Nr. 168 Erstes Blatt
184. Jahrgang
Samstag,A.Zull 1954
Erscheint täglich, außer Sonntags und Feiertags Beilagen: Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Bild • Die Scholle
Monats-Bezugspreis:
Mit 4 Beilagen RM.1.95 Ohne Illustrierte „ 1.80 Zustellgebühr .. „ -.25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt
Zernsprechanschliiffe unter Sammelnummer 2251 Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen poftschecttonto:
Frankfurt am Main 11086
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Druck und Verlag: vrühl'sche UniverfitStr vuch- und Steindruckerei R. Lange in Gießen. Schristleitung und Geschäftsstelle: Schulstrahe 1
Annahme von Anzeigen für die Mittagsnummer bis 8^/,Uhr des Dormittags
Grundpreise für 1 mm höhe für Anzeigen von 22 mm Breite 7 Rps., für Text- anzeigen von 70mm Breite 60Rps.,Platzvorschrift oder schwieriger Satz 25°/0 mehr
Ermäßigte Grundpreise:
Stellen-, Vereins-, gemeinnützige Anzeigen sowie einspaltige Gelegenheitsanzeigen 5 sllpf., Familienanzeigen, Bäder-, Unterrichts- u. behördliche Anzeigen 6Rpf. Mengenabschlüsse Staffel B
Oie 116er im Dienste des Vaterlandes.
Erinnerungen an unser altes ruhmreiches Regiment aus Anlaß des Vierten 116 er-Tages in Gießen.
Von Oberstleutnant a. D. Wegeli-Gießen.
-
Die Uniform der 116er.
Das Bild zeigt einen Unteroffizier.
Am 1. August 1934 wird sich zum 20 Male der Tag jähren, an dem der Deutsche Kaiser als Oberster Kriegsherr zu dem uns durch die Ententemächte auf- uezwungenen Kriege die deutsche Streitmacht zu Lande und zu Wasser zu den Waffen rufen mußte. Wir wissen jetzt, daß mit dem Mobilmachungsbefehl ein neuer Abschnitt der Weltgeschichte eingeleitet worden ist, dessen erste zwei Dezennien von so ungeheuren Ereignissen auf kriegerischem und politischem Gebiet erfüllt sind, wie sie in solcher atemberaubenden Gewalt und Schnelligkeit des Aufeinanderfolgens kein anderer Zeitabschnitt aufzuweisen hat. Das Gewaltigste von allem bleibt aber doch der Weltkrieg und in ihm die Leistungen des deutschen Volkes in Waffen. Dom deutschen Heere sagt der französische Marschall F o ch : „Fürwahr, nie ist ein besseres Heer in einen Feldzug gezogen, als das deutsche von 1914", und der schweizerische Kriegshistoriker Hermann S t e g e m a n n schließt -seine Geschichte des Weltkrieges mit den Worten vom deutschen Heere: „Die Kriegsgeschichte wird ihm, ob auch Deutschland den Krieg verlor, zu allen Zeiten und vor allen anderen Armeen den Lorbeer reichen."
So sind es also stolze Erinnerungen an die Taten tm Weltkriege, die in den alten Frontkämpfern den Wunsch wachriefen, sich nach nunmehr 20 Jahren wiederzusehen.
Unter den deutschen Regimentern, die im Weltkriege für ihr Vaterland kämpften und bluteten, steht unser einstiges Gießener Regiment Kaiser Wilhelm als eines der tapfersten und ruhmreichsten in den Blättern der Kriegsgeschichte verzeichnet. Auch seine Kriegsformationen, die Jnf.-Regimenter 186, 390 und 418, die Res.-Jnf.-Reaimenter 116, 222 und 254 und das Landw.-Jnf.-Regt. 116, haben Großes geleistet und ihrem Stammregiment volle Ehre gemacht. Die Ueberlebenden aller dieser Truppenteile wollen nun am 21. und 22. Juli in dem lieben alten Standort Gießen Zusammentreffen und ihre Erinnerungen austauschen.
Wir wollen bei diesem Anlaß einen kurzen Rückblick auf die Geschichte des Infanterie-Regiments Kaiser Wilhelm Nr. 116 werfen:
Das Regiment gehört zu den ältesten des deutschen Heeres, ist es doch am 17. Juni 1813 als Hessisches Garde-Füsilier-Regiment gegründet worden, ja, seine Stammtruppenteile können ihre Geschichte sogar bis zum Jahre 1741 zurückführen. Seine Gründung fiel in eine ernste und für unser Hessenland traurige Zeit. Hessens Großherzog Ludwig I. war durch Napoleon gezwungen worden, dem Rheinbünde beizutreten und an der Seite des Erbfeindes gegen deutsche Brüder zu kämpfen. So mußte auch das neue Regiment am ersten Teile des Befreiungskrieges auf französischer Seite teilnehmen. Erst die Völkerschlacht bei Leipzig brachte dem Hessenlande die Lösung von dem schmachvollen Bündnis. Freudig trat der Großherzög auf die Seite der Verbündeten, um den verhaßten Korsen, die Geißel Europas, hinwegzufegen. Das Regiment kämpfte im hessischen Kontingent der verbündeten Südarmee im Süden Frankreichs. Nach Napoleons Abdankung kehrte es im November 1814 in feinen Standort Darmstadt zurück. Die Ruhe währte aber, nur ein halbes Jahr,
denn als die Rückkehr Napoleons von Elba nach Frankreich erneut zum Kriege gegen den Usurpator führte, wurde auch das hessische Kontingent berufen, auf Seiten der Verbündeten gegen ihn zu kämpfen. Das Garde-Füsilier-Regiment hatte Gelegenheit, sich bei den Kämpfen um Straßburg gegen General Rapp hervorzutun. Nach Beendigung der Feindseligkeiten kehrte es in seine Garnison Darmstadt heim.
