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imperialistisch". Er will nicht Gebiete erobern um der Eroberung willen, sondern es drängt ihn viel­mehr zum Gebietsaufbau als zur Gebiets­erweiterung. Die Pazifizierung Libyens mußte schnell vor sich geyen, damit endlich nach so langer türkischer Mißwirtschaft, nach so viel Unfähigkeit des italienischen Vorkriegssystems der Aufbau be­ginnen konnte. Italien ist eines der übervölkertsten Länder Europas. Es war allzu lange dazu gezwun­gen, seinen Menschenüberschuß nach allen möglichen Richtungen hin geradezu abzustoßen. Der Fascio ist aber ein Autoritätssystem, das nicht um seiner selbst willen da ist, sondern das diese seine Auto­rität nur um des Volkes willen selbst aus- übt. Wollte der Fascio seiner großen Sendung gerecht werden, so mußte einer seiner ersten und dringendsten Sorgen darauf gerichtet sein, den Menschen, die in Italien keine Nahrung mehr fan­den, eine Heimat zu geben, die als italienische Heimat angesprochen werden konnte. Diese neue Heimat war bis dahin ein ödes, ein nicht einmal militärisch gesichertes Gebiet, ein Spielball welt­politischer Jnteressenkreuzungen und Intrigen. Nun mit der Herrschaft Mussolinis steigt die Kurve der militärischen Besitzergreifung und Sicherung des libyschen Kolonialgebietes ebenso steil an wie die Kurve einer ganz planmäßigen Kolonisation, die vor keinem Experiment zurückscheut und jedes Geld, das notwendig ist, zum Ausbau des Landes zur Verfügung stellt.

Bei allen staatsschöpferischen Persönlichkeiten verbindet sich mit der Erkenntnis von der Wichtig­keit zugleich auch eine besondere Vorliebe für einen denkbar großzügigen Straßenbau. Wie es in Italien, mehr noch im Spanien Primo de Riveras der Fall ist, so hat man auch in Tripolis in ganz kurzer Zeit ein Straßensystem geschaffen, das in dieser Vollendung und in dem Tempo seines Ausbaus wahrscheinlich in der ganzen Welt kaum seinesgleichen findet. Die Straße stößt vor und er­schließt das Land. Und sofort werden dort, wo gestern noch Steppe war, Wüste vielleicht, Kolo­nistenfamilien angesetzt, die niemanden etwas weg­nehmen, sondern Neues schaffen. Der gefährlichste Feind des Straßenbaus, aber auch des Kolonisten, ist der Flugsand, die Wanderdüne. In einer jahrelangen Arbeit, die auch heute noch keinen Tag, noch keine Stunde abreißt, hat man diese Wanderdünen bepflanzt und damit festgelegt. Man hat darüber hinaus durch Anpflanzungen von Bäu­men, insbesondere durch Verwendung der australi­schen Akazie natürlichen Windschutz geschaffen, wie man überhaupt, gestützt auf die umfassende Ar­beit der großen staatlichen Versuchsfarm Sidi Mesri, an eine planvolle Aufforstung, die zugleich dem Lande kostbares Holz bringen soll, herangeht.

Die Ansetzung von Siedlern geht im allge­meinen so vor sich, daß der Staat ein gewisses Stück Land zur Verfügung stellt und ihnen darauf sogar schmucke kleine Häuser baut. Ein Kredit, der leicht zu erlangen ist, tut das Übrige. Ist das Land kultiviert, so fällt die Hälfte des Besitzes wieder an den Staat zurück oder muß vom Siedler eigens erworben werden, während Haus und übriger'Be­sitzteil automatisch in sein Eigentum übergehen. Die Großkolonisation, mit der man begann, scheint heute mehr und mehr abzuflauen. Es gibt bereits eine Reihe größerer Landgesellschaften, die ihren Besitz systematisch wieder zerschlagen und selbstän­dige Güter daraus machen. Auch der Gedanke der Siedlung durch Arbeitsdienst ist in Form der sogenanntenLibyschen Leaion", militärisch straff aufgezogen, bereits verwirklicht worden.

