Nr. 90 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)Mittwoch, (8. April (934
Operation oder Hamen - was ist schlimmer?
Merkwürdige Ergebnisse einer wissenschaftlichen Untersuchung.
Von Or. H. Rebmann.
Daß Lie Aussicht auf eine Blinddarmoperation mit der Erwartung des Weihnachtsmannes vergli- chen werden könnte, wird auch der Blasierteste nicht behaupten wollen. Man mag als ausgeklärter moderner Mensch sich auch der Errungenschaften der Medizin noch so sicher fühlen, ein kleiner Rest pri» mitiver Angst bleibt doch. Diese Operationsan g st kennt jeder Arzt, sie tritt auf in ben verschiedensten Formen je nach dem Temperament des Patienten oder der Schwere des beabsichtigten Eingriffs. Leichtes Herzklopfen hat wohl jeder, und das Blaßwerden verstehen im allgemeinen nur die Damen zu verhindern. Im übrigen sind es durchaus nicht immer die Frauen, die sich als besonders schwach vor dem Messer des Chirurgen erweisen, es kann sein, daß ein Berufsboxer schon vor dem Zahnarzt zittert, ein Mann, der sich nichts daraus machen würde, im Ring mit lädiertem Gebiß weiterzukämpfen.
Es gibt aber noch etwas, vor dem der Mensch mehr Ängst hat als vor dem Messer des Arztes, das Examen. Diese merkwürdige Tatsache ist kürzlich durch eine wissenschaftliche Untersuchung ans Licht gekommen. Elf Studenten, davon acht männlichen und drei weiblichen Geschlechts wurden als Versuchsobjekte benutzt. Direkt nachdem die gestrenge Prüfungskommission ihre letzten Fragen an die Studenten gerichtet hatte, maß man deren Blutdruck, Puls und Blutzusammensetzung, und als der Examenskater überwunden war, wurden Kontrollmessungen vorgenommen und siehe da, es erwies sich, daß der Doktortitel oft mehr Sorgen macht als der Kaiserschnitt. Der Blutdruck war bei allen Exa- mens„patienten" gesteigert, der P u l s s ch l a g b'e» schleunigt und die weißen Blutkörperchen vermehrt.
Die interessante Untersuchung ist übrigens ein wertvoller Beitrag zu der Frage, wie weit die Angst und Schreck körperliche Veränderungen Hervorrufen können. Daß Menschen durch Schreck über Nacht graue Haare bekommen können, ist ein alter, von der Wissenschaft heute bestätigter Volksglaube. Während solche Fälle jedoch nur selten vorkommen, sind Nervenschädi- gungen um so häufiger. So ist der Fall eines Mädchens bekannt, das 60 Stunden nach einem Einbruch plötzliche Lähmungserscheinungen zeigte, die sich allmählich über den ganzen Körper verbreiteten.
Eine der häufigsten Folgen des Erschreckens ist ein starkes Zittern, das vor allem nervöse Menschen überfällt. Diese Erscheinung kann in schweren Fällen zu dem gefürchteten Dauerzustand werden, den man in und nach dem Kriege oft bei Verschütteten erlebt 'hat. Bekannt ist auch, wie sehr gerade der Magen darunter leidet, wenn dem Kopf nicht wohl ist. Kummer und Sorgen finden oft ihren Niederschlag in Funktionsstörungen des Ernährungsapparates, und wem hat noch nicht Aerger den Appetit verdorben? Es gibt allerdings auch solche Menschen, denen umgekehrt das Essen in diesem Fall besser schmeckt.
Zum Schluß sei noch ein besonders eindrucksvolles Beispiel für den Zusammenhang zwischen seelischen und körperlichen Vorgängen erwähnt, das sich an Zuckerkranken oft beobachten läßt. Bei diesen steigt der Zuckergehalt des Bluts immer dann, wenn sie von Kummer und Aufregung gequält werden. Da unter den Börsenmaklern Zuckerkrankheit häufig sein soll, hat man in Amerika das boshafte Sprichwort geprägt: „Wenn in Wallstreet die Kurse fallen, steigt der Zucker."
