Oie Filminsel.
Von Anielta Elter.
Catalina war der hübsche Kosename der jungen Katharina von Aragon, ehe sie nach England fuhr, -um Heinrichs VHI. erste Frau zu werden. Catalina heißt auch ein kleines Felseneiland, unweit der kalifornischen Küste, wahrscheinlich von den Spaniern -so benannt, die es im 16. Jahrhundert entdeckten.
Don San Pedro kann man die Insel in kürzester Zeit im Wasserflugzeug erreichen. Man kann auch langsamer in einem komfortablen Schiff hinüber- schaukeln, unterwegs tanzen oder die fliegenden Fische betrachten, die aus dem Wasser hochspringen, wie leuchtende Pfeile durch die Luft schwirren und wieder im Meer versinken.
Diele Ausflügler machen diese Fahrt, um in Avalon ein eigens gebautes Boot zu besteigen, durch dessen Glasboden man auf den Grund des Ozeans blicken kann. Für ein paar Dollars sieht man ein wahres Märchenland, leise schwankende Wälder aus Algen und lang, rosige Korallenschlösser, Gärten, in denen Moos uni) bunte Schwämme wachsen. Seltsam geformte, schillernde Fische huschen darüber hin, nur Triton fehlt, der seinen lieblichen Gespielinnen Liebeslieder auf der gewundenen Muschel blies.
Der amerikanische Kaugummikönig Thomas Wrigley erwählte Catalina zu seinem Lieblings- ausenthalt. Hoch oben auf Avalon erbaute er sein palastartiges Wochenendhaus. Er ging so mit gutem Beispiel voran und versuchte andere Multimillionäre anzulocken, die sonst den Winter in Palm Beach oder Miami verbringen. Vielleicht hatte ihm Capri vorgeschwebt oder Frankreichs blaue Küste. Er versuchte sogar eine Spielbank zu gründen, aber sein Traum erfüllte sich nicht.
Wohl ersteht hier manchmal Monte Carlo Beach oder der Strand von Deauville, aber nur für Filmaufnahmen, zu denen die Hollywooder herüberkommen. Dann belebt sich für eine Weile das St. Catherine-Hotel, Stab und Schauspieler werden einquartiert, Tonwagen ausgeschifft, Kameras und Scheinwerfer angeschleppt.
Auf dem Meer tanzen plötzlich bunte Gummitiere, wilde Seepferde und Delphine. Braungebrannte Jünglinge machen ihre Segelboote flott, Motorboote rasen über das schäumende Wasser und ziehen Wellenreiter hinter sich her. Am Strand promenieren schlanke Girls in weißen Matrosenanzügen und gewagten Pyjamas. Badekostüme
werden gezeigt, wie sie nur Hollywoods Phantasie ersinnen kann, kurze, anliegende Muschelpanzer oder Fischnetze, in deren Maschen sich zierliche Krabben gefangen haben.
Sonntags liegen ungezählte weiße Luxusjachten in der Bucht, Charlie Farrels und Dick Barthel m e s' Boote, die „Seewärts", die dem Regisseur de Mille gehört und Jack Gilberts „Temptreß", „die Versucherin", nach Greta Gar - b o s erstem Film getauft.
Die Stare, die gekommen sind um ihre arbeitenden Kollegen zu besuchen, finden sie nicht immer im mondänen Avalon. Meist müssen sie sich nach dem anderen Ende der Insel aufmachen, wo zwischen Bergwänden und Hügeln eine kleine Zeltstadt auf« gebaut ist, in der das Filmvolk vorübergehend lebt. Auf dem Isthmus von Catalina gibt es nur zwei steinerne Häuser. Das eine ist so klein, daß man nur mit Mühe zwei oder drei Hauptdarsteller darin unterbringen kann, das andere besteht aus einer Küche und dem Speisesaal, der am frühen Morgen die Friseure beherbergt und sich nach dem Abendessen in einen Vorführraum verwandelt. Mitten durch die Zeltstadt führt eine breite Straße, rechts davon wohnen die Damen, links die Herren. Die Zelte haben Holzfußböden und find mit Bett, Spiegeltisch und einer kreisrunden Badewanne ausgestattet. Die Abendtoilette ist hier äußerst kompliziert. Das heiße Wasser muß sich jeder nach getaner Arbeit in Kannen aus der Küche schleppen. Für Damen gilt der Spruch: Viel Verehrer, viel Badewasser.
