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Nr. 166 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Donnerstag, 19.Zuli 1954

Aus der Provinzialhauptstadt.

Das goldene Priesterjubiläum des Geistlichen Rats, Dekan Bayer. Der Hochwürdige Herr katholische Pfarrer von Gießen, Johannes Baiser, feiert morgen, am 20. Juli, sein goldenes Priesterjubiläum; am nächsten Sonntag, den 22. Juli, findet die äußere Feier statt. Mittelpunkt eines Festes zu sein, ist gar nicht nach dem Geschmacke dieses schlichten Dolks- priesters. Aber seinen Pfarrkindern darf er die Freude nicht oexbieten, und auch nicht seinen vie­len Freunden, die wissend, daß.man erweise Ehre, wem Ehre gebührt, zwar keinen bestellten Lorbeer­kranz dem Dekan, Geistlichen Rat und Ehrendom­herr widmen wollen, die aber ihren Dank einem selbstlosen Priester Gottes doch einmal von Her­zen aussprechen müssen.

Der Sohn der Wetterau, an St. Bardos Wiege in Oppershofen am 18. 8. 1860 geboren, hat feine priesterliche Erziehung in Eichstätt gefunden, da während der Kulturkampfjahre das Mainzer Prie­sterseminar geschlossen war. Darmstadt, St. Lud­wig, war seine erste Stelle (13. 10. 1884). Später wirkte er als Kaplan an St. Ignaz in Mainz, dann wieder in Darmstadt, St. Ludwig; als Pfarrver- walter vom 16. 9. 1891 an. Nach Gießen zog er am 20. 11. 1891 als Pfarrverwalter und bekam am 15. 1. 1892 die Pfarrei übertragen. Wenn wir hören, daß er am 20. 9. 1898 Dekan, am 15. 1. 1917 Geistlicher Rat und am 25. 12. 1930 Ehren­domherr wurde, so deuten diese Daten schon an, daß hier ein reiches, fünfzigjähriges Arbeiten im Weinberg des Herrn vorliegt.

Die Gießener Katholiken begehen das goldene Jubelfest des Priestergreises in bescheidenem Rah­men durch ein Triduum und einen einfachen Fest­akt am Nachmittag. Die größten Verdienste eines Priesters sind ja seine verborgenen Leistungen, die Gott allein weiß. Die äußeren Früchte eines Priesterlebens soll man würdigen, weil sie ein Zei­chen der Fruchtbarkeit der Kirche sind.

Die neue Pfarrkirche in Gießen ist Bayers Werk, auch das neue Pfarrhaus sowie die Erweiterung des Krankenhauses. Außer in der regelmäßigen Seelsorge war der Jubilar auch jahrelang tätig im Gefängnis, in der Klinik, im Lyzeum, in der Mili­tär- und Studentenseelsorge, in katholischer Ver­einsarbeit. Die schmucken Missionshäuser in Lich und Hungen mit ihren Kapellen verdanken ihr Da­sein der umsichtigen Diasporaarbeit des Gießener Pfarrers. Auch in Grünberg, Laubach und Lollar verschaffte er den zerstreuten Katholiken den regel­mäßigen Gottesdienst. In der oberhessischen Dia­spora wird kaum eine katholische Station sein, die Bayer nicht kennt. Sein Eifer führte ihn überall hin, wohin ihn katholische Liebe rief. Gebe Gott, daß es ihm noch gelingt, wie er wünscht, die katholische Pfarrkirche der Universitätsstadt vollstän­dig auszubauen.

Bayer, der zähe Sohn der oberhessischen Scholle, ist ein geeigneter Seelsorger für Land und Leute, die er von Kindheit an kennt. Es ist bewunderns­wert, wie der kirchentreue Priester sofort die kirch­lichen Belange erkannte und ihnen musterhaft zu ihrer Erfüllung verhalf. Die jungen Akademiker, die er einst gern betreut hat, werden jetzt als ge­reifte Männer Bayer noch besser verstehen und ihm danken. Seine ehemaligen Kapläne verdanken dem praktischen Sinn, dem vorbildlichen Leben ihres ehemaligen frommen Pfarrers eine Schulung, die für sie ein fortwährender, sicherer Wegweiser bleiben wird. Sah vielleicht einer in ihm beim ersten Moment nur den korrekten Verstandesmen­schen, dann mußte er bald auch in ihm das väter­liche Herz bemerken.

