gLM5 Zweites Blatt_______________Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen) Zrettag, 22. Juni 1934
Der tragische Tod des deutschen Alpinisten Drexel
Trauerfeier in 3600 Meter Höhe. - Ein Kabelbericht von der deutschen Himalaja-Expedition.
Die deutsche Himalaja-Expedition zum Nanga-Parbat wurde, wie bereits kurz gemeldet, von einem schweren Unglück betroffen. Der Vorstoß nach Lager 4 auf der obersten Terrasse des Rakiot-Gletschers in 5800 Meter Höhe ist gelungen. Aber er hat ein Opfer gefordert. Den ungewöhnlichen Strapazen bei schwierigen Verhältnissen ist Alfred Drexel, der bekannte Münchener Bergsteiger, ein hervorragender Alpinist, infolge einer
Reichsbahnrat Drexel, München.
lischen Begleitoffizier Captain Frier und Sang« st e r haben der Expedition ihr tiefstes Beileid aus- gesprochen."
Die Beisetzung Alfred Drexels fand am 11. Juni um 17 Uhr statt, auf einem grünen Moränenhügel nahe dem Hauptlager. Sechs Kameraden trugen die Bahre, die mit der Hakenkreuzfahne be- deßt war. Alle anderen brachten Blumen und Kränze. Ein langer Trauerzug der Träger folgte. Am Grabe sprach Willi M e r k l und Konsul Kapp, der Vertreter des Deutschen Reiches in Bombay. Die Trauerfeier in 3600 Meter Höhe im Angesicht der höchsten Berge der Erde war würdig und tief ergreifend. Die Darjeeling-Leute zeigten große Teilnahme. Sie gaben dem toten Sahib Gebetsschleier ihrer Frauen mit ins Grab. Das Grab wurde mit Steinen beschwert und mit einem Holzkreuz, Kränzen und Blumen geschmückt. Von der Grabstätte geht der Blick frei hinaus zum Nanga-Parbat, hinaus ins Tal des Indus und hinüber zu den Bergen des Karakorums.
Zum Gedächtnis des deutschen Forschers, desSA.- Kameraden Alfred Drexel, der in der Bergeinsamkeit des Himalaja, fern der Heimat, zur letzten Ruhe bestattet wurde, übertrug der Reichssender München am Montag eine Trauerfeier, die der deutsche Rund- funk mit allen seinen Sendern übernommen hat.
70. Geburtstag des Physikers Walter Nernst.
Geh. Rat Professor Dr. Walter N e r n st, der große Physiker und Chemiker, vollendet am 25. Juni sein 70. Lebensjahr. Die hervorragenden Verdienste des ehemaligen Direktors der Physikalisch-technischen Reichsanstalt um die Erforschung der Grenzgebiete zwischen Physik und Mathematik und um die Weiterentwicklung der Chemie wurden 1922 mit der Zuerkennung des Nobelpreises gewürdigt.
Geschichten aus aller Welt.
Lungenentzündung erlegen. Der SA.-Kame- rad Drexel war Reichsbahnrat in München und gehörte der akademischen Sektion München des deutsch-österreichischen Alpenvereins als einer ihrer Besten an. Der Leiter der Expedition, Willi Mer kl, sandte dem drahtlosen Dienst hierüber folgendes Kabel:
„Die Spitzengruppe mit Drexel hat am 7. Juni den Weg nach Lager 4 in 5800 Meter Höhe erkundet und hiervon durch Funkspruch das Hauptlager um 14 Uhr verständigt. Drexel kehrt auf Drängen der Kameraden wegen heftiger Kopfschmerzen mit Träger von Lager 3 nach Lager 2 zu B e ch t h o l d und M ü l l r i t t e r zurück. Müllritter steigt noch am Abend nach Lager 1 hinunter, um den Arzt zu holen. Am nächsten Tag hat sich der Krankheitszustand Drexels verschlimmert. M e r k l, Wieland, Dr. B e r n a r d und Konsul Kapp erreichen das Lager 1 und erfahren hier von der Verschlechterung. Expeditionsarzt Dr. Bernhard steigt mit Müllritter sofort nach Lager 2 auf. Inzwischen ist Drexel seit 10 Uhr bewußtlos und verfällt von Stunde zu Stunde. Bechtold ist außerstande zu helfen. Der Arzt trifft um 18 Uhr ein und stellt schwere Lungenentzündung mit akutem Lungen-Oedem fest. Obwohl Hilfe