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Are echte und die falsche (Doralies Roman von Anny von Panhuys.

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Derlag, Halle (S.) 18. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Frau Hensel fragte:Was gibt's denn, Kind? Sei doch nicht gleich so vor den Kopf geschlagen!"

Lutz Gärtner zog Doralies die Depesche aus der Hand, las laut:

Mache nicht mehr mit, bin fort von Frau von Stöbnitz, die aber nicht weiß, wo ich mich auf­halte. Habe Stellung angenommen. Du mußt Deinen Vater sofort darüber aufklären, was wir getan; auch Frau von Stübnitz muß unterrichtet werden. Ich bedaure die Torheit von ganzem Herzen. Wahrheit ist notwendig, Doralies; jede Stunde ist kostbar. Brief folgt in einiger Zeit.

Deine Regina." Frau Hensel nickte tragisch.

Na, siehst du, Doralies die Komödie war rasch genug aus. Gut, daß dein Vater nicht hier ist! Kannst dich, bis er kommt, wenigstens ein biß­chen vorbereiten. Ich muß das übrigens auch tun."

So'n Kindskopf, die Regina so rasch daoon- zulaufen", schimpfte Doralies.Sie hätte doch wenigstens noch ein Weilchen aushalten können."

Du weißt ja nicht, weshalb sie es hat tun müssen", warf Lutz ein.Es war aber auch eine ziemlich tolle und für deine Stellvertreterin brenz­lige Geschichte, die du arrangiert hast. Ich muß dir bekennen: ich bin froh, daß der Schwindel nicht mehr weitergeht."

Frau Hensel erinnerte:Hier ist doch noch eine Depesche!"

Doralies nahm das zweite Telegramm, gab es zurück.

Die Depesche ist nicht für mich, da steht doch dein Name drauf." Sie setzte hinzu:Wahrscheinlich will Regina auch von dir was."

Frau Hensel brummte:Ich habe keine Brille hier lies mir also, bitte, vor, Doralies!"

Doralies öffnete das Telegramm und las mit stockendem Atem:

Doralies hat Berlin gestern mittag verlassen. Ist sie dort angekommen? Sofort, da ich mich ängstige, Antwort an mich, Hotel Excelsior Berlin." Beim letzten Wort sanken, wie auf Kommando, sowohl Frau Hensel als auch Doralies auf einen Stuhl nieder. Und Lutz Gärtner stand zwischen ihnen, sah von einer zur anderen, lächelte dann: Lügen haben kurze Beine, deshalb jetzt raus mit der Wahrheit! Ich stehe dir gut bei, Doralieselein, kleine Schwindlerin, falls sich dein Vater sehr auf­regen sollte. Sage ihm ruhig und offen, warum du

hierbleiben wolltest; unsere Liebe soll und muß er begreifen."

Butt farm doer schrecklich bockig sein", klagte Doralies.

Frau Hensel entschied sich:Ich telegraphiere, daß Doralies hier ist, und alles andere wird sich finden. Er ängstigt sich, das darf er nicht er hängt doch so sehr an dir." Sie lief schon zur Tür, rief noch von dort her:Das kann ein schönes Kriegsgericht werden!"

Lutz Gärtner hatte zu tun, Doralies zu trösten. Sie klammerte sich an ihn, als wollte man sie ihm entreißen, und flüsterte immer wieder:Ich gehöre dir, und was konnte ich denn tun, wie konnte ich mir denn helfen, als mich Vati gerade nach Berlin schicken wollte, als du kommen solltest? Ich wäre ja todkrank geworden, wenn ich dich nicht hätte wiedersehen dürfen!" Sie küßte ihn.Lutz, hilf mir ich kann ohne dich nicht leben."

Frau Hensel aber warf nur ein dickes Tuch um und eilte, so rasch sie konnte, nach der Post. Dort am Schreibpult im Schalterraum füllte sie das Depeschenformular aus. Ohne viel zu überlegen und um jetzt vollständig bei der Wahrheit zu bleiben, schrieb sie:

Doralies befindet sich hier, ist damals hier­geblieben, war überhaupt nie in Berlin bei Stüb­nitz'."

