Eröffnungsfeier des Mnierhilfsiverkes des deutschen Volkes 1934-35
Kreis Gießen
Heute abend 8 llhr, findet in der Vottshatte zu Gießen die feierliche Eröffnung des Winterhilfswerkes 1934/35 statt, wozu alle Volksgenossen des Kreises Gie< ßen eingeladen sind.
Redner:
pg. Klostermann
Gaubeauftragter des WHW. Pg. Haug
Zu dieser Veranstaltung werden insbesondere die Hilfsbedürftigen der Stadt Gießen und der näheren Umgebung erwartet
An der Veranstaltung nehmen weiterhin teil: SA., <5(5., Hitler-Jugend, Frauen- schäft, BdM., Arbeitsdienst, 71(5. Beamtenschaft, 7!(5.-Hago, Kreisbetriebszellenabteilung mit den Betrieben ufw.
Durch die freiwillige Bereiterftärung der Leitung des Stadttheaters zur Mitwirkung wird die Eröffnungsfeier wesentlich bereichert werden.
Jeder Volksgenosse zeigt seine Verbundenheit mit Führer und Volk durch sein Erscheinen!
E i n t r i t t f r e i! Oie Volkshalle wird geheizt!
Seil Hitler!
Kreisamtsleiiung der RGV.
gez.: Möß, Kreisamtsleiter
1924- der MMrschriftsteller General Hugo von Freytag-Loringhooen in Weimar gestorben (geboren 1855).
Die (Schneeherrlichkeit ist schon wieder vorbei.
Während gestern nachmittag im Oberwald des Vogelsbergs noch in recht ansehnlichem Maße Schnee lag, allerdings das Tauwetter auch schon eingesetzt hatte, herrscht heute früh — wie wir auf Anfrage bei dem Klubwirt auf dem Hoherodskopf hören — auf dem Hoherodskopf Nebel und Regen. Die Schneeherrlichkeit ist schon wieder vorbei. Statt der gestrigen Kälte von 4 Grad war es heute früh 1 Grad warm.
Richtlinien für Ehorleiterprüfungen.
SBK. Aus dem Hessischen Sängerbünde aehen uns Mitteilungen zu, die weit über den Rahmen des Landes Hessen hinaus von grundsätzlicher Bedeutung sind. Mit Ungeduld und Spannung werden, so heißt es in der Zuschrift, Richtsätze und Prüfungsordnung für Chorleiterprüfungen erwartet. Gerade in Hessen, wo bei der Engmaschigkeit der Ortschaften und der Vereine und der weiten Entfernung vieler Landesteile von der nächsten Stadt noch viele Nebenberufler als Chorleiter tätig sind, ist die Durchführung der Anordnungen der Reichsmusikkammer recht schwierig, weil sich auch mancher Berufsmusiter zum Chorleiterposten drängt, der nach Können und Persönlichkeit nicht geeignet erscheint..
In vielen Zweifels- und Streitfällen tonnte nur eine Chorleiterprüfung Klarheit schaffen, die von einem Ausschutz oorgenommen werden müßte, der aus Vertrauenspersonen der Musikerschaft und des Sängerbundes bestehen müßte. Aber wenn die Prüfungen sofort nach Gesichtspunkten abgehalten werden würden, die für die Zukunft unbedingt zu fordern sind (u. a. Nachweis hinlänglicher Stimmbildung, Theoriekenntnis, Partiturlesen, Literatur- kenntnis), so würden 90 v.H. der zu Prüfenden ohne weiteres ausscheiden, da sie bisher meist gar keine Möglichkeit hatten, sich auf diesen Gebieten vorzubereiten. Wenn man also stellungslosen Berufsmusikern helfen will, so muß man erst erleichterte Uebergangsbestimmungen schaffen. Aber Eile tut not. Denn der Kampf aller gegen alle wirkt sich sehr unschön aus. Kürzlich wählte ein ländlicher Verein zwischen zwei Bewerbern; einer, ein durchaus gediegener Chorleiter, suchte mit guter und zugleich volkstümlicher Literatur und Erziehung zu guter, d. h. in unseren Gegenden gemäßigter Stimmbildung den etwas verwahrlosten Verein zu heben, der andere übte ein Kitschwerk ein, das von Rechts wegen verboten sein sollte, ließ die Leute brüllen, soviel sie wollten, und wurde natürlich dem ersteren vorgezogen.
polizeiberichi.
