Ihres 25jährigen Dlenstjubiläums wurden Sie unter Würdigung Ihrer Leistungen und Verdienste zum Ehrenbürger unserer Stadt ernannt.
lieber diese Ernennung, die noch von dem früheren Stadtrat erfolgte, haben wir Ihnen jetzt eine U r - künde ausstellen lassen, die Ihnen zu überreichen mir eine Ehre ist.
Unter Ihrer Amtszeit hat Gießen einen großen 21 u f ft i e g erlebt Schon während der Zeit, als Sie noch Beigeordneter waren, traten die ersten Anfänge einer raschen Entwicklung zutage. So wurde damals insbesondere das Straßennetz gründlich erneuert, denn die Straßen Gießens waren berüchtigt. Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, wie man beim Fahren mit dem Pferdeomnibus über das Kopffteinpflafter hin- und hergeschüttelt wurde. Mit dem fürchterlichen Pflaster verschwanden auch bie Pferdeomnibusse, die durch die elektrischen Straßenbahnen ersetzt wurden. Ebenfalls um diese Zeit wurden von der Universität zwei größere Bauten errichtet, zu denen die Stdt größere Zuschüsse leistete, nämlich die Klinik für Ohren-, Hals- und Nasenkrankheiten und die für Haut- und Geschlechtskrankheiten
Bei Ihrer Ernennung zum Oberbürgermeister im Jahre 1914 fanden Sie nicht die besten finanziellen Verhältnisse vor. Seit 1901 war ein starkes Anwachsen der Schulden zu verzeichnen. Infolge des Baues der Kanalisation und der damit verbundenen Neubefestigung aller Straßen, des Ausbaues des Straßennetzes, der Vergrößerung des Elektrizitätswerkes und des Wasserwerkes, der Errichtung des Schlachthofes hatten erhebliche Kredite ausgenommen werden müssen.
Die Schuldenlast belief sich im Jahre 1914 auf 21 000 000 Reichsmark. An Zinsen mußten dafür jährlich 863 000 Reichsmark aufgebracht werden.
Mit großem Geschick und Tatkraft gingen Sie an eine Neuordnung der Finanzen, trotz der Schwierigkeiten, die der jetzt beginnende Weltkrieg mit sich brachte. In erster Linie führten Sie eine bessere Wirtschaftlichkeit der städtischen Betriebe herbei. Sie waren auch daraus bedacht, daß, wie in einem geordneten Privatbetrieb, die nötigen Abschreibungen und Rücklagen vorgenommen wurden, damit nicht bei erforderlichen Neuanschaffungen, Verbesserungen oder Erweiterungen Schulden gemacht werden mußten. Zur Vermeidung fortwährender Steuererhöhungen bildeten sie einen Steuerausgleich st o ck. Um dies alles zu erreichen, wurden im Jahre 1915 erhebliche Steuererhöhungen, trotz starken Widerspruchs aus den Kreisen des Stadtrats, durchgesetzt. Durch diese Maßnahme wurde jetzt eine langsame aber ftetige Gesundung der Finanzen herbeigeführt.
Nach der Inflation wurde die eingeleitete Finanzpolitik sofort wieder aufgenommen und fortgesetzt.
In den letzten Jahren wurden grundsätzlich nicht mehr neue Schulden gemacht, als alte getilgt werden konnten. Jegliche Vermehrung der Schulden wurde vermieden. Infolge dieser sparsamen Verwaltung lagen die Steuerausfchlag- fähe unter denen der anderen fünf größten hessischen Städte. Unsere Schuldenlast beträgt heule sechs Millionen weniger wie 1914. Auch der Zinsendienst ist relativ niedriger, er beträgt 780 000 Reichsmark. Dabei ist zu berücksichtigen, daß von den bestehenden Schulden in höhe von 15 Millionen Reichsmark nicht weniger als vier Millionen Reichsmark ausgenommen wurden, um sie als Baudarlehen weiterzugeben.
