tri
Die Kammerjäger aus allen Teilen des deutschen Vaterlandes haben sich jetzt zu einem Reichs« treffen in der Rattenfängerstadt Hameln vereinigt. Die Anknüpfung an die alte Rattenfängersage gab einem der Berliner Teilnehmer den Anlaß, zu der Fahrt das Gewand seines berühmten „Vorgängers" anzulegen.
der Kraft fein. Rasch und ohne Bedenken von einem Pferd aufs andere wechseln zu können, das ist seine Stärke. Der Durchschnittsmensch mutz sich freilich hüten, ein solches Vorbild als Entschuldigung zu benützen. Quod licet Jovi —
Auch Cavour wurde wegen seiner „Launenhaftigkeit" angegriffen, ein Garibaldi konnte ihm nie verzeihen. Wie aber urteilt, aus größerer Entfernung, Treitschke? „Dem Staatsmanne ist es nicht gestattet wie dem schlichten Bürger, die flecken- lose Reinheit seines Wandels und seines Rufes als das höchste der sittlichen Güter heilig zu halten. Läßt sich der Widerstand der trägen Welt anders nicht überwinden, so soll er für den Sieg der Idee auch die Mittel der Arglist einsetzen. An den rauchenden Trümmern des Vaterlandes sich die Hände wärmen mit dem behaglichen Selbstlob: ich habe nie gelogen — das ist des Mönches Tugend, nicht des Mannes. Und solange Männer leben, wird kein Makel haften an der Seelengröße des Staatsmannes, der Italien schuf, der das Sittlichste tat, was dem Sterblichen zu tun vergönnt ist."
Mussolini ließ es nicht erst zu rauchenden Trüm- meren kommen, er hat noch einmal Italien geschaffen. Mussolini hat Leidenschaft und ist ein Mensch mit seinen Widersprüchen. Ruheloser Ehrgeiz treibt ihn und sein Wahlspruch lautet: Lebe gefährdet! Von Cavour sagte er einmal, er habe das Glück gehabt, einen schlechten Charakter zu haben. Und doch möchte man von ihm sagen, was Garibaldi von Massimo d'Azeglio zu sagen pflegte: Ein Herz voll Gold, aber der Scyädel eines Büffels. Denn Mussolini kann zur gleichen Stunde ganz Unerbittlichkeit und ganz Güte fein. Als ich in meinem Buch „Der W e g zum Kapitol" auch feine Untugenden nicht verschwieg, da denunzierte mich die Generalpächterin der demokratischen und liberalen Tugenden, die „Reue Zürcher Zeitung", und gab der Hoffnung Ausdruck, daß mich fein Zorn nun zermalmen werde. Aber der „Tyrann" beschämte den Demokraten tief; gerade das ge - fiel ihm, daß einer feine Meinung zu äußern wagte, wo andere in By.zantinismus machen zu müssen glauben. Seine berühmten kreisrunden Augen schauen unfehlbar durch alle Vermummungen hindurch und haben ihn die Menschenverach-
hing gelehrt. Dennoch ist immer das verstehende Lächeln auf feinen Zügen, das seelengewinnende. Niemals leuchtet es schöner als im Umgang mit den bescheidensten Söhnen des Volkes. Vielleicht ist es Pose, wenn er einem Handlanger die Kelle wegnimmt, um selber ein bißchen zu mauern, wie er es in seiner Jugend tun mußte; aber dann ist es eine so herzlichwarme Pose, daß alles strahlt. Er steht neben seinem König im Aehrenfeld, er hätschelt ein Findelkind, er ist Weltmann durch und durch, wenn er mit fremden Diplomaten verkehrt. Er hat, was nicht alle Italiener haben, ein richtiges
Daheim, bleibt Abend für Abend zu Haufe und hat eine Frau, nicht eine Gemahlin. Er läßt sich den Horst Wessel-Film vorführen und erklärt ihr und seinen Söhnen voll jugendlichem Feuer, um was es in Deutschland ging.
Don Mussolini kann man sagen, daß er feine Feinde besiegte, indem er fi e b e - kehrte. Das hat er vor den Cäsaren voraus und darum gebührt ihm wie keinem vor ihm der Ehrentitel eines Pater Patriae: Vater d e.s Vaterlands.
