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184. Jahrgang

Gietzener Anzeiger

Nr. 216 Erster Blatt_____ 184- Jahrgang Zamrtag, 15. September 1934

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MM General-Anzeiger für Oberhessen WZ

gronmirt am Main 11686 vruck und Verlag: Srühl'sche Universttätsvuch- und Steindruckerel «.Lange in Sichen. Schriftleitung und SeschSftrftelle: Schulftrahe r Mengenabschlüsse Staffel B

Ernste Belastungsprobe für bas französisch-polnische Bündnis.

OieGroßmächtewidersprechen der einseitigenLösungderVertrage.ItalienspieliaufRevision an. Wachsende Verstimmung in Paris über den Vorstoß des polnischen Bundesgenossen.

Die Antworten an deck

Polens Beispiel erschüttert die Autorität des Versailler Diktats.

Genf, 14. Sept. (DNB.) Zu Beginn der heu­tigen Dormittagssitzung sprach der chinesische Gesandte in fionbon. Quo, über die Lage im Fernen Osten. In der Mandschurei habe sich seit der Besetzung durch japanische Truppen nichts geändert. Das Problem sei noch nicht g e l ö st. Der Völkerbund habe weiter Verantwortung in dieser Beziehung. Quo machte dann auf die Folgen des Fortdauerns der oertragbrechenden Tendenzen im Fernen Osten aufmerksam. Sodann begründete er eingehend die Kandidatur Chinas zur Wiederwahl in den V ö l k e r b u n d s r a t damit, daß China als Stützpfeiler der west- lichen Interessen in Asien glaube, dem Völkerbund nützliche Dienste leisten zu können. Da­bei wies der Gesandte auch auf den wirtschaftlichen Faktor und auf die Bedeutung Chinas als Ab­satzmarkt für europäische Produkte hin.

der englische Außenminister Simon unter großer Aufmerksamkeit der Zuhörer. Simon erwähnte, daß er der Ueberzeugung sei, daß esge­rade bej der gegenwärtigen ernsten Lage des Völ­kerbundes" viel wichtiger sei, hier praktische Politik zu machen und sich mit den vielen unge­lösten Fragen und den tatsächlichen Aufgaben dieser Völkerbundstagung zu befassen als zu reden. Er habe sich aber durch die gestrige Erklärung des pol­nischen Außenministers Beck verpflichtet gesehen, nun doch einige Feststellungen zu machen. Beck habe sich mit zwei Fragen beschäftigt:

1. Mit der Verallgemeinerung des Minder- Iheitenschutzes,

2. mit der besonderen Lage Polens im Einblick auf seine eigenen Minderheitsschutzverpslich- itungen. Hier handele es sich aber in Wirklichkeit lum zwei völlig verschiedene Fragen, idie auch vertraglich ganz verschieden {gelagert seien. Sir John Simon führte dann »die Erklärung Becks an, daß Polen vom heutigen -Tage ab seine Mitarbeit an dem internationalen oGararttiesystem ablehne. Simon erklärte, er sei «sich nicht ganz klar darüber, wie diese Geste kon- lkret zu verstehen sei. Er müsse aber feststellen, daß Mein Land die Minderheitenschutzverträge ebenso llwie andere Mächte unterzeichnet hatte. Aber aauch Polen habe sie unterschrieben. Der Mrtikel 39 des Vertrages von Versailles könne nicht seinfach außer acht gelassen werden. Polen habe außerdem auch noch eine gewisse Verfahrens- oorönung über die Art, wie die Garantien aus- ggeführt werden sollen, unterschrieben. Kein Svtaat aber könne sich selbst von Verpflichtungen Wieser Art lösen. Auf jeden Fall fei dies eine Än- Uelegenheit von größter Bedeutung für den Völker­wund. Er habe es für seine Pflicht gehalten, das Hestzustellen; denn Stillschweigen würde die Miß- werständnisse nur noch vergrößert haben.

