Kl. 65 Drittes Blatt
siebener Anzeiger ^General-Anzeiger für Oberyefien) oonnerstag, irr, lllärz 1934
Das Gaststättengewerbe im Dritten Reich.
Der Gauverwalter der hessischen Gastwirte spricht in Gießen.
Gelegentlich der Feier des 50jährigen Bestehens der Freien Gastwirte-Jnnung von Gießen und Umgegend hielt am Dienstag — wie gestern schon kurz mitgeteilt — der hessische Gauverwalter Döring- Darmstadt vom Reichseinheitsverband des deutschen Gaststättenqewerbes eine Rede, die den Weg und die Stellung des Guststättengewerbes im Dritten Reich abgrenzte. Er sagte in seiner Rede u. a.:
Die Verhältnisse in unserem Vaterlande und damit auch in dem Berufsstand der Gastwirte zeigen jetzt bei einem Rückblick auf die frühere Zeit, daß wir dort nur wenig Erfreuliches feststellen können. Das ist aber nicht etwa darauf zurückzuführen, daß die früheren Führer versagt und ihre Pflicht nicht erfüllt hätten. Wir können vielmehr in dieser Hinsicht mit Befriedigung feststellen, daß wir auch in Hessen durchaus tüchtige Männer an der Spitze der Gastwirte hatten, die es gut mit ihren Berufskollegen meinten und uneigennützig geholfen haben. Daß die Arbeit dieser Männer im Großen zur Erfolglosigkeit verurteilt war, ist nicht die Schuld dieser Männer, sondern die Schuld eines jetzt als falsch erkannten Systems, nach dem bisher die Staats- und auch die Wirtschaftsführung geleitet wurden.
Wir wissen jetzt, daß die Wirtschaft nicht für sich ihre Wege gehen kann, sondern daß sie dazu da ist, dem Volke und dem Staat zu dienen, nicht aber umgekehrt, daß das Volk etwa da wäre, um der Wirtschaft zu dienen.
Es ist eine nicht nur bei uns, sondern bis hinauf zu den höchsten Regierungsstellen bekannte Tatsache, daß das Gaststättengewerbe der Stand ist, der am schwersten unter den früher begangenen Fehlern zu leiden hatte. Es hat dadurch in diesem Berufsstand eine Zerstörung um sich gegriffen, die so groß ist, daß man sich nur wundert, daß Betriebe sich trotz allem durchsetzen konnten und weiter existieren. Unser Gewerbe hat von jeher jede Konjunkturschwankung zuerst verspürt und es wurde immer zuletzt von einem Aufstieg berührt. Wenn ein Volk so in Rot kommt wie unser Volk, der Familienvater nicht mehr die Einnahmen von früher hat und die Bedürfnisse der Familie zurückschrauben muß, um einen Ausgleich in seinem Etat zu finden, dann wird er immer dort zuerst abstreichen, wo es ohne weitere Schädigung der dringenden Bedürfnisse der Familie zunächst möglich ist: das ist der Verzehr in den G a st st ä t t e n. Auf der anderen Seite wird ein in den Arbeitsprozeß nach langer Arbeitslosigkeit wieder hineingestellter Volksgenosse nicht den Inhalt der ersten Lohntüte nehmen zum Vertrinken, sondern er wird als ordentlicher Familienvater vor allem die Zerstörungen wieder auszugleichen suchen, die während seiner langen Arbeitslosigkeit in seinem Haushalt entstanden sind. Erst wenn diese Schäden einigermaßen ausgeglichen sind, wird er wohl einmal daran denken, auch wieder einmal eine Gaststätte zu besuchen. Daraus ergibt sich folgendes:
Das Gaststäktengewerbe ist nicht in der Lage, von sich aus einen Aufschwung herbeizuführen, sondern es kann nur emporgetragen werden von dem Anwachsen der Kaufkraft der großen Waffe der Bevölkerung. Wenn wir Gastwirte das erkennen, dann müssen wir daraus die Pflicht für uns ableiten, selbst mitzuhelfen, damit die Kaufkraft der großen Waste gestärkt wird.
