Einzelbild herunterladen

Nr. 45 Zweites Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhesien) Donnerstag, 22. Zebruar 1954

Aus Oer provinzialhauptstavL Pfarrer Karl Knodt, probst von Oberheffen.

Der vom Landesbischof von Hessen und Nassau neuernannte Probst von Oberhessen, Pfarrer Karl Knodt wird in unserer Provinz allseits mit Sym­pathie begrüßt. Entstammt er doch, ebenso wie sein hochverehrter Vorgänger, einem uralten oberhessi­schen Pfarrer-, Bauern- und Salzpfännergeschlecht, das seinen Ursprung bis zum Jahr 1464 in Salz­hausen zurückführt, wo Ludewig Knott, an den noch heute der dortige Knottenstein erinnert, der erste be­kannte Besitzer der Sode Salzhausen war. Karl Knodt wurde geboren zu Gernsheim am Rhein als älte­ster Sohn des hessischen Dichters und Waldpfarrers Karl Ernst Knodt zu Ober-Klingen, zuletzt in Bens­heim. Er bestand die Reifeprüfung auf dem Lud­wig-Georg-Gymnasium zu Darmstadt, studierte m Gießen, Berlin und Basel Theologie, wurde nach Besuch des Predigerseminars am 24. Dezember 1905 als Pfarrassistent in Gießen ordiniert, wo er jetzt als erster Probst von Oberhessen seinen Wohn­sitz nehmen wird. Von 1906 bis 1908 Vikar in Graz in Steiermark, 1908 Vikar in Mainz, 1910 Pfarrer in Schornsheim, 1920 2. Pfarrer, 1924 1. Pfarrer zu Wimpfen, feit 1927 Pfarrer der Stadtkirchengemeinde zu Offenbach, ist Propst Knodt als liturgischer Schriftsteller und Her­ausgeber des hessischen Kirchenblattes schon seit Iah- ren eine allseits geachtete Persönlichkeit.

Das Winterhilfswerk vergißt auch die im Aus­land lebenden Deutschen nicht. Dies beweist fol­gender Vorfall:

In Leningrad lebt ein Deutscher, der schwer zu Fuß ist', er brauchte orthopädische Schuhe. Seine Mittel reichen nicht aus, sich Schuhwerk zu be­schaffen, das ihn von seinen Plagen befreit. Kurz entschlossen wendet er sich an die Gauführung des Winterhilfswerkes Hessen-Nassau mit der Bitte, ihm die Mittel zur Verfügung zu stellen, die notwendig sind, um seine orthopädischen Schuhe, die er bei einer Frankfurter Firma hat anfertigen lassen, be­zahlen zu können. Mit Hilfe des AusschussesBrü­der in Not" und der Deutschen Botschaft in Mos­kau kann der Bitte des Ausländsdeutschen entspro­chen werden.

Voller Freude schreibt der einfache Mann einen Dankbrief, der in seiner schlichten Art Zeugnis ist für die Volksverbundenheit aller deutschen Brüder:

Leningrad, am 29. Ian. 1934.

Ich sage der Gauführung des Winterhilfswerkes Hessen-Nassau meinen besten Dank, daß den deut­schen Brüdern im Ausland so viel Aufmerksamkeit und Hilfe gewährt wird. Gleichfalls sage ich meinen besonderen Dank unserem lieben Herrn Generalkon­sul Sommer und den anderen Herren des deut­schen Generalkonsulats in Leningrad, die sich aller meiner Sachen annahmen, um mir in meinem Lei­den zu helfen. Deutschlands Erwachen fühlen auch wir, die wir weit vom Vaterland sind. Das Win­terhilfswerk des deutschen Volkes ist für alle Deut­schen ein Segen geworden! Ich hoffe, daß es auch mir einmal möglich wird, dem Winterhilfswerk eine Spende zukommen zu lassen. Möge das Werk der nationalsozialistischen Partei Deutschlands mit ihrem Führer, dem Reichskanzler Adolf Hitler, wei­ter blühen und Frucht tragen in den Herzen aller Deutschen und derjenigen, die Deutschland achten!

Mit deutschem Gruß! Heil Hitler!

Hitler schafft Arbeit.

Donnerstag, 18 Uhr, hören Sie im Rundfunk all­gemein interessierende Ausführungen von Herrn Dr. W i n d m ü l l e r und Herrn Hansen (Lim­burg) über die öffentlichen Arbeitsbeschaffungsmaß­nahmen im kommenden Frühjahr.

