Nr. 267 Drittes Blatt
GtehenerAnzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
Mittwoch, 14. November 1934
Aus der Provinzialhauptstadt.
Buß- und Bettag in Hessen gesetzlicher Zeiertag.
Das Staatspresseamt teilt mit: In der Frage, ob der Buß- und Bettag in Hessen als Feiertag zu gelten hat, herrscht noch immer Unklarheit. Es wird deshalb auf das Gesetz über die Feiertage vom 27. Februar 1934 (Reichsgesetzblatt Nr. 22 vom 28. Februar 1934) verwiesen, worin in § 4 unter Nr. 6 der Buß- und Bettag am Mittwoch vor dem letzten Trinitatis-Sonntag als Feiertag auf- geführt wird. Die in diesem Gesetz erschöpfend festgelegten Feiertage sind Feiertage im Sinne reichs- oder landesrechtlicher Vorschriften, so daß also auch in Hessen der Buß- und Bettag am Mittwoch, dem 21. November 1934, gesetzlicher Feiertag ist.
Der Deutsche Gruß im Postdienst.
Nach Vereinigung des Amtes des Reichspräsidenten mit dem des Reichskanzlers und der Zusammenfassung der obersten Regierungsgewalt in der Person des Führers sind die Beamten auf die Person des Führers vereidigt worden. Der Reichspostminister fordert nunmehr in einem Erlaß das Personal der Deutschen Reichspost auf, den deutschen Gruß im Dienst und außer Dienst nur noch durch Erheben des rechten Armes und den gleichzeitigen deutlichen Ausspruch „Heil Hitler!" auszusüh- ren. Beamte, die wegen eines körperlichen Fehlers ober sonst am Gebrauch des rechten Armes verhindert sind, sollen möglichst den linken Arm erheben.
Einkommensteuer-Vorauszahlungen der Landwirte am 10. Dezember.
DNB. Es sind Zweifel bar üb er entstanden, ob hei Land- und Forstwirten die nächste Dorauszah- iung wie bisher am 15. November ober, wie es das neue Einkommensteuergesetz vorschreibt, am 10. Dezember zu leisten ist. Das Reichsfinanzministerium Deist daraus hin, baß bas neue Einkommensteuergesetz bereits in Kraft getreten ist und baß Landend Forstwirte daher ihre nächste Einkommen- iteuervorauszahlung nicht toie bisher am 15. November, fonbern erst am 10. Dezember 1934 zu ent- liichten haben.
Verlängerung der Schußzeit für weibliches Rehwild.
Das Staatspresseamt teilt mit: Es wirb :uf bie in Nr. 265 ber „Darmstäbter Zeitung" be- 'nnntgegebene Derorbnung, bie Ausführung des ii.agdftrafgesetzes, insbesondere Anordnungen wegen ticr Hegezeit betreffend, vom 9. November 1934, inird) die die Hegezeit für weibliches Rehwild neu [«regelt worden ist, verwiesen. Danach ist nunmehr lie Schußzeit für diese Wildart vom 30. N o - lember bis zum 31. Dezember verlän- I e r t worden. Im Hinblick darauf, daß durch die Bekanntmachung vom 8. September 1933 (Reg.-Bl.
194) der ausschließliche Kugelschuß für ehwild vorgeschrieben worden ist, und auf (>runb der Bekanntmachung über die Ausübung Irr Jagd auf Schalenwild vom 19. Juni 1934 Mg.-Bl. S. 103) ber Abschuß von Rehwilb sich rur im Rahmen behördlich genehmigter Abschuß- sl.äne bewegen darf, erschien die bisherige zwei- r onatige für weibliches Rehwild nicht ausreichend, m in allen Fällen den genehmigten Abfchußplan mb einen sorgfältigen Wahlabschuß mit ber Kugel, r ie er zur Erzielung eines gesunden normal ge- c lederten Wildstandes notwendig ist, durchzuführen, («s erschien daher geboten, die Schußzeit für weib- lches Rehwild (Rehgeißen, Schmalrehen, weibliche f ehkitzen) um einen Monat zu verlängern. Für l.ännliches Rehwild (Rehbock und Kitzbock) endigt be Schußzeit wie bisher am 30. November.