„Brauche per sofort drei Känguruhs!"
OeutschlanvliefertliaubtiekenachAfrika-OasseltsamsteArbeitszimmerderWelt.
„Eben ist ein Telegramm aus Kalkutta eingetroffen, ob wir in drei Monaten zwei männliche Löwen und eine gefleckte Hyäne liefern können."
Heinrich Hagenbeck, der Seniorchef des gleichnamigen Hauses, blättert ein paar Augenblicke in einem großen Buch und gibt dem Boten die Anweisung, sofort zuzusagen. Kaum hat er es ausgesprochen, klingelt das Telephon. „Sie werden aus Rom verlangt", meldet das Fräulein vom Amt. Ein Zirkus möchte im Lauf der nächsten Wochen einen tanzenden Bären kaufen und erkundigt sich nach den Zahlungsbedingungen.
„Die Lage des deutschen Tierhandels hat sich in | Der letzten Zeit gebessert", erzählt Herr Hagenbeck ; En seinem in Stellingen bei Hamburg gelegenen Arbeitszimmer. Dieses Arbeitszimmer stellt eine Weltsehenswürdigkeit dar. Ein Museum :ür den uneingeweihten Besucher, eine Forschungsstätte für den Sachverständigen!
Schon die Stühle, auf denen man Platz genommen hat, sind einzigartig und für den Fachmann von unermeßlichem Wert. Einer der Sessel ■ beftefjt zum Beispiel aus handgearbeitetem Anti- sopengehörn. Ein anderer ist vollständig mit !ostbarer Schlangenhaut überzogen, während »ei einem dritten eine besondere Art von Rhino- z. erosleder zur Polsterung verwendet wurde. Tin sehenswürdiges Kabinettstück ist der Aschenbecher, der auf dem formschönen Rauchtisch steht.
„Er ist aus der Fußschale eines alten Elefanten gefertigt und wird von Nilpferdzähnen getragen", erklärt Heinrich Hagenbeck und berichtet, daß die Rahmen der in seinem Arbeitszimmer aufgehängten Familienbilder aus Elefantenzähnen angefertigt worden sind. Stolz zeigt er dem Besucher sein Bierglas. Ein Becher, der vor einem Jahrhundert aus besonders wertvollem, seltenem Holz von tibetanischen Handwerkern geschnitzt wurde. Teppiche kennt man in diesem Raum nicht. An ihrer Stelle befinden sich scheckige große Felle von Leoparden und Löwen, von Bären und Tigern!
Auf dem Schreibtisch liegen unzählige Briefe. Sie stammen zum großen Teil von Menschen, die sich einen Privatzoo anlegen wollen. Fast immer wieder sind es die gleichen Anfragen: Wie teuer sind drei Edelfasanen? Halten sich Kraniche gut in einem kleinen Privattierpark? Wie hoch sind die monatlichen Ernährungskosten für drei Pelikane, zwei Schimpansen und fünf Marabus? Lassen sich Seebären leicht dressieren? — Eine winzige Auslese aus der Fülle unzähliger Fragen..
Die Privatleute bilden selbstverständlich nur einen kleinen Teil unserer Abnehmer — erzählt der Seniorchef. Die Hauptkunden im Tierhandel bleiben jedoch die großen Wanderzirkusse, die herumreisenden Schausteller und die Tierparks der ganzen Welt. Ein paar Schreiben beweisen es! Ein weltberühmter Zirkus braucht zum Monats
ersten unbedingt eine dressierte Tiger- gruppe. Ein auswärtiger Zoo sucht umgehend einige Füchse, während der Unternehmer einer bekannten Varietenummer laut Telegramm sofort drei gelehrige Känguruhs braucht.