Litauen im Memelland.
*- M
J
lSM-i
i
M
Man sägt den Ast, auf dem man sitzt, nicht ungestraft ab.
Die Natur musiziert...
Klingende Geheimnisse der Landschaft.
Don Alfred Mello.
Wer von uns kennt nicht das zarte Spinnen und Klingen der Sonnenstrahlen, wie wir es an heißen Sonnentagen bei einer Waldrast vernehmen? Die Luft zittert förmlich vor Glut, und wie ein musikalisches Flimmern hört sich dieses leise Schwingen der Sonnenstrahlen an. Niemand hat uns diese Naturstimmung eindrucksvoller zu schildern gewußt als Richard Wagner im zweiten Akt des „Siegfried" mit feinem Waldweben.
Das Summen und Schwirren der Mücken und Bienen hat verschiedene Klangfarbe. Die Mücke nähert sich uns mit feinem, stechendem Ton, während die Biene ein leises Surren ertönen läßt, die Hummel oder Hornisse dagegen mit tiefdunklem Schwirren dahinschwebt. Habt acht, sagt uns dieser brummbaßähnliche Klang, ich wünsche freie Bahn.
Vom Musiksinn der Mücken erzählt ein Engländer namens Roß allerhand Selbsterlebtes während seines über ein Jahrzehnt dauernden Aufenthaltes in dem kleinen indischen Ort Patna. Sobald er Violine spielte, kamen die Moskitos in dichten Mengen heran und quälten ihn derart, daß er sein geliebtes Violinspiel aufgeben mußte. Beim Klavierspiel blieben jedoch die Mücken fern. Wir wissen auch, daß Spinnen eine besondere Vorliebe für Musik haben, und daß die Musik auf Tiere eine ganz verschiedene Wirkung ausübt. Die einen freuen sich an ihr, besonders die Singvögel, während mancher brave Haushund das Klavierspiel mit jämmerlichem Geheul begleitet.
Die Natur aber ist es, die ein machtvolles Lied
zu fingen weiß. Die Grundmelodie des Ewig- Schaffenden, Werdenden und Vergehenden läßt sich darin deuten. Woher dieses Tönen kommt — wer kann das Rätsel lösen? Der Sturm, der durch die Tannen braust, er hat seine Akkorde genau so wie das Heulen und Pfeifen des Windes feine Dissonanzen. Und wiederum bringt uns die Luftströmung den Schall des Glockenklanges aus meilenweiter Ferne dicht zu unserem Ohr heran, wie sie auch mit singend-harfenähnlichen Klängen die Telegraphenleitungen zum Schwingen bringt.
Die Luft ist der Organist der Natur. Er bringt durch seine Kraft die verschiedensten Naturgebilde zum Tönen, wir wissen darum von den singenden Wäldern Afrikas, wo die sogenannte Flöten- a k a z i e, wenn der Wind durch ihre Dornen streicht, ein eigenartiges Pfeifen ertönen läßt. Singende Wälder sind eine weitere Naturmerkwürdig- keit, die ebenfalls nur durch Luftströmungen möglich wird. Wir kenen das singende Tal von Thronecken im Rheinland, wo der Südwind, wenn er durch eine enge Schlucht hindurch sich seinen Weg nach dem weiter ansteigenden Tal bahnt, jenes glockenähnliche Tonen heroorbringt. Tönende Berge, von denen uns die bedeutendsten Forschungsreisenden erzählen, sind für uns heute ein gelostes Rätsel. Der Sand ist es, der das Klingen und Singen hervorbringt. So beschäftigte sich mit der Ergründung dieses singenden Sandes wohl über zwanzig Jahre durch ausgedehnte Entdeckungsreisen der englische Naturforscher
Carus-Wilson. Bekanntlich hat jeder Sand, je nach seiner Beschaffenheit, bei irgendeinem Druck einen knirschenden, mehr oder weniger scharfen Klang. Dieser Klang kann aber, wie sich der genannte Forscher überzeugte, sehr verschiedener Art fein; er kann wie Geigen- oder Trompetenklang fein, aber auch Glocken- und Orgeltönen ähneln. Musikalische Klänge bilden sich aber nur dann, wenn die Sandkörner von regelmäßiger Gestalt sind.
