Nr. 163 Drittes Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Montag, 16.Zuli l93^
Aus der Arbeitstagung im Lager Gleiberg
Graeve. — (Aufnahme: Photo-Pfaff.)
ken, sei von Tausenden Zwietracht gesät worden, bis dann der Staat am 9. November 1918 zusammengebrochen sei. Nun habe das neue Reich nachzuholen, was viele Menschenalter in Deutschland versäumt worden sei.
Der Minister richtete dann ermahnende Worte an die studentische Jugend, wobei er betonte, um wissenschaftliche Probleme sei immer gerungen wor- öen und werde auch weiter gerungen werden. Es gehe um die Einheit des Reiches.
Alle Kräfte seien in edelster Harmonie anzuspannen.
Ueberall im deutschen Volke zeige sich Fleiß und Tüchtigkeit. Dieses Volk müsse die Führung in der Welt bekommen. Dazu bedürfe es des inneren Zusammenwachsens. Insonderheit müsse die deutsche Jugend in enger Verbundenheit zusammen leben,. sich zusammenschweißen. Der wissenschaftlichen Arbeit bleibe ihr Recht, aber Akademiker, Jungbauer und Arbeiter sollten zusammen leben, zusammen sprechen, zusammen arbeiten und zusammen feiern. Dies würde in idealer Weise im Arbeitslager verwirklicht. Zum Schluß lenkte der Minister die Gedanken aller auf den Führer hin, dem wir es schuldig seien, unser Handeln und Tun so zu gestalten, wie es die Zeit erfordere.
Studenten und Arbeiter spielten danach „Mozarts Kleine Nachtmusik". Ein Feuerwerk entzückte zum Schluß alle Anwesenden.
Reichsminister Rust (im Bilde links) nach seiner Ansprache. Rechts hinter ihm Reichsstatthalter von Hessen und Gauleiter Sprenger; im Vordergründe rechts Reichsinspekteur der Deutschen Studentenschaft Edler von Graeve. — (Aufnahme: Photo-Pfaff.)
Reichsminister Rust
das Wort. Er wandte sich dabei hauptsächlich an die deutsche Jugend und führte u. a. aus, wie sie heute in später Abendstunde bei frohem Sang zusammen sei, könne man an das Lied von den zwei Königskindern, die zueinander nicht kommen konnten, denken: „das Wasser war viel zu tief" Es klinge uns heute wie das j!ied von der Sehnsucht des deutschen Volkes nach Einheit, und es liege darüber ein Hauch der Tragik, die Deutschland nicht haben einig werden lassen. Im Ausland würden immer wieder Stimmen laut, die uns sagten, man begreife das deutsche Volk der Gegenwart nicht, und auch drinnen stünden Menschen beiseite und wüßten nicht, was das denn solle, wenn dauernd über die Straße jung und alt, Mann und Frau marschierten. Sie wüßten nicht, was unsere Kolonnen bedeuteten und sie verstünden den Sinn unserer Lage nicht. So wollten wir ihnen nachhelfen und wollen zunächst dem Ausland eine Antwort geben, die es wohl verstehen müsse: „Ihr Engländer und Franzosen habt offenbar die deutsche Geschichte mit der euren noch nicht verglichen!"
Der Minister sprach dann über den unglückseligen 30jährigen Krieg, in dem zwei Konfessionen sich gegenseitig mit Waffengewalt überzeugen woll» ten, was indessen keiner gelungen sei. Erst Bismarck konnte nach langer Haderzeit ein einiges Reich gründen. Aber anstatt die Einigkeit zu stär-
Nation dadurch erleidet, ist nicht abzuschätzen." Am Samstag unternahmen die Lagerteilnehmer eine Fahrt nach Frankfurt, um sich dort die Hochschulmeisterschaftswettkämpfe und die alte Reichsstadt selbst anzusehen.
