Nr. 136 Drittes Blatt
(Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Donnerstag, 14. Juni 1934
S.Jixfpori
Vier Spiele trägt der FC. Madrid auf deutschem Boden aus. Die Spanier, in deren Reihen zahlreiche Internationale, u. a. der Torhüter Za- morra stehen, spielen am 16. Juni gegen Polizei Chemnitz, am 17. Juni gegen den Dresdener SC., am 19. Juni gegen den Homburger SV. und am 1. Juli gegen Fortuna Düsseldorf.
Die Ergebnisse des Turnens der Vereinsriegen
Sehr gut: Tv. 1846 Gießen, Dv. Sinn.
Gut bis sehr gut: Launsbach, Herborn, Wetzlar, Burg-Gemünden, Ballersbach, Krofdorf, Burgsolms, Wiefeck, Waldgirmes, Niederscheld, Dillenburg, Straßebersbach, Großen-Linden.
Gut: Merkenbach, Ehringshausen, Werdorf, Homberg, Eichelshausen, Oberndorf, Alsfeld.
Genügend bis gut: Leihgestern, Großen-Bufeck, Burg.
Fechtriegen.
Tv. 1846 Gießen gut; Tv. Wetzlar genügend.
Halbschwer: Schultheiß, Deutscher Meister der Jugendklasse — Belloff
oajmer: Nelde, Kreismeister — Walter.
Kurze Sportnotizen
, fre!?5 am Wochenende werden die Vor- lchluhrunden um den Davispokal 1934 ausgetragen, xin Paris treffen sich vom Samstag bis Montag Frankreich und Australien, während Italien und die Tschechoslowakei vom Freitag bis Sonntag in Mailand spielen.
Das 1. Kreisturnfest zu Großen-Lnden
Der Festverlauf am Sonntag
Die Olympia-Werbetage in Königs- ? ?Z0iJlrfl^Plen einen glänzenden Verlauf. Bei den leichtathletischen Wettbewerben, die vor 5000 Zuschauern zum Austrag kamen, kam Schein (Hamburg) zu einem Doppelerfolg. Die 100 Meter ge- wann er in 10,7 Sekunden und legte auch auf die
&R& -Derbandsachter-Mannschast in Berlin.
Die Verbands-Achter-Mannschaft der Gießener Rudergesellschaft 1877 e. V. fuhr am gestrigen Mittwoch, 13.33, nach Berlin, um sich mit der Rennstrecke auf dem langen See in Grünau vertraut zu machen. Die Vorrennen für die beiden großen Achter finden bereits am Freitag, 11.20 Uhr xum SÜEenffein.adjte,:, 19.30 Ul)r zum V- " bands-Achter statt. Im Vorrennen zum B u x e n st e - n - A ch t e r trifft die GRG. auf den Ruderclub „Germania Königsberg (das 2. Boot
>?er ??Ä^-^ost 1933) und auf die Berliner ^Uxer9raer 1^84, im Verbands-Achter auf R^.^'Gefellfchaft Wicking, Berlin, und auf den vorjährigen Deutschen Meister, Würzburger Ruder- verein.
Die Mannschaft ist sich ihrer hohen Aufgabe be- ^at stch stit der Heidelberger Regatta wesentlich verbessert und hofft den Namen ihrer Vaterstadt in der Reichshauptstadt würdig zu vertreten.
Mitwirkung Auslandsdeutscher an den Deutschen Kampfspielen
Nach den Ausschreibungen für die Deutschen Kampfspiele Nürnberg 1934 (23. bis 29. Juli) fön« Aeu stch an diesem gewaltigen Sportereignis des Dritten Reiches auch Auslanddeutsche, gleichgültig wo sie wohnen, beteiligen. In den letzten Tagen Ä xn?n e’n Schreiben aus einer skandinavischen ?Eudt im Rathaus zu Nürnberg eingelaufen, in dem oer Besuch eines Auslanddeutschen als Vertreter des Deutschen Sportclubs jener skandinavischen Stadt angekundigt wird. Dieser ersten Meldung dieser Art werden zweifellos weitere folgen. So fällt den Kampfspielen auch die wichtige Aufgabe zu die in der ganzen Welt zerstreuten Angehörigen des deutschen Volkes wieder in Verbindung mit dem ^Eorlande zu bringen und dadurch ihr National- gefuhl zu stärken.
