Hohen hinter der Aisne wurde der greise General- oberst im vordersten Graben durch einen Granatsplitter verwundet. Er legte daraufhin den Oberbefehl über die I. Armee nieder. — Die Universität Jena verlieh ihm den Ehrendoktor der Rechte. Im Jahr 1924 feierte er im Kreise seiner Familie — einer seiner Söhne war 1915 in Flandern den Heldentod gestorben — die goldene Hochzeit mit seiner Frau, einer geborenen Freiin von Donop.
Einer der großen Führer des deutschen Feldheeres, Teilnehmer an drei Kriegen, hat seine Augen für immer geschlossen. An feiner Bahre neigt sich in Dankbarkeit das deutsche Volk; auch seine ehemaligen Gegner, die in dem Verstorbenen stets den großen ritterlichen Gegner anerkannten, senken den Degen vor der Größe und Schlichtheit dieses alten Offiziers. So wird fein Tod in der ganzen englischen Presse an hervorragender Stelle gemeldet. Der Verstorbene hatte in England eine wirkliche Volkstümlichkeit besessen. In den Nachrufen wird seinem Charakter und seiner Tapferkeit große Anerkennung gezollt. Der britische Brigadegeneral S p e a r s sagte in einer Rundfunkrede u. a.: Generaloberst von Kluck wird den englischen und französischen Soldaten, die in den ersten Tagen Les Krieges gekämpft haben, als ein großherziger Feind im Gedächtnis bleiben. Er war ein großer Mann, ein tapferer und guter Kämpfer.
mäßig glatte Vistra oder Fasern von der eben er- wähnten besonders füllfähigen Art.
Diese zunächst überraschende Wandlungsfähigkeit wird leicht verständlich, wenn man daran erinnert, worauf es beruht, daß Wollgewebe so warm halten. Es ist das keine der eigentlichen Wollsubstanz zukommende Eigenschaft, sondern Wollgewebe halten hauptsächlich deshalb warm, weil sie lockerer als andere sind, also feine Luftschichten in sich einschließen und dadurch die bekannte schlechte Wärmeleitfähigkeit der Luft zur Geltung bringen.
Die neuen Stoffe sind so haltbar, schön und vielseitig verwendbar, daß sie die aus den klassischen Spinnfasern gefertigten in vieler Beziehung übertreffen. In der Tat kommen wir hier zu einer ganz neuen Klasse von Stoffen, denen man Unrecht täte, wenn man sie mit dem Ausdruck „Ersatz" bezeichnen würde. Sie werden zweifellos bald einen festen Platz auf dem Textilmarkt einnehmen und könnten demnächst auch international eine große Rolle spielen. Ein neuer Beweis für die hohe Leistungsfähigkeit der deutschen Forschung.
Generaloberst von Kluck gestorben.
Berlin, 19. Oft (DRB.) Der bekannte deutsche Heerführer aus dem Weltkriege General- o b e r st a. D. von k l u ck ist am heutigen Freitag um 17 Uhr in seiner Privatwohnung in Berlin- Grunewald im Alter von 88 Jahren geworben. Der Führer und Reichskanzler hat an die Witwe des Generalobersten von kluck
folgendes Beileidstelegramm gerichtet: Zu dem Tode Ihres Herrn Gemahls, des Herrn Generalobersten von kluck, spreche ich Ihnen mein herzlich st es Beileid aus. Wit Ihnen betrauert das deutsche Volk den Tod eines ruhmvollen um die deutsche Wehrmacht in krieg und Frieden hochverdienten Heerführers, dessen Name in der Geschichte des Weltkrieges in Ehren weiterleben wird.
Adolf Hitler.