Kaum waren die Lagerteilnehmer ausgeflogen, da herrschte bald wieder reges Treiben in dem alten Burghof. Mitten in die letzten Vorbereitungen des Gleivergfestes traf der Besuch des National- sozialistischen Bundes Deutscher Technik, Bezirksgruppe Wetzlar, auf dem Gleiberg ein. Der Bund hatte einen Ausflug unternommen und war nach der Besichtigung des Umspannwerkes auf der Ruine eingetroffen. Bei echt deutscher Fröhlichkeit verlebten die Mitglieder des NSBDT. einige unterhaltsame Stunden der Erholung auf diesem schönen Fleckchen Heimaterde.
Am Sonntagmorgen fand zunächst ein Referat von
Andreas Ieickert-Hamburg
über „Hochschule und Sozialismus" statt. Feickert, der aus seiner Arbeit in der Deutschen Studentenschaft und aus seinen Schriften her weit über studentische Kreise hinaus bekannt ist, bezeichnete zunächst als Grundlage der nationalsozialistischen Arbeit auf der Hochschule das Fronterlebnis des Arbeitsdienstes. Für uns, so fuhr Feickert fort, sei Sozialismus keine Frage des Wirtschaftssystems, sondern eine innerliche Haltung de« Lebenszustandes.
Deswegen sei die Hauptsache die sozialistische Erziehung in der Gruppe, denn „die Gruppe oder die Mannschaft sei die eigentliche nationalsozialistische Lebensform.
Diese müßten wir auch für die Neuformung der Hochschule auf diese übertragen. Die einzelnen Fakultäten, welche bisher nebeneinander liefen, müßten als eine Gruppe auf ein Ziel ausgerichtete geiftige Institution gesehen werden, die an einer gemeinsamen Aufgabe, die aus der Nöte und Notwendigkeit der Landschaft entstehe, arbeiten. Von hier aus lasse sich eine Neuformung der Hochschule bis in Vorlesung, Hebung, Examen und studentische Erziehung ableiten.
Oer Festabend.
Der Abend des Festes stand im Zeichen eines besonderen Ereignisses.
Es ist eine jahrzehntelange Erfahrung: Jede größere Gleibergoeranftaltung steht und fällt in erster Linie mit der jeweiligen Wetterlage. So not der Regen tut, fo wünschte man sich doch allgemein einen trockenen Festtag, damit sich auch die Mühen der Veranstalter lohnten. Mit viel Liebe und Sorgfalt hatten Gleibergverein, NS. - Gemeinschaft „Kraft durch Freude" und S S. - Studentenbund die notwendigen Vorbereitungen getroffen, um in jeglicher Hinsicht der Veranstaltung ein Gepräge zu geben, das in seiner ganzen Ausrichtung den zu erwartenden Volksgenossen Stunden der Freude in der Schwere und in dem Ernst des Lebens geben sollte. Aus allen Richtun-
Ein richtiger Polizeidiener aus der alten Zeit mit einer Schelle sorgte für den geordneten Betrieb des Kinderfestes, bei dem es nicht nur Brezel und Würstchen gab, sondern bei dem auch Kasperl in Genf und Kasperl am Nil sich zeigte. Wurf- und Schießbuden lockten viel Jungvolk an. Herr Luft- Gießen sang einige Lieder, und im Innern der Ruine übte ein provisorischer Singekreis mit vollem Erfolg.
gen sah man Menschen, jung und alt, zu Fuß und mit Fahrzeugen, den alten Gleiberg erklimmen, um teilzuhaben cm der Fröhlichkeit, die das Fest bringen sollte. Lange, breite Hakenkreuzflaggen grüßten vom Turm und Mauerwerk herabhängend die Ankommenden. Durch geschickt angelegte Lautsprecheranlagen war durch die Uebertragung von Wort und Ton bis in den fernsten Winkel der Burg möglich. Feierliches Anblasen vom Turm eröffnete die Veranstaltung.
