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Hr. 87 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 14. April (934

(Sinfenber: Ungenannt

Stadt-

Ausgabe zu reflektieren.

Daniel Defoe lebt!

Von Konrad Günter

licht find, lassen erkennen, daß er ein Mensch stärk­ster Eigenart, von unbestechlichem Urteil war, das sich immer wieder denen zuwandte, in denen er den politischen Gegner, den Gegner seines Werkes witterte; vielleicht nicht immer mit Recht.

In der Schule Englands hatte Peters, seiner eige- nen Zeit weit oorauseilend, die Bedeutung der Weltpolitik erkannt. Ein Deutscher, ein Patriot durch und durch, hatte er den Willen, seinem Volk den Lebensraum zu sichern, der England zur un­bestrittenen Weltmacht erhoben und den einzelnen Engländer zum Herrn gemacht hatte über Völker, denen die Kraft zur Staatenbildung versagt war.

Gewiß, der Gedanke kolonialer Ausbreitung war m Deutschland nicht mehr neu. Es war schon zur Bildung desDeutschen Kolonialvereines" gekom­men. Aber diese Liebe zu den Kolonien war doch platonisch geblieben, sie erschöpfte sich in Vereins­meierei. An der Spitze dieses Kolonialvereins stand aber ein Mann von guter Art, einer der das Beste gewollt hatte und schließlich maßgebend die Ent­wicklung des kolonialen Gedankens beeinflußt hatte: der Für ft Hohenlohe-Langenburg.

Peters erkannte sehr bald, daß er sein Ziel durch den Deutschen Kolonialverein nicht würde erreichen können. Es kam nach der Feier des 87. Geburts­tages des Kaisers zur Gründung derGesell­schaft für deutsche Kolonisation", die vor 50 Jahren, ins Leben gerufen wurde. Drei Grundgedanken waren es, deren Umsetzung in die Tat sich der Verein unter der Führung von Carl Peters zur Aufgabe machte: Erwerb eigenen Kolonialbesitzes; Sicherung des Stroms der deut-

Mi einer Vergütung von is Reichsmark bewertete Aufnahme aus dem Licht- bildausschreiben des Gießener Anzeigers. Oie Anteilnahme der Kindergruppe an der Bildbeilage der Heimatzeitung spricht für sich selbsi.

Robinson soll nicht sterben", heißt der schöne Schlachtruf der Londoner Jungens, die dem alten Defoe zu seinem gestohlenen Robinson-Manu­skript verhelfen. Robinson stirbt nicht, solange es Jungens gibt, deren Tatendrang gleicherweise Abenteuer und Romantik sucht. Und mit seinem Robinsonbuch lebt Defoe bei den jungen Menschen­kindern aller Nationen.

Das ist der eine Defoe, der heute noch lebt. Es lebt aber auch noch der andere Defoe, der sehr wenig mit unserer Kinderwelt zu tun hatte und auch heute noch zu tun hat. Es ist Daniel Defoe, ; der Journalist.

Es gibt heute Hochschulen für Zeitungswesen, «auf denen die Geheimnisse der Journalistik den Düngern der schwarzen Magie gelehrt werden. Die Besonderheit des Zeitungsstiles vom Leitartikel bis Zum Feuilleton muß praktisch und theoretisch er­läutert werden. Das Wesen der Reportage sollte so- zgar einige Zeit zumdemier cri der neuen Dicht­kunst gemacht werden. Es ist nicht leicht, im Hohl­spiegel der Zeitung die vielfältigen Strahlen des rasend pulsenden Lebens abzufangen und auf die »palten der täglichen Morgen-, Mittag- und Abend-

Hochschulnachrichten

Der durch die Emeritierung des Geh. Hofrats Professor Dr. Otto Frank in der Medizinischen Fakultät der Universität München erledigte Lehr- tuhl der Physiologie ist dem o. Professor Dr. Philipp Broemser in Heidelberg angeboten worden.

Der Reichsstatthalter in Württemberg hat dem Professor Dr. H. Dold von der Universität Kiel die ordentliche Professur für Hygiene an der Uni­versität Tübingen übertragen.

