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Studentenleben und Studentenbrauch in alter Zeit Von Or. Hans Schaar.

Das neue deutsche Studentenrecht be­deutet einen Markstein in der mehr als halbtausend­jährigen Geschichte unserer Hochschulen; es will das Volk der Studierenden wieder in die Gesamtheit des Volkskörpers eingliedern, wie dies vorher wohl noch nie, jedenfalls nicht seit den Zeiten des Mittelalters, der Fall war. Der Student hat im kulturellen Le­ben stets eine bedeutende Rolle gespielt; aus den Kreisen der Akademiker kamen viele der geistigen und oft auch der politischen Führer. Es konnte des­halb nicht gleichgültig sein, wie sich dieser Rachwuchs entwickelte. *

Die Entwicklung der studentischen Anschauungen und Daseinsformen vollzog sich im Rahmen des allgemeinen geschichtlichen Ablaufs; bei ihr aber tritt das Verhältnis von Gesamtheit und Einzel­nem, von Volk und Stand besonders stark hervor. Je mehr sich dieBurschen" aus dem festgefügten Or­ganisationen eines kollektiven Lebens befreiten, je stärker der einzelne hervortrat, desto mehr sank sein Ansehen, desto weniger vermochte die Welt der Gebildeten die breite Masse zu beeinflussen. Daher ist eine neue Einfügung der Hochschulen in das deutsche Gemeinwesen eine notwendige Maßnahme, die segensreiche Früchte tragen wird.

Die ersten Universitäten sind in Italien und Frankreich entstanden, und zwar in Italien auf einer genossenschaftlichen Grundlage, die demokra­tische Formen hatte. Die nationalen Körperschaften der Scholaren, die die Universitas bildeten, wählten ihre Rel iren, Lehrer und Beamten selbst. In Pa­res aber waren die Träger der Organisation die Lehrer der von Anfang an vorhandenen vier Fa­kultäten, und es herrschte ein aristokratisches Prin­zip. Bei den deutschen Hochschnlgründnngen, so bei der er st en deutschen Hochschulein Prag, wurden italienische und französische Einflüsse ver­schmolzen, indem die Lehrer in vier Fakultäten und

die Schüler in vierNationen", der böhmischen, sächsischen, bayrischen und polnischen, zu einer ge­meinsamen Verwaltung zusammentraten.

Der Charakter der Universitäten war noch im 15. Jahrhundert recht mittelalterlich. Die Schüler, die unter strenger Aufsicht standen, wohnten in den sog.Bursen" beisammen; die gemeinsamen Mahl­zeiten wurden mit Gebeten eröffnet und beschlossen; schon um 5 Uhr früh begannen die Vorlesungen, die Nahrung war kärglich, der Trank etwas reichlicher. In den einzelnen Bursen fanden sich die Lands­mannschaften zusammen, und die Aufnahme vollzog sich in jenen strengen zünftigen Formen, die im Mittelalter allen Korporationen ihr Gepräge ver­liehen. Diese Einweihung des Neulings, die sog. Deposition, war in ihren Einzelheiten von den Handwerken übernommen, aber dann ins Burleske verzerrt worden und bildet das erste seltsame Zeug­nis des st u d e n t i s ch e n Brauchs, der dann so reich und eigentümlich ausgebildet wurde. Der Grundgedanke war, daß der Novize, der noch nicht als richtiger Mensch, sondern als gewöhnlichesTier des Feldes" betrachtet wurde, erst in einen echten Bruder Studio verwandelt werden müsse. Er er­hielt also eine phantastische Verkleidung, die in ge­waltigen Hörnern, riesigen hölzernen Zähnen, wil­dem Bart und Haarschmuck bestand. Unter grobem Scherz und Spott wurden die Hörner mit einem hölzernen Beil abgeschlagen, die Zähne mit einer Zange herausgerissen, die Haare gestrählt, der Bart geschnitten, die langen Nägel gefeilt, die Ohren ge­reinigt, der Körper abgehobelt usw. Erst nach die­ser drastischen Prozedur war er zu einemVursen- knecht" geworden.

