Nr. 93 Drittes Matt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)
Samstag, '1. April 1934
Aus Oer Provinzialhauptstabl.
3mmer nur durch eine Scheibe!
Von Reinhold Braun.
Man kann durch eine Fensterscheibe sehr gut durchsehen; aber durch zehn hintereinander nicht mehr. Friedrich Schleiermacher. Das ist einer der schönsten Briefe Friedrich Schleiermachers, in dem er einen ihm lieben Menschen ermahnt, „doch nicht zu viel in die Zukunft hineinzusehen". Und er fährt fort: „Du mußt es Dir bewußt sein mit Deiner Kraft, daß Du jeden Augenblick für sich sehr gut ertragen und beherrschen könntest, wenn Dich nicht der Blick auf die künftigen niederdrückte."
Das also bleibt ein Stück beherzigenswerter Lebenskunst, immer nur durch den gegenwärtigen Augenblick wie durch eine Scheibe zu sehen und nicht gleichsam zehn Augenblicke und damit zehn Möglichkeiten hintereinander aufzureihen und nun das Hindurchblicken zu versuchen. Schleiermacher hat sehr recht, wenn er sagt, daß man dadurch nur die „Schwierigkeiten kondensiert", also bewußt verdichtet zu einem seelenmörderischen Gebilde.
Aber leiden nicht mehr Menschen, als wir ahnen, an dieser Art von tragischer Verdichtungssucht, und sie machen sich und anderen das Leben unnötig schwer? Sie sind wie besessen immer nur auf Schatten aus.
Die Freude am Dasein hängt nicht zuletzt — um beim Bilde zu bleiben — von der einen klaren Scheibe ab, also dem Gleichnis echter, reiner Gegenwärtigkeit.
Es gibt bei den Menschen aber nicht nur die besagte Verdichtungssucht in Hinblick auf Zukünftiges. Eine schlimme Verwandschaft mit dieser stellt auch die Verzerrungs- und Trübungssucht dar in bezug auf die Gegenwartsschau.
Ach, wieviele „Scheiben" gibt es da, die sie zwischen ihr liebes Ich und die Gegenwart schieben! Ich nenne nur die „Scheiben" der Unzufriedenheit, des Neides, der Sturheit, des Argwohns, der Hoffnungslosigkeit. Jede weist ihre besonderen Verzerrungskünste und Getrübtheiten auf.
Und die „Scheiben"-Fanatiker solcher Prägung bringen es fertig, mehrere davon hintereinander aufzustellen und durch sie hindurch die Welt einer langandauernden, kritischen Betrachtung zu unterziehen.
Meist sind es Menschen, die sich selber im Leben nie zurechtfanden, nie zu des Daseins wirklichen Frontkämpfern gehörten.
Sie sind es, die den unheilvollen Ballast eines Geschlechtes bilden, „das aus dem Dunkel ins Helle strebt"
Möglichkeit um Möglichkeit konstruieren sie — ich gebrauche das Fremdwort hier ganz bewußt — und sie verbauen sich damit selbst die klare und wahre Sicht in die Zeit und in das ehrliche Wollen vieler ihrer Zeitgenossen.
So leben sie sich zuweilen in ein Leiden hinein, dessen Ursache in ihnen selber liegt. Und schließlich laufen sie wie durch einen Irrgarten und finden nicht den Ausgang, und draußen ist die schaffende, vorwärtsdrängende Welt.
Die Wahrheit von der einen klaren und nichts verzerrenden Scheibe gehört zu den Grundwahrheiten des Dritten Reiches.
Wenn wir den heroischen Menschen wollen, müssen wir auch unbedingt für diese Wahrheit mit unferm Tun und Wollen. Schauen und Lieben einstehen.
Wir sind ein Volk, das durch mancherlei Schwierigkeiten sich in echt deutscher Tapferkeit hindurchkämpfen will; nun noch diese Schwierigkeiten verzerren oder unnötig verdichten, heißt nichts anderes, als eine der größten Sünden wider den Geist des Volkes begehen, heißt, am Leben der Nation Frevel verüben, und sei es nur durch niederziehende, entstellende Gedanken und Gefühle.
Die Zeit und ihre Aufgaben verstehen und allem Aufbauwerke innerlich förderlich sein, heißt nicht
zuletzt, in harscher Geschlossenheit Kampf ansagen jenen Fanatikern, von denen die Rede war.
Dieser Kampf besteht aber auch darin, durch das eigene Beispiel des klaren Blickens und des Schauens von höherer Warte aus, hier und da einen Volksgenossen von seiner — sagen wir — „Scheiben"-Sucht zu heilen.