Die Morgentoilette ist dagegen einfach. Man nimmt Handtuch und Zahnbürste, rennt im Schlafanzug zum Brunnen und macht in bunter Reihe Katzenwäsche. Dazu läuft jeden Morgen dieselbe Grammophonplatte, Rudy DallSes passender Schlager: „Wach auf Baby, der Traum ist vorbei ..."
Die Mahlzeiten werden in dem großen Speisesaal gemeinsam eingenommen. Die Speisen schmecken schauderhaft und immer gleich, man hat ihnen reichlich Salpeter zugesetzt, damit niemand auf schlechte Gedanken kommt. Denn die Nächte auf dem Isthmus sind zauberhaft. Myriaden Sterne funkeln, das Rteer rauscht. Wie leicht könnte man den Kopf verlieren, wenn man vor dem Schlafengehen zwischen Feigenkaktus und Yuccas am Felsabhanq fifct. Betäubend duften die Blüten der Nachtkerze, und tief und geheimnisvoll sind die einsamen, monb» beschienenen Schluchten.
Catalina: — hier ist das galiläische Meer, der
See von Genezareth, wo Jesus zu den Aposteln spricht, die als Fischer an dessen Ufern wohnen. Hier ist Skandinavien, das Land „Rhos" und die Wikinger, kühne Seeräuberscharen fahren auf ihren Wel- lenroffen gegen Frankreich und England. Hier ist der Strand von Waikiki, wo die Konaken Fische am offenen Feuer braten und ihre Frauen Poi rühren, während die braunen Mädchen ihr Haar lösen und zu sanftem Geklimper den Hula-Hula tanzen. Hier ist die heiße Südseeinsel, auf der es endlos regnet und regnet und die gestrandete Abenteuerin aus San Franzisko die Matrosen betört, die Eingeborenen und den aufrechten Missionar, bis er vergißt Tugend zu predigen und ihr verfällt.
Und eines Tages sind alle Aufnahmen beendet. Die Zelte werden abgebrochen. Boote kommen und bringen Stab und Künstler ans Festland. Man kehrt nicht ungern zurück zur Zivilisation.
Nur manchmal, wenn man mit dem Roadster über den spiegelglatten Hollywood-Boulevard saust, erinnert man sich. Von der Höhe des Taft-Buildings leuchtet das Reklameplakat des Observatoriums am Mount Wilson: Komm und schau durch das beste Fernrohr der Welt. An einem klaren Tag sieht man Catalina.
Filme, die man nicht öffentlich sieht.
Filme, die von der Zensur nicht zugelassen werden, bleiben der Oeffentlichkeit unbekannt, wenn nicht den Beanstandungen durch Aenderungen Rechnung getragen wird. Da die Filmproduktion sich vorsieht, kommen solche Konflikte mit der Zensur nicht häufig vor. Dagegen gibt es sehr viele Filmstreifen, die von vornherein nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt sind, die deshalb auch niemals öffentlich gezeigt werden. Es ist dies gar kein unbeträchtlicher Teil der Filmproduktion. Vielmehr handelt es sich um Filmstreifen, die insgesamt viele tausend Kilometer lang sind und die doch niemals das Licht der Oeffentlichkeit sehen. Regisseure von Rang und Namen sind bei der Aufnahme tätig, Künstler und Künstlerinnen von großem Ruf wirken mit, die photographischen Aufnahmen werden mit der größten Sorgfalt hergestellt, und schließlich führen die Filmstreifen in einer Zinn- büchfe ein vergessenes Dasein in dem Lagerkeller, oder sie enden auf dem Kehrichthaufen.
Es sind dies die P r o b i e r f i l m e, die in dem Atelier einer jeden größeren Filmgesellschaft eine wichtige Rolle spielen. Sie dienen häufig dem Zweck, neue, noch unbekannte Talente zu erpro
Berliner Filmbries.
