezüge betrifft, auszuhänbigen. Bei ber erstmaligen Aushändigung muß den Beamten allerdings die Reihenfolge der.Abzüge bekanntgegeben werden.
Die Aushändigung eines Gehaltszettels in der eingangs erwähnten Weise würde nicht nur eine wesentliche Mehrarbeit für die Hauptstaatskasse mit sich bringen, sondern sie würde auch bie Staatskasse finanziell nicht unerheblich belasten.
Vergeßt die älteren Angestellten nicht!
Die Kreisleitung der NSDAP., Abteilung Meldedienst und Kreisarchiv, erläßt folgenden Aufruf:
Der Schutz der deutschen Familie ist nicht nur eine gesetzgeberische Aufgabe, sondern ihr haben auch alle Volkskreise nach bestem Können zu dienen. Es muß deshalb auch erwartet werden, daß bei Stellenbesetzungen an diese echt nationalsozialistische Aufgabe immer und immer wieder gedacht und danach gehandelt wird.
Zahlreiche Familienväter hat die vergangene Zeit nach zehn-, zwanzig und mehr Dienstjahren um den Arbeitsplatz gebracht. Ihre Arbeitskraft, ihre vielseitige Berufserfahrung, ihre Lebenserfahrung und nicht zuletzt auch ihre Berufstreue verlangen mit vollem Recht nach einem neuen Einsatz in der Wirtschaft. Sie empfinden es als ein bitteres Unrecht,
scheinbar zugunsten jüngerer Kräfte grundsätzlich zurückstehen zu müssen.
Alle verantwortlichen Stellen, Behörden, Betriebsführer unb Personalleiter haben bie Verpflichtung, während ber zweiten Arbeitsschlacht auch für biefe Volksgenossen weitgehend zu sorgen.
Denkt an die Kinber biefer Stellenlosen, inbem ihr eurer eigenen Kinber gebenft! Denkt an bie Frauen und überlegt einmal, wieviel stilles helben- tum von ben Frauen ber Stellenlosen schon durchkämpft werden mußte. Beweist euren Nationalsozialismus, indem ihr diese Familien wieder teilhaben laßt am Segen der Arbeit und am gerechten Lohn! Laßt alle kleinlichen Bedenken beiseite und stellt auch verheiratete Volksgenossen ein!
Es geht um die deutsche Familie, es geht um Frauen unb Kinder!
Die Angestelltenabteilung des Arbeitsamtes und die Stellenvermittlung der Deutschen Angestelltenschaft stehen jederzeit mit passenden Bewerbern zur Verfügung. Es bedarf nur eines Anrufs durch alle bie Stellen, bie neben älteren Handarbeitern auch kaufmännische und technische Kräfte aller Art beschäftigen können.
Fachschaft des Deutschen ZeitungS- und Zeitschriftenhandels.
Das Gaupresseamt teilt mit: Der Präsident der Reichspressekammer hat die Fachschaft des Deutschen Zeitungs- und Zeitschrifteneinzelhandels in der Reichspressekammer errichtet und Pg. Walter Steinhäuser (Frankfurt a. M.) mit der Geschäftsführung betraut. Für die Anmeldung bei der Fachschaft kommen alle Zeitungs- und Zeitschriften- einzelhändler in Frage, die einen Kiosk oder festen Stand haben. Die Mitgliedschaft bei der Fachschaft ist auf Grund von § 4 der Ersten Verordnung zur Durchführung des Reichskulturkammergesetzes vom 1. November 1933 (RGBl. I, S. 97) Voraussetzung für die weitere Berufsausübung sämtlicher für bie Fachschaft anmeldepflichtigen Einzelhändler.
Gl
Helft dem Hüfswerf
Die bisher bestehenden Organisationen des Zeitungs- und Zeitschrifteneinzelhandels werden nicht als Fachverbände oder Fachschaften in die Reichs- prestekammer ausgenommen. Die Zugehörigkeit zu diesen Organisationen entbindet nicht von der Verpflichtung zur Anmeldung bei der Fachschaft des Deutschen Zeitungs- und Zeitschrifteneinzelhandels.
Die Anmeldungen für die Fachschaft sind bis zum 30. Juni 1934 an folgende Anschrift zu richten:
Fachschaft des Deutschen Zeitungs- und Zeitschrifteneinzelhandels, Frankfurt a. M., Gau- presseamt, Adolf-Hitler-Haus.
Für die Engliederung aller anderen Zeitungsund Zeitschriftenhändler ist der Reichsoerband ambulanter Gewerbetreibender Deutschlands (RAGD.) zuständig.
