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OerWattershausenerMordprozeß

Schweinfurt, 16. April. (DNB.) Zu Be- ginn des 10. Verhandlungstages am Montag verlas der Vorsitzende einen neuen Beweisantrag des Verteidigers. Der Verteidiger führt darin aus, der Zeuge Lehnert habe erklärt, es fei eine gefährliche Sache für Frau Werther, Liebig zu bezichtigen, weil dieser ein glänzendes Alibi hätte haben können. Ein geladener Zeuge werde bekunden, daß Frau Werther sowohl am Abend vor dem ersten Ein­bruch (5. Oktober 1932), als auch am Mordabend sich von dem Daheimbleiben Liebigs überzeugt habe. Der Verteidiger beantragt die Ladung des Facharztes für innere Medizin und Nervenkrank­heiten Dr. S a l z m a n n (Kitzingen).

Hierauf wird in der Vernehmung des Zeugen Baron von Woltershausen fortgefahren.

Vorsitzender: Sie haben von Ihrer Mutter beim Besuch im Gefängnis einen Zettel in den Mund bekommen?

Der Zeuge bejaht dies.

Vorsitzender: Wann haben Sie diesen Zettel her­ausgenommen und gelesen?

Zeuge: Nach dem Verlassen des Gefängnisses. Vorsitzender: Was hat denn darauf gestanden? Zeuge: Auf dem Zettel ist nur gestanden:Lie­ber Junge, besorge mir einen Detek- t i d."

Vorsitzender: Eigentümliche Sache. Wenn nichts anderes darauf bestanden ist, dann ist doch das eine ganz unverfängliche und belanglose Sache. Da möchte man schon glauben, daß etwas anderes darauf gestanden ist. Ich mache Sie darauf auf­merksam wenn sie beeidigt werden, geht das auf Ihren Eid. Wie oft waren Sie im Gefängnis?

Zeuge: Zweimal. Zum erstenmal am 30. Januar 1933.

Vorsitzender: Daß Ihnen die Mutter zum Ab­schied einen Kuß gibt und bei dieser Gelegenheit Ihnen einen Zettel in den Mund schiebt, ist eine auffallende Sache. War . ein Beamter zugegen bei dieser Unterredung?

Zeuge: Ja, einmal Herr Dr. Günther und einmal der Staatsanwalt.

Vorsitzender: Sie hätten es sicher nicht gehindert, daß Ihre Mutter den Wunsch nach dem Detektiv Ihnen mitgeteilt hätte?

Zeuge: Das sollte eben geheim bleiben im Dorfe, daß ein Detektiv arbeitete und Nachforschungen an­stellte.

Vorsitzender: Das blieb aber nicht geheim. Im Gegenteil, der Detektiv hat sich geradezu als Be­auftragter der Staatsanwaltschaft benommen' und getan, als hätte er von dieser Seite einen Auftrag bekommen.

Staatsanwalt: hat vielleicht nicht doch etwas anderes auf dem Zettel gestanden?

Zeuge: Hein. Die Sache war mir selbst unangenehm.

Dorf: haben Sie nicht mehr Zettel be­kommen?

Zeuge: 3tein.

Dorf.: haben Sie einen Zettel hineinge­schmuggelt?

Zeuge: 3lein.

Bors.. Was haben Sie denn mit dem Zettel gemacht?

Zeuge: Ich habe ihn auf der Straße roeg- geschmiffen.

Staatsanwalt: Sie haben doch in Berlin da­von erzählt, kennen Sie da eine Frau Ziegler?

Zeuge: Ja.

Staatsanwalt: Sie haben dort erzählt, als ob Sie da einen großen Dreh gemacht hätten.

Zeuge: Ja, ich habe lachend davon erzählt. Aber daß ich das Wort Dreh gebraucht habe, daran kann ich mich nicht erinnern.

Staatsanwalt: haben Sie die Sache nicht so dargestellt, als ob dieser Austausch des Kassibers öfter vor sich gegangen wäre?

Zeuge: Nein.

Dann wird der Zeuge von Woltershausen vom Vorsitzenden gefragt, ob er nicht gewußt habe, daß der frühere Zeuge Lippok wegen Diebstahls und Betrugs schon vorbestraft sei. Der Zeuge behauptet, davon nichts gewußt zu haben. Seine Frau habe Lippok ein gutes Zeugnis ausgestellt und auch er will dasselbe getan haben.

Es kommt dann zu einem interessanten Zwi­schenfall zwischen Liebig und dem Baron Woltershausen. Liebig erklärt, daß einmal von auswärts eine Hofe per Nachnahme für den Baron angekommen fei. Dieser habe ihn ge­fragt, ob er kein Geld habe, um die Nachnahme von 30 Wart auszulegen. Er bekomme nämlich sein Geld erst morgen, und denAlten" (Haupt­mann Werther) wolle er nicht anpumpen.