Fe st genommen und in Untersuchungshaft gebracht wurde am Mittwoch der 46jährige, vielfach vorbestrafte Eugen Passauer aus Reutlingen. Passauer hatte vor einigen Tagen einem Arbeitskollegen, mit dem er zusam- men in Oberwetz bei Wetzlar in Arbeit stand, einen Betrag von 80 RM. unter erschwerenden Umständen entwendet und war flüchtig gegangen. Als er am Dienstag abend mit dem Zuge von Wetzlar hier ankam, erfolgte seine Festnahme durch die hie- sige Polizei. Passauer ist ein unverbesserlicher Rechtsbrecher. Nach seinen eigenen Angaben yat er bereits über 20 Jahre hinter Zuchthaus- und Gefängnismauern zugebracht. Daß er sein altes „Handwerk" fortsetzen wollte, bewiesen die zahlreichen bei ihm vorgefundenen falschen Schlüssel und Dietriche.
Sichergestellte Fahrräder: Bei der hiesigen Kniminalpolizeistelle sind folgende Fahrräder, die offenbar aus Diebstählen herrühren, fichergestellt: A) Herrenfahrräder, Marke „Rixe", Corona, Aria, Wanderer, Jrrni, Kaiser, Adler, Gilde und Brentano. B) Damenfahrräder, Marke Westfalenstolz, Göricke, Sigurd, Stadion, Blitz,
Ideal, Torpedo sowie drei weitere Damenfahrräder ohne Fabrikmarke. Personen, die Eigentums- rechte geltend machen können, wollen die Räder bei der Kriminalpolizeistelle täglich in der Zeit zwischen 12 und 15 Uhr ansehen.
Diebstähle: In der Nacht aum Mittwoch wurden an der Strahenbaustelle in der Plockstraße vier neue Sturmlaternen entwendet, desgleichen aus einem Hofe der Bahnhofstraße ein zweirädriger Drückkarren. Ferner wurden am 15. d. M. in den Nachmittagsstunden von einer Schaubude am Os- waldsgarten acht neu gehobelte Bretter, 3 m lang und 12 cm breit, sowie zwei Bund Dachlatten entwendet. Personen, die zweckdienliche Angaben machen können, wollen sich mit der Kriminalpolizeistelle in Verbindung setzen.
AG.-Lehrerbund, Gießen.
Fachschaft 2.
In der Bezirksversammlung vom Mittwoch hielt Studienrat Krämer einen Vortrag über Hördt, „Der Durchbruch der Volksheit und die Schule", dem wir folgendes entnehmen:
Der zweite Teil von Hördts Schrift „Der Durchbruch der Volkheit und die Schule" macht uns in der Hauptsache mit seinen staatspolitischen Erziehungsgedanken bekannt. In der Scheidung von Idee und Wirklichkeit, von Idealismus und Materialismus liegt der Fehler früherer Zeit. Der Begriff der Wirklichkeit bekommt für uns eine außerordentliche Bedeutung. Kein wirklichkeitsfremdes, sondern wirklichkeitsverbundenes Denken muß in Politik und Erziehung gefordert werden. Eine neue Zeit bringt ein neues Bild des Menschen in Staat und Wirtschaft, in Wissenschaft und Kunst mit sich, das Streben nach Ganzheit, nach Einordnung des
verlorenen Einzelseins in einen übergreifenden Zu- sammenbaug. Es gilt von der idealistischen und materialistischen Zerspaltung loszukommen und zur Einheit des Existenziellen, das Dingliches und Geistiges in gleicher Weise umfaßt, zu gelangen. Die höhere organische Ganzheit ist unser Volk, dessen Gliedschaft uns überhaupt erst unser körperliches und geistiges Sein verleiht. Die Schule wird mit ihrer Erziehung nur wirksam sein, wo sie Ausdruck eines ganzheitlichen Geistes und Willens ist, wenn sie lehrt und lebt, was Geist und Inhalt der Lebensganzyeit ist.
Die Weimarer Verfassung, ihre Regierung und die Parteien mit ihren Gebrechen und egoistischen Zielen, die auch Erziehung, Schule und Kultur ergriffen, werden scharf kritisiert. Eingennutz und Wohlergehen des Einzel-Jchs und der Parteien standen im Vordergrund, Pflichtbewußtsein und Verantwortungsgefühl, Gemeingeist und umgreifende Ganzheit galten ihm nebensächlich. Elterngruppen und Konfessionen beeinflußten Einrichtung, Inhalt und Haltung der einzelnen Schulen gegenüber dem Staate zu stark.
