Nr. HZ Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)
Donnerstag, 15. März 1954
Verschwundene Reichtümer.
Pleiten vor 3000 Jahren. — Oie Tragödie des Krösus. — Ein Vorläufer StaviskyS. — Oie Tulpenkrise in Holland.
Von Dr. $. Sanders.
schäft, der sich je in dieser massenhaften Form abgespielt hat, ist, daß sie mit dem als nüchtern und ruhig bekannten Charakter des Holländers nicht recht übereinstimmen will. Allerdings hat die Pflanzenzüchtung seit jeher in Holland große Beliebtheit genossen. Am Anfang des 17. Jahrhunderts bildete sich nun aus irgendwelchen Gründen eine besondere Vorliebe für Tulpen heraus. Es begann ein reger Handel mit Tulpen, der bald börfenmäßi-
Riesige Vermögen sind schon im alten Babylon und Aegypten entstanden und vergangen. Die Phönizier organisierten einen für damalige Zeiten außerordentlich weitreichenden Wirtschaftsverkehr, der sich bis nach England, vielleicht sogar bis in die Ostsee erstreckte. Unerhörte Reichtümer sammelten sich in Sidon und Tyrus, den phönizischen Hauptstädten, aber seit langem ist diese Pracht verschwunden. Griechenland, Karthago und Rom folgen als Zentren des Wirtschaftsverkehrs. Die Völkerwanderung vernichtet diese Organisationen, und erst langsam beginnt im Mittelalter der Wirtschaftsverkehr und damit die Vermögensbildung sich in Mitteleuropa wieder zu entfalten. Die prächtig aufblühenden italienischen Städte Venedig, Genua, Livorno vermitteln den Seeverkehr mit dem Orient, wobei Konstantinopel den Mittelpunkt darstellte. Von Italien aus zog sich diese Handelsstraße über die Alpen nach Süddeutschland hinein, über Augsburg, Nürnberg, Straßburg, den Rhein entlang, nach Frankreich und Flandern. Ein anderer Teil dieser Handelsstraße verlief nach Halberstadt, Merseburg, Magdeburg, den Seestädten und dem slawischen Nordosten. Der Verkehr mit dem Orient wurde durch die Entdeckung des Seeweges nach Ostindien und die Erfindung des Kompasses in andere Bahnen gelenkt. Spanien und Portugal, die Träger dieses überseeischen Verkehrs, blühten auf. Holland und England folgten ihnen, und in den letzten Jahrzehnten vor dem Weltkriege erlebten wir die mächtige wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands.
Im Altertum, das keine wirtschaftlichen Kenntnisse hatte, erschien der Zusammenbruch großer Vermögen als etwas Unheimliches. Großer Reichtum wirkt auf die Götter als menschliche Ueber- hebung und ruft ihren Neid hervor. Allgemein bekannt ist ja die Geschichte von dem unheimlich reichen Krösus, König der Lyder, der auf dem Scheiterhaufen die Nichtigkeit der irdischen Güter erkennen mußte. Schiller hat einen gleichen Stoff aus dem Altertum in seiner Ballade „Der Ring des Polykrates" verarbeitet. Die Alten blieben also bei der etwas dürftigen Erkenntnis stehen, daß irdische Güter trügerisch und vergänglich seien. Trotzdem steckt ein richtiges Gefühl in dieser Auffassung, daß nämlich überpersönliche Ursachen bei Vermögenszusammenbrüchen mitwirken, wenn auch diese Ursachen nicht im „Neid der Götter", sondern in gesellschaftlichen Verhältnissen liegen. Es war also sehr unlogisch, wenn man im Altertum mit drakonischen Strafen gegen Schuldner, mit Strafen nicht nur gegen das Vermögen, sondern auch gegen die persönliche Freiheit, vorging.