Aus parteiamtlichen Bekanntmachungen
Die Ortsgruppe Gießen-Nord teilt mit, daß am heutigen Freitag, 20.15 Uhr, eine Versammlung ftattfinbet, in der der ©auamtsleiter ber NSV., Pg- Bürgermeister Haug sprechen wirb. Die Ortsgruppe Gießen-Mitte forbert ihre politischen Leiter, Amtsleiter unb NSV.-Walter auf, geschloßen an der Versammlung heute abenb teilzunehmen. Der Abmarsch erfolgt um 7.45 Uhr von ber Geschäftsstelle, Kaplansgasse 18, aus. Die Ortsbetriebs« gemeinschast fjanbel unb Handwerk ber NS.-Hago Gießen-Nord hält am. Montag, 25. Juni, 20.30 Uhr, eine Mitglieder - Versammlung im Restaurant „Aquarium" ab.
Sämtliche Gießener Ortsgruppen der NSDAP, fordern ihre Mitglieder zur Teilnahme an ber Sonnwenbfeier auf bem Schiffenberg auf. Die NS.- Hugo unb ber NSLB. machen bie Teilnahme an ber Sonnwenbfeier ihren Mitgliebern ebenfalls zur Pflicht.
Die Kreispropaganbaleitung teilt mit, baß am 26. Juni um 18 Uhr unb am 27. Juni um 14 Uhr in Lang-Göns je eine Bauernkunbgebung statt- finbet, zu deren Teilnahme alle umliegenden Ortsgruppen aufgefordert finb. In beiben Kunbgebungen werben ber Lanbesbauernfiihrer Wagner unb Staatsrat Pg. Peukert aus Thüringen sprechen.
England betet um Regen.
Von unserem Londoner ^.-Berichterstatter. (Nachbruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) ß o n b o n , im Juni.
England ist als regnerisch und feucht bekannt — und wenn jemand gemeinhin eine Reise nach London antritt, so versäumt er nicht, neben dem Abendanzug auch einen Regenmantel und vielleicht auch noch Gummischuhe seiner Reiseausrüstung beizufügen.
Jetzt ist das auf einmal anders. Der Fremde, ber in Victoriastatian ober auf bem Flughafen Croybon eintrifft, wirb halb mit Staunen ein Plakat bemerken — überall auf ben Omnibusfen, ben Elektrischen, an ber Untergrunb- wie an ber Eisenbahn: Use less water — sei sparsam im Wasserverbrauch! Das Unglaubliche, noch nicht Dagewesene ist eingetreten: Lonbon unb ganz Englanb seufzen unter Wassermangel. Im klassischen Land des Regens herrscht geradezu katastrophale Dürre! Zum erstenmal vielleicht in Englands Geschichte wurde am letzten Sontag van den Kanzeln herab feierlich um Regen gebetet, wurde von den Predigern, ganz gleich welcher Sekte und Konfession, die Gemeinde der Gläubigen ermahnt, den Weisungen der Behörden strikte Folge zu leisten und sich im Wasserverbrauch möglichst einzuschränken.
Wie nötig dieser Appell an die Wassersparsamkeit ist, beweist eine Erklärung der Londoner Wasserwerke, wonach der Wasserverbrauch der Riesenstadt in der letzten Woche, seit Veröffentlichung des Aufrufs, zwar um 10 v. H. zurückgegangen ist, daß aber weitere 10 v. H. unbedingt nachfolgen müßten, wenn Zwangsmaßnahmen erspart bleiben sollen. Eindrucksvolle Beweise des Wassermangels erhält man bereits durch die Themse. Wer von einer ihrer bekannten Brücken herabsieht, blickt — vor allem bei Ebbe, die sich ja bei weit über London landwärts bemerkbar macht — in einen geradezu zum Rinnsal zusammengeschrumpften Wasserlauf, in bem bie Schlepper unb Flußdampfer vorsichtig Kurs zu halten suchen. Die Wasfermenge ber Themse ist nach beträchtlich unter bcn bisherigen „Rekord-Tlef- ftanb" im bis jetzt heißesten Sommer von 1921 gesunken. Ebenso steht es mit bem anberen Fluß, ber Lonbon mit Wasser versorgt, der Lea, die etwa die Hälfte ihres normalen Wasserstandes führt. Dabei müssen die Flüsse noch von ihrem Naß an das Land abgeben, das ja noch unmittelbarer unter dem Wassermangel leidet als die Stabt. In einer ganzen Reihe von Gemeinden ist die Feuerwehr in ben Dienst ber Bewässerung gesetzt worden. In bestimm
ten Tagesstunden pumpt sie Wasser aus dem Fluß unb verteilt es gegen eine Gebühr von 2 Penny für den Eimer. Die „Selbstversorgung" aus dem Flußbett aber ist bei Strafe verboten!
