Ir.215 Drittes Blatt
Wo steht Frankreich?
Die große bange Frage der Gegegenwart, die c i der ganzen Welt lastet und den dunkeln Hinter- g.und zu der herrschenden Kriegspsychose bildet, ist: via s will Frankreich? Ist seine Politik wie i 'S offizielle Vertreter, auf die Erhaltung des Friedens gerichtet und wird sie deswegen dort, tj der Frieden die Bejahung der Lebensinteressen ciberer fordert, von dem starren System der unbe- t igten Verteidigung der Versailler Machtposition (. einem elastischeren einer Neuordnung Europas i ergehen? Oder fährt die militärische Üeberlegen- 11, deren sich Frankreich erfreut, zu einer Politik, t den Krieg von vorn herein in ihre Berech- ringen einkalkuliert und die deswegen jeden Tag i:i bie Versuchung geraten kann, diese Karte aus» z^pielen, wenn sich nur ein Mann mit „dem leich- j t« Herzen" findet, wie es vor zwei Menschenaltern 3) Ministerpräsident Ollivier ausgedrückt hat?
Giese Frage ist für niemanden wichtiger als für ! 2 > u t s ch l a n d, und zu keiner Zeit wichtiger ge- rden, als jetzt, wo die friedliche und vertragsge- ; rhte Lösung der (Saarfrage auf Grund des Wimmungsergebnifses zugunsten Deutschlands nicht r । eine Stichprobe, sondern geradezu die Gene- rllprobe der Richtung der französischen Politik f i wird. Die Frage zu beantworten ist sehr ferner; einmal, weil die Meinung eines ganzen 8lkes nie so eindeutig und vor allem so unwan- Mar ist, daß sie mit einem beständig schönen oder biländig schlechten Wetter verglichen werden könnte. Mn aber ist es ja zu einem guten Teile die Auf» gve und das Bemühen der Diplomatie, ihre Karten t )t zu zeigen und die Entschlossenheit zum letzten o Chance erfolgreicher Verhandlungen zu wahren. Mwegen bleibt der einzige ungefähr zuverlässige Rchstab der Politik eines anderen Staates d i e Lnntnis seiner inneren Zu stände, sei- n Machtmittel und des tatsächlichen Risikos, das « bei einer abenteuerlichen Politik laufen würde.
IBie verhält sich das mit Frankreich? Und wel- <13 illufionsfreie Bild hat man sich in Deutschland 2).'on zu machen? Jedermann kennt die mi li tünche Ueberlegenheit Frankreichs und ir p), daß das Gerede von einer den Frieden be» Lallenden und auf Friedensbruch gehenden Auf- T.iung Deutschlands schon aus militärifch-techni- -f: n Gründen unsinnig ist, selbst wenn sich ein -sches Verhalten mit dem Charakter und den poli- ck>>en Ideen der deutschen Staatsführung vertragen ziibe. Militärisch und gestützt auf feine Bündnisse f? rite also Frankreich eine kriegerische Politik 21. hen und bei der lauen und von Deutschfeindlich- ck erfüllten Atmosphäre des Völkerbundes und D meisten Mächte auch das Risiko offenen oder 3) hüllten Friedensbruches auf sich nehmen. Darin li: t ohne Zweifel eine große Versuchung.
ittie steht es mit den inneren Zuständen • "In Frankreich? Erlauben diese ein kriegerisches Si nteuer oder fordern sie es gar heraus? Wir V n es aus den Urteilen des Auslands über die if sichen Verhältnisse, wie schwer es ist, fremde S lande richtig zu beurteilen und welche Hinder- Li . der Verständigung der Völker in den Weg ge- I werden. Absichtliche Täuschungen und eigene S . urteile oder Illusionen trüben das Bild, bis in Sciastrophen die Schleier zerrissen werden und das t )re Gesicht der Völker sich zeigt. Die Erforschung
Wirklichkeit, die richtige Deutung von Vor- u:gen ist deswegen eine Aufgabe, die gar nicht irtjt genug genommen werden kann.
