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Nr. \1 Drittes Blatt

Montag, ly.gebruarMH

Girhener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

300 Modelle marschieren durch die Wett.

Oie Zrühjahröauöstellung des Deutschen Modeamtes.

Von unserer berliner 6H. K.-Mitarbeiterin.

Das Deutsche M o d e a m t hat zu seiner gro­ßen Frühjahrsschlacht gerufen, und alle, alle kamen.

Nach den Erfahrungen, die man im Herbst ge­macht hat, wurde diese Modenschau ernsthaft vorbereitet, so daß Fehler weitestgehend ausgeschal- tet sind. Es wird in Zukunft nicht mehr möglich sein, daß unbegabte und vielleicht von irgendeiner Seite in den Vordergrund geschobene Menschen an der Mode mitwirken. Wer heute dabei ist, muß sich erst auf Herz und Nieren, oder wohl besser auf G e -

zieren ist verboten. Die Modelle sind dadurch ge­schützt, daß man ihr Herstellungsmaterial nicht käuflich erwerben kann, da jeder Zutaten- und Stoff­fabrikant sich verpflichten mußte, die auf der Ma- terial-Schau des Modeamtes ausgesuchten Sachen zu reservieren.

Auffallend ist die Vorliebe für weiße, blaue und gelbe Kleider. Matte Kreppes, teils mit Matrosenkragen, mit winzigen Schößchen in der Taille oder unterer Plisseebahn, ließen den Sommer

Trägerinnen der hübschen Frühjahrsmodelle, die vom Deutschen ModLinstitut vorgeführt wurden.

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schmack, technisches Können, Farben- und Formensinn prüfen lassen. Es hatten sich eine Unmenge Modellschöpfer angemeldet, von denen man siebzig Personen herausgesucht hat, die allen Anforderungen gerecht wurden. Sie haben nun das Modeamt mit 500 Modellen beschickt, von denen 300 durch eine geschulte und verantwortungsbewußte Jury ausgewäylt wurden.

Und dann durfte das Publikum in den schönen Räumen der Krolloper dieses Augenfest erleben. Was dieses Mal gezeigt wird, was in der kurzen Zeit des modischen Selbständigmachens geleistet wurde, ist in jeder Beziehung bewundernswert. Wer Gelegenheit hat, sich persönlich zu überzeugen, muß ehrlich sagen, daß wir bei dieser Anhäufung von unaufdringlichem und sicherem Geschmack und blü­hender Phantasie nicht notwendig haben, fremdes Geistesgut zu beziehen und damit unserer Industrie, unseren Schneidern und all den Nebengewerben des modischen Handwerks die Arbeit zu entziehen.

Die Preise dieser Kleider und Mäntel sind durchaus erschwinglich, und das Allerschönste an ihnen ist, sie sind nicht für irgend welche Schlösser auf dem Monde oder an der blauen Adria erdacht, sondern für uns und für unser Leben. Am liebsten möchte man gleich hineinsteigen. Das Ge­fühl, all die Anregungen mit nach Hause zu neh­men, wird immer stärker. Doch Zeichnen und Skiz-

vor uns lebendig werden. Diskrete Komplets aus gemusterten weichen Seiden mit losen Dreiviertel­mänteln, ebenfalls mit Plissee verarbeitet, aus glei­chem Material oder mit abweichendem Kasak hatten großen Erfolg. Handgewebte Stoffe dienen für wunderschöne, klassische Sportkomplets. Schwarze Kleider in Vollender Linienführung werden wegen ihrer Schönheit und Verwendbarkeit gekauft wer­den. Kostüme und Blusen gibt es in hellen und dunklen Stoffen, von der luftigsten Unbeschwertheit bis zum richtigen Schneiderkleid. Pelzjäckchen und Mäntel schienen ihre Starre völlig verloren zu haben. Der Rocksaum ist noch ein wenig nach un­ten gerutscht. Das streckt die Figur und macht die Erscheinung damenhafter. Die sommerlichen Abend­kleider: wer sie sehen wird, wird sie nicht meh vergessen. Alle Grazie verflossener Jahrhunderte scheint in sie eingefangen zu sein. Dabei ist sehr preiswertes Material, Glasbatist, Mull und Sticke­reistoff für sie verwendet worden. Aber wie man sich damit auseinandergesetzt hat, wie man seine Sprödigkeit durch Volants und Bauschen und Rü­schen auflockerte und ihrer schneeigen Weißheit einen zarten Rosenstrauß in den Gürtel setzte oder die Weite des Rockes durch einen weich geschwungenen Hut betonte, das ist wirklich gelungen. Auch karierter Glasbatist in Verbindung mit einfarbigen Samt­schleifen ergab schöne Wirkungen.