Fritz Wolfram erhielt das Telegramm gegen zwanzig Uhr im Hotel Excelsior. Seit ein paar Stunden wartete er schon darauf, obwohl er sich sagen mußte, vor Anbruch des Abends könne keine Antwort einlaufen.

Er las das Telegramm mehrmals und zerknitterte es dann in der geballten Faust. Wütend war er, sehr wütend. Doralies befand sich daheim, war überhaupt nicht in Berlin gewesen.

Toll war das, ganz toll! Aber es paßte zu den übrigen Dreistigkeiten, in denen sich sein Töchterchen manchmal gefiel.

Er saß in seinem Hotelzimmer, und seine Augen hingen an dem Tapetenmuster, als könne er davon die Antwort ablesen auf die schwere Frage, die ihm den Kopf belastete; Wenn Doralies nicht in Berlin bei Frau von Stübnitz gewesen: wer war das, die bei Edda von Stübnitz diese paar Wochen hindurch als Doralies Wolfram gelebt? Wer war die, die den sonderbaren Brief für Edda von Stübnitz zu­rückgelassen und betonte:Selbstmord ist eine schwere Sünde." Wer war sie?

Der Gedanke an diese schwere Sünde mußte sie doch gestreift haben, sonst hätte sie nichts davon erwähnt.

Er wagte nicht an Edda von Stübnitz zu tele­phonieren. Jetzt war ihr Mann sicher zu Hause, und der sollte doch Ruhe haben, bis sein großer Prozeß vorbei wäre. Also mußte er bis zum näch­sten Vormittag warten.

Es klopfte. Ein Hotelpage trat ein, brachte eine Karte. Er las darauf: Doktor Peter Konstantin.

Hm! Der kam eigentlich ganz gelegen. Er ließ bitten.

Ein großer, schlanker Herr trat ein, verneigte sich.

Fritz Wolfram erwiderte den Gruß, begann: ,Lch hörte von Frau von Stübnitz, Sie arbeiten mit ihrem Manne zusammen, Herr Doktor." Er reichte ihm die Hand, bot Platz an.

Peter Konstantin verneigte sich wieder.

Allerdings, Herr Wolfram! Außerdem bin ich ein Freund des Hauses. Frau von Stübnitz hat mich zu Ihnen geschickt. Sie ist so voll Unruhe. Das heißt, ich auch. Ich möchte vorausschicken: Ich las schon viel von Ihnen, Herr Wolfram, und gehöre zu Ihren Anhängern. Im Hause Stübnitz lernte ich Ihre Tochter kennen und trage, wie Ihnen wohl Frau von Stübnitz mitteilte, anscheinend den größten Teil der Schuld daran, daß Ihre Tochter das Haus verließ. Ich gebe Ihnen mein Wort wenn ich geahnt hätte, was ich damit anrichten würde, hätte ich mich nicht so scharf ausaedrückt. Ich bin überzeugt, die Lüge, die das Gewissen der jungen Dame plötzlich so beschwerte, war leichter Natur. Aber ich eiferte zu sehr, es war lächerlich; ich bin mir jetzt darüber einig und ..." Er druckste, setzte wieder an:Herr Wolfram, Frau von Stübnitz meint, Ihre Tochter Hütte meine Worte sicher nicht so stark empfunden und wäre danach nicht förmlich geflohen, wenn ich» ihr gleichgültig gewesen. Ich quäle mich jetzt herum mit diesem Wissen, denn ich glaube daran und ..Er nahm einen neuen Ansatz, gestand rasch:Ich weiß jetzt, was ich sonst vielleicht noch nicht wüßte, denn ich bin, was man einen Streber nennt, und sitze zu fest in der Arbeit ich liebe Fräulein Doralies, und das mußte ich Ihnen gleich bekennen, damit Sie begreifen, welchen An­teil ich an dem Verbleib der jungen Dame nehme."

Fritz Wolfram, der sich dem Besucher gegenüber­gesetzt hatte, lächelte sonderbar, fragte aber nur: Sie sind hauptsächlich gekommen, Herr Doktor, um im Auftrag der Frau von Stübnitz und im eigenen Interesse zu fragen, ob ich nicht schon Anwort aus Mooshausen erhalten habe nicht wahr?"