Mit dem Ende des Krieges mußte auch ein Neuaufbau der gesamten Verwaltung in die Wege geleitet werden. Denn die Aufgaben der einzelnen Verwaltungszweige, insbesondere des Wohlfahrtsamtes, Rechnungsamtes, Steueramtes, Grundstücksamtes, Wahlamtes usw., hatten sich bedeutend vermehrt. Aus dem alten, etwas rückständigen Verwaltungsapparat wurde ein neuer und doch billiger geschaffen, der dem gesteigerten Aufgabenkreis vollauf gewachsen war. Der Persona l st a n d von 194 Beamten und Angestellten ist heute gegenüber dem der Vorkriegszeit von 146 um ein Drittel höher. Dieses Mehr ist bei Berücksichtigung der vielen neuen Aufgaben der Verwaltung durchaus gerechtfertigt und steht i m richtige n Verhältnis zu dem Bestand der Vorkriegszeit, wie erst kürzlich von einem Beauftragten der Regierung, der die Organisation der städtischen Verwaltung überprüfte, feftgefteUt wurde. 3n feinem Gutachten legte der Beauftragte nieder, daß sich
die Personalpolitik der Stadt Gießen erfreulicherweise in gesunden Bahnen bewegt habe, was sich für Sie, Herr Oberbürgermeister, als schönes Zeugnis darstellt.
Bei der Neuorganisation der Verwaltung zeigte sich die Unzulänglichkeit der vorhandenen Verwaltungsgebäude. Man war daher gezwungen, sich nach einem für derartige Zwecke geeigneten Gebäude umzusehen. Die Wahl fiel auf den Steinsgarten, der zu seiner heutigen Gestalt umgebaut wurde. Es wurde von Ihnen jedoch damals nicht verkannt, daß durch die in vier verschiedenen Verwaltungsgebäuden untergebrachten Verwaltungsstellen die Organisation der Stadtverwaltung notleidet. Daher wurde bereits von Ihnen die Errichtung eines zentralen Verwaltungsgebäudes ins 2luge gefaßt bzw. ein entsprechender Umbau des letzt vorhandenen. 2lllerdings mußte bis heute aus finanziellen Gründen von einer Lösung der Raumfrage abgesehen werden.
Anstatt ein kostspieliges Verwaltungsgebäude zu errichten, glaubten Sie mit Recht, zuerst dem W o h n u n g s e l e n d , das sich infolge der während des Krieges fast gänzlich eingestellten Bautätigkeit breitgemacht hatte, abhelfen zu müssen. So wurden denn allenthalben von der Stadt Gebäude für Wohnzwecke errichtet, und zwar am Kugelberg, am Riegelpfad, in dem Asterweg, in der Gnauthstraße, Kaiserallee, Mühlstraße, Licher Straße, Marktlaubenstraße, Welckerstraße, Wilhelm- straße, Schottstraße, Ederstraße, Rodheimer Straße, in dem Anneröder Weg und Leimkauterweg.
Es wurden von der Stabt insgesamt 177 Reuhäuser mit 560 Wohnungen erstellt, so daß sie mit den bisherigen Wohnungen heute insgesamt über 852 stadteigene Wohnungen verfügt. Dies ist für eine Stabt von der Einwohnerzahl Gießens eine sehr große Anzahl, hierdurch zeigten Sie, welch hohes Verantwortungsgefühl Sie gegenüber dem Wohnungselend aufgebracht haben.
Daneben wurde die Bautätigkeit Privater in jebem Maße burch Gewährung von Hypotheken, Lirmabe von Gelänbe in Erbbaupacht geförbert.
Wenn die Wohnungsnot auch heute noch nicht ganz übermunben ist, so liegt bas nicht an dem Fehlen eines guten Willens fonbern an bem Fehlen der nötigen Mittel. Sie bürfen aber bie Genugtuung haben, baß wir in bem von Ihnen oorgezeichneten Wege fortfahren. Wird boch in Kürze mit bem Bau von 50 Sied- lungshäusern an ber Krosborser Straße im Katzen- felb begonnen werben, wozu bie Stabt bas Gelänbe in Erbbaupacht unb einen bestimmten Betrag gibt. Die Pläne würben noch unter Ihrer Leitung gefaßt. Auch finb die Mittel zum Bau der Siedlung bereits von Reichswegen genehmigt. Diese Siedlung soll sogar, wenn weitere Mittel vom Reich bewilligt werden, was zu erwarten ist, auf 150 Stellen gebracht werden.