Die Mützen sind aus dem modischen Bild ver­schwunden. Der Hut dominiert. Aufgeschlagen und weit aus der Stirn gezogen, oder sanft überschat­tend wie ein Sonnendach, behütet er uns. Neu ist der enge Halsschmuck und die Steinknöpfe aus Jade, Onyx usw. Sie sind Arbeiten des deutschen Kunst­handwerks. Ha n dschuhe, Taschen und Schuhe sind harmonisch abgestimmt und helfen mit an dem abgerundeten Gesamteindruck.

Es soll noch einmal betont werden, daß man sich von jeder Uebertreibung frei gehalten hat, ohne da­mit phantasielos zu wirken. Daß sehr großer Wert auf gute Technik gelegt wurde, die besonders in Ajour-Arbeiten an dunklen Seiden- und Wollklei­dern zur Geltung kamen. Verständnisvolle Stoff­

aufteilung, die ein Kleid zu einem Kunstwerk stem­peln kann, da sie genaueste Kenntnis des mensch­lichen Körpers und seiner Schwächen, sowie deren Bekämpfung voraussetzt und sich mit technischem Können verbinden muß, wird kultiviert. Niemand hat es sich leicht gemacht, das ist wohl das Geheim­nis dieses Erfolges. 300 Modelle marschieren durch die Welt, wenn die Berliner Woche vorüber ist. Sie werden in fast alle deutschen Städte kommen, und sie werden ins Ausland gehen und auch dort Frauenherzen begeistern und unseren Modeschöpfern- der Industrie und dem deutschen Modeamt die wohlverdiente Anerkennung und den klingenden Lohn für ihre Mühe bringen.

Hessen-Aassamsche Spielgemeinschafi für nationale Fesigestattung.

Nach dem Vorschlag des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda Dr. Goebbels ist am 12. Februar 1934 die Heffen-Nassau- ische Spielgemeinschaft für nationale Festgestaltung, Sitz Frankfurt a.M. ge­gründet worden. Vorläufig haben folgende Organi­sationen Stammanteile übernommen:

1. Gauleitung Hessen-Nassau der NSDAP.

2. Gauleitung Kurhessen der NSDAP.

3. Deutsche Arbeitsfront Hessen-Nassau.

4. NSBO. Hessen-Nassau.

5. Handwerkskammer für den Regierungsbezirk Wiesbaden.

6. Amt für Beamte.

7. Landesbauernschaft.

8. NS.-Hago Hessen-Nassau.

9. Reichsbund der deutschen Freilicht- und Volks- schauspiele e. 23., Berlin.

10. Südwestdeutsche Versicherungsanstalt A. G. für Handwerker und Gewerbetreibende, Frank­furt a. M.

Die Gesellschaft soll in kurzer Zeit noch bedeu­tend erweitert werden. Diese Spielgemeinschaft soll unter der Leitung der Landesstelle Hessen- Nassau des Reichsministeriums für Volksauf­klärung und Propaganda sofort damit beginnen, einen großzügigen Plan für die nächsten Jahre aufzustellen, der die Gestaltung von Frei­lichttheatern (sogenannten Thingplähen) vorsieht, auf denen das neue Volksschau­spiel mit großen Sprech- und Vewegungs- chören dem Volk vorgesührt wird, und die außerdem geweihte Stätten für große natio­nale Kundgebungen werden sollen.