Ein Grundsatz der Diasporaarbeit Bayers gehört betont zu werden. Sein Streben ging dahin, die Katholiken seiner Diaspora zur Selbständigkeit zu erziehen. Gewiß, der Bonifatiusverein hat ihm dankenswert geholfen. Aber der Pfarrer von Gie­ßen drang auch darauf, daß feine Schäflein selbst

opferten und sich nicht nur auf fremde Hilfe ver­ließen.

50 Jahre Priester und Diasporapionier in Treue, Liebe und Eifer ein goldreiches Leben!

Gold stammt aus Erdentiefen, Gold liest man am Meeresstrand, Gold muß im Feuer glühen, Dann gilt es von Land zu Land. Aus herzenstiefer Liebe, Aus Lebens Arbeitsmeer, Aus Schmerzes Flammengluten Stammt auch dein Goldkranz her.

Ein solches Gold leuchtet köstlich an einem gol­denen Priesterkranze. Ein solches Gold rostet nicht. Ein solches Gold erwirbt verdienten Dank auf Er­den und Gottes ewigen Lohn. Gott segne den Jubelpriester!

NEOAp. - Amt für Volkswohlfahrt.

kreisamlsleilung Gießen.

An sämtliche Ortsgruppen- und Stühpunktamtsleiter der NS.-Volkswohlfahrt des Kreises Gießen.

Es sind mehrere eilende Sachen, die der dringen­den Erledigung bedürfen, abzuholen. Wir ersuchen deshalb jemanden zwecks Abholung dieser Sachen, zu uns, Löberstraße 9, entsenden zu wollen.

NS -GemeiNsckaftAraftdurchZreui>e"

Kreis Gießen.

Die NS.-GemeinschaftKraft durch Freude" ver­anstaltet am Sonntag, 22. Juli, eine zweite Rhein­fahrt. Abfahrt des Zuges ab Gießen 7.59 Uhr, An­kunft in Mainz-Kastel 9.59, Abfahrt des Dampfers 10.30, Ankunft in Koblenz gegen 17, Abfahrt in Koblenz (Hbhf.) 19.28, Ankunft in Gießen 21.30 Uhr.

Die Fahrkarten können ab heute auf unserer Ge­schäftsstelle, Schanzenstraße, abgeholt werden. Die­jenigen, die die Karten noch nicht bezahlt haben, müssen dies sofort nachholen. Diejenigen Karten, die am Freitagabend nicht aügeholt sind, werden am Samstag anderweitig verkauft.

Tagung des Sozialen Amtes des Gebietes Hessen-Nassau.

Das Gaupresseamt berichtet: In den letzten Wo­chen fanden seitens des Sozialamtes fast Sonntag für Sonntag in den einzelnen Oberbannen Tagun­gen statt, zu denen sämtliche Leiter der Abtei­lung III (Sozialamt) der Banne, die Sozialreferen­ten der Jungbanne, der Unterbanne und Stämme, die Sozialreferentinnen der Untergaue und Ringe des BdM., sowie die Reichsreferenten der Banne zugegen waren. Um eine einheitliche Aufbauarbeit zu erreichen und die Gewähr dafür zu erhalten, daß die Fragen des Sozialen Amts innerhalb der Hitler-Jugend, des BdM. und des Jungvolks gleich­mäßig in Angriff genommen werden, wurden am Sonntag, 15. Juli, die Leiter der Abteilung III, die Aerzte und die Rechtsreferenten sämtlicher Banne des Gebiets Hessen-Nassau zu einer Tagung tm Sitzungssaal der Gebietsführung zusammengerufen. Da sie die Verantwortung tragen für die Arbeit der HI., des Jungvolks und des BdM. in den un­teren Einheiten, wurde mit ihnen die gesamte Ar­beit des Sozialen Amtes besprochen, um die bis jetzt erreichten Erfolge noch wesentlich zu steigern. Sämtliche Referenten des Gebietes waren anwe­send, so daß alle offenen Fragen beantwortet wer­den konnten. Am Nachmittag erschien auch der Lei­ter des Sozialen Amts des Obergebietes West und erläuterte, in seinem Vortrag neue Aufgabengebiete der sozialen Arbeit. Die Tagung, die von 10 bis 18 Uhr dauerte, gab den über 60 Teilnehmern wert­volle Anregungen und genaue Richtlinien.