Wenn wir es irgendwie ermöglichen können, sollen außerdem noch dieses Jahr zehn weitere Wohnungen an dem Anneröder Weg für Unterstützunas- empsänger geschaffen werden. Diese Häuser müssen mit eigenen Mitteln erstellt werden. Es fällt aber heute außerordentlich schwer, das nötige Kapital hierzu zu beschaffen, denn auf dem Kreditmarkt herrscht eine große Geldknappheit.
Reben der Bautätigkeit für Wohnungszwecke haben Sie auch die für öffentliche in jeder Hinsicht gefördert und sich Reuerungen, soweit sie zweckmäßig waren, nicht verschlossen.
Während Ihrer Amtszeit wurde das Elektrizitätswerk modern umgestaltet und vor einigen Jahren bedeutend vergrößert. Ebenso wurde das Wasserwerk und der Schlachthof neuzeitlichen Erfordernissen entsprechend erweitert.
In unseren städtischen Volksschulen lagen die Raumverhältnisse sehr im argen. Es war für unsere Kinder, unser kostbarstes Gut, außerordentlich ungesund, wenn sie in großer Zahl und in unzureichenden Räumen jeden Tag viele Stunden zubringen mußten. Sie haben hier in großzügiger Weise Abhilfe geschaffen. Zwei Schulen, die Schillerschule und die Goethefchule, wurden umgebaut und erheblich erweitert Außerdem wurde in den Eichgärten die P e st a l o z z i f ch u l e errichtet, die. jetzt soweit fertiggestellt ist.
Zur Hebung des Verkehrs wurde in Ihrer Amtszeit die V o l k s h a l l e erbaut. Mit dem Anwachsen ber Stabt hatte sich bas Fehlen einer geeigneten Halle zur Abhaltung von Ausstellungen, Tagungen unb Festlichkeiten unliebsam bemerkbar gemacht. Wie in anberen Stäbten, so erstellte man auch bei uns eine Dolkshalle, bie, wenn sie außen einen Verputz erhält eine Zierbe ber Stadt sein wird. Ihr vorausschauender Blick hat sich vor Jahren für die Errichtung eines Flughafens verwandt, um den wir von vielen Städten wohl beneidet werden. Er ist nicht nur landschaftlich schon gelegen, sondern auch für seine Zwecke gut geeignet und befindet sich im besten Zustand. Da die Erlernung des Fliegens jetzt stark propagiert wird und das Flugzeug als modernstes Verkehrsmittel eine große Bedeutung tjat, t)at unser Flughafen, wenn er auch beute noch ein kleiner Zuschußbetrieb ist, eine gute Zukunft.
Wie der Flugsport, so wurde seitens der Stabt unb bamit burch Sie jegliche anbere Sport- a r t weitgehenbst unterstützt. Denn bie Ausübung bes Sportes bient ber Volksqesunbheit, unb vorbeu- genbe Maßnahmen gegen Krankheiten sind immer besser als heilenbe. Bei einer gefunben Bevölkerung wirb bas Wohlfahrtsamt, bas Mäbchen für alles, entlastet. Durch birekte ober indirekte Unterstützung der Stadt wurden herrliche Rasensportplätze errichtet, Tennisplätze angelegt, Bootshäuser erbaut usw.
Wenn von der Entwicklung unserer Stadt unter Ihrer Leitung gesprochen wirb, bann darf natürlich nicht bie Universität vergessen werben. In den letzten beiden Jahrzehnten sind ihr eine Reihe neuer Institute unb Kliniken ange- gliebert worben. Für sie hat bie Stabt erhebliche Mittel aufgebracht unb sich reblich bemüht, soweit es in ihren Kräften stanb — benn eine Stabt wie Gießen verfügt selbstverständlich bei weitem nicht über biese Mittel, wie Frankfurt ober Leipzig — ihr Teil bazu beizulragen, baß bie Einrichtungen ber Universität bem mobernsten Slanbe ber Wissenschaft entsprachen.