Alexander von Kluck wurde 1846 als Sohn des Regierungsbaumeisters Kluck in Münster in Westfalen geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums trat er 20jährig als Fahnenjunker in das Infanterieregiment Nr. 55 ein. Schon wenige Monate später rückte er als Fähnrich in den Feldzug 18 6 6 mit General Vogel von Falckenstein nach dem Main. Im deutsch-französischen Krieg focht er als junger Leutnant, bei Colorn- bey-Neuilly, wurde zweimal verwundet und erhielt das Eiserne Kreuz. Nach dem Kriege war er als Hauptmann und Major an Unteroffizierschulen tätig, wurde 1889 Bataillonskommandeur im Infanterieregiment Nr. 66 und auf Veranlassung des späteren Herzogs oon Sachsen-Meiningen, der die großen Fähigkeiten Klucks kennengelernt hatte, 1893 Kommandeur des Landwehrbezirks I Berlin. Am 27. Januar 09 wurde Kluck geadelt, führte als Oberst das Füsilierregiment N. 34 in Bromberg, als Generalmajor die' 23 Brigade in Gleiwitz, als Generalleutnant die 37. Division in Allenstein und als kommandierender General das 1. Armeekorps in Königsberg. 1913 wurde er Generalinspekteur der neu geschaffenen 8. Armeeinspektion, die das 2., 5. und 6 Korps umfaßte.
Als Generaloberst zog er an der Spitze der I. Armee in seinen dritten Feldzug. Es war in erster Linie d i e Armee Kluck,' deren schneller
Vormarsch zu Beginn des Krieges aller Augen auf sich lenkte. Bei Jemappes, Frameries und Mons schlug er die vereinten Engländer und Franzosen (23. bis 25. August 1914) und wenige Tage darauf die Engländer bei St. Quentin. Wieder wenige Tage später „streifen Reiter der Armee von Kluck vor Paris", wie es im amtlichen Bericht hieß. In der Marneschlacht verhinderte die I. Armee unter der genialen Führung Klucks in erbitterten Kämpfen am Ourq die von der Pariser Ausfallarmee des Generals Gallieni versuchte Umfassung der rechten Flanke des deutschen Feldheeres. Auf den
Geschichten aus aller Welt.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Freudige Ueberruschung.
(mtz) Bombay.
Aus Benares, der heiligen Stadt der Hindus, kommt die Nachricht, daß ein dort lebender Engländer im wahrsten Sinne des Wortes einen Schatz ans Licht befördert hat. Es ging dem Mann nicht besonders gut, und um diesem Uebel abzuhelfen, wandte er sich an einen Rechtsanwalt zwecks Vermittlung einer Hypothek auf das ihm gehörige Grundstück. Er wollte gerade die Urkunde unterzeichnen, als ihm sein Spazierstock, ein altes Erbstück, aus der Hand fiel. Mechanisch bückte er sich, um ihn wieder aufzuheben. Aber da entdeckte er zu seinem Schrecken, daß die Achatkrücke zerbrochen war. Wer beschreibt jedoch sein Erstaunen, als er in dem hohlen Stock plötzlich eine große Anzahl sehr wertvoller Perlen fand, die einen solchen Wert vorstellten, daß er seine Schulden mit einemmal los war. So hatten seine Vorfahren und auch er unwissentlich einen großen Schatz mit sich herumgetragen, den offenbar ein vorsichtiger Vorfahre einstmals in diesem sonderbaren Versteck verborgen hatte.
Benjamin Franklins Nhr geht wieder!
(u) Philadelphia.
Irgendwo in einem kleinen Uhrmacherladen in Philadelphia erschien kürzlich ein altes Männlein und bot eine Uhr zum Verkauf an. Der Uhrmacher besah sie erst spöttisch, dann interessiert und stutzte vollends, als er hineinschaute und darin las: „Als Geschenk an Benjamin Franklin, zur Erinnerung, 3. Sept. 1783. — David Hartlog." Der Uhrmacher lächelte wirklich nicht mehr, sondern hielt die Uhr sorgsam wie ein Heiligtum. Er hat hastig den geforderten Preis dafür bezahlt und nun die alte Uhr Franklins wieder in Gang gesetzt. Sie tut wieder ihren Dienst. Ein Wunder? Der Fabrikant war — wie ein Stempel ergibt — Epine, der größte Uhrmacher der damaligen Zeit, der Uhrenberater eines Louis XV., eines Louis XVI. und eines Napoleon I....