Im 15. Jahrhundert trat das Bestreben der Stu­dentenschaft nach Verweltlichung immer leidenschaft­licher hervor und führte zu ernsten Unruhen. Die Burschen warfen die langen Mäntel und talar­artigen Röcke von sich und paradierten in der phan­tastischen Tracht, die damals die burgundische Mode brachte. Alle Verbote der weltlichen Kleidung nütz­ten nichts. Auch Waffen trugen die Burschen nun, | weil sie in ihren ewigen Streitigkeiten mit Hand- I roerfern und Stadtknechten nicht wehrlos sein woll­

Ratzonaterziehung im ©ritten Reich.

Von Or. Gerhardt Giese

In der Hanseatischen Verlagsanstalt AG., Hamburg, erschien von Dr. Gerhardt Giese das BuchStaat und Erziehun g", Grundzüge einer politischen Pädagogik und Schulpolitik (Leinen 6,80 Mark). Diesem um­fassenden Werk, das zum erstenmal die poli­tische Willensbildung des jungen Menschen aufzeigt und damit der Pädagogik die Wege künftiger Aufgaben weist, entnehmen wir folgenden Abschnitt:

Wollen wir einmal klar sehen und uns deutlich machen, was der Staat in der Erziehung erreichen kann, müssen wir scharf scheiden zwischenStaats­gedanken",Staatsauffassung" undStaatsgestn- nung". Die Staatsauffassung ist stets sub­jektiv, persönlich, parteiisch und weltanschaulich be­stimmt; sie sieht den Staat perspektivisch, von einem bestimmtenStandpunkt" aus. Hierher gehören also die Staatstheorien der Parteien. Je nach dem, ob wirliberal",konservativ",katholisch",evange­lisch" denken, haben wir eine ganz verschiedene Auf­fassung über Entstehung, Wert und Aufgabe des Staates, gehen unsere Meinungen über Fraaen der Staatsform, Verfassung, der Innen- und Außen­politik auseinander. Es ist unwahrscheinlich, anzu­nehmen, es sei auf die Dauer möglich, diese in einem modernen Staat vorhandenen unterschiedenen politischen Auffassungen durch Zwang oder Kom­promiß in einer uniformen, sozusagen offiziellen Staatsauffassung zueinigen". Gerade das nun, was trotz und jenseits jener stets perspektivischen und einseitigen Auffassungen die verschiedenen Men­schen, Gruppen und Richtungen eint im Willen zur Zusammenarbeit an einer gemeinsamen Aufgabe, ist die S t a a t s g e s i n n u n g. Wir bezeichnen da­mit die sittlich-geistige Grundhaltung, in der alle Gefühle und Empfindungen sich verdichten als Wille zum Staat, als die Bereitschaft zum ver­antwortungsbewußten Dienst, zur Mitarbeit, ganz gleich an welcher Stelle. Durch die Staatsgesinnung wird der Mensch zum Organ des Ganzen. Was damit gemeint ist, hat niemqnd tiefer verstanden und deutlicher ausgesprochen als Hegel:Diese Gesinnung ist die letzte Garantie, die Regierung und Volk haben, die Gesinnung, die das innere Walten der Gesetze ist, nicht nur Sitte, sondern das Be­wußtsein, daß die Gesetze und die Verfassung über­haupt das Feste seien, und daß es die höchste Pflicht der Individuen sei, ihren besonderen Willen ihnen zu unterwerfen. Es können vielerlei Meinungen über Gesetze, Verfassung, Negierung sein, aber die Gesinnung muß die sein, daß alle diese Meinungen gegen das Substantielle des Staates untergeordnet und aufzugeben sind." In anderem Zusammenhang hat Hegel das einmal deninneren Hintergrund des Staates in der Seele seiner Bürger" genannt. Hiermit ist mehr gemeint, als ein bloßes Gefühl, hier handelt es sich um jenes Staatliche in uns, um die mit dem menschlichen Wesen gegebene geistige Gebundenheit an den Staat, ohne die weder wir als Menschen, noch der Staat als menschliche Lebensform denkbar wäre, und so kann man mit vollem Recht die Staatsgesinnung mit dem von Hans Gerber geprägtem Wort denunsichtbaren Staat" nennen als die Substanz und den inneren Halt des sichtbaren Staates, und wir brauchen nicht zu scheuen, mit diesem Ausdruck in die Nähe der unsichtbaren Kirche" zu kommen, denn wir wissen ja, wie auch der Staat zutiefst an dieunsichtbare Kirche" gebunden ist, vom Reich Gottes her be­gründet und zugleich begrenzt wird.

