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Nr. 242 Erstes Blatt

M. Jahrgang

Dienstag, 16. Oktober 1934

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Von Barthou zu Laval.

Ein Kolonialmini st er wird Außen- m i n i st e r das ist das eine. Ein Mann wird Hausherr am Quai d'Orsay, der vor drei Jahren als erster und einziger französischer Minister nach dem Weltkrieg einen offiziellen Besuch in Berlin abgestattet hat das ist das andere. Beide Tat­lachen fallen uns Deutschen zuerst auf, wenn wir den Namen Pierre Laval hören. Läßt sich aus ihnen so etwas wie ein neues Programm für den künftigen Kurs der französischen Außenpolitik ent­nehmen? Oder weisen andere wesentliche Züge, die zu dem Bilde dieses Politikers gehören, darauf hin, daß eine Wandlung in den außenpolitischen Metho­den Frankreichs keinesfalls zu erwarten ist? Es hängt für das Schicksal Europas viel davon ab, i n welchem Sinne Pierre Laval eine endgültige Beantwortung dieser Fragen zulassen wird. Bei der zusehends stärker werdenden Autorität und Festi­gung der französischen Regierungsverhältnisse darf damit gerechnet werden, daß Mr. Laval sobald nicht von dem Schauplatz abtreten wird, auf den ihn die Tragödie von Marseille gestellt hat.

Das französische K o l o n i a l m i n t ft e r i u m zu führen, ist keine leichte Aufgabe. Was nützt der un­geheure Reichtum, der bedeutende strategische Wert überseeischer Besitzungen, wenn das Volk nicht das mindeste Interesse für die Welt da draußen zeigt? Die riesigen buntfarbigen Plakate in den Straßen von Paris, die mit betörenden Versprechungen die jungen Leute zum Militär- und Verwaltungsdienst in den Kolonien auffordern, locken kaum jemanden zum Meldebüro. Warum sich auch einem ungewissen Schicksal in der Ferne aussetzen, wenn man es zu Hause so gut hat? Der Durchschnittsfranzose hat wenig Verständnis für Auslandsreisen und welt­weite Unternehmungen. Wozu auch? Die Heimat ist so groß und fruchtbar, daß nicht einmal ihre natür­lichen Schätze ausgenutzt werden können. Weite Strecken fruchtbaren Landes liegen brach. Zwanzig Jahre gemächlicher Arbeit genügen, um im besten Mannesalter mit dem Verzehr des kleinen aufge­sparten Vermögens beginnen zu können. Warum in die Ferne schweifen, wenn dieses Rentneridyll durch eine riesige Festungsmauer, durch Friedens- und Sicherheitsverträge aller Art ausreichend vor den bösen Deutschen geschützt ist? Der Franzose war immer nur ein mittelmäßiger Kolonisator. Den Ueberfluß der Heimat vermehrte er am liebsten durch kriegerische Unternehmungen auf dem Fest­land.

Pierre Laval gehört zu den wenigen Fran­zosen, die von Natur aus eine st a r k e Neigung für Kolonien haben. Er hat schwer kämpfen müssen gegen die Gleichgültigkeit feiner Landsleute, aber er hat in der kurzen Zeit seiner Tätigkeit als Kolonialminister das Sorgenkind der französischen Politik richtig hochgepäppelt. Er hat den Welt­reichsgedanken mit Eifer propagiert und es schließlich erreicht, daß im nächsten Monat zum erstenmal in der französischen Geschichte eine Kon­ferenz von Vertretern sämtlicher Ko­lonien in Paris stattfindet. Es macht sich hier das Vorbild des englischen Nachbarn bemerkbar. Die Vorteile einer stärkeren Aktivierung der kolo­nialen Kräfte in politischer und wirtschaftlicher Hin­sicht liegen auf der Hand. Auch eine Wendung in der öffentlichen Meinung Frankreichs deutet sich feit Jahren an. Es erhebt sich die Frage, ob die er­folgreiche Tätigkeit des bisherigen Kolonialministers nur feinem persönlichen und Ressortinteresse ent­springt ober ob sie vielmehr auch eine Folge der Anschauung ist, daß die kontinentale Sicher- heit Frankreichs hinreichend gewähr­te i ft e t ist, um gefahrlos den ergiebigeren und leichter gangbaren Weg in das koloniale Weltreich der Zukunft anzutreten.