Baron von Woltershausen fährt furchtbar erregt auf und schreit:Das ist nicht wahr, das habe Ich nicht gesagt!" (Er wird vom Präsidenten wegen seines ungebührlichen Tones zurechtgewiesen.) Liebig beharrt jedoch auf dieser Darstellung und gibt an, daß der Baron von Woltershausen ihm dos ausgelegte Geld in zwei Roten zurückgezohlt Hobe.

Das Hausmädchen Grete Wittmann sagt aus

Dann wird eine besonders wichtige Zeugin, das Dienstmädchen Grete Wittmann, vernommen, die der Vorsitzende darauf aufmerksam macht, daß auf ihre Aussage sehr viel ankomme. Grete Witt- mann ist 1931 auf Schloß Woltershausen in Stel- lung gekommen. Sie gibt an, mit Frau Werther iznd auch mit dem Hauptmann niemals ein Zerwürfnis gehabt zu haben. Heber den Vor­abend des Mordtages weiß tue nichts

rgendwie Bemerkenswertes oder Auffallendes an­zugeben. Liebig fei bei der Herrschaft sehr be­ite d t gewesen, und Frau Werther habe sich mit ihm in der Küche öfters über politische Fragen un- lerhalten. Liebig habe über den Hauptmann stets mit Achtung gesprochen. Auf die Frage des Dor- sitzenden, ob sie Liebig als einen k o m m u n i st i - s ch e n Sv i tz e l angesehen habe, erklärte die Zeu­gin, daß sie Liebig immer als einen echten Je n = iionalsozialisten betrachtete, zumal auch er sehr viel für die Partei gearbeitet labe. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob vielleicht Liebig über die Kündigung seitens der Herr­schaft aufgebracht und dieser feindselig gesinnt ge­wesen sei, stellt Grete Wittmann das m Ab­rede. Die Zeugin gibt auf Befragen des Vorsitzen­

den noch an, daß sich Liebigs Wesen wohl etwas geändert hatte, doch habe das seinen Grund nicht in einer feindseligen Stimmung gegen die Herr- schäft, sondern darin, daß Liebig in Vater- jchaftsangelegenheiten verwickelt war.

Am Nachmittag wird die Vernehmung der Wittmann fortgesetzt. Zunächst wird die Lage am Vorabend des Mordes besprochen, wobei die Zeugin eingehend über die verschiedenen Haus­arbeiten berichtet, die sie in den beiden Zimmern der Herrschaft verrichtete. Am Ehepaar Werther habe sie an diesem Tag nichts Besonderes beob­achtet. Die Dienstboten, die Köchin Fischer, Lie- b i g und die Zeugin, hätten in der Küche gegessen. Auch dort sei nichts besonderes vorgefallen. Später fei die Zeugin noch einmal mit heißem Wasser in das Zimmer der Frau Werther gegangen. Als die 3eugin ins Zimmer trat, fei auch Frau Werther hereingekommen und an der Tür ftehengeblieben, die das Zimmer des Hauptmanns mit ihrem Zim­mer verbindet. Der Zeugin fei aufgefallen, daß Frau Werther sie so eigentümlich ansah. Beide, Frau Werther und die* Zeugin, seien kurze Zeit später gemeinsam die Treppe 'hinuntergegan­gen. Frau W e rt her sei noch mit ihr bis zu dem Fenster neben der Küche gegangen. Sie hätte zu Liebig rübergeschaut und habe dabei gesagt, der Karl gehe heute noch hinüber zu seiner Olga. Dar­auf habe die Zeugin erklärt:Nein, er geht heute nicht hinüber." Frau Werther:Das werden Sie nickst wissen." Als die Zeugin dennoch erklärte, daß sie das gan* sicher wisse, habe Frau Werther ge­äußert, es sei ihr so unheimlich zu Mute. Nachdem die Zeugin bis 10.30 Uhr in der Küche gewesen sei, habe sie bei Liebig noch Licht gesehen und zweimalKarl" hinübergerufen, zum Zeichen dafür, daß er das Licht löschen solle. Sie könne allerdings nicht sagen, ob das geschehen sei. Am nächsten Morgen sei die Zeugin um 7.30 Uhr in den Salon gegangen und hätte dort die üblichen Aufräumungsarbeiten verrichtet. Dabei habe sie mehr­mals ein starkes Klopfen gehört. Darauf sei sie zu Frau Werther hinaufgegangen.