Aber die Erbitterung gegen den zahlungsunfähigen Schuldner liegt nun einmal tief in der Menschennatur begründet, daran hat sich auch in späteren Jahrhunderten nichts geändert. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist der vielgerühmte und vielgelästerte John L a w, dessen Wirksamkeit im 18. Jahrhundert Ähnlichkeit mit der S t a v i s k y s zeigt. Auch Law baute seine Unternehmen auf dem Kreditbedürfnis des Staates, damals Frankreichs auf, dessen Finanzen durch Kriege und verschwenderische Hofhaltung zerrüttet waren. Er erhielt vom Staat das Recht, Noten auszugeben und die riesigen Ländereien am Mississippi auszubeuten. Er gab auf Grund dieses Landbesitzes Aktien aus, und durch eine riesige Notenproduktion — es handelte sich schließlich um eine Summe von zwei Millarden Livres — sorgte er dafür, daß eine schwunghafte Spekulation mit diesen Aktien aufkam. Die Kurse kletterten, die Vermögen wuchsen, stiegen, wie von einem Zauberer herbeigehext, immer mehr, bis schließlich das ganze Luftgebilde zusammenbrach und Frankreich sich einer größeren
Armut und furchtbareren Krise gegenübersah denn je.
John Law entging mit Mühe der Lynchjustiz des rasenden Volkes und starb, einst der einflußreichste Mann Frankreichs, verarmt, vereinsamt, verachtet. Zu gleicher Zeit spielte sich in England unter ähnlichen Begleitumständen eine solche künstliche Vermögensaufblähung durch die Spekulation mit den Aktien der englischen Südseegesellschaft ab. Auch hier blieb die Panik und in ihrem Gefolge die schwersten Vermögenszusammenbrüche nicht aus.
Das seltsamste Beispiel einer Vermögensumwertung und -Vernichtung, das wohl je in der Geschichte der Krisen vorgekommen ist, bietet die T u l p e n k r i s e in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Holland. Das Seltsamste an diesem übertriebensten Wahnwitz menschlicher Spielerleiden-
Buntes
Bon der Laus zum Lippenstift.
Was hat die Laus mit dem Lippenstift zu tun? Mehr als man denkt. Ueber diesen immerhin reizvollen Zusammenhang plaudert Th. Engelmann in der beim Bibliographischen Institut in Leipzig erscheinenden Zeitschrift „Atlantis". Die Verfasserin beobachtete bei einem Besuch der Kanarischen Insel Gran Canaria weite Kaktus-Pflanzungen, auf denen jede Planze mit kleinen weißen Gebilden bedeckt und mit einem weißen Gazebeutel überzogen war. Auf Befragen erfuhr sie, daß hier Kochenille- Läuse gezogen wurden. Diese nützlichen Tierchen wurden vor etwa 100 Jahren von Mexiko nach den Kanarischen Inseln gebracht, weil man erkannt hatte, daß ihre Ausscheidungen einen vortrefflichen roten Farbstoff liefern. Mit dem Kochenille-Rot wurde dann ein schwunghafter Ausfuhr-Handel getrieben, bis mit dem Aufkommen der künstlichen Anilin-Farben das gute Gefchät ein jähes Ende nahm. Die Kochenille-Kulturen verödeten und verwilderten. Nur wenige Züchter hielten mit hartnäckiger Zähigkeit ihre Zucht noch aufrecht und hofften, daß der Tag kommen werde, an dem ihre Läuse auch wieder zu Ehren kommen würden. Und siehe da, der Tag kam! In Paris wollte man billige Lippenstifte Herstellen und brauchte für diesen Weltartikel einen praktischen Farbstoff. Da erinnerte man sich des guten alten Kochenille-Rots und bestellte bei einem der Züchter auf der Insel Gran Canaria, die ihre Hoffnungen noch nicht begraben hatten, ein Kilogramm zur Probe. Vas konnte gerade noch geliefert werden. Aber als dann weitere Aufträge "kamen, mußte man die Zucht auf eine neue Grundlage stellen. Um mehr liefern zu können, verfielen die Züchter auf den guten Einfall, die Läufe unter Gazebeuteln zu halten, damit sie unter dieser schützenden Hülle ungestört ihr Fortpflanzungsgeschäft betreiben und die gefährlichen Winde ihnen nicht schaden konnten. Die alte Läuseindustrie steht jetzt wieder in neuem Flor ...
Patriarchalische Landwirtschaft.