Zum o. Professor für chemische Technik und an­gewandte Chemie an der Technischen Hochschule in K a r l s r u h e ist Dr. F. A. H e n g l e i n, Vorstand des anorganisch-wissenschaftlichen Laboratoriums der I. G. Farbenindustrie, Werk Leverkusen, be­rufen worden

Auf dem Lande und seinen kleinen Städten hat jede Familie ihren von den Vätern ererbten Grund und Boden. Hier hat sie, an die Scholle gebunden, ihre Heimstatt, die in den vergangenen Jahrhunder­ten nicht nur mit dem Schweiß, sondern oft auch mit dem Blut des Geschlechtes getränkt wurde. So ist sie nicht nur mit der Gegend und ihren Menschen, sondern auch mit ihrem engeren Eigentum fest ver­wurzelt und der BegriffHeimat" erhält einen wirklichkeitsnahen Hintergrund. Wie anders ist dies in der Stadt, wo die Geschichte der Familie von einer Generation zur anderen verwischt wird, wo der Wohnort beliebig gewechselt wird und nur als etwas ganz äußerliches, gewissermaßen nur als Behelfsmöglichkeit betrachtet wird. Hier muß es um so mehr darauf ankommen, die Wohnung wohnlich zu g e st a l t e n, als sie ja auch den Grund und Boden und die Naturnähe irgendwie ersetzen muß, um wenigstens etwas das Gefühl der Heimstatt, des Gebundenseins und der Zugehörig­keit in den Menschen zu erwecken.

Zu solcher Wohnlichkeit gehört aber auch der nötige Raum, für Wohnung wohl besser ge- agt: die Räume. Zusammengepreßte Menschen können nie das Bewußtsein haben, sich hier gebor­gen und zu Haus zu fühlen, sie drängen im Gegen­teil jeden und gerade auch die jungen Menschen sich von dieser Enge zu befreien. So fliehen sie diese engen Behausungen, die oft nichts mehr als im Sinne des Wortes einDach über dem Kopf" darstellen. Das aber ist weder für die seelische und ittliche noch für die leibliche Gesundheit von Vor- teil. Aber selbst den primitivsten Anforderungen können diese Wohnungen nicht genügen, wenn nur einige K i n d e r vorhanden sind. Es fehlt dann ein- ach räumlich die Möglichkeit, auch nur die nötige Anzahl von Betten aufzustellen. So hat die Wohn- enge den großen Mangel an Schlafstellen

Rauch mit Pech, Schwefel und Schießpulver ge­macht hatten. Auch trugen sie Sorge, die Kleider zu wechseln und zu waschen. Was aber den armen Mann anbelangt, so kann ich mich nicht erinnern, ob er wirklich gestorben ist.

Das ist eine kleine Episode aus dem Pesttagebuch, das mit gleicher Sachlichkeit Sterbestatistiken und volkswirtschaftliche Betrachtungen enthält.Geschich­ten aus dem Leben" nennt die moderne Journali­stik heute einen derartigen Bericht. Er ist erdichtet und dennoch zeichnet er mit meisterhafter Klarheit die Panik vor der Pest und ihre seltsamen Be­gebenheiten. Es kommt ja nicht darauf an, daß heute noch Defoes Romane und Schilderungen ge­lesen werden, es kommt auch nicht darauf an, mit diesen Zeilen auf sein persönliches Werk hinzu­weisen, sondern viel wertvoller ist es zu zeigen, daß die moderne Journalistik den Defoeschen Stil heute noch pflegt und daß die Zeitungen gerade da am interessantesten sind, wo sie heute auch von Jour­nalisten geleitet werden, die in der gleichenWirk­lichkeits-Phantasie" das Wesentliche aufzuzeichnen wissen. Dennunser Sonderberichterstatter aus Tokio" braucht nicht den Warenhausbrand mit er­lebt zu haben, er muß nur ihn in vollem Umfang nacherleben können.