Jetzt stehen mir wieder vor einem großen Angriff gegen die Geißel der 2lrbeits- l o s i g k e i t. Auch im Gaslstättengewerbe ist eine große' Anzahl Angestellter zur Zeit noch ohne Verdienst. Es ist für mich eine besonders dringliche Aufgabe, zunächst einmal in unserem Gau in jeder Ortsgruppe möglichst auch den letzten Gast- hausange st eilten wieder in die Arbeit einzuschalten. Diese Aufgabe ist dringlicher als das Verlangen, Front zu machen und Sturm
zu laufen gegen Steuern. Ich konzentriere die ganze Kraft unserer Organisation darauf, das Grund- ü b e l für den mangelhaften Besuch unserer Gaststätten, die Arbeitslosigkeit, zu bekämpfen. Wenn ich dafür sorge, daß der Umsatz in den Gaststätten wieder größer wird und dadurch der Gastwirt seine Steuern wieder bezahlen kann, dann bin ich auf dem richtigen Wege. Ich habe jetzt den einzelnen Ortsgruppen und den Kreisverwaltungen unseres Verbandes die Aufgabe gestellt, dafür zu sorgen, daß auch in unserem Gau von unserem Gewerbe die Meldung erstattet werden kann:
Die arbeilslosen Gaststättenangestellten sind restlos in den Arbeitsprozeß wieder eingereiht
Es liegt jetzt an allen Gastwirten, zur Verwirklichung dieses Zieles beizutragen. Ich erwarte, daß alle Kollegen sich darauf prüfen, ob sie nicht doch noch einen Ga st Hausange st ellten mehr unterbringen können und dadurch mithelfen, daß es uns allen durch die Beseitigung der Arbeitslosigkeit wieder besser geht. Niemand wird zugemutet, etwas zu tun, was er nicht leisten kann. Aber im Hinblick aus das große Ziel, jetzt weitere 2 Millionen Volksgenossen zu Arbeit und Brot zu bringen, ist diese Mithilfe erforderlich.
Wir alle müssen den Blick nach vorne richten. Mit diesen Gedanken müssen wir an die Arbeit gehen und durch unsere Tätigkeit den Beweis erbringen, daß wir tatsächlich so weit fortgeschritten sind in unserer Einstellung und Erkenntnis zu dem neuen Staat, daß er uns nichts Fremdes ist, sondern für uns alle ein großes eigenes Erlebnis darstellt. Wenn Sie sich bei Ihren Entschließungen vorher immer erst dahin prüfen, wie diese Entscheidung zu den großen Fragen der Staatsführung und zum Nationalsozialismus steht, dann werden Sie sich vielleicht oft dabei ertappen, daß Sie gerade etwas machen wollten, was das Gegenteil vom Nationalsozialismus gewesen wäre. Je mehr Sie sich bei derartigen Erkenntnissen erwischen und dann i^erbessern, um so mehr nähern Sie sich dem Erlebnis des Nationalsozialismus. Schulung an sich s e l b st ist dafür die erste Voraussetzung. Das erste dafür ist die Bescheidenheit und die Feststellung der Tatsache vor sich selbst: Ich habe zwar wesentliche Grundsätze der Anständigkeit immer befolgt, aber
jetzt muß ich mich neu beschäftigen mit dem, was andere Kämpfer längst durchgemacht und in eine Form gebracht haben, die für das ganze Leben und für die Wirtschaft gutgeheißen werden kann.