„Es tut sich was um Mitternacht."
Man hat alles zur Verfügung gehabt, was zu einem guten Unterhaltungsfilm gehört. Es gibt wunderschöne Landschaftsbilder, eine Handlung, die Spannung erzeugen könnte und Schauspieler, die bereits öfters bewiesen haben, daß sie etwas können. — Wenn Dolly Haas hier nicht über em wenig kecke Jungenhaftigkeit und sich wiederholende Passagen hinauskommt, so ist das gewiß nicht ihre Schuld. Aber Lieven ist nett und blond. Er zeigt vorläufig keine bezwingende Begabung, aber er sieht wenigstens so aus, wie man sich einen deutschen jungen Mann vorstellt. Das ist allerhand, denn die Zeit des schlechten Männergeschmackes seitens unserer Herren Regisseure ist leider immer noch nicht ganz überwunden. Die Geschichte zu verraten, wäre Verrat. Man sehe selbst, welcher Spuk um Mitternacht losgelassen wird. Oskar Sima als französischer Marquis, Leopoldine Konstantin als vornehme Mama und Ralf Arthur R o - berts in der Rolle eines hamburgisch sprechenden, ollen Käptens sind erfreulich. Sehr schone Bil- der aus dem Spessart und eine flotte Musik helfen über die kleinen Schwächen liebenswürdig hinweg. Das Publikum unterhält sich.
„Das Mädchen mit Prokura."
Ein guter, geschmackvoller Film, in dem man sich nicht langweilt. Im Gegensatz zu dem Erwarteten entspinnt sich eine Detektivgeschichte. Gerda Maurus spielt das Mädchen mit Prokura. In den Händen des Regisseurs Cz^repy entwickelt sie sich völlig neu. Sie ist gelöst und menschlich wie nur wenige Frauen auf der Leinwand. Jessie V i h r o g als kleines Bürvmädel schlägt mit ihrer Quicklebendig- keit so siegreich durch, daß aus der Episode eine Leistung wird, die sich dem Gedächtnis einprägt. Schle11ow, Henkels, Loos, Veit Har- l a n und Schaufuß stehen an der richtigen Stelle und helfen an dem Erfolg mit. Erwähnt werden muß noch, daß Czörepy aus diesen Typen, mit deren Namen sich unwillkürlich ein fester Begriff verbindet, mehr herausgeholt hat, als es im allgemeinen üblich ist. Zum Teil find sie völlig verwandelt und bringen Den Beweis, daß sie mehr können, als man gemeinhin von ihnen verlangt.
rr3n Sachen Timpe."
Der Schuster Timpe wird verdächtigt, ein halbes Dutzend silberner Löffel gestohlen zu haben. Er vergräbt sich in feinem Kummer vor der Welt und gibt sich der Betrachtung des Innenlebens hin. Erst viel später kommt es zu einer Gerichtsverhandlung, in der er „mangels Beweises" steige- sprachen wird. Er ist glücklich bis zu dem Augenblick, wo seine Tochter ihm über die Bedeutung dieses Richterspruches die Augen öffnet.
Es ist wohl felbftverftändlich, daß nach Ablauf der Spielzeit feine Unschuld einwandfrei erwiesen ist.
Paul Beckers, der alten Garde aus feinen Daritsnummern noch in bester Erinnerung, spielt den biederen Schuster mit Hingabe und Einfühlung. Henkels steht ihm unaufdringlich und wirksam zur Seite. Auch die übrigen Rollen sind gut besetzt und werden vorzüglich gespielt. Der Film gefällt und wird seinen Weg machen. Man hat hier die moralische Not eiyes Mannes aus dem Volke geschildert und zeigt ein kleines unbekanntes Schicksal, das ans Herz greift.
„Abenteuer im Südexpretz."