Unmittelbar nach dem englischen Außenminister gab auch

!der französische Außenminister Barthou ?ine kurze Erklärung ab, die sich ebenso wie die ±>imon5 lediglich auf die gestrige Rede des polni­schen Außenministers bezog. Die Ausführungen be­wegten sich auf derselben Linie wie die des briti­schen Außenministers. Es war ersichtlich, daß sich !oie beiden Minister vorher verständigt hatten. Barthous schloß sich dem Urteil des britischen Außenministers über den Schritt Polens in allen wesentlichen Punkten an. Er wies darauf hin, daß Dolens Beispiel die Autorität der Frie- s ensverträge erschüttern und andere 55 ta a t e n veranlassen könnte, ebenso zu han­deln. Kein Staat könne sich einseitig von diesen Verpflichtungen lossagen, ohne das für Aenderun- -en vorgesehene Verfahren zu beachten und mit -oberen Staaten vorher z u verhandeln. Er ®nne es aber nicht glauben, daß es die Absicht iBeds sei, die Versammlung in dieser Weise vor iii n e vollendete Tatsache zu stellen. Richtig uusgelegt, könnte die Initiative Polens dann Dieb i-icht die entstandene Unruhe und die Versuchung, biie sich für andere Mächte bilden könnte, wieder ms der Welt schaffen.

Als dritter Redner zu dem Antrag des polnischen Außenministers stellte sich der Vertreter Italiens Maron Aloisi auf den Standpunkt, daß die Ver- l?äge solange in Kraft bleiben müssen, tis sie etwa durch eine Revision a b g e ä n = he r t werden könnten.

Warschau mit Veüs Schritt in Gens einverstanden.

Massenkundgebungen in Polen.

'Warschau, 15. Sept. (DNB.) Auf dem Pilsub- sb.platz in Warschau fand am Freitag abend eine mm etwa 30 000 Personen besuchte Massen­kundgebung der sozialen und Militär- »i2 r b ä n b e statt, um ber Solibarität b e r pialnischen Nation mit bem Genfer

Schritt bes Außenministers Beck Ausbruck zu verleihen.

In Ansprachen würbe barauf hingewiefen, baß in Polen alle Bürger ohne Unterschieb bie gleiche Behandlung erführen, unb baß Polen burch ben Schritt in Genf bie ungerechte Kontrolle internationaler Organe ab- gelehnt habe. Im Anschluß an bie Kunbgebung marschierte ein großer Zug burch die fahnenge­schmückten Straßen unter Hochrufen auf Polen und Marschall Pilsubski. Aehnliche Kundgebungen fan­den auch in anderen Städten Polens statt. Zahlreiche Organisationen und Verbände er­klären in Entschließungen, die an Beck nach Genf telegraphiert wurden, ihr Einverständnis mit der Erklärung des Außenministers.

Die Agentur Iskra schreibt: Die Rede Becks ist ein entschlossener Schritt, der sich nicht nur aus den Vollmachten der Regierung ergibt, sondern auch dem tiefsten Empfinden des polnischen Volkes entspricht. Die polnische Regierung wird ihre Verpflichtungen gegenüber den Minder­heiten aus eigenem Willen weiterhin e r f ü I = l e n. Um Mißverständnissen vorzubeugen, muß dar­auf hingewiefen werden, daß sich die Erklärung

Rußlands Einzug in Genf für Ai

Genf, 15. 5epf. (DRV. Funkspruch). Am Frei- tagspätnachmittag sind der französische Vertreter 2N a f f i g l i, der tschechische Außenminister V e - nefch und ein Völkerbundsbeamter zum sowjetrussischen Volkskommissar Litwinow gefahren, der sich zur Zeit in der Rühe von Thonon, also auf französischem Boden, dicht bei Genf befindet. Man will mit ihm die endgültigen Bedin­gungen für den sowjetrussischen Eintritt regeln. Es handelt sich nun darum, ob Sowjekruhland die Prüfung im sechsten (politischen) Aus­schuß geschenkt, oder ob sie wenigstens äußerlich durchgeführt wird. Die den Eintritt befürwortenden Mächte haben inzwischen versucht, sich zu ver­gewissern, daß den Sowjetrussen auch im sechsten Ausschuß keine ernsten Schwierigkeiten mehr gemacht werden.

Der Eintritt gilt in Genf unter Vorbehalt ganz unerwarteter Zwischenfälle nunmehr als gesichert.

