ltt. 218 Zweites Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag, Zeptember 1934
Schnellfeuer auf Atome.
Oie neuesten Fortschritte der Atomzertrümmerung. - Oie Experimente Irene Euries und das „Element 93".
Don Or. W. Sanders. e
miteinander zu tun haben.
nur gelungen sei, mit ganz Atome von 45 chemischen El
neuen Methoden die
Energie in
in neuester denen die wie Stick-
mehr erreichen kann. Sie benutzten sogenannte Wasser st offkanal st rahlen, und tatsächlich gelang es ihnen, schon bei Spannungen von nur 100 000 Volt Lithiumatome in ziemlich umfangreichem Maße zu zertrümmern. Ihr Prinzip beruhte darauf, den Atomkern dauernd mit zahlreicher, relativ kleiner Munition zu beschießen, ihn sozusagen unter Maschinengewehrfeuer zu nehmen — und sie hatten damit bessere Erfolge als die anderen Forscher.
Ein wichtiger Fortschritt auf diesem Gebiet gelang kürzlich Irene Curie, der Tochter jenes be-
, , Elementen zu zertrümmern, sondern daß er auch einen Stoff künst- lich hergestellt habe, den es bisher weder auf der Erde, noch irgendwo im Universum gab: das Element 93. Der italienische Gelehrte erzielte seine Erfolge durch ein Vo nrb a r d e m e n t
nungen erzeugen und erfolgreich zur Atomzertrümmerung verwenden konnten.
Inzwischen hat sich nun herausgestellt, daß solche
von Jahren vergehen, bis diese Form von Strahlen frei wird.
Um so interessanter sind daher die Zeit durchgeführten Experimente, bei
mit „Neutronen" — das sind elektrisch neutrale Teilchen der Atome, deren Existenz erst seit ganz kurzer Zeit überhaupt bekannt ist. Mit dieser winzigen Munition also beschoß er auch solche Elemente, die bisher allen derartigen Versuchen erfolgreich Widerstand geleistet hatten, zum Beispiel das Uran, das in der Einteilung der Elemente an letzter Stelle steht und die Nummer 92 trägt. Soweit sich aus den bisherigen Berichten ersehen läßt, hat bei diesen Experimenten der Atomkern des „bombardierten" Urans eines der Geschosse, ein Neutron, in sich ausgenommen —
Atome nicht-radioaktiver Substanzen, stoss und Lithium, durch ein Bombarde-
v „ , . , Zahl der zertrümmerten Atomkerne weitaus zu
rühmten Ehepaares Curie, dem wir die Entdeckung gering. Noch niemand hat es bisher fertiggebracht, v . «v_v.--------- -e ~ ~ rößere Mengen von Substanzen in ihren
e । Atomen zu zertrümmern — und wenn das (was f vorläufig sehr zweifelhaft ist) wirklich in abseh- : * u i aaGmmam Sntttn hrinn märo h o r r o i «
Nach Deutschland und Frankreich meldet sich nun • 'n weiteres Land mit wichtigen neuen Mitteilung „ ** 'n der An.o-:g:nh::t „Atomzertrümmerung"! zum Wort: Italien. Durch alle Zeitungen der I Welt lief vor kurzem die Meldung, daß es dem be-: kannten italienischen Physiker Prof. Fermi nicht'
uns die foacnannten radioaktiven Elemente (Radium, Uran usw.) gezeiat: ein Teil der Atomkerne dieser seltsamen toloffe „platzt" ohne jeden äußeren Anlaß und dabei wird eine ungeheuer starke Energie entwickelt, die sich in Form jener bekannten durchdringenden Strahluna äußert, die im Dienst der Bekämpfung des Krebses zum unentbehrlichen Heilmittel der Aerzte geworden ist. Könnte man nun diesen Zerfall der Atomkerne künstlich fördern, so hätte man eine ungeheure Quelle von nützlicher Energie. In einem Gramm Radium ist nämlich so viel Energie enthalten, als sich bei einer Explosion von 40 Zentnern Nitroglyzerin entwickelt; es müssen aber Tausende
gewisser — natürlich sehr kleiner — Teil von den Atomen des „bearbeiteten" Magnesiums, Bors und Aluminiums begann von selbst zu zerfallen — und es ließ sich sogar auf chemischem Wege nachweisen, daß gleich eine ganze Reihe von Element-Umwandlungen auf diese Weise erreicht wurde. So entstanden durch die Beschießung des Aluminiums die Atome eines ganz anderen Stoffes, des Phosphors, und die neu entstandenen Phosphor- Atome zerfielen ihrerseits wieder und bildeten (unter Verlust einer elektrischen Ladung) Atome
des Radiums zu verdanken haben. Die junge For- , a i scherin mit dem berühmten Namen machte die I Ai außerordentlich wichtige Entdeckung, daß sich aus ,.o
künstlichem Wege Radioaktivität bei barer Zeit gelingen sollte, dann wäre der Preis
ment mit sehr schnellen Elektronen oder Kernen v - zertrümmert wurden. Bekanntlich gelang es vor auJ neu geschaffene
einiger Zeit den deutschen Forschern A. Brasch Element mit der Nummer 93 gebildet, wenn auch und F. Lange besondere Röhren und Anlagen nur in ro,n3,9en' kaum meßbaren Mengen.