Es wird einem ein bißchen schwer gemacht, an dieses Abenteuer zu glauben. Trotzdem hat der Film einen Erfolg zu buchen: das Spiel Romanowskis. Man sollte sich zwei Stunden Zeit nehmen und über ihn lachen. Waschnek legt feine Arbeit etwas zu breit an. Für einen Detektivroman ist es nicht gerade das Erwünschte. Die Spannung leidet auch hier oft stark darunter. Großes Treffen im Südexpreß. Sie find alle da: die vornehme, alleinreisende, reiche Dame mit dem großen Schmuck, der Hochstapler, der Privatdetektiv, der ernste Mann mit dem guten Herzen, der zerstreute Professor und der um verschiedene Nuancen zu vornehme Kellner. Charlotte Susa sieht
Aus der Welt des Films.
gut aus. Leider kommt ihre Stimme nicht so strahlend wie sonst zur Geltung. Diehl beglückt wieder mit feiner kultivierten Männlichkeit. Roberts gibt die Hochstaplerrolle sehr beherrscht. Und wie gesagt: Romanows!y. — Das Publikum unterhält sich ausgezeichnet.
„Bon Königsberg bis Berchtesgaden."
Jeder Deutsche sollte diesen Film gesehen haben. Unser Grenzland von Königsberg bis Berchtesgaden wird aufgeschlossen und gewährt einen tiefen Einblick in Art und Gestaltung, Sitte und Lebensform unseres Vaterlandes. Die Kamera hat alles
eingefangen, was wesentlich ist, um dem Beschauer einen Eindruck zu vermitteln.
Man weiß nicht, wo das Auge lieber verweilt: ob man Masuren mit seinen weiten Landschaften und Seen, ob es Böhmens Wälder durcheilt, ob der Blick Städte und Kirchen und Schlösser abtastet, oder ob der Beschauer wie im Fluge über Braunau, des Geburtsort des Führers, in die Berge gleitet und deren Pracht bestaunt, — man weiß und fühlt nur das eine: überall ist wundervolles, deutsches Land, ist deutsche Grenze, die wir hüten müssen.
Glyzerintränen, Gummiwaden und künstlicher Schnee.
Asta Nielsen erzählt aus den Kindertagen des Films.
„Um 1909 herum, als ich zum ersten Male mit dem Film in Verbindung kam", erzählt Asta Nielsen, „galt es als eine Schande, in ein Kino zu gehen, geschweige denn an der Herstellung eines Filmes teilzunehmen. Der Besuch der ganz wenigen dunklen Kientapps war gesellschaftlich geradezu verpönt. Nur recht wenigen Fachleuten, insofern es solche überhaupt gab, sahen für den Film wohl eine technische, aber keinesfalls eine künstlerische Zukunft. So ist es kein Wunder, daß, als man mir ein Filmengagement anbot, ich das Angebot als eine Zumutung empfand. Dennoch wollte ich versuchen, aus der Rummelangelegenheit eine Kunst zu machen und willigte ein, in einem Film „D e r A bgrunb", zu spiele^.
Dieser Film, der von dem Besitzer eines elenden Kinos in Kopenhagen finanziert war, wurde in einem entlegenen Gefängnishof in der dänischen Hauptstadt gedreht. Eine notdürftig zusammengezimmerte Tribüne war der Schauplatz, die Sonne lieferte die einzige Beleuchtung. Der Manuskriptverfasser Urb-an Gab war zugleich Regisseur. Meine erste Filmgage für alle Aufnahmen betrug ... 200 Kranen. Die Photographie des 900 Meter langen Films erwies sich also so entsetzlich, daß der Finanzmann vor Schreck erkrankte. Dennach wurde der Film nach Düsseldorf verkauft und brachte dem Käufer so viel Geld ein, daß er reich wurde. Fachleute hielten diesen unerwarteten Erfolg für Zufall. Die Namen der Darsteller und des Regisseurs wurden nicht erwähnt.
Ich bekam dennoch, da die Sache sich herumge- sprochen hatte, Engagementsangebote von Varietes! Schließlich wurde in Berlin eine Gesellschaft gegründet, um zwei Filme zu drehen. Ein kleines Atelier mit einer Dachkammer im Norden Berlins wurde gemietet. Die Aufnahmedauer war eine Woche für jeden Film. Gedreht wurde nur im Sommer, da man keine Atelierbeleuchtung hatte. Immerhin waren diese Filme mit „richtigem Theaterspiel" etwas ganz Neues; denn man kannte auf der Leinwand meistens nur Gruppen etwa „n a ch Makar t", die dann plötzlich zum Leben erwachten. Die Titel 5er unglaublich rührseligen Filme hießen „Heißes Blut" und „Nachtfalter".