Mit der Revolution und dem Umbruch der geistigen sozialen und politischen Wirklichkeit muß sich auch Erziehung, Schule und Bildung ändern. Die derzeitige Erziehungswissenschaft will als Seins- Wissenschaft alles erzieherische Geschehen erfassen, will vom Volk ausgehen, aus das alles zurückweist. Das Erziehungsproblem kann ohne Staatsproblem gar nicht mehr richtig und wirkungsvoll aufgefaßt werden. Troß Aufspaltung nach Schulstufen und Ausbildungsrichtungen erhält die Schule die einheitliche Idee als wirkliche Volksschule, die etwas anderes, Lebendigeres ist als die frühere Einheitsschule. Lehrziel, Lehrinhalt und Schulaufbau stehen
unter dem Gebot der in der Volkheit Gestalt gewordenen Ganzheit. Einordnung aller gewachsenen Teilorgane und lebenskräftiger Glieder m das Ganze mit Berücksichtigung ihrer der Ganzheit dienenden Eigenrechte und Besonderheiten sind zu erstreben und zu bejahen. Die Idee der Einheit und Ganzheit muß unbedingt dem Lebensrecht der Teile übergeordnet werden. Mit der vollen Durchsetzung der völkischen Einheit und Ganzheit sind auch Schule und Erziehung Wege und Ziel- punkte gegeben, womit sie der Rettung von Volk und Staat, der Rottung Deutschlands dient.
VHE. Gießen.
Trotz des unbeständigen Wetters hatten fick; am Sonntag 50 Wanderer um 6.30 Uhr am Bahnhof eingefunden. Nach Bahnfahrt bis Butzbach besichtigten wir dort das im 16. Jahrhundert erbaute Solmser Schloß, das jetzt als Amtsgericht benutzt wird, den Marktplatz mit dem Rathaus und den übrigen schönen alten Fachwerkhäusern, die Stadtbefestigungen mit den zum Teil noch erhaltenen Wehrgängen und den Hexenturm, wanderten an der früheren Brauerei Melchior vorbei durch die Stadtanlagen am Walde entlang und dann mit dem schwarzen T, dem Zeichen des Taunushöhenwegs von Butzbach bis Caub, durch prächtigen Hochwald mit vielen mächtigen Eichen, kreuzten den Pfahlgraben und kamen durch ein liebliches Wiesentälchen nach Hausen. Don hier führte der Weg bald wieder durch den Wald auf schmalem Pfao bergan zu einem Wegknoten bei Oes und dann zuletzt über die alten Ringwälle zum Haus- berg. Hier frühstückten wir und erfreuten uns an der schönen Aussicht auf die Wetterau und Butzbach mit den umliegenden Dörfern sowie auf die da« hinter liegenden langgestreckten Höhenzüge, die in blaugrauer Ferne, mehr oder weniger verschwommen, dalagen. Bis vor Bodenrod folgten wir dem schwarzen T, dann dem schwarzen Punkt nach dem Jagdhaus Hubertus. In den behaglich erwärmten Räumen des idyllisch gelegenen Forsthauses wurde ausgiebig Mittagsrast gehalten. Von hier ging es anfangs auf der Landstraße durch Münster und an Hochweisel rechts vorbei nach Ostheim. Da es bis zur Abfahrt des Zuges noch lange Zeit war, kam bald die gemütlichste Stimmung auf. Es wurde gesungen und getanzt, während draußen ein starker Regen niederging, der uns während der Wanderung wiederholt gedroht, jedoch verschont hatte.
Wanderung zum Oünsberg.
Vom Verein „Wandervogel Höhenflug" wird uns berichtet:
„Heute wolln wir unser Ränzlein schnüren, laden Lust und Frohsinn mit hinein ..." So lautete am vergangenen Sonntag die Losung des Vereins Wandervogel Höhenflug Gießen, obwohl der Himmel eins sehr ernste Miene zeigte. Alt und jung fand sich pünktlich am Treffpunkt ein und so marschierten wir — wie man uns berichtet — zuerst nach Krofdorf. Nachdem wir uns hier für den Weitermarsch gestärkt hatten, ging es weiter in der Richtung Fellingshausen. Links grüßten Gleiberg und Vetzberg, rechts bot der Wald in seinem Herbstgewande ein herrlicher Anblick. Vor uns lag unser Wanderziel, der Dünsberg. Er wollte sich jedoch noch nicht in seiner ganzen Größe zeigen, sondern versteckte sich hinter vorüberziehenden Nebelschwaden. Bei aller Freude und Begeisterung über die Schönheit des Herbstes wurden wir gar nicht gewahr, dog sich über uns eine Regenwolke breit gemacht hatte. Jedoch als diese begann, sich auszutoben, bot uns der Wald den nötigen <5d)ut}. Nach kurzer Zeit ging es weiter und bald zogen wir durch Fellingshausen. Dann begann der Aufstieg. Nach etwa einer Stunde hatten wir das Ziel erreicht.