Italien und die

Widerstände gegen einen C

® e n f, 14. Sept. (DNB.) Die Außenminister der Kleinen Entente haben wieder über die schwebenden Probleme, besonders über die österreichische Frage verhandelt. Es verlautet, daß zwischen B e - n e s ch^und dem südslawischen Außenminister I e f - titsch noch immer erhebliche Meinungs­verschiedenheiten bestehen. Man spricht auch davon, daß der ursprünglich angeregte Nicht- interventionspakt nur wenig Aussicht aus Verwirklichung hat, und daß man um so eifri­ger an einem Garantiepakt arbeite, der eine Hilfeleistungsklausel enthalten soll. Hier aber sind offenbar schon durch die Abneigung Englands, neue oder gar automatisch wirkende Garantieverpflichtungen auf sich zu nehmen, eben­falls Schwierigkeiten entstanden. Oester­reich hält sich, wie man hört, bei diesen Paktver­handlungen sehr zurück Die Initiative geht van Italien und von B e n e s ch aus. Der südsla­wisch-italienische Gegensatz, den die Franzosen bisher vergebens zu überbrücken suchten, bildet das Haupthindernis für ein Ergebnis dieser Beratungen. Man kann sogar die Meinung hören, daß vor Barthous Reise nach Rom an eine wirkliche Klärung des österreichischen Problems nicht zu denken sei.

So ist denn auch die amtliche Verlautba­rung, mit der derständige Rat" der drei Außen­minister seine Besprechung schloß, in der österrei­chischen Fruge vorsichtig und zurückhaltend abgefaßt und läßt alles wesentliche noch offen. Der Rat hat entschieden, daß die drei Staaten für die Zu­lassung Sowjetrußlands in den Völ­kerbund stimmen werden. Den Ostpakt be­trachtet die Kleine Entente als eine Verstärkung der Garantien für die Aufrechterhaltung des Friedens und wünscht feinen Abschluß so schnell als möglich. In der Frage der Minderheiten­schutzverträge bleibt die Kleine Entente bei ihrer feit langem vertretenen Haltung. Ferner spricht sich der ständige Rat noch einmal für die vollständige Unabhängigkeit aller Staa - ten des Donaubeckens aus sowie für ihre Annäherung auf wirtschaftlichem Gebiet. Der Völkerbund erscheint ihm als die geeignete Garantie für die Aufrechterhaltung des

Becks auf eine Reihe zweiseitiger Ver­träge über den Minderheitenschutz nicht be­zieht, die, wie die Genfer Konvention, weder der Souveränität noch dem nationalen Empfinden der Partner widersprechen.

Das OppositionsblattWieczor Warszawki" ist der Ansicht, daß die Rede Becks eine neue Etappe in dem Kampfe Polens umdle Stellung einer Großmacht darstelle. Die Befreiung Polens von der Kontrolle internationaler Instanzen werde vom ganzen Lande mit einem Gefühl der Erleichterung begrüßt werden. Den polnischen Vertretern in Genf sei voller Erfolg zu wünschen. Das der Rechtsopposition angehörende BlattABC" führt aus: Nachdem dis Appelle an den Gerechtigkeitssinn der internationa­len Kreise sich als unwirksam erwiesen hatten, war es notwendig, die Eiterbeule aufzuschnei­den und Polen von dem schmachvollen Halseisen zu befreien. Wir fürchten uns nicht, unseren politischen Gegnern Unterstützung zu gewähren. Es handelt sich hier um das höchste Gut: Die Ehre der Nation und des polnischen Staates.

mit Litwinow.

Ifang nächster Woche angekündigt.

Pariser Blätter sind der Ansicht, daß die Auf­nahme Sowjetruhlands in den er st en Tagen der kommenden Woche erfolgen werde. Die Unterschriftenliste für die Einladung soll nach demPetit Parisien" von heute ab herum­gereicht werden, so daß die sowjetrussische Abordnung bereits am Montag oder Dienstag ihren Einzug in den Völkerbund halten könne. Außenminister Barthou wird am Mittwoch Genf verlassen, um sich mit seiner Regierung in Verbindung zu sehen. Er wird dann zur Behandlung der österreichischen Frage und der Saarfrage nach Genf zurückkehren. DasEcho de Paris" ironisiert die Zusammenkunft zwischen Benefch, dem französischen Vertreter und Litwinow und erklärt: Litwinow habe sich sicher sehr geschmeichelt gefühlt über den Eifer, den man wegen der Aufnahme Rußlands in den Völkerbund an den Tag lege.

Kleine Entente.

laranfiepaff für Oesterreich.