Kann man sich wohl ein 64 000 Hektar großes Landgut vorstellen, das noch allein von Menschenhand bearbeitet wird? Ja noch mehr: Maschinen und Traktoren wurden zwar angekauft, aber sie verrosten jetzt in den Schuppen: man braucht sie nicht und will sie nicht. Dieses Landgut liegt, wie I. C. van Scherpenberq in der Frankfurter Wochenschrift „Die Umschau" berichtet, im Irak an einem Kanal, der sein Wasser von einem Nebenfluß des Ti
gen Charakter annahm. Der Taumel wuchs, ganz Holland beschäftigte sich mit Tulpenzüchtung und Tulpenhandel. Es kam schließlich dazu, daß f ü r eine Tulpe über 2000 Gulden bezahlt wurden, wobei zu bemerken ist, daß in jener Zeit der Gulden eine um vieles höhere Kaufkraft hatte als heute. Alle Vermögensstücke, Häuser, Grundstücke usw. wurden zu den niedrigsten Preisen verschleudert, um sich an dem Tulpenwahn beteiligen zu können, der das ganze Volk ergriffen hatte. So schwanden die Vermögen aus altem Besitz dahin, und die Tulpen blieben zurück. Als im Jahre 1637 eine plötzliche Ernüchterung eintrat, als niemand mehr für die Tulpen auch nur entfernt gleiche Preise mehr anlegen wollte, verursachten die Umwälzungen in den Vermögensverhältnissen eine der furchtbarsten Krisen, die die Welt je erlebt hat.
Allerlei.
gris erhält und der künstlichen Bewässerung des Bodens dient. Der Ackerbau vollzieht sich hier noch genau so wie vor drei Jahrtausenden. Gepflügt wird mit dem einfachsten Pflug, der vom Menschen oder Tier, wie es sich gerade trifft, gezogen wird. Gesät wird mit der Hand auf gut Glück. Ist das Korn reif, dann wird es mit der Sichel gemäht; Männer, Frauen und Kinder sind wochenlang beim Schnitt, denn es ist eine riesige Arbeit, 21000 Hektar mit der Hand abzuernten. Nur ein Drittel des Bodens wird nämlich angebaut, das übrige liegt brach ober ist Weide. Das Getreide wird in gleichmäßige runde Haufen geordnet, diese werden in große Tücher gebunden, auf Ochsen geladen und zu riesigen Haufen aufgetürmt. Bei der nun beginnenden Drefcharbeit läßt man Esel und Kühe auf den ausgebreiteten Aehren herumtrampeln ober brischt selbst mit Knüppeln barauf los. Beim Verkauf werben Tausenbe von Tonnen Korn mit ber Hanb gewogen. Der Brückenwaage traut ber Araber nicht: bie Gewichte könnten falsch sein ober auch sonst könnte etwas nicht stimmen. Es tritt also ber menschliche „Wäger" in Tätigkeit, ber gut bezahlt wirb, weil er sehr kräftig unb geschickt sein muß. Die Waage besteht aus einem einfachen Balken, an besten Enbe je ein flacher, aus Schilf geflochtener Korb hängt. Mit einem Kilogrammgewicht werben zunächst 25 Kilogramm abgewogen; biefe Getreibe- menge in einen Sack eingenäht, bleibt als Stanbarb- gewicht in bem einen Korb, währenb in ben anbe- ren bas (Betreibe geschaufelt wirb. Der Wäger hebt ben Balken unb wiegt auf biefe Weise immer wie- ber 25 Kilogramm — tagelang. Ein tüchtiger Wäger kann zwischen 30 unb 40 Tonnen pro Tag wiegen. Auch bas Schälen bes Reis geschieht hauptsächlich mit ber Hanb; es ist ausgesprochene Frauenarbeit, unb ba es für bie Mohammebanerin als „Schanbe" gilt, von Männern gesehen zu werben, so arbeitet sie nur bei Nacht. Dann stampfen bie Frauen bas (Betreibe in großen Mörsern unb reinigen bas Mehl burch Sieben. So herrscht noch überall bie Hanb- arbeit, unb unzählige Beispiele ließen sich für bie Primitivität ber Arbeitsformen anführen. Gebuttert wirb, inbem bie Frau ben Rahm so lange in einer Ziegenhaut schüttelt, bis sich bas Fett abfonbert. Das Oel gewinnt man aus ben Oliven auf bie Weife, baß ein Loch in eine abschüssige Felsenplattform gehauen wirb; bann stampft man mit ben Füßen auf bie mit Oliven gefüllte Ziegenhaut, unb bas herausgepreßte Oel wird aus bem Felsenloch geschöpft. Der konservative Geist ber Bevölkerung hält nun einmal an biefen uralten Methoben fest. Dazu
ist auch bie Menschenarbeit so billig, baß bie Maschinenarbeit sie nicht unterbieten kann. Vor allem aber fehlt bem Araber jebes Gefühl für Mechanik; er wirb jebe Maschine unfehlbar beinm ersten Ge- braud) ruinieren, unb bie Reparaturen würben ins Ungeheuerliche gehen.
