Nr. M Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)Montag, 18.MU9Z4
Vizekanzler von Papen in Gießen.
Aus her Provinzialhaupittadt
Was ist Zimmerlautstärke?
Die warmen Tage sind da. Die Fenster werden geöffnet, damit die kühle Abendluft einströmen kann. Aber o weh! Zu gleicher Zeit ertönt das Rundfunkgerät unseres Nachbars. Und wenn wir durch die Straßen gehen, dann hören wir Musik, Vorträge, Mitteilungen ...
Ueberall, auf den Valkonen, in den Lauben, in den Zimmern stehen die Lautsprecher und füllen die Umgebung mit ihrem Schall. Die Liebhaber des Rundfunkes mögen den Genuß nicht entbehren. Sie wollen überall da, wo sie sich geraoe befinden, auch ihren geliebten Lautsprecher vernehmen. Es gibt ja Geräte, die kann man im Auto mitnehmen, so daß wir selbst mitten im Walde die schönste Musikübertragung haben können. Freilich, im Walde sind keine Nachbarn. Gut ist es allerdings, daß wir nicht verstehen, was die Vögel dazu sagen.
Aber in der Stadt? Da gibt es gar viele Ohren und gar viele Vorwürfe. Man will eine wichtige Arbeit vornehmen. Die Luft im Zimmer ist uns zu schwül. Die Fenster auf! Und schon hören wir vom Nachbarn links die letzten Börsenkurse, vernehmen die Preise für Kühe und Kälber. Das ist bitter, sehr bitter. Soll man nun deswegen Krach schlagen? Aber die Freude an der Arbeit wird beträchtlich gestört. Setzen wir uns auf den Balkon, dann ist es noch schlimmer. Von allen Seiten stürzt es auf uns ein: Musik, Vorträge, Mitteilungen usw.
Wie oft sind die Rundfunkempfänger schon ermahnt worden, ihre Geräte auf Zimmerlautstärke einzustellen. Aber was ist das? Ein leerer Begriff für viele. Was dem einen als leise Musik erscheint, das empfindet der andere als Ruhestörung. Zimmerlautstärke praktisch zu bestimmen, ist schwer. Aber eins ist nicht schwer: Nämlich Rücksicht nehmen auf den Nachbarn. Willst du auf deine Musikübertragung nicht verzichten, dann mußt du schon das kleine Opfer bringen und die Fenster schließen. Und es gibt Fälle (Krankheit des Nachbars u. ä.), da muß der Lautsprecher einmal ganz schweigen.
Gewiß soll sich jeder Volksgenosse am Rundfunk erfreuen. Aber auch hier darf ein bestimmtes Maß nicht überschritten werden.
Es gibt Leute, die ihren Lautsprecher vom Morgen bis zuin Abend ununterbrochen „arbeiten" lassen. Es geht bei ihnen wie am laufenden Band. Sie sind das so gewöhnt. Sie lesen ihre Zeitung dabei, sie essen zu Mittag, zu Nacht, sie gehen aus, der Lautsprecher tönt ruhig weiter. Und wenn man sie fragt: Hörst du denn auch alles?, so antworten sie: Nein! Ich bin nur so daran gewöhnt. Es ist für sie das zum Leben nötige Geräusch geworden. Ohne Rundfunk können sie sich ihre Umgebung nicht mehr denken.
Und diese Alleshörer sind daran schuld, daß der Rundfunk noch so manchen Gegner hat. Bei Tage kann man schon einmal etwas Lärm v'ertragen. Abends aber will man seine Ruhe hc^ben. Wenn an heißen Tagen die Fenster geöffnet sind, wenn unsere N^chbcrrn schlafen wollen, dann ist es doch selbstverständlich, daß wir darauf Rücksicht nehmen.
Wer in seiner Mußezeit das Programm sorgfältig studiert lind sich dann die entsprechende Sendung aussucht, der erfreut sich und seine Angehörigen. Er soll dabei aber auch an seine Nachbarn denken, entweder die Fenster schließen, oder so leise einstellen, daß es nicht über die vier Wände hin- ausdrinat. Zarte Musik zart eingestellt ist doch auch schön.
