spielte, rollte der Zug aus dem Bahnhof. Die Wagen, die die Saarländer wieder in die Heimat brachten waren schön geschmückt.
Sie deutsche Bibel.
Bei dem Familienabend, den die Lukasgemeinde aestern abend veranstaltete, begrüßte Kirchenvorsteher Juwelier Karl Noll die Erschienenen. Pfarrer Bechtolsheimer hielt sodann einen Vortrag über „die deutsche Bibel". Er ging zunächst auf die näheren Umstände ein, die zu Luthers Verbringung nach der Wartburg führten, berich- tete, wie Luther, ehe er von Worms abreiste, noch mit dem Erzbischof Richard von Trier und mit seinem gelehrten Gegner Eck in freundschaftlicher Weise verhandelte, obwohl er den Mahnungen der beiden zum Widerrufe ein entschiedenes Nein entgegensetzte. Der Plan, den Reformator für einige Zeit verborgen zu halten, ging nicht von dem Kurfürsten Friedrich, sondern von dessen Bruder, dem Herzog Johann aus. Luther war in diesen Plan eingeweiht, wußte aber nicht, daß die Wartburg sein Aufenthaltsort sein sollte. Dort faßte er, namentlich von seinen Freunden ermuntert, den Plan, das Neue Testament in das Deutsche zu übersetzen. In drei Monaten brachte er diese Arbeit zustande. Wesentlich größere Schwierigkeiten machte die Uebersetzung des Alten Testamentes, die 1534 vollendet wurde, da die Kenntnis der hebräischen Sprache damals bei den deutschen Gelehrten nur in geringem Maße zu finden war. Der Vortragende ging auch auf die früheren Bibelübersetzungen ein und zeigte durch Gegenüberstellung von einzelnen Stellen aus diesen und den entsprechenden Stellen der Lutherbibel, wie groß die Sprachgewalt Luthers war und wie anschaulich und lebendig er die heilige Schrift verdeutscht hat.
Junge Mädchen aus der Gemeinde sangen unter der Leitung von Fräulein Else Wagenbach Glaubenslieder und sagten besonders markante Stellen aus der Lutherbibel auf. Fräulein Emilie von der Heydt sang mit klangvoller Stimme die Lieder „Dem Unendlichen" von Schubert und das „Vaterunser" von Krebs, sie wurde in verständnisvoller Weise von Fräulein Bertha Möller begleitet. Kirchenvorsteher Karl Noll schloß mit Worten des Dankes an die Mitwirkenden den Familienabend.
Besichtigung im Gchlachthof Gießen.
Der Reichsbund Volkstum und Heimat, Ortsgruppe Gießen (Fachgruppe Tierschutz), hatte für den gestrigen Sonntag die Mitglieder und Gäste zu einer Besichtigung des Gießener Schlachthofes eingeladen. Zur festgesetzten Stunde hatten sich auch viele Interessenten eingefunden. Der Ortsgruppen« leiter des Reichsbundes Volkstum und Heimat Dr. Michel begrüßte die Teilnehmer und wies kurz darauf hin, daß es der Fachgruppe Tierschutz im Reichsbund darauf ankomme, praktischen Tierschutz zu treiben.
Der Direktor des Schlachthofes Dr. Keller übernahm dann sofort die Führung. Er kennzeichnete zunächst die Entstehung des Schlachthofes Gießen, führte dann die Besucher in die Rinderschlachthalle und erklärte dort die neuzeitliche Methode der raschen Tötung der Tiere (mit dem Bolzenschußapparat). Von hier aus begab man sich in die Schweineschlachthalle, die auf das modernste eingerichtet ist und durch ihre Einrichtungen ein außerordentlich rasches, leichtes und hygienisches Arbeiten gestattet. Dr. Keller verstand es dabei ausgezeichnet, den Gang der Schlachtung in allen Einzelheiten zu veranschaulichen. Die vor nicht allzulanger Zeit in Betrieb genommene Rinderkuttelei wurde ebenfalls besichtigt. Im weiteren Verlaufe der Führung wandte man sich dann dem Maschinenhaus und der Kühlhalle zu, deren Einrichtungen nicht weniger interessierten. Den Abschluß fand der Rundgang mit dem Besuch des Untersuchungslaboratoriums. Dort gab Direktor Dr. Keller in einem kurzen Vortraa über die Methoden der Untersuchung des Fleisches auf die verschiedensten Krankheitsmöglichkeiten Aufschluß und zeigte die vorkommenden Krankheiten an besonders charakte
ristischen Präparaten. Die Zuhörer konnten erkennen, daß man im Schlachthof mit größter Sorgfalt und viel Verantwortungsbewußtsein der Volksgesundheit gegenüber am Werke ist. Um mancherlei Wissen bereichert, verließen die Besucher den Schlachthof.
