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Nr. 41 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)5am§tag,l7.5ebruarl934

Der Arbeitsdienst ein Weg zur Volkskultur

Von Or. Wilhelm Gempene

Als die Deutschordensritter im 13. und 14. Jahrhundert gegen den Osten oordrangen und mit Pflug und Schwert Neuland eroberten, da trugen sie die schwere Bürde einer großen Kultur­aufgabe auf ihren Schultern. Kulturbringen be­deutete im allereinfachsten Sinne zuerst einmal: den Boden unter die Herrschaft des Menschen zwingen, ihm in harter Arbeit Frucht und Ertrag abzuringen, Menschen anzusiedeln, die be­reit waren, die Ueberlieferung des Werkes als kost­bares Gut von Geschlecht zu Geschlecht weiterzu­tragen, und aus diesem Gemeinschaftsleben in Zucht und höchstem geistigen Auftrieb die schöne Blume handwerklicher Meisterschaft und der hohen Stil­kunst zur Entfaltung zu bringen, wie sich eine Pflanze aus dem Erdreich nährt, Blatt um Blatt entwickelt und schließlich als Krönung des Ganzen ihre Blüte zur Sonne entaegenstreckt. Das schwere Tagewerk des rodenden, pflügenden und erntenden Bauern, die wehrhafte Haltung der ritterlichen Herren, die geistliche Gelehrsamkeit und die ihrer Kraft bewußte Kunst der Baumeister verschmolzen au einer kulturellen Eigenart und Einheit, die sich folgerichtig aufzulösen und zu zersetzen begann, als der Deutsche Orden sich immer mehr mit einem schwunghaften Großhandel im engen Einvernehmen mit der Hanse befaßte und sein aroßartiges Sied­lungswerk und die ihm gestellte Kulturaufgabe im Stiche ließ. Noch heute aber verkündet die Marien­burg, das machtvolle Denkmal der Ordenszeit, weit­hin die Stärke und den Glanz einer Kultur, die bis in ihre erlesensten Formen von den Säften des Bodens erfüllt war und von der zugleich die ein­fachste körperliche Arbeit ihren Adel empfing.

Es war das Verhängnis in der Entwicklung spä­terer Jahrhunderte, das sich im Laufe des 19. Jahr­hunderts zu einer anscheinend unabwendbaren Tragik verdichtete, daß Stadt und Land sich ent­fremdeten, daß die Bewertung von geistiger und körperlicher Arbeit immer mehr auseinanderklaffte. Das ist die Lage, in die sich die Bewegung des Arbeitsdienstes in Deutschland eigentlich schon seit Beginn hineingestellt sah und die auch verständlich macht, warum ihre Führer besonders jetzt im neuen Reich an die Gedanken des Deut­schen Ritterordens in seiner Aufstiegs- und Blüte­zeit anknüpfen. Aus dem wiedererweckten kulturellen Verantwortungsgefühl der Nation heraus soll auch die anscheinend geringste Arbeit mit der Faust als Dienst auf Volk aufs neue geadelt und dieent­schwebende Geistigkeit" wieder mit den Kräften des Bodens verbunden werden zueinem ausgeprägten Sozialismus der deutschen Geschichte".

Wer bewirkt, daß dort, wo vorher ein Halm wuchs, nunmehr deren zwei wachsen, der leistet mehr für sein Volk als ein Feldherr, der eine 'große Schlacht gewinnt." Dieser Ausspruch Friedrichs des Großen aus Anlaß der von ihm im Oder-, Warthe- und Netzbruch geleisteten Kultivierungsarbeiten ist von der Führung des Arbeitsdienstes zum. Leitsatz erhoben worden. Das Ausland hat sein Wesen und seine Bedeutung vielfach mißverstehen müssen, weil man versuchte, seine Berechtigung rein aus dem Wirtschaftlichen zu begründen oder weil man hinter ihm gar militärische Ab­sichten vermutete, beides Auslegungen, die an dem Sinn des Arbeitsdienstes Vorbeigehen. Wohl ist auch die Steigerung des wirtschaftlichen Ertrages im Dienste der Volkswirtschaft, der in Ziffern aus- drückbare Produktionszuwachs besonders solange eine wichtige Aufgabe, als die beschränkten Mittel Deutschlands zu einer sparsamen Verwendung auf