Erinnern wir uns beim Empfang unserer geliebten Musik daran, daß wir nicht allein auf der Welt sind, daß wir nicht draußen auf einer einsamen Mühle oder im Bahnwärterhäuschen wohnen, sondern mitten unter Menschen. Zeigen wir auch hier, daß wir gewillt sind, in der Volksgemeinschaft zu leben und sich einzufügen!
M.
Daten für Montag, 18. Juni.
1675: Schlacht bei Fehrbellin (bis 28. Juni); — 1757: Sieg der Oesterreicher über Friedrich den Großen bei Kolin; — 1815: Schlacht bei Belle-Al-
gestrigen Sonntagvormittag erklang über unserem Gießener Flughafen plötzlich das Geräusch schwerer Motoren einer Flugmaschine. Wenige Minuten später landete in majestätischem Gleitflug eine der bekannten riesigen dreimotorigen Junkers- Verkehrsmaschinen. Die Landung vollzog sich glatt.
Rur kurze Zeit vorher war durch einen Funkspruch von Berlin gemeldet worden, daß sich Vizekanzler von Papen im Flugzeug auf der Reise nach dem Flughafen Gießen befinde, um dann von hier aus im Kraftwagen nach 2Har- burg zu fahren.
Als Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden erschien kurz vor der Landung des Flugzeuges Oberregierungsrat Dr. Schön hals auf bm Flughafen. Fast gleichzeitig mit ihm trafen im Kraftwagen von Marburg her die Herren Rektor Bauer und Prof. Vers-e ein, um den Vizekanzler im Namen der Universität Marburg willkommen zu heißen. Für die Gießener Polizei waren die Herren Hoffmann, Schönefeld und Beate erschienen.
Dem Vizekanzler wurde, als er dem Flugzeug entstieg, herzlicher Willkomm zuteil. -In seiner Begleitung befand sich sein persönlicher Adjutant, Herr von S ch i r s ch k y. Kurz nach der Ankunft verließen die Herren in Begleitung der Marburger Herren und mit Oberregierungsrat Dr. Schönhals in Kraftwagen den Flughafen.
Vizekanzler von Papen interessierte sich sehr für die Stadt Gießen, und so fuhren die Kraftwagen zunächst zu den markantesten Punkten unserer Stadt, um schließlich dann über die
Marburger Straße Gießen zu verlassen.
Nachdem verschiedenen Gießener Herren Gelegenheit gegeben worden war, die Flugmaschine kennenzulernen, außerdem auch einen Ausflug nach Frankfurt in der Maschine mitzumachen und dadurch das Flugzeug über unserer Stadt erschien, wurde die Bevölkerung aufmerksam und allmählich drang die Nachricht durch, daß Vizekanzler von Papen im Flugzeug im Flughafen angekommen war. Im Laufe des Nachmittags setzte infolgedessen ein reger Verkehr nach dem Flughafen ein.
Die Freiwillige Sanitätskolonne, die in Erwar- : tung eines größeren Menschenzustromes benachrichtigt worden war, nahm die Gelegenheit wahr, ihre Mannschaften im Alarm zusammenzurufen und nach dem Flughafen zu beordern. Die Sanitätskolonne konnte dabei das sehr erfreuliche Ergebnis verzeichnen, daß insgesamt 32 Mann, ein Arzt und vier Helferinnen erschienen waren, die dann zum Teil in Kraftwagen nach dem Flughafen gebracht wurden. Dieses Ergebnis ist um so erfreulicher, als doch zu gleicher Zeit Mannschaften an der Fahrt der Kriegsbeschädigten nach Gladenbach teilnahmen
liance, Blüchers Sieg über Napoleon; — 1933: Baldur von Schirach zum Reichsjugendführer ernannt.
NSDAP., Amt für Volkswohlfahrt.
kreisamlsleikung Gießen.
An sämtliche Ortsgruppen- und Stützpunktleiter der NS.-Volkswohlfahrt des Kreises Gießen.
Die Ortsgruppen- und Stützpunktleiter werden hierdurch ersucht, am heutigen Montag, den 18. Juni, sehr eilende und dringende Sachen abzuholen (Amtsgericht, Zimmer 202). Für nicht pünktliche Abholung der Sachen haben dieselben die Verantwortung zu tragen, da sehr kurzfristige und wichtige Termine gestellt sind.