Neue Wege in der Verkehrsregelung.
Die neue Reichs-Straßenverkehrsordnung, die am 1. Oktober in Kraft getreten ist, hat das Augenmerk in besonderem Maße auf die Abwicklung des Verkehrs in unserer Stadt gelenkt. Dabei lag es nahe, nicht nur die Zeit nach dem 1. Oktober in Betracht zu ziehen, sondern auch die früheren Monate der Derkehrsentwicklung zu überschauen. Als Ausgangspunkt dieser Betrachtung muß der Grundsatz gelten, daß die Volksgenossen sich dem Verkehr in einer Weise eingliedern, bei der im Interesse der Allgemeinheit der einzelne keine Störungen ober gar Gefahren verursacht, dabei aber auch die gesetzlichen Bestimmungen keine kleinlichen und einengenben Vorschriften darstellen. Das neue Verkehrsgesetz, dem nationalsozialistischen Geiste entsprungen, trägt diesen Gesichtspunkten vollkommen Rechnung.
Wenn man die Durchführung der Verkehrsregelung in Gießen überblickt, so ist festzustellen, daß sie sich dem Geiste dieses nationalsozialistischen Gesetzes nicht nur anpaßt, sondern schon vor dessen Inkrafttreten in der gleichen Weise wirksam gewesen ist. Nicht durch Polizeiverordnungen, die meist nur von wenigen gelesen und behalten werden, oder durch Verbote und Gebote für die Einwohnerschaft, auch nicht durch die scharfen Machtmittel der Polizei ist hier der Bevölkerung das richtige Verhalten im öffentlichen Verkehr nahe- gebracht worden, sondern seit der Neubesetzung der Gießener Polizeidirektion mit einem Nationalsozialisten als obersten Leiter hat man neue Methoden der Verkehrserziehung angewandt, deren Durchführung einwandfrei zeigt, daß das erstrebte Ziel auch ohne Zwangsmittel erreicht werden kann.
Als Beispiel dafür, wie die neue Leitung unserer Polizei es glücklich anpackt, sei einmal erwähnt, daß da an mehreren Tagen in größeren Zeitabständen in den Hauptverkehrsstraßen immer wieder ein großes Auto erscheint, das ringsum mit leuchtenden Plakattafeln behängt ist, auf denen man lesen kann, was der einzelne im Verkehr vornehmlich nicht tun soll. Diese Art der Verkehrserziehung und Aufklärung erreicht bei gutem Willen des Publikums schon mancherlei beachtenswerte Erfolge. Eines Tages ist dann dieses Auto wieder da, besetzt mit einigen verbindlichen und freundlichen Polizeibeamten, die den von dem ersten Verkehrserziehungsmittel noch nicht erfaßten Volksgenossen bei der Erfassung der neuen Verkehrspflichten etwas nachhelfen, höflich und liebenswürdig, aber fachlich, klar und unmißverständlich. Dabei müssen die Be
amten gelegentlich auch einmal ein Wort der herben Kritik oder einen schweren Stoßseufzer mit anhören. Doch man muß sich an alles gewöhnen, und der Schmerz geht auch einmal vorüber. Immerhin hat diese Methode sich bisher in recht glücklicher Weise ausgewirkt.