Wenn der Inhalt dieser Form allen Volksgenossen gemeinsam ist und Verwendung findet, brauchen wir nicht bange zu fein um die Zukunft des deutschen Volkes und damit auch um die Zukunft unseres Berufsstandes
Wenn heute unser Präsident dem Führer persönlich Vortrag halten darf über den Stand unserer Organisation, dann ist dies ein Ereignis, das wir nicht hoch genug veranschlagen können. Früher war das ganz anders; da kamen unsere Führer höchstens bis zur Tür eines Ministerialdirektors, weiter aber nicht. Wir haben inzwischen auch die Feststellung machen können, daß von unseren früheren Anträgen kein einziger an die Regierung weitergeleitet wurde. Alle unsere wohlbegrun- beten und sorgfältig ausgearbeiteten Anträge fanden wir in den Akten liegend vor, unsere ganze Arbeit ist vergeblich gewesen. Heute ist das alles anders geworden Wir wissen, daß wir uns weiterhin an- strengen müssen, daß Höchstleistungen von uns verlangt werden. Wir wissen aber auch, daß
der Beruf der Gastwirte heute als Berufsstand anerkannt ist und mit eine Säule bildet in dem ständischen Aufbau unserer Wirtschaft, der als Programmpunkt wie jeder andere des nationalsozialistischen Programms durchgeführt wird. Der Gastwirtestand steht jetzt gleichberechtigt neben allen anderen Ständen und hat seine
Aufgabe als ein Teil der deutfchen Wirtschaft zu erfüllen, wie jeder andere deutsche Wirt- schaftsstand.
Bei dieser Gelegenheit noch ein Wort über d i e Stellung des Ga st wirtes zur Deutschen Arbeitsfront. Die Inhaber von Gaststätten sind Mitglieder einer berufsständischen Organisation. Sie haben die Aufgabe, das Gaststättenwesen im Sinne der nationalsozialistischen Staatsführung zu formen und mit zu einem Träger der großen nationalsozialistischen Idee zu machen. In der Deutschen Arbeitsfront finden sich alle Schaffenden zusammen. Dazu gehören auch die Ga st wirte.
Dieser Tage trafen sich in Gießen Führerstab und Führerring des Turnkreises Lahn-Dill zu wichtiger Arbeit. Nach Begrüßung der Mitglieder durch den Kreisführer Daupert (Wieseck) berichtete Gau-Oberturnwart R. Paul (Gießen) über die Lage der Turnsache und die Stellung ihrer Führer im Gau Nordhessen und im Reiche. Er erinnerte daran, daß Reichs-Sportführer von Tschammer .und O st e n die Arbeit der Turner schon immer anerkannt habe. Diese dürften darum hoffen, daß bestehende Schwierigkeiten eine Lösung finden, die alle Beteiligten befriedigt, und daß alle Entscheidungen, die noch getroffen werden, so fallen, daß die Deutsche Turnerschaft ihrer viele jahrzehntelangen Ueberlieferung entsprechend, auch in Zukunft am Wiederaufbau von Volk und Vaterland in vorderster Reihe mitkämpfen kann. Ein anderes Verlangen haben gegenwärtig echte deutsche Turner nicht.
Den Hauptpunkt der Tagesordnung bildeten Verhandlungen über die turnerischen Veranstaltungen im Kreise Lahn-Dill. Die Fachwarte gaben ausführliche Berichte über die geplanten Arbeiten. Es sollen stattfinden:
1. Waldläufe mit anderen Verbänden gemeinsam, 25. März.
2. Das Kreisturnfest am 10. Juni zu Großen- Linden.
3. Das Alterstreffen am 9. September zu Braunfels.
4. Das Frauenturnen am 26. August zu Grünberg.
In Kinzenbach gelangte, wie wir gestern bereits kurz berichteten, ein Gerätemannfchaftskampf zwischen den Mannfchaften der Turnvereine A tz b a ch , Kinzenbach, Wißmar und Dutenhofen zum Austrag. Die Veranstaltung war sehr gut besucht und brachte recht gute Leistungen, die ein deutliches Bild von der in den Vereinen während der Wintermonate geleisteten turnerischen Arbeit gaben. An der Veranstaltung nahmen auch der Kreisführer Karl Daupert (Wieseck) und der Kreisoberturn- wart Schüler (Wetzlar), teil. Der Kreisoberturnwart übernahm die Leitung des Abends.