Der Tod Barthous erhob Herrn Laval zu feinem Nachfolger am Quai d'Orsay. Es wird dabei, wie üblich, von derKontinuität" der Außen­politik gesprochen. Der Begriff der Kontinuität wird jedoch leicht zur Verlegenheitsphrase gegen­über den vielfältigen Schwierigkeiten, die vorhanden sind, gegenüber der Lücke, die vom fran­zösischen Standpunkt aus durch den Tod Bar- thous entstanden ist. Man versteht gern unter .Kontinuität" bas zunächst bequeme unb einfache: es bleibt alles beim alten, es wirb in ben alten Geleisen weitergefahren. Vom deutschen Slanbpunkt aus ist die Ernennung Pierre La­vals an Stelle von Barthou zum Leiter ber aus­wärtigen Angelegenheiten Frankreichs Feine An­gelegenheit voreiliger Beurteilung. Der verstorbene französische Außenminister war ber zähe Wiberpart des heutigen Deutschlanb: er würbe zumWerk­meister ber Einkreisung Deutschlanbs". Wir wissen nicht, ob am Enbe seiner politischen Linie irgenbwo ber Wunsch unb Gebaute zum Vorschein gekommen wäre, daß die deutsch-französische Verständigung auch vom französischen Standpunkt aus notwendig ist: wir wissen nicht, ob ber Weg, ben Barthou ging, ber von feiner Mentali­tät aus notwenbige Umweg für ihm war, um eines Tages bas Kartenhaus bes Paktsystems burch bas feste Gebäube beutsch-französischer Zusammen­arbeit in Europa zu fetzen.

Herr Laval wirb kein minber zäher Vertreter ber französischen Interessen sein. Das wissen wir in Deutschlanb. Denn unter bem Mini- Ifterpräfibenten Laval, ber im Januar 1931 bem Kabinett Tarbieu folgte, entstaub ber ent« sscheibenbe Bruch ber beutsch-französischen 23er* sstänbigungsversuche, bie seit Locarno immer unb hmmer roieber angebahut würben unb bie hie unb foa Erfolge zeitigten. Wenigstens soviel hat Deutsch- lanb erreicht, baß bas Wort Clemenceaus, bas er 20 Jahre nach seinem Tobe von bem französischen Außenminister an seinem Grabe hören wollte, nicht Tatsache würbe, weil ber französische Politiker, ber heute an bas Grad Clemenceaus tritt, ihm sagen

Kann die Flottenkonferenz ein Erfolg werden?

Die Vorbesprechungen inLondon

L o n b o n, 16. Oft. (DNB. Funkspruch). Die heute erwartete Ankunft ber amerikani­schen unb ber japanischen Aborbnuug zur Fortsetzung ber in Loubou unterbrochenen Vor­besprechungen über bie Flottenkonferenz von 1935 wirb in ber ganzen Presse eifrig er­örtert. Mau erwartet, baß bie Besprechungen vor­läufig zweiseitig sei sollen. Zwischen ben japanischen unb britischen Vertretern ist eine balbige Zusammenkunft vorgesehen, wobei Miuisterpräsibeut Macbonalb ben Vorsitz führen wirb. Der japa­nische Hauptvertreter, Konteradmiral P a m a m o t o, war im Sommer nicht in Loudon, als Macbonalb bie Frage ber Flottenkonferenz mit Norman Davis erörterte. Deshalb soll Macbonalb ben Wunsch haben, möglichst halb mit ihm zusammenzutreffen. Es gilt als wahrscheinlich, baß französische unb italienische Vertreter e r ft später zur Teilnahme an ben Besprechungen nach Loudon kommen werben. Wenn auch bie Verhaublungen zunächst zweiseitigen Charakter haben werben, so werben boch alle fünf Mächte eingeheub auf bem Laufenben gehalten. Bisher ist noch nicht bar über entfliehen, ob unb wann bie Konferenz von 1935 abgehalten werben soll. Als Zeitpunkt werbe April vorgeschlagen unb als Koufereuzort Lonbou, Paris, Rom, Haag unb Lausanne. Die britische Regierung macht kein Hehl aus ihrem Wunsch, bie Konferenz nach ßonbon einzulabeu. Doch werben natürlich bie interessierten Mächte noch um ihre Meinung gefragt werben.