Lange Zeit später, wenn derRobinson" zer­schlissen und zerlesen in einer alten Bücherkiste liegt, wenn wir unsere Robinsonaden vergessen haben und Daniel Defoes Name für uns in trauter Einigkeit mit Grimm und Cooper, Andersen und Karl May zur Jugenderinnerung geworden ist, da finden wir ihn ungenannt wieder in seiner ganzen Lebendig­keit und Frische in den Spalten der Weltblätter. Dort steht sein Denkmal ohne Inschrift, nein, eigent- kein Denkmal, dort lebt Daniel Defoe für uns! Und den Jungen: soll Robinson nicht sterben!

Dom dramaturgischen Büro des _____

theaters wird uns zur Aufführung des SchauspielsRobinson soll nicht sterben" von Forster-Burggraf der fol­gende Aussatz zur Verfügung gestellt:

Der Gießener Anzeiger in der Familie

I seinen Erscheinungsformen kannte, der selber reiste, | Politik trieb, in den Kerker geworfen und an den Pranger gestellt wurde, griff seine großen Pro­jekte und dichterischen Vorwürfe aus der Phantasie, aber seine Phantasie verließ niemals die Möglich­keit des Lebens, so daß seine erdichteten Geschichten in ihrer wirklichen Nüchternheit oft grausamer das Leben gestalten und wiedergeben, als es die ge­treuesten Berichte vonAugenzeugen" tun können.

Ein anderer erkrankter Mann erschien an der Tür eines Bürgers und klopfte. Da er dort gut bekannt war, ließ ihn das Dienstmädchen ein, und als man ihm sagte, der Hausherr wäre oben, lief er hinauf und trat in das Zimmer, wo eben die ganze Familie beim Abendessen war. Sie erhoben sich ein wenig erstaunt, da sie nicht wußten, um was es sich handelte. Der Mann aber bat sie, nur ruhig sitzen zu bleiben, er käme nur, um Abschied zu nehmen.Wieso?" fragte man ihn,wohin geht Ihr denn?"Wohin?" antwortete er,ich habe die Pest und werde bis morgen abend tot fein". Es dürfte schwer fein, sich die Bestürzung der ganzen Familie auszumalen. Die Frauen und die Töchter, die noch kleine Mädchen waren, hatten vor Schrecken beinahe den Tod. Sie standen auf und rannten hinaus, die eine zu der Tür, die andere zur anderen, die Treppe hinauf und hinab, und als sie endlich alle beisammen waren, schlossen sie sich im Zimmer ein und schrien aus dem Fenster wie die Wahnsinnigen um Hilfe. Der Hausherr, der trotz allen Schreckens und aller Empörung ruhiger geblieben war, wollte den Eindringling zuerst packen und die Treppe hinunterwerfen. Dann aber überlegte er den Zustand des Mannes und die Gefahr, ihn zu berühren, und vor Entsetzen erstarrte er, ohne eine Bewegung machen zu können. Der arme Kranke, dem die Ansteckung wohl schon bis ins Gehirn gedrungen war, stand mittlerweile ganz still. Endlich wandte er sich um.So, so", sagte er mit der größten Ruhe,ist es so mit Euch allen! Hab ich Euch wirklich gestört? Dann will ich nach Hause gehen und dort sterben." Mit diesen Worten ging er zur Tür und die Treppe hinunter. Das Dienstmädchen, das ihn hereingelassen hatte, folgte ihm mit einem Licht, hatte aber Angst, an ihm vorbeizugehen und die Tür zu öffnen, so blieb sie auf der Treppe stehen, um zu sehen, was er tun würde. Der Mann machte die Tür auf, ging hinaus und warf sie hinter sich zu. Es dauerte einige Zeit, bis die Familie Über den Schrecken wegkam, da aber schlimme Folgen ausblieben, haben sie seitdem die Geschichte oft mit großer Genugtuung erzählt. Der Mann war jedoch schon einige Tage fort, ehe sie sich wieder im Hause richtig zu bewegen trauten, und auch dann erst, als sie einen Haufen Räucher­werk in allen Zimmern verbrannt und einen dicken

schen Auswanderung zugunsten Deutschlands; lieber- tragung der Führung der neuen Bewegung auf das Reich.

Die Arbeit der Gesellschaft für deutsche Koloni- Jahon erhielt einen besonders kräftigen Impuls durch den Reichskanzler selbst, der schon sehr bald nach der Begründung der Gesllschaft Über das von Ludentz erworbene Gebiet von S ü d w e st a s r i k a am 24. April des gleichen Jahres die S ch u tz h e r r - schäft des Reichs dekretierte.