Im übrigen ist der Wasserverbrauch in ben meisten ©emeinben rationalisiert. In Lonbon beispielsweise ist es streng untersagt, bie Rasenflächen zu sprengen. Das gilt für die öffentlichen Parks ebenso wie für die kleinsten Privatgärten. Das frische Grün j beginnt einem trostlosen Grau zu weichen — besonders im Hyde-Park, dessen Rasenfläche dem Publikum bis jetzt noch zum Betreten freigegeben ist. Doch schon hieß es, auch dieses altgewohnte Recht der Londoner Bevölkerung werde der Dürre weichen müssen. Schon ist die Feierabend- und vor allem Sonntagsbeschäftigung des Durchschnitts-Engländers, die in Ermangelung anderer Zerftreungsmoglich- feiten in nicht geringem Maße seinem Garten gilt, sehr beeinträchtigt worden durch die Wassersparverfügungen, Sie wurde in London bisher zwar nicht gar zu ernst genommen, doch seitdem ein Gartenbesitzer, der einen Streusprenger in Gang gesetzt hatte, zu drei Pfund Polizei st rase verurteilt worden ist, wagt niemand mehr, sich mit dem Gartenschlauch in ber Hanb blicken zu lassen. Das Morgenbab steht bem ßonboner noch frei im Gegensatz von ben Bürgern von Manchester unb Liverpool, wo es nur einmal bie Woche gestattet ist, ein Bad zu nehmen — eine sehr einschneidende Maßregel für eine Bevölkerung, bie baran gewöhnt ist, baß ihr bie Babewanne ben Waschtisch ersetzt. Aber eine weise Obrigkeit in Lonbon hat eine andere und immerhin raffinierte Maßregel getroffen, bie unter Umftänben verhinbern kann, baß halb nicht mehr allzuviel Wasser in bie Babewanne hinein- ftießt: Währenb nämlich bie ßonboner Bevölkerung ihr Morgenbab nimmt, löst in einigen Bezirken ber bewußte „Klingelzug" kein Rauschen aus. Wobei man offenbar von ber Annahme ausgegangen ist, baß in ben meisten Haushalten ber Baberaum auch mit jener nach Wilhelm Busch „stillberühmten Klause" ibentisch ist ...
In einigen ßanbbistrikten finb sehr erhebliche Summen für die Neubohrung von Brunnen aus- geroorfen worden. Wünschelrutengänger haben also eine gute Konjunktur. Unb in manchen Provinzblättern kann man regelmäßig Anzeigen lesen, in benen wirkliche ober vermeintliche Wundermänner ihre Fähigkeiten anpreifen. Die vorhandenen Brunnen liefern kaum noch die Hälfte des lebenspendenden Nasses. Aehnlich wie durch die Feuerwehr an den Flüssen, ist daher auch von den Gemeindeverwaltungen ein Wasserdienst eingerichtet worden. Zweimal am Tage roiri) auf den Kops der
Einwohner je ein Eimer Trinkwosser abgegeben, der mit 1 bis 3 Penny bezahlt werden muß, um damit die Kosten der Ueberwachung und der Jnstanbhaltung der Brunnen zu decken, drakonische Strafen sind gegen unberechtigten Wasserverbrauch angedroht worden. So wird aus einem Dorf berichtet, daß ein „Wasserdieb" mit dem Entzug der Hälfte seiner Ernte zugunsten von Wohlfahrtszwecken bestraft würde. Den Vogel aber dürfte eine schottische Stadt abgeschossen haben, in ber jemnnb an ber empfindlichsten Stelle des Schotten ■getroffen unb zu 10 Schilling Strafe verurteilt worden ist, weil er seinem Goldfisch unerlaubterweise frisches Wasser gegeben hatte!