Der aus winzigen Kügelchen bestehende mit einer dünnen Glasschicht überzogene Sand der Colo- r a d o w ü st e fängt zu summen an, wenn ihn der Wirbelwind in die Hohe treibt. Reibt man diesen Sand zwischen den Händen, schreit er gleich einer Eule, wenn er aber in ein Gefäß geschüttet wird, klingt er wie das Bellen eines Hundes. Das Merkwürdigste aber ist jedoch, daß dieser Sand all diese musikalischen Eigenschaften verliert, wenn man ihn aus der Wüste fortnimmt. Auch die tonenden Berge, wie zum Beispiel der Gebe! N a t u s am Sinai, hat nur darum Klangcharakter, weil er ein Sandsteinfelsen ist. Wie Gongtäne härt sich hier der Sandsteinklang an. Der erste Europäer, der diesen 300 Fuß hohen Sandsteinkegel bestieg, war der Reisende U. I. S e e tz e n. Schon beim Hinaufsteigen horte er einen säuselnden Ton, der in den Nachmittagsstunden zu einem lauten Drohnen, an sechs Minuten lang, wurde. Alexander von Humboldt erzählt uns von den Granitfelsen a m Orinoko, die bei Sonnenaufgang infolge der erhöhten Wärmezufuhr orgelähnliche Tone hervorbringen. Solche Naturorgeln, die bei der Morgenröte ihren Hymnus anstimmen, gibt es noch in anderen Gegenden. Man nennt daher diese Felsen auch „Orgelsteine". Auch Thüringen besitzt einen singenden Berg, an der Bahnstrecke Arnstadt- Saalfeld. Nach Regengüssen läßt dieser aus Kalkstein bestehende Berg ein singendes Brausen hären.
Die Fingalsgrotte von Staffa, eine der größten und schönsten Naturmerkwürdigkeiten Europas, besitzt auch ihre eigene Melodie. Die von der Hohe herabfallenden Wassertropfen geben ein bestimmtes harmonisches Klingen, bei Sturm und Wetter aber ein meilenweit hörbares Geräusch. Mendelssohn hat uns dieses rhythmische und harmonische Klingen der auf die Basaltfelsen herunterfallenden Wassertropfen in seiner Ouvertüre zur Fingalshohle charakteristisch veranschaulicht. Dieses Wassertropfenmotiv bildet den Grundgedanken seiner Komposition.
Auch die Wasserfälle haben ihre eigene Musik. Der bekannte Physiker Tyndall hat festgestellt, daß dieses Tonen nicht durch den donnerähnlichen Absturz der Wasiermassen geschieht, sondern durch das Zersprühen Tausender und aber Tausender mit Luft gefüllter Wasserbläschen.
Ein Schweizer Gelehrter hat die Musik der Wasierfälle eigens studiert. Er fand, daß ihr Klang immer der C-Dur-Dreiklang, C—E—G ist, mit dem tieferen, nicht zum Akkord gehörenden F. Dieses F mache aber den Grundton dieser Harmonie aus, denn es sei der stärkste Ton und als solcher am meisten zu hären, selbst wenn in der Entfernung die anderen Tone nicht mehr wahrnehmbar sind. Bei kleineren Wasserfällen störe man die gleichen Töne, nur ein, zwei, manchmal drei Oktaven höher als bei starkem Gefälle. Das Sprühen und Glitzern der Wasserstäubchen eines Wasserfalles mit der Lebendigkeit modernster Orchesterfarben zu schildern, hat Richard Strauß in seiner „Alpensinfonie" bewundernswert zu geben gewußt.