Unzulässige Werbung für Ersatzkaffen.

Die Bezirksleitung der Deutschen Arbeitsfront macht darauf aufmerksam, daß es unzulässig ist,

Oer Treueschwur der PO

33000 Politische Leiter werden vereidigt.

Vom Gaupresseamt wird mitgeteilt: Die feierliche Verpflichtung der Politischen Leiter und Amtswalter in den 32 Gauen des Reiches wird in ihrer Gesamtheit eine bisher unerreicht gewaltige Demonstration des Führerprinzips werden.

Sind es doch allein im Gau hefsen-Tlassau über 33 000, die durch Ableistung des Lides Adolf Hitler und den von ihm bestimmten Unterführern unverbrüchliche Treue zusichern.

In dieser gewaltigen Zahl, die allein schon einen Begriff von der trotz ihrer Größe feinen und ge­nauen Organisation der Partei gibt, sind noch nicht enthalten die Führerschaft der HI. und des Arbeitsdienstes.

Mit dem Vollzug dieses symbolischen Aktes wird das Primat der politischen Führung eindeutig und klar auf die Politische Leitung und Führerschaft der Partei festgelegt. Aber ebenso deutlich geht aus dem Wortlaut der Eidesformel das hohe Maß

disziplinierter Verantwortung hervor, das der Füh­rer damit auch dem letzten Blockwart vertrauens­voll in die Hände legt. Das Führerprinzip kommt darin in seiner ganzen Wucht und Stärke zum Ausdruck, daß das Treuegelöbnis zum Führer Gleichzeitig eine eidliche Bindung unbedingten Ge­horsams mit den jedem Politischen Leiter und Amts­walter von Adolf Hitler bestimmten Unterführern darstellt.

3n dieser zusammengeballten Kraft und der Sicherung des Nachwuchses durch TNitverpflich- tung der HI. liegt die Bürgschaft für eine Stetigkeit der gradlinigen politischen Führung des Reiches auf Generationen hinaus.

Von diesem Blickfeld aus betrachtet, bedeutet der 25. Februar 1934 einen ehernen Markstein in der Geschichte der Bewegung und'des Volkes, der noch in Jahrhunderten richtunggebend für die geistige Haltung des deutschen Menschen sein wird.

Hiller-Ägend

Von Alwin JRüffer, Referent der Abteilung S im Bann 116.

Das deutsche Volk lebt noch unter dem gewalti­gen Eindruck der nationalsozialistischen Revolution 1933. Eine Umwandlung von so gigantischem Aus­maß hat sich in Deutschland vollzogen, daß erst spä­tere Generationen die volle Größe werden erken­nen können.

Unter Revolution versteht man eine plötzliche Umwandlung der staatlichen Ordnung. Aber es wird niemals zu einer Revolution kommen, wenn nicht vorher das Bestreben nach einer geistigen Neuordnung geherrscht hat. Das heißt, es müssen erst geistige Waffen ins Feld geführt werden.

Wenn die Revolution dann gesiegt hat, wird der Umwandlung der staatlichen Ordnung jene Neuge­staltung der geistigen Kräfte eines Volkes folgen.

Die deutsche Revolution 1933 wurde Jahr um Jahr vorbereitet. Erbittert wurde gekämpft. Hun­derte deutscher Helden mußten ihr Leben hergeben für jenen gewaltigen Augenblick, da Deutschland frei wurde. Die nationalsozialistische Revolution war Getragen von einem Sehnen nach dem Gro­ßen, dem Neuen. Zu allem Neuen aber braucht man unbeschwerter Seelen, braucht man jugend­lichen Geist. Deshalb stand auch die deutsche Ju­gend im Kampf um Deutschland in vorderster Linie. Die deutsche Jugend hat großen Anteil an dem siegreichen Durchbruch der nationalsozialisti­schen Revolution.

Deutschland ist geeint. Deutschlands Jugend ist die Hitlerjugend. Ein Jahr unter nationalsozialisti­scher Führung ist vergangen. Aber Ruhe nach dem Kampfe ist in diesem Jahr nicht eingetreten. Die deutsche Jugend kämpft weiter, sie kennt kein Der­weilen.

War es der Geist der Jugend, der die national­sozialistische Revolution siegen ließ, so wird jener Geist noch weit mehr jetzt in dem beginnenden Kampf um eine geistige Neugestaltung Deutsch­lands ausschlaggebend mitwirken.