Aus ber proviuzialhauptstadi.
Alte Gewerbe in neuer Bedeutung.
Wenn einem Volke von irbischen Gütern nicht viel mehr übrig blieb als bie Kraft feiner Arme unb ber Fleiß feiner Menschen, dann kommen auch wieder die Gewerbe zu Ehren, die mit fleißiger Hand und gutem Willen, aber ohne viel Geld betrieben werden können. Der Blick auf alle handgearbeiteten Möbel zeigt z. B. mit welchem Verständnis für natürliche, dem Auge wohlgefällige Abmessungen, für harmonische Raumaufteilung und für bewegte, aber in ihren Linien gebändigte Form, mit welcher Liebe zur kleinen Einzelheit, deren Sinn das große Ganze ist, das alte künstlerische Handwerk'arbeitete und schuf. Freilich war nicht immer der Handwerksmeister der Kunstschöpfer, wohl aber stand er in engster Zusammenarbeit mit dem richtunggebenden Künstler und besaß auch die handwerkliche Fähigkeit, sich den vorgezeichneten Wünschen des Künstlers anzupassen. Die gleich- machende Wirkung der Maschine, ihre mit Zirkel und Lineal oder auf Grund von Figuren der analytischen Geometrie sestgelegten Ellipsen und Parabeln geben jedem maschinell hergeftellten Möbelstück, Hausschmuck, Arbeitsgerät etwas Lebloses, Schematisches, Starres, auch dort wo die Ueber- ladung mit unsinnigen Spielereien vermieden wurde. Wenn heute die Hand tischler ei auch nicht auf Maschinen verzichtet, so beginnt sich doch allmählich die Maschine aus ihrer Herrscherstellung zurückzuziehen.
Noch stärker wird diese Richtung sichtbar in Weberei und Keramik. In allen Landesteilen Deutschlands gab es bis in unsere Tage , immer noch vereinzelte Bauernhäuser, in denen der Webstuhl nicht vergessen wurde. Aber die große Masse der Webstühle verschwand ober wanderte in die Heimatmuseen. Es war vor allem unsere Jugend nach dem Kriege, die wieder die Verbindung suchte von eigener Arbeit und den Gegenständen des täglichen Gebrauches. Sie war es leid geworden, „sinnlosen Dingen ohne Mut zu dienen". So kam es, daß auch die Handweberei in der Stadt nicht ganz ausstarb. Und da wohl kaum ein anderer Gegenstand mehr Ausdruck des eigenen Wesens ist, als die Art der Kleidung, so beginnt allmählich die Handweberei auch auf Kleiderstoffe sich auszudehnen und sich nicht nur auf Zimmerschmuck zu beschränken.
Am deutlichsten' sichtbar ist die Rückkehr zu künstlerischer Handarbeit in der Töpferei geworden. Von der Idee bis zum fertiggebrannten und bemalten Teller, Krug ober anberem Hausrat liegt bas Werk ganz in ber Hanb bes Gestalters. Wir sehen: in Stabt unb Land sucht der Mensch sich wieder zu entfernen von jener grauenhaften Spezialisierung und Einseitigkeit, die die Seele tötet oder ins Gefängnis sperrt und schließlch zu verzweifelten Ausbrüchen treibt. Das Gebet des jungen Mädchens in Hans Benno von Mechows „Vorsommer": „Herr, laß mich das Ganze sehen," ist im Grunde das Gebet aller wachen deutschen Jugend. In der Neigung zur persönlichen Verbundenheit auch mit den einfachen Gegenständen des täglichen Leben drückt sich auf einem Teilgebiet die Liebe zum Heim und bie Sehnsucht nach einem roelfoerbunbenen Sinn bes eigenen Daseins aus.
O.H.
Daten für Donnerstag, 15. März.