Der Vater vom Dünsbergturm hatte bereits für einen warmen Raum gesorgt und ohne Verzögerung ging es an das Kochen des Eintopfgerichtes. Die Wanderschwestern besorgten dies sehr gewissenhaft. Die Anderen vertrieben sich mit Gesang und fröhlicher Unterhaltung die Zeit, bis zum Essen gerufen
auch ein Grund da, den alten Herrn zu versöhnen. Er hat immer gern gewollt, daß Udo sich mit der Tochter eines Landwirts verheiratet."
„Meinen Sie wirklich, daß er es tun wird?" fragte sie mit glitzernden Augen.
„Er hat sich in Berlin so gut wie verlobt. Mit einem netten, jungen Geschöpf, das in seiner Frohlaune zu ihm paßt."
„9a — ja? Dann muß man ihm also Glück wünschen."
Die Baronin rauschte hoch aufgerichtet davon, und Arndt von Berken sah ihr lächelnd nach.
Aha! dachte er, für Gisela Lothar Rühlhammer und für Ehrenfrieda den lustigen Udo! Ein Bild, das einen wild machen könnte. Nun, sie hat es ja nun wohl endlich gemerkt, die fürsorgliche Dame, daß ihre Bemühungen vergeblich sind.
Herr Dirksen hatte einen holländischen Meister gekauft: „Tulpenfelder". Es war eine erstklassige Sache. Er hatte vorhin Arndt von Berken davon erzählt. Der hatte irgendwie im Gedächtnis, daß in einem der unbenützten Zimmer auch noch ein alter holländischer Meister hinge. Wenn er sich recht erinnerte, roar’s auch ein Blumengemälde. & wollte sowieso mal auf ein paar Minuten hinaus. Und da konnte er ja gleich einmal sehen, ob seine Vermutung stimmte. Einer der Diener konnte das Gemälde dann in sein Arbeitszimmer hinüberbringen, und er, Arndt, konnte Den alten Herrn Dirksen mal mit hinübernehmen.
Unbemerkt verließ Arndt den großen Gartenfaal, wo man tarnte und fröhlich war, und wo die Baronin Gleiberg ihrer Enttäuschung freien Lauf ließ.
Arndt ging in das Zimmer, das nicht bewogt wurde und von dem er wußte, daß hier einige gute Gemälde hingen, unter denen er den Holländer vermutete.
Aber er war sehr enttäuscht. Das elektrische Licht funktionierte nicht. Er stand plötzlich im Dunkeln, tappte sich zur Tür zurück. Der Mond schien hell ins Zimmer. Das war gut. Und wie von irgend etwas angezogen, schritt Arndt noch einmal quer durchs Zimmer bis zum Fenster hin. Draußen lief die alte geschnitzte Holzgalerie am Schlosse hin. Es kam wohl höchstens einmal der alte Kastellan hierher, weil ihm die Reinigung der unbewohnten Zimmer oblag.
Der Mond beschien ganz hell die schmale Holz- galerie. Und da sah Arndt von Berken eine schmale Gestalt an dieser Galerie, an der Brüstung sah er diese Gestalt lehnen. Das Holz war vielleicht morsch. Es hätte längst untersucht werden müssen. Aber es kam ja eben nie jemand hierher. Nie kam jemand außer dem Kastellan, und der wußte am besten, daß er sich nicht gegen das Geländer zu lehnen hatte. Denn der war ja schon weit über achtzig Jahre alt und war als junger Bursche nach Schloß Berkenhofen gekommen.
(Fortsetzung folgt!)
SMlWMM.
Vornan von Gert Nothberg. Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Derlag, Halle (S.). 18. Fortsetzung. Nachdruckverboten!