Moruing Post" erörtert bie Aussichten ber Dorbereitenben Besprechungen für bie Flotten- kouferenz. Japans Forberuua nach Gleichheit unb bie Weigerung Amerikas, bie Tonnage ber einzelnen Schiffsarten herabzufetzeu, mache bie Aufgaben ber Konferenz ungeheuer schwierig. Die einzige Hoff­nung auf eine Losung bestehe barin, jeber Partei nahezulegen, ihre Ansprüche abzuänbern. Wenn z. B. Japan eine ©efamttonnage anneh- men würbe, bie gegenüber feinem jetzigen Kontin­gent etwas hoher,aber gegenüberbem yochsten etwas niebriger sei unb wenn Amerika zu einer leichten Herabsetzung ber Tonnage ber großen K a m p s s ch i f s e bereit sei, würbe ein Kompromiß eben noch benfbar sekn. Die Erfolgsaussichteu seien nicht rosig. Aber bie einzige a n b e r e Möglichkeit sei in politischer unb finanzieller Richtung s o erfchreckenb, baß es wahrscheinlich keine Nation mutwillig b a r a u f ankommen lassen würbe. Eine Vereinbarung zwischen ben drei stärksten See­mächten würbe natürlich nur ben Anfang bebeuten. Frankreich wird stärkste Seemacht am Aermelkanal.

Auch afrikanische Truppen sollen im Kriegs­fall in atlantischen Häfen gelandet werden.

Daily Telegraph" bringt einen Aufsatz feines Marine-Mitarbeiters. Es heißt barin, Nachrichten über bie Neuorbnung ber französischen Seestreit­kräfte im Aermelkanal zeigten, daß Frankreich eine neue unb außerorbentlich starke a k - tive Flotte zum Schutze seiner Küste im Aermelkanal unb Atlantischen Ozean schaffe. Nach Durchführung bes Programms, also wahrscheinlich im nächsten Sommer, würben bie auf 23 r e ft unb Cherbourg gestützten Seestreitkräfte umfassen: fünf Schlachtschiffe, sechs Kreuzer, acht Flotillenführer, bie tatsächlich leichte Kreuzer seien, vierzehn Zerstörer, 36 U-Boote unb 30 äußerst schnelle Torpeboboote unb U-Bootjäger. Zahlen­mäßig werbe biese Flotte ber britischen H ei- rn a t f l o t t e überlegen unb sogar an all­gemeiner Kampfkraft, wenn überhaupt, nur wenig unterlegen sein.

Inzwischen fei vom französischen Abmiralstab eine wichtige Aenberung bes Planes vorgenommen wor­ben, ber im Kriegsfälle burchgeführt werben solle. Früher galt es als ausgemacht, baß bei einer Mo­

bilmachung bie weißen unb farbigen Truppen in Norbafrika über bas Mit- meer nach Marseille ober anbere französische Mittelmeerhäfen beförbert würben. Nach bem neuen Plan solle ein großer Teil biefer Truppen stattbes- , fen in Casablanca an ber Atlantischen Küste von Marokko eingeschifft unb nach ben atlan­tischen Häfen Frankreichs beförbert werben. Hierburch würbe bie gefährliche Reise über bas Mittelmeer vermieben werden. Dank ber jetzigen Neuorbnung werbe Frankreich im Aermelkanal stär­ker bastehen, als es jemals seit Abschluß ber Entente corbiale vor 30 Jahren gewesen sei.