Die Grundlage des Nationalsozialismus ist die Volksgemeinschaft, d. h. die wertvollen Kräfte aus allen Schichten des deutschen Volkes sollen gemeinsam nicht nur im Arbeitsprozeß stehen, sondern auch gemeinsam ihre Herzen bereichern kön­nen mit immer wieder sich erneuernden Kräften der Hoffnung, des Glaubens und der Lebensfreude.

Es genügt nicht, daß der Mensch unter dem Zwang, sich erhalten zu müssen, notgedrungen ar­beitet, sondern es ist notwendig, daß er bei allem, was er tut, empfindet, daß dieses Tun für das ganze Volk wichtig ist und daß auch von ihm das Schicksal des ganzen Volkes mit abhängt. Nicht verbissen und mißmutig und gereizt sollen im Drit­ten Reich die Menschen an ihre Arbeit gehen, son­dern gern und mit Freude für ihr Tun. Dazu ist es notwendig, daß man den Menschen über seine kleine, oft beengte und harte Alltäglichkeit erhebt in einen Zustand gesteigerten Lebensgefühls.

Don den vielen Kulturfaktoren, die den Menschen in dieser Weise ergreifen können, ist das Theater der wirkungsvollste.

Für die Masse des Volkes, für die Masse der Ar­beiter und Bauern war das Theater früher meist aus finanziellen Gründen unzugänglich, da zu dem Besuch eines Theaters ja auch noch die Unkosten für die An- und Abfahrt und meist für entfernt Wohnende noch wesentliche Zeitverluste kamen.

Adolf Hiller, der die Klassengegensätze überbrückt wissen will, erstrebt, daß in den Theatern der Zukunft nicht nurPublikum" sitzt, welches sich aus zahlungskräftigen Kreisen zusammenseht, sondern daß das Volk, zu­sammengesetzt aus allen sozialen und aus allen Vildungsschichten, so, wie es heute in unseren Versammlungen zu finden ist, so, wie es heute in der SA. und SS. marschiert, das Erleb­nis der Theateraufführung ge­meinsam empfängt und auch dadurch wiederum erneut miteinander verbunden wird.

In allen Gauen Deutschlands werden diese Thingplätze, die von dem Kulturwillen des deutschen Volkes zeugen, errichtet. Sie werden u n - ter dem Schutz des Staates stehen. Dort werden auch Ehrenmale für die Gefallenen des Weltkrieges und die Opfer der Bewegung eine weihevolle Stätte finden.

Zunächst sind für das Jahr 1934 im Gebiet der Landesstelle (umfassend die Provinz Hessen- Nassau und das Land Hessen) sechs große Freilichtspiel- und Thingplätze von der Regierung bewilligt, deren Bau sobald wie möglich in Angriff genommen werden soll. Ein Teil der vorhandenen Freilichtbühnen, se-ither Laienspielunternehmungen, wird derSpielgemeinschaft" angegliedert. Der Plan sieht weiter vor, daß systematisch erstrebt wer­den soll, für je 150 000 Einwohn er einen solchen Platz zu schaffen, der etwa zwischen 3000 bis 10 000 Zuschauer fassen wird. Endlich ist es wünschenswert, dahin zu kommen, daß eines Tages die Mehrheit aller Wahlberechtigten sich auf den Thingplätzen versammeln kann.

Die Schaffung der neuen Thingplähe wird vielen Hunderten von Arbeitern auf lange Zeit Arbeit und Vrot geben. Außerdem wird em großer Bedarf an Baumaterial aller Art gedeckt werden müssen. Den Architekten und gestalten­den Künstlern wird die Möglichkeit zu schöpfe­rischen Arbeiten geboten.

Die neuen Thingplätze sollen wie aus der Land­schaft herausgewachsen das Charakteristische der einzelnen Landschaften nochmals in vollendeter und gesteigerter Form zeigen, und sie werden somit wahre Heimatdenkmäler werden, um die sich in feierlichen Stunden das ganze Volk versammelt.

Ich ersuche, soweit geeignete Stellen zur Anlage von Dhinqplätzen vorhanden sind, diese sofort der Hessen-Nassauischen Spielgemeinschaft für nationale

Was gibt es Neues in Rom?