Wer aufmerksam den Verkehr in den Straßen unserer Stadt beobachtet, wird zugeben müssen, daß sich seit einiger Zeit hier schon mancherlei gebessert hat und die Hoffnung berechtigt ist, daß dank der psychologisch richtigen Handhabung durch die Polizei und dank der Einsicht in immer größeren Kreisen der Bevölkerung die Verkehrsabwick- lung auch weiterhin an Besserung gewinnen wird. Die Verkehrsunfälle, deren Zahl sich bisher schon vermindert hat, dürften bei dieser Methode immer mehr nachlassen und damit Schädigungen der Allgemeinheit vermindet werden. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß die Polizei sich weiterhin bemühen wird, ihr erstrebtes Ziel unter den schwierigen Ver- kehrsverhältnissen in Gießen mit aller Tatkraft zu erreichen, wobei vor allem auf die unter psychologischen Gesichtspunkten richtig orientierte Verkehrserziehung geachtet werden wird, erforderlichenfalls aber auch die Anwendung aller Machtmittel nicht außer Betracht bleibt. Wie wir von der Polizei hören, sind zur Erreichung ihres Zieles schon für die nächste Zeit noch weitere Verkehrsverbesserungen im Interesse der Allgemeinheit geplant.
Die bisherige Tätigkeit unserer Polizeiorgane im Sinne einer für alle Teile der Gießener Bevölkerung annehmbaren Neugestaltung des Verkehrswesens hat mit Recht in weiten Kreisen der Mitbürger die verdiente gerechte Würdigung gefunden. Es ist anzuerkennen — und wird auch von allen einsichtigen Volksgenossen in gebührender Weise gewertet — daß die Polizei ernstlich bemüht ist, auf diesem Wege allen Volksgenossen behilflich zu sein und sie selbst, aber auch die Allgemeinheit soweit wie nur irgendmöglich vor Schaden zu bewahren. Als angenehme Beigabe dazu ist weiter in Erscheinung getreten, daß sich auch eine angenehmere Tonart im Umgang zwischen Polizei und Publikum und umgekehrt herausgebildet hat. Wenn beide Teile in zielbewußtem Streben auf den von der neuen Leitung der Polizeidirektion gewiesenen Wegen fortfahren, wird zweifellos dem Wohle der Volksgemeinschaft in unserer Stadt in guter Weise gedient sein. Dazu kann die Bevölkerung von sich aus sehr wirksam mithelfen, wenn sie immer auf glatte Abwicklung des Verkehrs durch verständiges Verhalten in den Straßen bedacht ist.
Zur Saarabstimmung ist dieses Abzeichen geschaffen worden, das — zur Kennzeichnung der Bodenschätze des Saargebietes — ein Stück Saarkohle trägt.
NSBDT. (früher KDAI.).
Donnerstag, den 15. November, abends 8% Uhr, spricht im Hörsaal des Geologischen Instituts, Braugasse 7, Pg. Professor Dr. Hummel über „Geologie in der Technik" (mit Lichtbildern). Für Mitglieder des NSBDT. ist Teilnahme Pflicht. Gäste sind willkommen.
Gez.: Kurz, Kreisamtsleiter.
Vornotizen.
— Tageskalender für Mittwoch: NS.» Frauenschaft Gießen-Süd, 20.15 Uhr, „Bürgerhof", Ortsgruppenabend. — NSLB. Kreis Gießen, Fachschaft „Körperliche Erziehung", Schillerschule, Tagung der Arbeitsgemeinschaft. — NSLB., Arbeitsgemeinschaft „Volksschule", Gießen-Stadt, 16 Uhr, Zeichensaal der Schillerschule, Vortrag über „Heimische Vorgeschichte". — Stadttheater, 19.30 bis 21.45 Uhr „Opferstunde". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der junge Baron Neuhaus". — Skiklub Gießen, Gießener Eisverein, Institut für Leibesübungen der Universität, Schneelaufriege des Tv. 1846, 20 Uhr, Aula der Universität, Vortrag von Randmod Sörensen, anschließend zwei Skifilme. — Eafä Amend, 16 und 20.30 Uhr, Wintermoden- und Schmuckschau.
Saarkundgebung im Caf6 Leib.
