ttt. 137 Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien) Zreitag, 15.Juni 1934
Geschichten aus aller Welt
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
DerHarnburger.der den Weltkrieg verpatzte
(th) Sydney.
Seinen Namen hat er nicht genannt. Und mit Händen und Füßen hat er sich gesträubt, wieder nach Hause, d. h. nach Europa zurückzukehren. Nun, wenn man sich 25 Fahre lang an seine neue Umgebung und an die Rolle des Zauberers gewöhnt hat, ist man vielleicht wirklich nicht mehr neugierig auf die europäische Welt.
Er war einst Seemann, dieser Häuptling, den ein kleiner australischer Kutter auf einer entlegenen Insel in den australischen Gewässern aufspürte. Deutscher Seemann von der Wasserkante, war mit einem Schiff nach Sydney gekommen, riß aus ging nach Bougainville, kam hier mit der Polizei in'Konflikt, floh wieder, fand eine Eingeborenenfrau, die ihn aufnahm und folgte ihr schließlich auf jene Insel, die er heute beherrscht.
Der Kapitän des Kutters staunte nicht schlecht, als er einen aufgefärbten Europäer traf, der sich sogar den Schmuck der Eingeborenen durch Nase und Ohren gezogen hatte. Der Hamburger Junge hatte in den letzten 25 Jahren Feien Weißen mehr gesehen und mußte sich lange auf die Worte besinnen, als er sich mit dem Kapitän unterhalten wollte. Immerhin gelang es, dem weißen Häuptling klarzumacken, daß es inzwischen einen Weltkrieg gegeben hat den er, der Hamburger, also verpaßt hatte. Und 'sonst hatte der Hamburger nur einen Wunsch: daß man ihn ruhig hier lasse und sich recht wenig um ihn kümmere. Denn es gehe ihm gut in dieser seltsamen Welt, in der er Zauberer, Medizinmann und Häuptling in einer Person ist.
Das grötzte Teleskop der Welt.
(th) Neuyork.
Mit einigem Herzklopfen haben die Astronomen in Corning (im Staate Neuyork) dabeigestanden, als man die 20 Tonnen flüssigen Glases in die Riesenform goß, aus der dann eines Tages — nach Zehn Monaten — die größte Linse der Welt hervorgehen soll. Sie soll das größte je gebaute Teleskop mit einer Sehschärfe ausstatten, die bisher geradezu sagenhaft erschien. Da brachen während des Gusses von dem Rand des Gießbeckens einige Brocken ab und fielen in die Glasflut. Man fischte aus dem brodelnden Glasbad die Störenfriede heraus. Aber — hatte man sie alle erwischt? Hatten sich nicht vielleicht auch Blasen in dem reinen Glasfluß gebildet? War damit alle Arbeit umsonst gewesen? In frühestens zehn Monaten sollte die Linse soweit abgekühlt sein, daß dann eine Kontrolle möglich wäre. Aber bedeutete, wenn die Arbeit vergeblich war, diese Frist von zehn Monaten nicht einen ungeheuren Verlust an Zeit?
So sannen die Fachleute denn Tag und Nacht über eine Kontrollmethode nach. Und jetzt hat man eine Röntgenstrahlenprobe gemacht, die den Beweis geliefert haben soll, daß keinerlei Schäden in der Linse festzustellen sind. Im Kalifornischen Institut für Technologie hat man mit Freuden diese Kunde vernommen und sofort mit dem Bau des großen Teleskops begonnen, in das die Linse hinein soll, um das Weltall zu erweitern, mehr Sternbilder in unseren Beobachtungskreis zu ziehen und Feststellungen zu gestatten, die bisher unmöglich waren. Ein Steinchen vom Rande des Gießbehälters hätte alle Hoffnung vorläufig zerschlagen können. Aber man hat Glück gehabt, die große Linse wird Zustandekommen — ohne Makel und ohne Fehler.
Die Hundebar.
(th) Philadelphia.
