Nr. 221 Drittes Blatt
(Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberyesseiy
Freitag, 2(. September (934
Tausend Wer-Ängen fahren nach Aorwegen.
Ein Gießener Fahrtteilnehmer erzählt seine Erlebnisse.
Für die Zeit vom 9. bis 15. September I 1934 hat die NS. Gemeinschaft „Kraft durch Freude" der Reichsjuaendführung das Ur- lauberschiff „Stuttgart' zu einer Fahrt nach den Fjorden Norwegens zur Verfügung gestellt.
Schon manchmal ist in mir die Sehnsucht wach geworden nach den Schönheiten des Meeres und anderer Länder, die man immer nur aus Reisebeschreibungen und Berichten anderer ahnen konnte. Und ganz plötzlich wird dieses Sehnen zur Wahrheit. Das, was ich kaum zu hoffen wage, tritt ein. Für langjährige Kämpfer der Hitler-Jugend hat die Reichsjugendführuna die ihr von der NS.- Gemeinschaft „Kraft durch Freude" zur Verfügung gestellte Nordlandfahrt gestiftet. Von jedem Bann der Hitler-Jugend konnten drei Junggenossen teilnehmen, und auch wir vom Bann 116 Gießen haben mit drei Mann teilgenommen.
Hei, war das in den letzten Tagen ein Rennen und Jagen. Was muß man nun eigentlich alles mitnehmen zu solch gewaltiger Fahrt? Wir drei Teilnehmer haben uns dann zusammengesetzt und einmütig beschlossen, eine Eskimo- oder Polarausrüstung zuhause zu lassen. Statt dessen haben wir unsere viel bequemere HJ.-Uniform mit allem Drum und Dran eingepackt.
Schon auf dem Bahnhof in Gießen begann ein erstes Begrüßen mit den Kameraden von Frankfurt, Worms und Mainz. In schneller Fahrt durch Deutschlands Gaue, in denen wir dauernd Zuwachs bekommen von Kameraden, die das gleiche Glück wie wir gehabt haben, kommen wir nachmittags in Bremen an. Nach einem kleinen Marsch durch diese Hansastadt an der Wesermündung besteigen wir den Sonderzug, und 600 Mann stark fahren wir Bremerhaven zu. Hier werden wir auch gleich an Bord unserer „Stuttgart" gebracht, die nun für eine volle Woche unsere Heimat sein soll. Rach einem feudalen Mahl gehen wir daran, wie das eben bei Jungen mal so ist, Entdeckungsfahrten zu unternehmen. Gar bald haben wir den Unterschied zwischen Steuer- und Backbord erkannt, wissen auch, was Heck, Achterdeck, Bootsdeck, Promenadendeck sind. Manchen gelingt es sogar schon am ersten Abend „Steward" richtig auszusprechen. Allein der seemännische Begriff „Schlagseite" ist uns von Gießen aus bereits geläufig. Als „begabte Mitteleuropäer" haben wir schnell die Sitten eines waschechten Seebären herausgefunden, und bemühen uns so auszusehen, als wenn wir bereits 20 Jahre zur See führen.
961 Hitler-Jungen sind nun an Bord. Aus allen Teilen Deutschlands sind sie auf Einladung der Reichsjugendführung herbeigeeilt. Die Bayern mit
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M. vi
Ein vergnügtes Kleeblatt.
den Berlinern, die Ostpreußen und Saarländer, Schlesier und als „Prunknummer" drei Gießener! Hier zeigt sich, wie ja immer bei der Hitler-Jugend, daß der Geist Adolf Hitlers gerade die Jugend am meisten durchdrungen hat. Eine Kameradschaft herrscht an Bord, wie man sie ein zweitesmal wohl nicht wieder finden kann. Obwohl man sich noch nie gesehen hat, ist man sogleich Kamerad zum anderen. Uns alle bindet ja auch das Erlebnis des Kampfes zusammen. Fast keiner ist da, der nicht das Potsdam-Abzeichen trägt. Diele haben das Braunschweiger Abzeichen oder das vom Reichsparteitag 1929. Und gar mancher ist schon seit 1926 Mitglied der Hitler-Jugend. So etwas formt Gemeinschaft, das schafft Kameradschaft, die vor dem letzten Stückchen Brot und dem letzten Groschen nicht halt macht.