44 v. Chr.: Julius Cäsar in Nom ermorbet (geboren 100 v. Chr.); — 933: König Heinrig I., ber eigentliche (Brünber bes Deutschen Reiches (geboren um 876), schlägt bie Ungarn an ber Unstrut; — 1830: ber Dichter Paul Heyse in Berlin geboren (gestorben 1914).
Ubootsleuie wollen auch mal lachen!
Don Kapitänleuinani i. Egon von Werner.
Wir hatten querab Boulogne „gewirkt", einen (Branatenbampfer für bie Westfront versenkt unb setzten nun unseren Kurs nach Westen fort. Das Meer war frieblich, eine leichte Brise wehte. Ruhig verlief ber nächste Tag. Da, gegen Abenb in ber Dämmerung, ungefähr 15 Meilen füblich von Port- lanb, kam ein Dampfer in Sicht, mit Kurs nach ber englischen Küste. Ich ließ bie Kanone besetzen unb legte bem überraschten Frembling einen Warnungsschuß vor ben Bug. Der Dampfer stoppte unb 'setzte ein Boot aus. Wir näherten uns vorsichtig unb stellten fest, baß es sich um ben französischen Dampfer „Taormin" hanbelte, mit Lebensmitteln unterwegs nach Englanb. Die Besatzung stieg aus. Durch frühere Erfahrungen gewitzigt, fragte ich ben Kapitän in meinen etwas befetten Schulfranzöfifch, ob er eine Kanone an Borb habe. Das bejahte ber kleine ©üblänber unb gleichzeitig überreichte er mir mit einer höflichen Verbeugung — eine kleine Browningpiftole. Wir ftanben verdutzt ob biefes unerwarteten Erfolges unb brachen bann in fchallenbes Gelächter aus. Wie glänzenb muß mein Französisch gewesen fein!
Kurz barauf signalisierte mein Sprengkommanbo von bem französischen Dampfer herüber: „Auf bem Dampfer finb 1000 Kisten voll Eier!" Zu einer Antwort kam ich nicht; benn im selben Augenblick meldete mir ber Ausguckposten einen englischen Zerstörer Zum Glück bunkelte es bereits. Trotzbem kam ber unangenehme Gast näher unb umkreiste in großem Bogen ben französischen Dampfer. Es begann ein amüsantes Verfteckspiel. Um nicht gesehen zu werben, bewegten wir uns gleichfalls langsam um ben Franzosen, so baß dieser stets wie eine schützenbe Wanb zwischen mir unb bem Zerstörer lag Das Sprengkommanbo ließ sich mdeyen in keiner' Weise aufhalten unb erschien, nachbem ber Zerstörer sich etwas entfernt hatte, mit einigen hunbert Eiern, Blechkannen voll Olivenöl unb wa- genrabgroßen Käsen. Unb bas zu einer Zeit, wo ein Ei in Deutschlanb nur noch aus iöilberbudjern bekannt war. Nach einigen Minuten erfolgte bann bie Detonation ber Sprengpatrone unb der Dampfer fing an zu finken-sofort drehte der Zerstörer mit hoher Fahrt in die Richtung bes sinkenben Dampfers. Er kam noch gerabe rechtzeitig, um sich davon zu überzeugen, wie wir beide unter dem Meeresspiegel verschwanden ...
*
Gegen Nachmittag klarte das Wetter auf. Um 16 Uhr kam ein Dreimastschoner unbekannter Nationalität in Sicht. Ich ließ ihm wie üblich einen Warnungsschuß vor den Bug setzen, mit dem Erfolg, daß der Segler mit zwei Kanonen ein sehr gut liegendes Feuer eröffnete. Schon die erste Salve lag deckend. Die Granaten schlugen vor unb hinter unserem Boot ein. Ein zehn Minuten langes hitziges Gefecht entspann sich, in welchem ber Gegner zwei Treffer erhielt. Dann ging ich unter Wasser unb hielt mich bis zum Eintrtt ber Dunkelbeit so in seiner Nähe auf, baß ich ftänbig burch bas Sehrohr beobachten konnte. Unsere (Bebulb würbe belohnt, benn kurz vor Morgengrauen gelang es uns burch einen jähen Feuerüberfall, ben Segler zum Kentern zu bringen. Es hanbelte sich um ben in Dünkirchen beheimateten Segler „Chili", von Sübamerika kommenb, mit 1600 Tonnen Salpeterlabung. Die Besatzung hatte sich unter bem Schutz ber Dunkelheit im Rettungsboot verpflüchtigt. Ein schwimmenber Haufen Planken, Kisten, Fässern unb allerhanb Gerümpel kennzeichnete ben Ort ber Katastrophe. Jetzt setzte eine höchst originelle Rettungsaktion ein, ba meine Leute unter ben treiben- ben' Schiffstrümmern Käfige mit allerhanb Getier bemerkten. Wir fischten zunächst einen Käfig mit acht Hühnern auf, bie infolge ber Taufe höchst flaterig aussahen. Dann folgten einige Körbe mit Tauben, bann ein Vogelbauer mit Papageien, bie jämmerlich um ihr bißchen Leben kreischten unb in frember Kaffernsprache allerhanb wirres Zeug burcheinanber schrieen.