Schwerathletik.
1. Kraftsportklub 1893 Gießen — Sportklub „Eiche- Hanau.
Der 1. Kraftsportklub 1893 Gießen, der in die- fem Jahre die Mannschaftsmeisterschaft der A= blasse im Gau XII Nordhessen errang, hat sich die Meistermannschaft des Sportklubs „Eiche" 1901 Hanau zu Gaste geladen, um am kommenden Sonntag im Cafö Leib einen Freundschaftskampf im griechisch-römischen Ringen auszutragen.
Hanau steht in Süd- und Westdeutschland im Rmgen an führender Stelle, ist wiederholter Kreis- und Gaumeister und hat sich mit guten Erfolgen an den Endkämpfen um die deutsche Mannschaftsmeisterschaft beteiligt. Es ist daher für Gießen eine schwere Aufgabe, gegen eine Mannschaft von solch hervorragendem Können in Ehren zu bestehen. Trotzdem werden die Gießener Ringer alles aufbieten, um zu einem achtbaren Erfolg zu gelangen.
Die Ringer werden sich in folgender Aufstellung gegenübertreten (Hanau jeweils zuerst genannt):
Bantam: Müller, Kreismeister — Götz Feder: Wissel, Gaumeister — Funk Leicht: Dauth, Gaumeister — Klotz Welter: Schlee, Meister von Nordbayern —
Tuzel
Am frühen Morgen, kurz nach 5 Uhr, erklang der Weckruf und 6.30 Uhr begann die einfache, aber ernste und feierliche Morgenandacht. Pfarrer Schultheiß verstand es, an die Herzen feiner jugendlichen Hörer zu klopfen und ein Echo zu wecken.
Und dann begann unter Leitung von Kreis-Ober- turnwart Schüler (Wetzlar) und feinem Stab Don technischen Führern und einer Schar Kampfrichtern und Riegenführern ein munterer, aber harter Wettkampf an allen Geräten und in volkstümlichen Hebungen. Geturnt wurden ein Zwölf- und ein Zehnkampf (Ober- und Unterstufe), sowie ein Fünfkampf für aktive Turner und für Jugendturner in Ober- und Unterstufe. Bei vorbildlicher Disziplin und guter äußerer Ordnung, für öie sich eine größere Zahl SA.-Männer verdient machten, zeigte das Turnen einen flotten und reibungslosen Verlauf und brachte auf allen Stufen sehr beachtenswerte Leistungen, nicht selten sogar Glanzleistungen. Es war ein herrliches Bild von Gesundheit, Schönheit und Kraft, das jedes Turner- Herz höher schlagen ließ, und das sehr eindrucksvoll zeigte, daß die Stärke eines Volkes in der natürlichen Kraft feiner Menschen wurzelt und daß die DT. durch Hebung dieser Kraft größten Anteil hat an der Auswärtsbewegung unseres Volkes.
In den ersten Nachmittagsstunden bewegte sich unter Führung der Spitzenreiter und der Festmusik ein schier endloser
Iestzuy
200 Meter in 22,2 Sek. Beschlag. Die 1500 Meter entschied der Berliner Göhrt in 4:06,9 zu seinen Gunsten. Den Speer schleuderte S t o e ck (Berlin) 66,55 Meter weit und im Weitsprung schasste Krtschil (Breslau) 6,97 Meter. In einem Fußballtreffen schlug eine Berlin-Dresdner Mannschaft eine Elf aus Königsberg-Danzig überlegen mit 5:1 (4:0).