zu konstruieren, in denen sie Millionen-Volt-Span- 1 Das alles ist wissenschaftlich höchst interessant und wichtig — praktisch bedeutsam aber ist es i n keiner Weise, und die daran geknüpften Hoffnungen auf Energie-Gewinnung aus atomaren Kräften gehören vorläufig jedenfalls noch i n d a s Reich der Utopie. Daß man durch ein Bombardement mit gewissen Strahlen Atomkerne dazu veranlassen kann, ein Stück der „Munition" in sich aufzunehmen und damit schwerer zu werden, ist schon seit einiger Zeit bekannt; daß man auch mit Hilfe von Neutronen Atome zertrümmern kann, bedeutet nur eine — allerdings sehr wichtige — Bereicherung der vielen bereits zu diesem Zwecke verfügbaren Methoden, mehr aber nicht! Von einer Energie-Gewinnung aus Atomen aber kann auch nach den neuen Ergebnissen Prof. Fermis gar keine Rede sein — dazu sind vorläufig die in Betracht kommenden „Treffer", das heißt die
gigantischen Energien gcrr nicht nötig sind, um die Atomkerne zu zersprengen. Cockroft und Walton fanden, daß man mit viel kleineren Geschossen
In letzter Zeit häufen sich die Meldungen Stoffen erzeugen läßt, die normalerweise keinerlei über immer neue, immer überraschendere Neigung zeigen, von selbst zu zerfallen. Irene Curie Erfolge auf dem Gebiete der Atomzertrüm- setzte einige recht „harmlose" Stoffe — Aluminium, merung — und im Zusammenhang damit Bor und Magnesium — unter besonderen Ver- ist bereits von phantastischen Hoffnungen suchsbedingungen dem Strahlen - Bombardement auf „Energlegewlnnuna aus Atomen" die eines sehr starken Radium-Präparates aus und Rede, die angeblich unsere Kraftwerke dem- : erreichte auf diese Weise, daß die bombardierten nächst überflüssig machen sollen. Was ist nun Substanzen selb st radioaktiv wurden. Ein von diesen sensationellen Berichten zu halten?
Wir haben unseren Fachmitarbeiter gebeten, uns über den gegenwärtigen Stand des immer mehr in den Brennpunkt des Interesses rückenden Problems „Atomzertrümmerung" zu berichten.
