Grundsätze der britischen Außenpolitik.
Von Harold Tlicolson
Harold Nicolson hat sich bereits mit seinem berühmt gewordenen Werk „Friedens- Macher 1919" als ein gründlicher Kenner der britischen Außenpolitik ausgewiesen und darüber hinaus ein feines Verständnis für die Umwandlungen gezeigt, die das geistig, politische Gesicht Europas in der Nachkriegs. Zeit geprägt haben. Die soeben im S. Fischer Verlag, Berlin, in deutscher Uebertragung erschienene Fortsetzung „Nachkriegs- diplomatie", für die der Verfasser als Privatsekretär des verstorbenen Staatssekretärs des Auswärtigen Lord Curzon besonders berufen ist, enthüllt neben einer Dar. stellung des Einzelgeschehens eine grundsätzliche Betrachtung der Hauptlinien britischer Außenpolitik, naturgemäß von englischer Warte aus, aber doch mit umfassendem Blick auf das europäische Schicksal.
Die britische Außenpolitik im neunzehnten Jahrhundert war, welche Partei auch immer das Ruder führte, von sechs Hauptgrundsätzen beherrscht, nämlich:
1. Friede.
2. Gleichgewicht der Mächte auf dem Kontinent. 3. Unsere Ueberlegenheit zur See.
4. Unsere Verbindungen mit Indien und dem Empire.
5. Freihandel.
6. Humanitäre Verpflichtungen.
Man mag behaupten, alle diese sechs Prinzipien, außer dem ersten, seien bereits preisgegeben oder würden binnen kurzem preisgegeben werden. An die Stelle des Gleichgewichts der Mächte ist der Völkerbund getreten. Unsere Vorherrschaft zur See ist bei der Konferenz von Washington 1922 aufgegeben worden. Wenige Jahrzehnte noch, und es wird vielleicht kein Indien und kein Empire mehr geben, mit denen man in Verbindung bleiben muß. Der Freihandel ist dem Zollkrieg gewichen. Und unser Verrat an den Arme- niern, Assyrern und Griechen hat bewiesen, daß die britische Demokratie auf die Forderungen der Menschlichkeit nur mit Gefühlen, nicht mit Taten erwidert.
Ick stimme dieser Behauptung nicht zu. Ich glaube, daß die Traditionen britischer Außenpolitik uns viel zu sehr in Fleisch und Blut übergegangen sind, als daß sie durch irgendeinen Wechsel in der Weltgeltung abhanden kommen könnten.
Ich glaube also, daß unsere Demokratie, ungeachtet des Völkerbundes, ihren Instinkt für ein kontinentales Gleichgewicht derMächte behalten und daß sie zum Beispiel instinktiv „pro- französisch" werden wird, wenn Deutschland bedrohlich scheint, und instinktiv „prodeutsch", wenn die französische Ueberlegenheit auf dem Kontinent allzu stark scheint.
Ich glaube, daß das britische Volk zwar durchaus dazu bereit ist, sich in die Vorherrschaft zur See mit den Vereinigten Staaten von Amerikazuteilen, aber niemals dazu bereit sein wird, sie mit irgendeiner anderen Macht zu teilen.
Ich bezweifle, ob wir, zum mindesten für die nächsten zwei Generationen, jemals desinteressiert sein werden an unseren Verbindungen mit Indien und dem Empire, obwohl ich durchaus annehme, daß das Mittelmeer binnen kurzem als ein zu gefährdeter Verbindungsweg betrachtet werden wird und daß Madeira, Freetown, Sankt Helena, Madagaskar und Mauritius nach und nach die strategische Bedeutung erlangen werden, die heute Gibraltar, Malta, Port Said und Aden haben.
Ich bin nicht so pessimistisch, anzunehmen, daß der Zollkrieg, auf den wir uns unheilvoller-
weise eingelassen haben, mehr sei als eine vorübergehende Phase unserer Wirtschaftspolitik, und ich glaube zuversichtlich, daß die öffentliche Meinung früher oder später, wenn auch nicht zu einseitigem Freihandel, so doch zu der Tradition wirt- schaftlicher Jnternationalität zurückkehren wird.
