Das Rätsel einer Krühlingsnacht Vornan von Gert Gothberg.
Urheberrechtsschutz: Fünf Türme-Verlag, Halle, Saale
Schluß.
Sechs Wochen später. Der alte Jean sollte die Umstellung der Möbel beaufsichtiaen, die aus dem Sterbezimmer getragen wurden. Komteß Edelgarde von Uchterberg wollte später mit ihrem jungen Gatten hier Wohnung nehmen.
Wehmütig beaufsichtigte der Alte das Hinaustragen der kostbaren Möbel. Sechs Wochen lang war die Heiligkeit dieses Zimmers unberührt geblieben, und wenn es nach ihm gegangen wäre, dann hätte überhaupt keines Menschen Hand je diese Sachen wieder anrühren dürfen.
Doch es ging hier nicht nach dem pietätvollen Gedenken eines alten Dieners. Junges Leben forderte fein Recht. Das alte war tot, vergessen.
Plötzlich bückte sich Jean. Was lag denn da am Fenster für ein Brief?
Hatte seine geliebte Herrin diesen Brief in ihrer letzten Stunde vielleicht noch gelesen?
Jean las die Adresse.
„An S. H.
den Grafen von Härtlingen."
An den Herrn Grafen von Härtlingen? Und der Brief war geschlossen?
Er trug die charakteristischen Schriftzüge der Fürstin. Ja, war denn der Brief vergessen worden? Uebersehen? Oder hatte Durchlaucht ihn kurz vor ihrem Tode geschrieben, hatte ihn durch ihn, Jean, zur Post besorgen lassen wollen? Er tat das doch stets, wenn seine Herrin einen Brief geschrieben hatte. Und war sie, den Brief in der Hand haltend, gestorben? Und nun war dieser Brief, der doch sehr wichtig sein konnte, übersehen worden, hatte hier die ganzen Wochen gelegen!
Jean nahm den Brief, hielt ihn vorsichtig, wie etwas unendlich Kostbares, und trug ihn hinaus, zur Gräfin Uchterberg, die jetzt wieder einmal in Kleven mit anwesend war, denn sie leitete doch alles.
Jean erstattete der Dame Bericht.
Ihr Gesicht wurde ein bißchen blaß. Unschlüssig drehte sie den Brief in der Hand.
Oeffnen durfte man das Schreiben nicht, es war ordnungsgemäß geschloffen. Also mußte man es an den Adressaten schicken, das war doch der einfachste, einzig richtige Weg.
„Ja, Jean — eine Marke drauf und an den Grafen Härtlingen senden, so schnell wie möglich selbstverständlich", entschied sie dann.
Jean ging, und die Gräfin wandte sich wieder ihrer Arbeit zu.
„Jetzt ist es ganz und gar aus mit ihm. Mein Gott, er wird tatsächlich noch wahnsinnig werden", sagte der alte (Bormann händeringend zu seiner Frau. Dann setzte er, sich vorsichtig umsehend, hinzu:
„Dabei steht er fortwährend im Gartensaal und starrt auf das Bild der Frau. Und die gnädige Komtesse Molchen hat auch immer nur verweinte Augen. Der Fluch, den die blonde Hexe über Schloß Härtlingen und unseren geliebten Herrn gebracht hat, weicht nicht. Er kann sie nicht vergessen. Er geht an ihr zugrunde. Nun noch, nach so langer Zeit, wo ich schon dachte, es sei alles gut. Denn wie er die große Reise hinter sich hatte, kam er frisch und viel froher zurück. Seit er aber der Einladung der Frau Fürstin Kleven gefolgt ist und von dort zurückkam, ist es nicht mehr zum Aushalten mit ihm, und ich habe gesehen, daß er seinen Revolver sorgfältig geprüft hat. Es gibt bestimmt ein Unglück. Ein Unglück, sage ich, Mutter!"
Nach dieser langen Rede setzte sich Gormann auf die gescheuerte lange Bank in der Küche und sah seiner Frau zu, die junge Hähnchen rupfte.
