Nr. 142 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Overhessen)
Donnerstag, 2(. Juni M4
Tag von Scapa Zlow.
Von Konteradmiral a D. Gabow.
Ist bas schon 15 Jahre her, seit am 21. Juni sich gurgelnde Wasser über den Schiffen der deutschen Hochseeflotte an fremder Küste schlossen und ein deutscher Admiral furchtlos vor fassungslos wütendem Gegner stand, die heroische Tat zu verantworten? Oder fast 16 Jahre, seit eine sinn- und kopflos gewordene Masse Mensch Waffe, Ehbe und Freiheit hinwarf, ihr Leben zu retten, einem wüsten politischen Wahn nachzujagen, und sich dem Aberglauben hingab, beim Gegner stehe es ebenso, rote Flaggen würden auf den Schützengräben des Landkrieges, auf den Kriegsschiffen von Beattys Flotte wehen? Was ergreift den Deutschen an diesem Erinnerunas- tage?
Die Tatsachen in Kürze: Art. 29 des Waffenstillstandes forderte die sofortige Entwaffnung der naher bezeichneten Schiffe und „ihre Internierung in neutralen Häfen ober in deren Ermangelung in Häfen der alliierten Mächte." Nur Wachtkomman- dos sollten nach der Ueberführung an Bord bleiben. Die 0-Boote würden gesondert ausgeliefert, wobei mehr als eines sich freiwillig versenkte. Die Besatzung der Flotte war revolutionär verstört, phantastisch verwildert im Taumel der Ereignisse. Eine solche Flotte dem Feinde auf Gnade und Ungnade auszuliefern, hatte die Geschichte noch keinem Volke und keinem Admiral zugemutet. Den Konteradmiral von Reuter traf der Befehl hierzu. Ihm, den Kommandanten und Offizieren wurde bedeutet, daß die Ausführung von ihrem vaterländischen Pflichtgefühl erwartet werde. Furchtbarer Kampf des Gewissens, der mit Gehorsam endete. Vielleicht keimte damals schon der letzte Entschluß den die jahrhundertalte „Instruktion für Kommandanten , die Kriegsfchiffordnung aller Nationen nicht anders kennt: Das Schiff fällt nicht in fremde Hand! —.
Schweigend die furchtbare Ueberfahrt, schweigend die Aufnahme durch feindliche Flotte, die das Mirakel nicht glauben kann, ihm mißtraut und ihre Geschütze auf die unbesiegten Entwaffneten gerichtet hält. Der Befehl des englischen Führers gebot am 21. November 1918 um 15.57 Uhr, die deutsche Kriegsflagge niederzuholen und nicht ohne Erlaubnis wieder zu fetzen. Das war die Stunde des Kau- dinifchen Jochs. Wenige Tage später die Sahrt vom Firth of Forth zur verlassenen Reede von Scapa Flow, auf der die große englische Flotte solange im Schutze ihrer Sperren gelegen, in täglicher und nächtlicher Spannung. Jetzt halten ein englisches Geschwader und eine Zerstörerflottille die Wacht vor den Deutschen.
Was will der Gegner mit den deutschen Schiffen? Nur Narren konnten glauben, daß er sie zu- rucfgeben werde, wenn der Friede geschlossen war. Aber die Narren von damals waren freilich nicht zu zählen. Ludwig von Reuter und fein Stab hat- ten Zeit, mit sich ins Reine zu kommen, ihnen wurde es klar, daß die Internierung nur die Vorstufe der Auslieferung ober anberroeitigen Verlustes ber Schiffe fein konnte. Das durfte nicht geschehen. Aber mit diesen Besatzungen, denen Ehre und Pflicht fo gründlich abhanden gekommen waren, die schon anfingen, sich untereinander zu befnurren? Aber da sind zum Glück die Transporte nach der Heimat, es sollten ja nur Wachtkom- mandos bleiben. So gelingt es, die schlimmen und unzugänglichen Elemente abzuschieben, die besseren und zuverlässigeren zu sammeln, wieder an die Hand zu nehmen, Verschüttetes wieder lebendig zu machen.