Nun ist deutlich, weshalb wir unter Erziehung zum Staat die Erziehung zur Staatsgesinnung ver­stehen. Zum Staat erziehen kann nicht heißen, bloß zu einer bestimmten einseitigen und zeitlich beding­ten Staatsauffassung zu erziehen, sondern eben zur Staatsgesinnung. Für unsere Erziehung, Kultur- und Bildungspolitik darf nicht leitend sein eine ein­seitige Staatstheorie, sondern der umfassende natio­nale Staatsgedanke.

Was ist nun der Staatsgedanke? Wir müssen den Staatsgedanken von der Staatsauf­fassung unterscheiden, obwohl man im allgemeinen den Staatsgedanken einfach der Staatsauffassung gleichsetzt und also auch ihn für subjektiv und par­teiisch ansieht. Dieser nationale Staatsgedanke ist keineKonstruktion" und keineAbstraktion" lebens­ferner und unpolitischer Theoretiker, sondern aus

Jugend und Hochschule.

unserem Erleben des politischen Geschehens der Jahre seit 1914 geboren. Dieser Staatsgedanke be­greift nämlich den Staat so, wie er in der Staats­gesinnung erlebt und intendiert wird; er sieht den deutschen Staat als das übergreifende Ganze, als die Schicksals-, Arbeits- und Kampfgemeinschaft des deutschen Volkes; und im Einparteien-Staat wird, zum mindesten in Deutschland, der herrschende Staatsgedanke alles Parteiische von sich abstreifen und umfassend, wirklichtotal" werden, indem er über allen Spannungen immer von neuem die Ein­heit in der Staatsgesinnung außer Frage stellt.

Mit diesem nationalen Staatsgedanken haben wir für die Erziehung zum Staat und für die Bil­dungspolitik einen Leitgedanken gewonnen, der uns zur richtigen Staatsgesinnung erziehen läßt. Mag sein, daß die Menschen des alten Parteien­staates diesen nationalen Staatsgedanken nicht ver­stehen können; eben dieser Staatsgedanke ist in einer ganz neuen Weiseüberparteiisch", nicht im Sinne einer standpunktlosen politischenNeutrali­tät", sondern weil er den Staat als das Ganze um­faßt, wie ja auch der Staatsmann stets in dieser Weife staatspolitisch, d. h. vom Ganzen, nicht von der Partei aus denken wird. Ebenso muß der Er­zieher als politischer Bildner denken und handeln: er darf nicht eine einseitige Auffassung, Meinung und Ueberzeugung aufzwingen müssen oder wollen, sondern er soll Menschen bilden, die zu dienen be­reit sind und in.sich den Volks- und Staatsgedanken tragen; er wird und soll durch diese bewußte Bin­dung des einzelnen an das Ganze helfen, das Volk über alle Unterschiede hinweg zur Gemeinschaft zu bilden und den Staat als unser aller Kampf- und Schicksalsgemeinschaft verstehen lehren; und er soll schließlich durch diese Bildung zur nationalen und politischen Willenseinheit die Grundlage mitschaffen für den außenpolitischen Kampf unseres Volkes um seine Freiheit und Ehre! Immer muß also in der Erziehung der nationale Staatsgedanke führend sein als der alle Spannungen in sich begreifende und aufhebende" Gedanke an den Staat als das Ganze,

Was willst

Oie Berufsberatung for<

Unser Berliner Dr. R. - Mitarbeiter hatte Gelegenheit, sich mit Oberregierungsrat Dr. Handrick von der Reichsanstalt für Ar­beitsvermittlung und Arbeitslosenversiche­rung, Berlin, über den neuesten Stand und die aktuelle Bedeutung der Berufsberatung zu unterhalten. Wenn man bedenkt, daß zu Ostern 1 255 000 junge Menschen aus den Schulen entlassen werden, so wird man be­greifen, welche Bedeutung der modernen Be­rufsberatung zukommt.

