Nr. 39 Erstes Blatt
M. Jahrgang
Donnerstag, 15.8ebruar 1934
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Hunderte von Todesopfern des Bürgerkriegs inWien
Fortgang der Kämpfe.
Wien, 14. Febr. (DNB.) Im Laufe des Mittwoch ist eine gewisse Entspannung der Lage eingetreten. Jedoch wird mit einer längeren Dauer der gesamten Säuberungsaktion gerechnet. In den großen bisherigen Kampfabschnitten Ottakring, Meidling und Simmring finden gegenwärtig noch Einzelkampfe statt. Die Säuberung des Kampfabschnittes Floridsdorf ist noch nicht abgeschlossen und soll Donnerstag früh wieder ausgenommen werden. Man beabsichtigt, das gesamte Gebiet jetzt in weitem Umfang durch Truppen abzuschließen und dann mit Hilfe von Artillerie die Säuberung weiterzuführen. Die Schutzbündler haben im Laufe des Tages einige hartnäckig verteidigte Widerstandspunkte aufgeben müssen. In elf verbarrikadierten Arbeiterheimen wurde die weiße Fahne gehißt.
In Floridsdorf haben die Regierungstruppen am Mittwoch 800 Schutzbündler gefangen genommen Große Bestände an Gewehren und sechzig Maschinengewehre fielen ebenfalls hier in ihre Hände. In Leopoldsau, das ebenfalls im Flo- ridsdorfer Kampfabschnitt liegt, ist ein Waggon Munition des Schutzbundes erbeutet worden. Die Kampfhandlung geht im Floridsdorfer Abschnitt in Richtung Kag'ram, der Rückzugslinie der Schutzbündler, noch weiter. An der Donau selbst wird noch der Go et he Hof bekämpft, ein großer Gemeindebau, der eine beherrschende Stellung gegenüber der wichtigen Reichsbrücke über die Donau einnimmt. Feuerschein rötete den Himmel in der Richtung Floridsdorf. Von erhöhten Punkten kann man auch im innern Stadtgebiet die Flammen emporsteigen sehen. Das neben dem Goethehof gelegene Eis - werk brennt vollständig nieder. Vom Goethehof selbst sind Stellen des Daches in Flammen aufgegangen. Es ist nicht festgestellt, ob der Brand in dem Eiswerk von den Arbeitern angelegt oder ob er durch das Artilleriefeuer entstanden ist. Am Laaer Berg halten sich noch 2000 Schutzbündler in Gräben, die bis in das Gelände der Anker-Brotfabrik hineinreichen. Ein Teil der Fabrik ist von Schutzbündlern besetzt, die sich dort verschanzt haben. Dennoch geht die Herstellung und der Versand des Brotes ohne Störungen vor sich.
Anzeichen der Entfpannunq.
Wien, 15. Febr. (DNB.-Funkspruch.) Nach den neuesten Meldungen haben die Regierungstruppen allein in Wien 2 0 0 0 Personen festgenommen. Wie inzwischen festgestellt wurde, hatten die Roten einen Gasangriff mitChlorgas geplant. Unter den Toten befinden sich zahlreiche Frauen. Es soll sich dabei nicht nur um unschuldige Opfer handeln, sondern es soll auch vorgekommen sein, daß sich Frauen aktiv an den Kämpfen beteiligt haben. Erst
Ziffern geringer. In politischen Kreisen ist man der Ansicht, daß es der Regierung nach Aberkennung der sozialdemokratischen Mandate keine Schwierigkeiten mehr bereiten würde, den N a t i o n a l r a t einzuberufen und auf diesem Wege eine Verfassungsänderung auf „l egalem" Wege durchzuführen. Die „Reichspost" macht den Vorschlag, aus dem Vermögen der Austromarxisten ei ne n Fonds zu bilden, der dann zur Wiedergutmachung der durch die Kämpfe angerichteten Schäden zu verwenden sei.
Die ersten Todesurteile des Standgerichts vollstreckt.
Wien. 15. Febr. (DNB.) Der Senat des Standgerichtes, der aus drei Oberlandesgerichtsräten zusammengesetzt ist, trat am Mittwoch zum ersten politischen Standgerichtsprozeß zusammen. Gegen zehn Mitglieder des Sozialistischen Schutzbundes ist Anklage auf Aufruhr im Sinne des Standrechtes erhoben worden. Zwei der Angeklagten, die bei den letzten
Kämpfen schwere Verletzungen erlitten hatten, mußten auf Tragbahren in den Sitzungssaal ge- bracht werden, sie wurden jedoch vom Gericht für verhandlungsfähig erklärt. Bei den Angeklagten handelt es sich überwiegend um erwerbslose Arbeiter. Das Standgericht verurteilte den Angeklagten Karl Munichreiter zum Tode durch den Strang. Bei dem Verurteilten handelt es sich um den Führer einer Schuhbundgruppe. Die übrigen neun Angeklagten sind dem Schwurgericht zur Aburteilung überwiesen worden. Das gegen Munichreiter verhängte Todesurteil ist um 16.41 Uhr durch den Strang vollzogen worden.