Auch glaube ich nicht, daß wir, wenn wir uns erst einmal von unserem merkwürdig lange an- dauernden Kriegs-Nervenschock erholt haben werden, noch weiterhin gleichgültig bleiben werden gegen die Hilferufe schwächerer Völker oder unterdrückter Minderheiten.
Mein Eindruck geht somit dahin, daß es wahrscheinlicher ist, daß die britische öffentliche Meinung zu den traditionellen Grundsätzen der britischen Außenpolitik zurückkehren und weiterhin an ihnen festhalten, als daß sie zu irgendwelchen neuen Grundsätzen übergehen wird. Das bedeutet nicht, daß wir es mit dem gleichen Komplex von Problemen zu tun haben werden. Ich neige zum Beispiel zu der Ansicht, daß die afrikanischen Fragen und die Fragen des Pazifik in Zukunft den Platz einnehmen werden, den im neunzehnten Jahrhundert die Mittelmeerfragen und diejenigen des Nahen Ostens innehatten. Aber die Tradition — jener zugleich insulare und ozeanische Instinkt — wird dieselbe bleiben.
Ich behaupte nicht, daß die sechs Grundsätze britischer Politik sehr edelmütiger Art seien. Einige davon sind nachweislich eigennütziger Natur. Ich behaupte lediglich, daß sie eine instinktive T e n d e n z der britischen öffentlichen Meinung darstellen, in dem Sinne, wie Isolierung und Vermeidung aller Verwicklungen in ausländische Angelegenheiten instinktive Tendenzen der amerikanischen öffentlichen Meinung sind. Ich glaube nicht, daß irgendwelche Außenpolitik, die diesen Grundsätzen nicht förderlich ist, auf die Dauer die Billigung der Mehrheit des britischen Volkes finden wird. Und ich folgere daraus, daß unsere Außenpolitik, auf die Länge betrachtet, im Einklang mit diesen sechs Grundsätzen geführt werden muß.
Anderseits wird es Zeiten geben, in denen die öffentliche Meinung, etwa infolge von kriegerischer Hochspannung, extremer Parteiherrschaft oder intensiver Pressepropaganda, vorübergehend in Gegensatz zu dieser Tradition geraten wird. Es wird Augenblicke geben, in Lenen wir uns an dem Gleichgewicht der Mächte, an unseren Verbindungen mit Indien, an dem Schuh minderbegünstigter Nationen und an wirtschaftlicher Jnternationalität desinteressieren werden. In solchen Augenblicken mag sich die Frage erheben zwischen demokratischer Kontrolle der Außenpolitik und demokratischer Führung der Außenpolitik. Diese Frage kann nur einsichtig behandelt werden, wenn eine genügend große Anzahl von Personen es sich zur Gewohnheit gemacht haben, die britische Außenpolitik von einem kritischen und kundigen Gesichtspunkt aus zu beobachten. Wenn sie sich willkürlichen Fiktionen oder abergläubischen Anschauungen überlassen, wie derjenigen, daß ein qualitativer Unterschied bestehe zwischen der „alten" und der „neuen" Diplomatie, dann werden sie in der Tat weit in die Irre gehen.
Ein solcher Unterschied besteht im Wesentlichen nicht: Alles, was geschehen ist, ist eine Anpassung der Methode an oie wechselnden Souoeränitätsverhältnisse. Jedes System war jeweils gewissen besonderen Krankheitserscheinungen ausgesetzt, während es gegen gewisse andere Krankheitserscheinungen immun war. Es ist meines Erachtens dringend notwendig, daß die öffentliche Meinung über diejenigen Krankheitserscheinungen belehrt wird, für die die demokratische Außenpolitik sowie die demokratische Diplomatie besonders empfänglich sind.
Japans Werben um den Islam.
Dorstoß nach Innerasien. - Was sagt man in Moskau und London?
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Baku, Dezember 1934.