Die Liebe geht durch den Magen.
DZD. Neuyork.
In einer Pittsburger Konservenfabrik arbeitete der junge Sam H. täglich seine acht Stunden, mit Ausnahme des Sonntags natürlich. Seine Arbeit bestand darin, in einer Minute sechs Konservenbüchsen mit seiner Maschine zu verdichten, das sind in der Stunde 360 Büchsen, und wenn der Feierabend durch die Fabriksirene verkündet wurde, hatte Sam seine 2880 Büchsen gedichtet. So ging
das jahraus, jahrein. Sam verknöcherte aber trotzdem nicht bei seiner mechanischen Tätigkeit, da er romantisch veranlagt war und voll merkwürdiger Einfälle steckte. Gern hätte er ein nettes Mädchen kennengelernt, um es zu heiraten, aber ihm fehlte die Gelegenheit dazu. Da schrieb er eines Tages, ehe er in die Fabrik ging, einen kurzen Brief, worin er mitteilte, er fei einsam und suche eine Damenbekanntschaft. Das Briefchen mit einer kleinen Photographie steckte Sam heimlich in eine Konservenbüchse und verlötete diese. Jayre waren vergangen, Sam hatte seinen Brief längst vergessen, als er Antwort aus England erhielt. Ein Bild lag auch dabei und die Schreiberin wurde tatsächlich Sams Frau. Die heiratslustigen Mädchen in Amerika öffnen seit der Zeit die Konservenbüchsen mit einer gewissen Spannung...
Der Drang und das Mäuschen.
(—) London.
Just zur selben Zeit, als im Berliner Zoo ein übermütig gewordener Menschenaffe, der Gorilla, seinen Wärter angriff, machte sich im Londoner Zoo ebenfalls ein Vertreter dieser Tiergattung unliebsam bemerkbar. Es war der dort gehaltene riesige Orang-Utang. Dieses Tier, eines der größten seiner Art, erfüllte einige Nächte lang hintereinander den Londoner Zoo mit einem derart rasenden Angstgebrüll, daß kein lebendes Wesen dort zur Ruhe kommen konnte. Kamen die Wärter dann zu seinem Käfig gerannt, war er sofort wieder ruhig, wenn auch sein Fell noch gesträubt blieb und seine Augen entsetzungsvoll umherirrten.
Schließlich stellte man einige Wärter, ohne daß der Affe es merkte, nachts in der Nähe feines Käfigs auf Posten, und diese entdeckten schon in der dritten Nacht die Ursache für die Angst dieses Riesentieres: um zwei Uhr nachts kam aus einer Ecke des Käfigs ein winziges Mäuschen gelaufen, und schon sprang der Affe, so schnell er nur konnte, nn seinem Astwerk in die Höhe und erschütterte die Nacht mit feinem durchdringenden Angstgeheul.
Am nächsten Morgen schon kam der Zimmermann und nagelte ein Brett vor das Mauseloch. Seitdem hat der Londoner Zoo auch nachts seine wohlverdiente Ruhe ...
„Smiths aller Länder, vereinigt euch!"
D. Edinburgh.
Großes hat sich begeben in dieser betriebsamen Stadt: die Smiths haben sich zu einem Club zusammengeschlossen und verweisen schon jetzt stolz auf die Tatsache, daß damit der größte Club der Welt seine Geburt erlebt hat. Dabei gedenkt man
nun keineswegs stehen zu bleiben: ein „Smith- Parlament" soll geschaffen werden, dem sämtliche Smiths aus allen Reichen der Erde ihre Wünsche und Klagen vortragen können — und dieser Menschen namens Smith gibt es Millionen: man muß nämlich bedenken, daß in England, seinen Kolonien und Dominions sowie in den Vereinigten Staaten mindestens jeder siebenunddreißigste Mensch als „Smith" auf die Welt kommt.