Was soll aus den sechshunderttausend Knaben und sechshunderttausend Mädchen werden, die in diesem Jahre aus der Volksschule entlas- s e n werden? Die Zahl der Schulentlassenen hat sich im Vergleich mit der Ziffer des vorigen Jahres nahezu verdoppelt. Es handelt sich hier um jene junge Menschen, die im Jähre 1920, da die Gebur­tenziffer besonders hoch war, zur Welt kamen. Zu den Volksschülern gesellen sich noch rund vierzig- tausend Abiturienten und fünfzehntausend andere Schüler. Sie alle werden in diesem Jahre vor einer der wichtigsten und entscheidendsten Fra­gen ihres Lebens und ihres Schicksals stehen: Was soll ich werden? Zu welchem Beruf habe ich Lust? Es ist eine Frage, die nicht nur die Schüler selbst, nicht nur ihre Eltern angeht, sondern in erster Linie das gesamte deutsche Volk. Nach einem Ausspruch Adolf Hitlers ist die deutsche Jugend der lebende Garant für die Zukunft, das Weiter­leben des Volkes; 1 255 000 Jugendliche warten darauf, in das wirtschaftliche und kulturelle Lebens­gefüge eingeordnet zu werden, und über ihrem jungen Schicksal schwebt die eine, die entscheidende Frage: Wie diene ich meinem Volke am besten?

Der Berufsberater hat das Wort.

Die wenigsten jungen Menschen fühlen in sich den Drang, einen ganz bestimmten Beruf zu er­greifen, die wenigsten wissen genau, was sie wer­den sollen. Die meisten schwanken zwischen ver­schiedenen Berufen hin und her und manche greifen blindlings nach der ersten Chance, die sich ihnen eröffnet, ohne viel zu fragen, ob sie dafür die nö­tige (Eignung besitzen. Hier haben sich die Verhält-

an den deutschen Staat als die geistig-sittliche Willenseinheit des deutschen Volkes.

Wie uns der Gedanke an den Staat als das Ganze davor bewahrt, eine nur begrenzte, subjektive Staatsausfassung für die Erziehung zum Staat leitend fein zu lassen, so läßt uns der Staatsgedanke auch als die Erfassung der Staatsidee in der Er­ziehung zum Staat die Werdenden nicht auf die zufällige Erscheinung des gegenwärtigen Staates seftlegen, sondern an d i e Idee des deutschen Staates binden. Deshalb werden wir uns auch hüten müssen, so sehr wir selbst den neuen Staat freudigen und dankbaren Herzens bejahen, unserer Jugend jemals einen errungenen politischen Zu­stand als etwas Endgültiges hinzustellen. Diesem Gedanken hat Reichsminister Dr. Frick mit er­freulicher Deutlichkeit Ausdruck gegeben:Das zur Zeit Heranwachsende Geschlecht wird in einem Geiste groß werden, der ein ständiges Weiterbauen am Reformwerk erleichtern und neue Zielsetzungen mit sich bringen wird Wir dürfen dieser Jugend nicht in allem bereits ihre eigene Entwicklung vor­wegnehmen, sondern müssen behutsam und förder­lich die Entwicklung anbahnen helfen. Der natür- liiye Schwung ist bereits vorhanden und wird stets vorhanden sein, wenn wir verständnisvoll und liebe­voll das Heranwachsende Geschlecht als unser köst­lichstes Gut betrachten und behandeln. Er braucht nicht erst von der Schule den Kindern eingeimpft werden, aber Verantwortungsbewußtsein gebietet Regelung und Führung. Das ist die Aufgabe des Erziehers in einem nationalsozialistischen deutschen Vaterlande."