Die Zeit verrinnt träge, schlimme Nachrichten aus der Heimat: Die Spartakuswelle wütet und wird niedergeschlagen. Das Frühjahr geht vorüber in grauenhafter Wartezeit, vom Frieden und vom Schicksal der Flotte fein Wort. Der Gedanke, die Schiffe zu versenken, nimmt festere Formen an, aber niemand darf ihn ausfprechen. Eine neue Meuterei gibt Gelegenheit, die letzten Schädlinge loszuwerden, und nun ist ber Weg frei: Am glei-
fonberen Kräften unb Fähigkeiten aus, unb unter ihnen fehlte natürlich auch bas Schwimmen nicht. Der Held bes angelsächsischen Epos „Beowulf" ist ein Meister in bieder Leibesübung, er schwimmt sieben Tage lang bei einem Wettschwimmen von ber Küste feiner Heimat bis nach bem hohen Norben hinauf; auch ber Wut feiner Feinbe entrinnt er durchs Schwimmen übers Meer, wobei er noch dreißig Rüstungen mit sich nimmt. Ebenso werden die deutschen Kaiser als Schwimmer verherrlicht. Von Karl dem Großen sagt sein Biograph Einhard, er sei im Wasser so gewandt gewesen, daß es ihm keiner zuvor tat. Als Kaiser Otto II. 982 bei Cotrone von den Sarazenen geschlagen wurde, stürzte er sich zu Roß ins Meer und erreichte ein Schiff, das ihn aufnahm. Friedrich . Barbarossa wurde seine Freude am Schwimmen zum Verhängnis, denn er ertrank dabei im Flusse Kalykabnus. Ueberhaupt gehört das Schwimmen im Mittelalter zu den ritterlichen Künsten, die jeder, der auf feine Kultur Anspruch machen wollte, gelernt haben mußte.
Diese altdeutsche Schwimm-Herrlichkeit erhielt sich noch bis ins 15. Jahrhundert. Dann aber wurde das Schwimmen nicht nur wegen der vielen U n • fälle, die dabei vvrkamen, sondern auch wegen der angeblichen Unfittlidjfeit des nackten Badens im Fluß bekämpft und verboten. So schreibt z. B. Walter R y f f in feinem 1550 erschienenen „Spiegel der Gesundheit": „Das Baden ist bieserzeit gänzlich aus der Gewohnheit gekommen, denn niemand gebraucht mehr das kalte Baden, außer der unerzogenen mutwilligen Jugend zur Sommerzeit mehr der Kurzweil und Lust halber, auch um Schwimmen zu lernen, denn aus Notdurft." Damals wandten sich zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten, darunter auch Zwingli, gegen die
chen Tage, an dem ber Transport abgeht, am 17. Juni 1919, erfolgt die geheime Anweisung an alle Schiffe, diese zu versenken auf besonderen ^bfuhrungsbefehl. Am 20. Juni heißt es in der „Times", die deutschen Schiffe sollen „verkauft" werden. Am 21. Juni wird ber Waffenstillstanb ab- jaufen. Soweit ist ber beutsche Befehlshaber burch Vertrag unb Befehl gebunden. Danach ist er frei. Der Waffenstillstand wird um zwei Tage verlängert, abek das weiß man in Scapa Flow nicht. Der Tag zieht herauf in warmer Sonne, das englische Geschwader ist in See, die Gelegenheit günstig wie nie. Schlag 12 Uhr weht das Signal, das in geheimer Bedeutung lautet: „Schiffe sofort versenken."
Gurgelnd schießt bas Wasser in Bvbenventile unb Kondensatoren und Torpedoräume, alle Schotten sind auf, Luken, Seitenfenster und Ausgänge weit geöffnet. Boote sinken herab und bergen die Besatzungen, die stumm ihrem Werke zusehen, dem Kentern und Verschwinden der großen und kleinen Schiffe unter wehender Kriegsflagge. Das englische
Geschwader braust heran, die Bewachung schießt hemmungslos zwischen das Häuflein Deutscher, Korvettenkapitän Schumann und acht Getreue, deren Andenken eine Gedenktafel in der Garnison- kirche zu Wilhelmshaven bewahrt, fallen den Kugeln der Panik zum Opfer. Aber bas Werk ist vol- lenbet, unb heute ist fein 15. Jahrestag. Was sagt uns bte Tat?