Die Idee zu dieser riesigen Vereinigung ist ausgegangen von dem Millionär Mr. Jonathan Smith aus London. Der hat sich lange geärgert über die tollen Verwechslungen, die ihm sein allzu häufiger Name einbrachte, weshalb er zunächst auf die originelle Idee kam, all den Namensvettern die längst ersehnte „Verwechslungshilfe" zu bringen: nämlich eine Erkennungsmarke, wie sie jeder Soldat im Kriege führt. Er selbst gab sich die Chiffre DG4S3; damit versah er alle Gegenstände, die ihm gehörten, ließ sich die Jdeee patentieren: fand in England großen Anklang damit und brachte es binnen kurzem zu einem Millionenvermögen. Nur so ganz nebenbei hat er den Smith-Club zusammengetrommelt, dem alsbald das Smith-Parlament folgen soll. Jeder Smith der Welt wird nun seine Erkennungsmarke erhalten — nur dann nämlich darf er sich an das hohe Parlament wenden und hoffen, hier auf Verständnis und Berücksichtigung feiner Klagen und Wünsche zu stoßen.
Sechs Frauen und fünf Schirme.
(a) Amsterdam.
Mit einem immerhin ungewöhnlichen Anliegen stürzten dieser Tage sechs aufgeregte Damen in das Amsterdamer Polizeirevier am Leidscheplein und fuchtelten dem erschrockenen Reviervorsteher mit ihren Regenschirmen vor dem Gesicht herum. Das heißt: das taten nur fünf von ihnen, denn dis sechste hatte zwar keinen Regenschirm, beteiligte sich aber mit um so kräftigerem Stimmaufwand an dem Geschnatter der anderen. Als es dem Beamten schließlich gelungen war, Ruhe zu gebieten, kam durch die Darstellung einer besonders robusten Frau, die die Wortführerin spielte, folgender Tatbestand zutage:
Alle sechs Frauen hatten am Sonntag zuvor im Tesselschade-Krankenhaus in der Hauptstadt Krankenbesuche gemacht. Als Nr. 1, eben die Wortführerin, nach Beendigung des Besuches nach Hause gehen wollte, entdeckte sie, daß aus dem Schirmständer im Flur ihr Schirm verschwunden war. Kurz entschlossen ergriff sie einen anderen, der dem ihrigen „ähnlich" sah. Das war der Schirm von Nr. 2, der es wenige Minuten später ebenso erging und die sich einfach den Schirm von Nr. 3 aneignete. So ging es dann weiter über Nr. 4 und 5 bis auf die arme Nr. 6, die — da inzwischen der Ständer leer geworden war — nur noch das Nachsehen hatte.
Am nächsten Besuchstage, an jenem Tage, da dieser Aufmarsch vor dem Polizisten stattfand, hatten sie sich alle wieder im Krankenhause eingefunden, um eventuell feststellen zu können, wer mit wessen Schirm am Sonntag verschwunden war. Merkwürdigerweise waren die sechs die einzigen Besucher, die sich — bis auf eine — mit den falschen Schirmen bewaffnet, im Flur des Krankenhauses einfanden und dort einen derart lauten Streit miteinander anfingen, daß sie vom Personal an die frische Luft gesetzt werden mußten. Spornstreichs waren sie bann zum nächsten Polizeirevier gelaufen, um ihren Streit vor Herrn „Brigadier" fortzufetzen.
Der Beamte fällte ein wahrhaft salomisches Urteil: Er stellte fest, daß Nr. 1 der Schirm gestohlen worden war, nahm diese Diebstahlsanzeige zur amtlichen Kenntnis und befahl, daß Nr. 1 ihren jetzigen Schirm an Nr. 2, diese ihren an Nr. 3 und so fort aushändige. Die fünf Frauen von Nr. 2 bis Nr. 6 waren der Bewunderung für dieses simple Urteil voll und trauten ihren Äugen kaum, daß sie auf so einfache Weise wieder in den Besitz ihres eigenen Schirmes gelangten. „Darauf wären wir nie gekommen!" stammelte Nr. 4. Nur Nr. 1, deren Schirm an jenem Sonntage spurlos verschwand, war mit dieser Entscheidung des Herrn Brigadiers nicht ganz einverstanden.
Der erste Abschied.