Es folgte nun eine lange Friedenszeit. Das Regiment wechselte zweimal seinen Namen, 1820 in 2. Garde-Regiment und 1830, als sich Großherzog L u d w i g II. zu seinem Chef ernannte, in „Regiment Großherzog". In ziemlich eintönigem Garnisondienst, der nur durch kurze Herbstübungen unterbrochen wurde, verflossen die Jahrzehnte bis zum Revolutionsjahre 1848. Das Regiment wurde zur Unterdrückung des Aufstandes in Baden und Frankfurt a. M. verwendet. Während in diesem Jahre die Ruhe ohne wesentliche Opfer und Schwierigkeiten wiederhergestellt werden konnte, erforderte das Wiederaufleben des Aufstandes in Baden im Jahre 1849 einen regelrechten Feldzug, an dem auch die hessische Tupppen und mit ihnen unser Regiment im Neckar-Korps unter dem preußischen General von Peucker teilnahmen. Diesmal waren die Kämpfe um so schwerer, als auch ein nicht geringer Teil der badischen Truppen zu den Aufständischen übergegan- aen war. Das Regiment nahm an mehreren Gefechten mit Auszeichnung teil, was um so höher anerkannt werden muß, als in feinen Reihen ein großer Teil Rekruten mit nur achtwöchiger Ausbildung kämpften.
In den nun folgenden 17 Friedensjahren war das wichtigste Ereignis für das Regiment feine Verlegung von Darmstadt nach Offenbach und Fried- : berg.
Der im Jahre 1866 zwischen Preußen und Oester- I reich ausbrechende Krieg fand Hessen auf österreichischer Seite. Seine Truppen in Stärke einer Division wurden mit je einer württembergischen, einer badischen und einer gemischten österreichisch-nassauischen Division im 8. Bundeskorps vereinigti Das Regiment beteiligte sich am Gefecht bei Fronhofen tapfer aber ohne gegen die taktische und technische Ueberlegenheit der preußischen Truppen Erfolge erringen zu können. .'In dem weiteren nicht glücklichen Verlaufe des Feldzugs der Bundestruppen gegen die preußische Main-Armee kam das Regiment nicht mehr zum Eingreifen.
Nach Beendigung des Krieges trat die hessische Division auf Grund der Militärkonvention des Norddeutschen Bundes als 25. (Großherzogl. Hesf.) Division zum preußischen XI. Armeekorps. Unser Regiment gehörte ihr als 2. Jns.-Regiment in der 49. Jnf.-Brigade an. Im Herbst 1868 wurde es nach Gießen verlegt, welches sein Standort bis zu seiner Auflösung blieb.
Am Kriege gegen Frankreich 1870/71 nahm das Regiment im Verbände der 25. Jnf.-Division im IX. Armeekorps mit größter Auszeichnung teil. Es focht bei Vionville, Gravelotte, nahm an der Einschließung von Metz und dem Loirefeldzug teil. Ruhmbedeckt kehrte es am 26. Juni 1871 nach Gießen zurück, jubelnd von der Bevölkerung begrüßt. Es hatte ruhmreichen Anteil am Kampfe für die Einigung der deutschen Stämme im neuen Deutschen Kaiserreich gehabt.