Von unserem römischen E.-Korrespondenten.

Rom, Februar 1934.

Nero wird abgesetzt.

Beim großen Aufräumen rings um das Kolosseum sind dieser Tage zwei Hausgreuel mit weggewischt worden: die berühmte Meta Sudans und der Koloß des Nero. Der Koloß war noch viel berühmter, denn er gab seinerzeit dem Flaviertheater den Namen, man sprach nur noch vom Kolosseum und die meisten Kinobesucher glauben, der böse Nero habe dort die gruseligen Christenfressereien vorge­führt. In Wirklichkeit wurde das Theater erst von einem Nachfolger Neros begonnen und erst unter Titus vollendet.

Die Kolossalfigur Neros soll ursprünglich vor dem goldenen Hause des Kaisers gestanden haben, Hadrian habe sie entfernt, weil er Platz für einen Tempel brauchte. Wie dem auch sei, alle Fremden führte man bis gestern vor den Rest des Kolosses und hieß sie dann turmhoch in die Höhe schauen: denn so groß war dieser bronzene Nero, 36 Meter, den Sockel nicht mitgerechnet. Zwei Dutzend Ele­fanten brauchte man, um ihn zum neuen Stand­platz zu schleifen. Ums achte Jahrhundert herum ging es ihm wie den frommen Kirchenglocken in schweren Zeiten auch, er wurde eingeschmolzen. Was übrig blieb, war ein kümmerlicher Backstein­fuß, ein Sockelrest, immerhin wildromantisch genug, um antiken Liebhabern Schauer über den Rücken zu jagen. Die Maler haben ihn gemalt, die Dichter besungen. Jeder Rompilger bezeigte ihm seine Reverenz.

Hierauf gab er sich auf den Befehl des Cicerone einen Ruck und erblickte gegenüber eine ganz ähn­liche Angelegenheit: den großen Backstemkern der Meta Sudans. Wörtlich heißt das Schwitzkegel oder Ziel des Schweißes, das klassische Latein läßt in feiner Bildhaftigkeit hier der philologischen Phantasie weiten Spielraum. Die Meta war in der römischen Rennbahn auch der Eck- oder Wendestein und der allgemeine Ausdruck fürZiel". Den Sudor ober Schweiß kann man ohne Anstrengung auf triefen­des Wasser übertragen und so meinen die einen, daß es sich einfach um einen Springbrunnen handle, die andern denken an den Zielpunkt der Leicht­athleten, der Läufer. Vielleicht ist beides richtig, vielleicht galt die Fontäne vor dem Triumphbogen des Konstantin als Straßenziel, Uebriggebüeben ist von ihr nicht viel mehr als vom Nerokoloß, immer­hin genug, um den antiken Liebhabern Schauer über den Rücken zu jagen. Die Maler haben sie

gemalt, die Dichter besungen. Jeder Rompilger blieb andächtig stehen.

Im vorigen Jahr gab es nun einen gar schreck­lichen Archäologen- und Zeitungsstreit über die Frage, ob Der grasüberwucherte Backsteinkern, schön oder nicht, aus Pietät zu erhalten sei oder nicht, ob man ihn renovieren ober abtragen solle. Wie bas in Rom heute so ist, bie Gemüter erhitzten sich unb ber Schweiß ber Edlen troff, jeber würbe selber eine Meta Sudans. Die Spötter fehlten natürlich auch nicht unb wenn Pasquino noch leben würbe, ber köstliche Schuster, bann würbe Rom jetzt wider- hallen von Pasquillen unb Pasquinaden. Denn, um es mit gebührender Feierlichkeit zu sagen, es gab am Enbe ein stilles archäologisches Begräbnis erster Klasse. Es stellte sich nämlich heraus unb so hatte ber Gelehrten- unb Aesthetenstreit sein Gutes, baß biefe Meta nichts anberes war als eine künstliche Ruine, eine Fälschung bes vorigen Jahrhunberts, bas partout feine romantischen Schuttwinkel haben mußte.