Lustpost nach Llebersee.
Die Reichspostdirektion Frankfurt hat aus Anlaß der Einführung der Winterflugpläne neue Druckschriften über den Luftpostverkehr verteilen lassen. Darin sind hinsichtlich der Luftpostlinien nach außereuropäischen Ländern allgemein die letzten Absendungsgelegenheiten in Frankfurt angegeben, deren Benutzung aber bei etwaigen Störungen im Flugbetrieb die rechtzeitige Ueberkunft der Sendungen nicht immer sicherstellt. Da die Luftpostverbindungen nach Afrika, Asien und Südamerika nur einmal wöchentlich verkehren erleiden die Sendungen bei Anschlußverfehlungen eine Verzögerung von einer Woche. Die beteiligten Kreise tun daher gut daran, Luftpostsendungen nach Ueberfee nicht erst im letzten Augenblick, sondern möglichst 24 Stunden vor Abgang der letzten Anschlußoerbindung zur Post zu geben.
♦ * Der Schulbeginn 1 935 noch nicht festgesetzt. In einer Mitteilung der Ministerial- abteilung für Vildungswesen an die Schulämter wird festgestellt, daß nach einer Mitteilung des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung die Frage des Schuljahrbeginns 1935 noch nicht endgültig geklärt ist.
* * Die Theaterkasse am Bußtage g e ■ schlossen. Des Feiertags wegen bleibt die Theaterkasse am Mittwoch, 21. November, geschlossen.
** Ein musikalischer Abend zum Tag der deutschen Hausmusik, veranstaltet von der Ortsmusikerschaft Gießen in der Reichsmusikkammer, findet am morgigen Dienstag im Saale des Gesellschaftsvereins statt. Näheres ist aus der heutigen Anzeige ersichtlich.
* * Sterbefälle in Gießen. Es verstorben
in Gießen in der Zeit vom 1. bis 15. November: 2. Wilhelm Ackermann, Händler, 44 Jahre alt, Kli- nikstraße 24. 4. Eva Beimborn, geb. Gimbel, Wwe., 76 Jahre alt, Bruchstraße 32; Karl Mayer, Post- sekretär i. R., 91 Jahre alt, Wilhelmstraße 46. 5. Ludwig Becker, Reichsbahn-Werkführer i. R., 80 Jahre alt, Seltersweg 77; Georg Döll, Packmeister i. R., 75 Jahre alt, Weserstraße 31; Josef Berber, Werkmeister i. R., 70 Ähre alt, Aulweg 43. 7. Wilhelm Weydemeyer, Werkmeister i. R., 80 Jahre alt, Kaiserallee 43; Jakob Heller, Glaser, 52 Jahre alt, Schiffenberger Weg 41. 8 Gertrud Schorsch, ohne Beruf, 20 Jahre alt, Horst-Wessel-Wall 56; Dr. Ernst Wilhelm Gustav Meigen, Universitäts-Professor, 61 Jahre alt, Hindenburgwall 16. 11. Hein- rich Stamm, ohne Beruf, 57 Jahre alt, Wilhelmstraße 10; Adam Emig, Oberpostschaffner i. R., 92 Jahre alt, Wilhelmstraße 45.
** Fahrpreisermäßigungen der Reichsbahn zum K a t h a r i n e n m a r k t in B'u tz b a ch. Zu dem am 19. und 20. November in Butzbach stattfindenden Katharinenmarkt gibt die Reichsbahn von allen Fahrkartenausgaben der nachstehenden Strecken Sonntagsrückfahrkarten aus: Frankfurt a. M.—Marburg, Friedberg—Laubach, Friedberg—Schotten, Vilbel-Nord—Stockheim, Gießen—Mücke. Gültigkeit: Hinfahrt und Rückfahrt am 19. November von 0 Uhr bis 24 Uhr. Hinfahrt vom 20. November 0 Uhr bis 21. November 24 Uhr; Rückfahrt vom 20. November bis 22. November 12 Uhr (spätester Antritt der Rückfahrt). Fahrpreis für Hin- und Rückfahrt ab Gießen 2. Klaffe 1,40 RM., 3. Klaffe 1,— RM. Bei Benutzung von Eilzügen ist außerdem der tarifmäßige Zuschlag zu zahlen. Dieser beträgt: 2. Klasse 0,50 RM., 3. Klasse 0,25 RM.