Beim„SportfestdesDeutschenOstens" am kommenden Sonntag in Breslau geht im Kugelstoßen der bekannte tschechische Wurfathlet und Weltrekordmann Douda an den Start. Eine polnische Fußball-Auswahlmannschaft trifft aus Sch le- siens Gaumannschaft.
Aufnahme und Bewirtung der Turner und mahnten die Turner, die Turnaroeit weiter zu pflegen zu ihrem eigenen Nutzen und zum Wohle der Gesamtheit. Durck seine turnerische Tätigkeit schafft der Turner Vermehrung des Volkswohls durch Hebung der Volkskraft. Und es ist ein köstliches Gut, wenn in einem gefunden, starken Körper ein strahlender Geist wohnt.
Während des Turnens am Vormittag hatte eine Abordnung am Gefallenendenkmal auf dem Friedhof einen Kranz niedergelegt. 3n feiner Schlußansprache gedachte der Kreisführer auch noch einmal der Gefallenen und die Musik spielte bei feierlicher Stille das Lied vom guten Kameraden.
Als Schluß der Turnerarbeit erfolgte unter der Führung von Kreis-Oberturnwart Schüler und Männerturnwart Karl Reuter (Gießen) die
Siegerehrung.
Den Siegern galt ein allgemeines und kräftiges „Gut Heil".
Alles in Allem, das erste Kreisturnfest war ein Fest bester Ordnung und nahm schönsten Verlauf. Alle Mitwirkenden gaben ihr Bestes und trugen zum guten Gelingen bei. Besonderer Dank gebührt der Einwohnerschaft von Großen-Linden und dem dortigen Turnverein.
Die Deutsche Turnerschaft wird weiterarbeiten in Treue zum Volke, in Treue zur Heimat, in Treue zum Führer von Tschammer-Osten und in Treue zum Reichskanzler Adolf Hitler.
durch die Hauptstraßen des Städtchens. Es war ein schönes Bild: die HI. und eine stattliche Zahl SA.- Männer im Braunhemd, die Turnerinnen im weißen Kleid, die Turner in Turnkleidung, dazwischen Banner und Wimpel und die vielen Fahnen, von denen manche 70 und mehr Jahre an Alter zählten (Gießen, Wieseck, Hausen).
An turnerischer Arbeit brachte der Nachmittag das Turnen der Vereinsriegen und die allgemeinen Freiübungen. Unterdessen hatte der Berechnungsausschuß still, aber fleißig, ernste Arbeit geleistet, so daß die Siegerehrung noch bei guter Zeit erfolgen konnte. Kreisführer D a u p e r t und Gau-Oberturnwart Paul er» f a A • c «. • 19riffen das Wort, dankten den Bewohnern von
Mittel: S11 e f, Kreismeister — Wagenpfeil! Großen-Linden und Leihgestern für die herzliche
Um die Vezirksmeisterschast im 100-Kilomeler-Straßenrennen.
Lieger Hch.Preitz RB. „Germania" Gießen
Nach langer Pause war Friedberg wieder einmal Start und Ziel eines größeren Nadrenens. DerJRabtourenflub Friedberg und der RV. „Frisch Auf" Fauerbach waren mit der Ausrichtung des 100 Km-Rennens des Bezirkes Gießen beauftragt worden. Die Strecke bestand aus zwei Schleifen. Die ersten 50 Kilometer gingen durch den östlichen Teil der schönen Wetterau, mit kaum irgend wel- chen größeren Steigungen und die restlichen 50 Kilometer liefen durch den westlichen Teil der Wet» terau am Fuße des Taunus entlang. Diese restlichen 50 Kilometer zeigten Steigungen allen Formates. Hier entschied sich auch das Rennen.
Der CRentwerlauf.
Herrlich blauer Himmel strahlte, als sich dem Be» zirkssportwart Deibel aus Gießen um 6.16 Uhr die Rennfahrer zur Verfügung stellten und bald darauf auf die Reise geschickt wurden.