.,rankreich ist gegenwärtig in einem inne» i i Wandlungsprozeß begriffen, der isi Deutschland mit größter Aufmerksamkeit Der» fo."|t wird. Gewisse Erscheinungen des öffentlichen L ms, nicht nur der Politik, sondern auch der ir. alischen Zustände, verraten, daß die französische T ellschaft vor der Aufgabe steht, wie wir vor tijger Zeit, Fäulnisstoffe auszuscheiden und den 6-ngenben Forderungen einer neuen Generation (hör zu geben. Vieles, was dort noch ein Pro-
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheffen)§ainrtag,!5. Dezember 1934
Polizei im Dienst der Volksgemeinschaft.
Arn „Tag her deutschen Polizei" wird sich die Polizei im ganzen Reich mit Konzerten, sportlichen Veranstaltungen und öffentlichen Speisungen in den Dien st des Winterhilfswerks stellen. Daß eine derartige tätige Bejahung des Gedankens der Volksgemeinschaft schon seit langem in der Polizei Wurzel geschlagen hat, beweist dieses Bild, eine Speisung bedürftiger Kinder durch die Polizei.
blem ist, ist bei uns keines mehr. Darin liegt für ein allzu einfaches Denken die Versuchung einer gewissen selbstgefälligen Überheblichkeit, die zu einer Unterschätzung Frankreichs führen könnte. Selbst wenn wir unsere Urteile auf französische Stimmen stützen, müssen wir vorsichtig sein und fragen, ob wir hier nicht eine Parteimeinung vor uns haben, die eher ein Kampfruf, als ein stichhaltiges Urteil darstellt.
Wir treten deshalb der Überschrift „Frankreich vor der Revolution" von vornherein mit Vorsicht gegenüber, unter der im letzten Heft der vom Prinzen Rohan herausgegebenen „Europäischen Revue" Pierre Dominique, ein zum Mitarbeiterstab des radikal-sozialistischen Zeitung „Republique" gehörender französischer Schriftsteller, vor einem internationalen, vor allem aber vor dem deutschen Publikum, das „in Bewegung gekommene Frankreich" schildert. Um es vorweg zu sagen: das Mißtrauen, wir würden hier von einem Franzosen das Bild eines zerrissenen, von der Revolution stehenden, zur Beute des Auslandes reifen Landes vorgesetzt erhalten, ist nicht gerechtfertigt, sondern der Verfasser ist bemüht, ohne die Probleme zu verschleiern, die treiben- b en unb bie aushaltenben Kräfte aufzuzeigen, bie in ber französischen Nation von heute wirken, und sie gegeneinanber objektiv abzuwägen. Er spricht kein Urteil aus, wohin bie Waage ausschlägt, versieht also seine Überschrift roeber mit einem Fragezeichen, noch mit einer Ausrufung, fonbern überläßt es bem Leser, feine Schlüsse zu ziehen. Wir werben dies tun, wenn wir einiges von dem Inhalt der interessanten Untersuchung wiedergegeben haben.