Von Waldemar Bonsels.
Es sind selten die großen Ereignisse, die unser Gemüt in Aufruhr ober Stille führen, sondern etwas ganz anderes, etwas, das ich die Ahnung vom Wesen des Lebendigen nennen möchte, den kaum spürbaren Abglanz jener Beschaffenheit des Menschenwesens, aus dein alle Schicksale geboren werden, wie schon im ersten Blick zweier liebender Menschen der erste Herzschlag eines neuen Lebens schlummert. An jener Ahnung entzündet sich unsere eigenste Hoffnung, von ungewisser Erwartung bis Aum brennenden Heimweh geführt, von der Unschuld zur Tat, und zuletzt zum langsamen Erwachen, über die rasche Jugend dahin, bis zur großen Einkehr, welche nur denen erspart bleibt, die ihre Augen mitten im Glanz der Jugend im Tode schließen.
Zu diesen letzten gehört der eine jener Zwei, von denen ich erzähle, vom späteren Ergehen des anderen weiß ich so wenig wie vom Geschick des Lesers, der vielleicht flüchtig seine Augen durch diese Zeilen gleiten läßt, um ihren Inhalt in der Unruhe des Lebens wieder zu vergessen. Beides waren Kinder, nicht einmal ihren Namen kenne ich, es waren zwei Knaben von etwa zwei und vier Jahren, und ich beobachtete ihre Tagesstunden in der Sommersonne von einem grünen Versteck des Nachbargartens aus, in einer glücklichen Geborgenheit des Beschauens. Das Glück eines solchen Postens ist ein wenig indiskret, und man würde sich nicht allein rechtlos, sondern auch wie ein ungebetener Gast am Tisch des Lebens Vorkommen, wenn nicht die Andacht solch tatlose Einmischung zu einer neidlosen Erkenntnis des Schönen umgestalten könnte.
Jeden Morgen brachte ein älteres Dienstmädchen, zugleich mürrisch und gutmütig, die beiden Knaben in den Garten und setzte sie auf eine große rote Decke auf den Rasenplatz unter vier Ahornbäumen. Sie schüttelte aus einem Korb die Trümmer einiger bis zur Unkenntlichkeit heimgesuchter Spielsachen neben den kleinsten von ihnen, der in der Regel vorzog, sich zunächst niederzusetzen, und entfernte sich, meist bis zum Mittag.
Nun begann für meine beiden Nachbarn bas grofje Leben. Ich weiß erst seit ihrem Glück um nichts, wieviel Unnötiges wir Großen nötig haben. Der Kleine bevorzugte deutlich ben gebrochenen Kopf eines hölzernen Hahnes, ben Schwengel einer Spielbose, bereu Seele längst bis zur Lautlosigkeit
burchforscht war, unb einen braunen ©arbinenring von ber Größe eines Armbanbes. Um biefe brei Wunder menschlicher Erfinbungsgabe gruppierte sich sein Glück. Er genoß ihre Herrlichkeit mit allen Sinnen, er betastete sie, ergötzte sich am Klang, ben sie gaben, wenn man sie aneinanberschlug, unb versäumte nie, sie zuletzt auch zu kosten, ^ebenfalls war er in allem, was ben Morgen hindurch geschah, derjenige, auf ben es ankam. Sein älterer Bruber, ber zweifellos auch, abgesehen von seinem Alter, ber Stärkere unb Gesünbere war, schien seine ganze junge Existenz in ben Dienst bes Brubers gestellt zu haben. Er biente ihm mit einer Hingabe unb Geduld, bereu Ernst mich tief entzückte, es schien fast, als trachtete er ihm bie Eltern zu ersetzen, bie ich erst später gesehen habe, wahrschein- befanben sie sich auf einer Sommerreise.