Zu dem Erwerb ber Kinberklinik und später zu deren Erweiterungsbau wurden von der Stadt Zuschüsse gegeben. Verschiedentlich wurde der Universität wertvolles Gelände schenkweise übereignet, so zur Errichtung des Lupusheimes, der Heilstätte für Tuberkulose der oberen Luftwege, der Orthopädischen Klinik, des Studentenhauses. Neben der medizinischen Fakultät kamen insbesondere der landwirtschaftlichen und forstwirtschaftlichen die Leistungen der Stadt zugute. Zum Ausbau des Landwirtschaftlichen Instituts, sowie für das forst- wissenschaftliche erfolgten größere Zuschüsse. Durch den Ankauf des H a r d t h o f e s, der der Universität verpachtet wurde, wurde die landwirtschaftliche Fakultät in Stand gesetzt, in größerem Umfange praktische Versuche anzustellen.
Während Ihrer Amtszeit hat die Universität bald das doppelte Ausmaß erreicht.
Die Bedeutung der Universität für unsere Stadt wußten Sie sehr wohl zu schätzen. Für ihre Belange haben Sie sich immer eingesetzt. Die Verdienste, bie Sie sich um bie Universität erworben haben, mürben von ihr durch die Verleihung des Dr. h. c. anerkannt.
Die gleichen guten Beziehungen wie sie von Ihnen zur Universität gepflogen wurden, bestanden auch gegenüber der Garnison. Das Verhältnis der Stadt zum Militär war immer ein herzliches, und von unserer Seite wird gewünscht, daß es auch in Zukunft so bleiben möge.
Der Aufstieg, den unsere Stadt unter Ihrer Leitung genommen hat, war ein st e t i g e r und organischer. In richtiger Erkenntnis lehnten Sie es ab, irgendwelche Erperimente zu machen, die die Stadt in unnötige Schulden stürzten, wie es so viele gewissenlose Stadtoberhäupter anderer Städte unter bem vergangenen System in verantwortungsloser Weise getan haben. Damals, als die Möglichkeit bestand, Ausländsanleihen aufzunehmen, wetteiferten geradezu die Städte, unproduktive Bauten und Anlagen aufzuführen. Ich brauche nur die beiden Nachbarstädte Frankfurt und Köln zu erwähnen, die ehrgeizig sich darin Überboten. An der Verzinsung und Tilgung dieser Anleihen, die fich zum Schaden des ganzen Reiches auswirkten, haben heute noch viele Städte und damit deren Einwohner schwer zu tragen.
Ihr klarer Blick für die Rolwendigkeit einer gesunden finanziellen Grundlage bewahrte die Stadt vor übermäßiger Schuldenlast. Ihre feste und sichere Leitung war um deswillen besonders wertvoll, well sie in einer Zeit ausgeübt wurde, die sicher die schlimmste seit Jahrhunderten war.
Forderte doch der Krieg, die Inflation und bie letzt so langsam im Verschwinden begriffene Arbeitslosigkeit ungeheuere Opfer von dem einheimischen Gewerbe, dem Handel und der Industrie. So manches alte Geschäft, das schon durch Generationen in einer Hand war, ging in dieser Zeit zugrunde. Soweit es in Ihrer Macht stand, halsen Sie hier und zeigten Verständnis für die Erhaltung der einzelnen G e w e r b e z w e i g e und des Handels.
Durch Ihre gesunde Finanzpolitik haben Sie eine gute Grundlage für eine weitere günstige
Entwicklung der Stadt gelegt.