In Philadelphia besteht seit kurzer Zeit eine Bar, die wohl kaum ihresgleichen in der Welt finden dürfte. Es gibt in ihr weder hohe Barstühle noch Mixer, kein Tanzparkett und auch keine Musik. Als einziger Stoff wird in ihr reines, klares Wasser
ausgeschenkt, denn es handelt sich um eine Var für — Hunde.
Diese Bar hat ihre Vorgeschichte: Dor einigen Wochen mußte eine junge Dame vor dem Kadi in Philadelphia erscheinen, weil sie an einem heißen Aage ihren Hund aus einem öffentlichen Brunnen hatte trinken lassen. Passanten ließen die junge Frau feststellen und verklagten sie wegen Gefährdung der öffentlichen Gesundheit, weil ein Hund dem Wasser allerlei Krankheitskeime zuführen könne. Der Verteidiger der Beschuldigten führte mit gewichtigen wissenschaftlichen Begründungen aus, daß der Hund viel eher gesundheitlichen Schädigungen ausgesetzt sei als die Menschen, die mit ihm dasselbe Wasser trinken, zumal es sehr wenige Krankheiten gebe, die der Hund auf den Menschen, aber eine Un- Zahl, die der Mensch auf den Hund übertragen könne. Außerdem habe ein Hund, für den behördliche Abgaben bezahlt werden müßten, ebensolchen Anspruch auf öffentliche Trinkbrunnen wie der Mensch. Es half jedoch nichts: die Dame wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Und ein findiger Unternehmer machte ein Geschäft daraus und richtete eine „Hundebar" ein, in der die vierbeinigen Besucher nun nach Herzenslust etwas schlürfen können.
Zwei teure Fläschchen Bier.
(I) K o p e n h a g e n.
Es ist eigentlich nicht üblich, 150 Kronen für eine kleine Flasche Bier bezahlen zu müssen. Auch ist es keineswegs in Dänemark Sitte, daß man zwei Tage darauf wartet. Aber in diesem Falle war es so:
Da saß in Kopenhagen ein Mann, der — wie jeder zweite Däne — Andersen hieß, bei Tisch und wollte mit Genuß sein Glas Bier trinken. Aber es schmeckte ihm nicht. Er rief den Kellner, der holte den Geschäftsführer, dieser den Direktor. Das Bier sei schlecht. „Da haben wir aber in Aarhus ein ganz anderes Bier!" brummte er unwillig. Der Geschäftsführer hatte offenbar schlecht geschlafen, denn er knurrte vor sich hin: „Dann müssen Sie es sich d a bestellen!"
Der Gast hatte gute Ohren und das Grollen verstanden. Er stürzte an das nächste Telephon und rief fein Restaurant in Aarhus an. Zwei Flaschen Bier wolle er, Andersen aus Aarhus, zur Zeit Kopenhagen. Ganz gleich, was es koste. Das sei er nun leid, daß man ihn als Nörgler behandle, weil ihm das Bier in Kopenhagen nicht schmeckte.
Dem Direktor werde er's beweisen. Der Kellner, der ihn immer bediene, solle es bringen, und er solle sich gleich auf den Wea machen. Man kannte in Aarhus den Sonderling Andersen, nahm seinen Auftrag wörtlich und schickte einen Kellner zu Fuß mit einem Tablett mit zwei Gläsern und zwei Flaschen Bier los. Zu Fuß von Aarhus nach Kopenhagen: Genau 47)4 Stunden brauchte der Kellner zu diesem Marsch. Dann konnte er dem Herrn Andersen, der mit rostig gewordener Kehle dasaß, ebenso wie dem noch immer übelgelaunten Geschäftsführer das Bier einschenken.
150 Kronen machte die Rechnung. Aber Andersen kann für sich immerhin verbuchen, daß in Dänemark niemals einer ein so apartes „Bierservice" bezahlte wie er — nur weil ihm das Kopenhagener Bier nicht schmeckte, und er selbst so eigensinnig war ...
„Blinde Passagiere."
(—) London.