Die vier Mannschaften marschierten unter den Klängen eines schneidigen Marsches des Kinzen- bacher Trommlerkorps ein. Der Dereinsführer, L. B e p l e r, hieß Turner und Turnfreunde, insbesondere aber die Turnerführer und das Kampfgericht herzlich willkommen.
Kreisführer Daupert hielt sodann ^ine Ansprache, in der er die Bedeutung der immer mehr in den Vordergrund tretenden Mannschaftswett- kämpfe umriß. Er bezeichnete diese Gerätemann- fchaftskämpfe als eine werbende Arbeit, deren Ziel es sei, den Charakter der Gemeinschaft und Geschlossenheit herauszustellen. Er ging auf die Entwicklung und die Bedeutung des Geräteturnens ein und
Deshalb richte ich an alle Gastwirte die dringende Wahnnng, sich der Deutschen Arbeitsfront ebenso anzuschliehen, wie der Berufsorganisation, und sich in diesem Rahmen zum ganzen nationalsoziatistischen Wenschen zu formen.
Wenn alle Gastwirte auch in dieser Hinsicht ihre volle Pflicht erfüllen und jetzt zunächst bei dem großen Kampf gegen die Arbeitslosigkeit alle Kräfte anspannen zur Erringung eines vollen Sieges, dann wird ihr Mühen dem Gaststättengewerbe, der deutschen Wirtschaft und dem gesamten deutschen Volk mm Segen gereichen.
5. Das Kreis-Volksturnen am 12. August zu Wetzlar. ,
6. Das Jugendtreffen (nur Schüler) im Kreisgebiet.
7. Gerätekämpfe für Schüler (nur im Kreisgebiet) im Herbst.
Ein lebhaft besprochener Punkt der Tagesordnung war die Beitragsfrage. Die Dereinsführer wurden wiederholt und dringlich aufgefordert, die Vereinspressewarte an den Kreispressewart, Lehrer Zöller zu Hausen (Kreis Gießen), zu melden.
Nach Erledigung einiger Fragen interner Art faßte der Kreisführer die Ergebnisse der reichhaltigen Tagung zusammen und betonte: „Uns Turnern ist der Geist Jahns Wegbereiter und Ziel. Jeder Turner vom einfachen Mitglied bis zum Führerstab trägt hohe Verantwortung und muß darum auf dem ihm zugewiesenen Platz in höchster Arbeitsbereitschaft mitwirken, daß Turnen, Sport und Spiel ein hoher Dienst am Volke bleiben. Wir wollen darum auch mit allen, die gleichen guten Willen zur Turnfache mitbringen, . echte Turner- freundschaft und Arbeitsgemeinschaft pflegen, im besonderen mit unseren Turn- und Sportkameraden in der SA. und SS."
Im Schlußwort dankte Kreisführer Daupert für die rege und freudige Mitarbeit und gab dem Wunsche Ausdruck, die Besprechungen möchten reiche Früchte bringen. Jeder Mitarbeiter an unserer guten Sache dürfe sich sagen: „Meine Arbeit erfolgt im Geiste Jahns, mit Adolf Hitler, für Deutschland." Mit „Gut Heil!" für Volk und Führer schloß die Tagung.
gedachte besonders des Turnvaters Jahn, dessen Ehrung durch unseren Volkskanzler Adolf Hitler aus Anlaß des deutschen Turnfestes in Stuttgart er besonders hervorhob. Der Kampf des Turners gehe in allen feinen Teilen immer wieder auf dasselbe Endziel, Einsatz für Volkstum und Deutschtum hinaus. Der Grundsatz der Turner heiße stets: „Dienst am Volke!" und „Volk und Vaterland über alles!" Mit einem dreifachen Sieg-Heil, das mit großer Begeisterung ausgenommen wurde, beschloß der Redner seine Ansprache.