Frau Gormann schüttelte traurig den Kopf.
„Ich war so froh, daß er wieder auflebte, und nun dieser Rückfall. Ach was, Rückfall. Schlimmer, viel schlimmer ist's geworden mit ihm als früher. Berndt war da. Er war außer sich, daß der Graf nicht mit ihm sprechen will, und er meinte, in Schloß Härtlingen spuke noch immer diese Frau, die er nicht vergessen könne, der Herr Graf."
„Berndt hat recht. Ich vernichte noch das Bild im Gartensaal. Das wird schuld sein, daß er sie nicht vergessen kann."
„Gormann!"
Der Alte und seine Frau fuhren zusammen, dann sprang der alte Gormann von der Bank auf.
„Herr Graf befehlen?"
„Ich habe mich zu einer großen Reise entschlossen. Packe meine Sachen!"
Der Graf ging weiter, die (Bormanns starrten sich an.
„Ich könnte heulen wie ein kleines Kind, weil es so schade um ihn ist. Paß auf, Mutter, diesmal sehen wir ihn nicht wieder! Er wird der Welt einen Unglücksfall vortäuschen wollen während dieser Reise. Wenn die gnädigen alten Herrschaften es wüßten, was für ein Ende das hier nimmt! Wenn sie es wüßten!"
Graf Härtlingen ging durch den Gartensaal.
Var dem Bild blieb er stehen.
„Du bist es! Gertraude? Deine schönen Augen sind es. Und du bist genau so falsch wie Lelia! Dein Bild soll hierbleiben, Gertraude! Für alle Zeiten soll es hier in Härtlingen bleiben. Als Symbol!
Als Symbol der Falschheit, Gertraude! Ich aber werde fortgehen — das Leben ist wertlos. Und —
meine Vernichtung ist ja beschlossen. Wie hätte die Vorsehung dich sonst auf meinen Weg führen können? Meine Bestimmung ist es eben, an euch zugrunde zu gehen, ihr beiden schönen, blonden Schwestern! Gertraude — dich habe ich mehr geliebt. Viel mehr als deine Schwester Lelia! Doch — es ist jetzt gleich, wer mir den größeren Schmerz zufügte, ob du oder Lelia. Ganz gleich ist es, wie ihr beide ja auch immer gleich gewesen seid. Leb wohl, Gertraude!"
Härtlingen wandte sich ab. Seine Hände waren geballt. Der Gedanke, daß Gertraude das Eigentum eines anderen gewesen war, machte ihn noch jetzt rasend.
Gertraudes Worte, die sie zu ihm gesprochen und die er nicht beachtet hatte, klangen in ihm wider:
„Vielleicht, wenn du alles weißt, wirst du mich nicht mehr lieb haben!"
Eines blieb ein ewiges Rätsel:
Weshalb hatte die alte Fürstin Kleven zu dieser Sache die Hand geboten? Wie nur war sie dazu gekommen? Und wie konnte sie es gutheißen, daß Gertraude ihm die Vergangenheit genau so verschwieg, wie es einst Lelia getan hatte?
Fort mit allem, was an Gertraude erinnerte! Mochten sie Pläne geschmiedet haben, so viel sie wollten, auf seine Person hatten sich diese Pläne nicht zu beziehen, um Gertraudes Vergangenheit zu bemänteln.
„Es hat mich nie ein Mann geküßt außer dir!" Rudolf Härtlingens Hände rüttelten an der hohen, geschnitzten Tür.
„Du hast gelogen, Gertraude! Gelogen hast du, genau wie Lelia einst log und trog!"
Neben ihm stand, wie aus dem Boden gewachsen, Tante Molchen. Liebevoll strich ihre Hand über die seine.
„Du hast dich an dem scharfen Gerank verletzt, Rudolf! Ich will dir die kleine Wunde auswaschen. Ich wollte dir einen Brief bringen. Er ist vorhin gekommen." Es ist so seltsam. Der Brief trägt als Absenderin die Fürstin Kleven. Und sie ist doch nun schon so lange tot."
