184. Jahrgang
Gietzener Anzeiger
Nr. 221 «tftes Blatt 184. Jahrgang greitag, 21 September 1954
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»Weißen Mannes Land."
Siedlungskrisis eines Weltreichs.
Von Otto Corbach.
Ein von der Londoner Regierung vor mehr als einem Jahre gebildetes „Jnterdepartementalcom- mittee" für Auswanderungspolitik erstattete kürzlich Bericht über das Endergebnis seiner in mehr als 50 Sitzungen abgehaltenen Beratungen, wie die Auswanderung aus dem Mutterlande nach den überseeischen Teilen des britischen Weltreiches wieder in Fluß zu bringen sei.
Während in den letzten zehn Jahren vor dem großen Kriege noch jährlich durchschnittlich 148 000 Personen das Mutterland verließen, um in den Dominien oder Kolonien ihr Glück zu versuchen, lebte diese Bewegung zwar nach Friedensschluß vorübergehend wieder auf, kam aber bald i n s Stocken, bis in den letzten Jahren die Zahl der neu Ausziehenden hinter der der zu den heimischen Fleischtöpfen reuig zurückkehrenden gescheiterten Auswanderer zurückblieb. Dieses völlige Verebben der Auswanderungsbewegung ging vor sich, obwohl <m Mutterlande und in den Dominien von Jahr zu Fahr von sta llicher wie privater Seite immer zrößere Mittel aufgewandt wurden, um die Ausweise nach den überseeischen Teilen des Reiches und Die Ansiedlung unterstützter Einwanderer zu erleichtern.
So erstaunlich dieses Versagen britischer Reicbs- »anderungspolitik ist, noch viel erstaunlicher ist die Ratlosigkeit, womit das genannte Komitee der gegenwärtigen Lage gegenübersteht. Es stellt fest, !«aß sich alle Hoffnungen, die auf eine planvolle Reichssiedlungspolitik gesetzt wurden, als trügerisch -irwiesen, daß nicht unterstützte Auswanderer im glanzen eher im neuen Lande dauernd Fuß zu Assen vermochten als unterstützte, daß keine künst- ichen Mittel die abschreckende Wirkung aufheben Irinnen, die die rückgängigen Absatzmöglichkeiten für die Erzeugnisse der Dominien auf die Auswanderungslust im Mut- isrlande ausübt und daß, wenn diese Möglichkeiten 'ich wieder besserten, der Drang zur Auswanderung '«ach den Dominien sich im Mutterlande von selbst nieder regen würde, um nur geringer öffentlicher Förderung zu bedürfen.
Das Problem, gegenüber dem die Organisationen i.nes Weltreiches, das sich über ein Viertel der iXwohnbaren Teile der Erde erstreckt, versagen, ;6t nicht nur für die Angelsachsen, sondern für die «samte abendländische Kulturwelt von schicksal- Infter Bedeutung. Die leeren Räume, die die Itritifdje Reichssiedlungspolitik mit Menschen rasch mfzufüllen gedachte, sind vor allem die K a n a - lia 5, Australiens und Neuseelands, i'iiefe Länder sind zusammen fast doppelt |d groß w i e Gesamteuropa und weisen si'eichwohl er st eine Bevölkerung von Mnd 17 Millionen auf. Am dünnsten sind siwohl in Kanada, wie auf dem australischen Fest- l: nde gerade die dem Stillen Ozean zuge- nanbten Küstenstriche besiedelt, deren verschlossene Store b i e st a r k e n Bevölkerungsüber- Müsse b e r asiatischen Ranblänber bes lsxizifik immer unheimlicher erregen unb erbittern.
Asien gleicht nach einem Ausspruch bes Englän- b:rs Methews einem „Behälter, besten Millionen ibeer ben Ranb bes Pazifik quellen". Auf ben j a - pA nifchen Inseln find in einem Raum, ber kuum einem Zwanzigstel bes australischen Konti- nints entspricht, 60 Millionen Menschen Lisammengebrängt, fast zehnmal soviel, wie in Lustralien leben. Chinas etwa 475 Mil- honen, bie fast ben vierten Teil ber gesamten Isenschheit ausmachen, finb aus bem jahrtausenbe- Icngen Schlummer eines patriarchalischen Trabitio- irllismus zu neuzeitlichem Streben erwacht unb Mengen in revolutionären Anstrengungen bie Zwangsjacke ber „ungleichen Verträge", burch bie alXNblänbische Mächte sie bauernb zur Dulbung ^unmäßiger Ausplünberung ihres reichen Landes iringen wollten. Wenn bie Chinesen auch vorläufig in brückenbe japanische Abhängigkeit geraten finb, io ist bie Wirkung für bie abendländischen Kolo- Allmächte boch nur um so verhängnisvoller. Dazu lotimen Inbiens 3 0 0 M i l l i o n e n, die Be- jciferung Birmas, der Malayenstaaten, Niederlän- dich-Jndiens mit Java, dem dichtest beoöl- Itrr t e n Land ber Erbe, alles in allem f ast dm e Milliarbe farbiger Menschen, bie ' chwärts, bem Stillen Ozean zudrängen, begierig, gewaltigen Überschüsse an besten jenseitigen 1 hften zu lanben.