Vom Bund der Saarvereine, Ortsgruppe Gießen, wird uns folgendes geschrieben:
Zu der am morgigen Donnerstag, 15. November, 20.30 Uhr, im Cafe Leib stattfindende Saarkundgebung laden wir die Einwohnerschaft von Gießen herzlich ein. Besonders sind uns unsere Landsleute von der Saar, die z. Z. in Gießen zur Erholung weilen, herzlich willkommen und wir freuen uns, sie bei uns begrüßen zu können. Der Redner, Post- amtmann Anschütz, ist uns Saardeutschen kein Unbekannter, denn er steht seit Jahren in vorderster Front für die Rückgliederung unserer Heimat zum Vaterland. Einstmals als Führer der saarländischen Beamtenschaft stand er gegen die Saarregierung in erbittertem Kampf und wurde deshalb aus feiner Heimat ausgewiesen. 15 Jahre lang mußte er mit seiner Familie außerhalb des Saarlandes weilen, und wenn der Abstimmungskampf vorüber ist, wollen wir uns mit ihm freuen, daß er wieder dort zurückkehren kann, wo einst feine Wiege stand.
Deutsche Arbeitsfront.
kreiswoltung Gießen.
Am 15. November, abends 20.30 Uhr, veranstaltet die Ortsgruppe Gießen des Bundes der Saarvereine im Cafe Leib eine Saarkundgebung, verbunden mit einem Lichtbildervortrag. <
Die Mitglieder der DAF. werden hiermit aufgefordert, sich ebenfalls an dieser Kundgebung zu beteiligen.
Heil Hitler!
Kreiswaltung: Reitz.
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NS.-Gemeinfchaft „Kraft durch Freude".
Am kommenden Freitag, 16. November, abends 8 Uhr, findet in der Aula des Gymnasiums die erste offene S i n g ft u n d e für die Stadtbevölkerung von Gießen statt. Wer Freude am echten deutschen Volkslied, am frischen Kanon und am guten Mannschaftslied hat, ist herzlich zum Mitsingen eingeladen. Der Eintritt ist frei.
— Stadttheater Gießen. Heute, Mittwoch, abend: Wiederholung des Dramas „Opfer- stunde".
— Schaffung von Eigenheimen -r ein Lichtbildervortrag. Am morgigen Donnerstag findet, veranstaltet von der Eigenheim-Ausstellung Seltersweg 75, im Hotel Prinz Carl ein Lichtbildervortrag statt, der allen Interessenten Aufklärung über die Möglichkeit der Errichtung eines Eigenheimes verschaffen soll. (Auf die heutige Anzeige sei hingewiesen.)
— Hausfrauenveranstaltung im Cafe Leib. Die Abteilung Hauswirtschaft und Volkswirtschaft der NS.-Frauenschaft Gießen veranstaltet in der Zusammenarbeit mit dem Milchwirtschaftsverband Hessen am kommenden Freitag im ! Caf^ Leib eine Hausfrauenveranstaltung, die in i Wort und Bild über die Milch und ihre' Produkte 1 Aufklärung verschaffen soll. Ueber das Schulmilchfrühstück, über den Fettplan der Reichsregierung u. a. m. wird in allgemeinverständlichen Ausführungen gesprochen werden. Auf die heutige Anzeige sei hingewiesen.
Gießener Gtadttheater.
Hellmuth Unger: .^pferstunde".
Dr. med. Hellmuth Unger, gebürtig aus Nord- fnusen, von Beruf Augenarzt in Leipzig, ist schon tuld nach dem Kriege als Erzähler und vor allem 15 Dramatiker bekannt geworden. Von seinen Schauspielen nennen wir „Spiel der Schatten", Mutterlegende", „Menschikow und Katharina"; die Lsser des Gießener Anzeigers werden sich vielleicht an den vor vier Jahren in den Familienblättern e: schienenen Roman „Eisland", die Geschichte einer Spedition, erinnern.