Graf Härtlingen griff nach dem Schreiben, riß es auf, las. Stand regungslos da!
Dann — ein Schrei!
Tante Molchen sah entsetzt auf den Neffen.
Der keuchte:
„Tante, ein furchtbarer, wahnwitziger Irrtum, der mich forttrieb von der liebsten der Frauen! Tante, ich fahre sofort weg! Bitte, laß den großen Reifewagen vorfahren! Ich denke, daß du in Zukunft zufrieden fein wirst mit mir! Das Glück wird endlich nach Schloß Härtlingen kommen. Endlich, endlich wird es kommen. Eine Tote führt mit gütiger Hand dieses Glück mir zu. Ich kann dir nichts weiter erklären. Vorläufig nicht — ich habe keine Zeit."
Er lief vor ihr her. Vor feinem Zimmer winkte er ihr noch einmal zu:
„Tante Molchen, wundere dich nicht: aber ich
kann dir nichts sagen vor Glück! Vor lauter, lauter Glück! Wenn ich zurückkomme, wirst du alles er« fahren."
Tante Malchen sah dem Wagen sinnend nach. Sie wunderte sich über nichts mehr. Es war schon so kunterbunt zugegangen, daß es auf eine neue Tollheit nicht mehr ankam. Wenn er nur noch glücklich wurde, wenn es endlich, endlich hell in Schloß Härtlingen leuchtete, dieses Glück, das er doch so sehr verdiente.
Wie kalt die Nächte schon waren. Man konnte nicht mehr hinaus, wenn man die Gesundheit nicht gefährden wollte. Und diese stillen, einsamen Nächte im Waldgarten vom Rosenhause, die waren doch noch das einzige Milde in dem heißen Schmerz um Rudolf Härtlingens verlorene Liebe.
Gertraudes Augen waren groß und traurig. Ein Tag war wie der andere.
Wie unfreundlich es draußen war! Nun kam der Winter. Er würde auch hier in das kleine Schlößchen kommen, würde vielleicht hart fein. Sie war geborgen vor Not und Kälte. Aber nichts konnte die Sehnsucht nach dem geliebten Manne in ihr lindern.
Feine kleine Sternchen tanzten zur Erde nieder. Die ersten Zeichen des Winters.
Hatte es nicht eben geklungen, als fei ein Wagen draußen vorgefahren? Sie hatte sich wohl geirrt. Wer sollte wohl jetzt noch ins Rosenschloß, in das kleine, einsame Waldschloß kommen?
Gertraude ging hinaus, überquerte die Veranda und ging dann in Öen (Barten. Der alte Kastellan sah ihr nach, schüttelte den Kopf und ging dann hinaus, die breiten Stufen hinunter, wo eben ein großes Auto vorgefahren war.
*
Gertraude hüllte sich fester in das große Tuch. Langsam ging sie auf den Wegen, die immer weißer und weißer wurden. Vielleicht war sie schon eine Viertelstunde so gewandert, als sie zusammenzuckte. Ihr entgegen kam eine hohe Gestalt. Gertraude blieb stehen, sie fühlte, wie Willen und Kraft von ihr abfielen, wie sie eine unsichtbare Macht festbannte, daß sie nicht fliehen konnte.
„Gertraude, meine arme geliebte Gertraude, vergib, daß ich dir so weh getan habe! Ich weiß alles, Gertraude, und ich liebe dich, liebe dich um das, was in der Vergangenheit ist, noch mehr, noch viel mehr! Sei meine Gertraude, bringe das Glück nach Härtlingen! Meine liebe kleine Frau!"
„Rudolf!"
Unendliche Qual, unerträglicher Schmerz und verzehrende Sehnsucht löste dieser Rus aus einer Menschenbrust.
Härtlingen nahm die schlanke Gestalt fest, ganz fest in seine Arme.
„Meine liebe, süße Gertraude, nun ist alles gut; ich liebe dich wie nichts auf der Welt!"
— Ende —
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