Eine schlichte Kabelmeldung aus der aufstrebenden japanischen Handelsstadt Kobe berichtete in diesen Tagen von der dortigen Einweihung einer Moschee, der ersten in Nippon. Eine Nachricht wie viele andere, — so könnte man meinen. Und doch vermochte sie sowohl in London als auch in Moskau, und vor allem hier besonderes Aufsehen zu erregen. Ja, mehr als das: die Russen sind ob dieses harmlos anmutenden lokalen Ereignisses außer Rand und Band geraten, und die islamitischen Sowjets erhalten seit Tagen Instruktionen über Instruktionen. Wie erklärt sich das?
Um alles zu verstehen, sei daran erinnert, daß, unbeachtet von der Weltöffentlichkeit, die Japaner seit Jahresfrist einen Stellungswechsel gegenüber Moskau vorgenommen haben. Durch den Verkauf der mandschurischen Eisenbahn an Japan ist die latente Spannung im Amurbogen einer Art von diplomatischem und politischem Waffenstillstand gewichen. Zwar protestiert man in Tokio nunmehr auch gegen die sowjetrussischen Rüstungen in Wladiwostok, und angeblich bereitet sich Nippon sogar auf einen Handstreich gegen den einzigen bedeutenden russischen Hafen am Stillen Ozean vor. Im großen und ganzen herrscht jedoch im Augenblick Ruhe zwischen dem Jablonoi Gebirge und dem Ussuri-Strom.
Lebhafter geht es da schon in der Mongolei zu, deren innerer, also China zugewandter Teil bereits völlig unter japanischen Einfluß geraten ist, während Moskau alle Anstrengungen macht, um durch Einladungen und üppige Bewirtungen mongolischer Häuptlinge wenigstens in der äußeren Mongolei seinen bisherigen Stand zu behalten. Der entscheidende Kampf Japans gegen Moskau spielt sich jedoch im Augenblick in Vorder- asien und in Jnnerasien ab Das ost- asiatische Kaiserreich wirbt heute mit aller Macht um d i e Seele des Islam, den einst der rote Kreml, unter der Maske des „Befreiers" vom kapitalistischen Imperialismus, als leichte Beute betrachtet hatte. Damit greift aber Nippon i n s Herz des roten Imperiums und setzt den Dolch an einer Stelle an, an der das Leben sitzt. Darum die heftige Erregung im weiten Reich des Sowjetsterns über die Einweihung der Moschee in Kobe, der neben hohen japanischen Würdenträgern, Türken und Tartaren beigewohnt haben.
Die russisch, persische und die rusfi sch- afghanische Grenze sind ebenso willkürlich gezogen wie die Grenzen zwischen der Türkei und der Sowjetunion. Diplomatie und wechselndes
Kriegsglück haben dabei mitgesprochen, nicht aber die betroffenen Völker und Kulturen. Um das Erbe Dschingis-Khans haben sich die verschiedenen Potentaten so gerissen, wie die berühmten Hunde des größten aller mongolischen Führer um ein saftiges Stück Fleisch. Tief hinein in den russischen Raum ragt der Islam, Millionen und Millionen von Türken und Tartaren sowie von Mongolen, die an den Propheten glauben, müssen ihren Rücken unter die Knute des roten Zaren beugen, die nicht weniger Bleikugeln besitzt als die des weißen Zaren und von der bestimmt nicht geringerer Gebrauch gemacht wird. Sehnsucht nach nationaler Befreiung und nach Sicherung der kulturellen Güter beherrscht diese Massen. Die Türkei, die unaufhörlich an ihrem völkischen Auf- bau arbeitet, kann sich gegenwärtig aus tausend Gründen eine offizielle Jrredenta-Politik auf sowjetrussischem Boden nicht leisten. Die inoffizielle Hilfe, die den Mohammedanern Rußlands von britischer Seite oft und oft geboten worden ist- betrachtet man mit höchst gemischten Gefühlen, da man sich der Londoner imperialistischen Politik bewußt ist und unwillkürlich an das Schicksal Indiens und der arabischen Staaten denken muß.
