SMe echte und die falsche S)or alles Roman von Anny von Panhuys.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.) 22 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Frau von Stöbnitz machte eine schroff ablehnende Bewegung.
„Wozu? Ich jedenfalls möchte nichts mehr mit ihr zu tun haben. Ich wünsche ihr nicht, daß sie einmal mit mir zusammentrifft. Ich würde entweder über sie hinwegsehen, als wäre sie Luft, oder ihr, falls sich Gelegenheit dazu bieten sollte, gründlich die Meinung sagen.".
„Was ich dir nicht verdenken könnte", pflichtete ihr Mann bei, und Peter Konstantin gab ihnen recht. Aber tief drinnen in seinem Herzen tat es ein bißchen weh, daß man so verächtlich von einer sprach, die ihm gefallen, wie ihm bisher noch kein Mädchen gefallen hatte.
Aber er hätte nichts zur Rechtfertigung der falschen Doralies vorbringen können, und deshalb war es besser, zu schweigen. Er, der die Lüge haßte und verdammte, durfte sich nicht schützend vor eine Lügnerin stellen, und er hing auch so sehr von Otto von Stübnitz ab.
Der Berühmte hatte ihn aus mittlerer Anwalts- existenz jäh emporgerissen, ihm einen Platz neben sich angewiesen: den Platz durfte er nicht dadurch erschüttern, daß er für eine eintrat, gegen die Edda *on Stäbnitz Groll hegte.
Seine Liebe hätte gern nach der falschen Doralies gesucht; sein Ehrgeiz scheute davor zurück. Die hervorragende, vielbeneidete Stellung an der Seite des großen Verteidigers durfte er nicht in Gefahr bringen — das gab sein Ehrgeiz nicht zu.
Es war kurz vor Weihnachten. In einem großen Warenhaus der Leipziger Straße drängten sich die Käufer, aber auch viele Schaulustige befanden sich darunter. Es war so interessant, an den mit Waren aller Art überreich bepackten Tischen Dinge zu bestaunen-, die es hier gab. Regina Graven, die sich nach Wochen zum ersten Male wieder mitten in dns belebte Berlin gewagt, lauschte fast andächtig, als ganz in ihrer Nähe eine Schallplatte abgespielt wurde und es in sanftem Chor aufklang: Stille Nacht, heilige Nacht...
Sie war mit leicht geneigtem Kopf stehengeblieben. Ihr war in diesem Augenblick besonders wohl unb zufrieden zumute. Schon weit hinter ihr lag das, was sie so sehr lange gequält. Sie lebte im Hause Jobst Freeses wie eine gut behütete junge Verwandte und hatte längst an Doralies den Pelzmantel zurückgesandt und die dreihundert Mark
ebenfalls. Sie hatte Doralies gebeten, sich das zurückgelassene Gepäck von Frau von Stäbnitz nach Mooshausen senden zu lassen. Doralies hatte darauf Reginas Köfferchen geschickt und ihr geantwortet, daß alles gut angekommen, ohne daß ihr Vater etwas davon bemerkt, der gar nicht ahne, wer die falsche Doralies gewesen. Sie schrieb auch:
„... Ich durfte mich mit Lutz verloben, und es ist nun alles, alles gut. Frau von Stäbnitz ist allerdings ziemlich beleidigt, weil ich eine Stellvertreterin sandte. Sie will die Sache nicht mit Humor auffassen. Das Gepäck von ihr erhielt ich aber. Zum Glück ist ja Berlin groß, und Du wirst ihr wohl kaum dort begegnen ..." Regina dachte: Nein, das würde sie wohl kaum, lieber die Gefahr hatte sie sich allmählich völlig beruhigt.
Nun hatte sie Zeit. Landgerichtsdirektor Freese mar verreist und würde erst am Abend wiederkommen. Er hatte ihr geraten: „Nützen Sie den freien Tag aus, Regina. Vorschlägen möchte ich Ihnen, nach Berlin hineinzufahren und sich den Weihnachtstrubel zu beschauen. Das stimmt fröhlich, und ein bißchen fröhlicher dürften Sie schon werden!
Sie war seinem Rat gefolgt.