Das deutsche Volk wird durch seine Jugend von den letzten Zeugen des marxistischen Regimes und reaktionärer Bestrebungen freigemacht werden. Die Hitlerjugend wird Deutschland wieder zum wahr­haften Kulturstaat machen.

Das fordert Kampf. Aber die Jugend sieht ihren Weg klar vor sich.

Die Hitlerjugend, Bann 116, veranstaltet am kommenden Sonntag, 25. Februar, 20 Uhr, im Cafe Leib eine

Feierstunde der jungen Nation. Diese Feierstunde wird Zeugnis ablegen von dem Kulturwillen der HI. Gebietsführer Walter Kra­mer wird sprechen. Der Verkauf der Programme hat bereits eingesetzt.

wenn zum Zwecke der Werbung für Ersatzkassen Betriebsversammlungen einberufen werden, in denen Werber derartiger Kassen sprechen. Die Kreis­betriebszellenleiter sind angewiesen, derartigen Miß­bräuchen entgegenzutreten.

Ausgabe der Bezugsscheine für Haus­haltsmargarine und Speisefette.

Für März und April werden wieder Stammab­schnitte mit sechs Bezugsscheinen für Haushaltungs­margarine und einem Reichsverbilligungsschein für Speisefette ausgegeben.

Zur besseren Uebersichtlichkeit ist die bisherige Einteilung des Stammabschnittes geändert worden. Ferner sind auf dem Reichsverbilligungsschein für Speisefette und auf dem Bestellschein für Haus­haltsmargarine voneinander abweichende rote Striche aufgedruckt, um Verwechslungen der ver­schiedenen Abschnitte zu vermeiden und dadurch die

Arbeit der Finanzämter und der Verkaufsstellen zu erleichtern. Im übrigen gelten für die Durchführung der Maßnahmen im März und April die bisherigen Bestimmungen.

Personen, bei denen die Voraussetzungen für den Bezug der Stammabschnitte erst nach dem 1. März 1934 eintreten, Haden noch bis zum 9. April 1934 Anspruch auf die unverkürzten Stammabschnitte mit sechs Bezugsscheinen und einem Reichsoerdllligungs- schein. Nach dem 9. April 1934 darf dagegen nur noch der Stammabschnitt mit dem Reichsverbil- ligungsschein für Speisefette ausgegeben werden. Vom 24. April an darf der für März und April 1934 gültige Reichsverbilligungsschein nicht mehr ausgegeben werden.

Die drei Bezugsscheine für März bleiben auch für den Monat April gültig. Jedoch darf auf die drei für April bestimmten Bezugsscheine Marga­rine nicht schon im März ausgegeben werden.

HeuteabendKundgebung derASOAp.

Die NSDAP. Gießen veranstaltet heute abend, 20 Uhr, im Cafe Leib, eine große öffentliche Kund­gebung. Es spricht der Gaupropagandaleiter der NSDAP. Pg. Müller-Scheld-Frankfurt a.M. Sämtliche Gießener Ortsgruppen mit ihren Unter­gliederungen nehmen an der Kundgebung teil.

Polizeibericht.

Einbruchsdiebstahl.

In der Nacht von Sonntag auf Montag wurde in die Kantine des Arbeitsdienstlagers in Homberg an der Ohm eingebrochen und etwa 135 Mark Bar­geld und 1700 Zigaretten gestohlen. Der Täter konnte noch am Montag durch die Kriminalpolizei in Gießen ermittelt und festgenommen werden. Es handelt sich um den 28jährigen Arbeiter Otto Rink aus Wiefeck. Rink hat kurz vor seiner Festnahme noch einen Diebstahl in einer hiesigen Wirtschaft verübt. Er hat sich weiter eine Reihe von Zech-

Oer7!SV.-Mann ist derwahreSozialist Werdet Mitglieder!

betrügereien in Homberg und Groß-Auheim zu­schulden kommen lassen. Außerdem wurde er von mehreren Behörden gesucht. Ein Teil der im Ar­beitsdienstlager gestohlenen Zigaretten und etwa 50 Zigarren, die er hier entwendete, konnten ihm abgenommen werden. Rink wurde dem Amtsgericht zugeführt und kam in Untersuchungshaft.

Straßenraub.