Allmählich wuchs dennoch in Deutschlands das Interesse für die neue Kunstart, und so entstand ein richtiger Film-Verleih mit einem „Generaldirektor". Ein Film von 1200 Metern sollte gedreht werden. Nur fragte man sich, wieviel Elefanten und Löwen man dazu brauche, da das Spiel eines Schauspielers einen so langen Film nicht füllen könne. Das Niveau der Aufnahmen war nach den heutigen Begriffen entsetzlich. Man konnte Prinzen sehen, die bei Hose sich auf die Schenkel knallten, und Hofgesell- fd>aften, die an Tischen mit tarierten Tüchern bei Galadiners saßen.
Das Manuskript gab damals nur den Rahmen der Handlung. Da hieß es zum Beispiel: Astas Kind stirbt. Astas Hauptszene. Welche Ratschläge Fachleute mir gaben, geht aus folgendem Erlebnis hervor. Ein Fachmann riet mir, Gummiwaden anzuschaffen, da meine Beine zu mager waren.
Seine Frau, die im Zirkus auftrat, hatte durch ihre Waden die Gunst des Publikums erobert.
Ein Kapitel für sich war die Zensur. Die e r ft e n echten Tränen wurden mir von der Zensur herausgeschnitten mit der Begründung: Der allzu große Eindruck auf nervöse Menschen konnte gesundheitsschädlich sein. Uebrigens sei das erschütternde Spiel ein Privileg des Theaters und nicht des Films Ein Film, in dem ich ein uneheliches Kind zu spielen hatte, wurde verboten, und erst nach vielen Verhandlungen freigegeben. Ein anderer Film wurde verboten, weil man meine Beine bis über die Wade sah.
Als die Atelieraufnahmen Wirklichkeit wurden, war die Technik immer noch so primitiv, daß manchmal komische Zwischenfälle unvermeidliK waren. Im Film „Das Äi nb ruft" hatte sch im Schnee zu sterben Der Schnee bestand aber aus weißen Federn. Ich lag im Atelier als Leiche und mußte ben Atem anhalten, weil bie Febern beim leisesten Atemzug hochgingen. Eine tückische Feder hatte sich ausgerechnet auf meine Nasenspitze gesetzt und dennoch mußte ich starr liegen. Die kitschigen Sujets aber wie etwa „Sünden der Väter", „Die Tochter derLandstraße", „Das Mädchen ohne Vaterland" trugen viel zur Popularität der neuen Unterhaltung bei. Im Jahre 1913 konnten die ersten deutschen Filmpaläste entstehen und von jedem Film liefen 40 bis 50 Kopien. Erst die Jahre nach dem Kriege brachten allmählich ben unerhörten technischen Aufschwung bes Films in der Form, in ber wir ihn heute kennen.
Dr. 21. v. Andreevsky.
Zeitgenossen im $ihn.