Die nun folgenden langen Friedensjahre wurden der gründlichen Ausbildung gewidmet. Das Regiment hatte auch hierin reichliche Gelegenheit, sich durch hervorragende Tüchtigkeit, besonders im Felddienst und im Schießen, auszuzeichnen. Das wichtigste Ereignis in der Geschichte des Regiments während dieser Friedensjahre war die Uebernahme der Chefstelle durch Kaiser Wilhelm II. am 12. September 1891, die höchste Auszeichnung, bie einem Regiment im Frieden zuteil werden konnte. Es erhielt die Bezeichnung „Infanterie-Re- qimentKaiserWilhelm(2. Großh. Hess.) Nr. 116". Mannigfache Ehren waren damit ver- bunden. Auf den Achselklappen trug es den kaiserlichen Namenszug, im Jahre 1898 wurden ihm vom Kaiser Fahnenbänder, vom Großherzog schwarze Haarbüsche verliehen. Alljährlich nahm das Regiment an der Truppenschau auf dem Mainzer Sand teil, stellte dabei die Fahnenkompanie und wurde bei der Parade von Sr Majestät dem Kaiser, der stets zur Truppenschau die Uniform des Regiments anlegte, am Großherzog vorbeigeführt. Mit den Ehren wuchsen aber auch die Pflichten, in der Ausbildung das Höchste zu leisten; sie wurden in vollstem Maße erfüllt. So stand das Regiment, als der Weltkrieg ausbrach, auf höchster Stufe militärischen Könnens Es hat in dem mehr als vierjährigen Ringen bewiesen, daß das in ernster Frie-, densarbeit Erworbene es zu den größten Leistungen vor dem Feinde befähigte.
Es ist in dem engen Rahmen dieser Ausführungen nicht möglich, auf alle die Großtaten näher
Die Fahnen des Jnf.-Regts. Kaiser Wilhelm Nr. 116. (Bildberichterstuttung: Photo-Pfaft.)
ÄM
-W z» i »d
<
Ein Soldat der Traditionskompanie in der Uniform der Reichswehr.
A
■t
■ »
\ Ȁs
einzugehen, die das tapfere Regiment im Kampfe um unser Dasein vollführt hat; wir können sie nur mit wenigen Worten streifen. Im Rahmen der 25. Jnf.-Div. fiel ihm das fchwerste Los zu, das einer Truppe im Weltkriege befchieden fein konnte: es hat den ganzen Krieg an der Westfront durchgekämpft. Besonders erwähnt fei die Feuertaufe am 22. August 1914 bei Anloy in der Schlacht bei Neufchäteau, wo das Regiment mehrfache Ueberlegenheit der Franzosen niederrang und an blutigen Opfern die Hälfte seiner Offiziere und 35 v.H. der Unteroffiziere und Mannschaften verlor. Hervorragende Heldentaten vollbrachte es in der Schlacht um Verdun, in der Somme- und in der F l a n d e r n s ch l a ch t. Gewaltiges leistete es auch im letzten Kriegsjahr in der großen A n gr i f f s fch l a ch t, die es von der Siegfried- Stellung bis über das alte Kampffeld an der Somme hinausführte. Als dann nach dem für die deutschen Waffen ungünstigen Umschwung der Kriegslage im Hochsommer 1918 die Rückzugs- kämpfe zur Antwerpen-Maas-Stellung einsetzten, tat es auch in diesen aufreibenden und seelisch niederdrückenden Kämpfen seine volle Pflicht in vorbildlicher Weise bis zum bitteren Ende.
Ruhmbedeckt, wenn auch der Krieg verloren ging und das deutsche Kaiserreich durch die verruchte Nvvemberrevolte zerschlagen wurde, kehrten die geringen Reste der 116er am 13.12.1918 in die alte Garnison zurück, freundlich begrüßt von deren Einwohnern. Der Schandfrieden von Versailles brachte auch dem stolzen weißen Regiment die Auflösung, und nur Teile konnten in das neugebildete 15. Jnf.-- Regt. übernommen werden. Sein Ruhm lebt fort in den Herzen der alten 116er und der Gießener Bürger, seine Tradition bewahren treu die zweite Kompanie des 15. Jnf.-Regts. und die Standarte 116 der SA.
Wir wollen diesen kurzen Abriß der Geschichte des einstigen Gießener Regiments nicht schließen, ohne des lieben alten Standortes Gieß e n zu gedenken, in dessen Mauern sich seine Angehörigen stets wohlgefühlt haben. Wer im Regiment gedient hat, lernte die Vorzüge der Stadt mit ihren teils mittelalterlich behaglichen, teils prächtigen Gebäuden, unter denen die schöne Zeughauskaserne und die hochragende stolze Neue Kaserne für uns Soldaten besonders erinnerungsreich find, mit ihrem gepflegten Anlagengürtel, dem vielen Grün, der lieblichen Umgebung, lieben und schätzen. Das Verhältnis zu den städtischen Behörden und der Bürgerschaft ist immer herzlich gewesen. Viele Gießener Familien gaben gern ihre Söhne dem Regiment zur Ausbildung im Frieden und zahlreiche Bürger der Stadt starben in seinen Reihen den Heldentod für das Vaterland. Alle ehemaligen 116er, die noch am Leben sind, gedenken in freudiger, mit Wehmut gemischter Erinnerung der schönen Zeiten, die sie im lieben Gießen im Soldatenrock verleben durften. Daß sie jetzt bei der Wiederfehensfeier im alten Standort frohe Stunden verleben werden, dessen sind wir gewiß, und jeder von ihnen wünscht der Stadt Gießen Blühen und Gedeihen im Dritten Reich als Standort eines Teiles unserer jungen tüchtigen Wehrmacht.