aussichtslos, fordert er sofort Sauerstoff durch Boten vom Hauptlager an. Sofortige intravenöse Einspritzung von Herzmitteln und Anwendung aller Hilfsmittel. Leichte, kurzanhaltende Besserung, 21.15 Uhr plötzlich Auslassen des Herzens. Fünf Minuten später entschläft Drexel in den Armen tieferschütterter Kameraden, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben. Trotz großen Kräfteeinsatzes der ganzen Expedition sowie außerordentlicher Opferbereitschaft der Darjeeling-Träger bei Tag und Nacht im Schnee st urm war Hilfe nicht mehr möglich. Am 9. Juni 3 Uhr morgens kommen Wieland und zwei Träger mit Sauerstoff nach Lager 2. Leider zu spät. Bechthold sendet um 5 Uhr morgens Botschaft an Spitzengruppe W e l z e n b a ch, Aschenbrenner und Schneider, die nichtsahnend inzwischen Lager 4 errichtet hatten. Gleichfalls ergeht Meldung nach Lager 1. Von dort sendet Merkl 20 Träger dem Abtransport des Toten entgegen. Alle Teilnehmer und Träger treffen am Abend zur Vorbereitung der Bestattung im Hauptlager ein. Konsul Kapp und die beiden eng-
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Ein Königsthron kehrt heim!
(ku) Colombo.
In Kandy ist man dabei, in einem der alten Tempel einen Ehrenplatz herzurichten, denn ein großes Ereignis steht Ceylon bevor: Der Königsthron kehrt heim. Es ist mehr als 100 Jahre her, seit man den Thron der Könige von Kandy von Ceylon entführte und nach Enaland brachte, wo er bisher im Windsor-Schloß aufbewahrt wurde.
Wenn würdige Singhalesen, in denen die Erinnerung an die große Vergangenheit ihrer Insel fortlebt, nach England kamen, suchten sie dieses Schloß auf, um einige Sekunden still am Fuße des Thrones zu sinnen, auf dem einst die besten Regenten Ceylons saßen. Der englische König, der vor einigen Wochen das Schloß besuchte, wurde auf diese Tatsache von einem Aufseher aufmerksam gemacht. Da entschloß er sich zu einer nicht nur symbolischen Geste. Ceylon wird also den Thron der Könige von Kandy zurückerhalten. Der Herzog von Gloucester hat sowieso einen Besuch der Insel auf seinem Programm stehen für dieses Jahr. Er wird dann den Thron mit hinübernehmen.
Der Thron von Kandy war einst ebenso berühmt, wie der Heilige Zahn von Kandy, von dem man sagt, daß er ein Zahn des Buddha gewesen sei. Zwar behauptet man, die Portugiesen hätten den Zahn geraubt. Aber die singhalesischen Buddhistenpriester versichern, daß der Zahn noch da sei, ver- borgen in einem Tempel im Innern des Landes, um ihn neuen Zugriffen zu entziehen. Doch mehr als von dem Zahn spricht man heute von dem Thron, der in diesen Wochen heimfindet zu dem Platz, an dem er in Ceylons großen Tagen stand.
Nm die halbe Erde für die Braut.
(—) Tokio.
Nie hat Amor in England mehr Sorgen gehabt, als mit diesem Attache Katsube von der japanischen Botschaft in London und feiner Braut Lillias Green, einer bekannten englischen Sängerin. Die Beiden sind sich zwar schon einig, aber die japanische Schwiegermama hat mit allen Mitteln und diplomatischen Möglichkeiten den Kampf gegen die Ehe des Japanes mit der Engländerin aufgenommen. Jetzt hat sie den Bräutigam mit der Drohung der
Enterbung nach Tokio befohlen, wo er sich vor einem Familienrat zu verantworten haben wird.
Wenn ein Familienrat ruft, darf kein Japaner widersprechen. So wird denn Katsube in diesen Tagen um die halbe Erde nach Japan reifen, um feine Braut — die in England bleiben muß — zu verteidigen, und, wie er hofft, sich zu erkämpfen. Kenner freilich versichern, die japanische Mutter habe schon gesiegt . . .
Wenn die Polizei znm Sportfest geht...
(—) London.