Nach bcr Besichtigung des dem Norddeutschen Lloyd gehörenden Schnelldampfers „Columbus" beginnt unsere Fahrt. An den Kais winkende
Menschen, die uns ein letztes Lebewohl sagen. Unsere eifrige Bordkapelle spielt „Muß i denn ..." Weit liegt das Land zurück, immer weiter weicht die Küste zu beiden Seiten zurück. Gegen Mittag haben wir die offene See erreicht. Gegen Nachmittag kommt Helgoland in Sicht. Wie ein trutzi- ger Wächter erhebt sich der rote Felsen aus dem blauen Meer. Wie ein gewaltiger Riese liegt die kleine Insel da, ein getreuer Schützer der deutschen Küste, als er noch befestigt war!
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„HI. stillgestanden! Augen rechts!" Bannführer Günther von der Reichsjugendführung meldet dem Kapitän die angetretene Hitler-Jugend. Bei auf Halbmast gesetzter Flagge gedenkt der Kapitän der Helden zur See, die einen vis 1916 unbesiegten Gegner hier am Skagerrak vernichtend schlugen. Er gedenkt der toten Helden, die hier ihr kühles Grab gefunden haben. Das Lied vorn Kameraden klingt auf. Obergebietsführer Axmann hebt den neuen Geist einer neuen Jugend hervor, die sich, vor nichts beugend, zur Idee Adolf Hitlers bekannt habe und bereits 21 Tote in ihren Reihen habe. Diese Jugend werde den Frontkämpfergeist des Weltkrieges weiterführen. Während das Deutschlandlied über die stille See dahinbraust, die vor 18 Jahren die größte Seeschlacht der Weltgeschichte gesehen hat, ehrt die Hitler-Juaend die toten Kameraden des Weltkrieges durch Versenken eines Lorbeerkranzes. Das Lied der Jugend beendet die erhebende Feierstunde. Das Vermächtnis der Toten aber wird auf immer in uns wach bleiben!
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Schon lange bevor es zum Wecken geblasen hat, ist es lebendig auf dem Schiff geworden. Norwegen ist in Sicht. Als erstes Zeichen Norwegens grüßt ein gewaltiges Erzbergwerk, das in der Nähe Bergens liegt. Gegen 7 Uhr liegt diese Hafenstadt vor uns. Unsere Schiffssirene heult dreimal auf, sie grüßt die im Hafen liegenden Schiffe.
Der Nachmittag bringt den Höhepunkt der Fahrt. All das, was man sich unter einem Fjord vorgestellt hat, wird zunichte vor dem einzigartigen Naturschauspiel, das sich einem hier bietet. Gegen Mittag fahren wir in den Sognefjord ein, in dem wir gegen 200 Kilometer aufwärts fahren. Beängstigend nahe treten die Berge an das Schiff heran. Schroff und steilabfallend liegen die Felsen in ihrer Märchenpracht da. Den ganzen Tag haben wir natürlich nichts weiter zu tun, als diese Herrlichkeiten zu erleben und sie zuweilen auf die Platte zu bannen. Die Mahlzeiten werden als lästige Nebensächlichkeiten inmitten der Schönheiten der Natur empfunden.
Gegen 17 Uhr kommen wir am Wendepunkt unserer Fahrt an. Die kleine Stadt Balholm liegt vor uns. Auf einer kleinen Landzunge nette weiße Häufer, ein schönes Hotel, dahinter schmiegen sich kleine Häuschen den Hang hinauf. Das alles wird beherrscht von einem kahlen nackten Felsen von
Malerische nordische Landschaft.
Begegnung unierwegs.
A
„Das Hakenkreuz, es wehet ..." fast 1800 Meter Höhe, unter dessen Spitze sich ein Gletscher befindet. Während wir drehen, begegnen wir hier mitten im Herzen von Norwegen zwei weiteren deutschen Urlauberschiffen, dem „Deutschen" und der „M o n t e O l i v i a". Ein herzliches Grüßen und Winken geht von Schiff zu Schiff. Begeistert winkt man uns, die wir alle im Braunhemd herumlaufen, zu.
Am Morgen befinden wir uns in den Schären von Bergen. Wieder streben nackte und kahle Felsen gen Himmel bis zu einer Höhe von vielen Hunder- | ten von Metern. Neben vielen größeren Inseln solche, die kaum ein paar Quadratmeter groß sind, kaum, daß auch nur ein Mensch Platz darauf hätte. Kleine Inseln haben oft sanft ansteigende Täler mit grünen Wiesen. Hier finden sich auch die kleinen für Norwegen typischen Häuser, die die Reinlichkeit der Bewohner nach außen zur Schau tragen. Alle Häuser fast sind in weiß gehalten. Oesters sehen wir jetzt Menschen in kleinen Fischerbooten, die uns begeistert zuwinken. Sicher haben sie noch niemals Braunhemden gesehen, bestimmt aber noch nicht in solcher Zahl.