Da taucht nun mit einem Male eine neue Macht auf. Japan, das Instrukteure und Handelsleute nach Arabien schickte, das arabische Studenten unentgeltlich in Tokio studieren läßt, das nach Persien billigere und dabei nicht schlechtere Waren liefert als England, das Militär- und Wirtschaftsmissionen nach Afghanistan entsandte und erstklassige Kriegsschiffe für die Türkei auf Stapel legte. Japan tauchte auf, das nach Inner- und nach Vorderasien neue Gedanken der Freiheit trug. Mit dem Westen hat der Islam bis zu diesem Tage nur schlechte Erfahrungen gemacht. Die einzigen Weißen, die es ehrlich mit den Mohammedanern meinten, d i e Deutschen, hat man mit brutaler Gewalt und mit Hilke gemeinster Lügen aus dem islamischen Raum hinausgedrängt. Nun meldet sich ein Neuer. Man will es versuchen...
Das fällt um so leichter, als sich Japan die allergrößte Mühe gibt, das Vertrauen, das man in es setzt, zu rechtfertigen. Fieberhaft arbeiten japanische Emissäre in Ostturkestan, das dem Namen nach noch zu China gehört, und erwecken in der tur- kestanischen Jugend Gedanken an ein größeres Tur- kestan, das vom Karakorum und vom „Dach der Welt" bis zum Kaspifee reicht. Kein Wunder, daß solche Gedanken nun auch an der sowjetrussischen Grenze nicht Haltmachen und in Rußland auf fruchtbaren Boden fallen. Was Japan in Ostturkestan unternimmt das meint es in Bezug auf das gleich- namige Land innerhalb der roten Grenzpfähle. Moskau ist das alles natürlich nicht unbekannt, da
her die Erregung über die Moschee von Kobe ...
Bei dieser Zeremonie waren also auch Tartaren anwesend, und das ist kein Zufall. Die turko-tartarischen Stämme und Völker lagern in breiter Front zwischen Europa und Asien. Sie besaßen einmal, kurz nach der ersten russischen Revolution, eine wenn auch karg bemessene Freiheit. Das haben sie nicht vergessen, ebensowenig aber die Brutalität, mit der die Bolschewisten diese junge Freiheit zertraten. Der Traum von der Schöpfung eines tartarischen Pufferstaates zwischen Japan und Rußland ist aber nicht ausgeträumt und ihm voran weht die Flagge der aufgehenden Sonne des ostasiatischen Kaiserreichs. Das ist vorläufig noch Zukunftsmusik, wenn auch nicht mehr allzu ferne. Wichtiger ist im Augenblick Japans Weg nach Samarkand.
Es gibt ein uraltes islamisches Märchen von Liebe und Treue, von Tod und Marter, einem tapferen Krieger, einem grausamen Sultan und einem Mädchen, das so schön war, wie die Feengestalten aus Tausend und einer Nacht: Die Reise nach Samarkand ... Diesmal ist es keine Mannesliebe, die mitspielt, sondern die Liebe der Bewohner Turkestans zu ihrer Erde, die sie frei haben wollen, und kein grausamer Sultan diktiert, sondern der rote Zar des roten Kreml, dessen Macht es zu brechen gilt. Auf dem Wege nach Samarkand wandert schließlich kein gläubiger Sohn Allahs, sondern heute marschieren dort die Abgesandten des fer- Japan, dessen Shinto-Glaube dem Islam die Hand reicht zum Bunde gegen herrschende Gewalten.