Unter der Leitung van Kreisoberturnwart Schüler begann sodann
der Weilkampf
mit dem Turnen am Pferd. Drei Mannschaften traten mit sieben Turnern, Atzbach nur mit sechs Turnern an.
Trotzdem zeigte die Mannschaft auch ohne Ersatzmann , daß sie eine scharfe Klinge zu führen versteht. Sie setzte sich bereits an diesem Gerät klar an die Spitze. Ueberaus gleichwertig erwiesen sich hier Wißmar und die Mannschaft des Gastgebers. Dutenhofen fiel etwas ab.
Am Barren lag das Leistungsniveau wider Erwarten etwas niedriger als am Pferd. Dutenhofen konnte sich hier verSeffern. Die höchste Punktzahl
SJi.-SpoTt
Zührerlagung im Turnkreis Lahn-Dill.
Geräie-Iannschastskampf in Kinzenbach.
Reigen und Gassenhauer.
Oer alte deutsche Volkstanz und seine Wandlungen.
Bon M.A von Lütgendorff
Jrn deutschen Mittelalter gab es einen Tanz, der feierlich war wie kein anderer. Wenn nach einem Turnier der Ritter, der im Kampf seinen Gegner besiegt hatte, von einer der vornehmsten Damen den Siegerpreis erhalten hatte, durfte er ihr die Hand nieten zum Fackeltanz. Sich an den hocherhabenen Händen haltend, schritten die Paare dann langsam und würdevoll durch den Tanzsaal, angeführt und gefolgt von den Trägern brennender Fackeln. Man nannte es Tanz, doch es war eigentlich keiner. Es war nur ein feierlich-gemessenes Nebeneinander- gehen. Aber die „deutsche F ü h r u n g", wie man es hieß, wenn das Paar so mit den hochgehobenen verschlungenen Händen dahinging, sah aus wie einer jener Schritt-Tänze, die die Menschen in der Vorzeit um ihre seltsamen geheimnisvollen Heiligtümer tanzten.
So ruhig ging es freilich nicht immer her, wenn getanzt wurde, obwohl den echten altdeutschen Volkstanz immer eine gewisse Langsamkeit der Bewegungen kennzeichnete. Wenn man aber einmal im Freien den Reigen tanzte und dazu ein Tanzlied sang, gab es doch auch übermütige Sprünge, oder es schwang der Tanzgeselle seine Tanzgesellin auch aus dem Reigen heraus zu einem vergnügten Hopser. Dazu kam, daß schon verhältnismäßig früh versucht wurde, die deutschen Volkstänze durch „schandbare welsche tanz" zu beeinflussen, wogegen schon im fünfzehnten Jahrhundert die Nürnberger Polizei wettert, weil es auf einmal Brauch zu werden drohte, daß an Stelle der „hochdeutschen tänz" nun »viel ungewöhnliche, schentliche, unzimliche neroe tanz" getanzt würden. So schlimm war es aber doch nicht. Der Bauer blieb seinem Bauerntanz treu und der Städter tanzte nach wie vor seine „bürgerlichen Tänz in Züchten und Ehren". Im 16. Jahrhundert gab es sogar eigene Tanzgesetze. Ein Mädchen sollte nur „mit Wissen und Erlaubnis der Obrigkeit und ihrer Eltern" zum Tanz gehen, und wenn, wie es bei Hochzeiten besonders üblich war, sogenannte „Nachttänze" abgehalten wurden, die die Nacht durchdauerten, dann sorgte die Obrigkeit auch dafür, so gut es ging, daß Zucht und Anstand gewahrt wurden. (Freilich nicht immer mit Erfolg.)