Ungers jüngstes Stück, „Opferstunde", ein Drama lir. drei Akten, beginnt mit einer etwas umständlichen Exposition, welche an die Schauspiele des Na- ilnalismus erinnert; man denkt, mehr als einmal, ara Ibsen, der in den „Gespenstern" ein ähnliches I jema anschlug, aber man merkt auch bald, daß '! Unger mit dieser Fabel, die begreiflicherweise ihn ab Arzt ganz besonders beschäfttgen und zum Nach- binEen reizen mußte, einen Stoff von brennender Mutualität aufgegriffen hat, ein Thema, das heute sozusagen in der Luft liegt, das in Gesprächen, in bin Zeitungen und in den Hörsälen eingehend und in mer wieder diskutiert wird.
Wir alle kennen den weitverzweigten Fragen- kcrnplex, der sich um die Gebiete der Rassenpflege, bar Ahnenforschung und der Familienkunde gruppiert. Wir wissen auch, daß der nationalsozialistische aat eine neue, in die Zukunft weisende Bevölke- Tungspoütit auf dem Gesetz zur Verhütung erb- linnfen Nachwuchses aufgebaut hat. Während aber b^fe Dinge bisher vorwiegend theoretisch an uns I) trangetragen wurden, hat Unger in seinen drei Bitten gewissermaßen einen jener Fälle aus der L'axis aufgegriffen, — wie sie bisher erst hin und D,eder aus Zeitungsberichten bekannt wurden — tun daran als an einem Beispiel zu zeigen, worum ts sich handelt. Was der Naturalismus lediglich als r tbestand registrierte, als Lebensausschnitt oder ) stand schilderte, wird hier nicht nur aufgezeigt, nöern auch ausgetragen: es wird nicht nur gemildert, sondern auch gefordert. So haben wir also ti: Problem- und Thesenstück vor uns, das zugleich üre Nutzanwendung auf einen sehr wesentlichen 3-fstandteil nationalsozialistischer Weltanschauung bedeutet.
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Die Aktualität der Vorgänge gründet sich nicht |o fsehr auf die Bemerkung des Theaterzettels, daß lit Vorgänge sich im Frühjahr 1934 in der Woh- nng einer Berliner Familie ereignen, sondern dar- tu', wie aus diesen Vorgängen die im Sinne der leinen Lehre einzig möglichen Folgerungen gezogen erben. Die Familie des Direktors Bergmann be
steht aus dem Vater und zwei erwachsenen Töchtern, Hilde und Gerda; die Mutter ist, wie es zunächst heißt, nach der Geburt des dritten Kindes, eines Sohnes, der in Amerika durch Selbstmord endete, gestorben: dies ist, wie wenig später ein Geständnis des Vaters ergibt, eine fromme Lüge Bergmanns gewesen, um die beiden Töchter (vor allem die jüngere, Hilde, die seinem Herzen besonders nahe steht) zu schonen: die Mutter lebt, wenn man es leben nennen kann, sie fristet, unheilbar geisteskrank, ihr Dasein in einer Anstalt.
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Da die Mutter der Aermsten, wie sich ferner herausstellt, ebenfalls an der furchtbaren Krankheit gelitten hatte, ergibt sich das typische Bild einer erb- ungesunden, von einer Seite her schwerwiegend belasteten Familie. Der Fall wird akut, da die jüngste Tochter — während die ältere mit einem Deutschamerikaner in kinderloser Ehe lebt — im Begriff steht, sich zu verheiraten und keineswegs gewillt ist, auf Kinder zu verzichten; im Gegenteil, sie wünscht sich, als eine von Grund aus weibliche und mütterliche Natur, von ganzem Herzen viele Kinder, worauf die ganz anders geartete ältere Schwester leichten Sinnes und freiwillig verzichtet.