allen Gebieten zwingen. Kulturpolitische, staatspolitische und volkspädagogische Gründe aber stehen an e r st e r Stelle, wie schon die Vorgeschichte des Arbeitsdienstes zeigt. Die seit 1929 einsetzende Dauerarbeitslosigkeit hatte zudem im Inneren einen Zustand geschaffen, der schon lange nicht mehr als ein nur wirtschaftliches und (vom Staat her gesehen) finanzpolitisches Pro­blem angesehen werden konnte, sondern der in seinen Auswirkungen besonders auf die Heranwachsende Jugend als eine gegen den Geist der Volksgemeinschaft drohend heran­rückende Gefahr empfunden werden mußte. Der Arbeitsdienst will aber keineswegs nur ein Mittel zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen fein, als was er vielfach allein aufge­faßt wird, sondern die große Erziehungs­schule für die Jugend der gesamten Nation, um, wie es Adolf Hitler in seiner Rede am Tage der Nationalen Arbeit ausgesprochen hat, das entsetzliche Vorurteil auszurotten, daß Hand­arbeit minderwertig sei". Der Arbeitsdienst, der durchschnittlich bis zu 250 000 junge Menschen bis zu 25 Jahren umfaßt, ist also eine Angelegenheit der Jugend und soll der Handarbeit die Würde, die sie in der überstürzten kapitalistischen Entwicklung des vorigen Jahrhunderts verloren hat, wieder­geben.

Der Materialismus hat die Schicksalseinheit ge­leugnet und die Begriffe des Kapitalisten und des Proletariers geschaffen. Der Staat ist dabei seiner Lebensgrundlaae, seiner Kräfte beraubt worden, weil die sittliche Idee der Arbeit zerstört wurde. Der Idealismus schafft jene innere Wechselbeziehung zwischen Arbeit und Staat, weil er d i e Arbeit als das Ehrengesetz des deutschen Menschen empfindet. Nicht Schimpfwort, nicht Klassenbezeichnung barf das WortArbeiter" sein, sondern es ist der selbstverständliche Ehrentitel des deutschen Menschen", sagt Will Decker, der Lehrer für staatspolitischen Unterricht an der Reichsschule des deutschen Arbeitsdienstes in seinem bei Köhler & Amelang in Leipzig erschienenen BuchD e r deutsche W e g".

Wir hören schon die besorgte Frage: sind dann die kulturellen Nöte unserer Zeit aus die­sem Punkte zu Furieren? Was haben diese Lei­stungen desunbekannten Arbeiters" aller Schat­tierungen mit der Kultur eines Volkes $u tun, die sich doch in den genialen Werken der Großen offen­bart? Wir meinen hier nicht die Arbeit des Einzel­gängers und desgeistigen Kleinrenters", die ledig­lich um ein möglichst bequemes Auskommen getan wird und deren Leistung nur von dem persönlichen Vorteil vorwärtsgetrieben wird. Und wir meinen hier nicht eineKultur", die unter Glasdächern wie eine Treibhauspflanze gedeiht und sich selbst zum langsamen Absterben verurteilt, weil es ihr an der Verwurzelung in der nahrungspendenden Erde fehlt. Arbeit und Kultur in diesem Sinne sind tragische Mißverständnisse der Geschichte, deren Folge wir besonders seit der Jahrhundertwende bewußt und drückend empfunden haben. Alle Kultur als Aus­druck der zur Einheit gesammelten Kräfte der Na­tion fordert Zwar immer schöpferische Einzelleistung großer Menschen, die sich in der Stille vollzieht, aber auch zugleich den aufnahmefähigen Boden im Leben des Volkes nicht nur in seltenen Feierstunden einiger Begnadeter, und die ewige Heimkehr des Geistes zur Mutter Erde. Das ist die tiefste Weisheit des reifen Goethe, der feinem Faust am Ende feines langen Weges den Spaten in die Hand nehmen läßt, um dem Meer Boden abzuringen.