Wenn Sie nun heute in den Ruhestand treten, so wird es Ihnen gewiß schwer fallen, sich von der Stätte Ihres 27jährigen Wirkungskreises zu trennen. Denn man hängt an dem, was man hat werden sehen und aufbauen helfen Ich kann Ihnen versichern, daß auch wirnoch gerne mitIhnen weiter gearbeitet hätten. Wir, das heißt meine Fraktionskameraden und ich, kennen Sie zwar noch nicht allzulange, denn wir sind erst vor einem Jahr zumeist als Neulinge in den Stadtrat einge
zogen. Aber rasch und leicht haben wir uns unter Ihrer Leitung eingelebt
3n dieser Zeit, bie wir mit Ihnen arbeite» burften, haben wir Sie aufrichtig schätzen gelernt. Es war uns immer eine Freube, an ben Sitzungen, bie Sie leiteten, teilzunehmen. Zeichneten Sie sich boch burch klares Urteil, gerechtes hanbeln unb warmes Empfinben für bie sozialen Belange ber Bevölkerung aus. Auch bie Einwohnerschaft wirb Ihr Ausscheiben aus ben Diensten ber Stabt bebauern, benn allenthalben erfreuen Sie sich bei ihr ber größten Sympathien.
Als ein Zeichen der Verbundenheit unserer Stadt mit Ihnen habe ich Ihnen dieses Gemälde zu überreichen. Es ist ein B i l d unseres geliebten Gießen, unserer schönen Heimat, umrahmt von dem Dreigestirn des Düns- berg, Gleiberg und Vetzberg. Möge Ihnen der Anblick dieses Bildes immer eine Freude sein und Sie erinnern an die Stätte Ihrer langjährigen segensreichen Tätigkeit. .
Das Stadttheaterorchester bereicherte bie Feier nunmehr durch die Festouoertüre von Lortzing. An- schließend folgten die nachstehenden Ansprachen:
Kreisdirektor Klostermann:
Herr Oberbürgermeister! Deutsche Frauen, deutsche Männer!
Ich hatte bisher nicht den Vorzug, den Herrn Oberbürgermeister kennenzulernen. Aber zur Beurteilung seiner Taten ist das auch nicht notwendig, zumal man weiß, daß er 27 Jahre an der Spitze dieser Gemeindeverwaltung steht.
Wenn wir von der jungen Generation heute beauftragt finb, rückschauend die Arbeit zu überprüfen, dann muß man an eines denken: In großer Zeit sind Sie, Herr Oberbürgermeister, an die Spitze dieser Stadt getreten. Sie erlebten die Jahre um 1914 hier, von denen wir sagen, daß sie der Beginn der nationalsozialistischen Revolution waren. Sie standen an der Spitze dieser Stadt in der schweren Kriegszeit, als Hunger und Not die Menschen plagten. Sie erlebten in dieser Stadt den Zusammenbruch des deutschen Volkes, den Charakterbruch der deutschen Menschen. Sie erlebten hier, daß man das Höchste und Beste, was man hatte, der Armee die Waffen zerschlug. Sie erlebten hier den Zusammenbruch im Kriege und erlebten auch das Fiasko der Politik der Vorkriegszeit. Sie konnten an diesem Gemeinwesen feststellen, daß auch die Politik die Geschicke der Gemeinden und Städte lenkt.
Denn obwohl Sie, wie ich eben erfuhr, alles Erdenkliche getan haben, werden auch Sie als Mann der Tat manchmal haben feftftellen müssen, daß alle Arbeit falsch und verkehrt, daß alle Arbeit sinnlos ist, wenn dabei das große Ganze, wenn Deutschland am Boden liegt.
Sie konnten die Zeit der Inflation erleben, wie im Gefolge dieses Charakterbruchs des deutschen Volkes die Wirtschaft und die Gemeinden in den Strudel hineingezogen wurden. Sie mußten feststellen, daß das deutsche Volk charakterlich und wirtschaftlich zusammenbrach, aber sie konnten auch vor einem Jahre erleben, daß in dieser Stadt junge Menschen das Banner der deutschen Freiheit aufpflanzten. Wenn man das weiß und fich vorstellt, dann weiß man auch, was ein Mann geleistet hat, der 27 Jahre lang in dieser schwersten, aber auch in der herrlichsten und schönsten Zeit des deutschen Volkes und der deutschen Geschichte an dieser Stelle stehen konnte. Sie, Herr Oberbürgermeister, geben nun bie Geschäfte in andere, jüngere Hände, weil die Arbeit und Ihre Taten Ihre Kraft
verbraucht haben. Darüber wollen wir nicht trauern denn es ist im Leben nun einmal so, bas können wir nicht ändern.