Vorsicht mit der Frühjahrs-Lorchel!
Die Frühlingszeit ist gekommen. Morcheln, Lorcheln und Becherlinge erscheinen. Die Lorchel — vielfach fälschlich Morchel benannt — tritt in den Frühlingsmonaten (März bis Juni) besonders in sandigen Kiefernwäldern truppweise, oft in großer Zahl auf. Der hohle, weißliche Stiel ist mitunter ganz im Boden eingesenkt, so daß nur der braune Hut mit seiner wulstig-faltigen Oberfläche aus der Nadelstreu hervorschaut. Durch ihre braune Schutzfarbe wird die Lorchel oft übersehen.
Noch nicht genügend bekannt ist es, daß die Frühlings-Lorchel (Helvella esculenta) als Gift- pilz sehr verhängnisvoll werden kann. Sie hat auch in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Todesfällen und schweren Vergiftungen verursacht. Wie schon vor hundert Jahren bekannt
war, bleibt der Genuß der Lorchel meist (nicht immer!) ohne schädlichen Folgen, wenn die Brühe der genügend (mindestens 5 Minuten) gekochten Pilze vor dem Genuß weggeschüttet wird. Sorgfältig (ungefähr 2 Wochen) getrocknete Lorcheln sollen gewöhnlich auch ohne diese Vorsichtsmaßregel bekömmlich sein.
Von manchen Menschen wird die Lorchel auch mit dem Kochwasser vertragen. Zuweilen tritt erst eine Erkrankung ein, wenn eine zweite Lvrchel- mahlzeit in kurzem Zwischenraum nach der ersten stattfand. Auf jeden Fall bleiben in Bezug auf die Giftigkeit der Lorchel noch mancherlei Rätsel zu lösen.
Am besten ist jeder Genuß der Frühlings-Lorchel zu meiden.
Vom P i l z m a r k t sollte ein Pilz, der schon so viele Todesfälle zur Folge hatte, ganz ausgeschlossen werden, wie das in Oesterreich schon der Fall ist!
Festpostkarte zum 1. Mai.
Die Deutsche Reichspost wird der besonderen Bedeutung des 1. M a i durch Herausgabe einer Fe st po st karte Rechnung tragen.
Oer Gießener Anzeiger mit seinen Beilagen
unentbehrlich
in Familie, Haus und Garten!
Mit einer Vergütung von 25 Reichsmark bewertete Ausnahme aus dem Lichtbildausschreiben des Gießener Anzeigers.
Die Neuregelung der städtischen Dienststunden.
Wie aus einer Bekanntmachung im heutigen Anzeigenteil heroorgeht, sind die Dlenststunden bei den städtischen Dienststellen mit Wirkung vorn Montag, 23. April, bis auf weiteres von 7 bis 15 Uhr, Samstags von 8 bis 12 Uhr, bei der Stadtkasse von 8 bis 13 Uhr, festgesetzt worden. Die Sprechstunden bei den Dienststellen sind von 8 bis 12 Uhr.
NG.-Lehrerbund, Gießen.
Mittwoch, 25. April, 15.30 Uhr. im Singsaal des Realgymnasiums Bezirksversammlung der Fachschaft „Höhere Schule" (Gießen-Stadt): 1. Mitteilungen, 2. Vortrag des Kreisfachschaftsleiters über „Das neue Menschenbild". Gäste willkommen.
Adolph.
Anordnung der Obergebietsführung West der HZ.
Mit sofortiger Wirkung sind in den einzelnen Bannbereichen des Obergebietes West Streifen- d i e n ft e eingerichtet, deren Aufgabe es ist, dafür Sorge zu tragen, daß der mit dem beginnenden Sommer stark einsetzende Fahrten- und Zeltlager- betrieb unter allen Umständen in einer der HI. würdigen Art und Wiese durchgeführt wird.
Aufgabe des Streifendienstes ist es, dafür Sorge zu tragen, daß
die wandernden Hitlerjungen und BdM.- Mädel in vorschriftsmäßiger Kleidung auftreten;
das Herumlungern auf den Straßen und den Wartesälen der Reichsbahn unter allen Umständen unterbunden wird;
das Anhalten von Autos auf der Landstraße auf ein erträgliches Mindestmaß herabgedrückt wird;
das Betragen der Hitlerjungen und der BdM-. Mädel in der Öffentlichkeit keinen Anstoß erregt.
Vor allem untersteht den Streifendiensten die Kontrolle der Jugendherbergen. Der Streifendienst hat keinerlei polizeiliche Befugnisse, sondern lediglich daraus zu achten, daß das Ansehen der HI. nicht durch Mitglieder der HI. geschädigt wird.