Einen echten „hochdeutschen" Reigen, wie er um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts getanzt wurde, beschreibt uns ein Franzose, der im Fugger- schen Hause in Augsburg einem Tanzabend beiwohnte. Er erzählt, daß der Herr zuerst seine Dame bei der Hand nahm und zugleich einen Kuß auf die ihm gereichte Hand drückte. Dann legte er die Hand auf ihre Schulter, umfaßte sie, so daß sich die Wangen der beiden einander näherten, während die Dame ihre Hand auf seine Schultern legte. In dieser zärtlichen Stellung ging das Paar langsam durch den Saal, aber nur „ganz kurze Zeit", wie der Berichterstatter meldet. Denn schon nach wenigen Rundgängen führte der Herr seine Dame wieder an ihren Platz zurück, um nun den Reigen mit einer anderen Tänzerin weiter zu tanzen. Manchmal tanzte man allerdings auch in den Patrizierhäusern den Reigen trotz der vorgeschriebenen steifen Bewegung derart, daß die Obrigkeit wiederum mit Tanzverboten und Tanzregeln einschreiten mußte. Daß Männer und Frauen miteinander tanzten, ist in Deutschland vermutlich überhaupt erst im Mittel- alter Brauch geworden.
Im sechzehnten Jahrhundert taucht auch ein Tanz auf, dessen Name sich bis heute erhalten hat, aber leider in einer üblen Bedeutung, nämlich der Gassenhauer. Ursprünglich war der „gassenhawer" ein echter deutscher Volkstanz. Ein einfacher Drei- schritt-Tanz, den man auf der Gasse tanzte, wenn sich gerade jemand" fand, der die Musik dazu machte. Auch das Lied, das der Musikant spielte und das die Tanzenden sangen, hieß Gassenhauer und war gewöhnlich ein harmloses Volkslied. Selbst Hans Sachs hat ein paar solcher Gassenhauer gedichtet. Aber mit der Zeit wurde der Gassenhauer zu einem „gemein und schlächt Gassenlied", das dem anständigen Bürger übel in die Ohren klang, und von dem der Bauer erst recht nichts wissen wollte. Und schließlich verlor er seine Bedeutung als Tanz und als Volkslied mehr und mehr, bis er endlich zum Gassenhauer wurde, wie wir ihn heute kennen, zur banalen und gewöhnlich wertlosen Allerweltsmusik.
Ueberaus reizvoll und eigenartig waren von Anfang an die deutschen Bauerntänze in ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit. Wo immer der Bauer tanzte, da tanzte er so, wie es seine ureigene Art war und wie es seinem Wesen entsprach. Er tanzte den Hopser und den Schleifer, walzte und sprang, drehte sich lebhaft oder trat den Tanz in würdevoll schwerem Schritt. Daher auch die vielen seltsamen Namen dieser alten Bauerntänze, wie der Besentanz
in der Mark, der Trampelwalzer und der Tanz vorm Ofenloch in Schlesien und der Schnackelwalzer, der Watschenplattler und der Holzhackertanz im oberbayerischen Gebirge. Und irgendwie unterscheidet sich denn auch wirklich jeder der vielen deutschen Bauerntänze vom anderen. Oft liegen nur ein paar Wegstunden zwischen einem Dorf und dem anderen, aber der Tanz wird doch dort schon anders getanzt als im anderen Dorf. Und was der Kunsttanz ganz in Vergessenheit gebracht hat, das lebt im Bauern- tanz fort, nämlich die Pantomime. Im Tanz locken und fliehen sich die Paare, wirbt der Bursche um Liebe, wird erhört ober abgewiesen, rempelt den Nebenbuhler an und kämpft mit ihm. Alles spielerisch und doch trotz des Tanzschrittes so lebendig dargestellt, daß die Zuschauer jede Szene sofort verstehen und förmlich miterleben ...
Flaschenpost-Schicksale.