Was Atome sind, weiß heute fast schon jedes Kind — schon längst hat die Wissenschaft herausgefunden, daß die letzten Bausteine aller Materie aus einem positiv geladenen Atomkern bestehen, um den die negativen Elektronen kreisen, wie die ; rc. . ■ —-----
Planeten um die Sonne. Die Atome selbst aber ?es Elements Silizium. Das ist immerhin em feit- interessieren die Oeffentlichkeit zur Zeit weniger als 'ame5 Durcheinander, wenn man bedenkt, wie die Versuche, die noch vor kurzem von der Wissen- wenig Aluminium und Phosphor oder Silizium schäft für „unteilbar" gehaltenen Atomkerne miteinander zu tun haben, auf künstlichem Wege zu zertrümmern und damit einen Grundstoff in den anderen umzuwandeln, ein Daß die Natur selbst eine solche Atomzertrümme- gen in^ der ^Angelegenheit rung ständig im größten Maße durchführt, haben
der neu gewonnenen Energie sicherlich sehr viel höher, als etwa die Unkosten für Kraftgewinnung aus Kohle oder Benzin
Noch stehen wir auf diesem Gebiet durchaus am Anfang, noch haben wir nur einen Zipfel von jenem Schleier gelüftet, der uns die Erkenntnis vorn Wesen der Materie und ihrer letzten Bestandteile verhüllt. Aber in fast allen Ländern der Erde wird mit gewaltigen Mitteln fieberhaft an der Lösuna der hier vorliegenden Probleme gearbeitet — und niemand kann Voraussagen, welche Ueber- raschungen sich hierbei noch ergeben werden.
Oer Vertrieb der Feuerschutzbroschüre ist gestattet.
Die Landesstelle Hessen-Nassau des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda teilt mit:
Die Wichtigkeit der Feuerschutzwoche vom 17. bis 23. September ist von allen führenden Stellen im Deutschen Reich anerkannt. Menn es gilt, dem deutschen Volk Sach- und Lebenswerte zu erhalten, die
alljährlich den Flammen geopfert werden, darf niemand zurückstehen. An alle geht der Ruf: „Helft mit ^Brände zu verhüten! — Brandschaden ist Land-
Der Reichsschutzmeister Schwarz in seiner Eigenschaft als Bevollmächtigter des Führers hat im Einvernehmen mit dem Reichsministerium der Finanzen unter dem 13. September 1934 den Vertrieb der Feuerschutzbroschüre im Rahmen der vom Reichsministerium des Innern angeordneten Feuerschutzwoche genehmigt.
Der Verkauf der Feuerschutzbroschüre „Brandschaden ist Landschaden" erfolgt durch die Feuerwehrleute, Mitarbeiter der NSV., sowie der NSV. nahestehende Personen.
Die Stellungnahme des preußischen Ministers des Jnnnern zum Vertrieb von Schriften anläßlich der Feuerschutzwoche ist, laut Runderlaß II D. 2411. IV vom 21. August 1934 wie folgt:
Durch beschleunigte Zusammenarbeit der Stellen, die gewerbe- und verkehrspolizeiliche Fragen zu bearbeiten haben, ist dafür Sorge zu tragen, daß der Vertrieb von Schriften polizeilicherseits in jeder Weise gefördert wird.
Vom Manuskript zur Aufführung.
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Blick in das Ausstellungs-Schaufenster.
Unter diesem Motto veranstaltet das Gießener Stadttheater gegenwärtig in einem Schaufenster der F erb er sch e n Buchhandlung im Seltersweg eine Ausstellung, die mit Zustimmung des Intendanten von dem Stadttheater- Dramaturgen Paul Nieren geschaffen wurde. Die Ausstellung will der Oeffentlichkeit zeigen, wie weit und mit wieviel Stationen versehen der Weg ist, den ein Bühnenwerk vom Manuskript bis zur Aufführung zurücklegett muß.
Die interessante Schau geht von den Prospekten der wichtigsten Bühnenverlage aus, weist bann auf die erste Tätigkeit des dramaturgischen Büros in Gestalt des Bestellbriefes hin, dem die Leseexemplare folgen Nun geht das Manuskript reihum; das Buch kursiert im Regiekollegium, dessen Mitglieder unabhängig voneinander ihre Meinung auf einer Urteilskarte niederschreiben, die in einer Kar
tothek aufgehoben wird. Daraus gewinnt das Theater eine Heberfidjt über das Schaffen der Bühnenliteratur. Sodann folgt der Abschluß des Aufführungsvertrags mit dem Verlag, wobei mancherlei Klauseln aufmerksam zu beachten sind. Der nächste Schritt ist die Regiesitzung, bei der die Intendanz und die Bühnenvorftände gemeinsam über den Spielplan, Rollenbesetzungen usw. beraten. Dann folgt der Rollensatz, d. h. das Material, wie es von den Schauspielern zum Lernen benutzt wird. Heber das Regiebuch, das Inspektionsbuch und das Soufflierbuch geht's weiter zum Besetzungszettel, der den Namen des Stückes, des Regisseurs, des Inspizienten, sowie Mitteilungen über die Besetzung der einzelnen Rollen aufweist. Vom Probenbuch, in dem sämtliche Proben und Aufführungen eingetragen werden, über den Probenzettel und den Strafzettel (dieser für Verfehlungen im Dienst, Zu»
kmlls zur Geltung kommt.
