Das Rätsel einer Irühlingsn.acht
Vornan von Gerl Gothberg.
Urheberrechtsschutz: Fünf Türme-Verlag, Halle, Saale
25 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Gertraude leate die Hand auf den Arm des Mannes, und Die Fürstin sah ihnen nach und lächelte. Die enttäuschten Gesichter der um sie herumstehenden Herren schien sie nicht zu sehen.
Graf Härtlingen aber legte den Arm fest um Gertraudes biegsame Gestalt.
Ein Walzer! Ein Wiener Walzer!
Süß und betäubend schmeichelte er sich mit seinen weichen Klängen ins Hirn.
„Gertraude", sagte der Mann mit verhaltener Stimme, „Gertraude, wenn wir zwei die Vergangenheit vergessen könnten?"
Gertraude schloß die Augen. Es mußte ein Traum sein, ein Traum dieser Tanz, und ein Traum die zärtliche, sonst immer ein wenig harte Männerstimme.
Wenn doch dieser Tanz nie zu Ende ginge, nie, nie! dachte Gertraude.
Der Mann aber hatte alle Selbstbehrrschung nötig, um seine Lippen nicht auf die weiße Stirn des jungen Weibes zu drücken, sein heißes Gesicht nicht in das duftende Blondhaar zu wühlen.
„Gertraude, ich — liebe Sie!"
Hatte er es wirklich gesagt? Gertraude wußte es nicht. Sie hob das Gesicht, sah in die großen grauen Augen Härtlingens.
„Kind, ich liebe Sie. Ich liebe Sie, weil Sie Lelia gleichen, und weil Sie doch ganz anders find als sie", sagte er, und sein heißer Atem strich über sie hin.
Der Tanz war zu Ende. Härtlingen führte Gertraude zur Fürstin zurück. Unterwegs aber bat er halblaut:
„Ich muß Sie sprechen, Gertraude. Heute noch. Allein! Wann kann es sein?"
„Ich weiß nicht, ob es recht ist, Ihrer Durchlaucht gegenüber. Ich möchte nichts ohne ihr Wissen tun", sagte Gertraude leise.
„Sagen Sie ihr es dann. Es ist ja gleich. Doch ich muß Sie etwas fragen. Kommen Sie auf die Bank, auf der Sie weinten, als ich Sie im Park traf", drängte er.
Da nickte sie willenlos, und er drückte ihr die Hand.
Gertraude mußte aber dann noch viele Touren tanzen, ehe sie hinausgehen konnte. Endlich war sie eine Minute frei, fand sich allein bei den Palmen am Eingang des Saales, huschte an den beiden Lakeien vorüber,' die ihr bewundernd nachsahen,
und schritt im nächsten Augenblick schon zwischen dem um ihre Füße raschelnden Laub dahin. Sie hatte nur schnell ein Tuch genommen, das eigentlich der Fürstin gehörte und "das achtlos auf einen Sessel gelegt worden war.
Härtlingen hatte eben noch getanzt, nachdem er di.e ganze Zeit über darauf gewartet hatte, daß Gertraude endlich den Saal verließ.
Er war wie im Fieber. Gegenwart und Vergangenheit verschmolzen ineinander. Wieder wie beim ersten Sehen war es! Er war wie betäubt von dem Zauber, den Gertraude um sich breitete. Und nun jetzt erst! Ihre wundersame Stimme hatte sich ihm ins Herz geschlichen. Er wußte auf einmal, was ihn zu dem jungen blonden Weibe zog: Die Liebe!
Eine große, sehnsüchtige Liebe! Es hatte ja keinen Zweck, sich selbst noch immer so schön darüber hinwegtäuschen zu wollen. Er liebte die kleine Gertraude, wie er Lelia einst geliebt.
Nein! Es war doch anders!
Diese Liebe war etwas anderes. Sie war nicht ein einziges, sinnloses, leidenschaftliches Begehren, wie es damals gewesen war, ein besinnungsloses Anbeten, eine wahnsinnige Eifersucht — es war eine große, reine, heiße Liebe, die sich durch keine Warnung aus der Vergangenheit besiegen ließ.