Die neuen Ideen, bie Frankreich bewegen, spiegeln sich in vier sozialen Gruppen nüber. Die erste ist ein Großbürgertum, bestehend aus bem Rest bes Abels, einer Reihe von Großagrariern, wohlhabenben Rentnern, Kaufleuten, Bankiers, Ge
schäftsleuten und Industriellen. Es ist nicht völlig auf Paris konzentriert, sondern durchbringt tief bie Provinz. Beforgnis und Angst find in ihm vorherrschend, Angst vor bem Bolschewismus, aber auch vor faschistischer Uebertreibung. Manche dieser Großbürger sind „Neukapitalisten"; sie sind überzeugt, daß ber Kapitalismus reformbebürftig ist. „Sie sinb nicht die schlechtesten Bewunderer Hitlers ober wenigstens Mussolinis! Die Söhne bieser oft genießerischen, aber fast immer intelligenten unb fleißigen, manchmal künstlerisch interessierten Bourgeoisie find straffe Sportsmenschen und bilden den Kern ber nationalen Verbänbe unb ber Gruppen der „Jeunesses Patriotes". Das Großbürgertum, das feit 1922 sehr viel für Jtatlien übrig hatte, war aus Reaktion gegen den herrschenden Pazifismus antideutsch bis etwa 1930; es war immer gegen Sowjet-Rußland; die gegenwärtige Außenpolitik kommt ihm überraschend, und es versteht sie nicht recht. Weber in ber Verwaltung, noch in ber Justiz, nicht einmal mehr in ber Armee hat es einen über- ragenben Einfluß, aber es besetzt noch immer eine große Anzahl ber biplomatischen Posten. Sein Einfluß auf bie Literatur ist beträchtlich, in ber Presse überroältigenb. Ihm gehören brei Viertel aller Blätter in ber Provinz unb in Paris."
Der Großbourgeoisie steht die Welt des Arbeiters gegenüber, eine zahlenmäßig nicht sehr starke Gruppe, mit Einschluß der kleinen Staats» unb Privatangestellten unb der Landarbeiter etwa fünf Millionen Erwachsene, organisiert in der sozialistischen unb kommunistischen Partei, bie beide zusammen trotzdem nicht mehr als 200 000 Mitglieder zählen unb nicht mehr als 2 800 000 auf sich vereinigen können. Das bebeutet, daß bie Arbeiterschaft in ihrer Gesamtheit nicht boktrinär marxistisch ist unb ihren Führern „nicht einmal bei den großen pazifistischen Sturmangriffen bei den Wahlen Folge leistet". Sie haben nicht die große Zahl für sich, nicht einmal in den großen Städten oder nur in
den Vorstädten. Sie sind nicht einig und haben nicht einmal bie vitale Macht wie in Rußlanb, denn „ber französische Bürger weiß sich zu schlagen, unb bie junge bürgerliche Generation besteht aus furchtlosen Sportsmenschen, die organisiert unb manchmal sogar bewaffnet sinb und eine Mystik, den nationalen Mythos, besitzen". Sie können nicht auf bie Armee rechnen ober damit, bie rein bäuerliche Provinz zu mobilisieren, die in ihrer Gesamtheit die Arbeiterschaft fürchtet, „und man erinnert sich, wie ungewöhnlich brutal ihre Reaktion im Juni 1884 und von März bis Mai 1871 waren".
Die drei Typen der provinziellen Struktur, das Dorf, die Kleinstadt unb bie Stabt find im Grunbe konservativ in Sitten unb Anschauungen unb neigen recht wenig zu Unruhen. Die Katholiken bilben bas Rückgrat ber konservativen Massen unb stellen eine bebeutenbe Macht dar, die in den Händen des Klerus die ber Beamten und Lehrer bei weitem ausgleicht. „Wie 1914 beweist, ist diese an sich so ruhige unb ausgeglichene, vorsichtige, ängstliche, jeben Umsturz fürdjtenbe Provinz fast in ihrer Gesamtheit sehr patriotisch. Es ist eine Welt ber sparsamen unb ein wenig geizigen Leute mit engem Horizont, bie sich vom Großbürgertum leiten läßt, ohne es selbst zu merken; es bebarf nur eines geschickten Mannes und einer sauberen Beweisführung, um mit ihnen fertig zu werden"
Die Welt der Rentner, Kaufleute, kleinen Industriellen, Handwerker, Angestellten unb freien Be- rufe in ben großen Stäbten unb namentlich in Paris ist glänzenber, bewegter, politisch oppositioneller unb'leichter beeinflußbar; ihr Mittelpunkt ist Paris, das eine Partei für sich ist. Das Paris bes Westens ist reich unb monbän, bas bes Zentrums ist eine Stabt des Handelns; bei bilden bas faschistische ober bas konserva- tiv-nationalistische Paris; in seinem Machtbereich liegen Rathaus und Kammer, während die Arbeiterschaft, in einem großen Ring um Paris gelagert, über keine inneren Linien verfügt, und bie Massen gezwungen sinb, ohne 93er- binbung mit einanber zu hanbeln. „Daher geben in Paris nicht die Massen der Vorstädte den Ausschlag. In Paris, wie in ganz Frankreich, und so- gar in den Pariser Vorstädten herrscht der Franzose des Mittel st and s."