Da es nicht besonders kalt draußen war, hatte sie ihr blaues .Äeid angezogen und darüber ein kurzes Krimmerjäckchen, von dem die Verkäuferin behauptete, es sähe wie Persianer aus.
Das Jäckchen mußte den schönen grauen Pelzmantel ersetzen, den sie Doralies zurückgeschickt. Aber ! sie sah wirklich sehr hübsch und elegant darin aus, und manches Männerauge betrachtete interessiert die ganz in den Genuß des Weihnachtsliedes versunken Dastehende.
Plötzlich fuhr Regina zusammen. Eine Hand hatte sich auf ihren Arm gelegt, und als sie aufschaute, sah sie in ein lachendes Jungmädchengesicht.
„Wie nett, daß wir uns treffen. Ich fjabe Sie nämlich nicht so vergessen, wie Sie scheinbar mich! Kommen Sie, Fräulein Wolfram, wollen zusammen ein bißchen durch Berlin bummeln."
Regina war vor Schreck wie erstarrt. Sie vermochte nicht gleich zu antworten.
Das frische Mädel lächelte:
„Kennen Sie mich etwa immer noch nicht wieder? Frau von Stäbnitz brachte Sie doch einmal mit zu meinen Eltern und lud mich dann zu sieb ein. Wir zwei haben uns beide Male ausgezeichnet und nett unterhalten, und vor allem, ganz offen, ich schwärme geradezu für Sie, weil Sie die Tochter des von mir am meisten verehrten Romanschriftstellers sind."
Regina überlegte geängstigt. Was sollte sie tun? Sollte sie erklären: Sie müssen sich irren. Ich kenne weder Sie, noch eine Frau von Stäbnitz!
Aber sie brachte es nicht über die Lippen und schwieg noch immer.
Die andere lachte vergnügt.
,Zch bin natürlich kein so markantes Menschenkind wie Sie, das man sich leicht merkt; ich bin
Dutzendware. Also falls Sie sich nicht mehr an mich erinnern, stelle ich mich vor: Ich bin Irma Hoss, neunzehn Jahre alt, jüngste Tochter von Bankdirektor Hoff. Sie würde ich unter Tausenden heraus- fennen. Sie kann man gar nicht verwechseln!"
Regina entschloß sich zur Antwort. Sie wagte es diesem lebhaften Persönchen gegenüber gar nicht, sich zu stellen, als wäre sie eine Fremde. ,Ach kenne Sie natürlich, Fräulein Hoff!" gab sie zurück. „Ich freue mich, Sie zu sehen."
Das genügte Irma Hoff vollständig.
Regina hatte nun erklären wollen, sie hätte leider keine Zeit mehr, aber dazu ließ sie die Lebhafte gar nicht kommen. Sie zog sie vorwärts.
„Bitte, kommen Sie mit. Wir müssen zusammen eine Tasse Kaffee genehmigen und ein bißchen schwatzen. Ich lade Sie ein."
Regina war nicht fähig, sich zu wehren. Sie fühlte wohl, das einzig Richtige wäre gewesen, sich unter einem Vorwand so schnell als möglich zu entfernen, aber sie war zu betäubt dazu. Ihr fehlte die Entschlußkraft. Und so saß sie denn bald darauf an einem Tischchen des Erfrischungsraumes und hatte eine Portion Kaffee vor sich und zwei Mohrenköpfe, von deren Schokoladenhaut man nichts sah vor lauter dicker, schneeweißer Schlagsahne.
Irma Hoff plauderte lebhaft, merkte gar nicht, wie schweigsam die andere war. Sie berichtete eifrig; was sie alles verschenken wollte am Christabend an Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde.
Sie fragte:
„Reisen Sie nach Hause, oder bleiben Sie über Weihnachten bei Frau von Stäbnitz?"
Regina dachte:
Nun mußte sie wieder lügen, aber es ging doch nicht anders.
Sie antwortete:
„Ich reise morgen früh nach Haufe!"