(Eröffn ich Räume vielen Millionen

Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen.

Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde Sogleich behaglich auf der neusten (Erbe ..

Die Arbeit ud die Bewertung der Arbeit in der Gemeinschaft knüpft in der Kultur das geistige Band zwischen Gebenden und Nehmenden, die ihre Rolle in fruchtbar wechselseitiger Förderung immer­während vertapschen. Nur vom Arbeitsleben her kann in der Gesellschaft der Gegenwart die Brücke zur Teilnahme auch der breiten Volksschichten an Der kulturellen Entwicklung geschlagen werden. So­zialpolitik und Kulturpolitik fließen so zusammen, und es ist kein Zufall, daß die deutsche Lösung des

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Tripolis, Februar 1934.

Unser Planwagen saust auf der schnurgeraden Straße nach Gargaresc dahin. Wie alle Siedlungen Nordafrikas ist auch Tripolis in weiter Ausdehnung von einer Verteidigungsmauer, die rich­tige Wehrgänge nach mittelalterlicher Art besitzt, umgeben. In einer Schlucht hat sich ein ganzes Negerdorf angesiedelt, das in derselben Art, auch in Kleidung und Benehmen seiner Bewohner, irgendwo mitten im dunkelsten Sudan stehen könnte. Da sind Hütten aus Palmenblättern kunstvoll zu­sammengefügt, mit ein paar irgendwo aufgetriebe­nen Blechstücken zusammengehalten. Dazwischen spielt sich ein Leben ab, das nichts mehr, aber auch rein gar nichts mehr von (Europa zeigt. Nackte Kin­der und junge Ziegenböcke, Lämmchen, Hunde, deren Rasse nur schwer erkennbar ist, Kinder und immer wieder Kinder tummeln sich dort. Der Fremde wird sich in diesem Völkergemisch kaum auskennen, aber der Einheimische liest an der Frisur, an den Täto­wierungen, der Art des Schmuckes und der Nasen­ringe genau ab, aus welcher Ecke des dunklen Erd­teils diese Leute eigentlich stammen.

Links liegt der Bahnhof hinter einem Ge­büsch von Tamarinden, Vambussträuchern und Pal­men. Die Kleinbahn zieht sich die ganze Küste ent­lang und ein Stück auch ins Innere hinein. Rechts steht Kaserne an Kaserne und daneben sind schmucke Ansiedlerhäuschen errichtet worden. Flüch­tig erhascht man einen Blick auf das weitgestreckte Gebäude desLido di Tripoli". Aber das wunder­voll aufgebaute Strandbad liegt öde und verlassen da, weil in denkalten" Monaten kein hier an­sässiger (Europäer Daran denkt,' im Moor zu baden. Der BegriffWinter" sitzt ihnen im Blut, obwohl alles um sie herum grünt und blüht und auch wäh­rend dieser Zeit immerhin 20 bis 23 und noch mehr Grad Wärme herrschen.