Am Nachmittag sind drei weitere Standgerichte zusammengetreten. Angeklagt war u. a. der Kommandant der Hauptfeuerwache in Floris- dorf, Ingenieur Weisel. Von dieser Wache wurde die Polizei wiederholt beschossen, wobei zehn Wachbeamte, darunter der Stabshauptmann Friedrich, getötet wurden. Weisel wurde um 21.40 Uhr .zum Tode verurteilt und um 0.42 Uhr hingerichtet.
Englische Augenzeugen berichten.
London, 15. Febr. (DNB.-Funkspruch.) Der Wiener Korrespondent der „Time s" sagt in einem Bericht: Die Verlustliste muß eine schreckliche Höhe , erreicht haben. Schätzungen der Sozialisten geben die Zahl ihrer Toten nur bis Dienstagabend auf nicht weniger als 1500 an, und es ist bekannt, daß die Schlacht, die jetzt in Floridsdorf tobt, d i e blutigste von allen ist. Es scheint, daß in , dem Karl-Marx-Hof allein 350 Personen getötet wurden, nicht nur Schutzbündler, sondern auch Bewohner. Die Regierungsstreitkräfte 1 haben ebenfalls schwere Verluste erlitten. Der Korrespondent sagt: Eine derartige Zusammendrängung menschlichen Leidens auf engem Raum kann es in ganz Europa seit dem Kriege kaum gegeben haben.
Der Korrespondent des Reuterbüros sagt: Un- । zweifelhaft seien viele von den Toten und Verwundeten nicht am Kampf beteiligt gewesen. Ein höherer Offizier der regulären Armee habe in Floridsdorf im Gespräch zugegeben, daß die meisten Verluste wahrscheinlich unter unschuldigen Personen zu verzeichnen seien, die nicht aus ihren, von der Artillerie des Bundesheeres beschosse
nen Wohnhäusern entkommen konnten. Die Abschlachtung von Nichtkämpfern werde eine Zunahme des Hasses der Arbeiterklasse gegen die Regierung Dollfuß sein.
Der Kordrespondent des „Daily Telegraph" führt aus, daß in Oesterreich nicht von einem kommunistischen Aufruhr gesprochen werden könnte. Der Aufruhr sei vielmehr von den Heimwehr- f ü h re r n ausgegangen, die Dr. Dollfuß gezwungen hätten, die Bestrebungen durchzuführen, die sie in ihrem eigenen Putsch vom 13. September 1929 erfolglos zu verwirklichen versucht hätten, einem Putsch, aus dem keine Todesurteile und nicht einmal Verurteilungen zu Gefängnisstrafen erfolgt seien. Der Korrespondent sagt, die Regierungsartillerie führe jetzt das Ende der demokratischen Republik herbei, wenn auch für einen furchtbaren Preis von Menschenleben. Wenn Dr. Dollfuß dieses Schlachtfeld hinter sich habe, werde er sich einem anderen von äußer st er Tatkraft und Entschlossenheit erfüllten Feinde gegenüberstehen, nämlich dem Nationalsozialismus.
Wer Hai angefangen?
gestern abend noch soll eine Frau an den Kämpfen um den Bebelhof teilgenommen haben. Der Kommandant der Feuerwache in Floridsdorf, W e i ß l, der, wie bereits gemeldet, kurz nach Mitternacht h i n g e r i ch t e t worden ist, soll vor dem Gericht in seinem Schlußwort erklärt haben, er bedaure es, daß durch seine Schuld viele Männer unschuldig ihr Leben hätten lassen müssen. Sein Vorgehen sei eigentlich ein Versuch mit untauglichen Mitteln gewesen, sowohl in bezug auf Material als auch Menschen.