Da machte man reinen Tisch, schlug bie Maske­rabe in Trümmer unb löschte auch ben Kern bes Kernes von Wahrheit, ben bie beiben Sehens- roürbigteiten wahrscheinlich enthielten. Der Zugang zum Kolosseum würbe eingeebnet, leiber, benn nun sieht man nicht mehr so beutlich, baß vor ihm hier ein künstlicher See lag. Die Straße um ben Kon- ftantinsbogen würbe eingeebnet, gottlob, benn nun kann man roieber hinburchgehen, ohne an ein Museum erinnert zu werben. An ben Koloß unb seine bessere Meta (auch bieses Wortspiel macht bas Volk, weil meta Hälfte heißt) erinnert aber kein Stein mehr.

Milch nur noch in Flaschen!

Der Milchkrug geht so lange zum Brunnen, bis er überläuft. Mussolini ist bie Gebulb übergelaufen, er ließ ben Brunnenweg sperren unb führte statt bes Freihanbels ben Fläschenverkehr ein. Da ver­stummte in Rom bas liebliche Tutehorn. Vielen Fremben ist es aufgefallen, benn nicht ein Postillion blies es, fonbern ein winters blau, sommers grau gefleibeter Mann in Amtsmütze, ber einen sonnen- gelben Kastenkarren schob. Unb auf bem Kasten leuchtete bas stolze Wappen ber Roma mit bem zweitausenbjährigen S. P. Q. R. Das heißt: Senat unb Volk von Rom! In bem gelben Kasten war aber kein gärenb Drachenblut, fonbern nur bie sanfteste Milch, bie man sich benfen kann, bie stäbtische. Schon in vormussolinischer Zeit wären nämlich bie Milchhänbler (wie übrigens auch bie Weinhänbler) ohne Wasser wirtschaftlich aufs Trok- kene gekommen unb baher betätigten sie sich auf eine Weise, bie von Hausfrauen nicht geschätzt zu

werben pflegt. Die Römerinnen schrien nach rich­tiger, echter, bicker Kuhmilch, unb ber Gouverneur konnte sich ihren Vorstellungen nicht verschließen. Er machte eine amtliche Sache aus ber Hausliefe­rung unb bestellte bazu Treuhänber, bie von Zeit zu Zeit in ein messingleuchtenbes Tutehorn stießen. Worauf bie Frauen unb Mäbchen mit Töpfen unb Schüsseln bem garantiert keim- unb wasserfreien Stabtkarren entgegenliefen wie bie Kinber bem Rattenfänger. Das gehörte zum römischen Stabtbilb.

Aber niemanb kann es allen rechtmachen, bie Leute am Enbe ber Straßen behaupteten, bie vom Anfang ber Straße schöpften ben Rahm ab, unb bie Frühaufsteher beklagten sich Hinwieberum, ihre Milch sei blau, weil ber Hahnen an ber Kiste unten säße, mithin bas süße Gelb erst zum Schlüsse komme, unb überhaupt, man könne sich ja benfen wie, plötzlich zu Butter werbe, bie man bann in ber Latteria kaufen müsse. Ueberhaupt bie Latteria, bie Milchhanblung! Wer garantierte bort für bie Einhaltung ber gesetzlichen Lauter- unb Sauber­keitsvorschriften? Unb wer kontrolliert bie Preise? Kurz, bie Klagen hörten nie auf unb bie Statistiker führten ben gerabezu lächerlich geringen Milch­konsum ber Hauptstabt auf bie Mangelhaftigkeit ber Milchversorgung zurück. Man benfe nur an bie Typhusgefahr!