Aber eines, Herr Oberbürgermeister, muh Ihnen heute doch einen srohen Blick in die Zukunft eröffnen, daß nämlich heute alles beeinflußt wird von der Tatkraft eines Mannes, der unser Führer ist, der heute bie Geschicke ber Länber, Slabte unb Gemeinden leitet, ber Mann, ber aus ben Deutschen Lharakterwerte herausgeholt und h i n a u f g e p f l a n z t hat zum Symbol aller deutsch en Menschen, ber btau- ßen an ber Front als ber unbekannte Soibat feine Pflicht tat unb heute roieber daran geht, bas Wertvollste in Deutschland, ben Wehrwillen unb bie wehrfähigen Männer zu sammeln unb in ben Dienst bes Volkes zu stellen.
Wenn Sie im Jahre 1918 erlebten, wie Schurken und Verbrecher sich an der Armee vergriffen, wenn Sie heute wissen, daß Gießen wieder eine gute Garnisonstadt ist, dann muß Sie das mit stolzer Freude erfüllen.
Als Mann der Tat dürfen Sie von sich behaupten, daß Sie hier arbeiteten für die Bevölkerung von Gießen, von Hessen und damit für Deutschland, daß Sie Ihren Anteil zu dem großen Bau Deutschland beigetragen haben. Es ist der schönste Lohn, der Ihnen werden kann, wenn Sie daran denken, daß
Sie Ihre ganze Kraft diesem Deutschland opferten, daß Sie mitgearbeitet und gewirkt haben an dem deutschen Bau in die Ewigkeit hinein.
So wie Sie in diesen Gedanken Ihren Lebensabend verbringen können, werden Sie mit uns jungen Menschen sein, mit unserem Wirken, unb Sie werden miterleben, wie wir ein neues Reich bauen, wie es die deutsche Geschichte, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Wenn Sie das wissen und ferner auch, daß über uns ein Mann als Garant steht, der dafür sorgt, daß all unser Wollen in die Tat umgesetzt wird, dann wird Ihnen bei allem Schmerz und Leid diese Abschiedsstunde leicht werden, weil Sie wissen, und weil auch alle es wissen, daß S i e Ihre Pflicht taten im Dienste am deutschen Volke!
Se. Magnifizenz der Rektor Pros. D. Vornkannn:
Es ist mir als Rektor der Universität eine Selbstverständlichkeit, noch einmal heute mit Ihnen, sehr verehrter Herr Oberbürgermeister, einen dankbaren und herzlichen Händedruck zu tauschen. Sie sind läng st einer der unserigen. Sie sind schon im Jahre 1927 ausgezeichnet worden durch die h o ch st e Ehre, die die Universität zu vergehen hat, durch die Verleihung der Würde einer Ehrendoktors der Rechte. Es sind aber nicht nur unsichtbare, sondern auch sichtbare Bande der Zu- sammgehörigkeit, die uns verbinden. Wenn ich daran danke, was die Landesuniversität veranlaßt hat, sich so zu Ihnen und Ihrer Arbeit zu bekennen, so ist es nicht nur die lange Reihe der Gebäude und der Zuwendungen, die die Universität durch ihre Tatkraft von der Stadt erhielt, sondern nach meiner Ueberzeugung auch noch etwas anderes:
Sie haben uns in jebem Falle, wenn wir an bie Stabt mit einer Bitte herantreten mußten, bas Bitten leicht gemacht. Sie haben immer Versiänbnis bafür gehabt, baß wir nicht für uns bitten, fonbern für bie, bie wir vertreten. Sie haben uns bie Wünsche gerabezu von ben Augen abgelesen, unb Sie haben — bas ist besonbers zu banken — immer bas Bewußtsein gehabt, baß auch in armen Zeiten ein Volk etwas tun muh für feine Geistesarbeit.