„Was hab' ich denn gemacht? Das ist doch auch vollkommen unverständlich, wenn einer sich so dumm anstellt. Nimmt sich das schöne kleine Dlondköpfchen mit nach Berkenhofen, und nun — nee —, ich bin baju zu dumm, um das begreifen zu können." —„Dir wär' das sicher nicht passiert, mein lieber Udo!"
„Nee! Nie!"
„Menschen sind verschieden."
„Das weih ich seit langem. Aber mit dem Mä° derl — sag' mal —"
„Wollen wir nicht lieber davon aufhören? Sie ist hier, bleibt hier, und für m'eine etwaigen leichtsinnig reranlaaten Gäste hat sie nicht da zu sein. So liegt die Sache!"
„Leichtsinnig veranlagt? Damit meinst du sicher- lich mich! So ein Unrecht mir anzutun! Wo es in Berlin keinen solideren Menschen mehr geben kann wie mich. Bis zu meiner Hochzeit hab' ich allerdings noch viele Besuche zu machen. Ich muß doch auf- raumen — nicht wahr? — aber meiner Frau bin ich dann treu, ich schwör' dir das!"
„Gut so! Räume aber schnell auf. Deine Schmie- germutter könnte auf den Gedanken kommen, dir mal ein bißchen nachspionieren zu lassen. Für wenige Mark erhält man einen wunderschönen Le- benslauf über jede Stunde des armen Opfers."
„Mußt du mir denn alles verekeln? Ich tue doch nichts?^ tat der andere schwer beleidigt.
„Können wir zu Brigitte gehen? Sie wartet sicherlich schon mit dem Abendbrot. Du bist nämlich ihr einziger Geburtstagsgast, den sie bereits für heute gebeten hat."
„Das muß ich noch extra gutmachen. Also gehen wir. Wir können doch deine liebe, verehrte Schwester nicht noch länger warten lassen. Obendrein yabe ich mächtigen Hunger. Ich roch so etwas wie gebratene Hühnchen. Die esse ich doch so gern "
„Aus diesem Grunde wird's wohl auch so etwas geben."
Sie langten dann bei Brigitte an, die heute in einem dunkelblauen Kleide ein bißchen netter aus- sah als sonst. Sie wartete tatsächlich schon mit dem Essen. Und dann spähte Udo umher, ob er nicht etwas von dem Blondchen sehen könne.
Nichts!
Na, dann morgen! Ihr würde er bestimmt ein bißchen auf den Zahn fühlen. Sie würde sich schon verraten, die kleine Dame.
Was verraten?
Arndt hatte gesagt, daß er dem Mädchen fern» stand — er hatte ihm zu glauben. Aber, du lieber Gott, kaum zu glauben war's!
Nach dem Abendbrot sah man gemütlich beisammen.
Und dann spielte Udo von Bodenstein noch ein wenig Klavier und fang dazu. Das war auch sehr hübsch und unterhaltend. Das hatte er schon öfter hier getan und in anderen Gesellschaften auch. Brigitte horte ihn sehr gern, und sie freute sich, daß er yeute wieder Leben und Frohsinn mitgebracht hatte.
Später verabschiedete sie sich von den beiden Herren.
„Ich bin früh die erste. Da muß ich natürlich abends nicht gerade die letzte sein — nicht wahr?^ sagte sie launig.
Sie nickte den Herren zu und verschwand.
Die beiden Herren machten noch einen Rundgang durch den Park, und oben am Fenster ihres Zimmers in dem großen Seitenflügel des Schlosses stand Käthe Randolf. Sie sah die Zigarren der Herren wie leuchtende Käfer in der Dunkelheit sich bewegen. Und als einmal der eine der Herren ein Streichholz aufflammen ließ, sah sie hell beleuchtet Arndt von Berkens Gesicht.
Da ging Käthe ins Zimmer zurück, setzte sich in der Dunkelheit auf ihr Bett und weinte.
*
Der andere Tag war sonnig und noch kalt. Die Gäste kamen und brachten alle gute Laune mit. Aber dann kam doch ein Wermutstropfen in die Feststimmung. Frau Baronin Gleiberg mit ihren Töchtern schneite herein, und süßsauer sagte sie, daß sie der lieben Brigitte von Berken doch noch schnell einen herzlichen Glückwunsch aufsagen möchten. Sie müßten aber noch weiter — Einkäufe machen. Die Damen trugen aber alle drei Ballkleider, und Brigitte bat sie mit einem resignierten Lächeln, doch dazubleiben. Die Damen wollten nicht und wollten nicht — und dann saßen sie doch mit an der Fest- täfel. Und die Baronin war froh, den Streich gewagt zu haben. Udo von Bodenstein war da! Dann der schöne Berken selber! Die Rühlhammers hatten ihre zwei Söhne auch mitgebracht. Den einen hatte sie gern für Gisela haben wollen. Nun war der bis heute ledig geblieben — und man konnte nicht wissen. So klappte es jedenfalls nicht gleich wieder.