Nun fürchtet ber Römer nichts so sehr wie bie Tollwut unb ben Typhus, meibet also Hunb unb Milch. In Mailanb, so ging bie Sage, sei ber Milch- verbrauch unenblich viel größer, weil bort bie größ­ten Gefahren für bie Gesundheit burch bie Einfüh­rung bes Flaschenhanbels gebannt würben. Klar, Rom konnte nicht langer zurückstehen. Der Gouver­neur richtete also eine bem zwanzigsten Jahrhun- bert gerecht roerbenbe, eine geradezu mustergültige Milchversorgung ein. Ein eigens gebautes Milch­institut S. P. Q. R. ließ besondere Milchwagen Herstellen, Wunder ber Frischhaltungstechnik, bie Tag für Tag bie Campagna abstreifen, um bie Milch unmittelbar bei ben Bauern zu holen. Denn bie Bauern kümmerten sich nicht viel um Stabt- üeferungen, weil ber Zwifchenhanbel unb ber Stabtzoll nichts mehr an Verbienst übrigließen. Die stäbtischen Milchwagen bringen ihre Fracht ins Institut, wo sie sterilisiert unb auf Flaschen gezogen wirb. Die Flaschen werden verkapselt und plombiert auf andere Weise darf jetzt überhaupt keine Milch mehr in den Handel kommen. Eine Lira und 45 Zentesimi kostet die Literflasche: gänzlich unamtlich ausschauende Burschen bringen sie mit hoffnungs­loser Miene ins Haus: sie wissen, ein Liter bleibt ein Liter, da ist nichts mehr zu machen.

Unb bie Hausfrau strahlt und bie junge Mutter

wagt es, ihrem Bimbo rohe Milch zu trinken zu geben. Bedenken Sie, amico mio, rohe Milch unb boch kein Typhus! Miracolo. Zuweilen kommt es freilich noch vor, baß irgendein Kerl bie Kapsel wegnimmt unb vormussolinische Milch einfüllt. Aber bie Polizei ist mit Luchsaugen hinter ben Panischem her: unb wenn einer erwischt wirb, schließt man ihm kurzerhand bie Bube ...

Lieber die Kunst, einen Vornan zu schreiben.

Jean Paul hat einmal gesagt, baß jeber Mensch ben Stoff zu minbeftens einem Roman in sich trage, ba jebes Menschenleben Tatsachen von allgemeinem Interesse enthält. So könnte also jeber sein eigener Romanbichter werben, wenn er feine Schicksale auf­zeichnete. Freilich, zum Roman-Schreiben gehört nicht nur ein totoff, fonbern unter anberem auch Technik, bie man sich aneignen muß. Wir wissen heute, baß bas künstlerische Schaffen nicht zu ben erlernbaren Dingen gehört, aber anbere Zeiten glaubten bas Gegenteil, unb so mancher hat im 17. unb 18. Jahrhunbert mit Hilfe bes Reimlexikons eine Unzahl von Versen zusammengebracht. Der neuste Verfasser einerTechnik bes Roman-Schrei­bens", ber Englänber Basil Hogarth, lehnt es ab, mit feinen Ausführungen ein Rezept für junge Autoren zu bieten, aber er gibt bann boch eine solche Fülle von Anweisungen unb Fingerzeigen, baß man sein Buch wohl als eine ArtNürnberger Trichter" bezeichnen kann, burch ben jeber sein eigener Romanbichter werben könnte. Wenn ber große englische Erzähler Arnolb Bennett gesagt hat:Die Aufgabe bes Romanbichters ist es, eine gute Geschichte, unb zwar mit bem geringsten Auf- roanb von Mitteln, zu erzählen", so ist bamit frei­lich etwas sehr Einfaches unb zugleich sehr Schwie­riges geforbert. Denn auf bie Gabe bes Erzählens kommt es ja gerabe an. Gewöhnlich bebarf es ent« roeber eines starken Erlebnisses, wie es häufig bie erste Liebe ist, bie so viele ein heftiges Dichter- Fieber burchmachen läßt, ober einer langen Er­fahrung, bie in höherem Alter zu einem nachbenk- lichen Rückblick auf ben zurückgelegten Weg und aus dem Bedürfnis einer Rechenschaft zur Nieder­schrift eigener Schicksale führt. Wells hat einmal gesagt, man müsse die Vierziger. erreicht haben, um das Leben klar zu sehen, und es mit reichen Einzelheiten, mit der nötigen Gerechtigkeit und vor allem mit verstehender Liebe zu gestalten". Tat­sächlich haben sich manche Romandichter, so z. B. Fontane, erst als reife Menschen dieser Gattung zugewandt.