Plötzlich behauptete mein alter Unteroffizier Nr. 1, im Zivilberuf Schlächter, aber einer ber gutmütigsten Vertreter unter bieser Sonne, ba schwämme noch ein Hunb, ben er unbebingt retten wolle. Nach einem schwierigen Manöver konnten wir bas Brett, auf bem bas schwarze Etwas schwamm, mit bem Bootshaken erreichen. Wer beschreibt unser Erstaunen, als ber vermeintliche Köter mit artistischer Geschicklichkeit an bem Bootshaken entlang an Deck turnte unb sich als langschwänziger Borneo- Affe vorstellte. Ihm folgte mit ber gleichen virtuosen Behenbigkeit fein kleiner Bruber. Ein großes Halloh begrüßte auch biefen Gast. Hilfsbereite Hänbe machten sich baran, bie nassen unb frierenben Kerlchen mit bem einzig anftänbigen Hanbtuch, bas noch an Borb war,' liebevoll abzufrottieren. Die beiben Passagiere fühlten sich bann auch halb ganz „zu Hause" unb blieben noch ein volles Jahr lang an Borb, teils geliebt, teils gemieben wegen bes fortgesetzten groben Unfugs, ben sie verübten. Später begleiteten sie mich auf einer Urlaubsreife nach Travemünbe, wo sie wegen ihrer Max-unb-Mo- ritz-Streiche schnell populär mürben. Der eine starb
schließlich, ber anbere fiel beim Rückzug in belgische Gefangenschaft. Auch ein Affenfchickfcll.
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Dieser Tag schien zum Lachen gemacht. Etwa IV2 Stunben nach bem eben erzählten Vorfall versenkten wir einen kleinen Segler. Kaum war bas Fahrzeug in ber Tiefe verschwunben, ba tauchten an berfelben Stelle wie auf Kvmmanbo etwa sechzig Fässer aus bem Schoß bes Meeres empor. Wir fischten uns eins bavon, besten Inhalt sich als Algierwein bester Qualität erwies. Auf allgemeinen Wunsch ber Besatzung würbe versucht, ein Faß mitzunehmen unb burch bas Luk zu vereinnahmen. Bei biesem Versuch klemmte sich bas Faß in bem Deckluk fest, baß es keinen Milimeter vor- noch rückwärts zu bewegen war. Der Zufall wollte es, daß gerade in diesem Augenblick ein französischer Zerstörer gemeldet wurde, der mit höchster Fahrt auf das Boot zulief. Ein gewaltiger Schlag mit dem Vorschlaghammer auf das Faß war die einzige Möglichkeit, die Verstopfung zu beseitigen. Aber 0 Jammer! Bei dieser Gewaltkur ging das Faß aus dem Leim und der edle Inhalt ergoß sich wolkenbruchartig in das Bootsinnere, die darunterstehende Mannschaft überströmend. Nur einige Konservenbüchsen voll wurden gerettet unb brüberlich geteilt. Wir gingen beschleunigt unter Wasser, währenb einige Wasserbomben wirkungslos hinter uns her krachten. — Die Ausgelassenheit meiner Kameraben über biefen Vorfall war ungeheuer, wie ich heute noch versichern kann.
OaS trügerische Auge.