Der Wiener Jndustriellenverband hat bekanntgegeben, daß am Mittwoch in allen Betrieben, soweit sie nicht in den umkämpften Gebieten liegen, Vie Arbeit bereits wieder ausgenommen sei. Die Generalstreikparole habe keinen Widerhall gefunden. Vielmehr seien die Belegschaften nahezu vollständigwieder erschienen. In jedem Bundesland stehen höchstens noch die Belegschaften von ein bis zwei Betrieben im Streik; lediglich in Steiermark haben fünf bis zehn Betriebe die Arbeit noch nicht wieder ausgenommen.
Oie Auflösung der marxistischen Verbände. Wien, 14. Febr. (DNB.) Das Bundeskanzleramt hat die Auflösung von insgesamt 36 sozialdemokratischen Vereinen verfügt. Darunter befinden sich sämtliche Zentralorganisationen der österreichischen Sozialdemokratischen Partei einschließlich der Freien Gewerkschaften, deren Spitzenverband, der Bund der Freien Gewerkschaften Oesterreichs, ebenfalls der Auflösung verfallen ist. Die übrigen sind die sozialistischen Arbeitervereine, die Touristen- und Sportvereinigungen, sowie die gesellschaftlichen Vereinigungen, die unmittelbar der Sozialdemokratischen Partei angegliedert waren. Die Wiener Arbeiter bank ist militärisch besetzt und geschlossen worden. Bei der Zentralsparkasse, Gemeinde Wien, fanden bis in Wie Vormittagstunden zahlreiche Abhebungen statt. Das Publikum tand Schlange. Die Regierung hat vor kurzem ämtliche Zahlungen der Zentralsparkasse ein» teilen lassen. Es werden nur geringe Betrage in besonders dringenden Fällen ausgezahlt. In Wien ist der Direktor der Städtischen Leichenbestattungshalle seines Amtes enthoben worden, weil es unter seiner Leitung möglich gewesen sei, daß der Republikanische Schutzbund a u f dem Zentralfriedhof ein Waffenlager angelegt habe.
In Niederösterreich sind die Mandate von 4121 sozialdemokratischen Gemeindevertretern erloschen Rund 150 Gemeindevertretungen sind aufgelöst worden. In anderen Bundesländern, die weniger stark industrialisiert sind, sind die entsprechenden
Ein aufschlußreiches Telegramm. - Ou widrig zu früh
Wien, 14. Febr. (DNB.) Ueber den Beginn des sozialistischen Aufstandes gibt jetzt der Staatssekretär Keuffäbfer - Stürmer in der „Politischen Korrespondenz" eine Darstellung, in der auf das schärfste bestritten wird, daß die blutigen Vorfälle in Linz am Blontag der Anlaß zu dem Aufstand der Sozialdemokraten gewesen seien. Der Sicherheitsdirektor von Oesterreich habe damals keineswegs eine Aktion gegen die Sozialdemokratie geplant. In der Nacht zum Montag sei vielmehr ein Telegramm an den Schuhbundführer Bernaschek aufgefangen worden, das lautete: „Ernst und Anna erkrankt, Unternehmung verfchiebe n.“ Da dieses Telegramm den Behörden verdächtig erschien, sei das sozialdemokratische Parteihaus in Linz beobachtet worden. Man habe eine fieberhafte T ä - (i g f e i t bemerkt und habe wachbeamte in das Haus geschickt, auf die das Feuer eröffnet worden fei. Der Schuhbundführer Bernaschek wurde zwar verhaftet, hatte jedoch noch Zeit, den Befehl zum Angriff zu erteilen. Es stehe somit fest, daß es sich bei den Sozialdemokraten um eine für ganz Oe ft erreich geplante Offensive gehandelt hatte, die durch das verräterische Telegramm um einige Tage zu früh zum Ausbruch kam.
Dollfuß bietet Generalpardon an
Wien, 14. Febr. (DNB.) Bundeskanzler Dr. Dollfuß hat am Mittwochabend im Rundfunk die nachfolgende Mitteilung im Namen der Regierung gemacht, die er zweimal langsam verlas:
„Wer sich von jetzt ab, Mittwoch, um 23 Uhr, jeder ungesetzlichen oder feindseligen Haltung enthält und morgen, 15. Februar, zwischen 7 und 12 Uhr, sich den Exekutivorganen stellt, kann, ausgenommen die verantwortlichen Führer, auf Pardon rechnen. Ab 12 Uhr gibt es für niemand mehr unter keinen Umständen ein Pardon."