Die kleinen Häuschen schmiegen sich anmutig in die Landschaft ein. Diese zeigt einen ganz einzigartigen Reiz, wie man ihn vielleicht kaum nochmals finden wird. Es ist der Reiz des Unberührten! Hier hat der Mensch noch keine Brücken gebaut, hier hat er noch feine Elektrizität aus den Wasserfällen gewonnen. Das ganze Land liegt noch so im Dornröschen-Schlaf, wie es der Allmächtige geschaffen hat!
Um 12 Uhr passieren wir die Hafenstadt Haugesund, die auf dem Festland liegt. Hinter einem kleinen anmutigen Hafen baut sich eine nette Stadt auf, deren Häuser alle in sauberem Weiß erstrahlen. 20 000 Einwohner zählt diese Handelsstadt, wie mir der norwegische Lotse mitteilt. Ungefähr eine Stunde später kommen wir an der letzten Siedlung vorbei, dem kleinen Hafen Koparvik. Hier verlassen uns auch unsere Lotsen. Stramm stehen sie in ihrem Motorboot und winken uns ein letztes Lebewohl zu. Mehrere Boote sind zu uns heraus gekommen. Auf manchem Boot recken sich die Hände gen Himmel und aus norwegischen Kehlen kommt der Hitler-Gruß zu uns herüber. Ich erinnere mich an folgende kleine Szene: In einem kleinen Motorboot sitzt ein Mädel, das uns zuwinkt. Des öfteren ruft sie uns ein „Heil!" zu. Und während wir zurückgrüßen, steht sie auf, hebt die Hand zum
und
Entdeckungsfahrt in Erfurt.
Von Lina Horn.
„Sollt einmal durch Erfurt fahren ..." Goethe.
Wie grüne Meereswogen branden die sanftgerundeten Hügel des Thüringerwaldes gegen den lichtblauen Himmel mit dem silberweißen Wolken- fchaum. In der Ferne ragt der Jnselsberg m die unendliche Bläue hinein —, lang streckt sich der kahle, graue Hörselberg —, auf niedrigem Erdwall erhebt sich trotzig Burg Walthershausen und beherrscht die weit geschwungene Ebene, die das Waldgebirge umfangen hält. . ..
In der Ebene liegt breit eine große Stadt: Erfurt. Jedes Kind in Deutschland kennt den Namen und weiß, daß dort die großen Gärtnereien sind. Erfurter Blumenkohl wird waggonweise überall hin ausgeführt. Aber birgt diese Stadt denn sonst nichts, als Blumen und Blumenkohl; so schon und nützlich diese Dinge auch sein mögen?
Ein rußiger Bahnhof mit offener Halle, eine Bahnhofstraße mit einem großen Kino, hübschen Läden, vielen, sehr vielen Menschen, Karren mit prachtvollem Obst, frischen Gemüsen. Gartenstadt. . . Quer davor eine noch breitere Straße. Der „Anger". Wenn man links einbiegt, verliert sich nach und nach der moderne Großstadtcharakter. Aeltere Gebäude stehn regellos an einer Biegung. Hinter Bäumen eine schmucklose, wunderschöne Kirche. Von der glatten Steinwand neben der Pforte heben sich zwei steinerne Heiligenfiguren von besonderer Anmut ab, vielleicht aus der Zeit des frühen Barocks. Ich möchte ein Bild davon haben und trete in den Ansichtskartenladen gegenüber. Unzählige Postkarten gibt es dort, schwarze und bunte. „Wir haben alle Ansichten von Erfurt : Künstlerpostkarten, bitte?" Die Kirche hier drüben — die Ostwand" ... „Nein, das gibt es nicht" .. , „Auch keine Aufnahme von den Figuren?" .. ^„Figuren?" Die alte Verkäuferin tritt auf die 'Schwelle, schiebt die Brille auf die Stirn und be- j sieht sich kopfschüttelnd die sonnenbeschienene Kir- ichenmauer. Sicher wohnt sie seit Jahrzehnten in i ihrem Lädchen, aber, daß zwei holde, steinerne We- | en das Kirchenportal flankieren — nein, das hat I ie noch nie gesehen ... Gibt es noch mehr Dinge i n Erfurt, die noch von Fremden entdeckt werden "I tonnen?