lieber dreitausend, nach besonderen Angaben konstruierte Spezialtransportkäfige befinden sich in dem hundert Meter langen Schuppen draußen auf dem Gelände des Tierparks. Kleine Kisten und gewaltige, groß angelegte Käfige beherbergen hier die Tiere, die zum Teil die Reise von Guatemala oder Melbourne bis nach Deutschland hinter sich haben. Aus Singapore und Athen, aus Sumatra, Japan und China sind Sendungen eingetroffen. „Vorsicht! Lebende Tiere!" steht auf den roten Zetteln, die auf sämtlichen Käfigen prangen, in allen erdenklichen Sprachen geschrieben. Mehrere aus dicken Bohlen gefertigte hölzerne Kisten, die die Größe eines Wohnzimmers haben, lagern am Ende des Schuppens. „Hier drin sind See-Elefanten vom Eismeer nach Deutschland befördert worden. Die Ueberfahrt ist ihnen glänzend bekommen", versichert Heinrich Hagenbeck und erzählt, daß nicht nur Tiere nach Deutschland geliefert werden, sondern daß häufig sogar Raubtiere von Hamburg aus in die afrikanische Wildnis geschickt werden. Erst vor
einiger Zeit wurden zahlreiche Löwen nach Marokko verschickt. Während des Hereroauf- standes wurden über zweitausend Kamele auf dem Seewege von Nordafrika nach Deutsch-Südwestafrika „vermittelt". Deutschland liefert also exotische Tiere aller Art für die Zoologischen Gärten der ganzen Welt.
Nicht selten werden auch die Tiere zum Tausch angeboten. Da bietet zum Beispiel eine englische Tierhandlung zwei Zebras für eine ganz besonders seltene Papageienart an. Ein Privatmann sucht dagegen einen Gepard und bietet außer einem erheblichen Geldbetrag drei dressierte Hunde. Selbstverständlich kantt man solche Tauschgeschäfte nur mit langjährigen zuverlässigen Kunden 'abschließen. Denn häufig versuchen die Tierbesitzer alte kranke Tiere gegen junge wertvolle Exemplare einzutauschen. Nur in wenigen .Fällen kann man sich daher auf diesen Tauschhandel einlassen.
Zur Zeit sind arktische und antarktische Tiere im Handel am stärksten gefragt, und Heinrich Hagen- deck versichert, daß viele Länder gerade diese Tiere am liebsten in Deutschland einkaufen, da sie glauben, hier am besten und sichersten kostbares Ziert material vorzufinden.
Oie Eröffnung
des Leinberger-Kurses in Gießen.
In der Zeit vom 16. bis 22. April, in diesen Tagen also, wird in Gießen der Ausbildungslehrgang für den Fußball-Nachwuchs in unserem Bezirk unter der Leitung des Fußball-Lehrers des DFB., Leinberger, zur Durchführung gebracht. Der Kursus wurde am Montag auf dem Waldsportplatz durch den Fußball-Kreisführer Hugo Henkel- Gießen eröffnet. Der Fußball-Kreisführer begrüßte die erschienenen Gäste, insbesondere den Kreisbeauftragten des Reichssportführers, Turnlehrer Mohr, den Gau-Jugendwart Von- dran, den Fußball-Bezirksführer Happ und den Kreis-Fußballfachwart Z i tz e r.
Der Fußball-Bezirksführer, Herr Happ, wies in einer kurzen Ansprache an die Teilnehmer des Kurses auf den Sinn des Lehrgangs hin, der insbesondere der Förderung von Nachwuchsspielern dienen solle. Den Spielern sollten die Feinheiten des Fußballspiels (Freistellen, in Stellunggehen, Körperbeherrfchung und Ballbehandlung) vermittelt werden. Es solle erreicht werden, daß die Spielweise verbessert und die Leistungen gehoben werden. Von den Teilnehmern solle beachtet werden, daß im Dritten Reich Sport nicht um des Sportes willen betrieben werde, sondern daß hinter dem Spiel das Bestreben stehen müsse, mitzuhelfen an der Wiedererstarkung unseres Volkes und an der Erziehung eines einsatzbereiten Geschlechtes. Die technische Leitung des Kurses, an dem 32 junge Fußballspieler aus den verschiedenen Vereinen im Bezirk Gießen teilnehmen, liegt in den bewährten Händen des Mittelläufers Leinberger, der 24mal in der deutschen Ländermannschaft unser Vaterland vertrat. Fußball-Lehrer Leinberger ist zur Zeit im Gau 12 des DFB. tätig.