Lm den Frieden im Fernen Osten

Japan schlägt einen entmilitarisierten Pufferstaat vor.

T s ch n n g tf d) u n, 15. Oft. (DNB.) Mehrere japanische Blätter bringen Auszüge aus einem Ar­tikel eines japanischen Nachrichtenbüros über die politische Lage im Fernen Osten. In bem Artikel wird erklärt, daß die politische Lage im Fernen Osten Sowjetrußland, Japan, China und Mandschu- kuo verpflichte, besonders darauf zu achten, daß der Friede unter keinen Umständen g e - ft ö r t werde. Japan sei besonders besorgt und damtt beschäftigt, ein Mittel zu finden, um einen mili­tärischen Zusammenstoß im Fernen

Osten zu vermeiden und schlage vor, einen Pufferstaat zwischen Mandschukuo und der Sowjetunion zu schaffen. Dieser Pufferstaat solle aus einem Gebiet bestehen, in dem sich keine militärischen Formationen irgendwelcher Nationalität aufhalten dürften. Dieser neue Pufferstaat solle die Möglich­keit geben, Grenzstreitigkeiten und andere Zwischen­fälle zu vermeiden. Japan würde eine direkte Stütze dieses Pufferstaates fein und darauf achten, daß keine Macht durch ein militärisches Vorgehen das Interesse bes Pufferstaates verletzte. Der Artikel wird in mandschurischen unb japanischen politischen Kreisen stark beachtet. Seine Veröffentlichung wird mit ber Reise bes japanischen Sonderbotschafters Ioshid a nach Moskau in Verbindung gebracht.

Moskau lehnt ab.

Moskau, 16. Oft. (DNB. Funffpruch.) Die sow- jetrussische Presse veröffentlicht am Dienstag eine Mitteilung, aus der hervorgeht, daß die Sowjet­regierung unter keinen Umständen bem japanischen Vorschläge zur BÜbung eines Pufferstaates zwischen Manbschukuo unb ber Sowjetunion annehmen werbe. Nach sowjetrussischer Auffassung liege für bie Schaffung eines solchen Pufferstaates burchaus keine Not- w e n b i g f e i t vor.

König Alexanders Rückkehr in seine Hauptstadt.

Sanz Belgrad in Trauer. Oer Sarg im Stadtschloß aufgebahrt.

23 e l g r a b , 16. Oft. (DNB.) Der Zug mit ben sterblichen Ueberresten König Alexanbers lief in ber Nacht zum Dienstag genau um 23.30 Uhr in bie Bahnhofshalle ein, wo bie königliche Familie, ber Regentschaftsrat, bie Regierung, ber Patriarch unb sämtliche Generäle ihn erwarte­ten. Der Wagen mit bem Sarge war burch brei weiße Kreuze gekennzeichnet. Die Minister hoben ben Sarg auf ben Bahnsteig unb trugen ihn i n ben Hofwartesaal, wo ihn bie Generäle übernahmen. Alles spielte sich in lautloser Stille ab. Die Generäle trugen ben Sarg zu bem vor bem Bahnhof stehenben Leichenauto. Als sie ben freien Platz vor bem Stationsgebäube betraten, fiel bas bort harrenbe Volk auf bie Knie. Der Lei­chenzug zählte hunbert Automobile. Ganz B e l - grab hatte sich auf ben Straßen versammelt. Die Häuser waren mit schwarzen Fahnen bicht ver­hangen. Die Straßenlaternen waren mit Trauer­flor umrounben. Im fahlen Lichte konnte man ben hellbraunen Sarg bes Königs erkennen. Auf bem Sargbeckel lagen ber Abmiralshut unb ber Degen, bie Alexanber bei ber Ueberfahrt nach Marseille getragen hatte. Der Leichenwagen fuhr zum Alten S t a b t s ch l o ß , wo ber König aufgebahrt würbe. Nach zwei Tagen wirb ber tote König in ber von feinem Vater gestifteten Kirche von T o p o l a zur letzten Ruhe beigesetzt werben. In ber Hauptstadt tragen alle Bewohner schwär z e Kravatten unb Trauerflor. Besonbers bie Bauern, bie in großen Scharen in bie Stabt ! gestromt finb, kaufen Bilber bes Königs, bie sie küssen unb als Kostbarkeit verwahren. Die Bauern haben auch ihre Wagen unb Pferbe mit schwar­zen Säubern unb Fahnen geschmückt. Beigrab ist von Besuchern überschwemmt. Der Bür­germeister richtete einen Aufruf an bie Bevölkerung, Zimmer für bie Einquartierung ber Sonberbericht- erftatter aus bem Auslanb zur Verfügung zu stellen.