Sie sagt uns: Scapa Flow ftanb an ber Schwelle ber nationalen Wieberbesinnung. In biefer Hanb- lung bäumte sich ber betäubt gewesene Frontgeist auf, bie Nebel bes Umsturzes unb ber Unehre wichen aus vielen Köpfen mit biefem Beispiel vor Augen. Freikorps, Marinebrigaben unb Scapa Flow standen nebeneinander, die Bahn zu brechen, auf der die Stürme des Dritten Reiches sich zusammenfanden, ein neues Haus zu gründen und mit einem neuen Geschlecht zu erfüllen. Aus dem ehrenvollen Grad aber stieg neues Leben unb Jugenbkraft in Gestalt ber heutigen Reichsmarine, bie unverzagt ins Morgenrot blickt.
Professor Zielinskis Gegenbesuch in Berlin.
< l
Professor Zielinski von ber Universität Warschau bei seinem Vortrag, ben er in der Berliner Universität über das Thema „Der polnische Bauer in der Geistesgeschichte und Dichtung Polens" hielt.
Reichsminister Dr. Goebbels empfing gestern nachmittag Professor Zielinski.
Englischer Kriegsschiff-Besuch in Swinemünde.
W
MX;
Mi ■ hV! W
WW
Die fünf englischen Zerstörer „K e m p e n f e 11", „Cicero y", „V e g a", „D o n i t i a" unb ,,C a l o r o u s" liefen zu einwöchigem Besuch in ben Hafen von Swinemünbe ein. Die Zeit ipres Dortigen Aufenthalts ist mit einem umfangreichen Programm gesellschaftlicher unb sport- hrtjer Veranstaltungen ausgefüllt. Die Zerstörer finden um so größeres Interesse seitens des deutschen Publikums, als sie zur Besichtigung freigegeben sind.
Wie die Deutschen das Schwimmen lernten
ft
Eine kulturhistorische Betrachtung zur Reichs-Gchwimmwoche.
Die Reichs-Schwimm-Woche soll jedem klar machen, daß das Schwimmen nicht nur ein beliebter Sport, sondern eine Notwendigkeit ist, so gut wie Gehen und Laufen. Wir knüpfen mit dieser Forderung an eine alte Ueberlieferung an. Die Germanen waren ursprünglich als Schwimmer berühmt. Cäsar berichtet von dem Baden der Sueben im Fluß und erwähnt an anderer Stelle, daß alle Germanen schwimmen könnten und daß die ganze Jugend, Mädchen und Knaben, miteinander badete. Nach T a c i t u 5 waren die Bataver so hervorragende Schwimmer, daß sie mit Pferd und Waffen in geordneten Scharen mitten burch den Rhein ziehen konnten. Die Franken burch- querten auf ihren Schilden die Rhone, und den
selben Brauch hatten bie Alemannen. Die Römer lernte biefe ausgezeichnete Tüchtigkeit der alten Deutschen in verschiedenen Kämpfen zur Genüge kennen, denn den germanischen Kriegern gegenüber gab es keine Deckung durch einen Fluß; sie stürzten sich in die Fluten, schwammen hindurch unb waren sofort zum Angriff bereit. Als bann bie Germanen m ben Heeresbienst ber Römer traten, machten biefe sich ihre Schwimmkunst zunutze. So mußten sie zum Beispiel ben anberen Solbaten voran über den Tigris schwimmen, unb Kaiser Habrian hob die Tat bes Batavers Soranus rühmenb hervor, ber, angetan mit feiner schweren Rüstung, bie Fluten ber Donau durchquerte. Die Idealbilder der Helden stattete das germanische Volk mit be-
Notizen aus der Lust.
Meine Chronik einer Flugzeugreise Hamburg-Kopenhagen.
Von Heinrich Hauser.