Heil Hitler!
gez. K l ö ß, Kreisamtsleiter der NSV.
F. d. R.: gez. Mohaupt, Kreisgeschäftsführer.
und außerdem nicht weniger denn vier Wachen gestellt wurden. Die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz gab erneut den Beweis ihrer überraschenden Schlagfertigkeit.
Im Flughafen herrschte am Nachmittag reges Leben. Gegen 18 Uhr wurde die Rückkehr des Vizekanzlers von Papen — er hatte zur Festversammlung des Unioersitätsbundes Marburg gesprochen — erwartet. Seine Wiederankunft verzögerte sich aber etwas. Erst etwa 15 Minuten nach 19 Uhr traf Vizekanzler von Papen im Kraftwagen auf dem Flughafen ein.
Er wurde von der Menschenmenge, die sich auf der Terrasse eingefunden hatte, überaus herzlich mit „Heil!"-Rufen begrüßt. Er dankte mit erhobener rechter Hand. Zur Verabschiedung hatten sich neben dem bereits erwähnten Oberregierungsrat Dr. S ch ö n h a l s , den Herren der Polizei, auch Standartenführer fünfer, Obersturmbannführer Höbel, ferner Bürgermeister Dr. Hamm als Vertreter der Stadtverwaltung, Graf Solms- Laubach als Führer der Fliegerortsgruppe Gießen, und verschiedene andere Herren eingefunden. Nachdem die letzten Anordnungen für die Rückreise nach Berlin getroffen worden waren, nachdem sich Vizekanzler von Papen von den Vertretern der staatlichen und städtischen Behörden und der verschiedenen Organisationen mit Händedruck verabschiedet hatte, bestieg er unter erneuten stürmischen Abschiedsrufen der großen Menschenmenge das Flugzeug.
Die drei Motoren der Junkers-Flugmaschine, die schon kurz vorher angeworfen worden waren, Uesen mit voller Kraft, die Flugmaschine drehte bei und kam auf der Rollbahn sehr rasch in Fahrt. Der Vogel hatte kaum 100 Meter Strecke auf der Rollbahn zurückgelegt, als er sich auch schon vom Boden abhob und in sicherem Flug von der Kraft der Motoren höher und höher getragen wurde. Zur Freude der Anwesenden kurvte das Flugzeug, das von Flugkapitän Stein b eck geführt wurde, noch einmal über das Flughafen-Gebäude, um sich dann in nordöstlicher Richtung zu entfernen.
DA — ADYL „Lothar von Richlhofen".
Im Laufe des Nachmittags wurde der riesigen Junkers-Verkehrsmaschine großes Interesse entgegengebracht. Besonders die Jugend war begeistert. Es handelte sich um eine dreimotorige Maschine, die den Namen „Lothar von Richthofen" führt und auf den Flügeln die Vuchstaben-Bezeichnungen DA — ADYL trägt. Der große Vogel, der eine erhebliche Spannweite hat, wiegt im Rüstgewicht nicht weniger denn 5465 Kilogramm, kann eine Zuladung von 3735 Kilogramm aufnehmen, so daß sein Fluggewicht bis zu 9200 Kilogramm betragen kann. Das Flugzeug kann 18 Passagiere befördern. Es ist mit drei großen BMW.-Motoren ausgerüstet.
Deutsche Arbeitsfront.
Ich habe festgestellt, daß in verschiedenen Betrieben (insbesondere Kleinbetrieben) die Neueinteilung und Umgruppierung noch nicht vorgenommen wird.
Alle Kreisbetriebszellenobmänner und die von diesen bestimmten Ortsgruppenwalter der DAF. sind mir verantwortlich, daß der gestellte Termin für die Umgruppierung eingehalten wird. Alle Ver- Vertrauensrnänner in den Betrieben werden hiermit angewiesen, im Interesse der DAF. die Neugruppierung in ihren Betrieben zu fördern.
In Betrieben, in denen noch keine Anweisung erfolgt ist, muß die Verbindung mit den zuständigen Ortsgruppenwaltern der DAF. sofort ausgenommen werden.
Hiel Hitler!
Gez.: Becker, M. d. R.
