Nr. 44 Drittes Blatt
Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberyetzen,
Mittwoch, 21. Februar 1954
Aus der Welt des Films.
Berliner Filmpremieren.
„Der Polizeibericht meldet..
Ein Film von Georg Jacoby ist immer eine gewisse Garantie. Jacoby beherrscht jede Situation, mb er ist ein Meister der Schere. Er läßt es geschehen, daß man unbarmherzig jede Länge kürzt, cutf) wenn sein Regisseurherz vielleicht gerade diese Stelle besonders liebevoll ausgearbeitet hatte
Detektivroman, mit allem was dazu gehört. Für ! ie, die sich gern spannen lassen, ein genußreicher Abend. Wenn man glaubt, jetzt hat die eigene Scharfsichtigtkeit den wahren Gauner gefunden, ist man schon wieder blamiert und sucht den großen Unbekannten weiter.
Man feierte ein Wiedersehen mit Olga Tschekowa. Man sah die ganze Garde der Erfolgs- Varsteller: Paul Otto, Riemann, Käthe f*aa f, Fischer-Köppe und mindestens noch ein Nutzend mehr. «
„Heinrich der VIII. und die Frauen."
Jetzt haben die Engländer das Motiv aufaegrif- i 'en, das wir vor ungefähr zehn Jahren mit I a n - linas und Henny Porten unter der Regie t laon Lubitfch verfilmten. Man hat sich bemüht, ’,ten Charakter dieses unmenschlichen Königs zu mildern und ihm liebenswürdigere und verständ- !che Züge zu verleihen. Doch das ändert nichts an ter historischen Tatsache, daß hier ein Verbrecher ter skrupellosesten und unvornehmsten Art Be- terrscher eines Landes und eines Volkes war. lHarles Laughton spielt den König. Er hat den !uf des bedeutendsten englischen Schauspielers. Er ,r ird auch bei uns gefallen. Man fühlt, daß er ! efe Rolle mit einer wahren Leidenschaft verkör- ;-rt und keine Mühe gescheut hat, in das Geschöpf cmzudringen, das er darstellt.
Die Frauen um ihn herum sind teilweise von f.st märchenhafter Schönheit, einige von zartem, ^sonderen Liebreiz. Nur die derbste von allen citgeht dem gekrönten Blaubart.
„Die Finanzen des Grotzherzogs."
Gustav Gründgens, bekannt als hervor- pgender Schauspieler, stellt sich zum drittenmale tzs Regisseur vor. Entzückender Gedanke, die Handlung im Jahre 1904 spielen zu lassen! Der Film \\ lustig, sauber, flott, angefüllt von reizenden U nfällen, über die man wirklich lacht, ohne das p inliche Gefühl zu haben, daß sie an den Haaren hubeigezogen wurden.
'Die Darsteller sind in gute Zucht genommen, 'Viktor de K o w a als Großherzog ist angenehm uib ohne Uebertreibung. Seine Frische und Natür- lihkeit bewahren ihn davor, durch vieles Spielen rimtiniert zu werden.
Ein neues Gesicht: Hilde Meißner stellt sich an- nutig in die Handlung hinein. Diese Frau ist be- gc bt und hübsch; es ist eine Freude, sie zu sehen.
Eine reizende Episode spielt ein kleines Fräu- km von der Pariser Straße, das leider nicht im Programm genannt ist.
Theo Lingen wird wieder als dummes Ge- siyt verwendet. Er erreicht wie immer seinen gescherten Lacherfolg. Hier sollte man bremsen: glaubt nnn wirklich, daß ein begabter Schauspieler sich bJbei wohlfühlen kann, derartig ins Klischee hinein- Wreht zu werden? Und daß es einem kritischen Publikum auf die Dauer gefällt, ihn ewig gleich zi sehen?
Der ganz große Lacher gilt Rühmann. Er ist ü komisch munter und von einer so tappsigen Echt- jii.t, daß man seinen Erfolg versteht.
Die Handlung dreht sich um ein winziges, verödetes Großherzogtum im südlichen Meer. Zu emer Rettung begeben sich der Fürst und sein K mmerherr zu dem Gläubiger nach Paris. Hier Mischehen Zeichen und Wunder, Verwechslungen
und tausend merkwürdige Zwischenfälle. Man geht mit dem Gefühl nach Hause, einen angenehmen Abend ohne Kitsch verbracht zu haben und trotzdem auf leichten Wassern gefahren zu fein.
„Die Hafen-Annie."