** Freie Lehrer stellen. Erledigt sind je eine Lehrerstelle für einen evangelischen Lehrer an den Volksschulen in Grebenau (Kreis Alsfeld) und Dittelsheim (Kreis Worms). Dienstwohnungen sind vorhanden und frei. Bewerber müssen seit mindestens acht Jabren die Prüfung abgelegt und eine Anwärterdienstzeit von mindestens fünf Jahren zurückgelegt haben.
mit Vs Millionen Wagenkilometer IVt MiMone« Personen beförderte und damals eine Belegschaft von 25 Mann zählte. Weiter erinnerte er an die Not der Kriegsjahre und an den Heldentod von acht Mitarbeitern; es sind dies Peter Kreher Fried» rich L a t h e r, Heinrich Nau, Heinrich 'Rühl. Heinrich Schmidt, Heinrich Friedrich Schmitt, der damalige Betriebsleiter Karl Schmitz und Hermann Vogel. Den Toten wurde in der üblichen Weise ein stilles Gedenken bei den Klängen des Liedes „Ich hatt' einen Kameraden" gewidmet.
Weiter erinnerte Direktor Lotz dann an das Auf und Nieder der Nachkriegszeit, in der das Straße«, bahnunternehmen weitergekommen sei, weil es i« manchem Mann unter den Gästen einen Förderei fand, die trotz der Ungunsten der Zeiten zielklar weiterschafften. Dazu habe die Straßenbahn an ihrem Teil beigetragen, der Wagenpark sei erneuert worden, die Schienenwege überholt und nach Wieseck verlängert, zahlreiche Ausweichestellen zur Durchführung eines 3Vs Minuten-Verkehrs seien entstanden, der Tarif sei jetzt mit 10 Pfg. denkbar niedrig gesetzt, und die Belegschaft habe sich auf 50 Mann verdoppelt. Die Straßenbahn sei gerüstet und die Belegschaft wisse, daß die ansteigende Be> wegung in Handel und Verkehr sich auch bei der Bahn günstig auswirken werde. Nicht nur die tedji nischen Voraussetzungen bestärkten den Glauben und die Hoffnung auf den Aufschwung des Betriebes, sondern vor allem der gute Geist und das zähe Streben der Belegschaft, die den Erfolg in sich schließen.
Am Schluß feiner Ansprache gab Direktor Lotz dem Herrn Oberbürgermeister das Versprechen, daß die Belegschaft der Straßenbahn und des E»9Berfei allezeit weiter mit voller Hingabe ihrer Berufs« pflicht sich widmen werde, damit das Vertrauen, das der Oberbürgermeister in die Belegschaft setze, nicht ein geschenktes bleibe, sondern erarbeitet werde, auf daß es immer unerschütterlich sei.
Der mit lebhaftem Beifall aufgenommenen An« spräche folgten wieder einige musikalische Vorträge, sodann nahm
Oberbürgermeister Ziffer die Ehrung der Jubilare vor. Diese Veteranen der Arbeit waren auf der Bühne er« schienen. Es handelte sich um folgende Angehörig, des Werks:
Werkmeister Rendel, wohnhaft Gießen,Hamm« straße 34. Herr Rendel führte 1909 im Auftrage der Siemens - Schuckert - Werke Frankfurt a. M. nach Überweisung von der Stadt Mainz den Bau der Oberleitung und die Wagenmontage aus. Mit der Inbetriebsetzung der Straßenbahn am 20. November 1909 ging das Unternehmen in städtischen Besitz über, von da ab wurde auch Herr Rendel von bei? Stadt Gießen übernommen;
Mohr, Heinrich, Hilfsarbeiter, wohnhaft Großen« Buseck, Oberpforte 10, ab 8. Oktober 1909 beim Bauamt, ab 2. Oktober 1918 beim Elektrizitätswerks Merbach, Albert, Kontrolleur, wohnhaft Gießen, Rodheimer Straße 34, ab 1. November 1909 bei der Straßenbahn;
Becker, Heinrich, Wagenführer, wohnhaft Gießen, Ederstraße 20, ab 2. November 1909 bei der Straßenbahn;
Heilmann, Richard, Hausmeister, wohnhaft Gießen, Hammstraße 35, ob 4. November 1909 bei der Straßenbahn;
Kreuter, Heinrich, Kontrolleur, wohnhaft Gießen, Hinter den Schießgärten 24, ab 8. November 1909 bei der Straßenbahn;
ßefcf), Ludwig, Wagenführer, wohnhaft Gießen, Lahnstraße 15, ab 8. November 1909 bei der Straßenbahn;
Beyer, Peter, Wagenführer, wohnhaft Gießen, Grabenstraße 12, ab 3. November 1909 bei der Straßenbahn.