Eine lustige juristische Streitfrage hat sich um eine soeben in einer Londoner Zeitung gemachte Enthüllung entspannen. Danach befinden sich zur Zeit an Bord des transatlantischen Dampfers „City of Flint“, der auf dem Wege nach Kopenhagen ist, nicht weniger als 476 blinde Passagiere. Allerdings keine zweibeinigen, sondern — sechsbeinige. Ein Ba- taillon gezähmter Flöhe nämlich, die sich der Zirkus Schumann in Kopenhagen aus einer zoologischen Handlung in Nashua (New Hampshire, USA.) kommen läßt.
Der Besitzer jener zoologischen Handlung hat diese Flöhe nicht etwa in Kistchen verpackt, sondern läßt sie am Leide eines armen lebenden Foxterriers über das Weltmeer gehen, der den Insekten gleichzeitig als Nahrungsspender dient. Für den Hund ist die Passage bezahlt worden, nicht aber für die 476 Plagegeister. Darüber nun, ob auch für sie die Ueberfahrt bezahlt werden müsse, diskutieren nun in Londoner Blättern namhafte Juristen „zum Spaß", und der trockene englische Humor feiert auch in dieser Angelegenheit Triumphe. Einer von ihnen zum Beispiel erklärt, daß wohl für die Flöhe, nicht aber für den Hund die Ueberfahrt bezahlt werden müsse, denn da der Hund doch hauptsächlich als Nahrungsspender diene, sei er nach den Transportbestimmungen der Schiffahrtslinien als „Tara" an- zusprechen, während die Flöhe die eigentlichen Passagiere seien ...
Ein Toter hält sein Wort.
(a. d.) Rom.
Zwei miteinander befreundete junge Leute in Faenza, ein Fleischer und ein Student, hatten einen seltsamen Pakt miteinander geschlossen: Wenn einer von ihnen sterbe, solle er sich des Ucberlebenöen erinnern und ihm vom Jenseits aus helfen. Da wollte es das Schicksal, daß er, kaum zwanzigjährig, einer tückischen Krankheit erlag. Der junge Fleischer hatte bald seine Abmachung mit dem einstigen Freunde vergessen.
Nun ist bekanntlich in Italien das an jedem Samstag stattfindende staatliche Lottofpiel eine wahre Volksleidenschaft, und zahlreiche Italiener bemühen sich, die glückbringenden Lottonummern durch Traumdeuterei und andere mehr oder weniger kabbalistische Prozeduren vorauszubestimmen. Dieses Mittels bediente sich offenbar auch der verstorbene Student, um feinem im irdischen Jammertal zurückgebliebenen Freunde beizustehen. In der vergangenen Woche erschien er ihm nächtlicherweile im Traume und riet ihm, in das einst von ihm bewohnte Zimmer zu gehen und in seinem früheren
Schreibtisch nach einem Notizbuch zu suchen. Auf Seite 25 würde er die glückbringenden Lottonummern verzeichnet finden.
Kaum erwacht, folgte der Fleischer dem Zeichen seines Freundes und fand wirklich auf dem angegebenen Blatt die Nummern 78 und 80 verzeichnet. Aber sein Vertrauen in diese übernatürliche Hilfe war sv gering, daß er nur lumpige zwei Lire auf die drei Nummern setzte. Wie groß war aber sein Erstaunen, als am nächsten Samstag wirklich die Nummern 25, 78 und 80 gezogen wurden! Der Fleischer gewann 1062 Lire. Wenn er weniger kleingläubig gewesen wäre, hätte er heute ein reicher Mann sein können!
Belohnte Schaumschlägerei.
. (v) Budapest.