Die Straße führt in die Steppe. Aber das ist keine Steppe mehr, sondern bestkultiviertes Land, das gewiß reiche Erträgnisse liefert. Am Horizont tauchen wieder Palmen auf; wir kommen zur O a s e Zanzara, die eine besondere Merkwürdigkeit aufweist. Hier haben sich die Kolonisten eine Kirche gebaut. Aber weil das Geld noch nicht für die ganze Kirche reichte, haben sie zunächst nur die vordere Hälfte hingesetzt und warten nun auf Mittel, um das Gotteshaus fertigstellen können. Ganz dicht bei der italienischen Neusiedlung liegt das Araber­dorf. Und da ist man nun wieder mitten im tiefsten Afrika. Das sieht aus wie ein Schutthaufen, ent­puppt sich aber bei näherem Zusehen als ein plan­voll angelegtes Dorf von dicht aneinandergedrängten mit hohen grauen Lehmmauern umfriedeten Gehöf­ten. So nahe dieses Dorf auch an der großen Auto­straße liegt scheint es dach eine Seltenheit zu jein, daß hier ein (Europäer auftaucht. Der Photo-

* Siehe auch die vorausgegangenen Aufsätze in Nr. 21 des Gießener Anzeigers vom 25. Januar, Nr. 29 vom 3. Februar und Nr. 35 vom 10. Februar.

FreizeitproblemsKraft durch Freude" und das neue Gesetz zum Schutze der Würde der Arbeit auf« einanberfolgen.

Im Arbeitsdienst aber soll das junge Geschlecht geschult werden, das mithilft, diese Gesetze zur lebendigen Wirklichkeit werden zu lassen und durch eine (Erneuerung des Arbeits- und Berufslebens die deutsche Kultur aus der Umklammerung der letzten Jahrzehnte zu befreien.

graphenapparat wird gebührend bestaunt und er­regt, vor allem natürlich bei dem weiblichen Teil der ' neugierig versammelten Jugend, lebhaften Schrecken, wenn das große Linsenauge ein geeig­netes Objekt sucht. Frauen mit Lasten auf dem Kopf, Männer in langen weißen Haiks, hochbeladene Kamele und kleine Esel beleben das farbenprächtige Bild, das wie ein stummer Film wirkt, weil man kaum einen Laut vernimmt.

Wir find nicht weit von S a b r a t h a, der alten Phönizierstadt, und ein kurzer Abstecher läßt uns den großartigen Umfang der Ausgrabungen sehen. Kilometer um Kilometer führt uns der Weg durch die Steppe. Einmal überrascht uns ein Sandsturm, der im Nu Augen und Ohren verklebt und mit [einen Sandwehen den Wagen fast einzubetten droht. Nachdem die Region überwunden ist, erin­nert nichts mehr daran, daß man noch eben ein solches Wüstenerlebnis hatte. Die Stadt Z u a r a, die größte Ansiedlung im Westen von Tripolitanien, unweit der Grenze oön Tunis, streckt sich uns weit entgegen. Hier ist viel Militär stationiert, und offenbar legt die Verwaltung Wert darauf, durch Heranziehung von Kolonisten eine Art lebendigen Grenzwall zu schaffen. Die eingeborene Bevölke­rung scheint rein berberisch zu sein. Man könnte sich unmittelbar nach Marokko versetzt fühlen,.wenn die Sauberkeit and) dieser Stadt nicht davo'n zeugte, daß man sich unter einem anderen Regime befindet. Auf der Rückfahrt treffen wir eine Anzahl Stra­ßenarbeiter. Im schnell hereinbrechenden Abend sind wir ihre Gäste, lagern bei zwei Kompressoren am offenen Feuer und verzehren ein stark gepfeffertes, aber trotzdem ausgezeichnet schmeckendes Gericht. Von fern her bellen herrenlose Hunde, vielleicht sind's auch Schakale.