So erziehen wir Menschen des deutschen Staats­gedankens, Menschen, die dienen wollen, die nicht zuerst an ihre Rechte denken, sondern an ihre Pflichten, die nicht Freiheit vom Staat, sondern Freiheit zum Staat wollen und denen die Pflicht zum Staat ihr höchstes Freiheitsrecht ist. Kurz: Zum Staat erziehen heißt Menschen bilden, die im Staat und für den Staat leben, weil der Staat in ihnen lebt.

du werden?

f für die deutsche Lugend.

nisse gründlich geändert. Früher war oft der Besitz entscheidend, heute sind es Begabung und Charak­ter. Es ist heute keine Schande mehr, ein Hand­werker oder ein Arbeiter zu werden. Durch die Aufhebung der Klassenunterschiede und vor allem durch die Beseitigung des Klassenhasses, ist die Lage der schulentlassenen Jugend eine völlig andere ge­worden. Die (Ergreifung eines Berufes hängt jetzt weniger von wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Momenten ab als vielmehr von der Bedeutung, den der jeweilige Beruf für das Wohl des gesam­ten Volkes besitzt.

Die Berufsberatung hat die Aufgabe, die jungen Menschen so in das Leben hineinzuleiten, daß sich ihre körperliche und geistige Begabung im Dienste der Nation ungehemmt entwickeln kann. In diesem Sinne hat die Berufsberatung eine große, n a - tionalpolitische Aufgabe zu erfüllen. Es ist dies die Aufgabe, die Schulentlassenen jenen Be­rufen zuzuführen, in denen sie ihre (Eignung und ihren Charakter voll bewähren können. Die von der Reichsanstalt für die Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung ausgeübte Berufsberatung unterhält in allen 361 Arbeitsämtern Berufsbera­tungsstellen, die sowohl mit den Eltern und Schü­lern wie auch mit der Schule in engster Verbin­dung stehen.

Begabung und Persönlichkeit.

Die hauptsächlichste Frage, mit der sich der Be­rufsberater beschäftigen muß, ist die: Welche Fähi-gkeiten stecken in diesem oder jenem Jungen? Für welches Gebiet besitzt er eine beson­ders starke oder außergewöhnliche Begabung? Ist er ein geborener Mechaniker oder ein Ingenieur, oder schlummert in ihm vielleicht ein großer Künst­ler? Es wird nachgeforscht, ob der betreffende Junge wertvolle Charaktereigenschaften besitzt ober beson­dere moralische Mängel aufweist. Der Berufsbera­ter arbeitet immer Hand in Hand mit dem Lehrer und mit den Eltern. Der Junge wird auf Herz und Niere geprüft, aber dies geschieht nicht mehr, wie es noch vor nicht allzu langer Zeit üblich war, in einem Raum mit verwirrenden Maschinen und Apparaten, sondern auf eine zwanglose Weise, die

dem Jungen Freude macht. So gewinnt man nach und nach ein vollständiges und geschlossenes B l IS seiner Persönlichkeit. Er wird auf samr« liche Fähigkeiten sowohl körperlicher wie geistiger An geprüft, die ein Mensch überhaupt besitzen- kann. Der Fragebogen, der den Schülern zum Ausfüllen vorgelegt wird, ist dafür bezeichnend. Er ist so an­gelegt, daß daraus ein übersichtliches Bild entsteht. Auf diesem Wege ist es nicht schwer, herauszufin­den, für welchen speziellen Beruf der Schuler in Frage kommt.

Es ist erstaunlich, wie sich oft die Begabung auf ein spezielles Gebiet beschränkt. Der eine besitzt eine hervorragende Fertigkeit im Zusammensetzen kom­plizierter Apparate, man merkt auf den ersten Blick: er ist ein glänzender manueller Arbeiter und ver­fügt über eine enorme Geschicklichkeit, der andere wieder zeigt ein verträumtes, grüblerisches Wesen und läßt in seinen ersten Versuchen schon den kom­menden Künstler erkennen. Es sind merkwürdige Spezialbegabungen darunter, die vielleicht nie an ihren Platz gestellt werden könnten, wenn die Berufsberater nicht so scharfe Augen hatten. Es zeigt sich, wie in vielen Jungen schon im frühe­sten Alter ein lebhaftes Interesse für diesen ober jenen Beruf rege wird. Die Beispiele, bie mir Dr. Handrick aus feiner eigenen reichen Erfahrung mit Schuljungen erzählt, sind der schlagendste Be­weis, daß sich die wirkliche Begabung oft in einer spielerischen und kaum erkennbaren Form an- kündigt.

Liebhabereien als Wegweiser.