Daß man auch durch Schaumschlägerei fein Glück machen kann, beweist die Schilderung eines Vorfalles, die kürzlich in der ungarischen Hauptstadt die Runde machte. Der Budapester Friseur Geza Simon nämlich erhielt den Besuch eines ihm völlig unbekannten Notars, der ihm, während er gerade einen seiner Kunden einseifte, mitteilte, daß einer feiner soeben gestorbenen Klienten ihn, den Friseur, zum Alleinerben eingesetzt habe. In diesem Testament heiße es: „In meinem ganzen Leben bin ich nur Menschen begegnet, die mir Böses antaten. Alle haben mich geschädigt, beleidigt, betrogen und moralisch geöemütigt. Einzig und allein mein alter Friseur Geza Simon hat mir, obwohl er mir stets mit dem Messer in der Hand gegenübertrat, nichts Böses angetan, hat mich während dreißig Jahren immer aufs freundschaftlichste und zarteste behandelt, und er ist mir während dieser langen Zeit stets als ein ehrbarer Mitbürger erschienen. Unter diesem Eindrücke habe ich ihn zum Erden meines gesamten Nachlasses eingesetzt, der aus einem Hause und 20 000 Pengö in bar besteht."
Der Friseur Geza Simon konnte vor Rührung über diese Eröffnung nicht weiter arbeiten und schloß für diesen Tag sein Geschäft...
Oer Reichssportführer über die Kieler Woche und die Deutschen Kampfspiele.
Reichssportführer von Tschammer-Osten sprach vor Pressevertretern über die am Samstag beginnende Kieler Woche und über die Deutschen Kampfspiele, die vom 19. bis 29. Juli in Nürnberg abgehalten werden.
Der Reichssportführer wies darauf hin, daß die Deutschen Kampfspiele, in deren Rahmen die Kieler Woche veranstaltet werde, in diesem Jahr einen vollständig veränderten Charakter hätten. Für die Kieler Woche sei es in diesem Jahr möglich gewesen, eine ganz große internationale Beteiligung zu erreichen. Nicht weniger als 14 Nationen würden als Gäste begrüßt werden können, so daß die internationalen Rennen durchaus zufriedenstellend beschickt seien. Außerdem sei eine große Zahl von führenden Ausländern eingeladen worden. 120 von ihnen würden auf dem modernen Dampfer „Rio Conoco" untergebracht werden und Gelegenheit bekommen, mit den führenden Persönlichkeiten Deutschlands während der ganzen Kieler Woche zusammenzukommen. Sie könnten ihre Kenntnis über das neue Reich auch durch persönliche Rücksprachen mit fast sämtlichen Kabinettsmitgliedern ergänzen, die im Laufe der Woche nach Kiel kämen, daneben aber auch mit den Führern der Bewegung, der Arbeitsfront, der SA. und SS.
Was die Deutschen Kampfspiele angeht, so wies der Reichssportführer darauf hin, daß sie nicht international seien, sondern das Fest aller Deutschen darstellten.
Bei diesen Kampfspielen würden auch die außerhalb der Grenzen wohnenden Deutschen begrüßt werden können. Mit Ausnahme einiger Sportarten
— Radfahren in Halle, Tennis in München und Rudern in Mannheim — würden fast alle Meisterschaften in Nürnberg ausgetragen werden, so daß die Deutschen Kampfspiele eine ausgezeichnete lieber» sicht über alle Disziplinen des deutschen Sportes bieten würden.
Or. Goebbels stiftet einen Preis für die Kieler Woche.
Reichsminister Dr. Goebbels hat für einen internationalen Wettbewerb der Kieler Woche einen Herausforderungspreis gestiftet, der nach zwei- maligem aufeinanderfolgendem Sieg oder nach dreimaligem Sieg außer der Reihe endgültig gewonnen werden kann. Der Preis ist eine Schöpfung des Bildhauers Professor Max B e s e r in Berlin- Zehlendorf.
Deutscher Sieg
im Studenten-Länderkampf.
Sievert fünfmal erfolgreich.
Die besten Studenten aus Deutschland, Schweden, Ungarn und Polen standen sich auf dem BSC.» Platz an der Avus in einem Leichtathletik-Länderkampf gegenüber. Frankreich hatte in letzter Stunde abgesagt, so daß nur ein Vierländerkampf zustande« kam. Erwartungsgemäß zeigten sich die deutschen Hochschüler ihren Mitbewerbern in fast allen Uebun- gen überlegen und siegten im Gesamtklassement mit 34V2 Punkten vor Schweden (23/^), Ungarn (17) und Polen (13). Der erfolgreichste Athlet war der deutsche Zehnkampfrekordmann Hans Heinrich S i e» vert, der allein in vier Einzelwettbewerben siegreich war und außerdem den Dreikampf überlegen gewann. Seine Leistungen waren: Kugelstoßen
Sprung in den Sommer.