Dort funkeln als künftige Ziele asiatischer Aus- Danberung am verlockenbsten bret ber schönsten iuroelen ber britischen Krone: Kanaba mit ber hgen pazifischen Küstenlinie unb seiner bünn be- ! Uferten, fruchtbaren, zum Teil parabiesisch-schönen ZWvinz British-Columbia, ein Lanb, grö- ! je: als Gesamteuropa; Australien, bas Europa , Ti Umfang nur um ein Fünftel nachsteht, unb 11 useelanb, bas Großbritannien an Umfang Millich gleichkommt. Alle brei Dominien schließen ifnten von ber Einwanberung so gut wie vollstän- iic aus. Sie wollen „weißen Mannes Li n b" fein unb bleiben unb werben babei von In öffentlichen Meinung sowohl Englanbs wie ber hereinigten Staaten mit allem Nachbruck unter» fiiit. Werben aber bazu gesetzgeberische unb diplo- roiische Mittel allein genügen, wenn bie Vormacht hi gelben Rasse sich mehr unb mehr für kriegerische ^cke auf bas größte einheitliche Menschenreser- i!i ber Erbe zu stützen vermag?
faorb Northcliff, ber vor Jahren verstorbene arünber ber Lonboner „Times", warnte auf fei» iir kurz nach bem Kriege unternommenen Welt- iHü bie Bevölkerung Australiens bavor. sich auf
Polens Antrag auf Ausdehnung des Mnderheiienschuhes.
Aussprache in der politischen Kommission des Völkerbundes.—Oer polnische Delegierte spielt aus die Verhältnisse in Italien und Frankreich an. —Die Großmächte schweigen.
Genf, 20. Sept. (DNB.) Die Politische Kommission begann am Donnerstagvormittag mit ben Verhanblungen über ben polnischen Antrag auf Verallgemeinerung bes Minder- heitenschutzes. Polen forbert aus Grünben ber Gleichberechtigung bie Ausbehnung ber Mmberheitenschutzverträge auf alle Völker- b u nbsmitglieber unb schlägt bie Einberufung einer internationalen Konferenz zu biesem Zwecke vor.
Oer polnische Delegierte Raczynski
erinerte an bie Erklärung Becks über bie Einstellung der polnischen Mitarbeit an ber Kontrolle bes internationalen Minberheitenschutzes, soweit Polen in Betracht kommt unb erklärte: „Es hat keineswegs in ber Absicht ber polnischen Regierung gelegen, innerhalb der Völkerbundsoersammlung eine Aussprache über diesen besonderen Pakt in Gang zu bringen, der nicht zur Zuständigkeit der Völkerbundsversammlung gehört." Polens Antrag auf Verallgemeinerung des Minderheitenschutzes richtet sich gegen niemand. Mit Ausnahme von zwei oder drei europäischen Ländern seien in allen europäischen Staaten Minderheiten vorhanden, die nicht durch Einwanderung entstanden, sondern boben ft än = big feien. Die Tatsache, daß biese Minberheiten m ber Mehrheit ber europäischen Staaten nicht bie Möglichkeit hätten, ihre Stimme in Genf vernehmen z u lassen, könne nicht als ein Beweis bafür angesehen werben, baß sie nicht existierten ober sich ihres befonberen Charakters nicht bewußt seien. Ihr Schweigen bebeute auch nicht, baß sie zufrieben seien.