Musiker und Mathematiker.
Ein Kapitel über Vererbung und Begabung.
„Maskerade."
Lichtspielhaus.
Dieser Film ist, wie wir hören, einer der großen Erfolge der neuen Produktion und hat in Berlin in den ersten drei Wochen eine Rekordbesucherzahl > gebracht. Das Merkwürdigste an diesem Erfolg ist wohl, daß der Film ein Thema behandelt, welches luns heute einfach nichts mehr angeht: einen feit »einem Menschenalter verschollenen Wiener Skandal
ker Hans Moser, den man in letzter Zeit häufig sah. Auch sogar die Stimme des toten Caruso ist zuletzt in all ihrem strahlenden Glanz zu vernehmen. —
ll cherlich wirkenden Modenschau von anno dazu- ri.al zu entgehen. Außerdem Ist der Fi'rn sehr ge- scyickt, stellenweise sogar mit Raffinement photo- psaphiert, in Ton und Bildschnitt abgestimmt und fi ab gepaßt, daß jeder der zahlreichen Effekte und
Das Zusammengehen der musikalischen und der mathematischen Begabung ist eines der mteressante-
»au3 dem Jahre 1905; eine Affäre, die in mehr als seiner Hinsicht gewagt genannt werden muß, Text- Luch für einen regelrechten Theaterreiber großen Stils und mit allen Mitteln. Man könnte bei manchen Bildern an eine Gesellschaftsszenerie von Sar- itiou denken und bei manchen Effekten an Sudermann. Diese Gestalten im Kostüm von vor dreißig fahren muten gelegentlich gradezu gespenstisch an, Ddwohl die Aelteren unter uns doch noch aus eigenem Erlebnis und eigener Anschauung den Anschluß an diese Vergangenheit mühelos herzustellen
Die Inszenierung leitet der aus vielen Filmen bekannte Bonvivant Willi F v r st, der sich bisher :aum als Regisseur DorgefteUt hat, hier aber eine tarfe und vollkommen überzeugende Probe seiner Begabung auch für nicht darstellerische Leistungen iefert er gibt genau das, worauf es ankommt: keine Bilder haben wirklich die Atmosphäre, die Ge-. a ellschaft und den Lebensstil erfaßt und lebendig ften Phänomene, denen wir bei der Beobachtung <3emad)t, der unter dem Kennwort „Wien 1905" der über die Vererbung geistiger Anlagen begegnen. .Wandlung die eigentümliche und schon so verblüf- Fast regelmäßig kann festgestellt werden, daß f-nd historische Einkleidung gegeben hat, obwohl mathematische Größen zugleich musikalisch begabt man in gewissen Einzelzügen (des Kostüms z. B.) sind, obzwar es auch Ausnahmen gibt, wie Abel, t?wußt stilisierte, um der Gefahr einer nur I Lagrange und Klein. Selbstverständlich ist damit
sind, obzwar es auch Ausnahmen gibt, wie Abel, ! Lagrange und Klein. Selbstverständlich ist damit ! nicht gesagt, daß beide Begabungen zu schöpferi- i scher Leistung befähigen müssen, aber hie Anlage ' ist doch zumeist unverkennbar.