Wie steht nun diese so beschaffene französische Welt den Zeitproblemen gegenüber? Die einigenden unb vorherrschenben Gesichtspunkte bes Durchschnitts sinb Sparen, Drbnung unb Ehre und Sicherheit. „Eroberungen? Dies schon gar nicht. Sein großes Anliegen ist bie Sicherheit. Der Sieg langweilt ihn rasch. Napoleon hat es erfahren. Poincare stellte bie Drbnung nüeber her, sparte unb verkünbete jeben Sonntag: Die Hauptsache, baß bei Anbruch ber Nacht unser Tor breifach verschlossen ist. Nun wohl, fast bie Gesamtheit ber Franzosen verstanb diese Sprache."
Dies ist in aroßen Zügen das Bild, das der Franzose von seinem Land entwirft; man wird danach die Frage, ob Frankreich durch das Versagen des Parlamentarismus, durch geistige ober politisch-revolutionäre Strömungen zu inneren Unruhen ober gar zu einer Revolution getrieben werben wirb, kaum bejahen können. Für bie uns am meisten interejfierenbe Frage aber, wie Frankreich als Ganzes zu Krieg unb Frieben steht, liegen in ber Schilberung gewiß beruhigenbe Momente: bas Volk ist schon um seiner Ruhe willen und, um ben Genuß bes Besitzes nicht zu gefähr- ben, frieblich gestimmt. Aber wir hören auch, baß bie ausschlaggebend Schicht des Großbüraertums bie Entscheidung in ihrer Hanb hat unb baß bie Massen ihr folgen, wenn ber Appell bes Patriotismus an sie ergeht. Dies beckt sich mit ben historischen Erfahrungen, aus benen mir wissen, baß bas । friebliche Frankreich sich über Nacht zur kriegerischsten Nation verwanbeln kann. Die Entscheibung und Verantwortung liegt in ben Hänben weniger. „Es bebarf nur eines geschickten Mannesl unb einer sauberen Beweisführung."
liettaiiemscheWeihnachtskrippe
23on Adelheid Nehio, Rom.
Jie Völker bes Südens empfinben nicht wie wir h Leuchten ber Weihnachtskerzen in kalter unb b: fier Weihnacht, sie wissen nichts von ber 933 eit» (jage 9)ggbrafil, auf bereu Zweigen bie Sterne des fi imelsgemoibes ruhen, — die nordische Weih- iMsftimmung, das in sich gekehrte Feiern im lüften Kreise ber Blutsverwandten ist ihnen fremd. F/ji darf es den Italienern also nicht Übelnehmen, ij.n sie den ausländischen Brauch des Weihnachts- ii mes in ihrem malbarmen Lanbe als „sinnlos" n, „forstschäbigenb" bekämpfen. Haben sie boch ba» in ihre traditionelle Weihnachtskrippe, bie ihnen r. haulich unb hanbgreiflich bie Weihnachtsgeschichte sp hlt. Phantasie unb Erfinbungsgabe finden hier <u unbeschränktes Feld ber Betätigung, so baß ein Lppenaufbau ber letzten Jahre es bis zu 600 Fi- $r?n unb taufenb mehr ober roeniger künstlerischen ti zeih eiten brachte.