Kreisleiter Haus
pries die Schönheit der Heimat und die Kulturgüter unseres Volkstums in einer Ansprache. In der NS.- Gemeinschaft „Kraft durch Freude" wirke sich die Volksgemeinschaft bestens aus. Dem Gleibergverein sei Dank zu sagen für die Aufbauarbeit, die er leiste, auch für die Weihestunden des heutigen Tages, die Lohn für saure Wochenarbeit sein solle. In das dreifache „Sieg-Heil!" und in die Nationallieder stimmte Die Menge begeistert ein. Heimatdichter Georg Heß fand großen Beifall mit seinen eigenen Dichtungen. Kameraden des Kameradfchaftshauses trugen Lieder vor. Besonders gefielen die Volkstänze einer BDM.- Gruppe mit vorzüglicher Instrumentalbegleitung.
Zunächst traf Reichsstatthalter Sprenger, lebhaft begrüßt, auf dem Burghof ein. Etwas später erschien auch, von Frankfurt kommend,
Reichskultusmini st er Ruft.
Reichsminifter Rust schritt die Front der Teil-, nehmer des Kameradschaftslagers (Gaureferenten der Studentenschaft deutscher Arbeitslager) ab und nahm die Meldung des Leiters entgegen.
Die abendliche Feier begann wiederum durch das Anblasen vom Bergfried. Sprechchöre und Lieder, darunter ein Kanon der Kameraden des Kameradschaftshauses von Ludwig van Beethoven, gaben den feierlichen Rahmen.
Oer fteichsinspekteur der deutschen
Studentenschaft Edler von Graeve richtete herzliche Begrüßungsworte an die Gäste. Ausgehend von feiner kürzlichen Rede im Sportpalast in Berlin sprach er von dem Kameradschaftsgeist in Werkstatt und Hörsaal und wie er heute immer mehr seinen Niederschlag finden kann bei ernster Arbeit und froher Feier, und wie er auch im neuen Schulungslager auf unserer Burg gepflegt wird. Anschließend ergriff
Im Rahmen der Arbeitstagung im Lager Gleiberg sprach am Freitagnachmittag der Leiter des Deutschen Studentenwerks
Or. Streit
zu den Gaureferenten über das Thema: „Auslese für die Förderung". Dem Referat entnehmen wir folgendes:
Bei der jetzigen Auswahl für die Studienförderung fei man von dem Grundsatz der Viel zu Vielen abgegangen zu der Auslese der Besten. Drei Voraussetzungen müsse man dabei beachten: 1. Gesundheit, 2. Charakter und 3. Begabung. Durch die neu eingeführte Pflichtuntersuchung fei es sehr leicht, in punkto Gesundheit die richtige Auswahl zu treffen. Man solle bestrebt fein, den künftigen Akademiker gesundheitsbewußt zu machen, damit er später im Beruf, sei es als Arzt, Lehrer ober Jurist gerade den Gedanken der Gesundheitserhaltung weiter in das Volk hineintragen könne.
Der Charakter des Menschen sei das nach Innen, was Haltung nach Außen bedeute. An allen Forderungen habe sich der feste und aufrechte Charakter zu bewähren.
Die Schwelle zwischen Schule und Hochschule sei heule das Werkhalbjahr: hier habe der junge Mensch, der jetzt in dem ersten entscheidenden Umbruch seines jungen Lebens siehe, die beste Möglichkeit, sich zum ersten Male in einer neuen Gemeinschaft, nach der Schule und dem Dienst in HI. oder SA.» zu bewähren.
Bei der Prüfung der Begabung müsse man grundsätzlich unterscheiden zwischen einer echten Begabung und einer sich nur durch Fleiß erworbenen Begabung. Nach Berücksichtigung dieser brei Hauptpunkte sei bie Förberung bann nur noch eine soziale Frage. Der Rebner schloß mit einem Wort Adolf Hitlers aus „Mein Kampf": „Jawohl, unerträglich ist ber Gebanke, daß alljährlich Hunderttausende vollständig talentlose Menschen einer höheren Ausbildung gewürdigt werden, während andere Hunderttausende von großer Begabung ohne jede höhere Ausbildung bleiben. Der Verlust, den die
Reichsmimster Rust auf dem Gleiberg.