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Der alte Bergmann glaubt die fromme ßüge nicht länger verantworten zu können; er will fein Kind nicht blind ins Unglück stürzen lassen. Hilde erfährt, wie es um ihre Familie steht, und schildert ihrem Verlobten, der Arzt'ist, ihren eigenen Fall, ohne ihn wissen zu lassen, daß es sich um die von ihm geliebte Frau und also auch um sein eigenes Lebensglück handelt. Er entscheidet so, wie er als Arzt nach den Erkenntnissen und Grundsätzen der Erb- gesundheitslehre entscheiden muß und spricht damit । ahnungslos ein Todesurteil: Hilde läuft, unter der Wucht dessen, was da wie mit Keulenschlägen auf sie einbringt, aus dem Haus, bleibt zwar vor dem Schlimmsten, bas bie Ihren befürchten müssen, in letzter Stunbe bewahrt unb kehrt zurück — aber als ein armes, vom Schicksal geschlagenes Menschenkind, dem nichts übrig bleibt, als auf das große und nahe Glück feines Lebens, auf die Gemeinschaft mit dem geliebten Mann und die Erfüllung seines mütterlichen Gefühls, für immer zu verzichten.
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Die Aufführung wurde von Anton Neuhaus geleitet. Er bemühte sich, in der Inszenierung den gehaltenen Ton des Kammerspieles mit dem Ernst und der Leidenschaftlichkeit einer sehr gegenwärtigen Diskussion (auch aktuelle Fragen unserer Außenpolitik und des Deutschtums im Auslande werden im Mittelakt gestreift) zu einer Einheit zu verbinden und die Zuschauer sowohl die grundsätzliche Bedeutung des Falles von der Bühne empfinden zu lassen, als auch die rein dramatischen und theatralischen Akzente ber Hanblung herauszuarbeiten.
Für ben burch brei verhältnismäßig kurze Akte gleichbleibenben Schauplatz hatte ber Bühnenbilbner Karl Löffler gemeinsam mit Herrn Keim (Beleuchtung) ben angemessenen Rahmen unb eine zweckdienliche Raumgliederung geschaffen.
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Recht eigentlich im Mittelpunkt der handelnden Personen steht die junge Hilde Bergmann, die Elisabeth W i e l a n b e r mit Takt und Wärme spielte; sie verstand die Entwicklung dieses Mädchens feinfühlig und eindrucksvoll wiederzugeben von ber lebensfrischen Hoffnungsfreubigkeit zu ber schwer errungenen Fassung bes großen Verzichtes ihrer bunklen Dpferftunbe.
Sehr gut auch, gesammelt, burchbacht unb von innen heraus spielte Herr Kühne den von quälender Erkenntnis und schwerer Verantwortung um bas Lebensglück seines Kindes belasteten Vater.
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Frau Rose Stir 1 in der Rolle der Gerda, die, wenn wir uns nicht täuschen, ihrem Wesen nicht sonderlich entsprach, fand sich geschickt und dezent mit dieser bewußt eingeführten Kontrastfigur zurecht. — Sympathisch, mit klarer und unverstellter Natürlichkeit gab Herr Lüpke den mit Hilde verlobten jungen Arzt. — Herr Geiger verlieh dem beruhigenden Optimismus des alten Herrn Reit überzeugenden Ausdruck, während Herr Quad- flieg in der etwas unglücklichen und im Gefüge des Dramas kaum belangvollen Rolle des Klaus leider nicht viele Chancen hatte, feine (Eignung für I das Fach des jugendlichen Helden zu erweisen. \ Herr Dieten und Fräulein I. G. W e y l, die ; sich in einer kleinen Aufgabe recht vorteilhaft ein- füyrte, rundeten das Ensemble angenehm ab.
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Die Aufführung fand starken Beifall und dürste manchen Besucher zu ernstlichem Nachdenken angeregt haben. hth.
Komödie der Irrungen.
