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nr.159 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Montag, (8. Juni 1954

Dom Aufenthalt des Führers in Venedig.

Der Führer wieder in der Heimat.

WW

Die Staatsmänner auf dem Balkon der Billa Reale in Stra bei Venedig. Von links: Der Kanzler, Reichsaußenminister Freiherr von Neurath, Mussolini und Sta- race, der Generalsekretär der Faschistischen Partei.

Der jubelnde Empfang, den der Führer bei seiner Landung auf dem Flugplatz Oberwiesenfeld bei München fand. Neben dem Führer Reichsaußenminister Frei» Herr von Neurath, einer seiner Begleiter auf der Reise nach Venedig.

Das Heer der 12000 Artisten.

Besuch beim Vaneisagenten.

Eine neue Jugendherberge am Neckar.

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Die Jugendherberge aufdem Dilsberg bei Heidelberg, die jetzt eingeweiht werden konnte. Die schöne Schlichtheit des Baues, seine mustergültige Einrichtung und der wundervolle landschaftliche Rahmen werden das Haus zu einer der begehrtesten deutschen Jugendherbergen machen.

. bin mit meiner Schleuderbrettdarbietung zur Zeit mit Riesenerfolg in Nürnberg engagiert und wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie meine Nummer in Berlin offerieren würden. Wir sind ab ersten frei. Aeußerste Gage 35 Mark und Reise­zuschuß. Mit deutschem Gruß! Walter Lehmann, t. Fa. 6 Lehmanninis, die atemraubende Varietö- sensation".

Eines der vielen Schreiben, die tagtäglich auf den Schreibtisch des bekannten Varietsagenten Wal­ter W e h l e r, des kommissarischen Leiters sämtlicher deutschen Artistenagenten, flattern.

Das Wartezimmer seiner großen Künstleragentur ist schon vor Beginn der angesetzten Sprechstunden­zeit stark besetzt.Also wissen Sie, Herr Kollege", beginnt ein Berliner Jongleur seinem Nebenmann, der am Abend als komischer Radfahrkünstler seine Künste zeigt, zu erzählen,ich komme gerade aus Stettin. Ich sage Ihnen, ein Erfolg! Abend für Abend mindestens sechs Vorhänge. Und da kommt eines Tages der Direktor an und sagt, ich soll meine Nummer kürzen. Herr, hab ich ihm gesagt, Herr, solche Tricks wie ich mit meiner Partnerin sie mache, wird Ihr Publikum ja im ganzen Leben nicht mehr zu sehen kriegen..."

Ist ja unglaublich", unterbricht der anwesende Komiker seinen Arbeitskollegen und beginnt, von seinen Erlebnissen zu berichten.Heut kömmt doch meine Tante Bertha zu mir und sagt: Karle, gib mir mal nen Rat. Sieh mal, ich hab hier auf der Oberlippe drei Warzen, drei kleine Knöpfchen, sag mir bloß, was soll ich denn da tun?" Tante Bertha, t)ab ich ihr geantwortet, ich werd dir mal was Gutes sagen, mach die in die Oberlippe drei Knopflöcher, knöpf zu, dann hast du im Winter immer einen warmen Hals. Na, den Blick von mei­ner Tante hätten Sie sehen sollen. Sie ist gleich zum Doktor gegangen. Ein fabelhafter Arzt, sage ich Ihnen."

Schallendes Gelächter der wartenden Artisten quit­tiert die Erzählungen des Komikers. Bald ist man auch mitHerrnWehler imGespräch underfährt, daß es in Deutschland ungefähr 12 000 Artisten gibt.

Seiltänzer und Akrobaten,Tänzerinnen und Hu­moristen wechseln sich in der Kartothek mit Musik­clowns und Zauberkünstlern ab.

Die Vermittlungsfrage spielt in diesem Gewerbe eine nicht zu unterschätzende Rolle. Während früher sämtliche Artistenverträge durch die Parenna, einen paritätischen Arbeitsnachweis getätigt wurden, fin­den heute die Abschlüsse sofern nicht der Artist

Innenminister Oberst P i e r a ck i, gegen den in Warschau ein Revolverattentat verübt wurde. Der Minister wurde durch zwei Schüsse in den Hinterkopf schwer verwundet und erlag wenige Stunden später seinen Verletzungen.