Am schönsten sind die Beispiele von Schülern, die ihre Freizeit mit nichts anderem verbringen, als ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen. Sv wird mir unter anderem von einem kleinen Jungen erzählt, der wochenlang damit beschäftigt war, einen genauen Plan des Dresdener Straßenbahnparks aufzuzeichnen. Er be­obachtete dabei die kleinste Kleinigkeit und war selbst mit den schwierigsten Signalsystemen ver­traut. Dieser Junge hatte einen unbezähmbaren Drang für diese Berufswelt. Seine Pläne und Zeichnungen waren von einer verblüffenden Ge­nauigkeit. Dr. H a n d r i ck , der sich selbst um ihn bemühte, erreichte es, baß man den Jungen bei der Straßenbahndirektion vorlieh. Der Direktor er­kannte auf den ersten Blick seine enorme Begabung und der Junge wurde eingestellt. Ein anderer Fall: Da hatte sich ein vierzehnjähriger Schüler in den Kopf gefetzt, die Eisenbahn zu reformieren. Er zeich­net Abend für Abend, wenn er von der Schule nach Hause kommt, die modernsten und kompliziertesten V-Zug-Lokomotiven, ohne von diesen Din­gen eine Ahnung zu haben. Er konstruiert sogar besondere Röhrenleitungen, um den ausströmenden Dampf nutzbar zu machen, eine Uebertegung, die sich bei späterer Nachprüfung im Prinzip als durch­aus vernünftig, wenn auch unwirtschaftlich erweist. Ein anderer wieder findet sein Vergnügen darin, durch ein unübersichtliches Gelände eine Eisenbahn­linie zu legen. (Er zerreißt einen Plan nach dem anderen, da ihn immer wieder neue Lösungen reizen, Aus ihm wird bestimmt ein glänzender Ingenieur werden. Wieder ein Junge gehört zu den leiden­schaftlichsten Zvv-Besuchern. (Er versäumt es nie, Zeichenstift und Papier mitzubringen und müht sich in hartnäckiger Ausdauer, einen Löwen z u zeichnen. Auch in ihm steckt ein innerer Trieb, der ihm den zukünftigen. Beruf vorzeichnet. So findet sich bei den meisten, wenn man sich mit ihrem jugendlichen Leben und Treiben, ihren Wünschen und Sehnsüchten, ihrer Neigung und ihrem Cha­rakter liebevoll beschäftigt, eine Anlage, eine Vor­liebe, irgendeine besondere Eignung. Diese zu ent­decken und zu pflegen, ist Aufgabe der Berufsberatung.

Die deutsche Berufsberatung will aufbauen, sie will alles aus dem jungen Menschen herausholen, was an moralischen- körperlichen und geistigen Werten in ihm schlummert.Wir wollen möglichst viel Positives wissen", bemerkt Dr. Handrick, und wir wollen vor allem die in der Jugend vor­handene (Energie und Entschlußfähigkeit auf das Höchste steigern. Es ist nicht die Ausgabe der Be­rufsberatung, einem jungen Menschen zu sagen, du mußt diesen ober jenen Beruf ergreifen. Er soll selbst auf Grund unserer Beratung zu diesem Ent­schluß gelangen."

Hingabe, Freude, innere Leidenschaft: das sind die Bedingungen für bie Ausübung eines Berufes. Die verfehlten Berufe sind ein ungeheurer Verlust für bas gesamte Volk. Jeder junge Deutsche soll auf den Arbeitsplatz kommen, auf den er nach seiner Begabung und Leistungsfähigkeit Anspruch hat.

ten. Aus demHalbpfasfen" wurde ein Gesell in buntem Kleid, der mit dem Degen an der Seite einherschritt und ungebärdig dieakademische Frei­heit" verlangte. In die beständigen Streitigkeiten zwischen Lehrerschaft und Hörerschaft griff die Lan­desregierung oft ein; die Korporationen der Pro­fessoren und Studenten, die zuerst eine Einheit ge­bildet hatten, standen sich schroff gegenüber, und je feindlicher sich die Umwelt dem Studiosus zeigte, desto fester schloß sich die Studentenschaft zusammen. Dieses Gemeinschaftsgefühl prägte sich in dem damaligen Ehrbegriff aus. Wenn die Studenten einander mit Worten oder Taten beleidigten, so galt das keineswegs als ein Schimpf, aber wenn ein Außenstehender einem Burschen zu nahe trat, so wurde das von allen als eine Tat empfunden, die gerächt werden mußte. So stehen die Studenten in allen ihren Bestrebungen und Kämpfen wie ein Mann zusammen, und dieser korporative Gemein­sinn ist geradezu die Hauptwurzel des ganzen Stu­dentenwesens geworden.