Neben der rein praktischen Arbeit, die in diesem Lehrgang gepflegt werden soll, ist auch theoretische Ausbildung vorgesehen. Am Dienstagabend hielt der Kreisschiedsrichter-Fachberater, Herr Hohmann, im Saal der „Germania" einen Vortrag, in dem er die Fußballregeln in großen Ilmriffen erläuterte. In regem Wechsel von Frage und Antwort wurden die Regeln im einzelnen durchgesprochen.
Am Samstagnachmittag wird eine kombinierte Kursisten-Elf gegen eine kombinierte Stadtmann- schäft (1900, VfB.-Reichsbahn) ausgetragen. Am Sonntag findet ein weiteres Spiel, und zwar eine Begegnung der Stadtmannschaft Marburg mit der Leinberger-Elf statt.
Spielvereinigung 1900 Gießen.
1900 1 — Ockershausen I 1:1 (1:1).
Am Sonntag kam eines der letzten Meisterfchafts. spiele auf dem 1900-Sportplatz an der Liebigshöhe zum Austrag. Die Gegner lieferten sich einen wenig befriedigenden Kampf, der gerechterweise unentschieden endete, obwohl es die Einheimischen mehrmals in der Hand hatten, einen sicheren Sieg zu landen. Das Treffen stand nie auf einer hohen Stufe. Es wurde verbissen und hart durchgeführt, hatte aber auch in dem Ersatzschiedsrichter aus Hanau einen schwachen Spielleiter. 1900 trat mit Schlarb; Zeller, Lippert; Heinbach, Hellmann, Schmelz; Grünewald, Wilhelmi, Roth, Hofmann und Jäger an. Während die Schlußleute vollauf ihre Schuldigkeit taten, fingen die Schwächen der Platzelf schon in der Läuferreihe an. Die Gießener Angriffsreihe zeigte ihrerseits schon bald solche Ermüdungserscheinungen, daß sie in erster Linie die Verantwortung dafür trägt, daß auch dieses Spiel nicht zu einem siegreichen Abschluß führte.
Ockershausen spielte wuchtig und mit weiten Vor- laaen auf die schnellen Flügel, die immer Ge- fayrenmomente vor dem Gießener Tor schufen. Es wurde aber auch hier zuviel durch zu hartes Angehen und die dadurch bedingten Freistöße verdorben. Zu einem richtiggehenden Kombinationsspiel kam dadurch keine der Parteien.
Schon bald nach Beginn schoß Roth (1900) eine aussichtsreiche Sache daneben. Die Gießener erzielten dann einige Ecken, bevor die Gäste nach blitzschnellem Durchbruch der rechten Seite durch unhaltbaren Schuß zum Frührungstreffer kamen. Dann verfehlte ein Kopfball von Hofmann (1900) nur ganz knapp das freie Ziel. Eine brenzliche Sache am Gießener Tor klärte der Spielleiter durch Schiedsrichterball, da er irrtümlicherweise schon auf Tor erkannt hatte, Schlarb aber im letzten Moment ganz glänzend wehrte. Erst kurz vor dem (Seiten- weches fiel nach schönem Durchspiel der längst ver-
S)ie echte und die falsche Doralies Roman von Anny von Panhuys.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Derlag, Halle (S.) 39 Fortsetzung Nachdruck verboten!
Peter Konstantin zuckte die Achseln.
„Für mich bleibt alles sehr rätselhaft, und ich cCaube nach wie vor daran, daß ich Ihre Tochter hmnengelernt habe. Ich vermag mir, nebenbei bemerkt, kein Gesicht vorstellen, das weniger zu lammen Streichen paßt als ihr edles, fast streng- gsschnittenes Gesicht."