Ging es gestern nach dem Westen hinaus, so führt uns heute unser Weg in Ostrichtung nach der Sirte. Wir haben Glück und erwischen einen Markttag in El-Giuma. Dort wimmelt es von Menschen jeder Hautfarbe, von Kamelen, Pferden und Eseln und wohl auch noch anderen kleineren Tierchen, von denen der gebildete (Europäer im all­gemeinen nicht spricht. Tausende von Eseln sind in langer Kette mit den Vorderfüßen aneinandergefes­selt und warten so des Augenblicks, wo ein Käufer sie ersteht. Kamele in unendlicher Reihe liegen ne­beneinander und mahlen mit den Kiefern. Hier hocken Eisenschmiede auf dem Boden und verferti­gen primitives lanbwirtjchaftliches Gerät. Dort hat eine Gruppe von Beduinen etroap Holz gesammelt und stellt diese armselige Habe zum Verkauf. An­dere wieder, Araber zumeist, schon als Wohlhabende in dieser sozialen Schichtung geltend, haben auf Tüchern Mais, Gerste oder andere Körnerfrüchte aufgeschichtet und warten in Hockstellung, tief in sich versunken, bis Allah ihnen einen Abnehmer schickt. Geschrei und Bewegung herrschen lediglich auf dem Pferdemarkt, wo genau so wie überall in der Welt gefeilscht und gestikuliert wird, bis ein Handschlag den Kauf besiegelt. Es gibt nichts Eindrucksvolleres als ein solcher Markt, zu dem auf uralten Kara»

Kreuz und quer durch Mpoliianien.

Von unserem Sonderberichterstatter Alfred W. Kames*

Kleines Notizbuch.

Von Hans Thyriot.

Anekdote mit Bart.

Die Rolle des Vollbartes in der deutschen Geistes­geschichte von Barbarossa bis Sudermann, vom böjen Zwerg inSchneeweißchen und Rosenrot" bis Theodor Däubler ist noch nicht hinreichend ge­würdigt worden: eine reizvolle Aufgabe, die über das rein Anekdotische und bloß Amüsante hinaus beachtliche Ergebnisse zutage fördern könnte. Uns fehlt zu einer Jo systematischen Untersuchung mehr als nur der nötige Raum, und wir wollten den in der Ueberschrift genannten Bart auch durchaus im eigentlichen, und nicht im übertragenen Sinne ver­standen wissen. Wer eine nicht mehr ganz fabrik­neue Geschichte zum Besten gibt, dem kann es, ehe er noch damit zu Ende gekommen ist, geschehen, daß man seine Erzählung mit den verächtlichen WortenSo'n Bart!" umbringt, um ihr greisen­haftes Alter vernichtend zu kennzeichnen. Nein: hier soll von richtigen, haarigen und sogar be­rühmten Bärten die Rede sein. Die älterenKunst- wart"-Leser werden fick vielleicht der herrlichen Karikatur von Gulbransson erinnern, der eines Faschings Hermann Sudermannmit Bart und ohne Bart" porträtierte. Trotzdem hat sich der Dich­ter erst spät entschließen können, sich Der wallenden Zierde zu entledigen, und ist mehr als einmal mit der bösartigen Frage belästigt worden, ob er sei­nen Bart bei Nacht über ober unter der Bettdecke habe. Eine hübsche Geschichtemit Bart" wird Her­mann Bahr zugeschrieben und ist vor kurzem in (Erinnerungen an den nun Verstorbenen in einigen Blättern wieder aufgetaucht. Bahr wurde in einer Gesellschaft von einer ihm fremden Dame mit den schwärmerischen Worten begrüßt:Ach, verehrter Herr Däubler, wie freue ich mich, Ihnen ein­mal persönlich zu begegnen!" Bahr, der Sinn für ungewöhnliche Situationen hatte und außerdem geistesgegenwärtig sofort erkannte, welche Rolle fein Vollbart bei dieser peinlichen Verwechslung auf der Jagd nach berühmten Männern spielte, antwortete liebenswürdig:Sie irren, ich bin nicht Däubler, sondern Brahm s." Worauf die Same, keines­wegs betroffen von Dem UmftanDe, einem längst Verstorbenen zu begegnen, einigermaßen enttäuscht in Die Worte ausbrach:Ach, <5 i e finb Der Ver­fasser von Brahms Tierleben? Wie interessant!"

Fenstersturz.