Lie Ursprünge ber italienischen Krippenkunst sinb jörd) oon biblischer unb franziskanischer Schlichtheit t. Einfalt umgeben. Die fromme Überlieferung «zchlt, baß die Heilige Helena, die Mutter Kaiser Listantins, bie Krippe bes Chriftkinbes aus Beth- ftm nach Rom bringen ließ, mo sie noch heute zu Mnaäjten in ber Basilika oon Santa Marrn Si.igiore ber Verehrung durch bie Gläubigen aus» qs'-llt wirb. Die Winbeln bes Chriftkinbes werden V- egen auf bem Altar von St. Marcello verehrt.
Ms italienische Volk erzählt sich noch heute, daß h eilige Franz von Assisi sich in einer Emsiebelei si umbrischen Wälber mit Hilfe eines lebendigen !i en unb Esels eine Weihnachtskrippe aufgebaut U., um in kindlicher Frömmigkeit davor zu knien, h schönsten sind bie Weihnachtskrippen auch heute, ö ein Abglanz jener franziskanischen Einfalt und st sie ihnen erhalten blieb!
Jenn wir als Kinder unter unserem nordischen V hnachtsbaum standen, so hatten mir auch dort n! Krippe zu berounbern, — eine kleine, aufklapp- it Krippe mit bunten Pappfiguren, beren Kulif- Y in unvermitteltem Nebeneinanber einen Der» t: ’iten Wintermalb und eine südliche Phantasie- ltt.ichaft mit Palmen, Kamelen unb Ruinen auf» leien. Auch jenes Traumland gehörte zu Weih- iiaten. Unb menn mir heute oor einer italienischen hnachtskrippe stehen unb uns bemühen, die Miderlandsachft mit kindlichen Blicken zu betracht'/ so mirb roieber etmas oon bem alten Zauber «iims lebenbig, ben bie Pappfiguren oon einst auf iiz Kinb ausgeübt haben.
k jr fühlen ben lächerlichen Wunsch, zusammen- *rrumpfen zu den Ausmaßen jener handgroßen
Püppchen, die sich mechanisch zuckend beroegen, um auf kleinen, gerounbenen Wegen, über Hügel unb Brücken, an Palmen, Wasserfällen, Grotten unb Ruinen Dorbei, hineinmanbern zu können in bie Tiefe jener Weihnachtsnacht, — aus bem rötlich- roarmen Licht ber Krippenszene hinein in bas oio- lette Dämmern bes Hintergrunbes, über bem sich ein tiefblauer Wunderhimmel roölbt. Ein Himmel, an dem ein roter Riesenmond hängt nebst dem flimmernden Kometen, ber ben Königen Melchior, Balthasar unb Kaspar ben Weg zur Krippe zeigte. Nun knien sie oor ber lieblichen Mabonna im hellblauen Mantel mit ber Krone auf bem golbenen Haar, im rounberfamen Licht, bas oon bem Kinbe ausstrahlt. Und ihre Kamele und Dromedare, oon Mohrenknaben gehalten, knien andächtig daneben. Als wunderbare Kunstwerke erscheinen uns bie Figuren mit ihren barocken Bewegungen, ihrem kühnen Faltenwurf, — wahre Gebichte aus Holz, Terrakotta ober Papiermaffe, aus Kork, Seiben- flickchen unb Flittergold»! Unb barüber schweben lächelnbe Engel, rings lagert gebulbiges Vieh, staunen arme Hirten ...
Aber bas ist noch lange nicht alles. Ein wenig weiter in ber Hügellanbschaft spielt sich bas ganze Alltagsleben ber Bauern unb Fischer, Hirten unb Hanbwerker ab. Ein jeber geht mit kurzen zuckenben Bewegungen seiner Verrichtung nach. Da stehen kleine maurische Häuschen, in beren erleuchtetem Innern bie Frauen kochen unb waschen, spinnen unb weben. Tausend liebeooll dargestellte Einzelheiten gibt es zu sehen: bie winzigen Werkzeuge ber Handwerker, bie Wasserkrüge, bie bie Frauen auf bem Kopfe tragen, die Teller unb Löffel, beren sich bie tafelnben Gäste in der Dfteria bedienen, ja selbst bie Speisen, die Rüben, Koylköpse und Aepfel, naturgetreu aus Gips geformt!