Die Behörden der Evangelischen Landeskirche Nassau-Hessen.

ELP. Seit dem 1. Juli 1934 ist die Verwaltung der Evangelischen Landeskirche Nassau-Hessen fol­gendermaßen geordnet:

An der Spitze der Evangelischen Landeskirche

Nassau-Hessen steht der dem Reichsbischof unterstellte Landesbischof. Dem Landesbifchof treten die beiden geistlichen Oberlandeskirchenräte beratend zur Seite. Sie sind auch seine Stellvertreter in geistlichen An­gelegenheiten. Der Stellvertreter des Landesbischofs in Rechtsangelegenheiten ist der Leiter der Landes­kirchenkanzlei. Zur Landeskirchenkanzlei gehören: der Leiter der Landeskirchenkanzlei (Amtsbezeich- nuna: Präsident der Landeskirchenkanzlei), fein Stellvertreter, der zugleich der Leiter des Finanz­wesens ist (Amtsbezeichnung: Oberlandeskirchenrat), das Hauptbüro und die als Verwaltungsstellen auf­rechterhaltenen bisherigen Landeskirchenämter in Darmstadt und Wiesbaden. Der Landesbischof, die geistlichen Oberlandeskirchenräte, der Leiter der Lan­deskirchenkanzlei und fein Stellvertreter als Leiter des Finanzwesens bilden die Hauptverwaltung. Sie hat ihren vorläufigen Sitz in Darmstadt.

Errichtung eines Landespresiepfarr- amtes.

ELP. Mit dem 15. Juli 1934 hat der Landes- bifchof der Landeskirche Naffau-Heffen ein Lan - despreffepfarramt mit dem Sitz in der Landeskirchenkanzlei zu Darmstadt, Mackensenstr. 40 errichtet. Mit der Versetzung dieses Amtes ist unter der Dienstbezeichnungkommissarischer Lan- despressepfarrer" der bisherige Pfarrverwalter Rudolf Scheuer zu Mainz beauftragt worden. Der Landespressepfarrer hat die Arbeit des Evange­lischen Preßverbandes für Hessen übernommen, der sich am 16. Juli aufgelöst hat. Amtliche Nachrichten über das kirchliche Leben in der Evang. Landes­kirche Nassau-Hessen werden nur noch von dem Landespressepfarrer h^rausgegeben.

(Landespressepfarrer Scheuer ist ein gebo­rener Gießener, Sohn des hiesigen Postinspek­tors Georg Scheuer. D. Red.)

Schmückt die Häuser zum 146er-Taa!

Der Festausschuß zum vierten 116er-Tag richtet im heutigen Anzeigenteil die Bitte an unsere Ein­wohnerschaft, zum bevorstehenden 116er-Tag die Häuser fe st lich zu schmücken und zu beflaggen. Ferner bittet der Empfangsausschuß um Blumenspenden, damit er zum Empfang der auswärtigen Kameraden einen würdigen Blu­menschmuck bereiten kann. Unsere Mitbürger seien auf die heutigen Anzeigen besonders hingewiesen, in der Erwartung, daß sie dem Rufe der alten 116er reichlich Folge leisten werden.

Bon der Reichspreffekammer.

In Ergänzung meiner Anordnung über die An­meldepflicht zur Fachschaft des deutschen Zeitungs­und Zeitschriften-Einzelhandels bestimme ich auf Grund des § 4 der 1. Verordnung zur Durchfüh­rung des Reichskulturkammergesetzes vom 1. No­vember 1933 (RGBl. I Seite 797 ff.) in Verbin­dung mit der 2. Verordnung zur Durchführung des Reichskulturkammergesetzes vom 9. November 1933 (RGBl. I Seite 969) folgendes:

Bis zum 31. Juli 1 9 3 4 haben sich alle Per­sonen und Firmen, die den Einzelhandel mit Zeitschriften und Zeitungen be­treiben, bei der Fachschaft des deutschen Zeitungs­und Zeitschriften-Einzelhandels, Frankfurt a. M., Bürgerstraße 9 bis 11, als Mitglieder anzumel­den. Diese Anmeldepflicht umfaßt nicht nur die Inhaber von Kiosken und sonstigen festen Stand­plätzen, sondern auch alle ambulanten Zeitungs­und Zeitschriften-Einzelhändler, sofern diese nicht in einem festen Anstellungsverhältnis stehen.