Matrosengeschichte.

Von Waldemar Keller.

Wir waren, als Matrosen auf einem norwegischen Dollschiff, zusammen über den Stillen Ozean ge­fahren, und beide hatten wir in Newcastle, dem australischen Kohlenhafen, abgemustert. Ein reiner Zufall, denn uns verband nichts Tom Riley war das, was man an Bord einenalten Daddy" zu nennen pflegt; sicherlich hoch in den Fünfzig, lebte er abseits von den anderen, sprach fast mit nie­mand, doch ohne mürrisch zu sein, tat seine Arbeit, nahm keinerlei Vorrechte in Anspruch, erwies sich, kurz gesagt, als sonderbarer Einzelgänger, den wir Jüngeren schweigend respektierten. Der Altersunter­schied war übrigens so groß, daß jeder von uns Tom Rileys Sohn hätte fein können. Er sah dar­über hinweg, behandelte uns als gleichberechtigt, wie wir es nach Vertrag und Recht ja auch waren, und liefe er einmal feine Stimme hören, so war es eine sonore gütige Stimme, die allen Streit im Keim zu ersticken vermochte. Man stelle sich aber nun Tom Riley nicht etwa als eine Art Apostel vor, der unter die bösen Buben aufs Schiff ge­gangen ist. Der knochige breitschultrige Mann, nicht besonders hoch gewachsen, war der Typus des ver­einsamten alternden Seefahrers vor dem Mast. Sein stets friedfertiges Herz deutete allerdings auf einen Menschen von außerordentlicher sittlicher Grundlage; auch schien mir, daß er bessere Tage ge­sehen hatte.

Ich traf ihn am Abend nach der Abmusterung in einer Bar, wo er still in der Ecke vor einem Glas Stout saß. Wir kamen ins Gespräch. Merkwürdig: während der ganzen Reise von Chile nach Austra­lien hatten wir keine drei Dutzend Worte mitein­ander gewechselt, und gewiß nicht nur deshalb, weil er zur anderen Wache gehörte. Nun fanden wir uns. Es war kein Gespräch, wie es sonst See­leute führen. Menschliches Interesse wurde wach, wir umkreisten uns eine Stunde lang, bis mir die Worte entschlüpften, die bas Qualfeuer in dem alten Mann entzündeten.Weiht du, Tom , sagtt ich,was mir an die so gefällt? Du bist ein Mensch ohne Haß."

Nie werde ich den Blick aus den unergründlichen stahlgrauen Augen vergessen, der mich festhielt. Tom hatte die Hände auf den Tisch gelegt, saß über sein Glas gebeugt und sah mich an. Eine ganze Weile. Ich wußte nicht, was ich tun sollte.

Als er den Mund öffnete, war's wie Erlösung. Mein Junge", begann er,wenn du wüßtest, was du gesagt hast! Ich kenne dich. Alle hab ich sie

gekannt an Bord. Aber du bist ein besonderer Schlag, wirst nicht vor dem Mast enden, du nicht. Sollst wissen, was du gesagt hast."

Ich trank, schnell, mit feuerrotem Kopf. Solch einer Verwirrung hält' ich mich nie für fähig gehal­ten. Tom Riley rührte sich nicht. Er hatte den Blick gesenkt, als suche er in dem dicken braunen Schaum des Bieres nach Erinnerungen.

Hast du den Namen ,3matra gehört? Nein. Bist noch zu jung auf dem Salzwasser. Die Zmcttra< war eine kleine finnische Bark, zuletzt mit Kohlen von Newcastle nach Pisagua. Hat ihren Bestim­mungsort nie erreicht. Ich will dir erzählen, wie sie unterging."

Was geschah mit Tom Riley? Seine harten männlichen Züge waren schlaff geworden, die Stimme hatte ihre Vollheit verloren und wanderte müde. Ich folgte ihr, willenlos.