Dollfuß stellte in seiner Rundfunkrede einleitend fest, daß das verbrecherische Unternehmen von links ausgegangen sei. Die Arbeiter der Eisenbahn, der Post, des Telegraphen- und Telephondienstes sowie anderer lebenswichtiger Betriebe seien der Generalstreikparole nicht gefolgt. Dennoch
marxistische Aktion in Linz programmlosgebrochen.
hätten die Ereignisse Blutopfer in Wien, Linz und Steyr gefordert. Die Regierung habe sich daher gezwungen gesehen, die gesetzlichen Bestimmungen des Standrechtes mit voller Schärfe anzuwenden. Zwei Todesurteile seien vollstreckt worden. Der Bundeskanzler schilderte darauf seine persönlichen Eindrücke bei einer Besichtigungsfahrt an den Kampfabschnitten. Er persönlich werde die Vormundschaft für sämtliche Kinder übernehmen, die heute Waisen geworden seien. Die blutige Aktion gegen die gesetzliche Staatsgewalt sei ein Irrsinn. Jeder Arbeiter müsse dies jetzt begreifen. Der Bundeskanzler gab den Beschluß der Regierung bekannt und sagte, die Regierung habe sich zu diesem Hlkt der Milde entschlossen, um den Verhetzten di e Umkehr zu ermöglichen. Niemand sollte diese letzte sich bietende Gelegenheit versäumen. Die Regierung sei einmütig und fest entschlossen, auf ihrem Posten für den Frieden, die Ehre und die Freiheit des geliebten gemeinsamen Vaterlandes Oesterreich auszuharren.
Riesige Waffenfunde.
Wien, 15. Febr. (DNB.-Funkspruch.) Einen guten Begriff von der ausgezeichneten Bewaffnung des Schutzbundes geben die Mitteilungen, die der Staatssekretär für das Sicherheitswefen Baron K a r w i n s k y über die Waffenfunde in den eingenommenen Gemeindebauten machte. So sind in den Gemeindebauten in der Sandleiten im Ottakring von den Schutzbündlern freiwillig nicht nur zahlreiche Gewehre, sondern auch 3 0 0 0 Wurfgranaten, größere Mengen Munition und elf Kisten äußerst gefährlicher Sprengstoffe abgeliefert worden. In Jedlersdorf find bezeichnenderweise im sozial- demokratischen Kinderfreundeheim nicht weniger als 600 Mannlicher-Ge- wehre und mehrere Maschinengewehre sowie zahlreiche Handgranaten entdeckt worden.
Oie französische Aniwort in Berlin überreicht.
Berlin, 14. Febr. (DNB.) Der Reichsaußenminister Freiherr von Neurath empfing am Mittwochmittag den französischen Botschafter Fran- x o i s - P o n c e t, der die Antwort feiner Regierung auf das deutsche Abrüstungsmemorandum vom 19. Ianuar überbrachte. Der Botschafter gab dazu weitere mündliche Erläuterungen.
JRanönoten.
Durch ein unter dem 14. Februar verkündetes Gesetz hat die Reichsregierung den Reichsrat aufge hoben. Damit ist auch äußerlich die Flagge des Förderalismus endgültig eingezogen worden. Ein wichtiger Abschnitt deutscher Verfassungsgeschichte findet seinen Abschluß. Der Reichsrat war in gewisser Form Nachfolger des alten Bundesrates gewesen. Der Bundesrat war im kaiserlichen Deutschland die oberste gesetzgebende und entscheidende Instanz, der Kaiser war in ihm nur Primus interpares. Die wichtigste Funktion des Reichsrates war das Zustimmungsrecht zu den Gesetzentwürfen der Reichsregierung, bevor tüefe dem Reichstage vorgelegt werden durften. Zu den vom Reichstage verabschiedeten Gesetzen mußte ebenfalls der Reichsrat zustimmend Stellung nehmen, ein ablehnendes Votum konnte nur durch eine Zweidrittelmehrheit des Reichstages oder durch einen Volksentscheid überwunden werden. Im Gegensatz zur Vorkriegszeit hatte der Reichsrat und hatten damit die Länder nicht mehr ein absolutes Veto. Aber die parlamentarische Geschichte der Nachkriegszeit zeigt, daß mit Hilfe des bedingten Vetos die Länderregierungen noch einen entscheidenden Einfluß auf die Reichspolitik ausüben konnten, der noch dadurch verstärkt wurde, daß der Verwaltungsapparat im wesentlichen in den Händen der Länder und nicht in den Händen des Reiches lag. Wieweit die Rechte der Länder gingen, wurde besonders deutlich durch den für die Nation geradezu lebensgefährlichen Dualismus zwischen Reics^ und Preußen, und der Reichsrat ist stets die Bühne gewesen, auf der diese Gegensätze ausgefochten wurden.