Landesobmann der NSBO. und Bezirkswalter der DAF., Bezirk Hessen und Hessen-Nassau.
Elternabend des Unterbannes 1/116 der Hitlerjugend.
Am Samstag veranstaltete der Unterbann 1/116 der Gießener Hitler-Jugend im Saale des Eafä Leib seinen diesjährigen Elternabend. Musikzug-, Singkreis- und Spielschar hatten alle Kräfte eingesetzt, um den Abend aufs beste auszugestalten, und ihr Können unter Beweis zu stellen. Der Musikzug eröffnete mit dem Petersburger Marsch die Vortragsfolge. Es erfolgte dann der Einmarsch der Fahnen in den Saal, der selbst in schlichter Weise mit den HJ.-Fahnen geschmückt war.
Nach einem Vorspruch eines Hitlerjungen „Wir brauchen Jungen" begrüßte Unterbannführer S. C l a r i u s die Anwesenden, insbesondere die Eltern der Jungaenossen: Daß gerade die ältere Generation dem Rufe der Jugend Folge geleistet habe, sei der schlagende Beweis dafür, daß in der Weltanschau des Nationalsozialismus, der ja alle diejenigen, die noch geistig jung und unverbraucht seien und d>e jugendliche Begeisterungsfähigkeit noch besäßen, in seinen Bann ziehe, der Unterschied zwischen alter und junger Generation unmaßgeblich sei. Es gelte nur noch d i e eine große Tat - und Opfer- Gemeinschaft. Da gerade die Jugend für Deutschland von größter Bedeutung sei, bilde ihre Formung und Erziehung die Hauptaufgabe der HI. Gerade heute komme es darauf an, daß die junge Generation sich in einer harten Schule für ihre Aufgaben vorderste. Wie vor der nationalen Revolution sich der Kampf der HI. gegen das System gerichtet habe, so erkämpfe sie jetzt die Einheit der deutschen Jugend. Auch auf kulturellen Gebieten lägen große Aufgaben für sie vor. Von eben diesem Wollen der HI. sei auch der heutige Abend beseelt. Die durch nichts zu trennende Zugehörigkeit zu dem ewigen Strom des deutschen Blutes sowie die Verbundenheit mit der deutschen Scholle seien die Grundpfeiler unseres Wissens, aus dem heraus Verpflichtungen und Aufgaben erwachsen.
Die folgenden Darbietungen des Singkreises standen hinsichtlich ihres musikalischen Vortrages auf beachtlicher Höhe. Die Auswahl legte besonderen Wert darauf, altes und neues Volksgut zur Geltung kommen zu lassen. Als erstes tarnen die „Island- fischer", ein flämisches Volkslied des 16. Jahrhunderts, zu Gehör. Auf das bekannte Ostlandlied folgte der ausdrucksvolle Kanon „Flamme empor" in der Tonfassung des berühmten Kirchenmusikers Praeto- rius. Die nun folgenden Lieder entstanden zum größten Teil in den Reihen der HI. selbst („Wir ziehen auf stillen Wegen", „Der Himmel grau und die Erde braun", „Leuchtend bauen in die Ferne".)
In der Pause bot eine Verlosung Gelegenheit, allerlei praktische Gegenstände zu gewinnen, die in anerkennenswerter Weise von Gießener Firmen und städtischen Betrieben gestiftet waren. Der Mu- sikzug wartete unterdessen mit fünf flott gespielten Märschen auf.
Den zweiten Teil des Abends füllte die Aufführung des Spieles der „Steile Weg" von Brombacher. Die Schmach und Not der Nachkriegszeit, das Erscheinen des Führers, sein Kampf und der Sieg seiner Idee gelangten in dramatischen Bildern zur Vorführung. Der bühnentechnische Aufbau mit den optischen und akustischen Hilfsmittel war geschickt inszeniert. Hinzu kam, daß alle Darsteller mit größtem Ernst sich ihren Rollen einzufüaen wußten, und die Sprechchöre klanglich wie darstellerisch packende Ueberzeugungskraft verliehen.
Reicher Beifall lohnte alle Darbietungen. Ein Schlußmarsch des Musikzuges sowie das gemeinsam gesungene Lied der Hitlerjugend bildeten den Ausklang des wohlgelungenen Abends.