Sie habe nun gehört, wie Frau Werther einen Rlegelzurückschob. Dann sei die Tür ein wenig geöffnet worden, und Frau Werther Hobe vor Ihr mit ausgebröiteten Händen im Nachthemd und dem Bademantel darüber gestanden. Sie sei von oben bis unten voller Blut gewesen. Sehr aufgeregt habe Frau Werther zu ihr gesagt:Grete, Grete, helfen Sie mir! Mein Mann ist er­schossen!"

Da die Zeugin glaubte, Frau Werther sei wahnsinnig, sei sie dann davongelaufen. Ob Frau Werther einen Revolver in der Hand hatte, kann die Zeugin nicht angeben. Die Zeugin sei dann hinübergesprungen zu Karl und Hobe ihn heruntergerufen. Karl fei gleich gekommen. Er sei völlig angezogen gewesen. Beide seien zum Schloß gelaufen, aus dem Frau Werther gerade herauskam. Sie fei langsam gegangen. Als sie die beiden sah, Hobe sie die Hände ousgestreckk. Jetzt Hobe die Zeugin auch den Revolver in der Hand der Frau Wer­ther gesehen und sei davongelaufen, weil Frau Werther gerufen habe:I ch schieße!" Die Frage, ob Frau Werther von Lippok gesprochen habe, verneint die Zeugin. Frau Werther habe ihr aber erklärt, Karl s e i es gewesen oder Dietrich. Frau Werther habe weiter er­zählt, daß ihr Mann furchtbar geblutet habe. Er sei einmal herausgegangen und sie habe ihn mit großer Mühe wieder ms Bett gebracht.

Auf die Frage, ob Frau Werther Opium oder Morphium benutzt habe, erwidert die Zeugin, Frau Werther habe ihr einmal erzählt, ihr Mann dürfe es ja nicht wissen, aber f i e stehle i h m ein bißchen.

Kunst und Wissenschaft.

Bekannte Berliner Künstler zu preußischen Kammer­sängern und Staatsschauspielern ernannt.

Der Amtliche Preußische Pressedienst teilt mit: Der preußische Ministerpräsident hat folgende Künst­ler der Berliner Staatstheater zu preußischen Kammersängern bzw. zu preußischen Staatsschauspielern ernannt: Heinrich S ch l ü s n u s, Rudolph Bockelmann, Jaro Prohaska, Helge Roswaege, Marcell W i t t r i s ch , Frieda Leider, Maria Müller, Margarete Klose, Käthe Heidersbach. Gustav Gründgens, Werner Krauß, Fried­rich K a y ß l e r, Lothar Müthel, Maria K öp­pe nhöser, Emmy Sonnemann. Mit dieser Ernennung ist eine langfristige Bindung an die Berliner Staatsbühnen und ein Ehrensold ver­bunden.

Henny Porten wirbt für die NS.-Volkswohlsahrt.

Henny Porten hat vor der Ton-Kamera einen Aufruf zur Unterstützung der AktionMutter und Kind" und zum Eintritt in die NS.-Volkswohlfahrt gesprochen, der nun an sämtliche Kopien des NDLS.- FilmsMutter u n d K i n d", für den die NS.- Volkswohlfahrt das Protektorat übernommen hat, angefügt wird und so den Bestrebungen der NS.- Dolkswohlfahrt in ganz Deutschland dienen soll.

Wettervoraussage.

Durch die kräftige Erwärmung ist allgemein Luftdruckfall bedingt, wodurch es über dem Festland zur Ausbildung flacher Störungen kommt. Wenn auch infolge des hohen Druckes noch aufheiterndes und warmes Wetter herrschen dürste, so werden doch, da auch die Luftzufuhr schon verschiedenartig ist, stellenweise Wärmegewitter auftreten. Der freundliche Witterungscharakter wird allerdings dadurch nur vorübergehend unterbrochen.

Aussichten für Mittwoch: Teils auf­heiternd, leite wolkig, warm, vereinzelte Gewitter­störungen.

Lufttemperaturen am 16. April: mittags 28,8 Grad Celsius, abends 16,8 Grad; am 17. 2£pril: morgens 13,5 Grad. Maximum 29,9 Grad, Mini­mum 10,2 Grad. Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 16. April: abends 16,3 Grad; am 17. April: morgens 13,2 Grad Celsius. Sonnenscheindauer 10 Stunden.

Hauptschriftleiter: Dr. Friedrich Wilhelm Lange. Stellvertreter: Ernst Blumschein. Verantwortlich für Politik: i.V.: Ernst Blumschein, für Feuilleton: Dr. Hans Thyrivt, für den übrigen Teil: Ernst Blumschein. Anzeigenleiter: Hans Beck, verantwort­lich für den Inhalt der Anzeigen: Theodor Kümmel. DA. III. 34: 11550. Druck und Verlag: Bruhl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei R. Lange, KG., sämtlich in Gießen.

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