Versucht der Faschismus den 500 Kilometer brei­ten Meeresarm zwischen Sizilien und Nordafrika als Kontinentsgrenze und sogar als Volksgrenze zu Überwinden, so unterscheidet sich seine Kolonial­politik auch dadurch fast bis zur Grundsätzlichkeit von der machtpolitischen Kolonisation anderer Län­der, daß sie durch Arbeit und Ausbau, durch Vor­stoß in jungfräuliches Land den Besitz er st schafft, den Italien erworben hat. Hier kennt der Fascio dann allerdings auch keine Grenze. Soll Libyen gewissermaßen organisch mit dem Mutterland verschmelzen, so ist es für Italien auf die Dauer einfach unerträglich, daß das eng- lischeMolta als Sperrfort dazwischen liegt.

Auf her Schulbank.

13on Siegfried von Vegesack.

Der Klassenlehrer unseres Jungen hatte zu einer Elternversammlung eingeladen. Nur widerstrebend, mit heimlichem Gruseln, machte ich mich mit meiner Frau auf den Weg zur Schule. Elternversammlung, das klingt etwas komisch: lauter Papas und Mamas, die nur deshalb zusammenkommen, weil sie eben Papas und Mamas find. Immerhin: warum sollen nicht auch einmal die Eltern zusammenkom­men, um etwas über ihre Kinder zu erfahren, über ihr Schicksal zu beraten? So wichtig eine Aktie, eine Dividende auch sein mag, im Depot unseres Volks­vermögens find die Kinder vielleicht doch das beste Wertpapier, das wir besitzen.

Durch endlose Korridore geht es, treppauf, immer «Heber treppauf, dann öffnet sich eine Tür, und wir befinden uns in einem Klassenraum der Schule: Pulte, Bänke, eine große Tafel, ein kleiner Tisch als Katheder, sonst nur weiße Kalkwände. Die Pa­pas und die Mamas, bei manchen geht es schwer, drücken sich zwischen die Schulpulte hinein, setzen sich auf die harten kleinen Bänke. Die Klasse ist schnell gefüllt, ein umfangreicher Papa muß sich noch ein Stühlchen hereintragen, und nun sitzen alle wie Mädchen und Buben hübsch aufgereiht nebeneinander.

Und in diesem Augenblick, während ich mich mit meiner Frau hinter ein Pult zwänge, die Bank herunterklappe und mich auf dieses harte, vom Sitzen vieler Schülerhinterteile blank geriebene Holz setze, geschieht das Wunder: ich schrumpfe zusam­men, die Schultern ducken sich, die Beine, die ich noch eben kaum ausstrecken konnte, werden kurz und dünn, die viel zu langen Arme und Ellbogen schie­ben sich ineinander, nehmen auf dem schwarzen Schulpult den gewohnten Platz ein, die Hande, schmal und merkwürdig unruhig geworden, tasten zum Blechdeckel des Tintenfasses, klappen ihn auf und zu, befühlen die vertraute Rinne für den Feder­halter, eine Kruste eingetrockneter Tinte...

Verstohlen sehe ich mich um, und da bemerke ich: auch alle andern Papas und Mamas haben sich verwandelt. Nein, das find keine würdigen Väter und Mütter, die dort fitzen, sondern lauter Schul­jungen und Schulmädchen, man tuschelt, blickt scheu zum Lehrer hinüber, der dort hinter einer schwar­zen Hornbrille sitzt: wen wird er jetzt aufrufen?

Ich fühle deutlich, wie meine Hände vor Angst feucht und kalt werden, schreckliche Fragen quälen wich: wann war der zweite punische Krieg? Wann war die Schlacht bei Salamis? Und wie hieß dieser römische Feldherr, der bei Karthago...? Und mann stand Hannidalente portas?

Es ist weiter unerträglich, daß heute keine Mög­lichkeit direkter Verbindung mit Ita­lien i s ch-E r y t h r ä a am Roten Meer besteht, und daß der uralte Karawanenweg nach und aus Zentralafrika, der Weg zum

Tschadsee, durch englisch-französisches Abkommen verschlossen ist. Schon diese wenigen Andeu­tungen lassen erkennen, daß es weltpolitische Aspekte sind, in deren Zeichen die Kolonial­politik des Fascio steht.

Geschichten aus aller Welt.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Kampf um die Millionen.

(b) Rio de Janeiro.