Der Tanz ging dem Ende zu, als er bemerkte, daß Gertraude den Saal verließ.
Er führte seine Dame dann nach dem letzten Geigenton sofort zu ihrem Platz zurück und enttäuschte sie schwer, denn sie hatte den interessanten Grafen noch ein bißchen für sich haben, hatte mit ihm plaudern wollen.
Härtlingen stürmte durch den Park.
Gertraude!
Der Nachtwind schien es leise zu wispern, in seinem Herzen rauschte der Name, in seinem Hirn.
„Gertraude!"
Er riß sie in seine Arme und küßte sie?
Und Gertraude lag still und regungslos an seiner Brust. Und jetzt wühlte er das Gesicht in die blonden, duftenden Locken, stöhnte:
„Gertraude, ich liebe dich. Sei mein, Gertraude! Es war ja Unsinn, was ich dir sagte — ich liebe dich. Ich hasse dich nicht, wie ich Lelia, die tote Lelia, gehaßt habe. Was wäre das denn auch für ein Haß, der sich auf dich richtet, die du rein und schuldlos bist an allem, was die Vergangenheit birgt? Sei mein geliebtes junges Weib, Gertraude — ich liebe dich." '
„Es kann nicht sein, es wäre zu viel Glück", sagte Gertraude und sah ihn an.
Der Mond, der sich bisher hinter dunklen Wolken verkrochen, trat hervor und beleuchtete hell Gertraudes junges Gesicht, das zu dem Manne erhoben war
Und wieder küßte er sie.
Es war wie ein Rausch, ein beglückender',' alle
Vergangenheit tötender Rausch, der über ihn gekommen war. Und doch hing gerade Gertraude Schwarzkoppen viel mehr mit der Vergangenheit zusammen als jede andere Frau, die in sein Leben getreten war.
„Warum soll es nicht sein können, kleine Gertraude? Hast du mich lieb, Gertraude?"
„Ich liebe dich mehr als mein Leben, Rudolf!"
Es war ein jauchzendes, schluchzendes Bekenntnis. Und Graf Härtlingen küßte ihr die Worte von den Lippen.
„Gertraude! Du bist das Glück, ich fühle es."
Laut auf rauschte es um sie her, kühl und herb war die Luft. Da endlich besann sich Härtlingen.
„Kind, liebes, erkälte dich nicht! Komm, wir wollen wieder hineingehen. Soll ich mit der Fürstin sprechen?"
Sie nickte willenlos.
„Tue es, wie du es für richtig befindest. Obwohl ich gern noch einige Tage gewartet hätte."
Er küßte sie noch einmal innig.
„Dann lassen wir also morgen den Wirrwarr, den die Ankunft der Miß Maderio mit sich bringen wird, erst noch vorüber. Die Fürstin wird sehr in Anspruch genommen sein. Ich warte bis Freitag. Da hat sie ihr Teestündchen, zu dem nur immer wir, du und ich, die Ehre haben. Da werde ich eben kurz zuvor um eine Unterredung unter vier Augen bitten, mein Lieb. Ist es so recht?"
Sie lehnte den Kopf an seine Brust.
„Es ist mir alles recht. Doch — du wirst etwas von der Fürstin erfahren, was vielleicht dazu angetan ist, deine Liebe erlöschen zu machen."
Er hob ihr Kinn in die Höhe.
„Keine Enttäuschung, Gertraude. Hat je ein anderer Mann in deinem Herzen gelebt? Hat ein anderer Mann auch nur das geringste Recht an dich?"
„Nein, Rudolf! So wahr es einen Gott im Himmel gibt — ich habe nur dich geliebt, und es gibt keinen Mann außer dir, der mich geküßt hat."
Er hörte diesen Schwur mit tiefer Bewegung, dann sagte er:
„Dann gibt es nichts, was uns trennen könnte, Gertraude."