Die hier berichtete wahre Begebenheit kann wohl nur in England oder allenfalls noch in Amerika passieren. Aber wenn alle Engländer begeisterte Sportanhänger sind: Mister Edwin John Beaufort ist es heute bestimmt nicht mehr —
Besagter Edwin John Beaufort hatte versucht, seine recht mäßigen Einkünfte durch einen Kniff aufzubessern, den man gemeinhin als Wechselfäl- schung zu bezeichnen pflegt. Die Polizei seines Wohnortes Oxford war denn auch der Meinung, daß diese Art der Bereicherung nicht ganz mit den vom Staate zum Schutze seiner Bürger herausae- gebenen Gesetzen in Einklang stand. So lud sie ihn 3u einer „Klausur" ein, in der er sich, von allen störenden Einflüssen der Welt abgeschlossen, darauf Dorbereiten konnte, einigen älteren und ernsten Herren in der laut Tradition vorgeschriebenen Richterperücke seine „Beweggründe" darzulegen.
Sein Verteidiger bat, als es so weit war, den Untersuchungsrichter, Beaufort den Tag vor der Gerichtssitzung zu beurlauben, damit er draußen noch schnell seine Angelegenheiten in Ordnung und das Verteidigungsmaterial vorbereiten könne. Gegen Stellung einer Kaution wurde dieser Urlaub aus dem Untersuchungsgefängnis auch bewilligt, doch als der Verteidiger, froh, feinem Klienten diesen Dienst erweisen zu können, das Geld bei der Polizei niederlegen wollte, war — keine Polizei da, die es hätte in Empfang nehmen können.
Gerade an diesem Tage nämlich hatte die Oxforder Polizei ihr jährliches leichtathletisches Fest und bis auf den letzten Mann dienstfrei. Der Untersuchungsrichter, an den sich der verzweifelte Verteidiger wandte, lehnte die Annahme der Kaution ab, da er nicht dazu berechtigt fei. Und die Poli
zisten, die der Rechtsanwalt auf dem Sportplätze aufsuchte, lachten ihn aus. Es blieb daher gar nichts anderes Übrig: Mister Beaufort mußte wegen der Sportleidensckaft der Oxforder Polizei auch diesen Urlaubstag hinter Gittern verbringen.
So etwas kann, wie gesagt, wohl nur in England passieren —
Wurst wider Wurst.
(v) Budape st.
Auf einer Dank in einer der hiesigen Hauptverkehrsstraßen verkaufte ein Mann schon seit mehreren Jahren warme Würstchen. Das Geschäft war zwar keine Goldquelle, ernährte aber immerhin seinen Inhaber. Eines schönen Tages nahm nun ein Fremder neben dem „Wurstmaxen" auf der Bank Platz und begann zur grenzenlosen Verblüffung des fliegenden Händlers, in lauten Ansprachen an das Publikum dessen Würste „madig zu machen" und zu behaupten, sie seien aus Hunoe- und Pferdefleisch hergestellt. Am Nachmittag desselben Tages wiederholte sich dieses Schauspiel, ebenso je zweimal an den beiden folgenden Tagen. Der Wursthändler, ein älterer Mann, verlor schließlich die Geduld, stellte den Schimpfer zur Rede, mit dem Erfolg, daß dieser ihn blutig schlug und den gesamten Wurstvorrat in den Straßenschmutz schleuderte.
Dieser Vorfall hatte nun ein gerichtliches Nachspiel. Der Wursthändler klagte gegen seinen Widersacher, der als ein Fleischergeselle festgestellt worden war. Er konnte vor Gericht nachweisen, daß feine Wurstwaren einwandfrei und aus bestem Rind- und Schweinfleisch hergestellt seien. Und das Gericht fällte denn auch ein mustergültiges Urteil: es verdonnerte den neidischen Fleischergesellen nicht nur zum Schadenersatz, sondern auch dazu, jeden Nachmittag in Begleitung eines Polizeibeamten am Stande des Wursthändlers zu erscheinen, zwei Paar warme Würstchen zu verzehren und eine in ungeschriebener Form verfaßte Ansprache an das Publikum zu halten, in der auf die Güte dieser Würstchen yingewiesen wird.
Seitdem floriert das Geschäft des Wurstmaxen, wie noch nie . . .
Die schlanke Linie der modernen Türkin.
(ie) Ankara.