Ich weiße darauf hin, daß die Mitglied­schaft bei der Fachschaft des deutschen Zeitungs- unb Zeitschriften-Einzelhandels Voraussetzung für d i e weitere Berufstätigkeit ist.

Fähnlein Goien im Weiikamps.

Nur -gut, daß so nahe bei Gießen das ideale Jungengelände eines verlassenen Bergwerks auf­zufinden ist. Und noch besser ist, daß gute Herzen Einsehen haben, daß diese steilen Hänge, die Löcher und ertrunkenen Stollen gar nicht schöner beiein­ander zu denken sein könnten für Jungenspiele und die deshalb das Betreten zu besonderen Kampf­tagen und unter besonderer Sicherung gestatten.

Das Gießener Fähnlein Goten hatte dieser Tage einen schwierigen Wettkampf veranstaltet, der eine außerordentliche Vielseitigkeit zeigte. Sieben Jun- genschaften hatten ihre vier besten Wettkämpfer ausgewählt, die sich in einem Neunkampf zu messen hatten. Irgendwo waren die verschiedenen Gruppen im Gelände, getrennt voneinader, aufgestellt und wurden dann in bestimmten Zeitabftänden zum Kampf gestartet. Mit einem schwer bepackten Affen auf dem Rücken begann dann das Rennen.

Zunächst galt es in kürzester Zeit an einem steilen Abhang eine Kochstelle zu schaffen. Bei allen Stationen wurden die Geschwindigkeit, das Gesamtoerhalten und die Leistung gewertet. Tadel­los ausgerichtet lagen stets die Tornister neben den Kampfstellen. Mit größtem Wetteifer und in guter Zusammenarbeit bauten jeweils die vier Jungens an ihrer Kochstelle. Da galt es ein Feuerloch, ein Loch für den Topf und ein Abzugsloch zu graben. Jede Mannschaft hatte, trotz der geringen Mög­lichkeiten etwas Besonderes zu zeigen, bei dieser gestellten Aufgabe, eigene Patente und neueKon- ftruftionsgebanfen", die dann auch besonders be­wertet wurden.

Nachdem die Spaten wieder in Ordnung waren, ging es zur Wink- und M o r f e ft a t i o n. An einer der höchsten Stellen hoben sich die Juligen- geftalten gut ab, die in raschem Tempo Meldungen durchgaben und zwar auf zwei Möglichkeiten der Zeichenverständigung. Viel Mühe steckt hinter dieser Winkerei, die hier so glatt- von statten ging. Jeder Buchstabe will gelernt sein, kein Zeichen darf über­gangen werden, da sonst jehr leicht der Sinn der Meldung entstellt werden könnte.__________________

Als auch diese Forderung erfüllt war, ging es rasch einen der Hänge hinunter. Auf der andern Seite wurde das A n s ch l e i ch e n gezeigt. Muster­gültig ruhig und unter bester Ausnutzung des Ge­ländes ging es empor bis zur Stelle, wo man seine Kunst im Knoten und Schlingen der Kor- d e l beweisen konnte. Es sind dies alles pur kleine Handfertigkeiten, die jeder Junge wissen mutz, weil er sie stets braucht, aber alle die Kleinigkeiten wollen geduldig geübt sein. Dann folgte der Zeltbau. Die Aufgabe lautete, ein Dreierzelt in kürzester Zeit zu erstellen. Jede Gruppe baut anders, schön, fehler­haft, die Nähte nach oben, den Eingang in die Windrichtung, richtig ober falsch geknöpft; aber jedenfalls ist es doch so, daß keine Gruppe länger als fünf Minuten brauchte, um ein beziehbares Zelt aufzustellen. Rasch wurde der Bau wieder ein­gerissen, die Geräte wurden ordentlich hingelegt, die Zeltplane schön gefaltet und dann begann der sportliche Teil der Kämpfe.