Göbel -Wetzlar übernimmt die Führung und im flotten Tempo geht es durch die Stadt Friedberg. Bereits 1 Kilometer vom Start entfernt, muß Faust-Gießen infolge Achsenbruches aufgeben. Der hoffnungsvolle Rennfahrer Steinmetz- Fulda hat nach einem weiteren Kilometer den ersten Rei- fenschaden. Kurz vor Melbach fällt schon der erste zurück, es ist Weber- Gießen. Auch versucht die Spitze einen Vorstoß zu machen, der ihr aber nur 100 Meter Vorsprung einbringt. Bei diesem Vorstoß fallen A b r i e - (Tronsberg und Klappert» Gießen zurück. P r e i ß - Gießen führt durch Mel- bach und wird bald durch Göbel abgelöst. Nachdem einige Fahrer abgefallen waren, besteht die Spitzen- gruppe aus 12 Mann und wird von Preiß geführt. 7.05 Uhr erfolgt in Nidda die erste Abwurs-Kon- trolle. Um 7.57 Uhr wird Friedberg in strammer Fuhrt passiert. Der 17jährige und erstmalig fahrende Schweitzer- Friedberg führt zur Freude seiner einhemischen Sportfreunde die aus 11 Mann bestehende Spitzengruppe.
Nun geht es in die restlichen und entscheidenden 50 Kilometer! Mit herrlichem Blick auf den in der Morgensonne liegenden Taunus geht es nach Rosbach zu, M ö b u s - Gießen versucht einen Vorstoß, der aber schnell abgestoppt wird. Bei Holzhausen erfolgt der erste Sturz, es ist Schmidt- Wölfers- heim, aber bald ist der Schaden behoben und Schmidt hat wieder den Anschluß an die Spitzengruppe. Bei Ober-Erlenbach fällt Lecke- Wölfersheim zurück, er kommt jedoch bald wieder auf und fällt wiederum zurück. Jetzt ist es an der Zeit durchzugehen. Möbus und Preiß machen einen Vorstoß, der ihnen gleich 150 Meter einbringt und sich bis auf 600 Meter vergrößert. Aber die Freude ist nicht groß. Von Ober-Erlenbach kommend erreichen die beiden Ausreißer Kloppenheim und fahren geradeaus, anstatt linksum den richtigen Weg. Der Kontrollwagen fährt ihnen nach und holt sie zurück, aber die Verfolger haben bereits Kloppenheim passiert. Es haben sich zwei Gruppen gebildet. Die eine Gruppe, und zwar die erste, fuhrt Becker- (Tronsberg und die zweite Gruppe wird von Möbus und Preiß geführt, die die Verfolgung der Spitzengruppe erneut ausgenommen haben und immer näher kommen. Die Spitze be- steht aus Becker, Horn, Göbel und Schweitzer. Göbel fällt jedoch bald ab. ^Bei Okarben gibt es noch einmal einen Sturz. Kurz vor Friedberg erreicht Preiß die Spitze. Er geht an der Spitze mit mächtigem Tempo vorbei und siegt mit knapp einer Minute Vorsprung.
Ein herrliches Rennen war zu Ende. Die ©tra- ßen waren in allen Orten von Schaulustigen besetzt.
Was mein einstwm...
Vornan von Klothilde von Gtegmann
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag Halle (S.) 4 Fortsetzung Nachdruck verboten!
Ein unartikulierter Laut des Schmerzes und der Empörung kam von den Lippen des Borons — dann schrie er:
„Lump, Sie Lump! Wußte ich doch, daß irgendeine Infamie dahinterstecken müsse, die sich der Teufel selbst nicht ausdenken kann. Mein Kind, mein Kleinod soll ich Ihnen versprechen? Sind Sie wahnsinnig, Mensch? Schon der Gedanke allein erniedrigt (Ebele. Niemals, hören Sie, niemals werde ich das tun! Lieber gehe ich betteln."