Oberbürgermeister Ritter betonte in feiner Ansprache u. a., es sei ihm eine Freude, diesen acht Jubilaren der Belegschaft den Glückwunsch, Dank und die Anerkennung der Stadt für die 25jährigen
25 Jahre Straßenbahn in Gießen.
Eine würdige Jubiläumsfeier. — Ehrung der Jubilare.
Am morgigen 2 0. November 1934 jährt sich — wie wir in einem Jubiläums-Rückblick im „Gießener Anzeiger", Nr. 258 vom 3. November bereits ankündigten — zum 2 5. Male der Tag, an dem die Gießener Straßenbahn als Nachfolgerin des damaligen Omnibusbetriebes dem Verkehr übergeben wurde. Jener 20. November 1909 bedeutet für alle Zeit einen wichtigen Markstein in der Geschichte unserer Stadt.
Zur Erinnerung an diesen Tag hatte die Direktion der Städtischen Elektrizitätswerke und der Straßenbahn gemeinsam mit der Belegschaft am Samstagabend eine Jubiläumsfeier im Saale des Cafä Leib veranstaltet, die in allen Teilen einen sehr erfreulichen und denkwürdigen Verlauf nahm. Der Saal war in festlicher und geschmackvoller Weise geschmückt; auf der Bühne sah man inmitten von Blattpflanzen ein großes Bild des Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler, ein großes und farbiges Wappen der Stadt Gießen, das Wahrzeichen der Straßenbahn (Flügelrad mit Blitzen), ferner eine Gedenktafel mit den Namen der im Weltkriege auf dem Felde der Ehre gefallenen Angehörigen des Werks, über dem Ganzen das Hakenkreuzbanner des Dritten Reichs. An der oberen Kante der Bühnenfront leuchtete ein aus kleinen Glühbirnen hergestelltes Hakenkreuz, rund an der Unterkante der Saalemporen zog sich eine lange Reihe von Glühbirnen entlang, die in den wohlbekannten Farben der Straßenbahn leuchteten: weiß als Frontlicht, rot als Schlußlicht und Linienbezeichnung, grün als Kennzeichen der Seltersweg— Wiesecker Linie. Dazu kam auch im Saale reicher Flaggenschmuck. Eine festlich-froh gestimmte große
Menschenmenge, unter der sich auf Einladung der Werksdirektion und des Vereins der Straßenbahner auch zahlreiche Gäste befanden, füllte den Saal. Im ganzen gesehen: ein sehr eindrucksvolles äußeres Bild, das noch verschönt und in seiner Wirkung vertieft wurde durch die wunderbare Geschlossenheit der Gesinnung und der Werksgemeinschaft, die im Verlaufe des Abends prächtig in Erscheinung trat.
Nach musikalischer Eröffnung der Vortragsfolge sprach zunächst Fräulein Welter einen Prolog, der in großen Zügen die Entstehung, das bisherige Wirken und einige Hoffnungen der Straßenbahn (Krofdorf und Ktein-Linden) schilderte. Nach einer weiteren musikalischen Darbietung sprach der
Direktor des Elektrizitätswerks Oipk.-Ing. Lotz.
Er begrüßte zunächst namens der Werkdirektion und des Vereins der Straßenbahner Herrn Oberbürgermeister Ritter und die Gäste, denen er zugleich Dank sagte für die bisherige Förderung der Belange der Straßenbahn und für das rege Interesse, das sie allezeit diesem städtischen Betrieb entgegenbrachten. Er betonte weiter, daß von vornherein bei dem Geist der Mitarbeiterschaft eine akademische Feier nicht in Frage kommen konnte, sondern durch die Gemeinschaft langer Jahre im Verein der Straßenbahner und dem freundschaftlichen Interesse dieser Familien untereinander von vornherein die Form der Jubiläumsfeier gegeben gewesen sei. Sodann wies er kurz auf die Entstehung der Straßenbahn hin und hob dabei hervor, daß das junge Unternehmen bis zum Kriegsausbruch schon recht flott arbeitete, im Jahre 1913
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Roman von Klothilde v. Stegmann.