Wenn wir die Musikgeschichte von Johann Sebastian Bach bis auf unsere heutige Zeit verfolgen, so erfahren wir, daß unsere großen Meister nicht nur Naturerlebnisse musikalisch zu schildern wußten, sondern auch durch die Musik in der Natur zu eigenem Schaffen angeregt wurden. Beethoven gaben seine Spaziergänge selbst bei strömendem Regen neue Schaffensgedanken. Seine Pastoralsinfonie ist im zweiten Satze ein farbenreiches Naturgemälde. Vorbilder dafür fand er in Haydns Naturschilderungen, die er uns in feinen Jahreszeiten" und in der „Schöpfung" so meisterhaft gegeben. Ich nenne noch Mendelssohns Nocturno aus dem „Sommernachtstraum" und von neuromantischer Musik die zu Richard Wagners „Nibelungen". Jeder Meister redet darin feine eigene Sprache, jeder hat dafür feine eigenen Formen und Ausdrucksmittel.
wir heute in Deutschland nicht. Wenn ich auch gerade jetzt meine besten Erfolge habe — mehr als zwanzigtausend im Jahr pinsele ich mir mit allem Fleiß nicht zusammen —"
— zwanzigtausend — im Jahr — nie im Leben würde Anton Dimpfinger seine Metzgerei das eintragen —
„— und wenn man heiraten will, kann man Geld gut gebrauchen. Ich möchte mir nämlich gern ein Haus bauen, irgendwo in den Bergen — und dazu reicht es noch nicht ganz, was auf der Bank liegt."
Ein Räuspern. Und merkwürdig knurrend:
„Na — vielleicht hat Eahna Braut--"
„Nee, mein Lieber. Die wird wahrscheinlich noch nicht einmal ein Bett haben. Sie verfügt nämlich über einen grauslichen Dickschädel von Vater. Wohlhabender Metzgermeister — wird aber wohl keine Mark herausrücken."
„So so. Wird er net."
„Sicher ein braver Mann — wie käme er sonst zu d e r Tochter — aber ein bißchen beschränkt. Was nicht vom Handwerk ist, das gilt nicht — und nun gar ein Künstler —l Bildermalen, dem lieben Gott die Zeit stehlen — und so etwas in der Familie —l Ich habe Angst, ihn trifft gleich der Schlag..."
,Gut scheinen'S ihn zu kennen, Eahnan Schwiegervätern."
„Ich habe ihn überhaupt noch nicht zu Gesicht bekommen — aber meine Braut redet genug von ihm. Der Vater — das ist das einzige, glaube ich, wovor sie Furcht hat. Dor mir — keine Spur von Respekt! Wie die mit mir umgeht — das sollten Sie nur mal sehen! Ader der Vater — er hat noch nicht mal erfahren dürfen, daß sie mit einem hergelaufenen Kunstmaler überhaupt Bekanntschaft hat."
„Hat er net.*
„Aber jetzt ist es soweit — am Sonntag wird er mich kennen lernen, der Herr Metzgermeister — und am Montag wird das Aufgebot bestellt."
„Und wenn er net will — der Herr Metzger- meister?"
„Dann wird doch geheiratet. Soweit geht die Furcht vor dem Vater nun wieder nicht — daß meine Braut deshalb von mir läßt. Wir haben uns nämlich so'n bißchen lieb, müssen Sie wissen ... Na und später wird das Einsehen schon kommen — und die Freude an so einem großartigen Schwiegersohn. So noch dem dritten, vierten Kind wird er schon ... Entschuldigen Sie einen Moment, bitte..
Es hatte geklopft — sehr eilig ging Martin Woh- tert hinaus, und langsam erhob sich Anton Dimp- finger. Draußen ün Gang eine Helle Stimme: ,Mär'
ich? Ist der Brasilianer gekommen?" Und die tiefe Stimme des Malers: „Ja — aber komm nur herein. Erstens kennt er dich ja schon vom Bild her, und zweitens staben wir sowieso die ganze Zeit von dir gesprochen ..
Als Fräulein Anna ins Atelier kam, stand der „Brasilianer" in den Anblick des Bildes vertieft und zeigte ihr den Rücken. „Grüß Gott", sagte sie fröhlich. Da drehte der Mann sich langsam um und — und das Atelier drehte sich mit...
„Vater!"