In Sao Paulo hat der Verwandtenkampf um den Alleinbesitz einer Millionenerbschaft Formen angenommen, die in der gesamten brasilianischen Oeffentlichkeit großes Aufsehen erregt haben. Die viele Millionen besitzende alte Dame Dona Iosina Amaral hatte als Erben nur zwei Söhne, von denen aber einer noch zu ihren Lebzeiten starb. Nach dem Tode dieses Sohnes verschwand sie plötz­lich und wurde bereits als verschollen erklärt, bis man sie eines Tages in der Wohnung ihres noch lebenden Sohnes in einem Kleiderschrank versteckt fand. Der Sohn hatte sie auf diese Art gefangen­gehalten, um zu verhindern, daß sie über ihr Ver­mögen in einer für ihn ungünstigen Weise verfüge. Dona Iosina Amaral wollte nämlich in erster Li­nie ihren Enkel Paulo Prado Amaral, das Kind ihres verstorbenen Sohnes, bedenken. Obgleich die alte Dame unter Polizeischutz gestellt wurde, ver­schwand sie kurz danach wieder, wurde wiederge­funden und starb bann aber nach wenigen Mona­ten infolge der ausgestandenen Aufregungen.

Die Erbschaft sollte nun geteilt werden, wobei an den Enkelsohn Paulo Prado Amaral die Summe von acht Millionen Milreis gefallen wäre, wenn nicht auch er plötzlich auf geheimnisvolle Weife ver­schwunden wäre. Die Polizei suchte lange vergeb­lich nach ihm, bis er vor wenigen Tagen von einer Kusine, seiner früheren Verlobten, völlig zerlumpt und ausgehungert als Bettler auf den Straßen Sao Paulos angetroffen wurde. Die medizinische Untersuchung ergab, daß Paulo durch unsägliche Entbehrungen und wahrscheinlich auch Mißhand­lungen in einen Schwächezustand versetzt worden war, in dem er auch das Erinnerungsvermögen verlor und so trotz seines Millionenerbes als Bett­ler vegetierte. Was sich zwischen seinem Verschwin­den als gesunder und blühender Mensch und seinem Wiederauftauchen als zerlumpter und schwachsin­niger Landstreicher ereignete, liegt noch in Dunkel gehüllt. Natürlich wird von der öffentlichen Mei­nung Brasiliens fein Onkel, der bereits feine Mut­ter gefangengehalten hatte, auch mit diesem Fall in Verbindung gebracht. Die Polizei will bereits festgeftellt haben, daß Paulo von privater Seite ge­fangengehalten und, nachdem er völlig herunterge­kommen war, als Gedächtnisloser freigelassen wurde. Bis zu seiner Wiederherstellung in einem Sanatorium wird jedenfalls dieser arme Märtyrer einer Millionenerbschaft streng beroaefjt, um eine neue Entführung zu verhindern.

Flaschen-Capone hats überstanden.

th Ehikago.

Niemand wird behaupten wollen, daß die Capo- nes das verkörpern, was man sich unter einer feinen Familie" vorftellt. Zu Beginn dieses Jah­res saßen sämtliche Mitglieder dieser Familie hin­ter Gittern. Vom Jüngsten bis zum Großpapa. Mit der Höchststrafe war Alphonse, genannt Al,aus­gezeichnet", der bekanntlich elf Jahre verbüßen soll. Allerdings sprach man kürzlich schon davon, daß es dem alten Gauner vermutlich gelingen werde, in absehbarer Zeit sich der gleichen Freiheit zu er­freuen, die jetzt schon seinem jungen Bruder zuteil geworden ist. Bruder Ralph, genannt der Flaschen- Capone, hat nämlich die drei Jahre schon abge- brummt, die man ihm zudiktierte.

Die aus der Alkoholschmugglerfamilie Capones stammenden Betrüger werden immer nur wegen Steuervergehens eingebuchtet. Etwas anderes kann man ihnen eben nicht nachweisen. Auch demklei­nen Bruder" Ralph drehte man daraus einen Strick. Uebrigens hieß er Flaschen-Capone, weil er mit

den Flaschen handelte, die sein Bruder für feine riesigen Alkoholschiebungen brauchte ...

Wo Heinrich VIII Anna Boleyn traf...

() London.

Jetzt haben die Installateure die schönen, weißen, nagelneuen Badewannen fertiggeftellt und einge­mauert. Die Nummernschilder sind auf den Türen angebracht. Alles ist bereit, so bereit, wie einst das Kenter Wickham-Schloß Tag und Nacht sein mußte, wenn der König Heinrich VIII. hierher kam und langsam die schmale Allee hinabritt, an deren Ende die schöne Anna Boleyn stand.