Großäugige Jtalienerkinder können stundenlang daoorftehen unb schauen. Nur erlaubt ber wach- habenbe Carabiniere leiber nicht, etwas anzufaffen. Aber auch die Erwachsenen sinb kinblich genug, sich an ber Krippe zu erbauen, am leisen Weihrauchbuft unb an der Spieluhrmusik, die klingt, als ob sie den winzigen Hirtenschalmeien und Engelsharfen entlockt werde —
Es gibt auch Krippen mit lebensgroßen Figuren, die in dämmrigen Seitenkapellen goldstrotzender Barockkirchen stehen. Es gibt solche mit billigen Gipsfigürchen, bie ein armer Straßenarbeiter feinen Kinbern aufgebaut hat. Unb es gibt Krippen zu wohltätigem Zweck, wie jene Riesenkrippe in Mailand», bie eine Eintrittszahlung erhebt. Sie alle aber oerschaffen unzähligen Holzschnitzern und anderen Heimarbeitern Arbeit unb Brot.
Diese „Figurari" sind ursprünglich eine Eigentümlichkeit oon Neapel. Hier begann man sich seit bem Quattrocento auf Anregung der Franziskaner
mit dem Herstellen oon Krippenfiguren zu beschäftigen. Diese Handfertigkeit erlebte in der Mitte des Cinquecento eine solche Blüte, daß eine ganze Straße oon den Buden der Figurari eingenommen war und den Namen „Vicolo bei Figurari" erhielt.
Eine eigentlich künstlerische Behanblung erfuhren die Krippenfiguren aber erst unter der Regierung Karls III., ber ein so großes Gefallen an ihnen sand, daß er bedeutende Malsr unb Bildhauer beauftragte, Figuren für bie Krippe in seinem Palast zu entwerfen unb zu mobeUieren. Diese Volkskunst brachte einen frischen Luftzug in ben Konoen- tionalismus des Barock und wurde, wenn auch unbemerkt, Vorläuferin des modernen Naturalismus. Eine große Verbreitung unter bem Volk fand) bie Weihnachtskrippe im 17. Jahrhunbert burch einen brauen Domenikaner, ben Pater Rocco, der ähnlich wie der Heilige Franz nicht ohne Tränen ber Rührung an bas Mysterium ber Geburt Christi benfen konnte. In feiner Zelle hatte er eine so große Weihnachtskrippe aufgebaut, baß er sich selbst kaum mehr darin umbrehen konnte, weil sie fast ben ganzen Fußboben beberfte. Damals oerwanbelte sich ganz Neapel in eine Puppenwerkstatt: bie Sdjneiberin» nen in ihren Werkstätten, bie Nonnen in ben Klöstern, bie Damen unb selbst die Prinzessinnen in ben Palästen nähten Hirtenkleiber aus Pehzflicken, bunte Schürzen für Bäuerinnen, rote unb blaue Ma- bonnenmäntel unb prunkoolle Königsgewänber aus Samt- unb Seibenresten.
Unter ben Künstlern ber Krippenkunst sind Diele Namen unoergeffen: Sammartino, ber „Donatello ber Hirten", bessen Figuren ooll Frömmigkeit unb Gefühlsinnigkeit waren; Gori, ber bie Mobelle zu seinen fröhlichen Bauernfzenen in den Abruzzen suchte: Gallo, ber Meister ber Affen, Dromebnre unb Löwen, ber nach den lebenden Vorbildern in bem königlichen Park oon Capobimonte arbeitete; Schettino, ber Meister ber Stilleben, und Diele andere, die sich dieser stimmungsvollen Kleinkunst widmeten. Auch die Jesuiten unterstützten diesen frommen Brauch nach Kräften.