Die großen unD Die kleinen Sensationen Des Lebens bieten sich Dem Zeitungsmann auf Die ver­schiedenste Weise an. Nicht immer roirD es einem so bequem gemacht, wie es uns vor Jahren in Berlin aeschah; da lag eines Morgens ein Brief auf Dem Tisch mit Der geheimnisvollen (Einlabung:Bitte seien Sie um 9.30 Uhr vor Dem Hause Unter Den ßinben Nummer 31 Sie roerben Dort etwas sehen, was Sie noch nicht gesehen haben." Aller- yand versprochen. Blick auf die Uhr, Mantel an,

Hut auf, UntergrunD, Autobus, Brandenburger Tor, Linden, Nummer 60, 52, 45, halt, raus! Fünf Mi­nuten vor halb. Da ist 31. Gewöhnliches Miets­haus. Nichts zu sehen. Doch, gegenüber, auf Dem Fußweg, ein Grüppchen Menschen, Die offenbar nichts zu tun haben, ober auf etwas warten unD mehr oder minber unauffällig nach Dem Haus hin­über schauen. Ein paar Vorbeigehende bleiben natürlich auch stehen, obwohl keiner weiß, was eigentlich los ist, aber ehe es einen Straßenauflauf gibt und Der nächste Schutzmann aufmerksam roirD, ist es 9.30. UnD nun rollt sich innerhalb einer Mi­nute, wie ein Ausschnitt aus einem Film, folgern Des BilD vor unseren Augen ab. Im ersten Stock Des Hauses Nummer 31 öffnet sich ein Fenster, eine junge schlanke Frau in einem hellgrünen Kleid er­scheint im Zimmer, steigt aufs Fensterbrett, tritt hinaus aufs Gesims, schaut prüfend unter sich auf Den Bürgersteig, schon kommen in eiligem Lauf Drei Männer mit einem Handkarren um eine Seiten­straßenecke, laden unter Dem Fenster eine Matratze ab, Drei- oDer viermal so Dick wie eine gewöhnliche Bettmatratze, stellen sich Daneben, einer ruftfer­tig!", Die Frau oben macht Kehrt, stößt sich kurz ab, fliegt, sich mehrfach überschlagend, Durch die Luft, lanDet auf Der Matratze, steigt hinunter, ver- schwinDet im nächsten Hauseingang, Die Drei Män­ner packen Die Matratze auf Den Karren, rollen sie eilig davon, fix um Die Ecke, weg... Vom Branden­burger Tor her nähert sich ein Schutzmann, aber Die Leute zerstreuen sich schon, ein paar Photoappa- rate roerDen verstaut, ein Filmoperateur nimmt fein Stativ auf Die Schulter, und im nächsten Augenblick ist vor Dem Hause Nummer 31 nichts mehr zu sehen. Uhrzeit: 9.33. Der Brief, Den wir vorhin erhielten, trägt Den Absenderstempel Scala". Die Scala ist eines Der beiDen größten Varietes von Berlin. Dort roirD Die junge Dame im grünen KleiD morgen abenD zum ersten Male auftreten...

Notiz d om Schreiben.

Hin unD wieder, aber nicht sehr oft, kommen Besucher in Die Sprechstunde, Die etwas anderes auf Dem Herzen haben als Die meisten Leute, Die so im Laufe Der Zeit bei uns in Der ReDaktion er­scheinen: sie wollen keinen Gedenkartikel ablaDen, kein Bild unD nicht einmal ein GeDicht; sie wollen nicht wissen, wann Dieser oDer jener Aussatz in Der Zeitung geftanDen hat, und sie wollen uns auch nicht eine mehr oDer minder gründliche Berichtigung in Die HanD Drücken. Es sinD immer ganz junge Leute, ziemlich schüchtern unD sehr erwartungsvoll, obwohl es hier in unserem nüchternen Zimmer gar nichts BefonDeres zu sehen gibt. Sie haben etwas geschrieben und Das Geschriebene gleich mitgebracht. Das ist ja nun auf einer Schriftleitung nichts Merk­würdiges; Das MerkwürDige ijt vielmehr. Daß wir Das Geschriebene nicht etwain Die Zeitung rücken" j sollen, wie Die meisten Besucher begehren. SonDern wir sollen nur, falls wir jeit Dazu haben, das Ge» Ischriebene lesen und Dem Besucher unsere Meinung