Damit wurde die Aera einer aktiven und erfolg­reichen deutschen Betätigung auf eigenem Raum lenseits der Meere eingeleitet. Das Jahr 1884 wurde das Geburtsjahr der deutschen Kolonialmacht. Im Juli ging die deutsche Flagge hoch über Baqida und Lome in Togo, bei Duala.auf der Joßplatte über Akwastadt, Bellstadt, Didostadt und Bimbia' über Malimba, Kl. Batanga, Kribi, Benita und Hickory Town in Kamerun, und schließlich am 7. August über Angra Pequena in Südwestafrika.

Das vom Deutschen Kolonialbund und die ihm angeschlossenen Verbänden veranstalteteKoloni­ale Erinnerungsjahr" wird ein in sich geeintes deutsches Volk zusammenfassen in ruhm­vollem Gedenken der Vergangenheit, im Gedenken an unseren Carl Peters, an den bremischen Kaufmann Lüde ritz und Gustav Nachtigal die die Reichsflagge über dem deutschen Westafrika und Südwestafrika hißten. Es wird über die Pflege der kolonialen Erinnerung hinaus auch Ansporn sein zur Fortführung der Arbeit, in deren Dienst sich diese Männer gestellt hatten.

Carl Peters.

Ein Vorkämpfer deutscher Kolonialpolitik.

Von Hans Reepen.

Zum 50. Male jährte sich der Tag, an dem Carl Peters die Gesellschaft für deutsche Kolonisation grunöete. Dieser Gedenktag fällt in den Beginn des ?Orn ^ichbkolonialbund veranstalteten kolonia - len Gedenkjahres, dem auch die Reichs- leitung der NSDAP, eingedenk des Punktes 3 ihres Parteiprogramms ihre Zustimmung gegeben hat. Das koloniale Gedenkjahr soll also nicht nur eine Aeußerung des Dankes für die großen Taten un­serer Kolonialpioniere sein, sondern die Bekundung des Willens, auch auf dem Gebiet der kolonialen Betätigung für unser Volk die Gleichberechtigung zu fordern. Denn Kolonien dienen der Versorgung der Heimat mit kolonialen Rohstoffen und der Er­schließung eigener Absatzgebiete für die heimische Wirtschaft so gut wie der Schaffung nationaler Siede- lungsgebiete für die überseeische Auswanderung die verhindern soll, daß wertvolle deutsche Men- lchen als Kulturdünger in fremden Ländern dem deutschen Volkstum für immer verloren gehen.

Diese Gedanken standen schon am Anfang'mo­derner deutscher Kolonialarbeit vor nunmehr einem halben Jahrhundert, als Dr. Carl Peters die Ge­sellschaft für deutsche Kolonisation gründete. Wir tun gut, aus seiner kolonialpolitischen Bekenntnis­schriftDie Gründung von Deutsch-Ostafrika" einen Satz herauszugreifen, der trotz seiner negativen Formulierung charakteristisch ist für den Men­schen, der das Werk des Briten Cecil Rhodes zu­gunsten seines deutschen Vaterlandes um ein mehr­faches übertraf. Peters sagt:In Deutschland schien man Kolonialpolitik nur zu reden oder zu schreibe n."

Das Charakteristische dieses Zitats, das nicht etwa aus dem Zusammenhang des Petersschen Buches herausgerissen worden ist, liegt in der Willensstärken, positiven Einstellung eines Mannes, der entschlossen ist, über alle theoretische Erwägun­gen kompromißlos die Tat zu stellen. Ein un- gebändigter Wille, eine sprudelnde Jugendkraft waren es, die diesen Mann, der das dreißigste Lebensjahr noch nicht erreicht hatte, hineinwarfen in das Geschehen der Weltpolitik, der das Reich unter dem alten Kaiser und seinem Kanzler Otto von Bismarck noch abwartend, teilweise ablehnend gegenüberstand.

