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lk. HO Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)Dienstag. (Y.Zuni (934

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Die Kieler Tagung des Reichs-Kolonialbundes

Der Vorbeimarsch von Angehörigen der ehemaligen deutschen Schutztruppe mit ihren Fahnen.

mit seiner hübschen und schnittigenSchwalb e",

ker wird, um keinerlei Luftwiderstand zu bieten.

teren 70 Minuten. Nicht anders die zweite Strecke. Von Berlin bis Frankfurt ganze 85 Minuten und

das ganze Fahrgestell Horn Schwestermaschine, die mit u zurücklegt, können wir alsbald dabei beobachten, wie ihr Leib

beln hat. Eine den gleichen Weg nach dem Aufstieg schlank und schlan-

Ulmanis erwiderte auf die Frage, ob der Staats-! die geradezu unglaublich kurze Flugzeiten anzeigen, streich vom 15. Mai irgendwie verglichen werden Abflug um 8 Uhr in Berlin. Ankunft in Hamburg könne mit den Vorgängen in Italien, Deutschland schon 50 Minuten später, Weiterflug um 9 Uhr

An Bord derSchwalb e", im Juni.

Da sitzen wir wieder einmal in einem Flugzeuge der Deutschen Lufthansa. Und doch ist es diesmal

der Universität von Nebraska studierte und dann eine Professur an der gleichen Universität annahm. In seiner ganzen Gestalt stellt Ulmanis eine Mi­schung von einem bodenständigen lettischen Bauern und einem amerikanischen Gelehrten dar

von Frankfurt nach Köln etwas mehr als eine halbe Stunde. Kapitän U n t u ch t hat beide Strecken zusammengezogen, er wird mit uns einen kleinen Deutschlandflug veranstalten, er will uns mit seinerSchwalbe" an die Alster tragen, dann an den Rhein, an den Main und zurück an den Strand der grünen Spree.

Wir merken kaum, mit welcher Geschwindigkeit dieHe. 70" durch die Lüfte rast. Ruhig und ge­lassen sitzt der Kapitän auf seinem Platz, neben ihm sein Bordmonteur, der mit der Außenwelt über die lang nachschleppende Antenne die Ver­bindung aufrechtzuerhalten unh nach dem Start

erhalten, das parlamentarische Vorzeichen mit dem autoritativen vertauschen.

Die deutsche Minderheit wird loyal im Staate des Herrn Ulmanis mitarbeiten. Von der Diktatur ist zu hoffen, daß sie mit der gleichen Loyalität die kulturellen Belange der deutschen Minderheit sichern wird. Ulmanis ist kein Extremist, sein Fanatismus ist ein sehr gemäßigter, den Aus­schlag wird immer seine politische Klugheit geben, und die gebietet, das deutsche Element in seinen Rechten nicht zu schmälern. Außenpolitisch dürfte sich sehr wenig ändern. Innenpolitisch aber ist trotz aller Berufung auf die moderne Form der Demokratie praktisch der Parteien st aat überwunden. Der lettische Faschismus, wenn man davon sprechen kann, ist ein solcher von oben. Und dies ist bei diesem Bauernvolk die einzigmögliche Revolution, die nicht in Anarchie ausarten kann.

eine der neu in Dienst gestellten Heinkel-S ch n e l l- verkehrsmaschinen, nach Hamburg, Köln und Frankfurt entführen. Er will mit uns die so­genannten Blitz st recken abfliegen, die im Fahrplan der Lufthansa neu aufgetaucht sind und

Wetiflug mit der Zeit

Auf den neuen Blihstrecken über Deutschland.

oder Oesterreich mit einem glatten Nein! Der jetzt, nach kurzer Pause und Ankunft in Köln nach wei- 57jährige Diktator, dem die Bauernschlauheit aus den Augen schaut, setzte dann recht wortreich aus-1

Ein Besuch bei Lettlands Diktator

Seltsames Wiedersehen mit Karl Ulmanis.