„Dann gehen Sie betteln!" kam es mit eisiger Stimme zurück. „Aber dann geht (Ebele mit Ihnen. Bebenken Sie, was Sie ausschlagen! Wenn Sie auf meinen Vorschlag eingehen, werden Sie hier weiterleben, als wäre nichts geschehen — zehn Jahre lang, Baron! Und daß ich später meinen Schwiegervater nicht ins Unglück bringen werde, das versteht sich doch von selbst. Sie können (Ebele in allem Luxus erziehen, in aller Sicherheit, deren sie bedarf — von unserem Plan kommt kein Sterbenswort über meine Lippen. Sie erhalten (Ebele eine glückliche Jugenb. Und wer kennt sein eigenes Schicksal? Ich bin auch nicht mehr der Jüngste. Kriegsjahre, bas heißt Spielerjahre, zählen hoppelt — wer garantiert Ihnen denn, daß ich in zwei Jahren noch da sein werde, um Sie an Ihr Versprechen, (Ebele betreffend, zu mahnen? Ueberlegen Sie es sich, Baron! Wenn Sie Ja sagen, tauschen Sie Sicherheit für Jahre ein. Wenn Sie Nein sagen, müssen Sie morgen von Swanebloe ziehen — ärmer als einer Ihrer Diener. Und da Sie ja, wie Sie selbst sagen, feinen Menschen haben, der Ihnen helfen würde, brauche ich Ihnen das Schicksal nicht auszumalen, das Ihnen und Edele bevorsteht. Ich habe ja nicht das Glück, eine so schöne und reizende Tochter zu besitzen wie Sie. Aber wenn ich eine hätte: um meines Kindes willen würde mir die Entscheidung nicht schwer fallen."
Mit starren Augen sah der Baron vor sich hin — er wollte nicht, aber er mußte doch auf die Worte hören, die der andere mit leiser, eindringlicher Stimme ihm in die Seele hineinsprach. Er wollte sich aufraffen, irgend etwas zu erwidern, den Bann abzuschütteln, den das Grauen über ihn warf aber er vermochte es nicht.
Unter den klug gewählten Worten Siemens tauchte in ihm plötzlich eine Vision auf: er sah eine endlos lange Straße, einsam, dunkel, kalt. Und aus dieser Straße zogen er und Edele,abgerissen, in Lumpen, müde. (Er hörte das leise, hilflose schluchzen seines Kindes, faj) fein blühendes Gesichtchen verhärmt und abgezehrt, das seidenweiche, gepflegte
Haar rauh und vom Winde zerrissen. „Nein, nein!", flüsterte er vor sich hin und sah mit irren Augen zu Liewen auf.
Der saß ganz ruhig da und blickte dem bläulichen Rauch noch, der von der Zigarette in bas halbdunkle Zimmer wehte. Der aufflackernde und wieder zufammenfallende Schein ließ sein schönes Gesicht älter und verbrauchter erscheinen. Eine wahnwitzige Hoffnung flammte in dem Baron auf. — Wie hatte doch Liewen gesagt: „Wer garantiert mir, daß ich in zehn Jahren noch da fein werde, um Sie an mein Versprechen zu mahnen?" Krampfhaft preßte der Baron die Hände zusammen — vielleicht würde das Schicksal ein Einsehen haben und ihn wie Edele von diesem Teufel befreien. Für jetzt gab es keine Wahl mehr für ihn. „Ich gehe auf Ihren Vorschlag ein!" sagte er tonlos.
Mit Mühe unterdrückte Liewen einen Ausruf der Befriedigung:
„Das ist einmal ein vernünftiger Entschluß, Baron!" Seine Stimme war auf einmal herzlich und warm. „Sie werden sehen, daß Sie und Edele es nicht zu bereuen haben. Ich verschwinde morgen von hier und werde mich in den nächsten zwei Jahren nicht mehr hier sehen lassen. Wenn Sie klug sind, werden Sie, da Sie die große Schuld an mich nicht mehr zu zahlen haben, unschwer aus Ihrem Gut genügend herauswirtschaften können, um anständig und standesgemäß zu leben — unter der Voraussetzung, daß Sie nicht mehr spielen."