Der Ausgang bes Jussupow- Prozesses, in bem bie Herstellerin bes „Rasputi n" - Filmes, bie Metro-Golbwyn-Mayer, wegen unsachlicher Darstellung einer noch kbenben Person ohne beren Genehmigung zu einer hohen Gelbstrafe verurteilt würbe, gibt erneut Anlaß, bie Frage ber künstlerischen Gestaltung von Zeitgenossen im Film unb auf ber Bühne grunbsätzlich zu erörtern. Die erste Forberung, bie in biefem Zusammenhang gestellt wirb, ist bie einer Unterrichtung ber barzustellenben Person unb bie Einholung ihrer ausbrücklichen Genehmigung ober ber ihrer Angehörigen, wie bies bei zwei englischen Filmen ber letzten Zeit unb nunmehr auch vor ber Verfilmung bes Lebens bes Kapitän Scott unb bes Sir Ebwarb Marshall Hall geschehen ist. Damit soll nicht nur jebe Verunglimpfung ber barzustellenben Person oermieben, fonbern barüber hinaus auch eine Gewähr bafür gegeben werben, baß bas Privatleben noch lebenber Persönlichkeiten nicht in bie Oeffentlichkeit gezerrt wirb. In einem solchen Falle ist eine freiwillige Seldst- beschränkung bes schaffenben Künstlers geboten, ba be Freiheit bes künstlerisch-m Schaffens nicht zu einer Verletzung bes persönlichen Lebensrechtes eines anberen führen barf. Die eigentliche historische Gestaltung bietet zur Entfaltung nachschöpferischer Phantasie genug Raum, so baß der geforberte Ver
zicht auf bestimmte Einzelheiten in ber gegenwarks- bezogenen Hanblung aus Taktgrünben nicht als unbillig erscheinen kann. Keinesfalls soll bamlt an sich der Darstellung ber Gegenwart in ihrer ge- schichtlichen Bebeutung entgegengetreten werben; aber bei einer solchen Darstellung werben Manu- skriptverfasser unb Regisseur beweisen müssen baß sie eine innere Berechtigung zum künstlerischen Schaffen besitzen, bas nicht nur ein Abbllb ber Zeitgeschichte, fonbern auch Ausbruck ber Schöpfer- kraft unb des Geschmacks ihrer künstlerischen Ge- ftalter ist.
I,lm von vorgestern — eingestampst!
Wo bleiben die abgespielten Bildstreifen?
Haben sie schon einmal überlegt, was aus all ben Filmen wirb, beren Bilbstreifen uns heute mehr ober weniger begeistern? Haben Sie schon einmal barüber nachgebacht, wo ber letzte Weg ber bicken Zelloloibsilmspulen enbet?
„Es wäre sinnlos, bie vielen Millionen Filmmeter aufzubewahren," erklärt ber Leiter einer ber größten beutschen Kopieranstalten unb erzählt, baß ein Durchschnittsfilm 2 0 0 0 bis 3000 Meter lang ist. Das Zehnfache an Material wirb jeboch währenb ber Aufnahmezeit verbraucht. Ist aus ben 20 bis 30 000 Filmmetern bas eigentliche Urnega» tiv zusammengesetzt worben, so werben befonbers bei Filmen, beren Weg auch ins Auslanb fuhrt, mehrere Negative hergestellt. Diese allein sind wichtig unb wertvoll! Die Kopien besitzen bagegen, nachbem sie abgespielt finb, nur noch Materialwert.
Die beutsche Filminbustrie berechnet bas Leben eines Spielfilmes mit 15 bis 18 Monaten. In dieser Zeit laufen 7 0 bis 80 Kopien Tag für Tag durch bie Vorführungsapparate ber Filmtheater. Heute in Berlin ober Hamburg, morgen in Kottbus ober in Mainz unb in einem Jahr nur noch in ben kleinen Dorfkinos. Dann ist das Leben eines Bilb- ftreifens beenbet, unb ber Film, ber einst ein Millionenobjekt barstellte, wirb zu Grabe getragen.
Unwillkürlich benft man an große Werte, bie wohl in biefen Materialmengen noch schlummern. Denn bie ganze Kunst bes Photographierens besteht ja bekanntlich aus ber Eigenart bes Silbers, sich im Lichte zu oeränbern. Auch ber Filmstreifen enthält also biefes wertvolle Metall. Trotzbem bas Silber beim Belichten unb Entwicklen starke Veränberun- gen burchrnacht, ist man burch chemische Analysen heute ohne weiteres imftanbe, wertvolles, reines Silber aus bem gebrauchten Filmbanb zu gewinnen. Der Ertrag, ben man baburch erzielt, ist in Anbetracht ber unzähligen Filmmeter nicht unerheblich.
Was geschieht nun mit bem „entfilberten" aus» gelaugten Material? „40 Pf. wird im Handel pro Kilo bezahlt", erzählt ein Kopiermeister. Die von ihrem Silbergehalt befreite Kopie eines durchschnittlich langen Unterhaltungsfilmes wiegt knapp 7 Kilo. Der ganze Filmstreifen hat jetzt also kaum ben Wert eines Dreimarkstückes! Später wirb er eingestampft unb gewaschen.