Oie ersten deutschen Frühkartoffeln.
Die ersten deutschen Frühkartoffeln werden auf den Wochenmärkten der deutschen Hausfrau zum Kauf angeboten. Der deutsche Bauer hat mit großer Mühe und Sorgfalt im Frühjahr die Saatkartoffeln in den wohlvorbereiteten Boden gelegt und rechnete trotz der in der letzten Zeit empfindlich gewordenen Trockenheit auf eine leidliche Frühkartoffelernte. Mit einer gewissen Ungeduld erwartet er die Erntezeit für seine Frühkartoffeln, denn
und von
seinem Schwiegervater geerbt, dem seligen Kapitän Breitsprecher, der bis in seine Sterbestunde im Garten gerackert hatte und im Frühjahr gegen Abend tot unter den Himbeeren aufgefunden wurde. Nante Plunk hat Zeit seines Lebens nicht viel mit der Arbeit im Sinn gehabt. Wohl pusselte er am Hause herum, hielt auch den Garten einigermaßen in Ordnung, wusch auch die Badezellen am Fluß hin und wieder auf. Sonst aber saß er entweder zu Tisch ober in ber Laube.
Was er vor seiner Hochzeit eigentlich getrieben hatte, ist nie herausgekommen. Er gehörte zu ben Menschen, bie wohl alles können, sich aber boch mit dem begnügen, was ihnen gerade in den Weg läuft. Manche betreiben bann im Winter eine Eisbahn ober eine kleine Vermittlung mit Inkasso ober sonst eine bescheibene Verrichtung, bie sie gerabe so leben läßt. Meist find bas lebenserfahrene und besinnliche Leuts, bie ihre viele Zeit zum Grübeln be
Weinlaube gefrönt hatte, konnte nichts passieren. Auch ber Herr Bürgermeister, bie Herren Professo-
Nante piunf.
(Nn Porträt von Ulrich Sander.
Die Bleiche, die Badeanstalt, einen Eiskeller das kleine Haus an der Stadtmauer hatte er
Einnahmequelle, nämlich aus der gewinnbringenden Beschäftigung mit dem heimlichen Verkauf von Spirituosen und Rauchwaren. Nachdem der Poli-
stoßen, immer aber den Reiz der Eigenart haben.
Nante Plunk fand volle Befriedigung in seinem tausendfältigen Leben auf engem Raum. Bis vormittags 10 Uhr badeten die Damen, währenddessen er sich gefälligst in der Entfernung zu halten hatte. Einmal der Schicklichkeit wegen, dann aber — so wollte es seine ben Damen aufmartenbe Frau —, weil er nicht zu ben allerschönsten Männern gehörte Seine Hautfarbe war rotbraun, bie kleinen listigen Augen verschwanben unter mächtigen Buschen, bie Nase hatte sich unförmig erweitert unb glich einer glühenben Kartoffel. Dies nur scheinbar brummige Gesicht saß meist unter einer weißgeschirmten Leinenmütze unb mürbe abgeschlossen von einem hängenben Schnauzbart, ber ben Mund fast völlig verdeckte, vielleicht weil er nur ganz wenig gebraucht wurde. Merkwürdigerweise ging der breite, ein wenig schwere Mann immer in braunen Segelschuhen mit Lackkappen und Gummisohlen, von denen erzählt wurde, er nähe sie selber aus Autoreifen. Das mag gestimmt haben, denn er war ausnehmend geschickt. Was er anfaßte — es war nicht viel — aber es gelang.
Wunderschön war die geteerte Bretterlaube, tief unter wildem Wein begraben, dunkel und schattig, so im Dämmern, daß man bet grellstem Sonnen
nutzen und zu Erkenntnissen kommen, die über den , .. ..... .. ...., . ... ___________ ... n____
Gesichtskreis des behaglichen Spießbürgers weit' zeiinspekteur selber dem unerlaubten Genuß in der hinausgehen, oft geradezu gegen den Brauch ver- Weinlaube gefrönt hatte, konnte nichts passieren.
schein nicht sehen konnte, ob Nante Plunk auf ber Bank saß ober nicht. Es richtig zu sehen, hatte seinen Grunb, benn mancher Schuljunge wollte seinen Babegroschen sparen unb mit nassem Haar um bie Laube flitzen. Nante hatte es immer gemerkt, so baß meist ber Weg über bie Dächer ber Zellen genommen werben mußte, ber aber ben Nachteil hatte, baß ein gewisser, nicht gebecfter Raum übersprungen werben mußte, wobei ein Fehlsprung auf bie schmale Schlußwanb ganz ungeheuerliche Folgen hatte, jedenfalls aber ein sofortiges Reinigungs- oad erforberüd) machte.