Als sie wieder neben der Fürstin stand, die mit klugem Blick in das jetzt so heiße Gesicht sah, da sagte Gertraude:
„Tante Agnes, ich bin so glücklich. Doch frage jetzt nicht! Rudolf kommt am Freitag etwas eher zur Teestunde zu dir."
„Gertraude?"
Die Fürstin drückte krampfhaft hie feine Hand Gertraudes. Sie konnten nichts mehr sprechen und wollten es auch nicht.
Jetzt kam Horst Bredow und setzte sich ein bißchen zur Fürstin, während sein Bruder Gertraude um einen Tanz bat.
Horst Bredow aber schüttete der Fürstin sein Herz aus. Er erzählte ihr, wie ablehnend sich Edelgarde
Uchterberg ihm gegenüber verhalte. Es sei einfach fürchterlich, und er fahre am liebsten schon anderntags wieder nach Bredow zurück. Dort sei allerlei für ihn zu tun. Er wisse wirklich nicht, was er hier noch zu suchen hätte.
Der junge Mann war sehr niedergeschlagen. Die Fürstin war für ihn immer die zuständige Stelle gewesen, wo er sich Rat holte. Während feiner Studentenjahre auch manchmal Geld; sie war immer für ihn da. Nun sollte sie sagen, was jetzt zu geschehen hatte, denn die Edelgarde hatte doch nur Augen für den Grafen von Härtlingen.
Die Fürstin war ehrlich erschrocken und erzürnt.
Dieses dumme, dumme Mädel! Niemals würde Graf Härtlingen sie gewählt haben, auch wenn er hier nicht Gertraude getroffen hätte. Daß fo ein Kindskopf sich solche Albernheiten einbilden mußte!
Wenn bloß der Horst Bredow nicht noch Reißaus nahm! Verdenken konnte man es ihm schon beinah nicht mehr. Aber er hatte das Mädelchen lieb, und die Verhältnisse der beiden Familien waren auch durchaus passend; sie mußte also doch noch einmal sehen, daß sie die Geschichte einrenken konnte.
„Horst!"
„Durchlaucht!"
„Horst, hören Sie mal gut zu? Morgen kommt ein allerliebstes Mädel hier an. Tun Sie, als seien Sie verliebt bis über alle Maßen. Natürlich nicht etwa im Ernst die Flügel verbrennen. Ja nicht, es wäre keine Frau für Sie. Aber die Edelgarde soll sich kränken. Ganz gehörig soll sie das. Wenn Sie, lieber Horst, jetzt so waschlappig und traurig umhersitzen, fühlt die Kleine sich bloß obenauf. Ich bin nämlich fest davon überzeugt, daß Edelgarde Sie auch sehr lieb hat. Ihre Mutter hat dem Mädel nur dummes Zeug eingeflüstert, und n^in denkt sie wirklich, sie muß dem Grafen Härtlingen schöne Augen machen — der längst vergeben ist, was sie aber nicht weiß."
Horst Bredow atmete tief auf.
„Ja, Sie haben recht, Durchlaucht. Viel zu waschlappig habe ich mich benommen, aber das soll jetzt anders werden. Edelgarde soll sich wundern."
Zufrieden blickte ihm die Fürstin nach, als er quer durch den Saal ging.
Gertraude tanzte fast jede Tour. Sie war von einer glückseligen Müdigkeit erfüllt, als sie die letzte Tour noch mit Graf Härtlingen tanzte.
„Gertraude, hast du mich lieb?"
Mitten hinein in Straußsche Musik klang die heiße, leise Frage. Da sagte Gertraude:
„Ich habe dich lieb."
Sein Arm legte sich ganz fest um sie.
„Du wirst dir viel Liebe gefallen lassen müssen, kleine Gertraude. Fürchtest du dich nicht?"
Gertraude erzitterte. Doch dann sagte sie:
„Ich will nichts weiter denken, als daß du mich lieb hast."
(Fortsetzung folgt.)
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