Martin Wostlert machte das dümmste Gesicht seines Lebens. Er starrte Anna an, er sah auf den Mann, der steif und stumm vor dem Bild stand und sich nicht rührte — und dann — dann stieg es in ihm auf, unwiderstehlich — dann lachte er, daß es ihn schüttelte — und brachte dann mühsam hervor:
„Herrgott — ich Rindvieh — nein, bin ich dämlich! ... Also Sie sind meine Schwiegervater — ?"
„Ich habe die Ehre", sagte Anton Dimpfinger feierlich. „Aber Sie — wann der Brasilianer kimmt — den Auftrag nehma S' an! Fuchzehntausend Markl auslass'n zweg'n der Heiraterei — mir war's gnua! Nehma'S doch die Anna mit — nacha Ham S' Eahna Hochzeitsreis' aa gleich!"
Vom Knaben,
der die seltenste Briefmarke besaß.
Eine Schatzsuche eigener Art wird jetzt von einer Gesellschaft von amerikanischen Briefmarkensammlern und -Händlern unternommen, die mit einem Dampfer die Häfen des Karaibischen Meeres besuchen, um auf seltene Marken Jagd zu machen. Dor allem hoffen sie, irgendwo üoch ein anderes Stück der berühmten karminroten 1 Cent-Marke von Britisch-Guyana von 1856 zu finden, die heute die seltenste Briefmarke der Welt ist und deren Wert auf 130 000 Mark geschätzt wird. Diese einzigartige Rarität wurde 1873 von einem Knaben L. D. Vaughan gefunden und später für sechs Schillinge verkauft. Der alte Herr, der immer noch ein eifriger Philatelist ist, hat kürzlich von diesem seinem größten Sammlererlebnis mit gutem Humor und ohne jede Bitterkeit erzählt. „Es kommt mir heute seltsam vor", schreibt er, „daß die Bri- tisch-Guyana 1 Cent-Marke mir einmal gehört hat. Dor 61 Jahren grub ich sie aus alten Familienpapieren aus und verkaufte sie für 6 Schillinge. Jetzt wird sie bei Ausstellungen in einem Glaskasten für sich gezeigt, von einer ganzen Schar von Detektiven bewacht. Ich war damals ein Heiner Junge, den der Briefmarkenfimmel stark gepackt hatte, und als ich eine Menge alter Familienbriefe,
hauptsächlich mit Marken von Britisch-Guyana, entdeckte, war ich entzückt. Die jetzt so berühmte Marke von 1856 befand sich auf einem Umschlag, ich loste sie ab und klebte sie in mein Album. Bald aber stacken mir funkelnagelneue ausländische Marken in Die Augen, die ich bei einem Händler in Bath sah, und ich beschloß eine Anzahl meiner Britisch- Guyana-Marken zu verkaufen, um diese reizende Serie erwerben zu känyen. Mein Taschengeld war knapp, aber das Vergnügen, das ich mir damit durch Markenkauf verschaffte, unendlich. Die 1 Cent-Marke rangierte ich besonders gern aus, weil sie mir nicht sehr gut erhalten schien und ich fest überzeugt war, ich würde ein viel besseres Stück finden, wenn ick wieder über die alten Familienbriefe ginge. Ich hatte von einem Mr. McKinnon gehört, der ein großer Sammler war, und zu ihm brachte ich die Marke. Erst wollte er sie nicht haben, denn er sagte, sie sei schlecht erhalten, und er mache sich nichts aus solchen „quer-rechteckigen" Stücken. Als er aber sah, wieviel mir daran lag, sie los zu werden, gab er mir 6 Schillinge und bedeutete mir, daß er damit ein großes Risiko auf sich nehme und mir einen besonderen Gefallen täte. Nachdem er sie zehn Jahre besessen hatte, verkaufte er sie für 25 Pfund auf dem Londoner Markt; seitdem ist sie weiter im Preis gestiegen, und die größten Markensammler der Welt sind heute bereit, phantastische Summen für das Stückchen Papier zu zahlen, das ich einst besah. Die Leute fragen mich immer, was ich dabei empfinde, und ich sage dann, wenn ich die Marke nicht verkauft hätte und sie sich heute noch in meiner Sammlung befände, würde sie keinen solchen Riesenpreis bringen. Nur dadurch, daß sie so oft auf den Markt kam und ihr Ruf mehr und mehr stieg, erhielt sie ihren einzigartigen Wert. Ich denke heute weder mit Bitterkeit noch mit Enttäuschung an jenen Verkauf aus meiner grünen Jugend...