Friedens und der Ordnung. Der Schlußsatz lautet: Der ständige Rat der Kleinen Entente, deren poli­tisches Ziel es ist, die freundschaftlichen Beziehun­gen mit allen Staaten ohne Ausnahme $u verwirk­lichen, stellt mit Befriedigung die Annäherung zwischen Frankreich und Italien fest, die geeignet ist, auch zwischen der Kleinen Entente und Italien die Annäherung her­beizuführen, die von jedem Gesichtspunkt aus wünschenswert ist.

Oesterreich entscheidet selbst.

Ein Interview mit Bundeskanzler Schuschnigg.

Wien, 14. Sept. (DNB.) DieNeue Freie Presse" veröffentlicht eine Unterredung mit dem Bundeskanzler Dr. Schuschnigg, in der folgen­des ausgeführt wird:

Die Unabhängigkeit Oesterreichs stehe für die österreichische Regierung außer Frage. Die Regie­rung habe sich daher nicht veranlaßt gefühlt, Vor­schläge für eine Garantie der österreichischen Unab­hängigkeit in Genf zu unterbreiten. Es sei natürlich, daß die an der Unabhängigkeit Oesterreichs inter­essierten Staaten die Gelegenheit in Genf wahr­nehmen, um über ein System, das die Unabhängig­keit Oesterreichs sicherstelle, Besprechungen zu pfle­gen. Die österreichische Regierung sei für jedes auf­richtig entgegengebrachte Vertrauen dankbar, werde aber bie Entscheidung selbst z u fällen haben. Oesterreich dürfe nicht zu einem Ob - jekt der europäischen Politik gemacht werden. Die Regierung lehne nach wie vor jede Einmischung in die eigenen Verhältnisse ab. Es müsse endgültig der Vergangenheit angehören, daß die österreichische Innenpolitik von außen dauernd beeinflußt und revolutioniert werde. Oesterreich müsse wirtschaftliche Garantien zurückweisen, die nicht zugleich die politische Unabhängigkeit und Selbständigkeit Oesterreichs restlos anerkennen. Alte österreichische Kultur sei ein entscheidender Faktor Europas. Das junge Oesterreich könne leben, wenn man es leben lasse. Oesterreich werde Leben, weil es wolle.

Gens.

Es ist nun fast ein Jahr vergangen, seit Deutsch­land den Völkerbund verlassen hat und das deutsche Volk diesen Beschluß seiner Regieruna mit über­wältigender Einmütigkeit billigte. Deutschland hatte damit einer Institution den Rücken gekehrt, die im schroffen Widerspruch zu den ideologischen Ge­dankengängen feines Gründers vom ersten Tag ihres Bestehens an durch das Fehlen der Vereinig­ten Staaten und den überragenden Einfluß der französisch-englischen Mächtegruppe und ihres An­hangs sowohl im Völkerbundsrat als auch im Sekretariat zu einem bloßen Instrument der Macht­politik der Sieger von Versailles geworden war. Als daher Deutschland sich anschickte, als Folge des Abschlusses der Locarnooerträge im Februar 1926 den Antrag auf Aufnahme in den Völkerbund zu stellen, war es nicht verwunderlich, daß sich ange­sichts dieser Verfälschung des Grundcharakters der Dölkerbundsinftitution in der deutschen öffentlichen Meinung gegen diesen aus den Locarnoverträgen folgenden Schritt der deutschen Regierung ein hef­tiger Widerstand erhob. Deutschland hat dann nach seinem Eintritt in den Völkerbund in Genf loyal mitgearbeitet, von dem aufrichtigen Willen ge­leitet, aus dem Völkerbund das zu machen, was feinem Gründer sowohl wie den vielen Vorkämp­fern der Völkerbundsidee vorgeschwebt hatte: ein überstaatliches und unparteiisches Instrument des Friedens und der Versöhnung unter den Völkern der Welt. Doch der Völkerbund hat auch in den nächsten Jahren nichts dazu getan, sich die ehrliche Sympathie des deutschen Volkes zu erwerben. Je mehr er von der Siegergruppe dazu mißbraucht wurde, den sittlich, politisch wie wirtschaftlich gleich verhängnisvollen Status quo von Versailles auf­recht zu erhalten und jede Erholung Deutschlands von den Wunden des Krieges und eines brutalen Gewaltfriedens zu hintertreiben, um so mehr wuchs im deutschen Volke die Abneigung, in einer Ein­richtung mitzuarbeiten und zu ihrer Aufrechterhal­tung beizusteuern, die den Grundsatz des gleichen Rechts und der gleichen Pflichten aller Vertrags­partner in ihrer politischen Praxis bei jeder Ge­legenheit verleugnete, wo es darauf ankam, Unter­drückte und Mißhandelte gegen die Uebergriffe der Großen dieser Welt in Schutz zu nehmen. So hat das deutsche Volk selten einen Entschluß seiner Regierung freudiger gebilligt, als den, uns vom Völkerbund zurückzuziehen und es andern zu über­lassen, für die Jnteresfenpolitik einer Mächtegruppe die Statisten zu machen.