Nichts kann die Phantasie mehr anregen als ein Fahrplan. Sieht man die Züge nach Kopenhagen nach, bann wird der Blick ganz unwillkürlich weit: elf Stunden fährt der D-Zug. Wenn man dann aber auf ben Flugplan sieht, bann meint man auf einmal kurzsichtig zu sein: kurz vor zwölf Uhr startet man in Hamburg, um zweieinhalb Stunben später in Kopenhagen zu lanben: sozusagen gerabe in die Suppe hinein.
Verändert hat sich der Flughafen in Fuhlsbüttel, seit ick ihn zum letztenmal sah. Das ist ein großer Bahnhof geworden, mit einem langen Blick in die Zukunft gebaut. Und während ich als einziger Passagier und Gast durch diese weiten Hallen gehe, da denke ich, daß es doch schade ist, daß alles so schnell ins Große wächst.
Wie schön war die Zeit, wo Flugplätze nur ein paar Wellblechschuppen trugen! Wo man mit dem Gefühl, alle Höhen ber Zivilisation erreicht zu haben, in bem winzigen Kasino ber Flieger eine Tasse Kaffee trank. Wo man sich mit unenblidjer Vorsicht, um kein Loch in bie Leinwanb ber Tragfläche zu treten, in die offene Karosserie quetschte. Wo man davor gewarnt wurde, mit den Händen die Drähte der Steuerung festzuhalten. Wo man seinen Piloten die Hand schüttelte mit einem Blick, der treu um gute Aufbewahrung unseres Lebens bat.
Jawohl, so war das vor 10 Jahren; aber vielleicht mar es bloß schön, weil wir damals jünger waren.
Weiß Gott, ich bin der einzige Passagier. Wir starten, in dem vertrauten Rumpeln über den harten Boden sehe ich mich ein bißchen um. Da liegen in den Gepäcknetzen Schwimmwesten, weil wir doch über ein paar Stückchen Ostsee fliegen; und in der Decke ist ein weißes Quadrat, darauf steht „Notausgang". Es hat etwas lächerlich Beruhigendes, so ein Schild; man denkt: „Laß doch das Flugzeug in die Tiefe stürzen; ich steige einfach aus, durch Viesen Notausgang und gehe meiner Wege." Ein unerschütterlicher Glaube an behördliche Inschriften liegt uns Deutschen schon im Blut.
Im übrigen, während man inzwischen längst über der Heckenlandschaft Schleswig-Holsteins schwebt, fühlt man sich wunderbar erhoben, begreift nicht, daß noch Menschen auf Eisenbahnen fahren, unb hat nichts auszusetzen außer an ber teuflisch Giftgrünen Blumentapete ber Kabine bie mehr in das Jägerstübchen eines Dorfwirtshauses als in tüi Flugzeug paßt.
Man sieht, baß bie Umrisse ber Felbmarken eines Dorfes ein zackiges Vieleck formen, bem Grunbriß einer Festung ähnlich, ober einem Kristall. Man sieht auf entlaubte Wölber herab unb entbeckt, baß die Bäume wirklich bas Haar ber Erbe finb. Man verfolgt bas Nivellement eines Gelänbes an ben unglaublich klar gezeichneten Winbungen ber Bäche.
Wir nähern uns einer großen roten Ziegelstabt: wir überfliegen sie, eine Seefeste, umgeben von Wasser, spitz stechen ihre Dächer zu uns auf, wie Lanzen finb bie Türme ihrer großen Kirchen, eine Märchenstabt, und ich erkenne sie: Lübeck.
Einige Minuten später kommt die Ostsee uns entgegen, drohend und grau, mit einer jagenden Nebelbö. Das Flugzeug zittert unter ihrem Stoß; es senkt sich: man hört den Wind sausen durch den gedrosselten Motor. Ein Wasserstreifen scheint hinaufzugleiten, und mit einmal stellt er sich schräg, als würde eine blaue Wand errichtet — man bekommt Angst für die kleinen Boote da unten, daß sie etwa von der Wand herunterfielen. Aber nein: es ist das Flugzeug, das schräg in der Kurve liegt: unb im Augenblick, ba man vermeint, im Wasser zu lanben, treffen bie Räber auf festen Baben auf. Es rollte der Apparat mit wippendem Schwanz wie eine Bachstelze und mit stoßweise brummendem Motor vor die Flughallen von Travemünde.