„Man Hal bann weiter behauptet" — so fuhr der Redner fort — „baß die Behandlung ber Minberheiten in ben von ben ächuhverpflich- tungen freien Cänbern f o großzügig fei, daß jebe juristische Verpflichtung als über- flüssig erscheinen wüste. Wenn bas zutrifft' unb wenn biese Staaten z. B. ben freien Gebrauch ber Sprache biefer Minberheiten nirgenbs beschranken, wenn sie biefen Minberheiten jebe Organisationsfreiheit gewähren, wenn sie ihnen Schulen in ihrer Sprache zugestehen, in benen bie Minberheiten in jeber Hinsicht gleichberechtigt finb, welcher Grunb könnte bann vorhanben sein, sich gegen bie Ausbehnung biefer Min- berheitenfchuhbestimmungen zu sträuben?" Man habe auch eingewanbt, baß bie Minberheiten- Schuhverpflichtungen bie Souveränität unb innere Einheitlichkeit ber Staaten gefäfjrben könnten. Dieser Ein- roanb fei zweifellos ernstlich zu prüfen. Aber gerabe wenn man es anerkenne, bann spreche es auch gegen Ausnahmebestimmungen für ein
zelne Staaten.
Es fei falsch, nur historische Gründe für dieses Ausnahmeregime anzuführen, anstatt sich an die Lage von heute und morgen zu halten. Sein Land weigere sich jedenfalls auf das entschiedenste, Gründe gelten zu lasten, die mit der gegenroärtigen Lage nichts mehr zu tun hätten. Es würde ihm, wenn er dazu gezwungen sein sollte, nicht schwer fallen, zu beweisen, daß ber» artige Gründe mindestens mit derselben B e - weiskraft auch auf Länder angewen- d e t werden könnten, die keinerlei Minderheiten -Schutzoerpflichtungen haben. „Wenn man das Minderheitenschutzsystem für gut halte, und wenn es einen sozialen Fortschritt darstellt, so verdient es auch ausgedehnt zu werden. Denn ich kann nicht zugeben, daß man es allein a l s Ausdruck der juristischen Ungleichheit der Staaten benutzt, einer
Ungleichheit, die im übrigen ohne Beziehungen zu dem Entwicklungsstand und der Bedeutung dieser Staaten im internationalen Leben ist. Polen erwartet von der Völkerbundsoersammlung eine klare und endgültige Antwort."
Die Aussprache.
Nachdem der Vertreter Haitis, Frangulis, eine lange, aber wenig beachtete Rede gehalten hatte, beklagte sich der Jugoslawe F o titsch darüber, daß einzelnen Staaten Sonderverpflichtungen auferlegt seien, die auch er als Diskrimination betrachten müsse. Südslawien werde bestehende Verträge achten, behalte sich aber vor, die Frage zu gegebener Zeit vor dem zuständigen Organ des Völkerbundes zur Sprache zu bringen, um Mißbräuche bei der Anwendung des Minderheitenschutzes und die Einmischung in die inneren Verhältnisse der Staaten zu vermeiden. Der Holländer P a t i j n erklärte, es bestehe eine gewisse Gefahr, daß bei einer allgemeinen Regelung die Minderheitenrechte einiger Staaten verringert werden könnten. Trotzdem stimme er der Verallgemeinerung des Minderheitenschutzes im Sinne des polnischen Minderheitenantrages zu, wenn sich die Verallgemeinerung nur a u f Europa erstrecke. Er schließe sich jedoch dem Protest Englands, Frankreichs und Ita
liens gegen jene Erklärung des polnischen Außenministers an, in der Polen sich unter gewissen Voraussetzungen von der Mitarbeit an den Minderheitenschutzverträgen frei erklärt habe. — Bundesrat Motta (Schweiz) erklärte sich mit dem Grundsatz der Verallgemeinerung der Minderheitenschutzoerträge einverstanden. Allerdings halte er die Einberufung einer internationalen Konferenz, wie Polen sie vorgeschlagen habe, nicht für glücklich. Eine derartige Konferenz würde voraussichtlich mit einem Mißerfolg enden. Obgleich aber fein Land der Verallgemeinerung zustimme, fo müsse er gleichzeitig betonen, daß es nicht angängig sei, bestehende Verträge einfach eigenmächtig aufzukündigen. Der Vertreter Schwedens sprach sich zwar grundsätzlich für einen wirksamen Minderheitenschutz aus, hielt aber den polnischen Antrag bei der gegenwärtigen Lage für zu weitgehend. Man könne in dieser Frage nur schrittweise vorwärts kommen. Nachdem der Vertreter Kanadas, noch kurz auf den Unterschied zwischen eingewanderten Minderheiten und bodenständigen Minderheiten hingewiesen hatte, der ganz verscheden gelagerte Verhältnisse schaffe, und nachdem der Vertreter Albaniens die Ausdehnung der Minderheitenrechte auch auf Albanien verlangt hatte, wurde die Aussprache auf Freitag vertagt.