Der Titel könnte irreführen: die Hafen-Annie ist kein hübsches, verdorbenes Mädchen, sondern eine alte Frau und Mutter
Ein amerikanischer Hafen, em Schiffskutter, Meer und Himmel und zwei Gestalten, die uns durch alle Skalen des Gefühls willig mitgehen lassen, schaffen den großen Erfolg dieses Filmes.
Die Hafen-Annie steht, mehr Mann als Frau, auf festen Beinen. Längst hat sie dem Mann das Steuer des Schiffes und des Lebens aus der Hand genommen, da der Unverbesserliche immer wieder dem Alkoholteufel verfällt. Wie diese Frau mit dem Dämon kämpft, wie sie für den Sohn sorgt, das verlohnt sich allein, dieses Bildwerk gesehen zu haben.
Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß die Amerikaner für Humor gesorgt haben. Zum Lachen gibts, übergenug. Erschütternd komisch, wenn der ewig Betrunkene den Duft des Fusels mit Haarwasser bekämpfen will, dem darin enthaltenen Sprit nicht widerstehen kann und es statt in die Haarsträhnen in die Kehle gießt.
Zwei große Menschendarsteller sind hier zusammengestellt: Marie D r e ß l e r und Wallace Beery. Ihnen gebührt unser Dank für den Abend.
„Ich kenn' Dich nicht und liebe Dich."
Es ist bewunderswert, daß aus einer tausendundeinmal verwendeten Idee, die dazu weder groß noch tief ist, noch der tausendundzweite Film her- ausgeschneidert werden konnte, der, dank der kultivierten Regie, der reizenden Magda Schneider und dem eleganten Willi F o r ft wie nach Maß auf die schlanken Leiber paßt.
Ein unbekannter kleiner Komponist verliebt sich in das Titelblatt eines Magazins. Da er die Angebete nicht finden kann, Drängt es ihn, feine Gefühle in Musik umzusetzen. Er wird bekannt und berühmt. In der Zwischenzeit hat der vorsorgliche Freund besagtes Mädchen ausgekundschaftet, und er kann daran gehen, um sie zu werben. Das muß natürlich auf Umwegen geschehen. Die Eltern der Angebeteten sind sehr vornehme Leute, die in einem Marmorpalast an der Küste des blauen Mittelmeeres wohnen. Da dem Künstler der Zutritt zu diesem Paradies nicht so ohne weiteres gestattet ist, greift er zu einem ausprobierten Mittel. Er wird Kammerdiener in dem hochherrschaftlichen Haus. Eine geradezu entzückende Charakterstudie gibt Fritz O d c m a r , der Vetter Nikki aus Wien. Die übrigen Schauspieler sind ausprobierte Typen, die nicht so leicht versagen.
Der Schluß ist selbstverständlich heiter: in einem mondänen Restaurant in Nizza spielt der zu seinem Beruf zurückgekehrte Komponist unter dem Jubel des Publikums feine eigenen Schlager, und kurze Zeit darauf drückt er die Braut an das liebende Herz.
Ehrenabend für den deutschen Pionier des Ms
M!-!
k h
3
M
: >5
Wx I f '
In Berlin fand ein Ehrenabend für Max Skladanowski statt, der den ersten Kinemato« graphen erfand und damit zum Schöpfer einer neuen Kunst und einer riesigen, weltumfassenden Industrie wurde. Trotz der Bedeutung seiner Erfindung ist der Name Skladanowski allmählich in Vergessenheit geraten, bis ihm dank dem besonderen Augenmerk von Dr. Goebbels jetzt endlich der verdiente Ruhm zuteil wird. — Unser Bild: Skladanowski erklärt Künstlerinnen den e historischen Apparat.
Oie Deutsche Bühne zeigt ihre ersten Filme.
„Die Flandrische Front nach 15 Jahren." „Was ist die Welt?"
Die Deutsche Bühne, die aus ihrer Bühnenorga- nifation eine Abteilung für Filme abgegliedert hat, zeigt ihre ersten Erzeugnisse und erringt damit sogleich einen großen und ungeahnten Erfolg. Wenn man bedenkt, daß diese Abteilung, die „Deutsche Filmbühne" heißt, erst seit wenigen Monaten besteht, konnte man bestenfalls erwarten, einige tastende Anfangsversuche zu sehen — aber man erlebte unter wachsender Ergriffenheit vollkommene Leistungen.