19 Fortjetzung. Nachdruck verboten!
Weiß und klar lag der Park vor ihr. Sein frisches Winterkleid glitzerte. Der Himmel war wie blaue Seide, und die Konturen der Bäume und der Sträucher standen wie eine feine Zeichnung gegen den Himmel.
Wie schön!, dachte Edelgard. Nun aber fertig« gemacht und dann hinaus in den schönen Wintertag! Einen ordentlichen Marsch wollte sie machen, am See entlang, sich die klare Winterluft um die Nase wehen lassen. Sie war eine leidenschaftliche Fußgängerin, und das war mit das Schwerste an dem Bürodasein, Laß man so selten noch hinaus konnte. Im Sommer ging es ja noch an. Im Winter aber kehrte man ja erst bei völliger Dunkelheit heim. Und die Sonntage wollte sie nicht fern von der Mutter verbringen.
Diesen unerwarteten Ferientag aber wollte sie ausnutzen. Es würde gut sein, draußen in der Klarheit ein paar Stunden mit fich allein zu sein und auch zur Klarheit zu kommen.
Schnell nahm sie ihr Bad und kleidete sich an.
Dann lief sie hinunter ins Wohnzimmer.
„Guten Morgen, Mutti!" Zärtlich beugte sie sich zum Kuß über die Mutter. „Ihr seid ja heute wie die Mäuschen gewesen ..."
„Ja, Kind. Nachdem Marie deinen Zettel gefunden hat, wollten wir dir solange wie möglich die Ruhe gönnen. Und die hat dir gut getan. So wohl und rosig hast du schon lange nicht ausgeschaut. Ganz verändert. Ist dir etwas Angenehmes geschehen?"
Edelgard wurde ein wenig rot und beugte sich über ihre Kaffeetasse:
„Nun, Mütterchen, ist solch ein unerwarteter Ferientag etwa keine Annehmlichkeit?"
„Und den sollst du auch richtig ausnutzen, Kind. Wandere nur einmal wieder — das tust du doch so gern."
„Wenn es dir recht ist, Mutti, und ich dich ein paar Stunden allein lassen darf."
Frau von Dönitz nickte gerührt:
„Du opferst mir ohnehin ja schon deine ganzen Sonntage, gehst kaum fort, besuchst niemand von unseren Bekannten, hockst immer bei deiner alten Mutter. Ich möchte einmal die Tochter sehen, die das außer dir tut."
„Mutti, Mutti, solch eine Lobrede am frühen Morgen! Du machst mich ja ganz verlegen. Da sehe ich lieber zu, daß ich fortfomme."
Edelgard war mit ihrem Frühstück fertig. Nun umarmte sie die Mutter noch einmal lievevoll.
„Also, ich bin bestimmt um vier Uhr wieder da, Mutti. Aber warte nicht mit dem Essen! Du weißt, »ß tut dir nicht gut, solange zu hungern»"
„Sorge dich nur nicht, Kind! Marie wird schon dafür sorgen, daß ich nicht hungere. Wir werden einfach unser Mittagessen auf den Abend verlegen, und ich werde mir ein warmes Frühstück machen lassen."
Bald darauf ging Edelgard aus dem Hause. Liebevoll schaute die Mutter ihr nach. Und Edelgard wandte sich noch einmal zurück, um einen fröhlichen Abschiedsgruß heraufzuwinken.
Aber sie folgte nicht weit kommen. Kaum überquerte sie die Chaussee, die von dem Kavalier- Häuschen am Park entlang nach Wannsee führte, als ein wohlbekannter grauer Sportwagen scharf vor ihr bremste
„Ah, mein gnädiges Fräulein" — Studczynski sprang schnell heraus —, „wie schön, daß ich Sie treffe! Wo wollen Sie hin?"
„Ich wollte einen großen Marsch machen, Herr Direktor. Sie wissen wohl, daß Herr Direktor Herman mir heute freigegeben hat!? Oder liegt etwas Dringendes vor. Dann selbstverständlich komme ich ins Büro."