Keulenziel-, Weitwurf und Speer­weitwurf wurden als erste Leistung verlangt. Danach galt es eine der ertrunkenen Grube zu durchschwimmen, an einer steilen Wand emporzu­klettern und als Schlußleistung ein Stück Rad zu fahren.

Es wurde viel verlangt. Aber es war so, daß es jeder erreichen konnte, wie es sich ja auch er­gab. An jeder Station war ein Schiedsrichter auf­gestellt, der die Leistung nach Punkten bewertete. Friedel E i d m a n n , der Führer des Fähnleins, war ständig unterwegs. Hier bremste er, dort feuerte er an, überall gab er acht, daß die Bestim­mungen nicht übertreten wurden und daß den Jungen nichts geschehen konnte.

Ein ganz neuartiger Wettstreit innerhalb einer Einheit wurde somit begonnen, der eine Steigerung in der Leistung der einzelnen Jungenhaften und Jungzüge mit sich brachte. Der Wettkampf mag wohl auch deshalb mit ganz besonderem Eifer und mit neuer Hingabe getragen gewesen sein, weil er schon in der seligen Unbekümmertheit der beginnen­den langen Sommerferien abgehalten wurde. P.

Ein Bauer erzählt.

XSon Albert Bauer

Die Reichsschrifttumsstelle hat Albert Bauers WerkDas Feld unserer Ehre" in denSechs Büchern des Mo­nats" im Juli herausgestellt. Hier ist ein Lebensbild des Dichters, von ihm selbst er­zählt.

Am 2. Oktober 1890 soll ich in dem kleinen Dörfchen Raversbeuren zum erstenmal in die große Hunsrücker Bauernstube geschrien und es später in dieser Beschäftigung sogar zur Meisterschaft ge­bracht haben.

Manchmal ist es mir aber, als hätten sich meine Eltern gewißlich um zehn Jahre vertan, und mein alter Vater glaubt es wohl halb und halb auch, denn er sagt noch heut ab und-zu, ich hätte wenig oder keinen Verstand, stimmte die Jahreszahl, müßte er vor paar Wochen mit großem Gebraus eingezogen fein.

Meine Vorfahren waren, soweit man von ihnen weiß, Hunsrücker Bauern,reiche" Bauern so­gar, allerdings nur nach Hunsrücker Maß. Aber derrichtige" Bauern- und Reicher-MaiMis-Ver- ftand fehlte ihnen wohl doch. Bei der Wahl ihrer Frauen wogen sie nicht, wie es meistens der Fall ist, zuerst in der Hauptsache Aecker- und Wiesen­lappen gegeneinander ab, und die Zahl der Erb­teile verkleinerte den Besitz mehr, als fleißige Hände beischaffen konnten. So kam es, daß ich in einem richtigen, mittelgroßen Bauernanwesen auf­wuchs, Arbeit und Brot genug für die eigenen Kräfte, keinen Zwang, in der Fremde Unterhalt suchen zu müssen, kein Ueberfluß, auch kein Darben.

Etliche Wochen vor meiner Schulaufnahme strich ich schon um das Gebäude, und eines Tages hatte der Lehrer Einsicht, ließ mich mit hinein, schenkte mir, es steht frisch in der Erinnerung, als sei es gestern gewesen, eine leere Kreideschachtel und einen halben Griffel. Aber in den späteren acht Schuljahren noch vieles mehr. Wenn ich Menschen nenne, denen ich Dank schulde, die mir Rüstzeug mitgaben fürs Leben, mutz ich meinenSchulmei­ster" immer mit an erster Stelle setzen. Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie er es fertig brachte, daß von den etwa 60 Kindern, die er zu betreuen hatte keines ohne ein bestimmtes Maß von fest eingeprägtem Wissen fortging. Mit Samthand­schuhen faßte er nicht gerade an, hielt straffe Zucht wie mein Vater daheim auch. Richtige Buben­streiche konnten beide darum doch nicht verhindern.

Die Spielfreude nahmen sie auch nicht hinweg, und meine Mutter hatte oft Ursache, über viele Dreck­spritzer, abgerissene Knöpfe und zahlreiche Risse zu klagen, die sie nach anstrengender Feldarbeit und solcher im Haus und Stall abends, übermüde, wieder in Ordnung bringen mußte. Die Felsen­köpfe inSchach", die Raben- und Habichtnester blieben immer verlockend.