Siehst du", sprach es auf mich ein,da sitzt Tom Riley und ist ein Matrose. Aber das war er nicht immer. Jetzt muß er sich anschnauzen lassen; früher schnauzte er gern selber. Die Diermastbark ,Lyd- cate hatte ihn zum Kapitän, ein Schiff, mein | Junge, wie unter tausend nur eins. Es fährt noch. I Gott segne die ,Lydcate<, sagt ein alter Mann. Als wir vom Pier in Liverpool ab legten, dachte dieser Mann nicht daran, daß es seine erste und letzte Reise als Kapitän sein würde."

Ein Grammophon fing an, die schwermütige Me­lodieÖl' man river" zu spielen. Tom Riley kniff die Augen ein und schwieg. Er fuhr erst fort, nach­dem das Lied zu Ende war.

Wir hatten Stückgüter nach Sidney gebracht und bekamen Order, in Newcastle Kohlen für Pisagua einzunehmen. Hier in Newcastle begann es. Ich vergaffte mich in ein Mädel. Das, mein Junge, ist der Anfang aller bösen Geschichten, aber man soll nicht grimmig werden deshalb, es gehört zur Welt, wie wir dazugehören. Versteh', ich will mich nicht entschuldigen. Nicht ein bißchen. Ich bin auch fein Weiberfeind. Jeder werfe die Würfel mit aller Kraft, Mann und Frau. Wer den Kopf dabei ver­liert, ist der Geschlagene. So mein' ich's.

Sie war eine Nurse im Hospital. Ich lag dort ein paar läge, weil sich seine alte Malaria meldete, und ich lag länger als notwendig, eben des Mädels wegen. Ein kleines Bekenntnis muß ich zwischen­durch wohl machen: Frauen, die in Berufstracht gehen, haben immer einen starken Reiz auf mich ausgeübt, Verkäuferinnen in ihren weißen Kittel­schürzen, schwarzgekleidete Serviermädchen mit Spitzenhäubchen. Und nun trat diese Kranken­schwester an mein Bett, die obendrein bildhübsch war. Sie bezwang mich in Minuten. Der Plan,

Doris zu heiraten und mit an Bord zu nehmen, war schon am ersten Abend fertig.

Ich zögerte nicht. Ich fragte sie. Das Mädel lachte; auch heute noch bin ich überzeugt, daß Doris ein harmloser Mensch war, gewiß nicht tief, aber harmlos. Ihr Lachen entmutigte mich nicht. Im Gegenteil. Ich brachte mein Ansinnen immer dringlicher vor, und das Lachen wurde von mal zu mal leiser. Dann sagte sie halb zu.

Wir wollten uns treffen, das Weitere bereden; aus dem Hospital mußte ich nun wirklich heraus. Fast einen Monat lang hao ich vergeblich versucht, mit Doris zusammenzukommen. Entweder hielt sie briefliche Abmachungen nicht ein oder sie behaup­tete, wenn ich hinging, daß der Dienst sie nicht los- lasse. Sehr ernst schien ihr die Sache nicht zu sein. Ich verrannte mich in Wut, der Tag der Abreise kam immer näher, die Wut schlug um in giftige Resigniertheit.

Im Hafen lag auch die ,Jmatrcch Kapitän ein strohblonder Schwede. Als ich beim Verlader die Konnossemente zeichnete, hörte ich, daß Lindström so hieß der Schwede geheiratet habe und seine junge Frau mit sich nehme. Die Frau war Doris.

Ich habe in dieser Nacht Whisky aufgeschüttet es half nichts. Verhundertfacht saß mir die Wut in der Kehle, ich haßte das Weib, ich haßte Lindström, den ich kaum kannte, und so begann die Reise.

Gott hat mich geprüft, mein Junge. Er hat mich zu leicht befunden. War es nicht eine Prüfung, daß die ,Jmatra<, ebenfalls nach Pisagua bestimmt, um dieselbe Stunde wie die »Lydcate* Newcastle verließ? Lindströms Schiff und meins, sie steuerten denselben Kurs, die Bark war flink, stets blieben wir in Sicht, und drüben an Bord war Doris..."