I Ganz allgemein ist die mathematische Begabung , v__, 7... _||we ' in bezug auf die Vererblichkeit von allen geistigen
erraschungen mit der Präzision eines Theater-1 Anlagen am leichtesten festzustellen. Ein interessan- lls zur Geltung kommt. I tes Beispiel dafür ist die Familie B e r n o u 111
Die große Entdeckung dieses Films ist, wie bereits allenthalben festgestellt wurde, die junge Schauspielerin Paula Wessely: äußerlich ist ihre Erscheinung durch eine merkwürdige Doppelähnlichkeit mit Lucie Höflich und mit der Tschechowa ge- kenntzeichnet, die übrigens selber auch hier mitspielt. Die Wessely ist eine große und ursprüngliche Begabung; sie spiell klar, natürlich, mit ganz einfachen Mitteln, mit Gefühl und sogar mit Humor; KUW,H wunderschön ist die Liebesszene, weitaus das Wert- iiener Skandal ^."ste a,m ganzen Film, und man wird hier und spater wieder daran erinnert, daß die Wessely auf
Im Beiprogramm gibt es u. a. die neue Wochenschau mit den ersten Aufnahmen vom Reichspartritag und vom Iugendaufmarsch in Frankfurt. Ferner einen Vorspann zu „Charleys Tante" mit Paul Kemp. —r—
der Sprechbühne mit der Rose Bernd begonnen hat und eigentlich schon da „entdeckt" worden ist.
Ihr Partner ist im Film bereits bekannt: W o h l- b r ü cf, der knapp und scharf einen fast dämonischen Kavalier darstellt. (Solche Mephistos im Frack von 1905 können einem Schauspieler leicht gefährlich werden.) Die Tschechowa spielt eine Dame, die man eigentlich nur ein Biest nennen kann, aber sie spielt sie vorzüglich; ebenso sicher und treffend Hilde von Stolz als Gerda. Sehr zu beachten ein vermögen ' " ~ , neuer Name: Peter Petersen; außerdem Walter
Sehen wir also von der Fabel ab, die leicht als ' p a n H e n 3ulia Serba und der Wiener Komi- eine neue Bestätigung der oft genug getroffenen Feststellung aufgefaßt werden könnte, daß es dem rechnisch, regiemäßig und darstellerisch so hoch entwickelten Film unserer Zeit an wirklichen guten, wirklich großen und wertvollen Stoffen fehle, — so erklärt sich der Erfolg am zwanglosesten aus dem Eindruck, daß dieser Film in der Tat ausgezeichnet sßemacht ist, und daß er technisch, regiemäßig und darstellerisch jene Qualitäten aufweist, von denen weben die Rede war.
mit ihren acht Musikern, auf die Dr. von Behr- Pinnow in der Frankfurter Wochenschrift „Die Umschau" hinweist. Die acht Mathematiker Bernoulli haben sowohl arithmetische wie geometrische Begabung und zu diesen beiden Faktoren kommen, wenn auch nicht bei allen, so doch bei den meisten, die physikalische und häufig auch die obenerwähnte musikalische hinzu. Nicht in allen Fällen ist eine Feststellung über die Vererbung geistiger Anlagen indes so leicht zu treffen wie in bezug auf die mathematische Begabung. Eine Reihe von Bealeit- umständen erschweren die Forschungsarbeiten, denn die Beeinflussung durch andersartige seelische Erbfaktoren und körperliche Bedingungen, wie Unterstützung durch Gesundheit und Behinderung durch Krankheit oder Schwäche ist oft von großer Bedeutung. Vielseitigkeit der Begabung kann leicht irreführen, und auch die Umweltseinflüsse, wie Berufsbestimmung durch den Vater, Wechsel des Aufenthaltsortes oder das Auftauchen neuer möglicher Berufe erschweren die Ermittlung der Dererbungs- tatsachen. Vor allem haben wir noch keine zuverlässige Kenntnis der Erbfaktoren, welche für die Begabung in Frage kommen; für die Vererbung der musikalischen Begabung werden beispielsweise von den verlchiedenen Forschern sehr unterschiedliche Erbfaktoren angenommen. Auch ist das Erbgut der Mutter, das in der Vererbung eine bedeutende Rolle spielt, oft schwer abzuschätzen, da das Offenbarwerden der geistigen Begabung der Frauen allgemein unter ungünstigeren Verhältnissen gestanden hat als bei Männern. Behr-Pinnow führt als Beispiel Sophie von la Roche und ihre weibliche Deszendenz an. Ihre Tochter Maximiliane, die mit dem etwas materiell denkenden Kaufmann Brentano verheiratet war, konnte in seelischer Bedrücktheit und übergroßem Zeitaufwand zur Betreuung ihrer eigenen Kinder und ihrer Stiefkinder ihre geistigen Anlagen nicht weiterentwickeln. Dagegen fand ihre Tochter Bettina in von Arnim einen Gatten, der ihr geistesverwandt war, so daß ihre geistige Begabung sich frei entfalten konnte. Aehnlich günstige Umstände wirkten sich bei ihren Nachkommen aus. Jedenfalls vermögen Frauen das Erbgut des Mannes erheblich zu verschlechtern ober zu verbessern. So hat der Komponist Franz Anton von Weber, der mit der Familie Bach verschwägert war, aus erster Ehe musikalisch nur mittelbegabte Söhne, während aus seiner zweiten Ehe mit einer hochrnusikalischen Frau der Komponist Carl Maria von Weber entsproß.