Ein zerstreuter Kraftwagenfahrer rief auf Roms vornehmster Straße, der Via Veneto, einen Menschenauflauf und wilde Gerüchte von einer Entführung hervor. Der Schuldige, der auf den Namen Manfredi hört, hatte- mit seinem Wagen vor einem Lokal gehalten, und nachdem er sich gestärkt hatte, sprang er rasch in den Wagen und fuhr davon. Er sah nicht, daß in dem Wegen eine Dame saß, die eifrig damit beschäftigt war, vor ihrem Handspiegel die Schönheit ihres Teints aufzufrischen. Die'Dame, vertieft in ihre wichtige Arbeit, bemerkte ihrerseits nicht, daß vorn ein fremder Mann saß. Als sie aber mit dem Verschönerungswerk fertig war und nun den Fremden erblickte, fielen ihr die furchtbarsten Geschichten von amerikanischen Entführungen und Erpressungen ein, und sie schrie
gellend auf. Der erstaunte Manfredi sah sich um und fragte sie, was sie in seinem Wagen mache. „Das ist nicht Ihr Wagen, sondern der meines Mannes!" lautete die empörte Antwort. Nun erst dämmerte es dem Zerstreuten, daß er in einen Wagen gestiegen war, der zwar dem feinen glich wie ein Ei dem andern, der aber doch nicht der seine war. Unterdessen hatte der verlassene Gatte, feiner Frau und feines Wagens beraubt, die Polizei alarmiert, und die tollsten Gerüchte von einer Entführung durchschwirrten die Straße. Die Polizei nahm sofort die Verfolgung auf, und eine große Menschenmenge versammelte sich vor dem Restaurant. Manfredi gelang es, die aufgeregte Dame zu beruhigen, und er fuhr zurück, bevor die Polizei feine Spur endeckt hatte. Aber obwohl fein Wagen noch an Ort und Stelle stand und feinen Irrtum bewies, stand ihm doch eine peinliche Situation bevor. Der wütende Gatte stürzte sich nämlich auf ihn; nur mit Hilfe der Polizei konnte der Friede wieder hergestellt werden, und die Entschuldigungen des „Entführers" wider Willen wurden schließlich angenommen.
Zeitschriften.
— „Der Naturforsche r", vereint mit „Natur und Technik". Novemberheft 1934. Vierteljährlicher B-'mgsvreis 2,50 Mark; Preis des Einzelheftes 1 Mk. Hugo Bermühler Verlag, Berlin- Lichterfelde. — Wie die heutige Chirurgie den Kampf gegen den Schmerz mit immer vollkommeneren Mitteln führt, zeigt in allgemein verständlicher Darstellung der Heidelberger Chirurg Prof. Dr. med. Kirschner. Neue Natururkunden aus dem geheimnisvollen Leben unserer einzigen fliegenden Säugetiere bietet der Aufsatz von Dr. Eisentraut mit schönen Bildern von Ernst Krause: Fortpflan- zungsgewohnbeiten unserer einheimischen Fledermäuse und Pflege der Jungen. Dr. Henke gibt an Hand von Zeichnungen und Photos eine interessante Darlegung der Entstehung der Zeichnungsmuster bei den Tieren. Der Direktor der Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen und Mitherausgeber der Zeitschrift, Prof. Dr. W. Schoenichen, berichtet von dem neuen Schweizer Nationalpark „Aletsch-Wald" mit mehreren prachtvollen Ausnahmen. Ein aktuelles Problem behandelt Prof. Dr. Andersen: Chemische Geschlechtsbeeinflussung. In die neuesten Ergebnisse der Physik führt Dr. Kuhn mit seinem Bericht über neue Forschungen über das Positron, in die junge Steinzeit Dr. Ernst Frickhinger, der von Tier- und Speiseresten aus jenen längst verklungenen Tagen berichtet. Zahlreiche kleine Beiträge, eine Uebersicht über die neueste naturwissenschaftliche Literatur, Bücherbesprechungen und eine Bildpreisfrage beschließen das ungemein vielseitige, prachtvoll ausgestattete und bebilderte Heft.