Riga, Juni 1934.

Das hätten wir bestimmt nicht gedacht, als wir Angehörige der baltischen Landes­wehr im Frühling 1919 die Regierung Ulmanis stürzten und den deutschfreundlichen Pastor de Nee- dra einsetzten, daß wir im Jahre 1934 Ulmanis als den Diktator eines neuentstandenen Lettlands be­grüßen würden. Damals war Lettland gerade als Staat von englischen Gnaden aus der Wiege ge­hoben worden. Deutsche Freikorps und wir Jung- balten aus der baltischen Landeswehr hielten Lit- tauen und Lettland besetzt und träumten von einer baltischen Länderbrücke zwischen einem wieder auf­zurichtenden zaristischen Rußland und einem eben­falls wiederaufzurichtenden kaiserlichen Deutschland. Diese Träume haben sich nicht erfüllt. Die Gewalt der politischen Tatsachen stand ihnen entgegen. So war der Putsch, den der spätere deutsche SA.-Füh­rer Hauptmann Pfeffer von Salomon ge­gen Ulmanis unternahm politisch ein Fehler. Denn er zog uns die Feindschaft Englands zu, das im November 1919 mit seinen Schiffsgeschützen in die schweren Kämpfe um die Dünalinie eingriff und es den Letten ermöglichte, die aus russischen Kriegsgefangenen zusammengestellten Hilfsdivistonen zu überwinden. Ulmanis saß während dieser Zeit teils in der englischen Gesandtschaft, teils auf einem englischen Kreuzer. Er konnte ab warten, und er erlebte, daß nach der Einnahme Rigas durch die Deutschen am 21. Mai 1919 die schwere Niederlage bei Wenden folgte und der Baltikumfeldzug lang­sam in ein Abenteuer ausmündete.

Ulmanis konnte abwarten. Er hat im Grunde ab­gewartet bis zum Mai 1934. Dann aber hat er zu- aegriffen und auch in Lettland die Herrschaft des Parteienstaates gebrochen. Achtmal stand Ulmanis an der Spitze einer Regierung, achtmal mußte er wieder gehen, weil es die Zufallskonstellation der Parteien so wollte. Heute ist er unabhängig von allen parlamentarischen Zufälligkeiten, und heute empfängt er den Besucher zwar als Chef der Re­gierung der nationalen Konzentration, in Wirklich­keit aber als Diktator Lettlands. Die Po­sten hinter den Maschinengewehren sind verschwun­den. Das Land ist ruhig, das Vertrauen fast der gesamten Bevölkerung ist auf Seiten von Ulmanis, und es ist keine Geste, wenn Ulmanis heute den Besucher ohne alle Zurschaustellung militärischen Gepräges empfängt, als habe sich nicht eine so durchgreifende Umwälzung vollzogen.

Die ganze menschliche Erscheinung des Diktators Ulmanis flößt Vertrauen ein. Er ist zwar gewiß kein Freund Deutschlands, sondern ein mißtrauischer lettischer Bauer von außerordentlichen politischen Fähigkeiten. Er liebt Lettland einzig und allein, und er wird mit skrupelloser Unbekümmertheit die­jenige Politik verfolgen, die Lettlands Unabhängig­keit und ausschlaggebende Stellung unter den Rand­staaten sichert. Ulmanis selbst ist in Kurland, der schönsten lettischen Provinz, geboren. Er besuchte die Schule in MIt-au, das früher eine fast reindeutsche Stadt war, dann studierte er in Leipzig und Zürich und stürzte sich als junger Student kopfüber in die

einander, sein ganzes Unternehmen plane nichts anderes, als die Rettung der Demokratie. Die Aktion richte sich gegen rechts und links, sie sei der Ausbruch des nationalen Volkswillens und so­mit die Höchstform der Demokratie. Er werde in Kürze wählen lassen und zweifellos würde das Er­gebnis der Neuwahl ein Parlament sein, das ganz hinter ihm stehe. Auf meinen Einwand, man könne den Einsatz militärischer Machtmittel und die zwangsweise Liquidation der Parteien doch kaum noch demokratisch nennen, gab Ulmanis zurück, seit 1789 herrsche die Demokratie in der parlamentari­schen Form, heute aber müsse sie, um sich selbst zu