Einst ein königlicher Treffplatz, der Ausgangs­punkt einer fraulichen Tragödie, die Ursache der großen Kirchentrennung heute ein Hotel. Nichts anderes. Deshalb die weißen Badewannen. Des­halb die Nummernschilder.

Heinrich VIII. und Anna. Ueberall sieht man ihre Namen. Verschlungen und eingeritzt. In die Seitenwände des Kamins und in die Spiegelschei­ben an den Fenstern.

Noch heute zeigt man den Weg, auf dem Anna Boleyn am liebsten spazieren ging, die Allee, wo der König mit der schönen Anna am häufigsten wandelte.

Vorbei, vorbei ein Hotel wurde aus diesem historischen Platz. Odo, der Halbbruder Wilhelms des Eroberers, würde sich im Grabe umdrehen, wenn er sähe, was aus einem großen Hause ge­worden ist. Nur der große Schlüssel von 50 Zenti­meter Länge hängt noch unten neben dem Tor. Sonst ist wirklich alles anders geworden, ganz an­ders.

Siebenmal um die Erde.

(a) Amsterdam.

Der Poftbesteller des Dörfchens Hauwert bei Hoorn, Mijnheer G. Ettes, feierte kürzlich fein fünf­undzwanzigjähriges Dienstjubiläum, Wie beliebt der Jubilar bei seinenKunden" ist, zeigt, daß zu seinem Ehrentage sämtliche Dörfer und Bauernhöfe der Umgebung festlich geflaggt hatten. Auf dem Lande kommt dem Postboten ja beinah noch eine größere Bedeutung zu als in der Stadt. Ein bei den Feierlichkeiten anwesendes statistisches Gemüt hat sich die Aufgabe gestellt, die von dem Jubilar während dieser 25 Jahre zu Fuß zurückgelegte Entfernung auszurechnen und kam zu dem erstaun­lichen Ergebnis, daß Ettes rund 600 000 Kilometer per pedes apostolorum, das heißt siebenmal den Erdumfang,zurückgelegt hat. Ettes selbst schätztdieZahl der von ihm vollzogenen Bestellungen auf IV2 Mil­lionen. So kann auch ein einfacher Postbote auf dem Lande Rekordbrecher werden.

In Spanien wird Wein getrunken.

(u) Madrid.

So nun wird aber Wein getrunken in Spa­nien. Ob du willst ober nicht, ob du Abstinenzler bis ober im Gegenteil. Dein Viertelliter Wein wirb bir serviert. Ob bu ihn bestellst ober nicht. Da gfbt es keine Ausnahmen. Da heißt es eben trinken!

Denn also lautet bas neue Weinhilfsgesetz, das allen in Restaurants effenben Junggesellen das Herz im Leibe vor Wonne hüpfen macht:Zu jeber Mahlzeit, die weniger als 10 Pesetas kostet, hat ber Wirt aus eigenem Aufwanb unb ohne baß dadurch bie Qualität des Essens beeinträchtigt wer­den darf, einen Viertelliter Wein hinzuzuservieren. Wird ein Gastwirt bei einer Unterlassung dieses kostenlosen Weinausschankes betroffen, so wird er in eine von Fall zu Fall steigende Geld­strafe genommen."

Jeder, auch der kleinste Eßladen in einer Winkel­gasse von Barcelona, wo man für eine halbe Pe- fete essen kann, wird davon getroffen. Der Wein gehört dazu, auch wenn der Wirt vor Wut explo-

Nichts, nichts weiß ich. Ich habe mich schlecht vorbereitet. Soll ich heimlich unter dem Pult im Buch nachschauen? Oder meinen Nachbar fragen? Am besten, ich mache mich ganz klein: dann sieht mich der Lehrer nicht. Und ich schrumpfe noch mehr zusammen, verkrieche mich hinter dem Rücken des dicken Schülers, der vor mir fitzt, ducke mich, wie ein Hase in einer Ackerfurche.