Man übergibt ben Paß einem streng blirfenben Sipobeamten, überlegt schnell, ob man nicht boch irgenb jemanben ermorbet hat — benn warum ist er sonst so streng unb böse?! Unb währenb man im Restaurant bei einer Tasse Brühe gefaßt feiner Verhaftung entgegensetzt, bekommt man ben Paß visiert zurück: gottlob!
Wunderbar ist bie Spannung, in ber man der See entgegensieht. Wir kämpfen mit bem Winb, ber uns hart gegen ben Propeller weht. Aber warm ist es. in ber Kabine, unb siehe ba: sollte es etwa schon einen Kamin im Flugzeug geben? Warm unb rot glüht es vor mir auf in kleinen Flammen aus einer bunflen Ecke der Wand vor meinem Sitz. Nein, das ist die Funkstation, sie ist in Betrieb; und was da aufglüht, sind die Lautverstärkerlam- pen, bie sich in ben roten Kupferteilen spiegeln. Wir haben zwei Piloten und zwei Telegraphisten im Apparat — und einen Passagier: ich komme mir vor wie ein hoher Herr, der vierspännig fährt.
Da ist bie See! Weiß ist ber Stranb, bann kommt die Wasserlinie in einem hellen strahlenden Grün; und wie wir sie überfliegen, vertieft sich das Grün zu wunderbaren leuchtenden Türkisfarben.
Wie klein sind jetzt die Schiffe! Sie scheinen stillzustehen: nur an ihrem Kielwasser kann man sehen, daß sie fahren.
Jetzt streckt sich eine Landzunge uns entgegen;
sehr seltsam eine Robinson-Insel, weiß umkantet von Sand und ganz betupft mit kleinen Teichen und Tümpeln, wie mit Granattrichtern. Wenige Häuser, wenig bebautes Feld, und ganz am äußersten Zipfel steht ein altes, halbverfallenes Haus mit ein paar Bäumen, und in Gedanken nehme ich Besitz davon: das war Fehmarn.
Ich spähe nach der Karte, die der Funker zwischen feinen Händen abrollt, den roten Strich des Kurses verfolgend: was jetzt kommt, hinter dem zweiten blauen Ostfeearm, ist Dänemark, ist Laaland.
Und jetzt erlebe ich eine große Überraschung: nämlich ich habe geglaubt, daß man vom Flugzeug aus bie nationalen Grenzen nicht erkennen könnte. Aber hier sieht man mit vollkommener Deutlichkeit: bas ist ein anberes Lanb: diese Felder sind ganz anders geschnitten, ganz anders bearbeitet als die unseren. Länglicher im Format und glatt, wie gewalzt; und das Schema des Pflügens oder die Anlage von Dränröhren zeichnet ihnen ein Muster ein: zwei Diagonalen, die sich kreuzen; jedes Feld wie ein Briefumschlag.
Aber auch die Höfe finb anbers gebaut, nämlich geschlossener. Die Gebäube stoßen in rechten Winkeln gegeneinanber. Meist liegt bas Wohnhaus in ber Mitte zwischen ben Wirtschaftsgebäuben. Auf- fallenb viele Autos kriechen auf ben Lanbstraßen wie fleißige Käfer unb zeigen vorsichtigen Charakter, wenn es um Kurven geht. Die Telegraphenstangen haben eine nationale Eigentümlichkeit: es sinb jebesmal zwei, bie, gekreuzt, sich gegenseitig stützen wie bei einem Sägebock. Seltsam ist es, wie tatsächlich jebe technische Nation ein persönliches Muster von Telegraphenstangen und Isolatoren entwickelt hat; Gegenstand einer photographischen Sammlung in meinen Mappen, ebenso wie Laternen.