Darüber sagen. Was wir Davon hielten, ob es gut ober schlecht sei, ob sich lohne, weiter zu schreiben, unD wie es mit Dem Stil bestellt sei. Natürlich haben wir keine Zeit, im Gegenteil: die Arbeit türmt sich auf Dem Schreibtisch, unD es ist mal roieDer kein Ende abzusehen. Aber solche Besuche sinD nicht nur um Der Seltenheit willen etwas Be- sonDeres und Schönes, etwas, wofür man, bitte sehr, ganz einfach Zeit haben muß. Für diese jungen Besucher gibt es, sobald sie auf demBeicht­stuhl" Platz genommen haben, immer die gleiche Vorfrage. Sie Dürfen wählen: ehrliche Meinung oDer paar unverbindliche Worte. UnD immer Die gleiche Antwort: unbeDingte, ja schonungslose Offen­heit roirD geforDert. Nun ist uns beiden leichter. Zum Zwecke einer gewissenhaften Prüfung muß dann die Besprechung der Sache gewöhnlich ver­tagt werden, und beim zweiten Besuch entfpinnt sich oft ein sehr anregendes und vielfältig aufschluß­reiches Gespräch. Wir nehmen Das Manuskript zur HanD unD sprechen es gemeinsam durch. Denn wir halten beiDe nichts von allgemeinen Redensarten unD wollen es so gründlich wie möglich machen. Die Arbeiten, Die einem Da gebracht werden, gleichen sich, so verschieben sie untereinanber sein mögen, alle barin, Daß sieunsachlich" sinD in einem ganz bestimmten Sinn, gefühlsbetont, ob es sich nun um GeDichte hanDelt, um eine Naturschilderung oDer um eine allgemeine Betrachtung. Wir sagen Dann unsere Meinung, ganz offen und ehrlich, unD emp­fehlen unfern jungen Besuchern folgenDes: wenn es Ihnen ernst ist mit Dem Schreiben, eine Sache Des Herzens, nicht bloß eine flüchtige Stimmung oDer Laune, vielmehr Leidenschaft unD Lebensnot- wenDigkeit, wenn Ihnen also an einem guten, kla­ren, anständigen Deutsch gelegen ist, Dann versuchen Sie einmal etwas ganz Sachliches, ganz Einfaches, ganz Nüchternes zu schreiben. Sie könnten ja viel­leicht eine Blume in Der Vase schilDern, oDer ein Tier, oder ein Bild, Das Sie irgendwo gesehen haben; aber Sie würden Dann bewußt oDer un­bewußt Doch sehr balD wieder mit ihrem Gefühl auf irgenDeine Weise beteiligt unD eben dadurch im Schreiben gehemmt sein. Schreiben ist schwer. UnD ein Schriftsteller ist', nach einem bekannten Worj, einer, Der nicht leichter, fonDern schwerer schreibt als Die andern. Die meisten von uns müssen roieDer sehen lernen. Erst Anschauung, Dann Gefühl. Erst Das AbbilD, Dann Das SinnbilD oDer die JDee. Nehmen Sie eine ganz alltägliche Sache, eine Streich­holzschachtel gibt es etwas Alltäglicheres? unD beschreiben Sie Die, so vollkommen wie möglich, so klar wie möglich unD so kurz wie möglich mit einem Wort so, daß jemand, der noch nie in seinem Leben eine Streichholzschachtel gesehen hätte, aus Ihrer Beschreibung eine er­schöpfende Vorstellung davon bekäme. Wollen Sie es mal versuchen? Es ist nicht angenehm, aber lehr­reich; und viel schwieriger, als es Ihnen jetzt vor­kommt. Wenn Sie Den Mut unD Die Geduld haben, sich mit Der lächerlichen Schachtel zu befassen, wer­den Sie vielleicht 1 über kurz oder lang ein­

mal ein gutes Gedicht schreiben, oder jedenfalls einen guten Aufsatz. Auf Wiedersehen. Ihr Be> such hat uns übrigens mehr Freude gemacht, als Sie wahrscheinlich vermuten.