Goethe schildert, daß er auf den flachen Dächern van Neapel Kripppen mit lebensgroßen Figuren gesehen habe: „Dort wird ein leichtes, hüttenartiges Gerüst erbaut, mit immergrünen Bäumen unb Sträuchern aufgeschmückt. Die Mutter Gottes, das Kind und die sämtlichen Umstehenden unb Umschwebenden, kostbar aufgeputzt, auf welche Garderoben das Haus große Summen verschwenbet. Was aber bas Ganze unnachahmlich verherrlicht, ist ber Hintergrund welcher den Vesuv mit seinen Umgebungen einfaßt."
Die bekannte Krippe im Museum von San Mar- tino in Neapel sowie bie schönen Figuren im Münchener Nationalmuseum vermitteln uns einen Eindruck davon, was diese Kunst zu leisten vermochte.
Auf bem Weihnachtsmarkt auf Piazza Navona in Rom entfaltet sich nun um bie Weihnachtszeit ein lebhaftes Treiben: In notdürftig zusammengeschlagenen Bretterbuden erscheinen zwischen Spislzeug und Süßigkeiten ganze Regimenter von Hirten und Heilige-Drei-Königen, von Engeln unb Mabonnen, ganze Menagerien von Dchseln und Eseln, Schäferhunden unb Kamelen. Nur eins fehlt auf biefem Weihnachtsmarkt vollständig: das frische Grün ber Tanne.
Es fehlen eben ein kleiner Tannenzweig, ein Licht und eine Schneeflocke.
Weihnachtsrekorde.
Der Drang nach Ueberfteigerungen und Rekorden läßt die Menschen, besonders in ben angelsächsischen Länbern, auch zur Weihnachtszeit nicht ruhen. Der größte Weihnatsbaum, ber je errichtet worben sein soll, war eine Riefentanne von über 20 Meter Höhe, bie ber Herzog von Norfolk zu ber Weihnachtsfeier feiner Töchter aufstellen ließ. Den Anspruch, den größten Weihnachtspubbing hergestellt zu haben, erhebt ein Lonboner Gastwirt; er wog — ber Pubding — über tausend Pfund unb war in einer mächtigen Biertonne gekocht worben. Diese Riefenspeise sollte an bie Armen zur Verteilung kommen unb würbe auf einem Wagen von sechs Eseln burch bie Straßen gezogen. Der Wagen fiel aber um, ber Pubbmg zerfiel, unb so konnte ber größte Teil bieser Herrlichkeit seiner Bestimmung nicht zugeführt werben. In England sind die Knallbonbons zur Weihnachtszeit außerordentlich beliebt, unb fo nimmt es nicht rounber, baß sich bie Söhne Albions auch hier mit immer neuen Höchstleistungen unb Sensationen zu übertrumpfen suchten. Beispielsweise ließ ein reicher Fabrikant einen Knallbonbon in einer Höhe von fast zehn Meter mit einem Umfang von einem halben Meter anfertigen. Dieses Ungeheuer war mit Geschenken gefüllt und konnte natürlich nicht „gezogen" werben, wie man es bei feinen kleineren Brübern am Tannenbaum zu tun pflegt; im Innern befanb sich bafür eine Wenbeltreppe, auf ber bas Töchterchen des schrulligen Spenders heraufkletterte, um bann von oben wie eine Prinzessin im Märchen bie Geschenke auf die unten harrende Menge herabzuwerfen. Den teuersten Knallbonbon schenkte wohl ein Millionär feiner Frau. Er war ganz aus Gold und hatte die Form eines Weizenbündels. Im Innern befand sich ein außergewöhnlich kostbarer Ring. Der stärkste Truthahn, der je auf den Weihnachtstisch gekommen sein soll, wog 84 Pfund, und mit ihm konnten hundert arme Leute gespeist werden. Was ein solcher Rekord bedeutet, kann nur bet ermessen, ber weiß, welche wichtige Rolle dieses Geflügel beim Weihnachtsfest ber englischen Familie spielt