Mit einem unbeschreiblichen Blick sah der Baron zu Liewen auf:
„Daß ich nicht mehr spielen werde, das weiß ich — ich wollte, ich hätte Sie nie gesehen, dann wäre ich niemals in diesen Abgrund hineingeraten."
„Nun, um so wohler wird Ihnen ja sein, Baron, wenn ich Sie möglichst bald von meinem Anblick befreie. Ich habe den Chauffeur drüben im .Krug' warten lassen, und ich fahre noch heute nacht ab. Nur eine kleine Formalität ist noch zu erledigen. Den Vertrag zwischen uns hätte ich gern noch unterschrieben."
lieber den Baron war, feitbem er sich entschlossen hatte, den Vorschlag Siemens anzunehmen, eine apathische Ruh« gekommen — die Ruhe der Verzweiflung.
„Also setzen Sie den Vertrag auf!" murmelte er.
Siemen zog aus feiner Brieftasche ein Schriftstück:
„Ich habe es schon getan", sagte er ruhig, „ich mußte, daß die Vernunft bei Ihnen siegen mürbe — hier, bitte!"
Er legte ein Schriftstück vor den Baron hin.
In bem ungeroiffen Sicht, das das flackernde Kaminfeuer und die abgedämpfte Lampe gaben, konnte der Baron nicht die einzelnen Satze unterscheiden. Er nahm das Schriftstück und ging an feinen Schreibtisch, roo er die Schreibtischlampe einschaltete.
„Was ist denn das?" sagte er befremdet. „Das ist ja ein Brief."
Hinter ihm, aus dem halben Dunkel, kam die Stimme Siemens:
„Za, mein lieber Baron, mir müssen schon den Vertrag in eine etroas ungemohnliche Form fassen. Ich muß nämlich befürchten, daß, menn mir einen gemohnlichen Vertrag schließen, Edele sich einmal weigern könnte, ihn zu erfüllen, wenn Sie vielleicht nicht mehr da sein könnten. Wir sind ja alle Menschen und den Zufällen des Daseins ausgeliefert. Wenn Sie aber Edele selbst bitten und verpflichten, bas Wort einzulösen, bas Sie als Edelmann mir gegeben hoben, bann zweifle ich nicht, wie Ebele sich verhalten wird."
„Sie sind ein sehr, sehr kluger Mensch, Liewen!" bemerkte der Baron bitter.
Halblaut las er:
„Mein geliebtes Kind! Hierdurch bekenne ich vor Dir, daß ich dem Herrn Baron von Liewen die Summe von fünfhunderttausend Kronen, die ich im Spiel an ihn verlor, schuldig bin. Ich bin nicht imstande, diese Summe zu zahlen, und Herr von Liewen ist berechtigt, mich von dem Schloß Swanebloe zu vertreiben. Du, mein geliebtes Kind, wärest damit auch dem bittersten Elend ausgesetzt. Herr von Liewen hat sich bereit erklärt, auf die Einlösung dieser Schuld zu verzichten, wenn ich ihm Deine Hand verspreche, sowie Du Dein siebzehntes Lebensjahr vollendet hast. So- fern ich nicht mehr lebe, bitte ich Dich, meine Tochter, mein Versprechen an Herrn von Liewen einzulösen, damit nicht Schande über meinen Namen komme.
In Siebe Dein Vater."
Seife hatte der Baron den Text des Briefes vor ich hingesprochen, dann sah er zu Liewen auf:
„Eilig haben Sie es ja mit der Niederschrift dieses Elaborats gehabt, Liewen! Sogar auch einige Schreibmaschinenfehler sind Ihnen unterlaufen." Er deutete auf die eine Zeile, wo eine Lücke vor bem Worte „Spiel" war.
„Stört Sie dos?" fragte Liewen mit einem eigentümlichen Tonfall. „Dann kann ich ja ben Brief nochmals abschreiben."
Der Baron wehrte mübe ab.