..... , etwas ganz anderes. Flugkapitän U n t u ch t, be- Politik. Als Gegner Nikolaus II ging er den Weg währt in tausend Flügen, bekannt und geachtet aller Revolutionäre: er mußte ins Gefängnis 1906' wegen seiner hervorragenden Leistungen, will uns flüchtete Ulmanis nach Amerika, wo er zuerst an mit seiner hübschen und schnittigenSchwalb e",

OieRortefrufie" wieder in der Heimat

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Der SchulkreuzerKarlsruhe" beim Einlaufen in die Holtenauer Schleuse, an deren Ufer Abordnun­gen der Marine, der Reichswehr, der Landespolizei und der Marinevereine angetreten waren, um den Kreuzer bei der Rückkehr von seiner neunmonatigen Weltreise zu begrüßen.

Immer kürzer wird der Unterbau, dann verschwin­det er plötzlich, die seitlich mit Deckeln versehenen Räder legen sich an den Rumpf der Maschine heran, versinken in ihm, während die Deckel fest aufschließen. Wie ein Strich hängt die Maschine am Himmel und dennoch jagt dieHe. 70" dort drüben genau so wie unser Apparat mit einer Stun« d e n g e s ch w i n d i g k e i t von 320 Kilo­meter durch die Lüfte.

Die Priegnitz liegt unter uns, Wittenberge kommt in Sicht und verschwindet, das Landschafts­bild ändert sich nicht, es bleibt gleichmäßig flach und grün. An der Elbe entlang geht es nach Nord­westen. Wir sehen nach der Uhr: 8.30 Uhr der Außenrand Hamburgs ist erreicht, alsbald stehen wir auf dem Flugplatz, begrüßt mit dem Deutsch­landlied. Benzin wird rasch nachgefüllt, fahrplan­mäßig erfolgt nach zehn Minuten der zweite Start. Wieder schweben wir hoch in den Lüften. Jetzt nicht 500 Meter wie während der ersten Etappe, sondern 1500 Meter. Hier oben sind die Flugbedingungen günstiger. Strahlend leuchtet die Sonne durch die Kabinenfenster, fängt sich am Flugzeugrumpf und wirft einen kleinen Schatten auf die Felder und Wäder. Munter begleitet uns dieser Schatten, un­sere zweiteSchwalbe", bis vor uns das silberne Band des Rheines glänzt und die mächtigen Türme des Kölner Doms aus dem Dunst emporragen. Wir greifen zum Fahrplan und zur Uhr: es stimmt, Kapitän U n t u ch t fetzt uns um 10.10 Uhr ab.

Wir klettern heraus und bewundern erneut diese Schöpfung der deutschen Flugzeugindustrie. Lange haben die Heinkel-Werke in Warnemünde an die­sem Typ herumgearbeitet, haben immer wieder das neu konstruiert, was verbesserungswürdig er-

Die ganze Stadt kommt in mein Zimmer .. /' Timmermans plaudert aus seiner Werkstatt.