Eine neue Straßenkreuzung führt in eine altertümliche enge Gasse. Schmal und heimelig. Wasser- I grüben durchschneiden sie, die man auf hochge-
schwunqenen Brücken überschreitet. Giebelhäuser spiegeln sich in der stillen Flut, Balkonlauben, winzige Gärten. „Fischersand" und „Am Dammchen heißen diese Grachten. Auf einer Brücke steht.em Liebespaar im Schatten des schlanken Aegidien- turmes
Unerwartet macht die Gasse eine scharfe Biegung und mündet in einen Platz. Nein, nicht aus diesen unerhört großen Platz kommt es an, nicht.auf Die Fachwerkbauten, die ihn umsäumen, sondern auf das Wunder, das sich vor uns erhebt. Der Erfurter Dom schließt diesen Platz ab: ein seltsames, massiges Bauwerk auf einem Hügel, der nicht groß genug für die Kirche gewesen ist und deshalb künstlich durch die „Kaoaten" verbreitet wurde, die ihn wie Arkaden tragen. Dicht Daneben ein anderer, gewaltiger silbergrauer Bau mit drei nadelspitzen, grasgrünen Türmen: Die Sevenkirche.
Nicht etwa ein Dom, Dessen Türme unD Türmchen hochragen, nein, ein zusammengefaltetes seltsames SteingebilDe, Dessen Dreifacher Turmaufsatz auf Dem hohen SteilDach kaum ins Auge fallt, wenn man Die breite, häuserurnstanDene Treppe hinaus- fteigt... Eine Rose, Die stengellos Dicht am Zweig wächst, entfaltet langsam ein Blatt nach Dem anDern vor uns. Auf Den „Kaoaten" türmt st^ 7^. stwje- stätische, gotische Chor... Dreieckig schiebt sich Der Eingang, Die „Triangel", mit köstlichem steinernem BilDwerk vor unD führt uns in Den geheimnisvollen Kelch der Blume. Links im Chor funkeln noch alte ©lasfenfter wie EDelsteine. Das Gestühl Dort ist reich geschnitzt, eine „Vermählung der Heiligen Katharina" von Lukas von Cranach hangt hoch an Der WcmD. Ein lebensgroßer Bronzemann, Der „Wolfram", trägt Die Kerzen vor einer aus Stein gehauenen Mutter Gottes auf Dem Seltenaltar Der größte Teil Des Dominnern ist renoviert nur eine WanD blieb rot in rot von emem erschreckenD gemalten, riesigen Heiligen Chnstophoru • UnD aus Der roten Glut treten gespensterbleich Drei Gestalten heraus . . - Ein Mann, 3®ei grauen rechts unD links von ihm. Der blonDgelockte Mann hält steif Den Löwenschild im Arm. Die Frauen tragen lange, faltige GewänDer, Schwer über dem glattqefdieitelten Haar, schlichte Häubchen daraus. Wer i t das? ... Der „Gras von Gleichen nut feinen beiDen Frauen, die friedlich vereint hier im Dom begraben sind. Man hak die marmorn-: Gra- platte senkrecht an die rote Wand gestellt. Oie leuchtet wie Schnee.
Wie lautet die alte Geschichte: ..Und Gatt im wimmel freute sich der Liebe und fem helliger Statthalter gab seinen Segen dazu. Und ihr Gluck
Karl und Franz Moor in einer Perfon.
($in Kuriosum der deutschen Theatergeschichte.