Die Rechnung ist allerdings nicht so einfach, wie sie sich hier ausnimmt, denn es spielt da außer dem
Islam Japan und Sowjetrußland noch eht rer Machtfaktor mit: England! Das dari^ stimmt nicht unterschätzt werden. Solange fi* ? japanische Expansionsdrang lediglich gegen Ä,' richtete, schwieg man in London, wie man ja u ' nach Mandschukuo trotz des chinesischen Protestes r Handelsdelegation entsandte. In den letzten hat sich hier aber nicht zuletzt im Zusammen^ mit der Flottenkonferenz und der Möglichkeit Bildung einer angelsächsischen Front gegen eine Aenderung vollzogen. Dor allem glaubt man in England Grund zu der Befürcht/' zu haben, daß sich Japan nunmehr in Mittel. >/ Vorderasien auch in d i e britische Jnterk s e ns p h ä r e verirrt. Und bei der Einweihung u Moschee in Kobe waren auch Inder zugegen
Andererseits darf ein möglicher englisch-ja^ scher Gegensatz in Mittelasien nicht überschätzt den. Großbritannien weiß nur allzu gut, daß ßj solcher Konflikt nur Rußland zugute käme J damit der sowjetrussischen Propaganda in Persfr Afghanistan und Indien. Zudem ist Englands mehr nach Singapore und dem Stillen Ozeans richtet als nach Samarkand, und schließlich ko»' eine Einmischung Londons in die Bewegung,, erwachenden Islam in Asien anderenorts unfrj fame Folgen zeitigen. Im äußersten Falle nr- man an der Themse eben gute Miene zum böy Spiel.
So geht denn Japans Vorstoß nach Inner, fr Vorderasien weiter. Rüstig schreitet Nippon wärts auf dem Wege nach Samarkand. ^antuA ftan ist im Werden. Und der Shinto-Priester reiti lächelnd feine Hand dem Mullah und dem ft; schah aus Mohammeds Reich ...
Geschichten aus aller Welt.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
„Swanusk."
D. Vancouver (Britisch-Columbia).
Noch immer werden zuweilen in aller Heimlichkeit von den Indianern Britisch-Columbias die alten Heilzauber ausgeübt und angewendet, zu denen die Kranken meist größeres Zutrauen haben als zu den Erfahrungen und Hilfeleistungen der modernen Heilwistenschast. Diese Zauberpraxis ist zwar längst verboten — aber dennoch!
So konnten kürzlich in der Gegend von Maurice- town einige Beamte eine solche Krankenbeschwörung beobachten. In dunkler Nacht wurde sie von Eingeborenen in einem alten halbverfallenen Blockhaus vorgenommen. Es handelte sich um die Anwendung eines Zaubers, der von den Indianern „Swanusk" genannt wird, und die Polizeibeamten, die sich die seltsamen Zeremonien mit ansahen, ehe sie einschritten, sind wohl die ersten weißen Zeugen dieser Praktiken gewesen.
Zehn Indianer, Männer und Frauen, saßen im Kreis um den Kranken herum, den man in der Mitte des Blockhauses auf den Boden gebettet hatte. Er war mit einem Bärenfell bedeckt und trug den Federschmuck des Kriegers in den Haaren. In den Händen hielt er einen roten Stock, in den oben ein Spiegelchen eingelassen war, und fang. Je lauter sein Singen wurde, desto höher versuchte er sich auf« zurichten mit Hilfe des Stabes — dann aber fiel der kranke Mann immer wieder auf fein Lager nieder. Dieser Vorgang wiederholte sich schier zwanzig Minuten lang. Als der Kranke ganz erschöpft war, wurden ihm die Federn und das Bärenfell wea- genommen, so daß er nun, nur noch mit einer Hose bekleidet, zitternd vor Frost auf dem Boden des Blockhauses lag. Dann schlug ein Indianer ausdauernd und kräftig mit einem Strohseil auf den Magen des Patienten ein und blies ihm ein Pulver, das er in der Hand geborgen hielt, übers Gesicht.
Da schritten die Beamten ein. Der Kranke wurde in ärztliche Behandlung gegeben, der Medizinmann aber, der die seltsame Zauverzeremonie angeordnet und geleitet hatte, verhaftet und ins Gefängnis eingeliefert. Inzwischen ist der kranke Indianer bereits verstorben... unbekannt, an welcher Krankheit ...
Sechsfacher Witwer legt sich Karten ...
(ur) Santiago.
Als Luis Abarca seine Wohnung verließ, um eine längere Reise anzutreten, sagte er seiner Gattin, er habe da im Schrank eine versiegelte Dose stehen, die sie nicht aufmachen dürfe. Ha!, die Ehefrau möchten wir (natürlich nur in Santiago!) sehen, die sich damit bescheiden würde ...