Die Stimmung war sehr gut. Hanna Dirksen hatte ein ergebenes Lächeln um den Mund und saß nach der Tafel neben den Baronessen Gleiberg, die über sie herfielen und durchaus wissen wollten, woher sie das Kleid bezogen habe, das sie an hatte.
Hanna lächelte.
Das Kleid? Selber habe ich es mir geschneidert." „Hanna, machen Sie doch nicht solche Scherze. Das ist ein Kleid von Madame Lertou oder von Tav er Lindenbegg."
„Ich habe es tatsächlich selber geschneidert. Mama brachte mir den Seidenrest mit. Er gefiel mir, und
ich erbat mir von Mama die Erlaubnis, mir selbst etwas nähen zu dürfen."
Die Baronessen sagten nichts mehr. Ungläubig lächelnd saßen sie da, und Hanna blickte unbekümmert in das Gewühl der Gäste.
Die Baronessen aber sagten später zu Frau Dotier Weitz:
In Dirksenhöhe müsse es sehr schlecht stehen, die Damen nähten sich ihre Kleider iriver. Und man habe da schon dies und das munlein hören.
Frau Doktor Weitz, eine liebe alte Dame, die sehr viel auf die Dirksens hielt, sagte achselzuckend:
„Wer kann denn das sagen, ob es in Dirksen- höhe schlecht steht ober nicht. Jedenfalls steht so Diel fest, daß es besser wäre, auch andere Damen nähten sich manchmal ihre Kleider selber. Erstens würden sie dann nicht mehr so viel Zeit zum Klatschen haben und sich um anderer Leute Angelegenheiten zu kümmern. Und zweitens wären die Vater und Gatten auch besser daran, denn bann brauchten sie nicht mehr so viel Geld zum Fenster hinaus- zuwerfen. Meinen Sie nicht auch, meine Damen?"
Die Baronessen waren gelb vor Wut, aber sagen durften sie nichts mehr. Die alte Dame sah sie gar so verächtlich an.
Aber sie beschwerten sich nachher bei ihrer Mutter, die es der Brigitte von Berken steckte, was es für ungehobelte Menschen auf ihrem heutigen Geburtstagsfeste gäbe.
Und Brigitte meinte lächelnd, die gäbe es immer und überall. Es frage sich nur, ob man immer die Richtigen herausfinde.
Und Brigitte hatte zu der alten Frau Doktor Weitz hinübergelächelt. Sie hatte die alte Dame nämlich sehr lieb, und die wiederum ging am liebsten nach Berkenhofen, wenn sie wirklich einmal ihr kleines Landhaus verließ und unter Menschen ging.
Udo tanzte hernach wie ein Wahnsinniger mit den beiden Baronessen Gleiberg. Da er keine be- vorzugte, blieb die Angelegenheit ein dummer Witz wofür ihm die Baronin am liebsten eine Ohrfeige verabreicht hätte, denn sie sah ihre Töchter bloß- gestellt. Und man konnte dem Windbeutel doch nicht das Tanzen verbieten, das war das Schlimmste, denn bann hätten Ehrenfrieda und Gisela wohl die meiste Zeit über gesessen. Lothar Rühlhammer, der sich vor Jahren einmal vorübergehend ein bißchen für Gisela interessiert hatte, der tanzte heute gar nicht. Er tat sehr würdig und hatte sich in ein Gespräch mit Herrn Doktor Weitz vertieft. Und man sah es von weitem, daß die beiden vor Schluß des Festes nicht auseinanderkommen würden.
Das war sehr, sehr ärgerlich, und die Baronin pirschte sich an Arndt von Berken heran, fragte:
„Udo Bodenstein ist ein netter Mensch. Hat er sich eigentlich wieder mit seinem Vater ausgesöhnt?"
„Er war nicht mit seinem Vater zerfallen, soviel mir bekannt ist, Frau Baronin. Und jetzt ist ja