Und unser Speicher. Das war der reine Him­melsgarten für mich. Da lagen alte Bücher und Bücherfetzen. Livingstones Reifen nach Afrika und Franklins nach dem Nordpol, deutsche und fremde Geschichte, Sagen, aus einerGroschenbibliothek' ein dünnes Heftchen in grünem Umschlag: ''M^una von Barnhelm", ein altes Zauber- und Beschwo- rungsbuch. Daß man unfern Herrgott m Periona um Mittsomm^rnacht mit einem Spruch und frisch geschnittener Haselrute usw. herbeizwingen könne, haftet noch halb im Gedächtnis. ßeiber fiel das Buch meinem jugendlich fanatischen Glaubenseifer zum Opfer, es kam ins Feuer.

Auf dem Speicher lebte ich alle Zeitalter mit, machte Weltreisen, die wenig Glückliche erst viel später und umständlicher tun können.

Oder ich saß im Holzschuppen, strich mit einem Span über die Zahnreihe der großen Sage laut leise, berauschte mich an der feinen Melodie Spielmann" tadelte mein Großvater richtigt schelten habe ich ihn nie gehört. Aber seine Flöte schenkte er deshalb, zur Vorsicht, meinem Vetter.

Schulmeisterchen!" sagte bald unser Nachbar in scherzhaftem Ton mit neckender Gebärde, wenn ich an ihm vorbeikam, denn daheim hatten sie mit­einander verabredet, daß ich spater ,,auf die Schul gehen sollte. Das war meinen Wünschen Ersul- fung und machte eifrig im Lernen Jeden Abend hörte der Vater mich ab. Aber als so die Jahre kamen, wurde er krank, lange, ein Jahr und dar- über. Neben der Magd mußte über Sommer ein Ernteknecht eingestellt werden und Tagelöhner. Es war Lebenswende, die ich damals nicht verstand. Bücher und Schule und später weiter lernen das war mein Glaube und Eifer. Niemand sagte ein anderes Wort. Mein Vater war heilfroh, daß (ein Aeltefter aus der Schule ent arten und endlich mithelfen tonnte; mir kam die Erkenntnis und Ent­täuschung. Der Vater gab mir die besten Worte, Erklärungen! das koste em -heil-enge d, frembe Leute halten und studieren und hatte hundert andere Bedenken. Und dann hatte er das auf dem Lande allgemein Derbreitete Mißtrauen die Nähre" ließen einen Bauernjungen doch nie durch, kommen. Er machte mich verschlossen, und mehr

als einmal habe ich damals meine Meisterschaft aus frühester Kindheit gedämpft und im Verbor.- genen ausgeübt.

Aus uralten Wörterbüchern vom Speicher ver­suchte ich lateinisch und französisch zu lernen, hielt hie und da Nachfrage, suchte Rat, tat einen heim­lichen und vergeblichen Gang nach Trarbach ans Gymnasium, plante und gedachte ganz in der Nähe einen Lehrmeister und Vorbereitung zu finden. Vergeblich. Und fand ihn doch, aber auf andere Art. Korn lernte ich schon säen und pflügen, alles, was so Bauernarbeit ist. Inwendig wollten andere Wünsche nicht zur Ruhe kommen.

Da kam etwas ganz Neues hinzu. Früher, als kleiner Schuljunge, stand ich gar oft an Großvaters Schrank, schaute durch die Glasscheiben, hinter denen Bücher standen, ungeheuer viel Bücher, frei­lich auch nach Hunsrücker Maß gemessen. Oft lag ich ihm darum in den Ohren, bettelte und quälte, immer wehrte er ab, hielt den Schrank verschlossen, es wäre noch nichts für mich. Nun war er alt und vergeßlich starb auch bald danach. Dick­leibige Lehrbücher aller Art standen auf den Bret­tern und mitten darunter zierliche kleine Bände: William Shakespeares sämtliche dramatische Werke, Leipzig 1839, Georg Wiegands Verlag. Ein Band fehlte von zwölfem Sie stammten vom Urgroß­vater von Mutters Seite. Nun zehrte ich vom Ver­stand und der Wohlhabenheit meiner Vorfahren. Es trug mir manches Scheltwort ein und zu Recht: ich konnte die Arbeit darüber vergessen.

