m. 246 Drittes Blatt
Samstag, 20. Oktober
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesien)
In einer Stunde vom Herbst Zum Winter.
Eine Wanderung am 18. Oktober zum Hoherodskopf: blühende Geranien im Tal — dichte Schneedecke im Oberwald.
„Während es gestern bei uns im Tale regnete, ist im hohen Vogelsberg Schneefall eingetreten. Wie wir heute früh auf Anfrage beim Klubhauswirt auf dem Hoherodskopf hörten, hat der gestrige Schneefall eine vier bis fünf Zentimeter hohe Schneedecke ge- .bracht, die geschloffen bis etwa zur Wasserscheide zwischen Breungeshain und Michelbach reicht. Dazu herrscht heute früh eine Kälte von 4 Grad. Nach den Wetteraussichten im hohen Vogelsberg sei weiterer Schneefall zu erwarten." („Gießener Anzeiger" Nr. 244 vom 18. Oktober.)
„Ein kaltes Lüftchen weht dort oben" — sagt man in den Tälern der Wetterau und der Lahn, wenn man sich vom Vogelsberg unterhält. „Das hessische Sibirien" — hört man den Rheinhessen oder den Volksgenossen von der Bergstraße sagen. Das letztere ist bestimmt nicht richtig, die Meinung in der Wetterau und an der Lahn dagegen hat schon mancherlei für sich. Das kann man erfahren, wenn man, wie wir am vorgestrigen Donnerstag, zwischen Herbst und Winter im Vogelsberg weilt. Es weht eine frische Brise über die langgestreckten Hänge, die im herbstlichen Schmuckkleid stehenden Wälder, die stillen und vielfach in Tälern versteckten Dörfchen. Die Sonne treibt ihr Versteckspiel, heute lacht sie mit ihrem milden Schein über die herbe Landschaft, morgen ist sie völlig unsichtbar, schwere Wolken ziehen dahin und bringen Regen und Schnee. Das „Wusterwetter" schickt seine Avant, garde vor. Aber noch wehrt sich der Herbst in Ge- meinschaft mit der Sonne gegen den zur Herrschaft strebenden Winter. Und der Wanderer kann bei die-
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Das idyllisch gelegene Unter-Seibertenrod.
zu tun, weil gerade ein Auto vorbei will. Langsam und gemütlich trotten alle ihrem Stalle zu. Sie lassen sich nicht verblüffen. Auch die stillen Vogelsberger nicht.--
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Am anderen Morgen ein völlig verändertes Bild — der Winter ist da! Ueber Nacht hat sich der Oberwald bis weit zu seinen ersten Vorposten nach dem Tale hin in ein weißes Gewand gehüllt. Der Hoherodskopf und der T a u f st e i n haben ein weißes Häubchen aufgesetzt, und nach allen Seiten findet dieses dichte Schneekleid weithin seine Fortsetzung. Kalt pfeift der Wind über die Höhen. Die Quecksilbersäule im Thermometer hat einen jähen Sprung unter den Nullstrich gemacht, bei dem sie sich gleich auf mehrere Grade nach abwärts von der Trennungslinie zwischen Minus und Plus entfernt hat.
Aber auch bei diesem Wetter, das unten im Tale der Lahn und der Wetterau Regen am laufenden Band gebracht hat, ist der hohe Vogelsberg schön, wenn es auch mit der Schneeherrlichkeit erstens viel zu früh ist — wenn wir nicht irren, brachte nur das Jahr 1910 bisher eine so frühzeitige Ankündigung des Winters — und zweitens die winterliche Schönheit wohl noch nicht lange andauern wird. Wie köstlich ist es, in diesen ersten Winterstunden durch den Wald zu streifen. Ringsum die Bäume dicht mit Schnee bekleidet. Verdutzt und stark überrascht von dem jähen Wechsel der Dinge von einem Tage zum andern finden sich auch das niedliche Reh und der hoppelnde Hase jetzt nicht völlig zurecht in den neuen Verhältnissen des Haushalts der Natur. Sie glauben offenbar auch noch nicht ganz an den Dauerbestand dieser weißen Herrschaft.
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Blick vom Hoherodskopf zum Ernstberg.
Einsame Wiese im weißen Kleid.
fern Ringen von einem Tage zum anderen allerlei Ueberraschungen im Schauspiel der Natur erleben.