Wer Kinber beobachtet hat, weiß, baß es in ber Regel zwischen ihnen umgekehrt zu sein pflegt, um so mehr fesselte mich bie liebreiche Vorsicht bes älteren Knaben, in ber er über seinen Bruber wachte. Er schien von ber Natur ein wenig benachteiligt gegen ben jüngeren, ber in seinem hellgolbe- nen Bloubkopf mit ber überzarten Gesichtsfarbe wie ein uuirbischer Erbengast, einem kleinen Engel vergleichbar, eine unerkannte Demut im Herzen bes Brubers auszulösen schien. Das mochte bissen für seine vier Jahre ungewöhnlich besonnen gemacht haben, ein wenig berb unb nicht eben schön, wie er war, strich er oft fein rauhes Haar aus der Kiuderstirn und schien zu überlegen, was wohl der Bruder meinte, der es mit der Sprache durchaus nicht genau nahm. Dann mußte man achtgeben und bas Unverstänbliche erraten, aber trotzdem ließ es sich nicht vermeiden, daß das Bruderwesen zuweilen alle Lebenslust in einem weltvergessenden Geschrei aufgab. Schließlich verliert selbst ein Hah- nenfopf vorübergehend seinen Reiz.
Die Ratlosigkeit des anderen solchem Schmerz gegenüber war bewegend, er konnte nicht tröffen. Er mochte längst die Nutzlosigkeit seines Eifers eingesehen haben, so blieb ihm nichts übrig, als bas Leib bes Brubers zu teilen, unb er meinte schließlich auf feine Art mit, aber ohne sich babei vorzubrängen.
Einmal sah ich, baß sie einen Käser gefangen hatten, ber ahnungslos in bas Bereich ihrer Herrschaft geraten war. Der ältere war biesem Raubtier gegenüber außerorbentlich zurückhaltend), benn gerabe in biefen Jahren beginnt bie Tätigkeit ber Phantasie, unb man nimmt etwas ßebenbiges nicht so selbstverstänblich wie mit zwei Jahren. Aber ber jüngere bemächtigte sich in gebankenloser Kühnheit der Beute unb zerlegte sie in blauäugiger Andacht,
unter dem Hellen Lockenwald, in alle Bestandteile, in die sich etwa ein Käfer zerlegen läßt. Das trug ihm die Bewunderung seines Bruders in großem Maße ein. Ich beobachtete fast täglich, wenn die Sonne schien, Vorfälle nichtiger uub buch so bedeutsamer Art, und die Erlebnisse meiner beiden Nachbarn wurden in der Zurückgezogenheit meines Landaufenthalts ein wichtiger Teil meines Erlebens überhaupt.
Als ich nach einer Abwesenheit von einigen Wochen aus der nahen Großstadt zurückkehrte, hörte ich, daß ber jüngere meiner beiben nachbarlichen Freunbe gestorben sei. Er war plötzlich unb uner» wartet einer heimtückischen Krankheit erlegen.
Am nächsten Morgen, als ich meine Holunber- laube am Zaun bezogen hatte, sah ich nach einer Weile bas ältere mürrische Dienstmäbchen ben älteren ber beiben Knaben an ber Hanb auf ben ae» wohnten Spielplatz führen: sie stellte sogar ben Korb mit ben gewohnten Spielsachen neben'ihn auf bie große Decke, es mochte beibes eher in ber Verstörtheit ihrer Trauer unb in unbebachter Gewöh- nung geschehen, als eben mit Ueberlegung Aber man ist so sehr bavon überzeugt, baß ein Kinb noch nicht befähigt ist, einen Abschiebsschmerz im Bewußtsein zu burchleben, baß man sich feiner zumeist nur in gebankenlosem Bebauern annimmt.
Der Zurückgebliebene ber Zwei erweckte auch nicht ben Anschein, als fei er betrübt. Merkwürbig von allen, bie ich sah, bie Eltern waren nun auch zuruckgekehrt, schien nur er ben Bruber nicht zu vermissen, benn ich habe ihn roeber meinen noch klagen sehen, wenn bie Magb bisweilen vom toten Brüberchen sprach. Er sah mit großen Augen bie Tränen an unb schwieg.