Der Film „Die flandrische Front nach 15 Jahren" zeigt an sich nur, wie heute die heiß umkämpften Gebiete, Flüsse und Landschaften aussehen: die Yser, die Straße nach Langemarck, Dix» muiden, Ppern. Die Städte sind alle aufgebaut, als hätten sie nie in Trümmern gelegen, die Gräber sind verschwunden, als seinen sie nie gewesen, und nur an einigen Stellen werden noch kurze Grabenstrecken erhalten. Aber es stehen die Blöcke der deutschen und feindlichen Betonunterstände wie düstere Hünengräber da, und weiße kleine Denkmale bezeichnen den Verlauf der Stellungen; zwischen die gegenwärtigen Bilder werden bisweilen alte Kriegsfilmaufnahmen geschoben, die den damaligen Zustand zeigen. Das ist alles? Dennoch ergreift es, nicht nur durch die innere Haltung, die aus der Zusammenstellung der Bilderfolge spricht, und durch die Worte, die die Szenen begleiten. Sie brechen weder in lauten Patriotismus, noch in pathetischen Ueberschwung aus; sie haben die seelische Gefaßtheit und Sachlichkeit, den Ernst und das Verständnis, mit dem man dem Schandplatz dieser großen Tragödie allein gerecht werden kann. Diesen Film soll das Ausland sehen. Wenn es nicht böswillig ist, wird es uns zugestehen, daß diese Bilder der Erinnerung alles andere sein wollen als ein Aufruf zum Kriege; denn am Ende wandern wir über die Kriegsgräber, zwischen deutschen, englischen, französischen und belgischen Grabreihen — groß und gewaltig waren die Opfer auf allen Seiten. Heber den Grabern aller Nationen verklingt das Lied vom guten Kameraden.
Der andere Film, der den Titel „Was ist die Welt?" trägt, ist einer der erregendsten und umfassendsten „Kulturfilme", den wir gesehen haben. Er will, nach einem Programmwort, das Bild wie- beraeben, das unsere Generation mit ihrem ganzen wissenschaftlichen Rüstzeug von der großen Welt um uns zu sehen vermag. Er beginnt bei den kleinsten Lebewesen, den Insekten, Käfern und zeigt eindrucksvoll die großartige Organisation eines Amei- fenftaates. Er geht in Die Tiefen der Erde und beobachtet ihre Schätze und Schichtungen, ihr Leben in der Tiefe und ihre Jahrmillionen alte Vergangenheit, die er an Versteinerungen darstellt. Er führt in die Eiszeiten der Erde zurück, vergegenwärtigt das Entstehen von Leben auf der Erde, er zeigt die gewaltigen Gletschermaffen mit ihren Anschwemmungen und Ablagerungen, er greift endlich in den Kosmos und beweist an erregenden Ausnahmen die Drehung der Erde und ihr Schweben im unendlichen Raume der Welt. Er klingt aus: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre ..." Eine gewaltige Symphonie der Vergänglichkeit und der sich ewig erneuernden Urkraft des Daseins.
Dieses Geschehen wird nicht als trockener Lehrfilm in professoraler Weise dargebracht, sondern in einer filmisch ausgezeichneten Form, die die herrlichsten Bilder aufweisen kann. Sie sind dem Regisseur Max Noldan zu danken, der diese beiden Filme vorbildlich betreut hat. bo.
Die Musik im Film
Jdü Clemens Gchmalstich, Professor an der staatlichen Hochschule für Musik, Mitglied des Führerrats der Fachschaft Film.
Bereits der „stumme" Film war bekanntlich ohne Iuisik undenkbar, da ein lautloses Abrollen der Z Der langweilig wirkte, und so sorgte damals für ii( musikalische Untermalung das Kino-Orchester, (ften Größe sich nach den finanziellen Möglicheren des betreffenden Kinos richtete. Nötigenfalls laorn man die freundliche Hilfe eines Klaviers in liflprud). Die Zusammenstellung der erforderlichen Musikbegleitung wurde von dem Kapellmeister vor- {i ommen. War dieser Kapellmeister ein Musiker oi Geschmack, dann entsprach auch die Musik den K'M'd)tigten Anforderungen eines nicht allzu ver- Ahnten Publikums. Wenn nicht, wurde die ganze ii'ammenfteUung ein unmöglicher Salat. Die Kino- rqjefter spielten sehr gern und viel klassische Stücke; ednders beliebt waren Meisterwerke wie die ^ipiter-Symphonie" von Mozart, die Ouvertüre H „Figaros Hochzeit" desselben Komponisten, die !u'ryanthe"-Ouoertüre von Weber und die Pasto- ü^-Symphonie von Beethoven — um nur einige efpiele zu nennen. Warum wurde nun die äffische Musik so bevorzugt? Man soll nicht denken, ! :s etwa erzieherische Gründe hierbei mitwirkten.
i klassische Musik hatte in den Augen der Kino- 'kllterbesitzer einen unzweifelhaften Vorzug vor der eueren Musik, sie durfte nämlich — tantiemenfrei ejnielt werden!