Der Streifendienst ist durch eine schwarze Armbinde mit gelbem Aufdruck „H I.» Streifendienst" gekennzeichnet. Die Armbinde wird am linken Unterarm getragen.
Fahrten - Erlaubnisschein.
Iugendgenossen, die mehr als drei Tage auf Fahrt gehen, haben von der zuständigen Gebietsführung einen Fahrten-Erlaubnisschein zu beantragen. Die- fer Ausweis ist auf Verlangen dem HI -Streifendienst oorzrpzeigen. Bei gemeinschaftlichen Fahrten von Kameradschaften und Scharen usw. genügt der Sammelschein eines Führers der jeweiligen HI.- Einheit.
Der stellverttetende Stabsführer:
Gez.: W. B u f ch, Oberbannführer i. St.
Oer Reichsberufswettkampk
der Fachschaft Steine und Erde am 12. AprN.
Die Jugend der Fachschaft Steine und Erde des Deutschen Fabrikarbeiteroerbandes, die sich meist aus Jungarbeitern auf Tonwerken zusammensetzt, trat — wie uns verspätet berichtet wird — a|h 12. Avril in der Schule zu Heuchelheim ckiit 17 Prüflingen zum Wettkampf an.
Pg. Direktor R e h b e r g und der Wettkampfleiter eröffneten mit kurzen Ansprachen die Prüfung, in denen sie auf die Bedeutung der Aufbauarbeit auf beruflichem Gebiet und die Wichtigkeit einer gründlichen Berufsschulung der Jugend hin- wiesen.
Sodann gingen die Wettkampfteilnehmer mit viel Lust und Anteilnahme an die ihnen gestellten Aufgaben heran. Gerade war auch hier der theoretische Teil der Prüfung sehr interessant, zumal die Prüflinge ja eigentlich zu der Fachschaft ungelernte
Oie Einbalsamierung.
Von Karl LerbS.
In London lebte um die Mitte des verflossenen Jahrhunderts ein Arzt, der sich von seiner ursprünglichen Beschäftigung, der Fürsorge für die Lebenden, abwandte und anstatt dessen den Gestorbenen seine Aufmerksamkeit widmete. Sei es, daß er mit der Behandlung der Lebenden keinen Erfolg hatte und aus Verzweiflung darüber fozufagen ins Gegenteil umschlug; sei es', daß er eine Art von teuflischem Vergnügen daran fand, die aus der Behandlung seiner Kollegen in den Tod geflüchteten Kranken gewissermaßen als greifbare Beweise der Nachwelt zu überliefern; fei es ganz einfach aus dem jedem Engländer angeborenen Gefühl für Schaffung und richtige Ausnutzung einer Konjunktur — kurz, er fuhr nach Paris und erwarb dort die englische Lizenz des von dem Franzosen Gannal erfundenen Verfahrens, Leichen einzubalsamieren und so dem natürlichen Verfall alles Stofflichen zu entreißen.
Nun gibt es ja leider immer noch Menschen, denen der Fortbestand der irdischen Stofflichkeit wichtiger scheint als die Sorge um das Heil und die würdige Verfassung der unirdischen Seele; so fand die Tätigkeit des Totenarztes in London viel Anklang. Da er zudem eine sehr geschickte Werbung entfaltete, so geriet das Einbalsamieren bald regelrecht in Mode; ja, es kam dahin, daß kein Mitglied der guten Gesellschaft es versäumen durfte, sich nach seinem Tode den Händen des Einbalsamierers zu überantworten, wenn es nicht Gefahr laufen wollte, im Jenseits vor feinen Stanbesgenoffen eine unmögliche Figur zu machen. Bald hielt der Doktor sich eine Anzahl von Agenten, die in allen Stadtteilen umherstreiften und ihm von jedem ernsthaften Erkrankungsfalle in vornehmen Familien Meldung machten, worauf er dann stets sogleich in das betroffene Haus feine Gefchäftskarte schickte und für den etwaigen Todesfall sein Geschäft in empfehlende Erinnerung brachte.