Für den Türken der Sultanszeit galt die Frau für umso begehrenswerter, je draller sie war. Und im Harem aalt daher, genau wie bei den Negern, Wohlbeleibtyeit als die größte Schönheit. Kam noch ein „Mondgesicht" hinzu, das nicht nur die persischen Dichter als ideal besangen, dann glänzte dis Haremsschönheit für den Besitzer wie der Venusstern am Morgen. Der Fülle der Odalisken entsprach die berechnende Trägheit der Bewegungen und jene türkische Musik, die melancholisch macht wie die Klage eines Hundes, der das himmlische Mondgesicht anheult.
Aber Kemal Pascha hat nicht nur die Harems aufgehoben, sondern auch die Türkin entschleiert und einen Leiter für moderne Erziehung eingesetzt. Er heißt Selim Sirri-Bei und soll die Türkinnen körperlich und geistig „enthareryen". Dieser Meister hat jetzt ein Loblied auf die neue Türkin gesungen. Er hat geschildert, wie in der neuen Türkei mehr als 2000 Turnlehrer die türkischen Knaben und Mädchen in Bewegung halten und wie 300 Professoren für Körperkultur die Technik der Leibesübungen schweißtriefend dozieren. Und das Ergebnis fei die schlanke Linie. Ehedem streng von der Männerwelt abgesondert, verkehrt die Turkin jetzt mit ihr zusammen. Ihre Haremsfülle ist verschwunden, Melancholie und Phlegma gehören der Vergangenheit an. Die moderne Türkin/ liebt die schlanke Linie und treibt mit Begeisterung Sport — wie chre europäischen Schwestern.
Sturm in Monaco.
(r) Monaco.
Nun war es ein paar Wochen so schön und so still in Monaco. Zufällig kein Skandal, wenn man von der Zurückweisung Der Klage gegen die ame- rikanischen Staaten wegen einer 100 Jahre alten Anleihe absieht. Es sah alles wirklich recht friedlich aus. Und nun auf einmal diese Geschichte mit dem Geheimpakt.
Da trat in diesen Tagen der Nationale Mone-
Der Bries und das Schachbrett
Die „Tücke des Objekts" aus der Bühne.
Die Fortschritte im Theaterleben mögen noch so groß sein, die Technik mag hinter den Kulissen noch so reibungslos ineinandergreifen, und die Schauspieler selber mögen mit noch so bewundernswertem Gedächtnis begabt sein, der Kampf mit der Tücke des Objekts wird fo lange dauern wie „die Bretter, die die Welt bedeuten". Immer wieder wird sich der Mime mitten im Spiel unter grellstem Rampenlicht mit einem Male durch das Versagen eines seiner Kollegen ober durch das Fehlen eines Requisits in einer Lage befinden, in der ihn nur blitzschnelles Erfassen seiner peinlichen Klemme und ebenso geistesgegenwärtiges Handeln vor der Lächerlichkeit bewahren, denn hier bewahrheitet sich das Dichterwort „Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt".
Fast alle Schauspieler wissen von der Tücke des Objekts ein mehr oder minder tragikomisches Lied zu fingen, und in vielen Erinnerungen und Berichten spielen sie eine wichtige Rolle. Max Grube, früher einer der berühmtesten Schauspieler Europas, konnte zum Beispiel ein ganzes Bündel solcher Geschichten aus der Bühnenwelt zum Besten geben. So ist häufig der Brief, in den Werken der alten dramatischen Kunst ein sehr gern verwendeter Gegenstand, Anlaß der verzwicktesten Situation geworden. Grube selbst hatte einmal als Franz Moor vergessen, den bekannten Brief einzustecken, der seinen Bruder ins Unglück stürzen sollte, und zwar geschah das bei seinem ersten Auftreten im Dresdener Hoftheater, bei dem er sich in begreiflicher Aufregung befand. Bei den Worten: „Laßt mich vorerst auf die Seite gehen und eine Träne des Mitleids vergießen für meinen unglücklichen Bruder" suchte er sich in höchster Verzweifelung an eine durch einen Gobelin halbverschlossene Türöffnung heranzuspielen und rief leise „Brief! Brief" in die Kulisse, ohne daß die an der Seite stehenden Schauspieler seine Not gleich begriffen hätten. Endlich drückte ihm ein aufgeweckter Theaterarbeiter ein kleines Oktavheft in die Hand. Durch heftiges Schlenkern mit der freien Hand — die andere befand sich ja auf der Szene — versuchte er ein Blatt loszulösen, was ihm nach vielen Mühen gelang. Von einem handgroßen Fetzen Papier mußte er nun den langen Brief herunterlefen. Als der Vorhang gefallen war, sah er, daß er alle Pein umsonst ausgestanden hatte; er hätte nur zu dem
großen Schreibtisch auf der Bühne zu gehen brauchen, auf ihm lag eine Anzahl schönster Papierbogen.