Von Siegfried von Vegesack.
Den Frühling soll man langsam auf sich zukommen lassen, ihn mit der Zeitlupe betrachten. Da ist jeder Tag eine kleine Prämiere: die erste Primel, die erste Anemone, der erste Krokus. Äom ersten Star und der ersten Schwalbe schon ganz zu schweigen. Deshalb ist der Frühling im Norden so viel schöner, als im Süden: weil er uns täglich mit einem neuen Wunder überrascht, und nicht wie unten, mit allen Dingen zugleich überrumpelt.
In den Sommer dagegen soll man mit einem Satz hineinspringen, da kann es nicht schnell genug gehen. Denn der Sommer ist Erfüllung, und wer den Sommer will, der muß in seiner Fülle untertauchen, der muß alle Farben, alle Stimmen, alle Gerüche gleichzeitig in sich aufnehmen. Und da <s leider keine Zeitraffer gibt, muß er den Raum raffen; er muß mit der Geschwindigkeit des V-Zuges aus dem nördlichen Frühling mitten in den südlichen Sommer hineinspringen — aus dem Bayerischen Wald an den Luganer See, und wer besonders raffiniert ist, wird vorher noch ein Stückchen nordwärts zurücklaufen, etwa bis Berlin, um mit richtigem Anlauf über die Alpen zu setzen.
Im Bayrischen Wald standen die Birken im ersten hellgrünen Schimmer. In Berlin blühten die Kastanien. In Stuttgart der Flieder. Und im Tessin? Hier ist der Blüten-Frühling schon längst vorüber, hier ist richtiger, heißer Sommer. Und welch ein Sommer! Das Gras auf den Wiesen steht fett und saftig brusthoch, hier und dort wird gemäht. Es riecht betäubend nach Akazien, Spiräen; die letzten weißen Glyzinen, die in langen Dolden an der braunroten Mauer hängen, verströmen ihren suß- lich-herben Duft. Wann kommt endlich der Duft- film^ Hie wären unbegrenzte Möglichkeiten für ihn: Großaufnahme — blühende Narzissen-Wiefen über Tesserete!
Mer wir sind ja erst beim Tonfilm angelangt, — bleiben wir also bei den Geräuschen, den Stimmen des südlichen Sommers.
Da ist vor allem die Nachtigall, von der es he ßt, daß sie schluchzt. Und das tut sie auch in Deutschland. Hier aber, im Tessin, brüllt ße, wie alle Ge- räusche hier lauter, eindringlicher, lebensfroher sind, als bei uns im Norden. Besonders in der Nacht Man behauptet, daß Grillen „zirpen , und daß Frösche „quaken". Die Grillen hier trompeten aber, und was die Frösche tun, — wenn es überhaupt Frösche sind, — läßt sich in einem Wort gar nicht wiedergeben. Es ist ein irrsinniges Schnarren, Murren und Meckern, — zuerst fängt einer an, und
dann fällt der ganze Chor ohrenbetäubend ein. Ein Höllenspektakel. Und zwischendurch tönt von irgendwo Gesang, — diese etwas ausgeschrienen, monotonen Stimmen der Tessiner Burschen, immer in Moll, die kindlich heiter, und doch von einer dunklen Trauer erfüllt sind.
Aber das Merkwürdigste sind die Glocken in Tessin. Bei uns im Norden läuten die Glocken zu bestimmten Zeiten pünktlich und ausdauernd. Und in der übrigen Zeit schweigen sie. Hier dagegen läuten sie immerfort. Aber so, als täten sie es im Halbschlaf, als wäre der Glöckner immerzu im Einschlafen. Und nun wacht er immer wieder auf, besinnt sich, läutet und schläft gleich wieder ein. Die einzelnen Glockenschläae fallen, torkeln, stolpern über das Land. Man denkt jedes Mal: dies ist der letzte, — und dann kommt noch einer. Und wenn der eine Glöckner einschläft, dann wacht der andere auf, und da auf jedem Hügel eine kleine Kirche steht, läutet es immer irgendwo: in Sorrengo, Muz- zano, Breganzona, Biogno, oder auch vom Lugano herüber.