„Nein — nein, mein gnädiges Fräulein. Sie sehen, ich habe mir heute auch einen Urlaubstag genommen. Würde es unbescheiden sein, wenn ich Sie bitte, ein Stück mit mir zusammen zu fahren? Wir kämen ein gutes Ende weiter hinaus, und Sie könnten dann immer noch Ihren Spaziergang machen."
Edelgard zögerte einen Augenblick. Die Einladung Studczynskis war ihr gar nicht lieb. Sie war fo darauf eingestellt gewesen, ein paar Stunden mit sich allein zu sein und an Robby Herman denken zu können. Aber es wäre unhöflich gewesen, Studczynskis Aufforderung abzulehnen.
Der öffnete auch schon den Wagen. Sie mußte wohl oder übel einsteigen.
Und nun saß sie wieder neben einem Manne in dem dahinsausenden Sportwagen; aber wie anders, wie ganz anders war es gestern. In schweigendem Glück hatte sie neben Robby Herman gesessen. Keiner von ihnen beiden hatte gesprochen. Aber das Schweigen hatte mehr gesagt als tausend Worte.
Studczynski dagegen begann sofort ein lebhaftes Gespräch. Er war von einer ungeheuren Liebenswürdigkeit, und jedes Wort war wie ein verstecktes Kompliment. Seine Art war ihr nie sehr sympathisch gewesen. Sie hatte etwas Schmeichlerisches und Gleitendes, das im Gegensatz stand zu seiner etwas scharfen Stimme und feinen dunklen harten Augen.
Ein paarmal hatte er sie und die Mutter auf- gesucht. Es war ihr peinlich gewesen. Wenn man im Büro durch irgendeinen Zufall erfuhr, daß nun auch Direktor Studczynski privat bei ihnen verkehrte, das konnte unangenehm werden. Dann war Studczynski aber abgereift und hatte feine großen Geschäftstrans, aftionen in den Oststaaten erledigt. Er kam nur gelegentlich für einige Tage nach der Berliner Zentrale zurück.
Durch Zufall hatte sie einmal gehört, daß eigentlich Studczynski anfänglich zmn Leiter des Berliner
Werkes ausersehen gewesen. Aus irgendwelchen Gründen, die den Angestellten unbekannt, hatte die Neuyorker Generaldirektion aber Herman auf den wichtigsten Posten in Deutschland berufen.
„Wäre es Ihnen recht, mein gnädiges Fräulein", fragte Studczynski jetzt, „wenn wir vielleicht nach Schloß Marquardt herausfahren? Es ist sehr gut bewirtschaftet, und ich würde mir erlauben, Sie zu einem kleinen Frühstück einzuladen. Von dort können Sie, sofern Sie nicht meinen Wagen zurück benutzen wollen, einen schönen Spaziergang zu Ihrem Heim zurück machen."
Aber Edelgard lehnte mit höflicher Entschiedenheit ab. Sie dachte gar nicht daran, die Einladung Studczynskis anzunehmen. Gestern das mit Robby Herman war etwas vollkommen anderes gewesen. Bis ans Ende der Welt wäre sie mit ihm gegangen. Ohne Mißtrauen. Ohne Furcht. Studczynski aber? Sie fühlte feine Blicke von der Seite her über sich gleiten. Und sie hatte plötzlich ein Gefühl der Abwehr, als Studczynski nun noch einmal sagte:
„2Iber warum wollen Sie denn meine Einladung nicht annehmen, gnädiges Fräulein: Wir sitzen eine Stunde lang behaglich zusammen, plaudern ein wenig. Und dann ist alles vorbei. Ist denn das so gefährlich?"
Etwas war in feiner Stimme, was Edelgard empörte. Etwas Lauerndes und beinahe Zynisches. Sofort erwachten ihr Stolz und ihr Hochmut.
„Gefährlich?" Sie warf den Kopf in den Nacken. „Ich wüßte nicht, was dabei gefährlich fein sollte, Herr Direktor. Aber ich halte es nicht für passend. ®s konnten doch durch Zufall irgendwelche Menschen da sein, die meine Stellung in den Internationalen Filmfarbenwerken kennen. Es kommt mir als einer Angestellten nicht zu, mit einem der Direktoren —"
"Schon gut, Fräulein von Dönitz."