Wer war dieser noch nicht Dreißigjährige aus Dem bescheidenen, weltabgeschiedenen Neuhaus an der Elbe, daß er es wagen durfte, den Geheim­raten feiner Zeit, der Wilhelmstraße so entgegen­zutreten, wie er es getan? Er war ein Unbe­kannter, ein junger Mensch, der in sich unaus« geglichen verurteilte, wo immer er den Zwie­spalt sah zwischen einer geheimrätlichen Regierung unb dem Volk, das sich im jungen Kaiserreich wiedergefunden hatte.

Er war i n England gewesen, hatte Eng­land und die Engländer kennengelernt, hatte ein Weltreich erlebt und Menschen, denen das Herren­tum über andere Völker im Blute lag. Er hatte den Stolz, den unbesiegbaren Willen eines Volkes beobachtet, das über das Jnselreich hinaus zu rech­nen verstand mit den anderen Nationen und Völ­kern, die nicht selbst die Kraft hatten, ihre Geschicke zu lenken. England war ihm die Schule seines Lebens geworden. Er hatte gelernt, sein Hori­zont war weit geworden, er war ein guter Schüler aeroefen der englischen Gesellschaft, der englischen Klubs und entschlossen, dieses erlebte Wissen sei­nem eigenen Volke mitzuteilen, um es zu fuhren. 0

Wir haben uns Peters als einen Mann von mittlerer Statur vorzuftellen. Sein Blick war klar, durchdringend, scharf. Hinter dem Klemmer waren kluge Augen. Er war gewiß nicht allen sympathisch, zumal feine Sprache und feine Ausdrucksweife oft Zynisch, vielfach ironisch, ablehnend, eigenwillig überlegen waren. Briefe, die bisher unveröffent­

Oer Gpielmann.

Von Wilhelm Schäfer.

In Mainz war einst ein Spielmann so alt und wunderlich, daß keiner mehr nach seiner Geige tanzen mochte. So ging er mit den Bettlern auf die Gassen unb spielte Den Leuten ba seine Lieber vor. Doch gab es roenia Ohren, bie Zeit auf ihn zu hören hatten, unb selten einen Batzen in feinen Hut, fo baß er immer häufiger ben bitteren Hun- ger spüren mußte.

Da ging er in bie Kirche, ber Mutter Gottes seine Not zu klagen. Unb wie er vor bem Gnabenbilb bie Kerzen unb bie Blumen sah unb bas Geschmeide, was ihr geopfert worben war, nur feine Taschen leer waren: nahm er bie Geige vor unb bachte, sich möchte sich um seiner leeren Armut willen wohl mit bem Spiel begnügen, wenn auch bie Menschen es nicht mehr hören wollten. So fing er gläubig an zu geigen, unb obwohl bie Hanb sehr mit bem Bogen zitterte, floß alle Traurigkeit bes Alten mit in bie Töne, fo baß er selber fröhlich würbe wie in Der Jugend. Da sah er, wie bie milben Augen Heb» l'ch nach ihm sahen unb bie schmalen Lippen freundlich lächelten; unb als er fertig war mit feinem Spiel, warf sie ben golbenen Schuh von ihrem Fuß in feinen Hut. Er nahm ihn bankbar auf als ihre Gabe unb ging, zwar wunberlich er­schrocken, zum Goldschmied, um ihn einzulösen.

Wie ber ben arg verlumpten Mann besah, schien ihm ber golbene Schuh verbächtig, so baß er nach ben Häschern schickte. Die nahmen ihn sogleich ge­fangen, unb weil bem alten Spielmann bas Mär­chen von bem Schuh kein Richter glauben wollte, gilt er als Dieb unb würbe am brüten Tag mit einer Schlinge um ben Hals aus bem Gefängnis hinausgeführt. Da bat er sich als Gnabe aus, noch einmal vor bem Muttergottesbilbe zu spielen; unb weil ben Menschen bie letzte Bitte eines, ber in ben Tob eingeht unb sei es burch ben Henker, von jeher heilig war, so ließen sie ben alten Mann ge- währen, trotzbem sie seinen törichten Wunsch Der- spotteten.