Die Sonne brütet über den Rebenhängen, an der Gartenmauer runden sich schon die Pfirsiche, grüngelb und sammetweich. Im flimmernden Dunst der Mittagshitze stehen die Berge unwirklich und entrückt: der Bre, der Salvatore, der Monte Gene- roso. Eine kleine Raupe, klettert die Drahtseilbahn zum Gipfel empor. Und unten, in der Tiefe liegt der See, beinah so blau, wie in den Auslagen der Ansichtskarten-Äerkäuser.
Ja, es ist wirklich Sommer. Man sollte baden. Aber nicht am Lido, wo sich unter bunten Sonnenschirmen, auf der großen Terrasse das abspielt, was man wohl „mondänes Badeleben" nennt, — sondern nach Agnuzzo, der grünen Kleewiese am See, wo man sich ins Wasser wirft, untertaucht und her- umschimmt, oder im Klee liegt und das Glück sucht. Wenn man es nicht schon gefunden hat ...
Mit dem Sprung in den Sommer. Mit dem Sprung ins Wasser. Und dann in der Sonne liegen und nichts anderes denken als: Sommer, Sommer, Sommer ...
„3nge und die Millionen "
Dieser Film weist, von der weiblichen Hauptrolle aus gesehen, eine gewisse Ähnlichkeit mit den „Schönen Tage von Aranjuez" auf; auch der entscheidende Konflikt ist hier wie dort der gleiche. Der Unterschied, auf den es ankommt, liegt darin, daß die „Schönen Tage" zwar handlungsmäßig mindestens ebenso spannend und bewegt, aber im ganzen doch mehr romantisch-romanhaft angelegt waren, während „Inge und die Millionen" eher wie ein
Ausschnitt aus der Zeitung oder aus einem Bündel Kriminalakten anmutet: das könnte sich alles so oder so ähnlich in Wirklichkeit ereignet haben. Der kleine Bankier mit dem undurchsichtigen Aus- landgeschäft; die Sekretärin, die zugleich noch etwas mehr ist als nur Sekretärin und außerdem die unauffälligen Transporte an der Schweizer Zollstation vorbei erledigt; die Begegnung (und mehr als nur Begegnung) mit dem netten jungen Mann in Schaffhausen; Zufall, daß dessen Firma mit ihrem Bankgeschäft in Verbindung steht, aber der Zufall spielt ja im Leben manchmal ebenso merkwürdig wie in Filmen und Romanen —: damit sind schon die Schauplätze abgegrenzt und die Konflikte angedeutet, aus denen sich ein kleiner, alltäglicher Liebesroman entwickelt. Wir wollen ihn hier nicht ausführlich erzählen; es lohnt sich, den Film einmal anzusehen, schon weil er sich bemüht, über das herkömmliche Schema hinauszukommen. Das Drehbuch flammt übrigens von Curt I. Braun und E. B u r r i. Erich Engel führt Regie: mit Verständnis für bildhafte Wirkung, für Gegensätze und dramatischen Ablauf, aber auch mit ausgesprochener Freude am Detail und an volkstümlicher Milieuschilderung. Die weiblicheHauptrolle spielt wie in den „Schönen Tagen" Brigitte Helm, und es ist kein Zweifel, daß sie sich dort besser einfügte als hier, wo sie immer noch um eine Spur zu sehr als große Dame wirkt. Aber sie spielt, was stets an ihrer Darstellung besticht, mit ganz sparsamen Mitteln und dennoch überzeugend trotz aller Zurückhaltung auch in jeder leisen Gefühlsregung. Den Bankier gibt Wegener: das ist eine unerfreuliche und wenig sympathische Rolle, und es gehört schon die starke Persönlichkeit und die ruhige Sicherheit eines großen Schauspielers dazu, sie nicht von Anfang an in Grund und Boden zu spielen; eine bedeutende Leistung von unmittelbarer Realistik, aber ohne den mindesten „Drücker". Willy Eichberger ist der junge Liebhaber, wir sahen ihn, wenn wir uns recht entsinnen, zuletzt in „Liebelei". Dort wirkte er etwas blaß und weich; hier formt er mit festen, knappen Strichen das runde Bild eines tüchtigen und liebenswerten jungen Menschen. Dazu eine ganze Reihe gut und scharf gezeichneter Nebenfiguren; wir nennen nur Ka r - chow, Lissy Arna, Wallburg, Nicklisch und Westermeyer. — Der Film (Produktion: Ufa) läuft seit gestern im Lichtspielhaus. Im Beiprogramm: neben einem hübschen Bildbericht von japanischen Frühlingsfeiern der Farbenfilm „Hänsel und Gretel im Zauberwald", der technisch sehr interessant ist, aber leider das deutsche Märchen mit amerikanischen Micky-Maus-Scherzen bis zur Unkenntlichkeit verkitscht
Oie Wiederauferstehung des »achten Weltwunders".