Ein auf dem Heimweg befindlicher älterer Mann aus Rödgen wurde in der Sonntagnacht, 17. zum 18. Februar 1934, in der Pähe des Schützenhauses überfallen und beraubt. Als Täter wurde der neun­zehnjährige Arbeiter Christian P i tz aus Gießen er­mittelt, der vor der Tat mit dem Geschädigten ge­zecht hatte. Pitz wurde dem Amtsgericht zugeführt und in Untersuchungshaft genommen.

Festnahmen.

Wegen Betrugs in mehreren Fällen wurde der 21jährige Elektromonteur Peter Ranft aus Gie­ßen festgenommen und nach Erlaß eines Haftbe­fehls in das Landgerichtsgefängnis eingeliefert. Ranft kaufte u. a. eine neue Nähmaschine, Radio­geräte auf Abschlagszahlungen, zum Teil mit ganz geringer oder gar keiner Anzahlung, und verkaufte die Gegenstände sofort weit unter Preis an andere Personen weiter.

Wegen Rückfalldiebstahls wurde der 19jährige Glaser Herbert Thomas aus Gießen, der auch von der Staatsanwaltschaft Gießen gesucht wurde, festgenommen und in das Landgerichtsgefängnis eingeliefert.

Diebstähle.

Vor einiger Zeit wurden einer alten Frau 170 Mark aus ihrer Tasche gestohlen. Nunmehr konnten zwei ältere Frauen als Täter ermittelt werden. Die beiden wußten, daß die Geschädigte ihre Er­sparnisse stets in der Tasche nachtrug. Um die Tat ausführen zu können, luden sie die Geschädigte zum Kaffeeklatsch ein und entroenbeten bei einer gün­stigen Gelegenheit den erwähnten Geldbetrag.

In der Nacht vom 13. auf 14. Februar wurde hier aus einem unverschlossenen Hofe in der Bleich­straße ein Herrenfahrrad, Marke Corona, Fabrik- nummer unbekannt, schwarzer Rahmen, gelbe Fel­gen, rote Bereifung, am Hinterrad halbballon, deutsche Lenkstange, Torpedofreilauf und elektrische Beleuchtung, und am 19. Februar vor der Haupt­post ein gut erhaltenes verchromtes Ballonrad, Marke Kuxmann, Fabriknummer unbekannt, schwar­zer Rahmen mit weißen Streifen, gelbe Felgen mit schwarzen Streifen, schwarze Schutzbleche, graue Ballonbereifung, deutscher Lenker mit schwarzen

Gießener Gtadtthearer.

Shakespeare: Julius Cäsar."

Mit demJulius Cäsar" wird die Reihe der »Staatsdramen und politischen Schauspiele fortge- stührt, die mit derHermannsschlacht" und Forsters Wasa-Stück begonnen worden war. Es ist früher sschon darauf hingewiesen worden, daß derJulius »Cäsar" eine gewisse Kenntnis nicht nur der rvmi- sschen, sondern auch der englischen Geschichte vor- -aussetze; man hat an die Verwandtschaft mit den Shakespeareschen Königsdramen erinnert und die Lage Englands am Ausgang des Mittelalters (der ^Julius Cäsar" ist 1599 geschrieben) mit dem Zu­stande Roms zur Zeit des Imperiums verglichen.

Das mag erwähnt werden, ist aber für uns minder wichtig als die grundsätzliche Gestaltung Öer großen Motive Freiheit und Führertum, die öas Römerdrama mit den beiden oben genannten Stücken gemeinsam hat.Julius Cäsar" kann die Tragödie des genialen Staatsmannes auf der Höhe Seiner Macht genannt werden: damit drängt sich die Beziehung zu einem großen, deutschen politischen Drama und Führerschauspiel unabweisbar auf: ;umWallenstein". Obwohl derCäsar" als Drama wesentlich einfacher und minder verwickelt kompo­niert ist als die Schillersche Trilogie und auch etwa !»erHamlet" oberRicharb III.", erscheint boch >ie charakterliche Verwanbtschaft zwischen bem Körner unb bem Friedländer stellenweise über­raschend.