Das Gleibergfest 1934. — Zm Zeichen der NGG. »Kraft durch Freude".
Zwei Männer und Hilda
Roman von Hermann W. Walber.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)
5 Forrjetzung Nachdruck verboten!
Die Wirtschaftskrise machte sich mehr und mehr bemerkbar. Direktor Wolterstorff sorgte sich bereits ernsthaft um die Zukunft. Die Geyerling-Werke hatten zwar vorerst noch genügend Beschäftigung, aber die Aufträge liefen von Tag zu Tag stockender ein, und es war schon der Zeitpunkt zu ersehen, wo bei gleichem Fortschreiten der Koniunkturkrise Kurzarbeit, wenn nicht gar Arbeiterentlassungen notwendig wurden.
Da kam mit einem Schlage neue Hoffnung auf.
Aus Rumänien war auf dem Wege über amtliche Kreise eine Anfrage auf Lieferungen eingelaufen, die Millionenumfang hatten.
Gelang es, mit den Rumänen einig zu werden und auch die Finanzierung zu sichern, dann waren die Geyerling-Werke aller Sorgen für lange Zeiten enthoben, ja, es tarnen dann unter Umständen sogar Erweiterungen und Neueinstellungen in Frage.
Seit über eine Woche gingen schon die Verhandlungen hin und her, ohne daß bisher greifbare Ergebnisse zutage gefördert wurden.
Wolterstorff gönnte sich kaum Ruhe.
Konferenzen mit feinem Prokuristen und leitenden Ingenieuren wechselten mit Besprechungen auf der rumänischen Gesandtschaft und Verhandlungen mit der deutschen Regierung als Vermittlungsstelle in steter Folge ab.
Immer wieder tauchten neue Schwierigkeiten auf, die vorher nicht ober kaum in Erscheinung getreten waren. Seine Vertreter in Bukarest setzten sich für die Verwirklichung des Geschäfts mit hartnäckigem Eifer ein, aber Positives vermochten diese bisher auch nicht zu erreichen.
Die Rumänen waren gewiegte Kaufleute und wichen und wankten nicht von ihrer Position, die deshalb so gefestigt war, weil sie ja wußten, daß den Deutschen an diesen Aufträgen außerordentlich viel gelegen war. Aber schließlich konnte Wolterstorff doch kein Geschäft lediglich um der schönen Augen der Rumänen willen abschließen. Ein geringer Verdienst mußte immerhin abfallen, wenn man mit Rücksicht auf die Krise auch nicht allzusehr darauf zu sehen brauchte.
Eine Unterredung mit der Geheimrätin hatte als Ergebnis gezeitigt, daß Wolterstorff selbst nach Bukarest fahren sollte, um dort nach dem Rechten zu sehen und durch persönliche Fühlungnahme einen Abschluß zu erreichen "ersuchen.
Zwei Stunden lang chatte er seine engeren Mitarbeiter um sich gehabt und mit ihnen die nächsten
Schritte beraten. Am anderen Tage schon wollte er reifen. Bis dahin mußten neue Berechnungen gemacht werden. Die Parole lautete, bis zum Aeu- zersten zu gehen. Es mußte doch mit dem Teufel zugehen, wenn dann die Geschichte nicht klappen würde.
Jedenfalls wollte man dieses rumänische Geschäft nicht kampflos der französischen Konkurrenz über- lassen! .
Bis in die Nacht hinein arbeitete Wolterstorff. Nur einmal gönnte er sich eine kurze Ruhepause, nämlich nach der Unterredung mit Hans von Kirchhofen, den er zu feinem Vertreter bestimmt hatte.
Die Gerechtigkeit zwang zu der Anerkennung, daß Kirchhofen in der kurzen Zeit sich verhältnismäßig schnell eingearbeitet hatte. Staunenerregend war vor allem seine immer wieder zutage tretende Beschlagenheit auf finanztechnischem Gebiet.