Und während ich so versteckt dasitze und ängstlich zum Lehrer hinüberschiele, verwandelt sich auch sein Antlitz hinter ber dunklen Hornbrille und eine ganze Galerie von Lehrern, längst vergessene Gesichter, ziehen an mir vorüber, sehen mich streng unb fra- genb an. Wieber habe ich den vierten und fünften Schöpfungstag miteinanber verwechselt, wieber muß ich besroegen aus ber Reibe hinaustreten, mich be­schämt an bie Wanb hinstellen. Und bann taucht bie boshafte Tatarenfratze unseres russischen Geschichts­lehrers auf, unb wieber verlangt er, daß wir in unsere Hefte schreiben sollen:Ich bin ein Russe", und wieder weigere ich mich, dies zu tun, werde zum Direktor befohlen, einem strengen Verhör un­terzogen, aber ich bleibe dabei, daß ich kein Russe bin...

Auch ein paar gutmütige Lehrergesichter mit ro­sigen Bäckchen und weißen Haaren blicken mich vom Katheder an, lächeln mir freundlich zu. Aber bie meisten Köpfe finb hart und böse, ich fühle nichts als Angst und Entsetzen, unb sonst nur grauen­hafte, bleierne Langeweile. Warum hatten wir solch eine furchtbare Schule? Warum verfolgen mich Schulerinnerungen noch jetzt im Traum wie ein böser qualvoller Albbruck?

Langsam erwache ich wie aus tiefem Schlaf. Cine freunbliche, von innerer Teilnahme erwärmte Stimme spricht, kluge humorvolle Augen sehen mich hinter ber schwarzen Hornbrille halb ernst, halb belustigt an. Der Lehrer erzählt von seinen Schü­lern, vom Unterricht, malt mit bunter Kreide Bilder an bie Tafel, belebt sogar bie toten Buchstaben unb Zahlen mit sinnvollen Märchen. Man fühlt und sieht es ihm an, mit welcher Hingabe, mit welcher Begeisterung hier ein Mensch von seinem Beruf, seiner Berufung erfüllt ist, mit welcher Liebe, wel- chem Verständnis für jede Eigenart, jedes kleine Ich, er sich in die Seele uer ihm anvertrauten Kin­der versenkt. Nichts von Drill, nichts von Zwang, nichts vom oben Geist jener alten Schule, bereu harte Bänke wir einmal brücken mußten.

Die Stunbe ist zu Enbe, bie Buben unb Mäd­chen verwandeln sich wieder in würdige Papas und Mamas. Die Beine dehnen sich, die Schultern wachsen, nur mühsam richten sich die großen Glie­der hinter den kleinen Schulpulten auf. Noch ein» juat tastet meine Hand zum Blechdeckel des Tinten- lasses, befühlt die eingekratzten Rinnen und Runen­

zeichen auf dem Pultbrett, die frühere Schüler- generationen hier eingegraben haben. Unb ein heimlicher Wunsch regt sich: hier bleiben, noch ein­mal bie Schule, das Leben beginnen zu dürfen.

Erwartung.

Von Ilse Johrenholh.

Abend. Die weite große Bahnhofshalle liegt in grauem Halbdämmerlicht. Wie schwarze Kanäle graben sich bie Schienenstränge burch die langen Reihen ber Bahnsteige. Dumpfe, hallende Urwelt- aeräusche dröhnen und ächzen, ballen sich finster zu­sammen und verebben wieber bis zu ben stumpfen Lauten, die wie jene unwägbaren Gerüche die AtmosphäreBahnhof" schaffen. Draußen, am Enbe, lauert schwarze Nacht, von vielfachen Hellen Licht­punkten burchflimmert. Lampen, Signale, wartende Maschinen ... Weißer, gischtender Dampf steigt da­zwischen sekundenlang zu Wolken auf. Dann starrt wieder dunkle Nacht mit Lichtern wie Raubtier­augen.

Ein hochgewachsenes Mädchen mit schmalen Schul­tern unb federndem Gang schreitet langsam auf dem ersten Bahnsteig auf unb ab. Sie blickt auf die nächste große Uhr: noch zehn Minuten finb es bis zur Ankunft bes v-Zuges, mit dem er kommen muß ...! Zehn Minuten, eine Ewigkeit, wenn man es kaum noch erwarten kann! Zum Glück ist niemand in ber Nähe, denn ihr Gesicht ist einen Augenblick wie eine offene Schale: Aufgeschlossen­heit, Innigkeit, Freude unb Spannung liegen darin, von einem unnachahmlich herzensheiteren Lächeln überstrahlt. Denn bies Gesicht, so jung es scheint, hat Kummer unb Tränen tennengelernt, die ihm die Leere des bloß Anmutigen nahmen: es ist wirk­lich ein Gesicht ...