Dank an den Reichskanzler.

DNB. Berlin, 15. Ott. Königin Marie von Sübflawien hat an ben Führer unb Reichskanzler folgenbes Danktelegramm gerichtet:

Danke Eurer Exzellenz aufrichtig für bie herz­liche Anteilnahme, welche mir Eure Exzellenz an­läßlich bes schweren Verlustes, ben ich erlitten habe, bezeugt haben.

(Gez.) Marie."

Namens bes Regentschaftsrats sandte Prinz Paul bem Führer unb Reichskanzler folgenbes Telegramm:

Ich banke Eurer Exzellenz aufrichtig für bie Worte bes Beileibs, bie mich tief gerührt haben.

(Gez.) Paul."

Ist her Mörder Alexanders der Mazedonier Georgieff?

Beigrab, 15. Ott. (DNB.) Die Blätter beschäf- tigen sich ausführlich mit der Person Wlada G e o r g i e f f s , ben diePolitika" als b e n H e n - ker im Oien ft e bes Mazebonierführers Michailoff bezeichnet. Für biePolitika" unb dieWreme" ist es so gut wie sicher, baß er ben Anschlag in Marseille ausgeführt hat. DiePolitika" meldet, daß Georgieff zu ben zehn Mazedoniern gehörte, die von ber bulgarischen Re­gierung nach Auflösung ihrer Organisation steck­brieflich verfolgt wurden. Die Polizei Sofias hat bie Fingerabdrücke Wlada Georgiens nach Beigrab ge­schickt, von wo sie nach Marseille gebracht werben. Die Leiche des Marseiller Mörders soll ausgegra­ben werden, um festzustellen, ob seine Finger­abbrücke mit den Abdrücken aus Sofia übereinftim- men. Die bulgarische Polizei verfügte über die Fingerabdrücke Georgieffs, weil dieser nach der Er­mordung Tvmalewskis verhaftet unb einige Zeit ein gekerkert worben war. Die Belgrader Presse wirft bie Frage auf, wie es damals möglich war, baß Georgieff schon nach einem Jahr roieber aus ber Haft entlassen wurde. Die in Sofia lebende Frau Wlada Georgieffs ist festgenommen worden und soll bei ihrem Verhör angegeben haben, daß ihr Mann ein größeres Muttermal am Körper hat, das eine einwandfreie Feststellung der Perfönlichkeit ermöglichen müßte.

muß:Wir sind nicht mehr am Rhein und wir gelangen nicht mehr an den Rhein". Aber das Jahr 1931, das in der französischen Politik im Zeichen von Laval stand, brachte auch die große und entscheidende Weltkrise, die als Folge der R e p a r a t i o n s p o l i t i k kommen mußte. Laval erkannte Ursache und Wirkung mit klarem Blick. Sein Besuch in Washington galt ja doch dem Wunsch, die Grundlagen der Reparationspolitik Frankreichs erneut zu befestigen, die durch das Hoover-Moratorium erschüttert wurden, für die in Wirklichkeit weder damals noch irgendwann eine dauernde Verankerung in einer einigermaßen nor­malen Weltwirtschaft möglich war. Die Minister­präsidentschaft Lavals brachte im Jahre 1931 die endgültige Ablösung Briands unb feiner Politik. Brianb resignierte unb blieb bis zu seinem Tobe im März 1932 im Hintergrunb. Der Besuch Lavals unb 23 r i a n b s i n Berlin gehörte nicht zu benjenigen Aktionen internationaler Poli­tik, die sich befruchtend auswirkten, sondern stand in einer Kette europäischer Staatsbesuche, die sich als Rettungsversuche ergaben, ohne daß eine klare programmatische Zielsetzung gegeben war.