Eine leichte, stumme Verbeugung seines Gegen­übers bedeutete Zustimmung.

Gut", sagte der Schriftsteller, und das sonder­bare Lächeln um seinen Mund vertiefte sich noch, ich erhielt bereits Nachricht von meiner Wirtschafte­rin. Meine Tochter Doralies befindet sich daheim in Mooshausen ..."

Er wollte weitersprechen, doch der zufriedene Aus­ruf Peter Konstantins unterbrach ihn:Dem Himmel sei Dank! Jetzt wissen wir wenigstens, wohin sie sich gewandt hat."

Fritz Wolfram machte eine leichte Handbewegung und fuhr, jede Silbe stark betonend, fort:Aber meine Tochter Doralies hat Mooshausen überhaupt nicht verlassen; sie ist überhaupt nicht in Berlin gewesen. Also, Herr Doktor, dieser ziemlich deutliche Antrag war an eine falsche Adresse gerichtet. Die

junge Dame, tn die Sie sich verliebten und die anscheinend den Namen meiner Tochter mißbraucht hat, ist nicht identisch mit Doralies."

Peter Konstantin zwinkerte nervös mit Den Lidern, was er sonst nur tat wenn er sich in einem sehr schweren juristischen Fall zurechtzufinden suchte.

Ihm fiel erst jetzt das sonderbare, fast ein wenig überlegene Lächeln um den Mund des Schrift­stellers auf, und er erwiderte befangen:Das kann wohl kaum stimmen, Herr Wolfram. Die junge Dame kam doch mit dem erwarteten Zug an, trug in der Hand das brieflich angekündigte Erkennungs­zeichen, eine leuchtend grünes Taschentuch. Ich holte sie selbst von der Bahn ab, da Frau von Stäbnitz gerade nicht von Hause fortkonnte."

Das überlegene Lächeln Fritz Wolframs schwand langsam, nachdenklich gab er zu:Sonderbar ist das allerdings, ganz unfaßbar." Er erhob sich.Ich werde schon morgen nach Mooshausen zurückreisen, dann hoffe ich wird sich alles klären und die volle Wahrheit Herausstellen. Ich begreife nichts, gar nichts mehr von der ganzen mysteriösen Geschichte."

Er begriff aber, daß er an jenem Abend keine Punsch- oder gar richtige Vision gehabt, sondern daß die Doralies, die er in Hellem Mondlicht ge­sehen, die richtige Doralies gewesen.

Ihn so zu foppen, ein solches Narrenspiel mit ihm aufzuführen, dessen Grund und näheren Um­stände ihm zwar nach verborgen waren, die er aber bald erfahren würde!

Peter Konstantin schüttelte den Kopf.

Herr Wolfram, daß Ihre Tochter nicht hier war, kann nicht stimmen nein, das ist unglaublich. Das Telegramm Ihrer Wirtschafterin ist vielleicht verstümmelt. Durch das Fehlen eines einzigen Wortes ergibt sich manchmal ein ganz anderer Sinn."

Fritz Wolfram stutzte. Er mußte zugeben, die Möglichkeit bestand, und er wurde noch nachdenk­licher, sagte schließlich:Eines aber geht bestimmt aus dem Telegramm hervor meine Tochter Doralies befindet sich daheim in Mooshausen. Alles andere ist ja für mich zunächst auch lange nicht so wichtig. Ich reife morgen früh nach Hause, und dann wird sich der Fall schon klären."

Er zeigte Peter Konstantin die Depesche, die, wie der feststellte, allerdings nicht den Eindruck machte, als ob etwas verstümmelt wäre.

Grüßen Sie bitte Frau von Stäbnitz, Herr Doktor", bat Fritz Wolfram.Ich kann sie leider nicht mehr persönlich besuchen, da mein Zug schon um sechs Uhr früh fährt; ich Möchte keinen früheren Zug benützen." Er fetzte hinzu:Ich werde ihr aber schnellstens mitfeilen, wie diese verworrene Geschichte zusammenhängt. Sobald ich Doralies ge­sprochen habe. Bin aber schon jetzt überzeugt, es kommt dabei einer ihrer allerdümmsten Streiche zutage."

(Fortsetzung folgt.)

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