Sie geht, um die Zeit abzukürzen, bis ans Enbe des langen Bahnsteigs. Und als sie zurückkommt, sind es wirklich fünf Minuten weniger geworben. Den Mantel fester um bie Schultern ziehenb, steht sie unb schaut in die Dunkelheit, aus der der Zug später auftauchen muß. Ihre Gebauten fliegen bem Erwarteten entgegen. Aber sie denkt nichts Zusam­menhängendes. Das erste Kennenlernen, ein be­stimmter Brief, ein gemeinsamer Hutkauf, eine Stelle aus GmelinsMädchen von Zacatlan", das letzte Zusammensein alles dies verbichtet sich zu einem einzigen Silbe, bas so vertraute Züge trägt...

Das heitere Lächeln erscheint wieder auf ihrem Gesicht. Auf dem Bahnsteig herrsckt nun einiges Leben. Sie steht unbeweglich und schaut bas Schie­nenband entlang in bas ferne Dunkel.

Noch drei Minuten", verrät die Uhv.

diert. Sogar im Speisewagen der Expreßzüge muß bie Vorschrift eingehalten werben. Man achtet auf bie Erfüllung mit ber Wachsamkeit eines Luchses. Kommissare gehen still umher im Lande und essen unb trinken und trinken und essen zur Kontrolle. Wehe bem, ber keinen Wein verschenkt natür­lich nur in Spanien ...

Achtzehnjähriger Don Inan.

er. Athen.

In bem Städtchen Chalkis auf Eubäa, bas an den Ufern bes Euripos gelegen ist unb an jener rätsel­haften, unerklärlichen Strömung, die sechs Stunden am Tage aufwärts unb sechs Stunden mit Riesen­kräften abwärts, bas heißt in gerade entgegenge­setzter Richtung fließt, ereignete sich eine Tragi- komöbie, bie zum minbeften für Europa unglaub­lich erscheint.

In bem bärtigen Flüchtlingsviertel kleinastatischer Griechen verliebte sich ein achtzehnjähriger Jüngling unsterblich in ein Mäbchen ober besser in ein Kind von 13 Jahren. Die arme Mutter bes Kindes gab ihre Einwilligung zur Hochzeit, der Priester kam, und zwei Kinder wurden getraut, in ben heiligen Stanb ber Ehe gezwungen. Aber nicht lange währte bas hier tatsächlichjunge" Eheglück. Der frisch- gebackene Ehegatte verliebte sich bald nach ber Hoch­zeit in ein fünfzehnjähriges Mäbchen unb beide ver­sicherten sich ebenfalls ihrerunsterblichen" Liebe. Trotz strenger Beobachtung b°r Fünfzehnjährigen durch die Eltern gelang es dieser doch, durch das Fenster zu entweichen unb zu bem jungen Ehemann zu fliehen. Doch ohne Geld ist nicht gut fein, und .so nahm das Fräulein alles mit, was Geld ober Gelbeswert hatte. Sobann verschwanb man spur­los aus bem Stäbtchen Chalkis, in bem eine ver­lassene jungeEhefrau" von 13 Jahren ihrem ungetreuen Gatten nachweint. Vielmehr nicht nach­weint, denn die kleine Hausfrau ist noch viel zu jung, um überhaupt zu erfassen, was ihr geschah. Sie glaubt, ihr Gatte sei verreist und käme dem- nächst mit schönen Geschenken wieder nach Chalkis zurück ...

Die Polizei konnte bisher der Flüchtlinge nicht habhaft werden. Dem jungen Ehemann, der alle Eigenschaften eines Don Juan zu besitzen scheint, blühen bei seiner Verhaftung allerlei Ueberraschun- gen: die Eltern bes entführten Mädchens haben gegen ihn Anzeige wegen Diebstahls unb Verfüh­rung erstattet, unb auch bie böse Schwiegermutter klagt gegen den ungetreuen Schwiegersohn.

Prozeß um einen Bart.

(ht) Bukarest.

Als Zeichen ihrer Würde tragen bie orthodoxen Priester einen Bart. Wer sich an diesem Bart ver­greift, vergreift sich am Allerheiligsten, an der Kirche selber.