Mit ernster Sorge aber blickt auch die englische Heeresleitung dem regenlosen Hochsommer entgegen. Schon das vorige Jahr war so trocken, daß die neuen Armee-Uniformen nicht erprobt werden konnten, weil ihnen bei den SommermanÖDern keine Gelegenheit zu einer Bewertung in schlechtem Wetter gegeben worden war. Und nun ist es überhaupt zweifelhaft, ob die diesjährigen Sommer- manÖDer abgehalten werden können. Die Bevölkerung hatte schon im vorigen Jahr den Eimer Wasser für einen Penny an die Soldaten verkauft. Diesmal ist der Preis schon vor einigen Wochen mit drei bis vier Penny angesetzt worden, aber die meisten Ortschaften haben bereits erklärt, den Manövergästen überhaupt kein Wasser abgeben zu können. Man erwog daher den Plan, dem Beispiel der Flußanlieger zu folgen und die Feuerwehr an den Uebungen teilnehmen zu lassen, um das nötige Wasser für die dürstenden Soldaten und Pferde herbeizuschaffen — ein Gedanke, dessen Durchführbarkeit in der englischen Presse als aussichtslos ab- gelehnt worden ist. Dafür hat man nun beschloßen, einen berühmten Wünschelrutengänger aus Kanada herüberzurufen, der im ganzen britischen Empire einen guten Ruf genießt, weil er einmal eine kanadische Ansiedlung norm Verdursten gerettet haben soll. Warum, meint man, sollte ihm dasselbe nicht auch auf ben Salisbury plains für die englischen Manövertruppen gelingen?
Inzwischen aber steigen — wie auch überm großen Teich bei Uncle Sam — die Weizenpreise. Doch das beeindruckt die englische Oeffentlichkeit längst nicht so stark. Nur ein paar City-Herren und die kleine Schicht der ackerbautreibenden Bevölkerung ist daran interessiert. Und im übrigen hat es sicherlich irgendwo im weltweiten britischen Imperium eine gute Weizenernte gegeben! Nein, noch vor 14 Tagen war die Oeffentlichkeit nur mit einer Folge der Dürre beschäftigt: mit der Frage, ob der heiße Favorit des Diesjährigen Derbys star
ten werde „ober nicht. Unb so wie auf ben Sieg „Colombos", ber nun boch schmählicherweise nur ben britten Preis erringen konnte, riesige Summen gesetzt worden waren, so wurde gewettet, ob „Colombo" teilnehmen werde oder nicht. Sein Besitzer mußte schließlich boch bas Pferd laufen lassen. . Aber bann erhob sich bie Streisrage, ob ber harte Boden an bem Versagen bes als nervös bekannten Pferdes schulb gewesen sei ober nicht; eine Streitfrage, bie nicht gelöst würbe. Am liebsten hätte man das ganze Derby jedenfalls auf regenweicher Bahn wiederholt. Aber das wäre ja auch heute noch nicht möglich, denn die ganze Menge des inzwischen niedergegangenen Regens beträgt die Geringfügigkeit von durchschnittlich 0,4 Millimeter. Die Trockenheit wandelt sich allmählich vom ungewöhnten Naturereignis zur Katastrophe. Die Manöver, die Weizenpreise treten zurück hinter der langsam heraufdämmernden Not der ßandbevölkerung, denn auch das Vieh findet nicht mehr genug Nahrung. Uni) den ßondonern wurden die Gefahren ber Trockenheit im übrigen sehr beutlich vor Augen geführt beim Brand eines altberühmten Gebäudes in Bloomsbury, bas nicht mehr zu retten war, weil auf ben Hybranten nicht genug Druck lag... So hat auch ber Städter am letzten Sonntag bas ungewöhnliche Kirchengebet mit ernster Sorge mitge« sprachen: „Wir flehen bich an, Allmächtiger, in unserer Not, uns solche mäßigen Regen unb Schauer zu schicken, daß wir die Frucht dieser Erde genießen können — zu unserem Segen und zu deiner Ehre!"
Opernuraufführung in Darmstadt.
Im Hessischen ßandestheater in Darmstadt wurde bie komische Oper „Das Wahrzeichen" von Dr. Bodo Wolf unter lebhaftem Beifall des ausverkauften Hauses uraufgeführt. Die Oper, deren Text von Eugen R i t t e l - bufch (Pseudonym für den Darmstädter Grafen Cuno Hardenberg) stammt, hat eine recht inter- essante und amüsante Handlung aus dem ßeben einer deutschen Stadt um 1500, die mit viel lokal- historischen Zügen aus Frankfurt a. M. ausgeftattet ist. Die durchaus originelle und feinsinnige Musik des Komponisten, sowie die ausgezeichnete Darstellung unter der musikalischen ßeitung von Generalkapellmeister Friderich und der flotten Spiel« feifung von Dr. Rolf Prasch trugen zu bem vollen Erfolg der Aufführung bei. Die Oper dürfte sich auf der deutschen Bühne noch viele Freunde erwerben.