„Wie schade!" entfuhr es Irma Hoss. „Ich hätte Sie gern an einem Weihnachtsfeiertaa eingeladen. Aber jetzt erzählen Sie mir, bitte, von Ihrem Vater. Was hörten Sie von ihm? Geht es ihm gut?" Sie wartete keine Antwort ab, faßte Reginas Rechte. „Bitte, wenn Sie nach Hause kommen, grüßen Sie ihn recht sehr von mir und bestellen Sie ihm, unsere ganze zahlreiche Familie lieft seine Romane mit Begeisterung. Ich aber bin von allen die Begeistertste."
Sie sah auf, lies Reginas Hand los und winkte lebhaft nach einer Richtung, rief fröhlich:
„Hierher, gnädige Frau! Hierher!"
Im nächsten Augenblick schon standen Frau von Stäbnitz und Peter Konstantin am Tisch. Beide grüßten, beide reichten nur Irma Hoff die Hand, aber das siel Irma Hofs nicht auf — auch nicht, daß sich zwei Augenpaare auf Regina Grauens blasses Gesicht richteten.
Irma Hoff lachte harmlos:
So trifft man sich in der Millionenstadt! Ich schleifte Fräulein Wolfram, die ich unten traf, hier- her. Selbstverständlich haben Sie sich hier zusammen
verabredet." Sie schob die Stühle zurecht. „Nicht wahr. Sie setzen sich beide zu uns, und ich darf noch ein Weilchen bleiben?"
Zu Reginas Entsetzen nahm Frau von Stäbnitz wirklich Platz und Doktor Konstantin ebenfalls.
Frau von Stäbnitz sagte in anscheinend leichtem Ton, aus dem aber Regina Grauen deutlich die Schärfe heraushörte:
„Ich hatte keine Ahnung, daß Doralies Wolfram heute auch hier ist, sonst wäre ich nicht gekommen."
Irma Hoff nickte verstehend:
„Natürlich! Keiner möchte gern, daß der andere weiß, was man einkauft. Vor Weihnachten hat man immer Geheimnisse." Sie überlegte: „Aber bet Ihnen kommt das doch gar nicht so genau darauf an, weil Fräulein Wolfram, wie sie mir erzählte, schon morgen nach Hause fährt."
Frau non Stäbnitz warf Regina einen ganz seltsamen Blick zu.
„Es braucht sich ja nicht gerade um Weihnachts- geheimnisse zu handeln. Man kann auch sonst Geheimnisse voreinander haben..." Sie brach ab, vollendete erst nach längerer Pause: „Ich meine Geheimnisse beim Einkauf."
Irma Hoff nickte:
„Na ja! Jedenfalls ist's nett, daß wir uns hier getroffen haben, doppelt nett, weil ich Fräulein Wolfram auf diese Weise noch einmal vor ihrer Abreise gesehen habe. Ich schwärme so sehr für die Romane ihres Vaters."
Regina Grauen war zumute, als befände sie sich in schwankendem Kahn auf wildbewegtem Wasser, und die Wogen schlügen uon allen Seiten in den Kahn, so daß sie fürchten mußte, schon im nächsten Augenblick in die Tiefe gerissen zu werden.
Sie saß ganz starr da und sann verzweifelt nach, was sie jetzt tun sollte.
Aufspringen und fortlaufen? Aber sie brachte es uor Erregung wohl kaum fertig, aufzustehen.
Ein so bedrückendes Schweigen entstand, daß es auch bei der nichtsahnenden uergnügten Irma Hoff zu dämmern anfing: Irgend etwas stimmte zwischen den drei Menschen hier am Tisch nicht. Deshalb wollte Doralies Wolfram auch wahrscheinlich abreisen, anstatt einmal das Fest in Berlin zu uer- leben. Natürlich!
Da hatte sie ja eine Dummheit begangen, daß sie die beiden herangewinkt hatte: Frau uon Stäbnitz und Doktor Konstantin, den man oft mit ihr zusammen sah und den man deshalb scherzhaft ihren Sohn nannte.
Irma Hoff liebte schnelle Entschlüsse. Sie wandte sich an Frau non Stäbnitz:
„Ich habe uorhin gleich bezahlt, also bin ich frei und kann mich uerabschieden. Ich bitte um Entschuldigung; aber mir fällt eben eine Verabredung ein, und so muß sch leider sofort aufbrechen."
Drei Händedrücke — weg war sie.
(Fortsetzung folgt.)
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