Tom Riley wischte mit feiner schweren Hand über die Augen. Das Bier wurde schal. Er achtete nicht darauf.

Wir mußten, der Windverhältnisse halber, die Paumotus im Norden umfahren, hielten nun Nord­ost zu Ost und befanden uns etwa in der Mitte zwi- fchen den Palmerston-Inseln und Rarotonga. Du weißt, was das heißt. Bist zwar noch jung, immer­hin ein Pazifikmann, und kennst die Karte. Wasser, Himmel, Wasser. Es hört sich so schön an: zwischen den Palmerston-Inseln und Rarotonga, aber die Entfernung von Eiland zu Eiland, schätze ich, ist gleichbedeutend mit der ganzen Breite des Mittel­meers, wenn wir's von Südgriechenland bis zur afrikanischen Küste messen. Tief ist hier die See. Ein sicherer Friedhof.

Wir kreuzten. Möglich, daß ich mich geirrt habe; ja, es ist sogar wahrscheinlich. Damals jedoch hatte ich den Eindruck, daß mir Lindström seine Heber»

legenheit in jeder Form beweisen wollte. Die Schiffe waren nahe beieinander, mit dem Glas konnte ich die Menschen an Bord erkennen, und die ,3matra kreuzte so toll, daß kein Schlaf in meine Augen kam. Muß ein leichtsinniger Mann gewesen sein, der Lindström. Manchmal strich die Bark kaum hundert Iards vor unserer Nase vorbei. Dann sah ich durch das Glas, Doris stand oft auf dem Halb- deck, und einmal winkte sie mit einem weißen Tuch herüber.

Das war gegen Abend. Die See ging hohl, bleiern drückte eine graue Schwüle. Ich konnte dieses Win- ten nicht loswerden. Glockenschlag um Glockenschlag hörte ich, immer noch sah ich das weiße Tuch, ein Hohn. Der Haß wollte platzen. Ich blieb an Deck, ich ballte die Fäuste, o, wenn der Haß doch platzen könnte!

Ich bin kein Mensch gewesen in jener Nacht. Alle teuflischen Instinkte, die wir in uns haben, brodelten wild auf. Da prüfte mich Gott zum letzten Mqle.

Es dämmerte. Die ,3matra, ihr grünes Steuer­bordauge uns zugewandt, tanzte heran, schnitt un­seren Kurs. Man hätte hinüberrufen können, so nah war sie. Die ,Lydcate< lag dicht beim Winde. Am Ruder stand ein Junge. Jetzt hab' ich dich, schrie der Satan in mir, jetzt hab' ich dich!

Ich stürze ans Ruder. Der Junge sagte später, ich hätte ihm zugebrüllt: »Abfallen!* Ich weiß es nicht. Ein Tier kann nicht zurückdenken. Ich reiße das Ruder nach Lee, die »Lydcate* nimmt Fahrt auf, sie stößt wie ein Geier auf die »Jmatra*, die nicht mehr ausweichen kann, groß wird das grüne Auge des Finnen, die See dröhnt, es kracht, es splittert..."

Mit einer ausholenden Bewegung der Hand fegt Tom Riley fein Stoutglas vom Tisch.Besoffen!" kreischt das Barmädchen.Das Glas mußt du be­zahlen!"

Ich lege Geld hin, packe Riley am Arm, schleppe ihn auf die Hunter Street. Von einem kleinen Hügel blickt weiß das Hospital.

Siehst du", sagt er, an einen Laternenpfahl ge­lehnt,so war es. So verlor Tom Riley seine Patente, ein Wunder, daß sie ihn nicht eingesperrt haben für Lebenszeit, das Seegericht nahm plötzliche Verwirrung an. Die »Lydcate* hielt sich und er­reichte Papeete; die ,3matra ging unter mit Mann und Maus. Und nun sag' niemals wieder, mein Junge, daß einer nicht hassen kann, wenn er milde ist. Weißt du, wieviele von den Milden so geworden find durch den Haß? Gute Fahrt."

Langsam ging Tom Riley die Hunter Street hin­unter. Eine Uhr schlug eins.

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