<:n einem weiteren Stadium der Entwicklung der iuomusik begegnen wir der Kinothek. Die Kinothek rc“ eine Kartothek, mit deren Hilfe man jeden lebigen Film musikalisch untermalen konnte. Aus e*r Kartothek konnte man etwa 10 Meter 'isbe, 5 Tleter Sturm, 8 Meter Abend- immung und dergleichen mehr zusammenstellen, nx ganze Reihe Komponisten haben für ver- 9’‘bene Verleger solche Kinotheken geschaffen. All- aolid) ging man einen Schritt weiter und ent- A«ß sich, bei besonders wertvollen Filmen nam= 4<e Musiker mit der Komposition der Musik zu hauen. Dieses System hatte den Vorzug, daß >> Musik einheitlich und dadurch qualitativ besser iribe, während früher oft für einen Film Kom- ifiionen von etwa 25 verschiedenen Musikern. Itfi) Uebergänge des Kapellmeisters verbunden, cuenbet wurden.
Als der Tonfilm seinen Siegeslauf antrat, erlebten wir zunächst die überraschende Tatsache, daß man sich mehr mit der Wiedergabe von Geräuschen und mit der Vervollkommnung der Sprache beschäftigte als mit der Musik. In dem heutigen Tonfilm muß man zwischen dem leichten Spielfilm und dem ernsten Tonfilm unterscheiden. Für die Musik des leichten Spielfilms zeichnen gewöhnlich ausgesprochene Schlagerkomponisten verantwortlich. In den meisten Fällen enthält die Filmmusik eine oder zwei Schlagernummern. Die Voraussetzung dabei ist, daß diese Musiknummern durch den Film hauptsächlich für das eigentliche Musikgeschäft, d. h. für das Spielen in Cafes und für die Aufnahme von Grammophonplatten propagiert werden. Solche Verbindung von Kunst und Geschäft muß naturgemäß Die Folge haben, daß der betreffende Schlager, den man „lancieren" will, sinnlos durch den ganzen Film bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit gehetzt wird. Ein Beispiel: Ein Mädchen, am Bettrand sitzend, wirft beim Packen ihre Sachen in größter Eile in den Koffer und singt dabei einen Schlager mit voller Orchesterbegleitung! Da in jedem Film musikalische Vertonung auch für sogenannte stumme Passaaen notwendig ist, wird auch hier, wo eine selbständige Komposition erforderlich wäre, der Schlager gespielt, weil der Komponist häufig nicht in der Lage ist, außer Schlagermusik auch Jllustrationsmusik zu komponieren. (Ausnahmen bestätigen die Regel!) Sogar in historischen Filmen werden oft in stilwidrigster Art moderne Schlager verwendet. Dem leichten Film fehlt also auch heute noch meist eine graziöse, elegante Musik von künstlerischem Niveau.
Was die musikalische Begleitung des ernsten Filmes betrifft, so ist man in der letzten Zeit bemüht, zu diesem Thema eine künstlerische Einstellung zu finden. Erstens, indem man wirkliche Musiker zur Arbeit heranzieht, und zweitens, indem man bestrebt ist, eine engere Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur und Musiker zustandezubrin- gen. Es gibt beispielsweise Szenen im Film, die gleichzeitig szenisch und musikalisch ausgenommen werden müssen, speziell bei Gesangsaufnahmen, während der größte Teil der sogenannten Jllustrationsmusik nachsynchronisiert wird. Im letzten Falle ist eine Verständigung zwischen Regisseur und Komponist noch vor der Ausnahme der später musikalisch zu illustrierenden Szene unbedingt notwendig. Ist das nicht der Fall, so kann es passieren, daß die Szenen später asynchron wirken.
Ein Beispiel: Eine marschierende Kolonne wird gezeigt, deren Marsch ohne gleichzeitige Musikbegleitung ausgenommen wurde. Nach diesem Bild wird dann ein Marsch komponiert. Es ist aber unmöglich, eine ideale Synchronisierung zu erreichen, aus dem einfachen Grunde, weil die Kolonne ohne Musik stets unrythmisch marschiert. Für die Musik eines ernsten Tonfilms ist auch ein sogenanntes Leitmotiv zu empfehlen, etweder ein instrumentales Thema ober auch ein Lied, das, je nach der Situation dramatisch verwandelt, in symphonischer Form die Musik des ganzen Films durchzieht.