Luis war noch nicht ganz draußen, da hatte seine junge Gattin schon die Dose auf. — Und was fand sie? Sechs Heiratsurkunden mit sechs verschiedenen Frauen! Und Geburtsscheine von sechs verschiedenen Kindern! Jeder Heiratsschein stammte aus einem anderen Jahr ... Heulend lief Frau Abarca zum Richter. Und Luis wurde verhaftet. Er war sprachlos über seine neugierige Frau. Im übrigen aber versicherte er, er habe sich selbst die Karten gelegt und daraus immer ersehen, daß seine jeweils letzte Gattin tot sei. Erst bann habe er geheiratet. Aber das nützte ihm nichts. Sechs Gattinnen mit sechs Kindern marschierten gegen Luis Abarca auf, der sich für einen sechsfachen „Witwer" hielt.
Beim nächsten Mal will er, wie er versichert, seiner Gattin nicht mehr verbieten, eine versiegelte Dose aufzumachen ...
Das Berufsgeheimnis des Friseurs.
(z) Paris.
Ist der Friseur gezwungen, ebenso wie der Arzt, sein Berufsgeheimnis zu bewahren? lieber diese Frage wird demnächst ein Pariser Zivilgericht zu entscheiden haben.
Und das kam so: Der Vorarbeiter einer Pariser Fabrik verliebte sich in eine im gleichen Betriebe beschäftigte Arbeiterin. Allerdings bestand zwischen beiden ein gewaltiger Altersunterschied: während bas Mäbchen erst auf achtzehn Lenze zurückblicken konnte, waren bereits 53 Lebensjahre über das Haupt des verliebten Mannes dahingegangen. Aber gerade das Haupt und fein Haarschmuck verrieten nicht das mindeste von diesem ansehnlichen Alter. Der Liebhaber war nämlich mit einer stolz wallenden, weißblonden Mähne geschmückt, die ihrem Besitzer ein weit jugendlicheres Aussehen verlieh. Was Wunder, daß das junge Mädchen sich besonders in diesen Haarschopf verliebte und sowohl in Verlobung als auch schließlich in die Eheschließung einwilligte?
Doch noch während der Flitterwochen verließ sie ihren Herrn Gemahl und teilte ihm durch einen Bries mit, sie habe von seinem Friseur erfahren: der bewunderte Hauptschmuck sei nichts anderes als eine ganz gewöhnliche Perücke. Mithin habe er sich ihr unter Vorspiegelung falscher Tatsachen genähert. Sie werde infolgedessen auch die Scheidung einleiten.
Der so schnöbe „skalpierte" Ehemann ließ sich bie Jnbiskretion seines Figaro nicht so ohne weiteres
gefallen unb verklagte ihn wegen „Bruchs des ß. rufsgeheimniffes" auf Schabenersatz. Und barücc ■ ob eine berartige Klage überhaupt zulässig ist, ben bie Pariser Richter nunmehr zu entscheid-- haben ...
Das Schicksal spielt mit zwei Ringen.
m (z) Lion.
•oet einem bekannten Juwelier in Lion erfi->. nen kürzlich zwei Italiener, ein Kohlenhändler fr ein einfacher Arbeiter aus ben Abruzzen, und k- Zwei Ringe zum Verkauf an, in ber cho'fr-- einige hunbert Franken bafür zu erhalten ftr Juwelier erkannte sofort, baß es sich im fr- wertvolle Stücke hanbelte, bie von einer ofe kannten Pariser Firma stammten. Eine Nach.-, in Paris ergab, baß bie beiben Schmuckst^ er. einigen Jahren an bie Frau bes Bankiers lang: verkauft worben waren. Wie vielleicht noch erinnerlich, kam bas Ehepaar Lang Enbe Mai 1932 mr . tragische Weise ums Leben, nachbem es wie buri: ein Wunber bem Schiffbruch bes Dampfersi lippar" entgangen war, ber im Roten Meer - Branb geriet. Das Ehepaar, bas in Brindisi r französisches Flugzeug bestiegen hatte, wurde V.; Opfer eines zweiten Unfalls, durch den bas Il»i zeug an einer unwirtlichen Stelle ber Abruzzi: zerschellte.