Die schlimmsten Auswüchse der Länderrechte waren nun durch das Ermächtigungsgesetz vom 24. März vorigen Jahres bereits beseitigt worden und durch die Einsetzung der Reichsstatthalter war dafür Sorge getragen, daß der Dualismus zwischen dem Reich und den Ländern nicht wieder aufleben konnte. Immerhin aber waren grundsätzlich die Hoheitsrechte der Länder bestehen geblieben, und darüber hinaus hatte nach wie vor der Reichsrat ein Mitwirkungsrecht auf dem Gebiete der Der- dtiltung. Schließlich hatte er bestimmte Bezirke, in denen er sogar selbständig tätig werden konnte. Mit dem Gesetz vom 14. Februar sind auch seine Verwaltungsbefugnisse den zuständigen Reichsmini stern übertragen worden. Damit haben also auch die letzten Lebensäußerungen der Länder aufgehört.
In dem Gesetz wird ausdrücklich bestimmt, daß die Vertretungen der Länder beim Reiche- fortfallen. Seit. der Einsetzung der Statthalter hatten diese Einrichtungen ohnehin nur noch untergeordnete, mehr informatorische Funktionen zu retten vermocht. Diese Aufgaben werden jetzt vom Reichsinnenministerium übernommen, wo für die Bearbeitung der Ausgaben in den ja noch immer verbliebenen Verwaltungseinheiten besondere Instanzen eingesetzt werden. Im diplomatischen Corps jedoch werden die Gesandten der Länder beim Reich nicht mehr erscheinen. Daß auch hinsichtlich gewisser Vertretungsrechte einzelner Länder gegenüber dem Ausland Die letzten Reste schrittweise beseitigt werden, ist selbstverständlich.
So ist denn der Augenblick gekommen, endgültig vom Reichsrat Abschied zu nehmen. Es wird keinen Deutschen geben, der nicht mit Freude diese Einrichtung endgültig ins Grab sinken sieht, nachdem sie eine besonders wirksame Waffe des Novemberregimes gegen die nationalsozialistische Revolution gewesen ist. Andererseits soll aber nicht vergessen sein, daß gerade in den ersten Jahren vorwiegend marxistischer Herrschaft der Reichsrat wiederhott einen hemmenden Einfluß auf den Gang der Geschehnisse ausgeübt hat, durch den manches Unheil verhindert wurde.
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Wie sehr der Nationalsozialismus das System der Jugenderziehung von ganz neuen Grundsätzen und Gesichtspunkten aus ordnet, veranschaulicht das vom preußischen Kultusminister Rust verordnete Landjahr, in dem ein Teil der zu Ostern 1934 entlassenen preußischen Schuljugend für neun Monate internatsmäßig zu nationalpolitischer Erziehung auf dem Lande zusammengefaßt werden soll. Das Ziel, das der Kultusminister dem Landjahr gesetzt hat, ist durch das Leitwort „nationalpoli- tische Erziehung" gekennzeichnet. Mit dieser Forderung wird das Landjahr den schon bestehenden Erziehungseinrichtungen organisch angefügt Vom Arbeitsdienst, vom Dienst in der Hitlerjugend, und in der SA. und vom Geländesport führt eine ungebrochene Linie zu dieser neuen Erziehungsform.
Um von vornherein Mißverständnissen vorzu- beußen, hat der Minister unzweideutig erklärt, daß es sich bei der Einrichtung des Landjahres nicht um ein angehängtes neuntes Schuljahr handele, sondern daß hier neue und eigentümliche Erziehungsformen lebendig werden müßten. Durch Selbstverwaltung und Selbstversorgung der Heime solle die Jugend zu Verantwortung und Selbständigkeit erzogen werden. Die sportliche Ausbildung, die Orientierung und Bewegung im Gelände, Fahrten und Märsche sollen ihren Körper und ihren Blick stählen, Land- und Gartenarbeit, handwerkliche Werkarbeit soll sie den Sinn und die Verschiedenheit der praktischen Arbeit lehren. Auch eine weitere geistige Ausbildung ist in begrenztem Umfange beabsichtigt. In erster Linie sollen Heimat- und Volkskunde gelehrt werden; dann muß die deutsche Geschichte lebendig gemacht werden. Weiter muß der Jugend Verständnis für R a s s e n - künde vermittelt werden und ein, wenn auch zu- nächst nur primitives Verstehen für agrarwirtschafk- liehe und bäuerliche Arbeit.
Der Hauptwert der Einrichtung liegt aber ohne Zweifel und abgesehen von allem wissensvermitteln-