Fritz Wolfram lachte laut auf.
„Na, da hätten wir ja den Beweis, daß Ihre 2 oralies und meine zwei ganz verschiedene Per- onen sind. Meine Doralies hat zwar sehr hübsche, -ine Züge, aber kein edles und strenggeschnittenes Besicht. Ihr Gesicht hat den gewissen Uebermuts- lluppdich. Lachend braune Augen..."
Er wurde unterbrochen: „Tief dunkelblaue Augen irit einem Blick, der wie nach innen gerichtet ist."
Der Aeltere fuhr fort: „Doralies hat krauses, irottblondes Haar..."
Der andere berichtigte: „Ihr rotblondes Haar leuchtet förmlich; sie trägt es in großen, weichen Wellen."
Fritz Wolfram lachte ärgerlich: „Hören Sie auf, oin dem fremden Mädel zu schwärmen, Herr Jaktor! Denn Sie schwärmen, haben mich vorhin schon beinahe um ihre Hand gebeten, als Sie das nprfmürbige Vögelchen, das an Stelle meiner Toch- ler ins Nest der Frau von Stäbnitz geflogen, für meine Doralies hielten. Die von Ihnen Beschriebene ist jedenfalls meine Tochter nicht; aber vielleicht stellt sich heraus, wer sie ist, nachdem ich mit Dora- liks gesprochen."
Man las Fritz Wolfram die zornige Stimmung Dom Gesicht ab, und Peter Konstantin empfahl sich ziemlich schnell.
Er war im Auto gekommen und saß nun am Steuer wie einer, der sich noch nicht fahrsicher fühlt, so sehr hatte ihn die Mitteilung erregt: Die junge Dame, die er vor ein paar Wochen vom Malter Bahnhof als Doralies Wolfram abgeholt, Der gar nicht Doralies Wolfram. Dadurch gewann oder der Brief, den sie Frau von Stäbnitz zurück- tzllafsen, eine ganz andere Bedeutung. Doch wer Bor sie, und weshalb hatte sie sich unter falschem Nomen in das Haus Stäbnitz eingeschmuggelt? Es Bor jedenfalls von Anfang an ihre Absicht gewesen, für Doralies Wolfram gehalten zu werden.
Aber aus welchem Grunde?
Slim, mochte es Zusammenhängen wie es wollte - er wußte jetzt, warum sie sich so sehr getroffen
gefühlt, als er gegen die Lüge gesprochen. Warum sie deshalb das Haus verlassen! — Sie hatte plötzlich einfach den Mut verloren, die Lüae ihrer Existenz bet Frau von Stäbnitz weiter aufrecht zu erhalten.
Wer mochte sie sein, und wo befand sie sich jetzt?
Er berichtete Frau von Stäbnitz, was er erfahren, und zuckte zusammen, als sie sich äußerte: „Es ist doch eigentlich der Gipfelpunkt der Unverschämtheit, was sich die Fremde geleistet hat."
Konstantin konnte nicht widersprechen. Aber er, der jeder kleinsten Lüge, die nicht aus großer Not oder aus Mitleid und Nächstenliebe geboren war, Fehde angesagt, empfand schon beinahe Verzeihen für eine große Lüge, ehe er noch wußte, weshalb sie begangen worden. Er dachte an das schöne, ernste Gesicht der Fremden, an ihren tiefen Blick unter langen Wimpern, an das Gold ihrer Haare.
Er liebte die Fremde, liebte — die Lügnerin.
Frau von Stäbnitz meinte: „Es ist wirklich ein starkes Stück, was man uns oorgefpielt hat; aber irgendwie muß die echte Doralies um alles Bescheid gewußt haben, sonst wäre die falsche Doralies nicht so gut unterrichtet gewesen. Des Rätsels Lösung liegt da irgendwo, und wir werden sie ja erfahren. Aber das muß ich gestehen: Nun ich weiß, das Mädel, für das ich wie eine Mutter besorgt war, ist eine Schwindlerin, traue ich so leicht niemand mehr."