Aus ber bunten Welt bes Filmateliers führt ber Weg des Bilbftreifens über unzählige Stationen, bis er schließlich ein bicklicher, wenig romantischer Brei ist. Die gewonnene Masse roanbert in bie Lackfabriken ober bient als Rohstoff für bie Anfertigung von Kämmen. Armspangen, Puppen unb anberen Gegenstänben.
Es ist also burchaus möglich, baß sich ihr Kamm aus ben tragischsten Szenen eines Greta-Garbo- Films zusammensetzt, ihr Bett mit bem aus einem Henny-Porten-Film gewonnenen Lack gestrichen ist unb sich im Griff ihrer Zahnbürste ein paar Dutzenb Bilber von Hans Albers vereinen.
Leiber war bie Aufbewahrung ber Urnegative bisher eine rein private Angelegenheit. Sv ist es zu erklären, baß es unzählige Filme gab, von benen heute weber eine einzige Kopie noch ein Negativ existiert. Einige Bilbstreifen finb burch einen Unfall ober Branb vernichtet worben. Ihr Leben ist für alle Zeit ausgelöscht.
Künftighin werben solche Fälle nicht mehr möglich sein. Das vor einigen Monaten gegrünbete
ben, also vielleicht einen künftigen „Star" zu ent» beefen. Zuweilen hanbelt es sich auch um das Ausprobieren von Kostümen, die für einen bestimmten Film hergestellt worden sind und die zunächH. einmal an Modellen auf ihre Wirkung geprüft werden müssen. Auch neue Szenerien werden zunächst mit allem Zubehör probeweise gefilmt, ehe man bie szenischen Aufbauten für bie endgültigen Aufnahmen danach anfertigt. Für alle Probeaufnahmen dieser Art steht genau derselbe Apparat zur 23er» fügung wie für die Filmaufnahmen, die ber Oeffentlichkeit gezeigt werden sollen.
Neue Talente, Anfänger, die auf ihre Begabung für dieses ober jenes Fach geprüft werben sollen, treten zunächst in einem Probierfilm auf. Die Szene, bie sie darzustellen haben, ist besonders für den Zweck geschrieben, bem Anfänger Gelegenheit zur Entfaltung aller seiner Fähigkeiten zu geben. Die Rollen, bie außerbem in ber Szene noch zu besetzen finb, werben erprobten Schauspielern unb Schauspielerinnen anvertraut, bie bem Anfänger nach Kräften behilflich finb.
Die Szene wird geprobt und photographisch ausgenommen, genau so, als ob es sich um einen regelrechten Film handelte. Die fertige Ausnahme wird bann in bem kleinen Vorführraum gezeigt, ber mit jebem Atelier verbunden ist. Zuschauer sind die Direktoren, die Regisseure unb bie Probuktionsleiter, bie alle ihr Urteil abgeben. Zusammen mit ben schriftlich festgehaltenen Urteilen wirb ber Film bann numeriert unb registriert unb in bem Lager aufbewahrt.
Ob unb wann ein solcher Probiersilm wieber einmal an bas Licht hervorgeholt wirb, ist schwer vorauszusagen. Wirb die Ausnahme eines neuen Filmstückes vorbereitet, so sehen die Regisseure gewöhnlich die Liste ber Probierfilme burch unb wählen einige von ihnen an ber Hanb ber Eintragungen aus. Diese Filme werben bann nochmals vor- geführt, unb wenn einer ber „Prüflinge" nach bem Urteil ber Sachverstänbigen eine befonbere Begabung verrät, bie in bem geplanten Film Der- roenbung finben kann, so wirb er zur Mitwirkung herangezogen. Vielleicht kommt bei einer solchen Gelegenheit einmal ein neuer „Star" zum Vorschein.
Manchmal vergehen Monate, manchmal auch Jahre, ehe ber „Prüfling" von ber Filmgesellschaft wieder etwas hört. In manchen Fällen kommt aber sein Film auch niemals wieder ans Tageslicht.