Hatte ich früher manchmal Worte zusammenge­stoppelt und gereimt, so mühte ich mich, achtzehn­jährig, einDrama" zu schreiben, aanz heimlich, im Winter, wenn alle im Schlaf lagen von elf bis eins ober zwei, in eiskalter Stube. Als mein Vater dahinterkam, es dauerte nicht lange, brauchte ich nicht viel zu reden. Ein Bauer hatte sich um andere Dinge Gedanken zu machen, meinte er, und die aanze Schreiberei würde im Leben nichts Vernünftiges werden. Es machte mich nun vorsichtiger. Aber das Schlimmste kam noch: Meine Schlaf- undArbeitsstube" war im zweiten Stock' werk; von dem unter unserem Haus stehenden Nuß­baum war sie gut zu übersehen. Meinen Kameraden war er nicht zu hoch, und bald danach hatte das Dorf- gespräch einen neuen, dankbaren Stoff und guten Anlaß für mancherlei spitzigen Schlott. Zweifel kamen mir. War es nicht doch vergeudete Zeit? Konnte man schreiben, ohne etwas gelernt zu haben und in mündlicher Aussprache kaum das Hoch­deutsch beherrschte? Und die Dorfmeinung duckte mich gut, und ich duckte mich ihr und wurde zuerst einmal Bauer.

Nur einzelne kleine Sprüche aus jener Zeit er­innern daran, daß doch nicht alles eingeschlafen war. Erst nach dem Kriege regte sich wieder die Lust am Gestalten und Schreiben stärker, aber nicht mehr im Geheimen. Die Dorfmeinung war über­wunden, in zwiefacher Hinsicht.

Ein Bühnenspiel sollte es werden, und ich hatte noch kein Theater von innen gesehen.Judas". Mußte die Römerherrschaft nicht ähnlich wirken wie die fremde Besatzung unserer Heimat? Ent­täuschte Hoffnungen mußten den Judas zum Ver­rat getrieben haben, nicht armselige dreißig Silber­linge.

Zwei Winter gingen darüber hin, voll Unsicher­heit und Zweifel, tastende Versuche, wie bei einem Lehrjungen, der einen Wagen bauen will und nie den tadelnden Meister und Helfer hatte. Auf gut Glück schickte ich die Arbeit an das Stadttheater in Koblenz. Im Sommer kam der damalige Spiel­leiter zu mir und strich gewaltig zusammen, tadelte, wollte vieles geändert haben. Die Erntearbeiten ließen keine Zeit, solchen Dingen nachzuaehen. Für April 1926 war die Uraufführung angesetzt, cs blieb bei der Ansetzung. Lehrjungenarbeit und doch keine vergebliche. Denn durch sie, das war der einzige, aber große Gewinn, wurde ich mit meinem Landsmann Jakob Kneip, der da­mals in Irmenach an seinemHampit" arbeitete, bekannt. In ihm hatte ich endlich einen Menschen gefunden, mit dem ich mich über derlei Dinge aus­sprechen konnte, der aneiferte und als Freund handelte.

. So begann ich denn, durch Kneip ermutigt, mit einer neuen Arbeit, suchte den Stoff aber nicht mehr in der Ferne, sondern daheim, sozusagen hin­ter dem Ofen.

Hunsrücker Schicksale und Geschehen, wie sie in Zwang und Not der kleinen Verhältnisse in jedem Bauernhause einmal Vorkommen können, ließen Das Feld unserer Ehre" werden.

Was nun weiter wird, weiß ich selber nicht. Wohl habe ich eine neue Arbeit unter den Händen, wann sie aber zu Ende geführt wird? Der Vater hat sich damit abgefunden, daß sein Junge halb aus der Art geschlagen ist, sogar mehr, er wird mir manchmal zu neugierig. Die Mutter hat nie etwas dagegen gesagt, aber die Verhältnisse und der Be­ruf lassen leider allzu wenig Zeit übrig. Geschne- benes ist wie ein abgetragenes und abgelegtes Kleid, Ungeschriebenes wie eine Bürde.

Ich weiß nicht das Warum Und tu es, weil ich muß. Es hält die Arbeit mich. Nicht ich das Werk in Fluß.