Da sah ich an einem Morgen, an bem bas Mäb- chen sich entfernt hatte, wie bas Kinb bie Spiel- fachen seines Brubers nacheinanber zur Hanb nahm unb betrachtete, ben Hahnenkopf, ben braunen Ring unb ben Schwengel ber Spielbose Mit gesenkten Blicken unb wohl in bem, was man bei einem Kinbe Nachbenklichkeit nennen möchte, versuchte es mit biefen Dingen etwas anzufangen unb darüber muß ihm wohl in ben Sinn gekommen sein, baß ihn niemanb mehr brauche. Er sah lang- fam auf, unb fein Blick verlor sich in bie Weite.
Diesen Blick habe ich nie vergessen können, unb er ist mir im Leben unter Menschen überall wieder begegnet, und mehr, als in ihm lag, habe ich in keinem Schmerz gefunden. Damals mußte ich die Dinge meines eigenen Lebens überdenken unb ihren Wert, unb mir war zumut wie meinem kleinen Nachbarn, ich fühlte plötzlich, baß alle Güter unb Gaben des Daseins unserem Herzen bedeu
tungslos werben, wenn wir jemanben haben, der sie braucht.
Häuptling Atta in den Lüsten.
Der Häuptling Nanna Dfort Atta, einer der Stammeshäuptlinge und Würdenträger aus dem englischen Kolonialgebiet an der Goldküste, der zur Zeit in London weilt, hat kürzlich an einem Rundflug teilgenommen, der ihm außerordentlich gut gefiel. „O, es war großartig! Mein erster Flug. Ich ging nach Abridge in Essex, um einer Flugvorführung beizuwohnen. Ich hatte nicht die Absicht zu fliegen, dachte nicht einmal daran. Aber es war sehr schön. Man fragte mich, ob ich einmal in die Lüfte steigen wollte. Warum nicht, sagte ich. Ach es war herrlich!" Mit schwärmerischen Worten beschreibt der schwarze Würdenträger seinen ersten Flug in die Lüfte, und er schilderte, wie man ihm eine Fliegerkappe aufsetzte und ihm eine Schutzbrille gab. „Bekamen Sie auch einen Fallschirm?" wurde er von den Berichterstattern der englischen Zeitungen gefragt. „Nein, nichts von alledem, ober meinen Sie, baß man mir etwas umschnallte? Ja, bas tat man, unb bann fliegen wir auf. Ach es war herrlich hunterzufehen auf bie brollige kleine Welt. Wir finb 150 Meilen geflogen. Ich liebe bas Fliegen!" „Unb war ber Flug recht bewegt, wurden Sie sehr geschüttelt?" — „Geschüttelt? O nein! & war fünfter als sanft, unb ich brauchte keine Furch! zu haben unb fühlte mich sehr wohl." — „Unb war's mit ber Abfahrt? Hatten Sie ba nicht vor« übergehenb ein leichtes Unwohlsein? Nur für einen Augenblick meinen wir." —- „Nein, nur ein wenig überrascht war ich. Als wir lanbeten, ba vielleicht ... Nur einen Augenblick ... war mir — „Ja, wir wissen Bescheib." — „Aber alles in allem war es wirklich großartig. Wenn ich nun nach Afrika zurückkehre, so möchte ich es am liebsten mit einem Flugzeug tun. Ich habe bas größte Vertrauen zu einem solchen Apparat. Ich möchte auch meine Untertanen bazu ermuntern, sich ber Fliegerei zu roibmen. Vielleicht hilft mir bie Regierung babei. Es müßten bazu verschiebens Vorbereitungen getroffen werben, wie z. B. bie Anlage von Landungsplätzen Ich möchte gerne einen eigenen Flug' apparat haben. Ach, es war zu schön!" Der Häuptling Nanna Ofori Atta scheint ein mutiger uni unternehmungslustiger Herr zu sein, ber mit ber Zeit zu gehen weiß unb ben auch bie Künste der Weißen nicht schrecken. Wenn er bei feiner Rückkehr feinen Kollegen bei dem Festmahl von seinen Erlebnissen >m Lande der Weißen erzählt, so wird sicher dieser Bericht über seinen ersten Flug ihm viel Bewunderung und Anerkennung einbringen.