Jahrhundertelange Kultur, Wohlstand und Bodenständigkeit, sowie wenigstens vorwiegende Wahl der Frauen aus Familien, die in diesen Punkten gleich
artig sind, bieten dem Forscher die beste Gelegenheit, die Vererbung geistiger Anlagen zu untersuchen, vor allem weil hier auch das genealogische Interesse gepflegt wird und zahlreiche Familien- aeschichten und Porträts die Ahnenreihe leicht erkennen lasten. Ein ungewöhnliches Beispiel dafür, daß auch Inzucht zur Erhaltung und Förderung der Begabung wirken kann, ist die Familie des Kulturhistorikers Jacob Burckhardt aus Basel. In einer Stammtafel der Familie Burckhardt, dis sich auf zehn Generationen erstreckt, ist 37mal unter den väterlichen Ahnen der Name Burckhardt zu finden und dreimal unter den weiblichen Ahnen. In der zehnten Generation haben alle diese Familienmitglieder einen gemeinsamen Stammvater. Eine ungewöhnlich große Anzahl tüchtiger und hervorragender Persönlichkeiten ist in dieser Familie vertreten. Aber ganz abgesehen von diesem besonderen Fall, erleichtert selbstverständlich eine genaue Kenntnis der Vorfahren, ihrer Fähigkeiten, ihres Charakters und ihrer Gesamterscheinung dem Erbforscher die Feststellungen über die Vererbung der geistigen Anlagen. Im Hinblick auf die Gestaltung sozialer Prognosen und nicht am wenigsten auch für die Geschichtsschreibung und -forschung sind solche Untersuchungen jedenfalls von hohem Wert. „Es gilt nicht nur festzustelleri, „wie es eigentlich gewesen ist", sondern bei der Untersuchung, warum es so kommen mußte, die führenden Persönlichkeiten erbbiologisch zu prüfen und dabei zu untersuchen, wieweit ihnen ihr Erbgut das Gesetz des Handelns vorgeschrieben hat. Je weiter die Zeiten zurückliegen, desto schwieriger wird allerdings ein solches Beginnen, und es wird auch oft unmöglich fein; nicht aber ist das für die kürzlich verflossenen und die jetzigen der Fall. Wesentlich ist jedenfalls, daß die Biographien von Führern und Forschern, von Dichtern, Musikern und Künstlern in ihren Büchern das Erbbiologische niemals außer acht lassen sollten."
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Am 19. September feiert der Jenaer Rechtslehrer Geh. Justizrat Professor Dr. Dr. phil. h. c. Rudolf Hübner den 70. Geburtstag. Hübner habilitierte sich 1891 in seiner Vaterstadt Berlin unö lehrte bann in Bonn, Rostock, Gießen und Halle, bis er 1921 nach Jena berufen wurde. Seine Arbeiten behandeln das deutsche Privatrecht, ferner die ältere und neuere deutsche und englische Dersassung»- geschichte. t ----------