Aber Pierre Laval hat die Zeiten der deutsch- französischen Verständigungsoersuche aus einem anderen Geiste erlebt und mitgemacht, als es bei­spielsweise Barthou konnte. Laval ist gut zwan * z i g Jahre jünger als Berthou. Er gehört nicht mehr zu jener Generation, die ihre Politik an bem Kriege von 1870/71 orientiert Er ist zu-

bem eine tatkräftige, aufgeschlossene Natur, für neue Gebanken unb Jbeen empfänglich, wie seine Kolonialpolitik ausweist. Die Akten im Schreibtisch feines Vorgängers enthalten viele Zahlen unb Buchstaben, Anbeutungen eines ganzen Systems non vielfältigen Kombinationen unb raffinierten Konstruktionen, bie eine greisenhafte Diplomaten­kunst zusammengetragen hat. Wirb Pierre Laval biese Schrift lesen, richtig lesen können, so wie es Louis Barthou getan hätte, wenn er noch am Leben wäre? Wir bezweifeln es. Oer Geist dieser Blätter i st tot. Ein neuer Außen­minister muß sie mit neuem Leben erfül« len. Wirb er auf ihre Umschlagseite bas Wort 23 e r ft ä n b i g u n g" schreiben?

Zum Tode poincares.

Paris, 16 Oft. (02123. Funkspruch.) Oie Pa­riser Morgenblätter erscheinen anläßlich bes Tobes bes ehemaligen französischen ©taatspräfibenten PoincarL meist mit einem Trauerranb. In spalten­langen Artikeln wirb bas Leben bes Verstorbenen geschilbert. Seine großen Derbienste um Frankreich werben hervorgehoben. Die rabikalsozialistischeEre Nouvelle" schreibt u. a.: Poincare sei wegen feiner 23aterlanbsliebe oft ber Mann gewesen, bem es immer roieber gelang, bie Meinungsverschieben- tjciten aus bem Wege zu räumen unb bas Ver­trauen roieber herzustellen. Frankreich verliere in ihm feinen größten unb aufrichtigsten Diener. Alle

anberen Blätter geben etwa berfelben Meinung Aus» bruck. Einige von ihnen stellen fest, baß Frankreich, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, heute nicht mehr über so große Diener bes Vaterlanbes verfüge, wie es Poincarä, Barthou, Brianb unb Painleve aeroefen feien.

Die Presse bringt auch Nachrufe hervorragenber Vertreter des politischen Frankreichs. So schreibt Ministerpräsident Doumergue:Ich verliere in der Person Poincares einen großen Freund und Frankreich verliert einen seiner arößten Staats­männer. Der grausame Verlust betrübt und schmerzt mich. Ganz Frankreich wird den Tod Poincarös schmerzlich enmpfinben." Staatsminister Herriot erklärt:Ich war zeitweilig Gegner unb zuzeiten Mitarbeiter Poincares. Poincars hat stets bie parlamentarische Einrichtung verteidigt, unb auch bie, bie ihn bekämpft haben, werben biese Wahr­heit sicher anerkennen. Als Führer der Radikal- sozialistischen Partei will ich, obwohl ich meinen eigenen Ideen treu bleibe, bem Manne bie auf­richtigste Verehrung bezeugen, ber unbestreitbar ben Namen eines großen Franzosen unb eines wahren Republikaners oerbient."

Der beutsche Geschäftsträger Botschaftsrat Dr. Forster hat am Montagnachmittag am Qual d'Orsay im Namen ber Reichsregierung unb in seinem Namen bas 23eileib zum Ableben Raymonb Poincarss zum Ausdruck ge­bracht.