Ein Herbsttag voll leuchtender 'Sonne, voll herrlichen Farbenspiels auf den Wäl- '.dern, letzter Arbeiten der Bauern auf dem Acker mnd den Wiesen. Die freundlichen Fachwerkhäuser in den Dörfchen bereiten dem Besucher aus der 'Stadt ein heimeliges Gefühl. Vor allen Fenstern moch Geranien, Fuchsien und Nelken! Ein solches Wild halten wir in Groß-Felda auf der Platte ffest Die Dörfchen in den Tälern oder an den Abhängen gefallen uns immer mehr.
Wir sind schnurgerade Straßen und ausgerichtete Häuser gewöhnt. Geschlossene Hoftore fehlen hier käst ganz. Wir sehen in jeden Hof. Hier hat niemand Geheimnisse. Der schönste Schmuck aber vor ffast allen Gehöften ist der Hausgarten. Der Zaun ist oft zerfallen. Aber dahinter wuchern die herrlichsten Dahlien, Astern und verspätete Rosen. Uns
erscheinen diese Gärten aus der Ferne wie große Blumensträuße, in die das Dörfchen gebettet ist.
Aus den Röhren an den Abhängen sprudelt das klarste Quellwasser. Eine schmale Holztränke ist angebracht für das Vieh, das um die Mittagszeit ausgetrieben wird.
Langsam ziehen die Kühe durch die Dorfstraßen, begleitet von den laufenden und schreienden Buben. Draußen auf den umhegten Weidenflächen grasen zahlreiche Tiere, auch Pferde. In einigen Gehöften brummt noch die Dreschmaschine, und überall herrscht regstes Leben. Den größten Lärm machen freilich die Hütejungen mit ihrem ziehenden Vieh.
Wir standen am Nachmittag noch bei einigen und sahen ihrer Arbeit und auch ihren Spielen zu. Natürlich sammeln sie zahlreiche Haselnüsse, die überall an den Büschen hängen. Auch Kartoffelfeuer senden ihren Rauch zum Himmel, und hier und da sieht man noch eine Leiter an einem Obst
baum stehen. Die Vogelsberger sind zufrieden mit der Ernte. Wenn auch die Erträge von Heu und Grummet sehr knapp ausgefallen sind, so entschädigt sie nun die reiche Kartoffel- und Dickwurzernte. Still und zufrieden gehen alle ihrer Arbeit nach. Nirgends ein Hasten und Rennen, aber zielsichere Schritte haben all diese Bauern.
Langsam kommt ein schwer beladener Wagen von der steilen Höhe. Die Hinterräder liegen auf besonderen eisernen Platten, damit das Fuhrwerk nicht ins Rollen kommt. Das wäre eine gefährliche Sache für Menschen und Vieh. Die Bauersfrau hat außerdem noch die Bremse in der Hand. Langsam und sicher fährt der Wagen hinab ins Dorf.
Wenn die Glocken den Abend einläuten, kommen die Scharen der Kühe zurück von den Wiesen. Wir sehen vom Fenster des Gasthauses dem Treiben zu, und immer wieder freuen wir uns, wenn ein Auto kommt und hier halten muß, denn keinem einzigen Rind fällt es ein, auch nur einen Schritt seitwärts
Es ist ein eigentümliches Gefühl, wenn man an diesem Frühwintertag im Oberwald steht und sich mit Schneeballwerfen nach dem Wegweiser am Wegkreuz der Sieben-Ahorn-Straße belustigen kann, während in derselben Stunde drunten im Tal in den Gärten und vor den Fenstern noch die Blumen blühen, in Grünberg heitergestimmte Menschen sich auf dem Gallusmarkt ergötzen, oder in Gießen die Nachmittagsspaziergänger sich an dem Schmuck der Anlagen erfreuen. Hier oben aber im Oberwald ist das herrliche weiße Kleid ausgebreitet worden.
Die Holzfäller zerlegen mit den Sägen die gefällten großen Stämme, mächtige Feuer des aufgeschichteten Reisigs spenden für die frostklammen Hände wohlige Wärme und qualmen weithin in den Wald, auf einsamer Oberwaldstraße hantieren Geometer mit ihren Meßstäben, um den Ausbau der Straße für größeren Verkehr vom nächsten Sommer ab vorzubereiten, aus den Bäumen beginnt es lang-
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Geranien in Groß-Felda.
Auf der Weide bei Ober-Ohmen.