Aus der ungarischen Hauptstadt wird gemeldet, daß man sich in den maßgebenden Kreisen mit dem Plan beschäftigt, die sogenannte Türkische Musikfontäne wiederherzustellen und sie in dem alten Stadtviertel Taban auf der Buda-Seite der Donau aufzustellen. Dieses merkwürdige Werk ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts erbaut worden und war ursprünglich der Stolz der siebenbürgischen Stadt Targul-Mures. Es galt als das achte Weltwunder, und die Besucher kamen aus aller Herren Ländern, um es ehrfürchtig zu betrachten. Es bestand aus einem Bassin mit einem Inhalt von 3000 Eimern Master, um das sich ringsum viele Stufen erhoben, die wiederum von einer von sechs Säulen getragenen Kuppel überwölbt waren. Die Kuppel, die von der Gestalt des Neptun gekrönt war, verbarg einen Mechanismus, der die berühmte „Türkische Musik" hervorbrachte, die auf eine Entfernung von ungefähr 10 Kilometer überall hin vernommen werden konnte und die alle sechs Stunden in Tätigkeit gesetzt wurde. Der Erfinder dieser „Türkischen Musik", Peter Bodor, war einer der seltsamsten Menschen seiner Zeit und zweifellos eine der größten technischen Begabungen, die Ungarn jemals besessen hat. Schon als kleiner Knabe bastelte er sich eine Windmühle, mit der das Getreide zu Mehl gemahlen wurde. Während seiner Lehrzeit als Zimmermann erwies sich der Jüngling als ein so geschickter Uhrmacher, daß ihn der Landadel der Umgebung auf feine Kosten zur Ausbildung in die Fremde schickte. Eines der Hauptwerke Bodors war die eichene Brücke von Targul-Mures, die ohne einen* einzigen Nagel erbaut worden ist. Eine andere nicht minder großartige Erfindung brachte ihn allerdings ins Gefängnis. Mit einem wirklich phantasievollen Humor ersann er eine Notenpresse, die unter den Stufen zum Eingang seines Hauses so angebracht wurde, daß jeder Besucher, der die Schwelle über» chritt, den Druck eines Geldscheins bewirkte, ohne davon auch nur die geringste Ahnung zu haben. Peter Bodor hat zur Betätigung dieser privaten Notenpresse niemals eine Hand gerührt und die von seinen zum Teil sehr würdigen Besuchern her- gestellten Scheine auch niemals in Umlauf gebracht. Seine Freunde aber waren nicht so harmlos, und die Entdeckung der geheimnisvollen Druckerei brachte dem Erfinder eine. Gefängnisstrafe von zwanzig Jahren ein, die aber auf zwei bis drei Monate gestrichen wurde, als man ihm den Bau der „Türkischen Musikfontäne" übertrug. Sie wurde später durch einen Sturm zerstört.