Wieder mußte Peter Konstantin Frau von Stäbnitz Recht geben, und doch taten ihm ihre Worte weh.
Er stellte fest: Die Fremde, die er unter dem Namen Doralies Wolfram kennengelernt, war die größte Enttäuschung seines Lebens.
Edda von Stäbnitz erklärte:
„Die Detektivin brauchen wir jetzt natürlich nicht mehr! Sagen Sie ihr, Fräulein Wolfram fei zu Haufe bei ihrem Vater anggfommen, damit ist die Sache für Frau Steinmetz erledigt. Wohin sich die fremde Person, die falsche Doralies gewandt hat, kann uns ja gleichgültig fein."
Er bestätigte:
„Natürlich, das kann uns gleichgültig fein!"
Aber es war ein leichter Beiklang von Traurigkeit dabei, den die Frau mehr fühlte als hörte.
Sie sah ihn ernst an.
»Das Mädel gefiel Ihnen, lieber Doktor? Ich glaube es gern. Mir gefiel sie ja auch und meinem Manne gleichfalls. Er wird gucken, wenn er die Wahrheit erfährt! Aber wenn Sie Ihnen noch so sehr gefiel: Hände davon! So eine paßt ja nicht zu Ihnen. Sie ist eine Betrügerin."
Edda von Stäbnitz war verbittert; sie schämte sich, zu einer Fremden von ihrer einstigen Liebe zu Fritz Wolfram gesprochen zu haben. Was ging eine Fremde ihre erste Liebe an?!
Peter Konstantin überlegte: Sollte er Frau Steinmetz einweihen? Sie auf die Suche nach der Fremden schicken? Doch er schob den Einfall weit
von sich. Edda von Stäbnitz hatte recht: Hände davon! So eine paßte nicht zu ihm.
*
Reaina Graven fühlte sich sehr wohl im Hause des Landgerichtsrats Freese. Obgleich sie erst ein paar Tage hier lebte, war es ihr doch, als lägen schon lange Wochen zwischen dem Jetzt und dem Augenblick, seit sie vor Peter Konstantin geflohen war. Denn eigentlich war sie nur vor ihm geflohen, das gestand sie sich ein. War geflohen vor ihm und sehnte sich nach ihm.
Morgens um neun Uhr saß sie an der Arbeit. Erst Stenogrammaufnahme, dann Uebertragung in die Maschine. Jetzt zeigte die große Standuhr Punkt zwölf Uhr, und nun war sie fertig.
Jobst Freese betrat das Arbeitszimmer. Er war ein Weilchen im Garten herumspaziert; nun wollte er sich überzeugen, wie weit Regina gekommen war.
Er staunte:
„Schon fertig? Na, wollen mal sehen, wieviel Fehler sich durch das Schnellschreiben eingeschlichen haben."
Regina schüttelte den Kopf.
„Gar keine, Herr Landgerichtsdirektor! Ich habe schon alles noch einmal genau durchgelesen. Es ist so interessant und spannend, und ich freue mich sehr auf das Weiterdiktat."
Er lächelte:
„Ein schnurriges Menschenkind sind Sie! Könnte lange suchen unter Ihren Altersgenossinnen, bis ich eine darunter fände, die so denkt wie Sie." Er fragte: Haben Sie denn etwas von dem, was Sie geschrieben haben, im Gedächtnis behalten?"
Sie nickte eifrig:
„Alles! Es hat mich doch so sehr interessiert."
Er bezweifelte ihre Antwort doch ein wenig und stellte eine Frage, die sich auf das von ihm schriftlich behandelte Thema bezog.
Sie antwortete prompt, drückte sich äußerst klug und klar aus. Er stellte eine zweite Frage, und es wurde ihm wieder glatte, klare Antwort zuteil. Eine dritte Frage hatte den gleichen Erfolg.
