flosemtme...
Roman von Käthe Metzner
22. Fortsetzung Nachdruck verbalenj
Mit wenig Interesse verfolgte Wangenheim das Spiel. Was kümmerte ihn in diesem Augenblick das Schicksal Fremder, wo sein eigenes sich, in jedem Augenblick entscheiden konnte?
Man gab die „Liebelei". Wangenheim kannte das Stück noch nicht und erwartete das Erscheinen von Statisten. Dann würde er sie sehen. Rosemarie — seine Rosemarie!
Ein paar Szenen gingen vorüber.
Da!
Ganz weit riß er die Augen auf. Der Augenblick kam, in dem „Christine" die Bühne betrat.
Seine Blicke umschlossen die hohe zarte Mädchengestalt.
Mit bebenden Händen richtete er das Opernglas auf das feine Oval des Gesichts.
Aber schon klangen Christines erste Worte. Wie Musik drang ihre warme belebende Stimme durch den großen Raum des Theaters.
„Das ist sie! Kein Zweifel! Das ist Rosemarie!" flüsterte er erregt dem Justizrat zu.
Hohl schmunzelte bejahend.
,Zch denke, sie ist Statistin!" Wie ein Hauch kamen die Worte über Wangenheims Lippen.
„Na, eine kleine Ueberraschung durften Sie mir schließlich auch gönnen!" gab Justizrat Hohl ebenso leise zurück.
Doktor Wangenheim achtete nicht auf den Gang der Handlung, achtete nicht auf die Personen, die mit und um Rosemarie spielten.
Er sah nur sie. Sah ihre schönen harmonischen Bewegungen, sah den Ausdruck ihrer wunderbaren leuchtenden Augen. Und er hörte ihre Stimme. Von allen anderen nur ihre Stimme. Jahre sanken ins Dunkel zurück. In seinem Herzen erstand wieder die Zeit ihrer ersten scheuen Liebe.
Da war sie, die ihn ruhelos gemacht, Jahre hindurch, die er gesucht hatte, und nach der sein Herz sich gesehnt Tag um Tag.
Aber wie war sie hierher gekommen? Wie hatte sie bei ihrer großen Jugend schon diese Stellung erreichen können?
Wieder heftete er sein Glas auf das geliebte Gesicht. Zug um Zug studierte er in der seligen Freude des Wiederfindens
Kein Argwohn trübte das Bild.
Noch immer strahlte ihr Wesen jene hohe Rein heit aus, die ihn schon damals so übermächtig i> ihren Bann gezogen hatte. Aber lagen nicht leis Schatten der Trauer um Mund und Augen, di leibst die Schminke nicht verwischen konnte?
Und war ihr herzzerreißendes Lächeln nicht en Lächeln unter Tränen?
Ein Ausdruck war in ihren Zügen, der frühe nicht darin gestanden hatte — ein Ausdruck, wi ihn nur größter Schmerz, tiefstes Leid zeichner Und ihre Augen hatten viel geweint.
Wangenheim schloß die Lider. Wie in wollüsti gern Schmerz trank er den Ton ihrer Stimme ir sich hinein
„Rosemarie, Rosemarie! Fühlst Du nicht, daß einer hier ist, der dich liebt, wie keiner dich j( wieder lieben kann — und den auch du — oh lange ist es her! — einmal liebtest?" schrie es in ihm.
Er konnte das Warten kaum noch ertragen. Un erträglich lang schien ihm das Stück.
Der Beifall, der Rosemarie umtoste, war unbeschreiblich. Noch immer dröhnten Wangenheim das Klatschen und Rufen in die Ohren, als et schon lange in der Garderobe stand und aufgeregt seinen Mantel und Hut verlangte.
Hastig fragte er sich durch nach dem Künstlerausgang. Den Justizrat hatte er sich selbst überlassen.
„Morgen früh beim Kaffee!" rief er ihm nur hastig noch zu.
Den Hut tief in die Stirn gedrückt, stand er am hinteren Ausgang des Theaters in einer kleinen Nische und wartete.
Das Publikum hatte sich lange zerstreut. Aber trotz des schneidend scharfen Ostwindes stand ein ganzer Trupp Unentwegter noch hinten am Ausgang und erwartete die Bergmann, um ihr noch einmal hier Ovationen darzubringen.
Hier würde es unmöglich sein, an Rosemarie heranzukommen!, dachte Wangenheim. Die vielen Fremden .. Ganz unmöglich.
In diesem Augenblick bog ein eleganter Wagen um die Ecke und hielt direkt vor dem Portal.
Im Fond dieses Wagens saß ein offensichtlich sehr vornehmer Herr, der sofort ausstieg und die Treppen hinaufeilte, die in die Garderoben der Künstler führten.
Minuten nur waren vergangen. Schon verließen einige Schauspieler fröhlich lärmend das Haus, als sich wieder die schwere Tür öffnete.