Seitdem hatten Grube wie alle erfahrenen Mimen in jeder Tasche der Bühnengarderobe Papiere stecken, die notfalls als Briefe gelten können. Ebenso schlimm ist, wenn die Verwechslung eines ausgeschriebenen Briefes vorkommt ober wenn gar ein leeres Blatt abgegeben wird. Zwar sollen die Schauspieler auch solche Briefstellen auswendig lernen, aber in der Regel verlassen sie sich doch gern auf dieses Hilfsmittel. Ein berühmter Napoleon- fpieler in Paris erhielt in einem Auftritt einen langen, für den weiteren Verlauf der Handlung entscheidenden Brief. Der Ueberbringer wollte den Napoleondarfteller in Verlegenheit fetzen. Jedenfalls überreichte er ihm im entscheidenden Augenblick ein unbeschriebenes Blatt. Der Bühnen-Napoleon aber — nicht weniger geistesgegenwärtig wie fein großes Vorbild — gab den Brief, ohne auch nur mit der Stimme zu zittern, mit kaiserlicher Geste zurück und befahl „Lesen Sie, General!" —
Ernst Ge11ke, der frühere Direktor des Wiener Raimund-Theaters, erzählte gern folgende Begebenheit: An einer kleinen Buhne wurden die „Räuber von Mariaculm" gegeben. Dieses schaurig- schöne Ritter- und Räuberstück beginnt damit, daß ein alter Ritter fein Schachbrett, das er als leidenschaftlicher Spieler stets am Sattelknopf mit sich zu führen pflegt, ausgerechnet auf dem Friedhof vergessen hat. Niemand wagt das Brett von dieser Stätte zu holen, bis sich die mutige Tochter des wackeren Burgherrn dazu erbietet. Das Spiel beginnt, und der Ritter will feine gewohnte Partie Schach spielen. „Wo hab ich denn nur mein Schachbrett?" hebt er an. „Mein Schachbrett, wo habe ich es nur?" Da der Künstler den Souffleur nicht recht verstand, extemporierte er in allen Tonarten an diesem einen Satz weiter, und der Requisiteur, der zufällig hinter der Kulisse stand, dachte, das Schachbrett gehöre auf die Szene und fei vergessen worden. Auf einmal schob sich daher aus der Kulisse auf einen nahestehenden Tisch — das so sehr vermißte Schachbrett. Da stand es sichtbar vor aller Augen, und das Stück hätte nicht weiter gehen können, wenn der Mime sich nicht zu folgendem „geistvollen" Extempore aufgerafft hätte: „Ach, da steht ja ein Schachbrett!" — Pause. — „Aber dieses meine ich nicht. Ich meine das gute! Ha, das hab ich ja auf dem Kirchhof gelassen. Wer holt es mir von dort?" —
Oer Millionenzug des Lachses.
Ein anschauliches Bild von dem Lachsfang der Golden zeichnet Dr. Albert Herrlich in der Frankfurter Wochenschrift „Die Umschau". Die Golden, die in ihrer bunten Tracht viel Aehnlichkeit mit den Indianern aufweifen, wohnen im Urwaldgebiet des Amur nahe der Nordgrenze des neuen Staates Mandfchukuo. Das ganze Jahr faulenzen sie ober gehen auf die Jagd. Nur eine Woche etwa wird schwer gearbeitet. Dann ergreift ein Taumel die Dörfer: der Fisch ist da, der Lachs! Von Chabarowsk bis Nikolajewsk herrscht nur eine Frage: Wann kommt der Zug? Alles rüstet sich, und endlich sind sie da, die Lachse, die regelmäßig im September aus dem Meer in die Flüsse und Seen hinaufsteigen, um zu laichen. Ein geheimnisvoller Drang treibt sie von der Flußmündung nach oben; sie kennen keine Hindernisse, immer hinauf, hinan wälzen sich die wimmelnden Massen. Tag und Nacht wird dann gefischt. Am unteren Amur wird mit dem Treibnetz gearbeitet. Die Lachse zappeln in den Maschen, werden mit Stangen totgeschlagen, an Land sofort eingefallen und zur Weiterverarbeitung in den Konservenfabriken verfrachtet. Wenn die Lachse zu den Golden gelangen, sind sie