Wolterstorff war ehrlich genug, zuzugeben, daß Kirchhofen ihm, der doch in der Hauptsache technischer Sachverständiger war, nach der rein kaufmännischen Seite hin manch beachtliche Winke gegeben hatte, die denn auch für die Geyerling-Werke zum Guten ausliefen.
Er konnte getrost verreisen, ohne befurchten zu müssen, daß in seiner Abwesenheit Fehler gemacht würden. Und schließlich waren ja auch jederzeit seine alten bewährten Mitarbeiter zur Stelle, und er hatte vorsorglich bestimmt, daß Kirchhofen keine Entscheidungen treffen dürfte, die nicht von dem Gremium der Prokuristen und des Chefingenieurs gutgeheißen waren. Zu dieser Anordnung ließ er sich von der Frau Geheimrat ausdrücklich die Ermächtigung geben, und diese wurde ihm auch ohne weiteres erteilt.
Zudem verschwand er ja nicht aus der Welt. Er war jederzeit zu erreichen, um stets bei allen wichtigeren Entscheidungen eingreifen zu können Die Frau Geheimrat aber freute sich über das anscheinend gute Einvernehmen zwischen Wolterstorff und Kirchhofen, und sie glaubte, ganz im Sinne ihres seligen Gatten zu handeln, wenn sie es nach Kräften zu fördern suchte. ..
Wolterstorff kannte augenblicklich nur die eine geschäftliche Sorge, und ihr gegenüber trat alles Persönliche in den Hintergrund.
Er hatte dem neuen Mitarbeiter, als dieser das Chefbüro verließ, gedankenvoll nachgesehen. Zweifellos war Kirchhofen ein tüchtiger Mensch. Das hatte er in der letzten Zeit bewiesen.
Aber er traute ihm als Menschen nicht. Wolters» torff konnte den Eindruck nicht loswerden, daß sich hinter Kirchhofens Liebenswürdigkeit und Eifer, hinter dieser Maske redlichen Strebens und anständigen Benehmens etwas anderes verbarg, und er war sich nur nicht klar darüber, was er dort suchen sollte. , . ...
Manchmal glaubte er, es fei nur die Eifersucht, die ihm da Hirngespinste normale. Sah er wirklich
in Kirchhofen nur den Nebenbuhler, der ihn ausgestochen, schachmatt gesetzt hatte? Er war selbstkritisch genug, zuzugeben, daß dieses Gefühl bei feiner Antipathie eine nicht kleine Rolle spielte. Andererseits aber fühlte er auch, daß sein Inneres sich noch aus anderen Gründen gegen diesen Menschen aufbäumte, und — war er nicht immer ein guter Menschenkenner gewesen?, hatte er seine Menschenkenntnis nicht schon mehr als einmal bewiesen?
Wie dem aber auch sei: In dieser Stunde hatte er nur eine einzige Aufgabe, und das war die, das Vermächtnis feines leider toten Freundes und Gönners Geyerling zu schützen und zu wahren. Es würde dann schon noch Zeit genug sein, auch ein etwa drohendes persönliches Unheil von dem Hause Geyerling fernzuhalten.
In dem einen wie in dem anderen Falle würde er die Augen aufzuhalten wissen ...
Nur wenige Stunden gönnte der junge Direktor sich Ruhe.
Am anderen Morgen flog er, lediglich von einem tüchtigen Sekretär begleitet, mit dem Balkanflugzeug über Wien, Budapest nach Bukarest.
*
Der Garten des Tennisklubs war gut besetzt.
In einer Gartenlaube saßen ßiesgreta Geyerling und Doktor Becker, der Assistenzarzt des Sankt- Hedwig-Krankenhauses.
Sie kamen eben vom Spiel, waren erhitzt und ermüdet und suchten im Schatten des Weißdorns Ruhe und Erholung.
„Ja, aber... Herr Doktor! Sie lassen ja Ihren Kaffee kalt werden!" neckte das Mädchen ihren Spielgenossen von vorhin.
Doktor Becker schreckte wie aus tiefem Sinnen auf.