Außer ben laufenben Babegroschen hatte Nante , Plunk noch bie Extraeinnahmen einiger vermiet- ( barer Ruberboote unb bie Sonberzuwenbungen ber । Honoratioren für Aufbewahrung unb Umhängen * ber Babemäntel um oft recht beleibte Körper, von denen einige geeignet waren, ben kleinen Fluß aus i feinem Ufer zu treiben. Gerabe biefe Herren aber babeten mit solcher Inbrunst, ftanben halbe Stun- | ben lang plantschend auf den Treppen, oder ließen sich von den trägen Wassern treiben.
Nante Plunk verfügte aber noch über eine dritte
ren und freie Berufe fanden sich in der Laube ein, jedoch peinlichst nach Verkehrsgruppen getrennt. Kantor Baade stand auf und ging, wenn der Zeichenlehrer Stegemann von der Mädchenschule erschien. Und Oberzollkontrolleur Brinkmann trank seinen Korn aus, wenn Ratsschlossermeister Menk- witz erschien, weil sie sich im Kriegerverein erzürnt hatten.
Am schönsten aber war bie Laube nachts im Sommer, wenn Stubenten sich bort mit ihren Mäd- chen küßten. Es buftete nach Wasser unb Teer, Klee, Heu unb Monbnebel. Da Nante jeboch nachts nicht mehr schlafen konnte, so mußte man gewiß sein, baß er plötzlich in ber Türe ftanb unb unver- stänbliche Worte murmelte. Als er eines Nachts gegen ein Mäbchen bösartig geworben war, mieb man bie Laube.
Unb nun komme ich dabei auf Nantes Unglück, den Alkohol. Nante wurde mehr und mehr fein bester Gast, nur in der Laube, leider nicht im Wasser. Es kam so weit, daß in der Zeitung ein „Eingesandt" gegen ihn geschrieben wurde, er könne doch in einem solchen Zustand nicht seinen Dienst als Bademeister versehen! Wenn nun etwas passierte, was dann? Ginge er überhaupt noch ins
Wasser? Wäre er überhaupt schon jemals nachgesprungen? Ob die Aufsitchsbehorde diesen skandalösen Zuständen nicht ihre Aufmerksamkeit schenken müßte? Und so weiter.
Nante Plunk blieb der alte in seiner Laube. Sein Gesicht lief allmählich blauviolett an. Die Nase wuchs. Der Bart hing länger. Die Stimme wurde immer unverständlicher. Eigentlich war es nur noch ein Grunzen. Man konnte gar nicht mehr sehen, ob er die Augen auf hatte ober nicht. Es waren nur noch kleine Schlitze, aus benen unaufhörlich Wasser floß. Nur auf bie Babegroschen paßte er noch mit ber argwöhnischen Aufmerksamkeit eines Tieres auf. Als er begann, in ber Laube mit sich selber zu sprechen, als er mit feinem Feubel hinter Jungens herlief, bie gar nicht ba waren, würbe es bebenklich.
Eines Abenbs ist er bann nicht mehr Hause gekommen. Die Frauensleute haben ihn vergeblich gesucht. Auch bie Polizei konnte ihn nicht finben. Er trieb schon im Fluß. Als wir eines Tages hinter ber Eisenbahnbrücke in ben Wiesen spazieren gingen, ruberte sich langsam ein Boot stromauf, hinter bem sich ein nasser Aermel aus bem Wasser erhob, an bem Nante Plunk angebunben war. Er war in ben acht Tagen beinahe bis ans Haff getrieben, unb ein Kahnschiffer hatte ihn bei Ahrensruh vor bem Schiff festhängen sehen unb gleich gewußt, um wen es sich hanbelte. „Kiek, boor schwemmt Nante Plunk!" Gekannt haben sie ihn alle . . .