nicht mehr so dick und fett wie an der Flußmündung, denn sie nehmen keinerlei Nahrung aus der Wanderung zu sich und werden daher immer magerer. Die Golden müssen die doppelte Stückzahl sangen, um das gleiche Quantum zu erhalten, und sie fischen mit riesigen Netzen, in denen bis zu 3000 Lachse wimmeln, die manchmal das Netz zu zerreißen drohen. Das ganze Dorf, Männer und Frauen, Greife und Kinder ist fieberhaft beschäftigt. Alles stürzt auf den Fluß, um die Fische zu töten, und die bis zum Rand gefüllten Boote bringen dann die Beute zu den Trockengestellen, den Balaganen. Die Frauen übernehmen die Verarbeitung, weiden die Fische aus und sammeln die Eier, den sog. roten Kaviar. Die Fischleiber werden leicht gesalzen ober roh zum Trocknen aufgehängt. Aber ber Segen geht schnell vorbei. Die Lachse ziehen weiter, um schließlich, völlig er- mübet von ber Wanberung, im oberen Flußlauf stehenzubleiben. Man kann sie bann mühelos mit ber Hanb fangen, unb bie Tiere bes Walbes halten an ihnen ihr Mahl. Don bem Zug ber Millionen treibt nur ein kläglicher Rest ins Meer zurück. Der Golbe hat feinen Nahrungsvorrat fürs ganze Jahr beisammen. Aber bie folgenben Wochen können ihm seinen Reichtum vernichten. Kann ber Lachs nicht
drei Wochen trocknen, so ist er oerborben, unb ber Hunger broht in schrecklichster Gestalt. Deshalb fürchtet man nichts so sehr wie ben Regen in biefer Zeit. Tritt er ein, fo holt man ben Schamanen, ber durch feinen Tanz unb burch feine Beschwörung den Wettergeist besänftigen unb bie Regenwolken vertreiben soll. Die Eingeborenen finb zwar bem Namen nach Christen, haben sich aber ihren alten Glauben an Naturgeister bewahrt, unb beshalb ist der Schamane ihre letzte Zuflucht, wenn bie geliebte unb gewohnte Fischnahrung gefährbet ist.
»Die vertauschte Braute
Wieber mal Anny Onbra unb roieber eine Doppelrolle, wie sie neulich Liane H a i b in „Ihre Durchlaucht bie Verkäuferin" gespielt hat. Hier geht es bebeutenb schwankhafter zu, unb Anny Onbra hat in biesem ganz auf Situationskomik unb Verwechslungen eingestellten Atelierfcherz ausführlich Gelegenheit, ihr sprubelnbes Temperament spielen zu lassen unb sich in bie abenteuerlichsten Verkleidungen unb Szenerien zu stürzen. Als Verkäuferin von Feuerwerkskörpern auf Stelzen, im Flugzeug sitzend, am Fallschirm schwebenb, im Gefängnis unb als Kunstläuferin auf einem großen Eisfest treibt sie die wunderlichsten Späße und sieht sich selber in der Tat verblüffend ähnlich. Ihr Regisseur Karl L a m a c hat den Film großzügig ausgestattet und mit technischem Geschick für die Kamera zugeschnit- ten. Fritz Obe mar unb Abolf Wohlbrück teilen sich mit Humor in bie männlichen Hauptrollen. — Das Publikum unterhält sich erheitert unb sieht im Beiprogramm u. a. eine Schneeballschlacht ber Schulbuben von Arosa, ein Lustspiel mit Abele Sanbrock und die Vorankündigung zur „Insel der Dämonen". (Lichtspielhaus.)
'Zeitschriften.
— Dem Lande Württemberg mit feinen verträumten Städtchen und Naturschönheiten, mit seiner gesunden Verteilung von Industrie und Land- wirtschaft ist das neue Heft der „I l l u st r i r t e n Zeitung' (I. I. Weber, 'Leipzig) gewidmet. Das Heft ermöglicht es dem Leser, sich an Hand der ver- chiedenartigsten Beiträge vom schwäbischen Menschen, Württembergs landschaftlichem Gesicht und seinem bedeutenden Wirtschaftsleben ein vollständiges Bild Zu machen, das noch durch hervorragende Aufnah. men von Landschaft, Mensch und Gewerbe unter- stützt wird.