Der gedeckte Tisch.

In einer großen deutschen Stadt hat sich, wie man uns vor einiger Zeit erzählte, folgendes zu- getragen. In einer Straße, deren Name uns ent­fallen und in diesem Zusammenhang auch nicht wichtig ist, lebte seit langem ein älteres einsames Fräulein still für sich, ohne Verwandte, Bekannte, Freundinnen oder sonst irgendeinen Anhang, wie man fo Jagt. Zwei Zimmer im Dritten Stock eines kahlen Miethauses waren ihre Wohnung. Dieses einsame, ältere Fräulein ist nun eines Tages, ohne krank gewesen zu sein, so still unD unauffällig ge­storben, wie sie all Die Jahre hinDurch gelebt hatte. UnD es würde mit keinem Wort von diesem Todes­fall Notiz genommen worden sein, wenn man nicht fast gleichzeitig mit der Tatsache, daß die stille Haus­bewohnerin nun nicht mehr am Leben war, noch etwas anderes entdeckt hätte: von Den beiDen Zim­mern, Die ihr gehörten, war nämlich nur Das eine bewohnt, das an De re aber offenbar feit sehr lan­ger Zeit nicht mehr betreten roorDen und fest verschlossen. Als man es geöffnet hatte, bot sich Den (EintretenDen ein Anblick, Der Die halblauten Aus­rufe Der ersten Überraschung sogleich erstickte und Die fremDen Besucher in wortloser Bestürzung Den Raum verlassen hieß. Dennoch hatten sie in Dem sonst ganz gewöhnlichen und sehr einfachen Zim­mer nichts gesehen als einen gedeckten Tisch: auf geblümter Decke zwei Tassen, zwei Teller, zwei Lösselchen, Kaffeekanne, Milchkännchen ... Teller unD Tassen waren unberührt, im Milchkännchen noch ein winziger Rest, wie wenn es vor langer, langer Zeit gefüllt roorDen sei; aber im Zucker­schälchen tagen etliche jener kleinen weißen Tabletten, Die man während Des Krieges alsSüß­stoff" üerroenDete, unD Der armselige, runDe Kuchen, unangeschnitten in Der Mitte Des sauber geDetften Tisches, sah grau unD gleichsam versteinert aus und zerbröckelte bei leiser Berührung zu Staub. Die­ser Tisch war, wie sich später herausstellte, im letzten Kriegsjahr ärmlich-festlich gedeckt roorDen, vorberei­tet vom kleinen Fräulein an ihrem Hochzeitstage zum ersten, stillen Liebesmahl zu zweien. Aber Der, für Den sie mit zärtlichen Händen, mit taufenD glück­seligen Gedanken und Hoffnungen Tasse und Teller, Löffel und Kännchen zurechtgerückt hatte, war ein paar Stunden später schon nicht mehr am Leben. Als er die Verlobte zur Trauung abholen wollte, auf diesem Wege fiel ein dunkles und sinnlos-unbegreif­liches Schicksal über ihn her und löschte ihn aus. Wir können uns nicht mehr besinnen, und es ist auch nicht wichtig zu wissen, ob es eine Fliegerbombe war, ein rasendes Auto, ober ein durchgehendes Pferd es löschte ihn aus. Dem kleinen Fräulein, das sie nun auch begraben haben, blieb, einsam in Trauer und Tränen, nichts als ein Ring, ein Bild, ein Bündelchen Briefe und ein gedeckter Tisch.