Während nun die Gestalt Wallensteins den ge­tarnten, weit ausladenden und vielfach verzweigten Dramenaufbau bis zuletzt persönlich bestimmt und beeinflußt, tritt Cäsar schon vor der Mitte des Ge- oamtablaufs vom Schauplatz ab die spätere llüchtige Wiedererscheinung als Geist kann lediglich theatralisch gewertet werden, und man hat be­hauptet, daß damit das Interesse am Schauspiel rlahme, sein Schwergewicht sich naturgemäß ver­lagere und auf die entscheidende Auseinandersetzung zwischen Brutus und Marc Anton übergehe. Das st bis zu einem gewissen Grade richtig: aber Shakespeare hat auch nicht ohne Grund sein Stück r ad) Cäsar und nicht nach Brutus genannt, und es int kein Zweifel, daß die eigentlich dramatischen Impulse des Schauspiels in den ersten drei Akten i»eschlvfsen liegen.

Und wenn auch, zum mindesten rein äußerlich i nb theatralisch, die berühmte große Leichenrede ks Marc Anton im dritten Akt Scheitelpunkt und

Mittelachse der Dramenarchitektur bildet, so ist die Tragödie Cäsars, die der Tragödie Wallensteins nicht unähnlich scheint in ihren Voraussetzungen und ihrer Wirkung, zu diesem Zeitpunkt bereits abgeschlossen.

Wie Wallenstein spielt Cäsar mit der Macht, die in seine Hände gelegt ist: dreimal wird ihm eine Krone angeboten, dreimal schlägt er sie aus, aber jedesmal mit sichtlich größerem Widerstreben. Wer Augen hat zu sehen, dem kann es kaum entgangen sein, daß dem Cäsar der Verzicht nicht leicht ge­fallen ist: er lehnte ab aus Diplomatie und Instinkt, und in der Tat gewann er mit dieser Geste den Beifall des Volkes. Seine Feinde aber haben fein Zögern bemerkt und richtig ausgelegt: Cäfar steht noch immer nicht auf dem Gipfel feiner Macht, die Krone hätte ihn nicht nur zum unumschränkten Herrscher über Rom, sondern zum Herrn der Welt gemacht. Er ist schon groß und kann noch größer werden: das besiegelt fein Schicksal.

In der Gruppe von Cäsars Feinden, die seinen Tod beschließen und herbeiführen, wird dieser Ent­schluß verschiedenartig motiviert: nämlich aus per­sönlichem Ehrgeiz und Mißgunst wie aus Staats­räson, die den Bestand der Republik durch eine Tyrannis gefährdet sieht. Keines dieser Motive kann freilich im Sinne der klassischen Tragödie aus­schlaggebend genannt werden; Cäsar selbst ist nicht .oyne Schuld an dem blutigen Ende im Capitol.

Wieder denkt man anWallenstein", wenn man erlebt, mit welcher Kunst Shakespeare die Span­nung des Zuschauers auf die entscheidende Szene, auf die Katastrophe hin zu steigern versteht: Cäsar oertraut seinem Stern blindlings wie der Fried­länder, am unerschütterlichsten wie dieser gerade in der Schicksalsstunde, da sein Stern, schon sichtbar für alle andern außer ihm, im Sinken ist. In dem Augenblick, da er schwankend wird und den be­schwörenden Warnungen der Seinen Gehör zu geben geneigt ist, erreicht ihn die Nachricht, die ihn umstimmt: wieder blitzt vor seinen Augen das Diadem auf, das ihm angeblich im Senat wieder­um bargeboten werden soll, das ihn zum Herrn der Welt machen und auf den Gipfel irdischer Macht tragen würde. Das entscheidet, und er tritt den verhängnisvollen Gang an, der unter dem Stand bilde oes Pompeius so schrecklich und blutig endet. Tragischer Untergang des großen Staats­mannes, des überragenden Menschen, dessen Genie den tödlichen Haß ehrgeiziger Verschwörer und un­dankbarer Günstlinge entzündet, dessen außerordent­

liches Maß von der Menge des Volkes zu spät er­kannt, dessen Tod von den Freunden und Gut­gesinnten zu spät gerächt wird.

*

Intendant Könia leitete die Inszenierung; er hat die an sich einfache und ungebrochene Linie der Handlung, von der schon die Rede war, allen überflüssigen Beiwerkes entkleidet und nur stehen gelassen, was unentbehrlich war. So wird der Grundriß der Fabel in einer ganz auf klassische Haltung und Stilisierung bedachten Aufführung übersichtlich freigelegt.