Studczynski fiel ihr scharf ins Wort. Das Schmeichlerische seiner Stimme war von einer höhnischen Schärfe abgelöst: „Ersparen Sie sich weitere Worte. Diese Rücksicht auf die lieben Mitmenschen schieben Sie ja nur vbr. Der wahre Grund ist: Sie wollen nicht!"
Er sagte es geradezu herausfordernd. Edelgards Trotz begehrte stärker auf. Sie vergaß alle Dor- ficht. Sie vergaß, daß Studczynski ihr Vorgesetzter war. Sie sah in ihm nur einen Mann, der sie zu etwas veranlassen wollte, was ihr nicht paßte.
„Da Sie es ausgesprochen haben, Herr Direktor, möchte ich nicht dawiderreden. Und nun gestatten Sie wohl, daß ich aussteige. Vielen Dank für die Freundlichkeit, daß Sie milch' mitgenommen haben!"
Sie machte Miene, den Wagenschlag zu öffnen. Aber Studczynski griff plötzlich nach ihrer Hand und hielt sie wie in einem Scyraubstock fest.
„Haben Sie es so eilig? Aber ich habe noch etwas mit Ihnen zu bereden.
Edelgard war kreideweiß geworden.
„Sofort lassen Sie mich los! Was fällt Ihnen ein?" Sie versuchte mit äußerster Kraft, sich zu
befreien. „Sie sind kein Gentleman, Herr Direktor. Sie wissen offenbar nicht, wie man sich einer Dame gegenüber benimmt."
Da lachte Studczynski höhnisch auf.
„Einer Dame gegenüber? Das wüßte ich schon. Aber wer so gut heucheln kann wie Sie, Fräulein von Dönitz, der ist für mich keine Dame."
Er fuhr zurück. Edelgard hatte mit der freien rechten Hand ausgeholt und schlug ihm die geballt! Faust ins Gesicht.
„Warte du, das sollst du mir büßen!" sagte Studczynski heiser. Aber er hatte in dem Auaen« blick, als Edelgard zuschlug, seinen Griff gelodert Schon war Edelgard auf dem Trittbrett des Wagens.
„Viel Vergnügen!" sagte Studczynski. „Vermutlich wollen Sie Ihrem Freunde, dem Direktor Herman, treu bleiben. Ja, ja, ich weiß, Fräulein von Dönitz, Sie suchen sich die Direktoren aus: erst Herrn Kutschner und jetzt Herman. Aber mit Herman, das war ja nun eine falsche Spekulation. Wenn seine Frau dahinterkommt —"
Edelgard schrie auf. Sie wollte etwas sagen! aber kein Wort kam über ihre erblaßten Lippen.
„Ach,, das wußten Sie nicht?" Studczynskis Ton war ganz heuchlerisches Bedauern. „Das tut mir aber leid. Ja, Herman ist verheiratet. Aber wohl- weislich trägt er keinen Ehering. Und feine Frcut hat er auch drüben gelassen. Was soll er auch hier mit einer Frau? Es gibt ja hübsche Mädels genug. Und nun wünsche ich Ihnen einen recht schöne" Spaziergang! Aber warum sehen Sie mich denn fö entsetzt an: Sie selbst handeln ja auch nach den Grundsatz: Wie du mir, so ich dir! Herman V Ihnen nichts von seiner Frau erzählt. Und haben ihm nichts von Ihren zarten Beziehungen zu) Herrn Kutschner gesagt. Ich finde, das gleicht sich aus."
Mit zynischer Höflichkeit lüftete er seinen weicht grauen Hut. Dann fuhr er an. Bald verschwand der Wagen vor Edelgards Blicken.
Sie stand wie gelähmt da. Wie furchtbar wak die Welt verwandelt, seitdem dieser böse Mensch fi6 so gekränkt. Selbst der strahlende Himmel schien fahler geworden und die klare Sonne matter.
Woher wußte dieser Teufel in Menschengestalt von ihren Beziehungen zu Kutschner? Woher wußte er von dem gestrigen Abend mit Robby Herman? Aber es war ja gleich, woher er es wußte! Das Unglück war da. Er kannte ihr Geheimnis.
Wie bejubelt kam sie sich vor! Die Siebe 3# Robby Herman, die sie sich selbst kaum, eingestanden, dies Reinste und Schmerzlichste zugleich, es war entweiht. Würde Studczynski schwelgen? Oder wußte vielleicht schon das ganze Büro von dem gestrigen Abend?
(Fortsetzung folgt!)