Einer.dieser Späher meldete nun dem Doktor eines Tages, daß der alte, schwerreiche Lord C., der an der Oxford Street ein mächtiges Haus bewohnte, im Sterben liege und von den Aerzten gänzlich aufgegeben fei. Der Doktor ließ sogleich feine Karte in das Haus des Kranken tragen unb wartete voll ruhiger Zuversicht auf ben schönen Auftrag; aber er wartete vergebens. Nach einigen tagen beffeibete er sich infolgebeffen, über biefe Unpünktlichkeit gerechtermaßen aufgebracht, mit seinem feinen schwarzen Rock unb ber ernsten
schwarzen Halsbinbe, steckte seine Salbenbüchsen zu sich unb begab sich persönlich in bie Oxforb Street, um nach bem Grunbe ber ungehörigen Verzögerung zu forschen. Mit Genugtuung bemerkte er, daß die Dienerin, die ihm auf sein Klopfen öffnete, ihm ein tränenüberftrömtes Gesicht zeigte; auch erhielt er auf seine kurze und amtliche Frage: „Ist er tot?" bie schluchzenbe Bestätigung, daß der „arme liebe Mann" in der verflossenen Nacht sanft verschieden fei. Gewohnt, bei der Abwicklung seiner Geschäfte mit der kostbaren Zeit hauszuhalten, befahl er der Frau, ihn sogleich zu der Leiche zu führen, und dann allein zu lassen.
Er fand den Toten mit einem schlechten groben Hemd bekleidet, auf einem harten Lager, in einer kahlen Kammer; so daß er, der über der gewohnheitsmäßigen Verrichtung feiner Tätigkeit das gefühlvolle Sinnieren längst verlernt hatte, recht nachdenkliche Betrachtungen anfteUte über die achtlose Roheit der Erben, die den Körper des unglücklichen Greises nicht einmal der einfachsten Fürsorge wert erachteten, während sie sich sicher bereits um bie zwanzigtausenb Pfunb Jahresrente, bie ihnen ber Tote hinterließ, mit heißen Köpfen habgierig zankten. Unter solchen Gebauten tat ber Doktor mit Sorgfalt sein Werk, verließ bann rasch bas Haus und trug eigenhändig auf die Redaktion mehrerer Zeitungen eine Notiz des Inhalts, daß der verstorbene Lord C., den Gepflogenheiten der vornehmen Gesellschaft auch darin entsprechend, durch die Kunst des berühmten Doktors P. einbalsamiert worden sei. Hieraus begab sich der Arzt befriedigt heim und übersandte den Erben des Lords eine Rechnung über den Betrag von hundert Pfund, in der lobenswerten Absicht, ihnen durch die ungewöhnliche Höhe der Summe den Wert des Dahm- geschiedenen noch einmal recht nachdrücklich zu Ge- müte zu führen.
Am Tage darauf erschien in der Wohnung des Doktors ein galonierter Diener und überreichte ihm ein Schreiben, dessen Inhalt auf den unglücklichen Mann dermaßen wirkte, daß er um ein Haar selbst in die rechte Verfassung für die Anwendung feiner Mumienfalbe geraten wäre. Er las:
„Werter Herr! — Während ich erfreuliche Ursache zu haben meinte, mich von meiner schweren Krankheit genesen zu glauben, und während meine Aerzte mir für eine völlige Genesung die allerbeste Hoffnung gaben, ersehe ich aus den heutigen Morgenblättern, daß ich verstorben und von Ihnen einbalfamiert worden bin. Diese erstaunliche Entdeckung, an deren Richtigkeit ich in begreiflicher Hartnäckigkeit anfänglich zu zweifeln geneigt war, wird durch Ihre Rechnung leider zur Gewißheit
erhoben. Sie werden selbst den Wunsch haben, mir bei der Aufklärung dieses merkwürdigen Falles behilflich zu fein; ich bitte Sie daher, zu diesem Be- hufe baldmöglichst bei mir vorzusprechen.
Mit der Versicherung besonderer Wertschätzung Ihr sehr ergebener
Lord C."
Der Doktor kam, als er sich einigermaßen erholt hatte, der Einladung nach und mußte feststellen, daß er den Lord, der schwach noch, aber in der heiteren Stimmung eines Genesenden im Lehnstuhl saß, nie zuvor, weder lebend noch tot, erblickt hatte. Der alte Herr empfing den Besucher leutselig lächelnd, ließ ihm einen Stuhl herbeirücken und sagte, sein glattes, hageres Kinn mit der blassen Hand reibend: Es sei ihm bei näherem Bedenken doch wahrscheinlich geworden, daß in der Angelegenheit irgendein Irrtum gewaltet haben müsse; durch die Nachforschungen sei denn leider auch an den Tag gebracht worden, daß der Arzt seine unvergleichliche Kunst dem Türhüter des Palastes habe angedeihen lassen, der während der Krankheit feines Herrn plötzlich am Schlagfluß verblichen sei.