Wie sie ihm nun bie Geige gaben unb er mit seinem Strick am Hals noch einmal vor ber Jung­frau ftanb, fing er mit Gläubigkeit an, bas gleiche Lieb zu spielen. Unb roieber sähen ihn bie milben Augen lieblich an unb ihre schmalen Lippen lächel- ten; unb als er fertig war unb feinen letzten Ion stehenb ausstrich: fiel auch ber anbere golbene Schuh von ihrem Fuß. Da sanken alle vor bem Wunber in ihre Knie unb nahmen ihm bie Schlinge m Demut ab unb sorgten reichlich für feine alten läge, daß er den Spielsmannshut fortab auf dem greifen Kopf behalten konnte.

Kampf wider die Lebensenge.

33on Dr. med. Hans Hoske, beratendem Arzt beim Jugendamt der Deutschen Arbeitsfront.

Dem wahrhaft sozialen Staat deutscher Prägung kann es nicht gleichgültig sein, in welcher äußeren Form seine Mitglieoer ihr Leben verbringen. Es handelt sich dabei nicht nur um die Tatsache, daß durch ungünstige Lebensverhältnisse selbst die besten Erbanlagen wenn nicht gerade vernichtet, so doch aber in ihrer Entwicklung stark gestört werden. Sie kommen so nicht zur Entfaltung der Möglichkeiten, welche die völkische Gemeinschaft im Interesse des einzelnen wie des Organismus Staat fordert. Hier liegt die Aufgabe einer gualitativ gerichteten Bevöl­kerungspolitik, den künftigen deutschen Menschen auf einem Boden wachsen zu lassen, der ihm die Ent­faltung feiner Eigenschaften, sei es auf körperlichem oder geistig-seelischem Gebiet, nicht nur gestattet, sondern sie nach Möglichkeit fördert. Dabei ist als selbstverständlich vorauszusetzen, daß eine solche An­regung der natürlichen Entwicklung in der Jugend wie auch die spätere fortlaufende Pflege des Men­schen nur den Erbgesunden zugute kommen darf. Denn minderwertiges Leben künstlich zu erhalten aus einer falschen Barmherzigkeit, wie es die Ver­gangenheit tat, oder durch solche Maßnahmen noch künstlich fortzuzüchten, kann niemals in Frage kom­men, sondern muß im Gegenteil, wo es nur irgend geht, verhindert werden.

So aber wie basVolk ohne Raum" burch innere Kolonisation, burch eine bessere Verteilung ber Menschen im Lanbe ber Gefahr einer Ueberoölke» rung zu begegnen sucht, so ist auch für ben kleinsten Baustein bes Staates eine Beengung seines Lebens­raumes nicht tragbar. Was für Den Staat bie poli­tischen Grenzen finb, bas ist für bie Familie b i e Wohnung. Sie ist nicht allein für bie Erhaltung des Beariffes Familie unb bie Wieberherstellung seiner Anerkennung notroenbig, sonbern bavon Höngen seelisches unb körperliches Gesunbsein und nicht zuletzt bie einroanbfreie Entwicklung ber Nach- kommenschaft ab.

'Hamen ber Unsterblichkeit einreihte, ob er mit sei­nen sozialreformatorischen Plänen ber Entwicklung non Englanbs Wirtschaftsgeschichte um 200 Jahre lorauslies, ob er in feinemRobinson Cru - lio e" ein wirklich unsterbliches Buch schuf ober in terMoll Flanders" einen ber ersten großen eng­lischen Gesellschaftsromane dichtete, bleibt sich ganz Aeich. Nichts von dem, was er dichtete, lebte, aber dies war wirklich. Er, der das Leben mit allen

Noch ehe die Großmacht Presse entstanden war, hat einer die größte Gabe des Journalisten be­sessen, dieWirklichkeitsphantasie", nämlich Daniel Defoe. Er war der große Chefredakteur, der Poli­tik, Handelsfragen, soziale Reformen, dichterische Reportage und den Zeitungsroman mit einer unge­heuren Produktivität hervorbrachte. In ihm war Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft lebendig. Db er, der mit vier Jahren die große Pest in Lon­don miterlebte, 57 Jahre später eine Meisterrepor- oage in Form seines Pesttagebuchs schrieb, das nach >em Urteil Walter Scotts allein schon Defoes