Schon auf den italienischen Universitäten hatten Nationen" oderLandsmannschaften" bestanden, zu denen sich noch die Heimatgenossen in der Fremde zusammenschlofsen, um sich gegenseitig Hilfe in allen Nöten und beim Tode ein ehrliches Be­gräbnis zu sichern. Auch die landsmannschaftlichen Verbindungen, die nun an die Stelle der Bursen traten, waren zunächst auf gegenseitige Unterstützung gerichtet, entwickelten sich bann aber im 17. Jahr­hundert zu Gemeinschaften, in benen bas gemein­same Vergnügen den Mittelpunkt bilbete. In biefem Milben Zeitalter bes 30jährigen Krieges würbe Bru­der Stubio zu einem tollen, unbändigen Kumpan der ganz soldatischen Charakter annahm. Diese viel- beklagte Perrvhung wirb besonbers bem sog. Pen - nalismus zugefchrieden; bie jungen Studenten hatten nicht mehr nur das Fegefeuer der einmaligen Aufnahme zu überstehen, sondern die hartenPen- naljahre" durchzumachen, in denen sie ganz in die Gewalt der älteren Burschen gegeben waren.

Eine andere Erscheinung des Studentenwesens, die man freilich vergeblich auszurotten ver­suchte, war der Zweikampf. Das im 17.Jahr-

' hundert aufkommende Duellwesen ist ein Zeichen für die Wandlung des studentischen Ehrbegriffs. Jetzt fühlen sich dieMusensöhne" nicht mehr als rein korporative Einheit, in der die Person des Ein­zelnen zurücktrat, sondern nach dem soldatischen Vorbild vertritt jeder seine eigene Ehre, die er ge­rade dem Standesgenossen gegenüber besonders eif­rig hütet. Bruder Studio entwickelt sich nun all- mählich zum Kavalier, der das rauhe studentische Wesen nach Möglichkeit ablegt und sich als Lebe­mann in den feinen Gesellschaftskreisen heimisch macht.

In Z a ch a r i ä s komischem EposDer Renom­mist" wird uns in entzückenden Bildern gezeigt, wie sich aus dem soldatischen Radaubruder des Barock der Kavalier des Rokoko entwickelt. Freilich waren diese Typen des grobenSchönsten" und des fei-, nen Stutzers nur die äußersten Gegensätze einer Entwicklung, in der der fleißige Student doch stets den guten Durchschnitt bildete. Sind doch auf den deutschen Hochschulen die geistigen Waffen geschmie­det worden, mit denen gegen Ende des Jahrhun­derts der gewaltige Sieg der klassischen Blütezeit unserer Wissenschaft und Dichtung erfochten wurde. Die Studenten waren es, die alle geistigen An­regungen aufnahmen und den nationalen Gedanken vertraten. Als in den Befreiungskriegen das Volk aufstand, da fand die von Jahn geführte Turner- Bewegung auf den Hochschulen den stärksten An- klang, und der Aufruf zur Erhebung rief 1813 un­ter den Studenten den begeistertsten Widerhall her­vor. Aus dieser patriotischen Stimmung wurden die Burschenschaften geboren, die eine neue Blüte des Korporationswesens brachten. Deutschtum und Christentum waren die Grundlagen dieser Verbände, die die vaterländische Ehre und die volkstümliche Ausbildung für den Dienst am Volk auf ihre Fab- nen schrieben. Auch bie Verfolgungen unb Verbote ber Reaktionszeit konnten bie Fortentwicklung der Burschenschaften nicht hemmen, neben bie tn star­kem Wettstreit bie Korps traten. In diesen Ver­bänden haben die Studenten ein gut Teil zur (Einigung des Deutschen Reiches beigetragene