Trotzdem kommt es auf dem flachen Lande alle Augenblicke vor, daß die Bauern einem mießliebi- gen Popen gewaltsam den Bart abschneiden.

Nun hat sich in einem Dorfe in der Nähe von Jassy ber umgekehrte Fall zugetragen: Dort war ein gewisser Rusu aufgetaucht, 'der zwar kein Geist­licher war, ber sich aber als Sektenprediger be­tätigte unb viel Anhang fanb. Um ben aufs höchste bebrohten Frieben seiner Gemeinbe wieder herzu­stellen, lauerte der rechtmäßige Pfarrer, mit einer mächtigen Papierschere bewaffnet, bem Setten« prebiger auf ber Gasse auf unb säbelte ihm nach einem erbitterten Hanbgemenge den unrechtmäßig gewachsenen Priesterbart herunter. Rusu ließ sich bas nicht gefallen. Er verklagte den Popen wegen Körperverletzung. Der Angeklagte konnte jedoch nachweisen, daß ber Kläger mit feinem Barte zu­sammen schlagartig alle seine Anhänger verloren hatte unb daß auf diese Weise, im Interesse bes Staates unb ber Kirche, der Frieden in der Ge­meinde wieder hergestellt worden sei.

Also wurde ber Pope freigesprochen, und bem Chronisten bleibt nichts weiter übrig, als feiner Freube barüber Ausbruck zu aeben, wie leicht sich biefer Kirchenstreit beilegen ließ.

Spreckstunven der Redaktion.

11.30 bis 12.30 Uhr 16 bis 17 Uhr. Samstag nachmittag geschlossen

Das Mäbchen atmet tief auf. Noch dreimal sechzig Sekunden ... Doch, was ist das? Zwei Lichter­augen tauchen bort an dem Punkt auf, wo die Schienen enden. Sie werden schnell größer, glühen­der: ein dunkler Körper, wie ein Ungetüm, schiebt sich langsam vorwärts.

Das Mäbchen durchzuckt es: Schon? dann ist sie nur äußerste Spannung, sie denkt unb fühlt nichts mehr. Ein einziges intensives Empfinden hält sie in Bann: völlig selbstvergessene Erwartung. Sie weiß so wenig von sich, obschon sie hellwach ist, wie ein begnadeter Musiker beim Vortrag eines Beethovenschen Furioso ...

Schnaubend, donnernd rollt ber Zug in die Halle. Fenster offnen sich, Hände und Arme winken. Er halt, und eine Menschenflut ergießt sich auf den Bahnsteig.

Das Mädchen schaut und sucht umsonst, ihre Augen werden ganz weit und dunkel. Sie drängt sich durch die Menschen, eilt auf und ab und findet doch den Erwarteten nicht. Kein Zweifel, er ist nicht gekommen.

Der Bahnsteig leert sich allmählich, der Zug fährt langsam aus der Halle.

Sie bleibt fast allein zurück und lehnt sich, um sich zusommenzusinden, an die Rückwand einer Holz­bank. Sie sieht unsäglich rührend und traurig aus.

Ein alter Bahnbeamter, der sie beobachtet hat, tritt freundlich zu ihr:Fräulein", sagt er begüti­gend,Sie haben wohl jemand erwartet? Der kommt noch! Das eben war nur ein ein geschobener Vorzug. Da vorne auf der Tafel steht es ja an­geschrieben. Der fahrplanmäßige Zug hat zwanzig Minuten Verspätung, er kommt erst tn zehn Minu­ten ...!"

Oh, vielen Dank!"

Auf ihrem Gesicht ist in jähem Wechsel wieder Sonnenschein.

Unb das Spiel mit ben zehn Minuten, wiewohl biesmal in gebämpftem Moll, beginnt von neuem ...

Sochfchulnachnchten.

Die Errichtung eines Lehrstuhls für Luftfahrt wirb an ber Universität Jena geplant; Dipl.-Jng. Hermann John von der thüringischen Landes- wetterwarte in Jena soll den neuerrichteten Lehr­stuhl übernehmen.

Der Ordinarius für Dermatologie an der Uni­versität Münster, Bros. Dr. Alfred Stühmer, hat einen Ruf an die Universität Freiburg i. Br. angenommen.