Sie haben gewußt, daß es befte Tradition der Universität Gießen ist, auch in den relativ einfachen Verhältnissen, die nicht verglichen werden können mit pompösen Verhältnissen anderer Universitäten, sachliche und gute Arbeit zu tun und diesen Arbeitsbedingungen alles abzuringen, was sie enthalten.
Ich bin mir bewußt, daß es für den Rahmen einer Universitätsstadt nicht allein ausreichend und ausschlaggebend ist, was sie für Universitätsgebäude,
für Industrie und Handel in sich birgt, sondern daß auch die stille und unscheinbare Arbeit, die an einem gelehrten Buche in einer Studierstube getan wirb, daß die einsame Arbeit und erfinderische Kraft in einem Laboratorium mit dazu beiträgt, dem ganzen Volke zu dienen und den Namen und den Rus dieser Stadt um den ganzen Erdball zu tragen. Es ist für eine Universitätsstadt wie Gießen nicht gleichgültig, daß sie mit einer Fülle der bedeutendsten deutschen Gelehrten in ihrer Jugendzeit verbunden war, mit Männern wie Liebig, Ranke, Harnack, Jhering, Oncken usw.
Sie wissen von uns, daß unsere 93 e r a n t • mortung für einander gegenseitig ist, daß auch wir stets die Verantwortung mitgetragen haben für das Schicksal dieser Stadt, die uns — auch den Landfremden unter uns — zu einer Heimat geworden ist, aus deren herrlicher landschaftlicher Umgebung wir Kraft gewinnen zu unserer Arbeit und deren charaktervolle Bevölkerung uns ebenfalls immer neue Kraft zuwachsen läßt.
Als Sie im Jahre 1927 Ehrendoktor unserer Universität wurden, haben Sie Ihre Ansprache geschlossen mit ben Worten:
„Stabt unb Universität up ewig ungebeell“
3d) gebe Ihnen heute dieses Wort zurück und bitte Sie, daß Sie dieses Verständnis für die Universität als ein Stück Ihres Erbes der Stadtverwaltung h i n t e r l a f f e n, und ich hoffe, daß dies auch weiterhin so bleiben wird, wie Sie es in den langen Jahren uns bekundet haben. Ich glaube, daß es Ihnen, sehr verehrter Herr Oberbürgermeister, ein schöner Lohn fein wird, wenn Sie daran denken, daß Ihre Arbeit an und mit der Universität gewesen ift
Der Vertreter der Kreisleitung pg. Äng
Der Kreisleiter hat mich beauftragt, Ihnen, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, im Namen der Kreisleitung herzlichen Dank auszusprechen für Ihre segensreiche Tätigkeit.
Ich war noch ein kleiner Junge, als die Männer ber heutigen Bewegung des jungen Deutschland, als das feldgraue Deutschland hinausströmten, um für die Ehre unb bie Einigkeit des großen deutschen Volkes zu kämpfen Damals haben Sie Ihre große Aufgabe begonnen, als Sie das Amt des Oberbürgermeisters übernahmen. Groß war diese Aufgabe, wenn man sie in rechter Weise lösen will, ebenso groß war die Aufgabe ber deutschen Männer
draußen im Kriege. Als bas deutsche Heer, siegreich und doch nicht als Sieger, in die Heimat zurück- kchrte, sprachen Sie, Herr Oberbürgermeister, das große Wort: „Ihr kommt siegreich, wenn auch nicht als Sieger zurück, trotzdem werdet ihr mit Freude in eurer Vater- ft a b t willkommen geheiße n."
Dir haben dieses Wort nie vergessen, als bas neue Deutschland vorwärtsslürmte und bat Hakenkreuzbanner zur Sonne emportrug. wir haben dieses Wort in unsere Herzen hinein- geschlossen und daraus die Kraft geholt, auch in