Beweis der Echtheit.
Ein bekannter Pariser Kunsthändler erzählte gern einen ebenso bezeichnenden wie luftigen Vorfall mit einem feiner amerikanischen Kunden, dem Besitzer einer wertvollen Sammlung der Barbizon- Schule. Der Amerikaner verlangte eines Tages von ihm ein Bild von Görome. „Wie, Sie, der Sie kostbare^ Delacroix und Corots besitzen?" „Ja, einen Gerome." Also, es gab kein Zögern; ich ging zu Gsrome und fragte ihn, was er abzugeben habe, und brachte ihn dann meinem Kunden ins Atelier, nachdem der Maler, dem geschäftliche Angelegenheiten ein Greuel waren, sich zurückgezogen hatte.
Wir hatten die Auswahl unter einer Anzahl üblicher Gsrome-Bilder; aber mein Amerikaner streikte. Schließlich entdeckte er in einer Ecke ein miserables Bild, so schlecht, daß man es selbst für einen falschen (Ströme halten konnte. „Aber Sie wollen dies da doch nicht kaufen?" Der Amerikaner bleibt kalt und gelassen: „Was kostet das?" Ich gehe schließlich zu G6röme, der sich selbst sträubt, das Stück aus der Hand zu geben; endlich fordert er 6000. Ich komme zurück: „6000 will er". ,Zch kaufe es, aber ich will einen Garantieschein von Gsröme, der die Echtheit bestätigt." Das Geschäft wird abgeschlossen, wir nehmen das Bild gleich mit, und in einem Wagen fahren wir fort. „M.CLble", fragt mich mein Kunde, „was halten Sie eigentlich von diesem Bild?" „Du lieber Gott, Sie hatten ja die Auswahl." Aber der Amerikaner lächelt seelenruhig: „Sagen Sie, ist es nicht scheußlich?" „Ja, aber warum haben Sie es denn gekauft?" „Ja, sehen Sie... Wenn ich meinen Freunden meine Sammlung zeige, so heißt es immer: „Dieser Corot, der ist falsch, dieser Daubigny, der ist falsch. Wenn ich ihnen jetzt diesen (Ströme zeige, so werden Sie unfehlbar sagen: „Dieser Gsrome, der ist falsch". Aber dann weise ich ihnen den Brief von M.G6rome vor, und Sie werden fortan behaupten, daß in meiner Sammlung nicht ein unechtes Bild ist..B.
Ruhm
Als Johannes Brahms in Wien weilte, lebte dort ein musikliebender Rentner, der wegen seines boshaften Witzes allgemein gefürchtet war. Brahms war gut mit ihm bekannt und lachte viel über die drolligen Einfälle des wohlhabenden Mannes. An einem schonen Frühlingsmorgen gingen die beiden nun einmal im Stadtpark spazieren und kamen an Franz Schuberts Denkmal vorüber. Da deutete der Rentner Haas auf das Denkmal und meinte lächelnd: „In hundert Jahren wird man auf. der anderen Seite Ihr Denkmal bewundern, Herr Brahms". — „Bitte, lassen Sie das doch!" erwiderte Brahms unwillig. Haas jedoch lieh nicht locker, er begann wieder mit Lobeshymnen, um von feinem Begleiter noch grober angefahren zu werden. „So lassen Sie mich doch ausreden", rief Haas, „Sie wissen ja gar nickt, was ich sagen will". — „Nun, was denn noch?' schrie Brahms ihn noch lauter an. — „Ich wollte sagen", beendete Haas seine Rede, „die Leute werden vor Ihrem Denkmal stehen und werden fragen: ,Nanu, wer war denn das eigentlich?^" Brahms lrr wütend davon und vermied es lange, wieder mit Haas zusammen zu fein.