Vor einigen Tagen ist bei Waterford in Irland eine Flaschenpost angetrieben worden, die einen Zettel mit folgenden Worten enthielt: „Neufundland, 1. Mai 1893." Es ist nicht wahrscheinlich, daß sie ihren Weg unmittelbar quer über den Atlantischen Ozean genommen hat, sondern sie wird große Umwege zurückgelegt haben, denn die mit tausenden derartigen Flaschen systematisch angestellten Versuche haben für sie eine durchschnittliche Treibge- fchwindigkeit von 15 bis 16 Kilometer täglich ergeben. Natürlich hängt viel von der Richtung und der Stärke der Meeresströmungen ab, in die solche Botschaften hineingeraten. Ein Flasche, die vor einigen Jahren in Stavanger ans Land gespült wurde, war beim Kap Race am Vorgebirge von Neufundland dem Meer übergeben worden, und hatte eine Strecke von über 3000 Kilometer in sechs Monaten bewältigt, während eine andere, die an der Küste der englischen Grafschaft Devon dem Meere übergeben worden war, elf Monate später in Neuseeland aufgefunden wurde. Seit jeher haben die auf diese Weise dem Meer anoertrauten Botschaften die Phantasie der Menschen erregt und zu den abenteuerlichsten Gerüchten geführt. Alte, längst verklungene Nachrichten van Schiffsuntergängen und Robinsonaden standen wieder auf und führten häufig auch zu ernsthaft betriebenen Nachforschungen, wobei sich nicht selten erwies, daß man einem! Hirngespinst oder gar einem glatten Schwindel zum Opfer gefallen war. Gewissenlose Menschen!
scheinen dem unbezähmbaren Trieb zu erliegen, auf diesem Wege die Öffentlichkeit an der Nase herum- füchren zu wollen. Unter den Flaschenbotschaften sind aber zweifellos manche, die dem Meer wirklich in höchster Not anvertraut worden sind, und deren Absender einen einsamen Tod in den Wellen gesunden haben. Die Flaschenposten genießen völkerrechtlichen Schutz; ihre Auffindung 'wird von den Seeämtern reichlich belohnt. Die meisten von ihnen aber werden ihr Ziel nicht erreichen, denn oft sinken sie in den Weiten des Ozeans in die Tiefe, zerschlagen an felsigem Ufer oder werden dort an das Land gespült, wo niemals ein Mensch erscheint. Seit dem 19. Jahrhundert dienen sie in großem Umfange auch wissenschaftlichen Zwecken, um die Richtung und die Geschwindigkeit von Meeresströmungen festzustellen. Nachweislich wurde eine solche Strombeobachtung zum ersten Mal von dem englischen Schiff „Rainbow" im Jahre 1802 ausge- sührt. Man hatte in jede Flasche einen Zettel gesteckt, der das Datum des Abwurfstages und den Ort der Abgangsstelle trug und auf dem der Finder gebeten wurde, später den Tag der Auffindung und die Fundstelle zu vermerken. Aus Versuchsgründen wurden von den schottischen Schiffereibehörden in den Jahren 1894 bis 1897 3550 Flaschen an der schottischen und englischen Nordseeküste ausgesetzt, von dönen im Laufe der nächsten Jahre 572, also rund ein Sechstel, wieder eingeliefert wurden. Die Standorte der Flaschen ergaben wertvolle Aufschlüsse über die Richtung der Oberflächenströmungen. Die Einrichtung der Flaschenpost dürste sehr alt sein. Die früheste Nachricht aber haben wir aus den Tagebüchern des Kolumbus. Als der Entdecker Amerikas auf feiner Rückreise aus der Neuen Welt in der Nacht vom 14. auf den 15. Februar 1493 in einen furchtbaren Sturm geriet, da glaubte er sich und fein Schiff dem Untergänge geweiht. Um die Kunde von dem neuen Erdteil nicht mit ins Grab nehmen zu müssen, zeichnete er einen Bericht über feinen Entdeckungsweg auf und verschloß die wertvolle Meldung in einem kleinen Faß, das dann über Bord geworfen wurde. Diese älteste Nachricht der Meerespost ist jedoch spurlos verloren gegangen. Wir besitzen historische Belege für Flaschenposten erst feit Beginn des 19. Jahrhunderts. Damals fetzte auch die wissenschaftliche Verwertung ein, und es entstand zum ersten Mal die Bezeich'- nung „Flaschenpost".