Daß ber wissenschaftlich geschulte Himmelsbeobachter sich nicht auf bie Einbrücke seines Auges verlassen barf, hob ber Astronom ber englischen Krone, Dr. Spencer Jones, in einem Vortrag vor ber Britischen Optischen Gesellschaft hervor. Diele Täuschungen können auch von bem Laien nachgeprüst werben, obwohl sie in ben meisten Fällen erst von bem Astronomen im Verlauf ihrer Forschungen her- ausgefunben würben. Einige solcher falscher Beobachtungen finb: Das obere von zwei gleich schwachen Lichtern erscheint ben meisten Menschen Heller als bas untere, unb ebenso bas rechte Heller als bas linke. Bei schwachen farbigen Sternen hat man, je länger man sie beobachtet, ben Einbruck einer um so größeren Farbigkeit. In einer klaren Nacht ist ein roter Stern besser zu sehen als seine Nachbarn. „Es ist allgemein bekannt", fuhr ber Gelehrte fort, „baß in einer gewöhnlichen klaren monblofen Nacht, wenn nirgends künstliches Licht zu fehen ist, der Himmel keineswegs dunkel ist. Seine Helligkeit beträgt etwa bie Hälfte von ber ber Milchstraße. Wäre ber Himmel vollkommen schwarz, würben wir mit bloßem
Auge achtmal soviel Sterne erblicken, als tatsächlich ber Fall ist. Der Nachthimmel strahlt ein eigenes charakteristisches Licht aus. Dabei ist ein noch ungelöster Streitpunkt, ob bies auf ähnlichen Erscheinungen wie bas Norblicht beruht, bas aus bem Zusammenprall von ben Elektronen aus ber Sonne mit ben oberen Luftschichten entsteht."
Zeitschriften.
— Die Monatsschrift „Volk unb Rasse" (I. F. Lehmanns Verlag, München 2 SW, Einzelheft 0,70 Mk.) bringt neben vielem anberem im Märzheft zwei reizvolle Querschnitte unter rassen- kunblichen • Gesichtspunkten burch bie Bevölkerung eines Dorfes unb bie Schulklasse eines Gymnasiums. A. P. Krönte schilbert ben Kinbersegen eines nieber- sächsischen Dorfes nach eigenen Untersuchungen unb Beobachtungen. Währenb bie Bewohner eines Dorfes eine gewachsene Einheit bilben, finb bie Schüler eines Jahrganges mehr zufällig für wenige Jahre vereint. So geben bie rafsenkunblichen Erhebungen in einer Schulklasse von Dr. H. Thyen nicht, wie es sonst bei einer Zusammenschau geschieht, bas Bilb einer rassischen Auswahl. Die Rassenkunbe als Unterrichtsfach ermöglicht heute, bie zeitraubenben Messungen unb Aufnahmen, jebes Kinbes genau vorzunehmen. Auf mehreren Seiten finb bie Licht- bilber aller Köpfe naturgetreu roiebergegeben. Durch bas reiche Bilbmaterial empfängt ber Leser einen besonbers lebenbigen Einbruck. Die Arbeit von Dr. Q. Nippert über verschobene Hanbfvrmen zeigt, wie für bte Bestimmung ber Rasse bie Merkmale ber Hänbe sehr aufschlußreich werben, wenn man bie Abwanblungen burch ben Beruf berücksichtigt.
Aockschulnachrichten.
Der ao. Professor Dr. Bruno Huber an ber Technischen Hochschule Darmftabt ist vom 1. April ab zum orbentlichen Professor ber Forstbotanik in ber Abteilung Forstliche Hochschule (Tharanbt) ber Technischen Hochschule Dresben ernannt worden.
Der Frankfurter Ordinarius Dr. Gottfried Raestrup ist vom 1. April ab zum ordentlichen Professor der gerichtlichen Medizin an ber Universität Leipzig ernannt worben.
Aus Anlaß bes 25jährigen Bestehens ber Frankfurter Universitäts-Frauenklinik fand im Lebrsaal ber Anstalt eine akademische Feier statt. Der Leiter bes Instituts, Geheimrat Professor Dr. Seitz -gab einen Ueberblick über bas Wesen ber Anstalt,die auch fernerhin ihre vornehmste Aufgabe darin erblicke, am Gefunben bes beutschen Volkes, besonbers durch Beobachtung der biologischen Erbgesetze, mitzuarbeiten. Die Medizinische Fakultät ließ burch ben Kurator Wisser ihre Glückwünsche aussprechen.