Verärgerung in Paris.
»Echo de Paris" kündigt den Polen die Zreundschast.
Polen durch einen Bündnisvertrag mit
bundsabordnung herrsche die optimistische Auffassung, daß Beck von s e l b st die erforderlichen Zugeständnisse machen werde, vorausgesetzt, daß man Polen nicht dränge oder erniedrige. Diese Auffas-
Frankreich verbunden sei. Wenn sich Polen nicht schleunigst ändere,«dann wäre es besser, wenn Polen sich nicht mehr als Verbündeter Frankreichs hinstelle.
P a r i s, 21. Sept. (DNB. Funkspruch.) Das „Echo i sung teilt das Blatt nicht. Es behauptet, daß sich de Paris" macht seinem Aerger über Polen sehr Polen die Hilfe der Reichsregierung ge- deutlich Luft. Es sei ebenso absurd wie skandalös, sichert habe. Auf diese Weise werde eine Vertrags» daß Polen durch die Kündigung der Minderheiten- Verletzung ungestraft bleiben, auf die sich ge- beftimmungen das ungenierte ft e Beispiel wisse Staaten eines Tages berufen würden. Die d er Revisions Politik gegeben habe und sich Langmut der Mächte gegenüber Polen gegen das internationale Gesetz auflehne, das den sei ein Fehler. UeberaU lehne sich Polen gegen das polnischen Staat überhaupt erst geschaffen habe. | französische System der Organisierung des Friedens. Das Vorgehen der Warschauer Regierung laufe auf i So habe der polnische Gesandte in Bukarest es sogar die Zerstörung jeder internationalen gewagt, einen Feldzug gegen Titulescu einzuleiten, Ordnung hinaus. Das Blatt bedauert, daß sich da dieser zu loyal mit der französischen Diplomatie alle Länder, auch Frankreich, Polen gegenüber pas- > zrstammenarbeite. Dabei müsse man bedenken, daß siv verhielten. Innerhalb der französischen Völker- Polen durch einen Bündnisvertrag mit
Vachons Vündnisdiploniatie auf neuen Pfaden.
Aus dem plan eines TlordostplanS soll ein Südostpakt werden.
Ein pariser Versuchsballon?
Paris, 21. Sept. (DRV.-Funkspruch.) Der in Genf weilende Außenpolitiker des „Petit Parisien" berichtet über die Wandlungen, die der O st p a k t- p t a n im Lause der Vorverhandlungen erfahren habe. Er bezeichnet die Gerüchte von einem f r a n - zöfisch-sowjetruffifchen Bündnis als reine Phantasie und glaubt, daß man jetzt eine Art Zusammenfassung des Ostpaktes und des Mittel- meerpaktes versuchen werde. Am O st p a k t sollte eigentlich von der kleinen Entente nur die Tschechoslowakei teilnehmen. Jetzt beabsichtigte man, die ganze kleine Entente einzubeziehen, sowie den Pakt durch die Teilnahme der Türkei und vielleicht auch Griechenlands zu verstärken. Der Ostpakt, der anfänglich auch als Rordostpakt bezeichnet worden sei, würde also zu einem Südostpakt. Alle diese Pläne hätten natürlich noch nicht Gestalt angeommen.
Deutschland wieder der schwarze Bann.
Kindische Begründung für die Verstärkung der französischen Nordseeflotte.
Paris, 21. Sept. (DNB. Funkspruch.) Der „Figaro" erklärt, daß Frankreich am 3 Oktober das Schwergewicht seiner Marine vorn Mittelmeer nach der Nordsee verlege. Es werde in einigen Tagen das zweite Nordseegeschwader verstärken. Diese Verschiebung sei, so behauptet das Blatt, nur bie F o l g.e der Entwicklung der deutschen Flotte (?!!) und die Folge der Besserung der siranzösisch- italienischen Beziehungen. Denn niemand in Frankreich habe ernstlich geglaubt, daß die Italiener jemals Feinde der Franzosen werden könnten. Die Engländer würden sich über die Gründe der Verstärkung der französischen Nordseestreitkräfte nicht täuschen; denn auch sie sähen in den Panzerkreuzern vom Typ der „Deutschland" eine Drohung (!!).