Ein weiteres interessantes musikalisches Problem wirft die Frage der Verfilmung der Oper auf. Die Versuchung ist groß, auf diese Weise die Oper gewissermaßen an den kleinen Mann heranzubringen. Bei der Verfilmung einer Oper läuft man jedoch zu leicht die Gefahr einer Travestie, weil eben die Gesetze der Oper ganz andere sind als die Gesetze des Films. In der Oper liegt das Schwergewicht im musikalischen Aufbau, während im Film das Szenische und Bildliche von erhöhter Bedeutung sind Es ist sehr schwer, hier den nötigen Ausgleich zu finden. Hält man sich genau an die Gesetze der Oper, dann kann die Umarbeitung unfilmisch erscheinen. Eine filmische Bearbeitung kann Dagegen die Gesetze der Oper umstoßen. Vor einiger Zeit sollte im Rahmen eines Wagnerfilms die Romerzählung des „Tannhäuser" vertonfilmt werden. Hätte man Den Tannhäuser wie in Der Oper Die Erzählung einfach fingen lassen, so wäre diese Szene im Film einfach langweilig erschienen. Man kam auf den Gedanken, die Vorgänge der Erzählung zu illustrieren — die Erscheinung des Papstes z. B. anzudeuten. Eine derartige Verfilmung löste aber doch so schwerwiegende, künstlerische Bedenken aus, daß von dem ganzen Vorhaben Abstand genommen wurde. So bleibt das Problem Verfilmung der Oper immer noch offen.
Warum noch kein Zarbenfilm?
Jrn modernen Kino sieht man nur ganz gelegentlich einmal einen farbigen Film im Beiprogramm. Die bunten Bilder sind seltener geworden, als in früheren Jahren, da sie besonders in der Zeit des stummen Filmes schon eine gewisse Beliebtheit gewonnen hatten Ab und zu tauchen wieder Nachrichten auf, daß, ebenso wie der „plastische" Film, auch Der Farbenfilm sich demnächst das Kino erobern werde, aber von den Arbeiten, die in der
Fachwelt geleistet werden, um zu diesem Ziele zu gelangen, ist nur wenig die Rede. Nun macht Dr. D. Leverenz in der Frankfurter Wochenschrift „Die Umschau" nähere Mitteilungen über den gegenwärtigen Stand der Frage. Ein Verfahren, dessen Vorzüge allgemein anerkannt sind, gibt es noch nicht, man unterscheidet drei grundsätzlich verschiedene Methoden zur Herstellung des Farbenfilms: das additive, das subtraktioe und das Kolorierverfahren. Bei Dem additiven handelt es sich hauptsächlich um optische, beim subtraktiven um chemische Fragen. Die älteste Methode, das Kolorier-Verfahren, beruht auf handwerklicher Geschicklichkeit. Es wird heute fast ausschließlich nach der Methode „Pathöcolor" angewandt, und zwar werden die Filme, die ursprünglich wie Bilderbogen einzeln ausgemalt wurden, jetzt mit Hilfe von Schablonen hergestellt. Diese Arbeit lohnt sich aber nur bei einer größeren Anzahl von Abzügen, und außerdem besteht die Tatsache, daß auch bei größter Sauberkeit und Genauigkeit auf diesem Wege Naturfarben nicht erreicht werden können. Das Ganze macht also immer einen künstlichen Eindruck, und dazu kommt noch, daß bei der Schrumpfung der Negativ- Streifen, wie beim öfteren Gebrauch nicht zu vermeiden ist, die Konturen der einzelnen Bilder sich nicht mehr völlig decken und allerlei Störungen auftreten.
Das fubtraktive Verfahren, das auf der Zerlegung der Farben eines Gegenstandes in ein ober drei Grundfarben mit Hilfe von Farbfiltern beruht, ist in letzter Zeit sehr verbessert worden. Doch ist sorgfältigste Arbeit bei jedem Herstellungsvorgang unerläßliche Bedingung, und es müssen die feinsten und kompliziertesten Apparate verwendet werden. Die Wirkung, die mit zwei Farben erzielt wird, kann kaum mehr Überboten werden, aber die Einführung einer dritten Farbkomponente, die für einen ganz natürlichen Eindruck notwendig ist, ist bisher in technisch einwandfreier Weise noch nicht geglückt; so ist der vollkommene Farbenfilm auch vei diesem Verfahren noch nicht erreicht. Bei dem additiven Verfahren hat man drei verschiedene Wege versucht. Alle drei weisen Mängel auf. Hieraus ergibt sich, daß der Farbenfilm in einer wirklich befriedigenden Form heute noch nicht da ist. Zudem sind die Kosten für Farbenfilme stets be- deutend höher als für schwarzweiße, und ob sich diese Mehrausgaben lohnen, ist fraglich. Die Hal- tung des Publikums ist schwer abzuschätzen.