„Verzeihung, gnädiges Fräulein!" entschuldigte er sich nun.
„Na, na! Wo mögen Sie bloß soeben mit Ihren Gedanken geweilt haben?!"
„In der Zukunft!"
Ein Aufleuchten seiner Augen begleitete diese Worte.
War es ein Zufall, daß fein Gegenüber leicht errötete?
Und merkwürdig, wie die bisherige Munterkeit des Mädchens plötzlich einer gewissen Scheu und Befangenheit wich!
ßiesgretas Herz klopfte stark, und sie schrak ordentlich zusammen bei dem Gedanken, es könnte fo laut schlagen, daß es gehört wurde.
Verlegen strich sie sich die braunen Haarkringel aus der Stirn.
Walter Becker beobachtete mit heimlichem Vergnügen diese Verlegenheit. Seine Augen sprachen dabei eine beredte Sprache.
Dummes Dummerchen, du!, sagten sie. Tue doch nicht so, als wenn wir nicht längst wüßten, wie
es um dich steht! Jawohl! Dein Herz ist erfüllt von Liebe, und es wird nicht lange dauern...
Der junge Arzt liebte ßiesgreta Geyerling, und er war ihrer innigen Zuneigung seit langem gewiß.
Sie strebten beide mit allen Impulsen zueinander und hatten es bisher nur noch nicht gewagt, ihren Gefühlen freien ßauf zu lassen. Bei Doktor Becker lag dies zum Teil daran, daß er noch warten wollte, bis er sich eine gefestigte ßebensftellung errungen. ßange würde dies ja kaum mehr währen ...
In die Gesprächspause hinein drangen muntere Zurufe an ihr Ohr.
Hans von Kirchhofen und Hilda Geyerling, des Spielens nun ebenfalls müde, nahmen mit an dem Tisch Platz. Sie füllten die ßaube mit fröhlichem ßeben.
Heimlich, daß es niemand sah, drückte sich dabei das Brautpaar unter dem Tisch die Hände. Noch wenige Tage, dann würde das Geheimnistun ein Ende haben, dann wollte man das Verlöbnis öffentlich bekanntmachen.
Diesmal mußte das Dekorum noch gewahrt werden. Dabei wußte jedermann schon, was hier gespielt wurde. Es war längst bekannt, daß Kirchhofen sich mit der Geyerling verlobt hatte.
Hilda Geyerling fragte Doktor Becker, nachdem man bereits längere Zeit zufammengefeffen hatte:
„Wie steht es eigentlich mit unserem Knauer, lieber Herr Doktor?"
„Ja, da kann man nichts versprechen."
„Ist wirklich keine Aussicht vorhanden?"
Doktor Becker zuckte mit den Achseln:
„Professor Meyer hält den Fall für hoffnungslos. . Immerhin lebt Knauer noch, und solange ßeben in einem Körper ist, soll man nicht verzagen. Möglich, daß die robuste Natur des Knauer Wunder wirkt..."
„Vater hat uns einst das Schicksal des armen Menschen erzählt. Es muß trotz allem, was er hinter sich hat, ein guter Kern in ihm stecken. Er war fleißig und tüchtig und im Betrieb geschätzt. Die arme Frau tut mir leid. So jung verheiratet..."
„Hat er die Besinnung noch nicht wiedererlangt?" fragte Hans von Kirchhofen dazwischen.
„Nein! Er wird allem Anschein nach ohne Bewußtsein hinüberschlummern in die Ewigkeit!" antwortete der Arzt.
In banger Erwartung hatte Kirchhofen feine Frage gestellt, und nun, da er diese Antwort gehört hatte, atmete er auf. Von dieser Seite schien ihm keine Gefahr mehr zu drohen.
Geschickt leitete er das Gespräch auf ein anderes Thema über, und man folgte ihm auch willig, aus dem Gefühl heraus, daß ihm jede Erinnerung an den Unfall, dessen Augenzeuge er doch gewesen war, unangenehm sein mußte.
(Fortsetzung folgt.)