ihre gesetzgeberischen Kräfte zur Abwehr asiatischer Einwanderer zu verlassen. „Der Schlüssel zu eurem Ideal eines „weißen" Australiens, erklärte er, „ist d i e Bevölkerung. Ihr müßt eure schwache Besatzung durch Vervielfältigung eurer Besatzung verstärken. Nur Zahlen werden euch ret- t e n. Die Welt wird ein leeres Australien nicht dulden. Dieser Kontinent muß seine volle Bevölke- rungsquote tragen. Ihr habt keine Wahl. Millionen werden zu euch kommen, ob ihr es wünscht oder nicht. Ihr könnte den Menschenstrom nicht durch eine Klausel in einer Parlamentsakte aufhalten."
Das Schlimme ist nun, daß man in Australien wie in Neuseeland und — wenn auch in geringerem Grade — in Kanada unter „weißen Mannes Land" nur ein überwiegend von Menschen angelsächsischer Herkunft besiedeltes Gebiet versteht. Dom europäischen Kontinent glaubt man höchstens eine geringe Blutzufuhr ertragen zu können, und die soll dann noch vorwiegend aus den politisch harmlosen skandinavischen Ländern kommen.
Wie erklärt sich nun das völlige Versagen der britischen Reichssiedlungspolitik bei der immer drohender werdenden Gefahr einer Überschwemmung der Dominien mit asiatischen Einwanderern? Zunächst leidet England selbst Mangel an Menschen, die landwirtschaftlich geschult sind ober sich für eine landwirtschaftliche Betäti
gung umschulen lassen. Ebensowenig kann es solche gelernte Arbeiter entbehren und zur Auswanderung ermutigen, für die in den Dominien die Nachfrage größer ist als das Angebot, während es im allgemeinen auch dort schon mehr industrielle Arbeiter gibt als beschäftigt werden können. Soweit nun das Mutterland den Dominien gleichwohl noch geeignetes Einwanderer- und Siedler-Material zu bieten hat, ergibt sich sofort die Frage, wo und wie die zu erzielende Mehrproduktion abgesetzt werden soll. In dieser Hinsicht sind die Interessen des Mutterlandes denen der Dominien geradezu entgegengesetzt, da eine genügende Bevorzugung landwirtschaftlicher Erzeugnisse aus den überseeischen Teilen des britischen Weltreiches auf dem englischen Markt, z. B. gegenüber Zufuhren aus Dänemark, Rußland und Argentinien, eine zu starke Verteuerung der Lebenshaltung der breiten Massen in England bedeuten würde, deren Lage doch durch die Siedlungsbestrebungen gerade erleichtert werden sollen.
Kein Zweifel: England ist der Aufgabe, die großen leeren Räume in den überseeischen Teilen des britischen Imperiums mit Menschen zu füllen, nicht aewachsen! Um so weniger ist es das, als es aus selbstsüchtigen Gründen die Schwierigkeiten Deutschlands und anderer verschuldeter kontinental-europäischer Länder, ihren normalen Bedarf an übersee
ischen Rohstoffen zu decken, eher noch steigern, als mildern zu müssen glaubt. Dieses Riesenproblem hat angefangen, ein gesamteuropäisches ZU werden. Wenn die britischen Dominien, ähnlich wie die lateinamerikanischen Länder, nicht in immer stärkere Ahängigkeit von der sich unter japanischer Führung in unheimlich raschem Tempo vollziehenden Industrialisierung Asiens geraten wollen, so werden sie früher ober später auf dem europäischen Kontinent nach geeigneten Einwanderern Umschau halten und bei fortschreitender Entwicklung ihrer eigenen industriellen Produktivkräfte zugleich in einer Wiederbelebung kontinentaleuropäischer Aufnahmefähigkeit für überseeische Rohstoffe ihren eigenen Vorteil suchen müssen. Der Zerfall der ursprünglichen Interessengemeinschaft zwischen den Ländern der „alten" und „neuen" Welt ist in Wirklichkeit weniger durch weltwirtschaftliche Zwangsläufigkeiten als durch die Auflockerung des Zusammen gehörig keitsbewußtseins der Völker weißer Rasse bedingt, die es zuläßt, daß dasselbe internationale Finanzkapital, das die Produktivkräfte im westeuropäisch-amerikanischen Kulturkreise in immer größerem Umfang« einer Art Belagerungszustand unterwirft, einer Entfaltung der Wettbewerbskräfte farbiger Völker jede» möglichen Vorschub leistet.