Die beiben Ringe ber Frau Lang waren firi 300 000 Franken versichert, unb die Versicherung gesellschaft hatte ben Erben bie Summe ausge^:. in ber Annahme, baß bie Juwelen beim Sdw bruch bes „Philippar" untergegangen feien. Stakt besten aber hatte ein einfacher Bauer der &bru:: zen bie Ringe unter den Trümmern des zersäfri ten Flugzeugs gefunden und seinem Taufsohn c:: schenkt, damit er sie seiner Frau mitbringen sM: Das junge Ehepaar wanderte nach Frankreich ou- und auf diese Weise gelangten die Ringe wick:: nach Paris zurück.
Da die harmlosen Abruzzenbauern in au!« Glauben gehandelt hatten, brauchte sich die h- gezogene Polizei nicht weiter um bie Angelegt zu kümmern.
Die streitbaren Mundharrnonikaspieltr
(a) A m st e rdam.
In einer Slmfterbamer Dorstadt entstand liiy lich am hellichten Tage ein riesiger Menschenausü- vor ber Wohnung eines Gerichtsvollziehers. HM er, wie bas auch in anberen Länbern gelegen^ geschieht, etwa eine arme Familie, weil sie ihn Wohnungsmiete nicht aufbringen konnte, aufÄp des Hausbesitzers hin auf die Straße gesetzt jeden Fall nahm die vorwiegend aus IugendliM' bestehende Menschenmenge auf der Straße einr sehr feindselige Stellung gegen ihn ein unb ru’ laute Verwünschungen zu seinen Wohnungsfen'ttni hinauf, während eine Abordnung ber Demonstcan' ten sich zu ihm hinaufbegab.
Neugierige Beobachter erfuhren bald, worum » sich eigentlich hanbele: Die erregten Demonstrant waren Mitglieber eines Mundharmonika-Derr^ — ber Hollänber sagt „Munb-Akkordeon" -7- am selben Adenb noch eine Uebungsstunde für < geplantes Weihnachtskonzert abhalten wollte. - braven Musikanten aber hatten durch ihren einsoorstanb bie nieberschrnetternbe Nachricht t)0 müssen, baß am Morgen in ber Wohnung Dirigenten, in ber auch bie 87 Instrumente Vereins aufbewahrt würben, ber Herr Vollzieher erschienen sei unb wegen einer l schulb bes Mannes kurzerhand) sämtlich* * Harmonikas, sogar auch ben Taktstock, unb mitgenommen hatte .. --fahrt*
Dem musikfeinblichen Beamten wurde besten in ben unmelobischsten Tonarten, die *, Munbharmonika - Spieler zur Derfüguna 1 ‘ können, auf erwähnte Art ber Text 6^*«. zwar mit derartigem Erfolg, daß die Avor nach einer halben Stunde freudestrahleno auf der Straße erschien unb bie wiederer Instrumente an bie jubetnben Musiker D1 die darauf einen Zug formierten und uni schmetternden Klängen eines Siegesinarjcy Vereinslokal marschierten.
Der Zeiger rührt sich
In ber Halle eines Berliner Dorortbobnbo steht eine Personenwaage. Das Schub: , wiegen Sie?", hat schon viele Menschen Afrf Neulich passierte es, baß ein ungewoyn , Herr bie Bahnhvfstreppe hinabgestiegen ';n<n: umftänblid) burch bie Sperre schob uno unl, Augenblick verharrend — sein Taschentuch sich ben Schweiß von ber Stirn 3U ® I un& ■ blickte babei angestrengt auf jenes trag . zugleich einlabenbe Schild) ber iDaage yyf*1 wie schon so manch anderer burch die 10 forberung verführt. unv
Er ging also auf bie Waage zu, r „en mog« stänblich auf bas Trittbrett und suchte _ .. hatte lichen Taschen den nötigen Groschen, v er ihn gefunden. _ _ .ina-hmdeN,
Inzwischen hatten sich zwei jungen 9jne Ae* bie in ber bevorstehenben Gewichtang