Es ist hier auch des Bühnenbildners mit An­erkennung zu gedenken: feine Raumgestaltung kam den Absichten der Spielführung aufs glücklichste entgegen. Herr Löffler baute die Szenerie des cäsarianischen Rom vor einem weiten tiefblauen Prospekt in wenigen groß und wuchtig empfunde­nen Umrissen auf. Mächtige Säulen und Treppen, hellgetönt, von südlichem Licht übergossen, bilden Straße und Haus, Forum und Kapitol. Rote Vor­hänge und Gewänder geben den farbigen Kontrast zum Hintergrund. Davor ein weiter Raum für die Masse des Volkes wie für eine wirksame Gruppie­rung der Einzelszenen. Auch kann im feststehenden Bühnenrahmen verhältnismäßig schnell verwandelt werden; durch die vertikale Zweiteilung des Spiel­feldes wird ein weiterer Umbau eingespart.

*

Im übrigen entsprach der Eindruck der Aus­führung genau dem Eindruck einer nachprüfenden Lektüre des Textes: die Höhepunkte lagen ganz organisch im Mittelakt. Die Mordszene im Senat wurde dank der durchdachten Gliederung des ver­fügbaren Raumes und der Darstellergruppen ein­drucksvoll verwirklicht. Alle dramatische Energie sammelte sich dann in dem anschließenden Bilde auf dem Forum mit den Reden des Brutus und des Marc Anton. Daß von den beiden letzten Akten nicht die gleiche Kraft ausstrahlte, spricht nicht gegen die Inszenierung; die Regie hatte hier mit energi­scher Zusammenfassung das dramaturgisch Mögliche getan.

Intendant König spielte auch den Cäsar selbst. In der Aufführung wird fast noch deutlicher als beim Lesen, welche Konzentration die Rolle vom Schauspieler verlangt, der sie in wenigen, nicht einmal sehr großen Szenen erschöpfen will; denn auch darin ist der Cäsar dem Wallenstein, dem an sich ein darstellerisch ungleich weiterer Aktions­radius zu Gebote steht, nicht unähnlich, daß fein Bild auf dem Theater nur zum Teil unmittelbar,

zum andern Teil aber indirekt, in der Rückspiege- lung auf feine Umgebung, sichtbar gemacht wird. Hanns König gibt den Cäsar im wesentlichen halblaut und beherrscht, ohne die große imperato« rische Geste; er betont, fast nachdenklich, eher beji Philosophen als den Feldherrn, ohne ihm an Würde und Haltung etwas zu versagen.

Interessant waren die beiden wichtigsten Träger der Verschwörung wider Cäsar von einander ab­gehoben und einander gegenübergestellt. Kühne als Cassius, hager, groß und grauhaarig, steigerte sich aus anfänglich kalter Dialektik vor allem in Der Gewitterszene mit Gasca schnell und heftig zu leidenschaftlichem Ausbruch und erschien so als Wortführer der eigentlich treibenden, schürenden und stachelnden Energie des Aufruhrs.

Den Brutus gab Neuhaus, zunächst sparsam, unentschlossen oder doch mindestens undurchschaubar in seiner Haltung, bald aber innerlich beteiligt und mehr als nur beteiligt an dem dunklen Plan, dem er allein von allen eine überpersönlich sich äußernde Rechtfertigung zu geben trachtet zumal in der von edlem Pathos getragenen Rede an das Volk auf dem Forum.

Diese Rede ist von einer ganz sinnfälligen Wir­kung und dennoch nur Vorbereitung für die größere und ungleich wirksamere Ansprache des Antonius. Ihn gab Herr Löser: anfänglich etwas matt, auch etwas schnell und nicht immer ganz verständ­lich gesprochen; die volle Entfaltung gab ihm erst die berühmte Leichenrede, die gerade aus einer be­tont unpathetischen Form ihre stärkste Stoßkraft entwickelt. Sie bringt bas wankelmütige Volk von Rom zur Raserei, und noch ehe Antonius recht ge­endet hat, haben die Verschwörer schon ihre erste Schlacht verloren.

*

Zwei edle unb ganz weiblich empfundene Frauen» geftalten in diesem Männerschauspiel: Sybille- Evelyne Flemming als Portia; Maria Koch als Calpurnia. Aus dem Casca machte Hub eine sehr belebte, fest umrissene Gestalt. Vom großen Ensemble seien mit tüchtigen Leistungen noch die Herren Michel in einer Doppelrolle, Marcks (Octavius), D i e t e n (Flavins), Volck (Artemi- borus) und Geiger (Popjlius Lena) genannt.

Mit den Darstellern erschienen zuletzt auch Spiel­leiter und Bühnenbildner, um den verdienten Dank des Hauses entgegenzunehmen. hth.