Erinnerungen an Stefan George.
Friebrich von ber Leyen, ber Vertreter ber Literaturgeschichte an ber Universität Köln, veröffentlicht in ber bei I. B. Metzler in Stuttgart erscheinenden Zeitschrift „Dichtung unb Volkstum" Erinnerungen an seine Begegnungen mit Stefan George. Zum erstenmal sah er ben Meister zu Anfang unseres Jahrhunderts, als er einige seiner Gedichte hersagte: „Die Zuhörer saßen in einem halbbunklen Raum, von bort sah man burch zwei mieber halbbunkle in ein hellbeleuchtetes schmales Zimmer, in bem ein kleiner Tisch ftanb. Der Dichter erschien unb stellte sich so an ben Tisch, baß bie Hörer sein Profil sahen unb seine hohe schlanke Gestalt; in feinen Zügen lebte entschiebene junge Männlichkeit unb eine wundervolle reine Hingebung. Die Art des Herfagens, die aus dem Rhythmus und dem Klang ber Gedichte unb ihren Gesetzen sich ergab, und die feierliche und gleichmäßige Betonung war mir zuerst fremd, sie hatte, wie man weiß, etwas Psalmobierendes. Aber man konnte sich bald ihrem Eindruck und ihrem gebändigten
Maß nicht entziehen und man fühlte die Ehrfurcht vor dem Wort, vor seinen Heiligkeiten unb vor seinen Wunbern."
1909 lernte von ber Leyen George dann person« lich kennen. Der Dichter klagte, „wie vereinzelt boch in Deutschland bie Guten blieben, wie sehr unsere Erziehung und Bildung darunter litten und wie Nietzsche eigentlich an dieser Vereinzelung zugrunde gegangen sei. Kein Genius könne überstehen, daß niemand ihm antworte. Don der Leyen sprach George dann öfter und faßt seinen Eindruck in den Worten zusammen: „Jedesmal war ich betroffen, wie einfach und klar, wie gütig und bescheiden und zugleich wie bestimmt er sich gab. Er halte seine eigene Welt und verwaltete feinen heiligen Bezirk wie ein echter Priester. Der Eintritt mar nur ben streng Geprüften gewährt, biefen aber gab er sich ganz. Unablässige Arbeit war die Bedingung, unermüdete Sorgfalt bis in das Kleinste. George kannte — feine Umdichtungen hatten es ihn gelehrt — bas Hanbwerk unb feinen Ruhm uno feine unbebingte unb saubere Ehrlichkeit, feine mühsam ZU erreichend Meisterschaft, seine Andacht vor dem Kleinen unb seinen frohen Stolz. Er wußte, daß Handwerk und Kunst eins das andere verlangen und voraussetzen und daß die Wunder der Sprache sich auch dem Berufenen nur allmählich erschließen. Sah George ernstes und ehrliches Bemühen, so war er die Güte selbst, er scheute sich nicht, mit dem Jünger auch die kleinsten und unscheinbarsten Dienste zu verrichten, die dessen Sache wollte. Dann entfaltete er eine Liebe und ein zartes Verstehen ohnegleichen, auf alle Frage und Zweifel und Sorgen der Jünger ging er ein, ja er verlangte sie zu hören, und er wußte dann zu klären, zu trösten und zu ermutigen wie niemand sonst. Kein Wunder, daß er unter den Seinen eine so grenzenlose Liebe unb Verehrung fanb."
ßocf)fd>ulnothricbten
Der ordentliche Professor Dr. Franz D e i e r 1« von der Universität Frankfurt a. M. ist ab 1. Oktober zum Ordinarius für deutsches Recht, bürgerliches Recht und Handelsrecht an der Universität Leipzig ernannt worden.
Professor Dr. Albert von R u v i l l e, Extraordinarius für wittere und neuere Geschichte an ber Universität Halle, ist im Alter von 79 Jahren gestorben.
Professor Hans E m g e von ber Staatlichen Hochschule für Musik in ft öl n wurde als Nachfolger von Professor Ernst Grenze back an die Staatliche Hochschule für Musik in Berlin berufen.