An kleineren Theatern ist es auch heute noch Sitte, in personenreichen Theaterstücken vor allem durch die Chargenspieler mehrere Rollen zu besetzen, fo daß die Spieler bald als diese, bald als jene Nebenfigur auftreten. Für den echten Mimen sind diese Rollen eine Talentprobe, Der er sich gerne unterzieht; er verwendet alsdann seinen ganzen Ehrgeiz und seine ganze Kunst Darauf, Durch sorgfältige Maskenwahl und sonstige Verstellungspraktiken sich möglichst unkenntlich zu machen, Damit Der Zuschauer Die Doppelbesetzung nicht bemerkt, unD nicht aus Der Illusion gerissen wird. Wer so verschiedene Gestalten im raschen Wechsel Der Akte unD Szenen mit echtem Leben erfüllen kann, hat oft mehr Recht Darauf, Den Erfolg eines Werkes für sich zu buchen, als wer in einer „Bombenrolle" Den ganzen AbenD über unverwandelt auf der Bühne steht. Ost wählen auch berühmte Spieler solche kleinen Rollen aus, um Darin vor sich selbst den Beweis mimischen Könnens und schauspielerischer Gewandheit zu erbringen . ,
Ungewöhnlicher ist es schon, wenn em Schauspieler in einer Ausführung der „Räuber" Den Franz unD Den Karl Moor übernimmt, unD balD als Intrigant unD balD als Heldenspieler ein hochoerehrliches Publikum entzückt. Holt ei hat einmal in einem feiner Romane von einer solchen Doppelbesetzung berichtet und er hatte Dabei ein Virtuosenstuck vor Augen Das zu seiner Zeit zu einer richtigen MoDe geworden war. Es gab geradezu Karl unD Franz Moor - Spieler, wie auch aus verschieDenen Zeugnissen zu entnehmen ist. Der erste, Der dieses Kunststück Das vorher nur von SchmierenkomöDianten aus'Not ausgeführt worden war, in Den Bereich Der ersten Bühne emporhob, war Eduard Jerr- mann, ein seinerzeit beliebter Heldenspieler mit großen körperlichen Mitteln. 1826 trat er zuerst tn Königsberg in dieser Doppelrolle auf, und entfef-
und ihre Liebe faßte selig: eine Wohnung — ein Bett — ein Grab —"
Drei stille, schneeweiße Gestalten sind aus der dunklen Gruft im Dom herausgestiegen. Sie umschweben uns, während wir auf die Terrasse heraustreten und nachdenklich zu der schönen Stadt hinunterschauen und aus die fernen Hügel des Thüringerwaldes. Geheimnisse überall —, geht aus
' suchet sie zu ergründen...
feite dann auch auf anderen Bühnen Beifallsstürme, wenn er als rothaarige Kanaille in Den höchsten Fisteltönen schrillte und als schwarzhaariger Held Den Donner seines eigentlichen Organs ertönen ließ. Der Dichter und Regisseur Karl Immer- mann sah ihn sich im Herbst 1833 „in seinem bekannten Paradestück" an und schrieb Darüber in sein Tagebuch: „Die Kraft Der Stimme, womit er diese übermeschliche Aufgabe durchführte. Die Ge- schwinDigkeit unD Das Geschick, womit er sich in Ko- ftüm, Physiognomie, Statur unD Haltung von Augenblick zu Augenblick umgestaltete, waren merk- würdig. Einmal ging er als Franz zur einen Tür hinaus und kam als Karl zur anderen herein. Auch gefiel mir Die Auffassung Der Charaktere im Beginn sehr gut; namentlich griff er Den Karl nicht so pathetisch an, wie wir ihn gewöhnlich sehen, sonDern mehr roh, studentenhaft, renommierend, im Tons Der KomöDie, was mir sehr richtig zu sein scheint. Nachher versagten Die geistigen Mittel, unD Das Gemälde wurde grell, drückend und einförmig. Indessen ist es mir lieb, von dieser vielbesprochenen Seltsamkeit nun doch urteilen zu können."
Jerrmann fand natürlich Nachahmer, und unter diesen ist Der bekannteste ein genialer Schauspieler, Der aber Durch seine wüste Uebertreibung unD ein schrankenloses Effektspielen zur Parodie seiner selbst herabsank: Wilhelm K u n st. Noch Fontane sagt gelegentlich von einem Schauspieler, daß seine Beziehungen „zu Kunst" intimer seien als „zur Kunst", und gerade mit Der Darstellung Des Franz und Karl Moor errang sich Der mit Den reichsten Mitteln ausgestattete, aber völlig zügellose Komödiant Den Ruf eines vor nichts zurückscheuenden Kulissenreißers. „Herr Kunst, Der famose, ehemalige Gatte Der Sophie Schröder", so erzählt Costenoble von Dieser seiner Bravourrolle, „hat anaefünDigt, er roerDe Dem Wiener Publikum seine Achtung Da- Durch bezeugen, Daß er in Schillers „Räuber Den Karl und Franz Moor an einem Abend geben werbe. Das hat Herr Kunst auch getan. Er hat Den Räuber Moor auf seine bekannte Weise heruntergeschrien unD -gearbeitet und als Franz Moor versucht, Den großen Devrient zu kopieren. Dabei war Franz mit einer roten Perücke angetan. Er mißfiel in diesem Kunststückchen, womit Herr Jerrmann so viele einfältige Menschen genarrt hat."
Zu solchen Kunststücken wird Die moderne Schauspielkunst nicht mehr Zuflucht nehmen, da sie Dem Geist Der Dichtung schweren Abbruch tun; aber in Der Geschichte des deutschen Theaters bleibt diese Doppelbesetzung Des Franz unD Karl Moor durch einen Schauspieler ein ungewöhnliches Faktum.