„Für bas Machwerk genügt es!" sagte er in stiller Verzweiflung, und, die Feder ergreifend, setzte er einen Namen darunter.
„Nun habe ich Edele verkauft!" flüsterte er dumpf vor sich hin und legte sein Gesicht auf ben Schreibtisch Seine Schultern zuckten, ein dumpfer Laut — wie ein Aufschluchzen — kam aus seiner Kehle. Hinter ihm im Dunkel stand Liewen.
Es war gut, daß der Baron den dämonischen Ausdruck seines Gesichts nicht sehen konnte. Jetzt griff Siemen in die Westentasche; es knisterte ganz leise, aber der Baron in seiner Versunkenheit hörte es nicht. Dann klirrte es, und Liewen, die Kognakflasche hebend, sagte: I
„Kommen Sie, Baron! Was nützt die Trübsal! Ich habe uns noch einmal einen von Ihrem vortrefflichen Kognak eingeschenkt — ja, nun wirklich wieder dem Ihren. Trinken wir ein Gläschen auf Ihre Gesundheit!"
Der Baron wandte sich um, reichte Siemen bas Blatt hinüber, auf bem die eben getrocknete Tinte der Unterschrift noch matt glänzte. Seine Hand zitterte. Ein Frostschauer fuhr burch seine ©lieber.
„Ja — Kognak, bas ist gut! Geben Sie her, Siemen, ich friere inroenbig!"
Er hob fein Glas, sah mit einem haßvollen Blick in bas schöne verlebte Gesicht Siemens:
„Ich trinke aber nicht auf Ihre Gesundheit, Siemen, das können Sie nicht von mir verlangen! 2ch trinke darauf, daß ich Sie nie mehr im Leben hier auf Schloß Smanebloe sehen möge!"
llnö er hob das Glas mit dem goldgelben Hennessy und trank es in einem Zi^e leer.
Dann schüttelte er sich:
„Ich verstehe nicht, roiefo Sie den Kognak so gut finden! Mir schmeckt er auf einmal nicht — ordentlich bitter ist er in der Kehle."
Siemen lachte leise auf.
üogt nur an dem unfreundlichen Trink» spruch, Baron, den Sie mir gemidmet haben! Aber vielleicht geht Ihr Wunsch in Erfüllung, und Sie sehen mich auf Schloß Swanebloe nicht mehr wieder."
Damit erhob er sich, steckte den Vertrag sorg- fällig in seine Tasche, verbeugte sich hastig und ging mit sehr lauten Schritten hinaus. Als er die Halle hinunterkam, stand dort Kersten wartend. Er wun- bette sich, daß Liewen, ganz gegen seine sonstige Ge- mohnheit mit einem Scherzwort sich in den Mantel helfen ließ und ihm beim Abschied ein großes Trinkgeld in die Hand drückte.
Mit Verwunderung und Abscheu zugleich sah er aus die schimmernde Münze: Und mich wirst du doch nicht kaufen!, dachte er, wenn du auch Herr hier auf dem Gut wirst! Den alten Kersten kannst du nicht täuschen.
Seufzend schloß er die Haustür zu, legte den Riegel vor. Dann ging er in sein Zimmer um sich schlafen zu legen. Der Baron hatte ein für allemal befohlen, daß man seinetwegen nicht aufbleiben sollte. Aber der alte Kersten, der nicht sogleich ein- schlafen konnte, wunderte sich doch, daß die Lampe im Arbeitszimmer des Barons, bas er von feiner kleinen Dienerkammer im Seitenflügel sehen konnte in biefer Nacht immer noch nicht erloschen wollte. '
Gewiß rechnet er wieder über seinen Büchern!, dachte der alte Kersten im Einschlafen.
Seit die gnädige Baronin gestorben und der Ba- ron immer in der Welt herumfuhr, mar bas Unglück auf Smanebloe eingezogen. Unb mit biesem Ciemen mar es vollends hereingebrochen.
(Fortsetzung folgt.)