Hier neigte der Lord fein scharfes Profil vor und fügte, fein Gegenüber mit leiser Ironie und ein wenig hochmütig musternd, hinzu: Er sei zu der Erkenntnis gelangt, daß er selbst durch seine unerwartete Umkehr an der Pforte zum Jenseits den peinlichen Irrtum verschuldet habe und infolgedessen verpflichtet fei, die Kosten für die Einbalsamierung seines Dieners und Stellvertreters zu tragen. Der Doktor möge also feine hundert Pfund beim Verwalter in Empfang nehmen. Da nun aber er, der Lord, vor seinen Erben eine so beträchtliche Geldaufwendung zum zweiten Male nicht verantworten könne, so erwachse ihm die bittere Pflicht, im Falle feines eigenen richtigen Ablebens auf die Dienste des Arztes — hier unterbrach eine höflich verabschiedende Handbewegung den Satz — bedauernd zu verzichten.
Patient als Beruf.
Obwohl er sich von mehr als 500 Kurpfuschern und Quacksalbern hat untersuchen und behandeln lassen und von ihnen bereits häufig als Todeskandidat erklärt worden ist, befindet sich Otto Fischl, ein Detektiv aus Detroit, bei bester Gesundheit. Er hat sich den Berus erwählt, als Patient bei zweifelhaften Medizinmännern zu erscheinen und sich ihrer Behandlung zu unterwerfen, um dadurch das nötige Material für eine Anklage zu sammeln. Im Auftrage der Gesundheits-Abteilung von Detroit findet er sich feit 10 Jahren in den Sprechstunden von
Aerzten ein, gegen die man Verdacht hat, und es gibt keine Krankheit in der Welt, die man nicht bereits bei ihm festgestellt und zu behandeln versucht hat. Man hat ihm mitgeteilt, daß er demnächst an Krebs, Tuberkulose und Gallensteinen elend zugrunde gehen werde, wenn er sich nicht der Spezialkur feines gegenwärtigen Arztes unterwerfe. Seine Tätigkeit ist keineswegs leicht und gefahrlos, denn zum Schein muß er auf die Anordnungen der Kurpfuscher eingehen, um das nötige Material gegen sie zusammenzubringen. So wollte einmal ein angeblicher Chirurg an ihm eine Nierenoperation vollziehen und ging bereits mit ‘einem Messer auf ihn los, als es ihm noch im letzten Augenblick gelang, sich zu retten. „Ein einziges Mal bin ich in der Zeit wirklich krank gewesen", erklärte er, „und das war, als ein ungeschickter Kerl bei der Untersuchung mich so verletzte, daß ich davon die Gelbsucht bekam. Ein Arzt, der mir erklärte, ich müsse an Schwindsucht sterben, erlag selbst dieser Krankheit in der Untersuchungshaft. Von allen Fällen, die Fischl bisher bei der Staatsanwaltschaft zur Anzeige gebracht hat, haben 32 v. H. zu einer Verurteilung geführt.
Wie kommt die Geisha in den Autobus?
Wer in überfüllten Untergrundbahnen, in vollen Autobussen täglich seinem Arbeitsplatz zufährt, wird voller Neid von den fabelhaften Zuständen bei den Autobussen in Tokio lesen. Dort wird man höflichst in ein äußerst bequemes Vehikel hineinkomplimentiert, man bekommt einen gepolsterten Platz angeboten, am Fenster ober an der Tür, ganz nach Belieben, man darf sich beschweren, wenn es zieht, und sofort eilt eine geschäftige Geisha Hervel, die den Mangel im Umsehen beseitigt. Sodann kümmert sie sich mütterlich besorgt um das Wohlergehen des Reisenden, fragt ihn, ob er auch wirklich bequem sitzt, und schenkt ihm ihr allerschönstes Lächeln. Wie kommt die Geisha in den Autobus? Das ist eigentlich eine sehr prosaische Angelegenheit. Die Tokioter Autobusaesellschaft war nicht zufrieden mit den Verkehrsziffern, der Autobus wurde nicht schnell genug volkstümlich, was, im stillen gesagt, an den unbequemen Wagen und den hohen Fahrpreisen lag. Der Leiter des Autobusverkehrs kannte jedoch feine Papenheimer, und so führte er vor allen Dingen die Autobus-Geisha ein. Natürlich ging damit Hand in Hand eine allmähliche Verbesserung ber Wagen, man richtete sie fo bequem wie möglich her unb setzte Die Fahrpreise herunter. Unb bie Unannehmlichkeiten, bie man wirklich «orf) nicht beseitigen konnte, lächelt bie schone GerM hinweg...