Wohl selten ist ein Dichter, der in fremder Sprache schreibt, so schnell und so völlig in unser Schrifttum eingegangen, und hat sich einen so dank­bar begeisterten Leserkreis erworben wie Felix Timmermans, der Flame, dessen Wesen und Art uns allerdings tief stammverwandt ist. Den überlegenen Humor seiner Werke zeigt dieser Poet auch sich selbst gegenüber in den Plaudereien aus seiner Werkstatt, die er im neuesten Heft derEuro­päischen Revue" mitteilt. Er erzählt uns von einer I alten Rumpelkiste, in die alle seine dichterischen Jugendsünden hineingestopft sind, darunter auch viele Theaterstücke. Als er sie schrieb, kam es ihm nicht so sehr auf das Schreiben wie auf das Spielen an; er führte damals mit seinen Straßenfreunden allerlei Dramen auf, auch die Passion, und zwar in dem Wagenschuppen eines Bauernhofes. Er selbst stellte Jesus dar in einem weißen Nachthemd und mit einer Perücke, die sein ältester Bruder bei der Prozession getragen hatte.Das Spiel begann. Als der Vorhang, zwei aneinandergesteckte Schürzen, aufging, saß ich da und betete zwischen zwei Blu­mentöpfen. Der Engel erschien, jemand blies auf einer kleinen Mundharmonika. Ich sagte meine Worte, der Engel sein. Dann kam Judas in einem Kapuzenmantel mit zwei Soldaten, die jeder einen I Stecken und ein Brotmesser bei sich hatten. Kaum I hatte Judas mir den Kuß gegeben, kaum hatte ich j Zeit etwas zu sagen, da schlug einer von den Sol­daten mir mit seinem Stock heftig auf den Kopf, daß ich losbrüllte, meine Perücke herunterriß und wei­nend nach Hause lief, während die Kinder schrieen:

Wir wollen unser Eintrittsgeld wiederhaben, unse- j ren Cent zurück!" Als der Knabe eines Sonntags- morqens zum ersten Mal ein Buch aus der Leih­bücherei geholt hatte und damit unter dem Arm em- herfpazierte, begegnete er einem Hausierer, der ihm zurief: Na Männlein, liest Du in einem Buch? Ich kann nicht lesen, aber ich lese auch m diesem Buch", dabei zeigte er auf die grünen Felder.Ich finde es so schön darin zu lesen und immer weiter und weiter zu gehen, ohne Ende." Dies Wort hat Timmermans nicht vergessen und den Hausierer spa­ter als den Mann geschildert, der imJesuskind in Flandern" den drei Königen den Weg zeigt.

Unter seinen Stücken war auch ein Trauerspiel, das sieben Akte und 72 000 Verse hatte. Er schickte es dem flämischen Dichter und Pastor Hugo V e r - rieft zur Beurteilung. Ein Jahr lang wartete er auf Antwort, und als er dann drängte, kam das

in der Natur seinen Rhythmus, seinen Ausdruck in allen seinen Schattierungen. Ihre Personen spre­chen alle gleich, ob sie böse, traurig, froh oder ver­zweifelt sind. Kein Mensch und kein Tier ist nach allen Seiten hin von gleicher Beschaffenheit. Und kein Mensch und keine Blume ist genau so wie eine andre. Bei allen und allem fehlt irgend etwas. Und das macht die Schönheit des Lebens aus, seinen Humor. Das Stück besteht aus so viel Stückchen, daß doch noch immer ein Stückchen fehlt. Darüber nicht traurig zu werden, kein Pessimist zu sein, das ist der Humor. Denn der Humor fängt da erst an, wo etwas fehlt." Diese Lektion von Hugo Verriest, meint Timmer­mans,habe ich in meinem ganzen Leben und m meiner Kunst nie wieder vergessen." Er lobt den

Existenz vergaßen. Denn hier im dichtesten Park, wo nur Amsel, Fink und Eichhorn raschelten, ver­lor sich unsere Phantasie mit leisem Erschauern und doch auch wieder frohlockend wüsten- und meerweit fort bis hin zu Trauminseln der Südsee, um die niemand wußte und niemand je wissen sollte als wir selbst, hin zu den fremden Kontinenten, von denen uns die Reisebücher unserer Jugend viele seltsame Dinge erzählten.