Sofort erkannte Wangenheim Rosemaries Gestalt, ah im Vorüberhuschen sekundenlang ihr Gesicht, der schon war der Fremde ihr behilflich, in den sagen zu steigen.
Summend sprang der Motor an.
Rosemarie hob noch einmal freundlich dankend »ie Hand und nickte grüßend den Unentwegten zu, ie bei ihrem Erscheinen laute Beifallsrufe hatten rtönen lassen.
Auch der Herr neben Rosemarie grüßte höflich. Iber schon war der Wagen im Dunkel des Abends ntergetauchl.
Endlich zerstreute sich auch der Trupp der Un- ntwegten. Nur Wangenheim blieb zurück.
Seine Lippen verzogen sich in bitterem Spott. Das also war sein Wiedersehen mit Rosemarie!
;r hatte sie in dem Wagen eines Fremden davon- ahren sehen.
Die Letzten hatten das Theater verlassen. Doktor Wangenheim stand noch immer an seinem heimlichen Platz.
Ein paar Garderobefrauen eilten hastig nach Hause. Dann wurde es dunkel. Eine Lampe nach )er anderen erlosch. Nur der alte Schließer krabbelte noch an den Türen herum und erbat sich von Wangenheim, der in schnellen Zügen eine Zigarette rauchte, sogar etwas Feuer.
Wangenheim verwickelte den alten Schließer in ein Gespräch.
„Ja, ick bin hier och Portier", sagte der Alte selbstbewußt. „Aber wat denken Se, so wat wie in den letzten Wochen Ham wir hier lange nich erlebt. Wir Ham doch jetzt die Bergmann hier, wissen Se, wat die Tochter von die jroße Bergmann is, die vor zwanzig Jahren in Berlin jedet Kind kannte un die denn den jroßen Kunstmaler Neuß jeheirat't hat, den schwerreichen Mann. Na, aber wat wollte ick sagen? Ach so, wat nu die kleene Bergmann is, also die Rosemarie, ick sage Ihnen, so wat, so wat... Wenn die hier spielt, wissen Se, da Ham wa vor Blumen jar nicht treten kenn'n hier. Und wat die vorn Applaus hat, bis hier hinter hört ma bat. Na, wissen Se, junger Mann, die hat aber ooch wat los; da kenn'n Se de Tränen jleich iroer de Backe kullern..."
Es war Wangenheim jetzt ganz gleich, mit wem er sprach. Nur etwas von Rosemarie hören wollte er. Etwas aus ihrem Leben wissen?
Da unterbrach er oen Redefluß des Alten:
„Na ja! Die ist aber doch verheiratet, die Bergmann? Vorhin wurde sie doch von einem Herrn, offenbar ihrem Gatten, abgeholt? Oder war es nur ihr Kavalier?"
„Die Bergmann is nich verheirat't, und Kavalier — von wejen — nee, nifcht is. Det war en Bekannter von ihr, Fürst Lueberg. En janz nobler! Der würde sich alle Finger nach die lecken. Aber die Bergmann — nee, da kann teener ran?"
Ach Sie meinen, der Fürst würde Fraulem Bergmann heiraten?" fragte Wangenh'eim, wahrend ihm die Kehle wie zugeschnurt war.
„Na ja, freilich! Wenn die nur wollte. Fürstin Lueberg' Hm! Wat denken Se, wie die anderen alle varrückt sin hinter den Kerl!? Bloß die Bergmann nich! Die nicht — aber det scheint den Fürsten jrade zu imponier'n ..
Wangenheim wußte genug. Schwer klopfte sein Herz in der Brust. Wie im Fieber schlugen seine Zähne aufeinander.
Er ballte die Fäuste in ohnmächtigem Schmerz.
„Gefunden — und verloren zugleich!" sagte er dumpf.
Drei Abende hintereinander war Wangenheim im Theater gewesen. Drei Abende hatte er am hinteren Ausgang in seiner Nische verborgen gestanden, hatte sie vorüberhuschen und mit dem Fürsten im Auto davonrasen sehen.
Alles, was er in den letzten Jahren um Rosemarie gelitten hatte, war ein Spiel gegen das, was er jetzt durchmachen mußte. Fast greifbar nahe ging sie an ihm vorbei — und er durfte sich ihr nicht nähern.
Der Justizrat tröstete ihn so gut er konnte. Ihm tat Wolfgang Wangenheim in seinem Schmerz so unendlich leid.
„Wir wollen doch erst einmal abwarten, ob die Sache mit dem Fürsten wirklich schon in dem Topfe ist, wo's kochen soll!" sagte er ein über das andere Mal scherzhaft, um Wangenheim etwas aufzurütteln.
Aber der war wie erstarrt.
Es war ihm nicht gelungen, den alten Schließer noch einmal zu erwischen, den er doch ganz gut hätte ausfragen können, wohin die beiden immer nach Theaterschluß fuhren, eventuell in welchem Lokal sie verkehrten.---
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