Er war begeistert, erkannte: es war also wahr, das junge Mädel hatte die juristische und sogar etwas spitzfindige Abhandlung aufmerksam in sich ausgenommen und begriffen. Das verdiente eigentlich ein Lob. Doch hielt er damit zurück. Es war wohl besser so, Regina Graven nicht gleich zu verwöhnen.
Es klingelte am Gittertor. Regina schaute durch das Fenster in den Vorgarten, in dem die Bäume herbsttrübe und blätterlos standen. Sie sah einen großen Herrn vor der Tür warten und wurde totenblaß: es war Peter Konstantin, den sie da draußen erbliche.
Jobst Freese hatte das Erbleichen Reginas bemerkt. Er sah auch jetzt hinaus, fragte:
„Was ist Ihnen, Fräulein Graven?"
Sie erwiderte mit niedergeschlagenen Augenz
»Herr Doktor Konstantin kommt, und Sie können sich denken, wie peinlich es für mich wäre, wenn ich mit ihm zusammenträfe."
Jobst Freese schüttelte lächelnd den Kops.
„Wenn Sie den Herrn vor dem Gartentor meinen, so heißt er Doktor Holm Meerhold und ist Rechtsanwalt oben im Norden Berlins. Ein begabter Kopf, der sich bis jetzt leider noch mit kleinen und kleinsten Fällen befassen muß. Ein armer, aber stolzer Mensch und von natürlicher Fröhlichkeit."
Regina Graven sah, wie das Mädchen, das tagsüber im Haushalt half, die Tür aufschloß und den Wartenden einließ.
Sie faßte sich an den Kopf; sie begriff nichts. Der Herr, der jetzt auf das Haus zukam, war dennoch Peter Konstantin. Sie sah den Landgerichtsdirektor ängstlich an. Er hatte sich einen Scherz mit ihr gemacht — einen Scherz, der sie quälte.
Sie bat:
»Ich darf mich wohl entfernen? Ich möchte Ihrem Besuch auf keinen Fall begegnen."
Jobst Freese erwiderte ernst:
»3d) muß Sie bitten, zu bleiben, Fräulein Graven! Laut unseren Abmachungen ist Ihre Arbeitszeit noch nicht um. Zugleich wiederhole ich Ihnen, Sie irren sich! Mein Besuch, noch dazu ein stets gern gesehener Besuch, ist Doktor Meerhold. Wir haben zu- fammen eine volkstümliche Broschüre verfaßt: ,Die Grenzen zwischen Recht und Unrecht', und wollen nun eine neue gemeinsame Arbeit beginnen."
Es klopfte. Das Mädchen meldete:
„Herr Doktor Meerhold!"
Regina saß ganz zusammengeduckt da, als müsse im nächsten Augenblick doch Peter Konstantin ins Zimmer treten. Ihre Augen hatten einen ängstlichen Ausdruck, um ihren Mund zuckte es, und ihr Herz klopfte toll und wild.
Jetzt trat er ein. Jobst Freese war ihm entgegengegangen.
Reginas Augen aber schauten und schauten. Da stand Peter Konstantin nur wenige Schritte von ihr entfernt, und wiederum war er es nicht. Zum Verwechseln ähnlich sähe er dem andern, wenn nicht der Ausdruck seines Gesichts ein anderer gewesen wäre. Froher und vergnügter war das Gesicht und etwas jünger als das Konstantins; die Augen blickten nicht so scharf und seine Züge wirkten nicht so herb. Seine Stimme aber klang ganz anders.
Vorbei war der Spuk, der sie geschreckt hatte.
Sie richtete sich auf. Die Angst in ihren Augen erlosch.
Jobst Freese stellte sie vor:
„Meine neue Sekretärin, Fräulein Graven!"
Doktor 'Meerhold sah sie jetzt erst an, reichte ihr freundlich die Rechte.
„Da haben Sie eine gute Stellung erwischt, Frästlein Graven! Hier hat man's gut."
(Fortsetzung folgt)