Und dann, muß ich gestehen, bin ich eingeschlafen, denn was wäre einschläfernder als das gleichmäßige Dröhnen der Maschine unb bie sanfte Massage des ewigen Bebens der Kabine. Ich könnte mir vorstellen, daß bie Aerzte schlaflose Patienten in bie Luft schicken unb über ihren Betten kreisen lassen. Aber man erwacht, wie bas Geräusch sich änbert; langsamer läuft bie Maschine, unb ber Körper fällt nach vorn, wie bie Nase bes Apparates im Gleitflug abwärts taucht. Durch bie linken Fenster sieht man, jäh überrascht, bie große Stabt — man , muß ihr ben abgerissenen Ausbruck geben: es ist ein Häusermeer. — Als Farbeneinbruck hell unb flach liegt sie an einem flachen Stranb, unb eigentlich sieht sie südlich aus. Weit ist bie Hafeneinfahrt zwischen kleinen Inseln, unb jetzt hält man sich fest — die Erbe stößt mit uns zusammen: wir sind gelandet in Kopenhagen.
Eine Frau erforscht das unbekannte Persien.
In den Jahren 1930—32 hat die Engländerin Freya Stark ganz allein, nur von eingeborenen Führern begleitet, einige Reisen durch zwei bisher kaum bekannte Teile Persiens unternommen und schildert ihre gefährlichen Abenteuer in bem soeben erschienenen Buch „Das Tal ber Assassinen", bas als ein neues klassisches Werk ber britischen Reise- Iiteratur begrüßt wirb. Ihr Hauptziel war, bie geheimnisvollen Bergfesten in ben roilben Klüften des Elbrus zu erforschen, in benen im Mittelalter bte geheimnisvolle Sekte ber Affaffinen ober Mör- der ihre Sitze hatte. Es glückte ihr auch zu ben beiden Hauptburgen vorzubringen, ber Feste Ala- mut, von ber schon Marco Polo so viel vom Hörensagen erzählte, unb ber Burg Lamiasar, beren genaue Lage bisher unbekannt war. Persien ist ja ein Land, bas noch immer nicht völlig erforscht unb kartographisch ausgenommen ist. Es gibt viele Gebiete unb Winkel, bie nur ben Ein^borenen bekannt finb, unb Miß Stark hat burch ,yre Forschungsreise der Erdkunde bedeutende Dienste geleistet, die durch Verleihung ber Mebaille ber Britischen Geographischen Gesellschaft anerkannt würben. Sie brachte für ihre Aufgabe unerschütterlichen Mut, Geistesgegenwart in allen Lagen, größte Be- bürfnislofigteit unb scharfe Beobachtungsgabe mit. Nichts kann sie aus ber Ruhe bringen, nichts entgeht ihrem Blick, unb gerabe^Äs Frau hat fie in biefem abgelegenen Teil bes Orients viel gesehen, was einem Mann entgangen wäre. Dazu kommt eine ungewöhnliche Schilberungsgabe, die ihrer Darstellung vielfach etwas Dichterisches verleiht. Selbst als sie in dem einsamen Rudbar-Gebirge länger^Zeit, nur von einem treuen persischen Führer begleitet, in schwerer Krankheit darniederlag, verlor sie nicht den Sinn für die landschaftliche Schönheit ihrer Umgebung. Den Höhepunkt ihrer Darstellung bildet zweifellos die Beschreibung der Burg von Lamiasar. Als im Jahr 1256 Hulagu Khan auf seinem Marsch zur Eroberung Bagdads es für notwendig fand, sich der Affaffinen zu ver- sichern, die das nördliche Persien beherrschten, nahm er zuerst Alamut, aber die Festungen Girdkutz unb Lamiasar roiberftanben ihm sechs Monate. Alamut ist in letzter Zeit öfters von Europäern besucht worben. Die genaue Lage von Lamiasar aber war unbekannt. Dieses alte Schloß war ber Schauplatz für bas unheimliche unb romantische Treiben ber geheimnisvollen Sekte, bie von bem „Alten vom Bertze" geleitet würbe.
- ■ ■ y