Es bedurfte nicht des Zaubers orientalischer Ringe, die man in märchenhafter Vorzeit nur am Finger zu drehen brauchte, um auf den Schwingen geheimer Wünsche im Nu alle Erdteile und Him­mel der Welt zu durchmessen. Hundert Schritte viel­leicht nur von unserem Parkgebüsch entfernt brauste das Straßenleben der Stadt, hallten Stimmen,

Urteil über das große Werk in zwei Worten:Zu I erst seitwärts lauschten, ob Jins niemand beobachte, lang." Er ließ fünf Akte weg und schrieb die bei-1

v , j und schrieb die bei-1 wenn wir vom besonnten Weg ins laubdämmerige

den übrigen zu einem Akt in Prosa um. Dann be- Gezweig einbrachen? Vielleicht, weil wir unbewußt suchte er Verriest, der ihn zu einem leckeren Fasan wünschten, die nahe Welt vertrauter Dinge und einlud. Erst beim Aufbruch wagte er nach seinem Menschen möge uns vergessen, wie wir nun ihre Stück zu fragen. Da sagte der Pastor:Alles hat ~

Segen einer kleinen Stadt für den Schriftsteller: Man kennt einander, man weiß alles voneinander, und jeder Mensch, dem man begegnet, ist ein wan­delnder Roman. Man hat seine Vorwürfe zum Greifen nahe vor sich. Aus den Eigenarten des einen und des anderen Menschen, zu denen noch die notwendige Phantasie und Inspiration hinzukommt, schafft man sich eigene Gestalten. So gibt es Men­schen, die man vielleicht nur ein einziges Mal im Leben gesehen hat, als man jung war, und die aus dem geistigen Auge nicht auszulöschen sind, vielleicht ein Bettler, der danach verlangt, geschildert zu wer­den." Um die Umgebung, Landschaft, Stadt und Menschen stets vor sich zu haben, hat er auch sein Arbeitszimmer so gewählt, daß er möglichst viel von dort aus überblickt:Ich kann sagen, die ganze Stadt kommt in mein Zimmer ..

Tritte, Peitschenknall und Räderknirschen. Auto­hupe und Motorgeräusch. Aber wir sprangen vom harten, kiesbestreuten Pfad ins Weglose des Park­landes und bückten uns leicht unter ein schmales Tor des Gestrüpps, kaum anderen Blicken als d^n unseren sichtbar, und hinter uns entschwebte der traumseligen Jugend die lärmende Stadt.

Das Heimliche dieser versonnenen Kindheit wurde unheimlich des Abends in den späten Dämmerungen sommerlichen Tags, wenn der Vater dem bittenden Jungen nach dem Essen noch einmal erlaubte, eine Stunde vors Haus zu treten. Vors Haus nur? Die Mahnung:Bleib mir nicht allzulang fort" war im Dunkel des Parks bald vergessen, im aufregenden Wirbel des Suchen- und Versteckspiels, beim An­schleichen und Erschrecken der Freunde, beim atem­losen Davonjagen, wenn man sich selbst von den

parffreuben.

Von Karl Ludwig Este.

Heute bin ich arbeitslos und weiß nicht, ob es beschämend ist, daß ich mich freue, die Vormittage in der geruhsamen Stille des Parkes verbummeln und verträumen zu können. Dieser Park, sv sinnt jetzt der Erwachsene zurück in die ferne, längst ver­sunkene Zeit seiner Jugend, war mir einmal hinter seinen hohen Mauern ein unerforschtes, weiträumi­ges Gebiet paradiesischer Wildnis. Die Büsche lock­ten mit verworrenen Pfaden zu kleinen, verborge­nen Lichtungen. Bis tief herab auf den Boden verhängten die Zweige der Neugiev jeden Blick auf die Spiele der Kindheit.

Warum wir uns so gern verbargen? Warum wir

Freunden entdeckt fand. Wie mancher mahnende Glockenschlag der Zeit ward während dieses jugend­tollen Treibens gern überhört. Und oft erst, wenn die kühlen Windstöße der Nacht eine frostig späte Stunde anzeigten, eilte man bangend heim.