Wir haben noch keine Ursache gehabt, diesen Ent­schluß zu bereuen, wir haben auch wenig Neigung, den uns aus früheren Jahren wohl vertrauten und seitdem nicht interessanter gewordenen Einzelszenen Beachtung zu schenken, die sich mit viel wichtigtue- riscker Gespreiztheit auf der Genfer Bühne ab­rollen. Aber was auch in unserer Abwesenheit von Genf unsere Aufmerksamkeit verdient, sind die politischen Vorgänge hinter den Kulissen, die heute im Zeichen der Suche nach neuen Kon­stellationen zwischen den Mächten in der Zeit einer durch die drohenden Kriegswolken im Fernen Osten und die verstärkte diplomatische Aktivität Frank­reichs in Europa verursachten unruhigen Span­nung besondere Bedeutung haben. Frankreichs Be­mühungen, die deutsch-italienische Verstimmung und Roms Enttäuschung über die Erfolglosigkeit seiner Balkanpolitik zu einer Annäherung an Ita­lien auszunutzen, gehen parallel mit dem Ver­such, durch den vielgenannten Nordostpakt Sowjet­rußland in den Kreis eines von Frankreich be­herrschten Bündnissystems einzubeziehen. Hinter beiden steht der Wille Barthous, den Ring um Deutschland immer enger zu schließen, um den in Versailles geschaffenen Zustand der französischen Hegemonie in Europa auch gegenüber dem national­sozialistischen Deutschland zu festigen, bevor das deutsche Volk, zu Selbstbewußtsein und Selbstach­tung erwacht, den Fesseln entschlüpft.

So gelten Herrn Barthous Bemühungen einmal der Kleinen Entente, die für die Annäherung des französischen Bundesgenossen an den bisherigen Gegenspieler Italien seelisch reif gemacht werden muß. Italiens Aktivität in der österreichischen Frage hat ja in Paris wie in ben Hauptstädten der Kleinen Entente bisher keineswegs eine einheitliche Beurteilung erfahren, ja einer von Rom anschei­nend begünstigten Restauration des Hauses Habs­burg-Lothringen würden die drei Mächte der Kleinen Entente höchst wahrscheinlich mit schärfstem Mißtrauen, wenn nicht gar mit militärischen Gegen­maßnahmen begegnen. Eine besondere Stellung zu Italien nimmt natürlich Südslawien ein, das bislang in seinem Bündnis mit Frankreich gerade die Sicherheit gegen etwaige italienische Aspiratio­nen auf Dalmatien sah und auch an der öster­reichischen Frage nur insoweit interessiert ist, als es aerobe verhüten muß, baß Italien burch eine Ausbehnung feiner Machtsphäre in norböstlicher Richtung Südslawien von seinen Bunbesgenossen abriegelt.1 Es wirb also für Barthou nicht leicht sein, die widerstreitenden Interessen ber alten Bun­besgenossen unb bes künftigen Freunbes unter einen Hut zu bringen. In Genf wirb er Gelegenheit haben, bie große Entreoue, bie er unb vermutlich auch Benefch unb Titulescu im Namen ber Kleinen Entente mit Mussolini in Rom haben werben, biplomatisch vorzubereiten.

Nicht geringer finb Barthous Sorgen um bis Lanzierung bes anbern neuen ober besser gesagt nach langer Trennung roiebergefunbenen Freunbes Sow jetrußlanb, bessen Eintritt in ben Völkerbunb sowohl ber nach Japans unb Deutsch- lanbs Abkehr von Gens arg befähigten Theorie von berUniversalität" bes Bunbes neuen Glanz verleihen soll, als auch in bem burch bie selbstbe­wußtere Politik Polens gelockerten Bündnissystem