Jahre durchläuft die Erinnerung und lenkt die Schritte des arbeitslosen Bummlers hin zu jener hinter einem fast geschlossenen Ring von Hecken ver­steckten Steinbank. Von feindlichen Witterungen angefressen, steht sie auch heute noch, ein altehr­würdig Denkmal, das mancherlei verstohlene Emp­findungen der Menschen, die hier saßen, über­dauert hat. Hierhin eilten einmal Primaner, die sich vom Unterricht fortstahlen, um sich mit krank» gemeldeten Kameraden zu treffen. Man saß und fühlte sich stolz, dem leidigen Zwang der Schule so schlau entschlüpft zu fein, und tat im Uebcrmut I noch mehr des Verbotenen. Ein jeder sog, ob sie I

ihm schmeckte oder nicht, an einer Zigarette. Und doch, als ob auch im Schuldbuch solcher Sünden nichts unausMlichen bleiben solle, hörten die so überraschten Mimaner plötzlich neben sich eine ihnen sehr bekannte Kathederstimme:Meine Herren, Sie wollen sich wohl hier auf besondere Art zum Examen vorbereiten?"

Nicht mehr so fern diesem kleinen, unvergeßlichen Schreck, dessen stumm-erstarte Mienen dem Pro­fessor der Primaner so viel Spaß machten, daß er vom hohen akademischen Kothurn freundlich herab­stieg und mit den Blicken eines Schalks für die rasch im Kies zertretenen Zigarettenstummel aus der eigenen Dose Ersatz darbot, kaum mehr denn Wochen später, da sich im Frieden des Parks eine so seltene Verbrüderung der sonst unvereinbaren Gegensätze vollzog, sieht der Betrachter des halb­runden Steinbanksitzes eine andere Szene vor sei­nem sinnenden Blick.

Schwer gelingt es ihm zuletzt, im heiter-lichten Morgenduft der Gegenwart, angesichts all der grel­len Sonnenkringel auf den Sträuchern des Parks, jenen Zauber einer warmen, sternbeglänzten Som­mernacht in seinem Gefühl zu erwecken, da zwei junge Menschen hier wie in einer Flamme standen und einander ihre erste Liebe entdeckten. Liebe, noch nicht vom kalten, nüchternen Wissen des Wech­sels der Gefühle beängstigt. Liebe, unbeschwert noch vom Gifthauch der Erfahrung, daß Augenblicke zwar Ewigkeiten bedeuten, llch aber nicht zu ewiger Wiederkehr fortführen lassen.

Spiele der Kindheit, wie schön und wie wild auch, es sind Freuden nur noch deiner Erinnerung. Kleine Sünden, verzeihliche Sünden der herangewachsenen Jugend, du mußt schon einmal so bar des Werk­tags, der deine Freunde und Feinde zur Arbeit ruft, durch einen Park bummeln, dich ihrer zu er­innern vor all dem Unverzeihlichen, das folgte und doch verziehen wurde, denn das Leben ist fo stark, daß es auch die Unbilden, die du ihm zufügst, erträgt. Erster Zauber des Liebens und Geliebt­werdens, darüber die Wipfel des Parkes eine un­endliche Melodie rauschten, das Rauschen zog dar­über hin und weiter, immer weiter, wie der Strom des Fühlens in dir selbst von Gestade zu Gestade, von Herz zu Herz verströmte und immer so fort und immer aufs neue wild und schön.

Einmal wirst du dich fragen müssen:Wie lange noch?" und wirst des Parkes gedenken, in dem du jetzt stehst. So kehrt mein Sinnen zu mir selber zurück und läßt mich wissen, daß der Park gewißlich auch mich und mein Sinnen überdauert, voll Ge­heimnisse und Geborgenheiten, voller Freuden neu» erweckter Kindheit, jugendlichen Ueberschwangs und des ersten wie des letzten Siebens.